Meine Tweets des Monats März 2022 | Die Zeitenwende und die politische Kommunikation

Zeitenwende – ein großes Wort hat Bundeskanzler Scholz gebraucht, als er nach dem russischen Angriff auf die Ukraine seine Regierungserklärung hielt. Seither fällt auf, dass die Zeitenwende in dem Medien häufig auf eine neue Sicherheitspolitik und das 100-Milliarden-Sondervermögen für die Bundeswehr verkürzt wird. Der Beginn des Krieges am 24. Februar fühlte sich zwar an wie ein böses Erwachen in einer anderen Welt. Doch vielleicht ist es typisch für die Wahrnehmung von Krisen, dass immer wieder Momente damit verbunden sind, die das eingespielte Bewusstsein scheinbar plötzlich irritieren und liebgewordene Gewohnheiten schlagartig infragestellen.

Hinter der Zeitenwende verbergen sich eine ganze Reihe von Krisen, die zudem miteinander eng verzahnt sind. Darauf hat Bernd Ulrich in einem Beitrag für DIE ZEIT hingewiesen: Artensterben, Klimawandel, Corona, Krieg, Massenflucht aus Ost und Süd. Die Liste ließe sich leicht verlängern, wenn man an die globale Nahrunsmittelknappheit, die Inflation, die Krise der Globalisierung und der westlichen Demokratien denkt. Die Krisen seien „kumulativ, mitunter exponentiell, sie interagieren, verstärken sich teils gegenseitig, und sie werden so bald nicht enden“, so Ulrich.

Dass es unter diesen Bedingungen blauäugig ist, eine Politik der Rückkehr zu einer wie immer gearteten Normalität zu betreiben, liegt auf der Hand. Die Politik sollte langsam beginnen, so Ulrich, über die Dinge so zu reden, wie sie sind und nicht, wie sie waren. Das allein käme nach meinem Eindruck schon einer politischen Zeitenwende gleich. Wir haben es mit Krisen zu tun, die uns dauerhaft beschäftigen werden, für die es keine einfachen Lösungen gibt.

Besonders wichtig ist, Lösungen zu finden, die mehreren dieser Krisen zugleich begegnen. Das sei schmerzhaft, so Ulrich im SWR2-Interview. Wenn wir uns dazu nicht aufraffen könnten, würden wir ohnmächtig. Wir finanzierten den Ukraine-Krieg Russlands, der unsere Demokratie bedrohe, an der Tankstelle. Es sei Zeit, die politische Kommunikation umzustellen und nicht mehr so zu tun, als redete man mit Kindern, mit 80 Millionen Prinzessinnen auf 80 Millionen Erbsen. Gefordert sei eine Kommunikation zwischen Erwachsenen.

Wir werden aber, so fürchte ich, noch für einige Zeit viel Politik erleben, deren Lösungen eine Krise zu entschärfen suchen, indem sie andere verschärfen. Bernd Ulrich nennt als Beispiele die Verwendung von ökologischen Brachflächen für den Nahrungsmittelanbau oder den Weiterbetrieb von Atomkraftwerken. Politiker bevorzugen bisher solche „einfachen“ Lösungen, weil sie sich gut „verkaufen“ lassen. Ob sich das mit der „Zeitenwende“ ändert?

Hoffnungsvoll leben in der kognitiv-sozialen Krise | Meine Tweets der Wochen 4 und 5/2022

Aus dem bunten Strauß von Themen, die mich in den vergangenen Wochen zu Tweets angeregt haben, möchte ich eines herausgreifen: die Hoffnung. In meinem Blog habe ich mich häufiger (s.u.) mit der Frage beschäftigt, wie Hoffnung möglich ist, angesichts der begrenzten Wahrscheinlichkeit, die Klimakrise in dem knappen verbleibenden Zeitfenster zu bewältigen.

Die Philosophin Lea Ypi meinte in einem Gastbeitrag im Tagesspiegel, um hoffnungsvoll leben zu können, brauche es die Überzeugung, dass wir tatsächlich handeln können. Reicht das aus? Bisher waren unsere Handlungen nicht dazu geeignet, die Hoffnung auf die Lösung der Klimakrise zu mehren. Die Hoffnung schwindet in dem Maße, wie die verbleibende Zeit bis zur Überschreitung von Kipppunkten verrinnt. Wenn wir annehmen können, dass wir noch handeln können, es aber nicht oder nicht hinreichend tun, was dann? Wie lässt es sich mit dem Bewusstsein, dass kritische Kippunkte mit hoher Wahrscheinlichkeit überschritten werden, hoffnungsvoll leben? Vielleicht sollten wir in Abwandlung des berühmten Imperativs von Heinz von Foerster – nach folgendem Imperativ leben: „Handle stets so, dass sich die Hoffnung mehrt.“ Egal, was passiert.

Wenn ich den Blog-Beitrag von Gitta Peyn über die „Geisteskrise“ vor diesem Hintergrund lese, wird mir deutlich, welch kostbare Zeit wir mit unseren Sozialspielen, wie sie es ausdrückt, verschwenden. Sie sieht viele von uns in unsere Arbeitsumgebungen und New-Work-Spiele dermaßen verwickelt, dass wir gar nicht merken, wie wir nachlässiger werden, wie Qualität und unsere Leistung sinkt.

Das Entsetzen, das mit dieser Erkenntnis verbunden ist, geht tief, denn es bedeutet, dass mit jedem sozialen Eingewickeltsein Verlust an Lebensenergie und Hoffnung verbunden ist und anhaltend Gefahr besteht, unterzugehen.

Gitta Peyn sieht uns alle in einer tiefen kognitiv-sozialen Krise stecken. Wie kommen wir raus aus den Marketing- und Konditionierungsroutinen, die uns den Blick verstellen? Auch wenn nachhaltige Krisenarbeit von den meisten abgewehrt wird, sieht sie Grund zur Hoffnung. Der Krisendruck mache es wahrscheinlicher, dass die Gesellschaft den Qualitätssprung schaffen könne. Zwei Ansätze schlägt sie vor. Erstens: Bildung. Jede Organisation sollte, sofern sie langfristig handeln wolle, ihre Mitarbeitenden und ihre Manager völlig neu auszubilden. Zweitens: Sozialarchitekturen. Die Gesellschaft brauche andere Sozialarchitekturen, die es jedem ermöglichten, seine Intelligenz, seine Fähigkeit, mit Komplexität umzugehen und seine Kreativität zu trainieren. Ihr Praxistipp:

Suchen Sie nach Denkern und Systemanalysten, die auf höchstem Niveau arbeiten. … Suchen Sie die Leute, die das Offensichtliche sagen können.

Wir werden diese Stimmen brauchen, egal, wie tief wir in die existenzielle Krise schlittern.


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Sensoren (24): In Hoffnung leben

Sensoren (17): Hoffnung – unser Sinn für die Möglichkeiten des Guten

Sensoren (16): Der Klimawandel und die Hoffnung – zum Dritten

Sensoren (15): Nochmnal – der Klimawandel und die Hoffnung

Sensoren (14): Der Klimawandel und die Hoffnung

Leben wir im Anthropozän? | Meine Tweets der Wochen 1 bis 3/2022

Anthropozän – ein umstrittener Begriff. Leben wir in einem vom Menschen geprägten Erdzeitalter? Oder leben wir nach wie vor im Holozän, das uns in den letzten 10.000 Jahren die Lebensbedingungen beschert hat, die wir gerne erhalten würden? Damit befassen sich direkt oder indirekt einige Tweets, denen ich in den letzten Wochen Aufmerksamkeit geschenkt habe.

Natürlich lässt sich unter Geologen trefflich streiten, ob der Begriff gerechtfertigt ist. Gemessen an der Zeitlichkeit der geologischen Epochen erscheint die Phase, in der der Mensch als Lebensform auftaucht, zu kurz, um von einem erdgeschichtlich prägenden Phänomen sprechen zu können. Andererseits verändert der Mensch die Existenzbedingungen für andere Lebensformen und sich selbst in einem Ausmaß und für Zeiträume, die wir mit unserer alltäglichen Zeitlichkeit nicht erfassen können. Selbst die Geologen beschäftigen sich mittlerweile mit den langfristigen Auswirkungen, die wir durch die massive Umwandlung der Erdkruste durch Bergbau, Siedlung, Warenproduktion und Müll auslösen.

Von einem vom Menschen geprägten Erdzeitalter auszugehen, hilft nach meinem Eindruck, sich der Bedeutung der wechselseitigen Interaktion der Lebensformen für die Lebensbedingungen in der „kritischen Zone“ bewusst zu werden. Der Begriff Anthropozän wird angesichts der Krisen unserer Biosphäre wohl kaum Allmachtsgefühle auslösen können. Vielmehr nährt er aus meiner Sicht die Hoffnung, dass wir unsere Abhängigkeit von Symbiosen mit anderen Lebensformen erkennen und lernen, uns als „Erdlinge“ wahrzunehmen.

Sensoren (26): Wir sind ökologisch

Kürzlich hat Konstantin Sakka in der NZZ einen Gastkommentar über das Massenaussterben verfasst, das wir Menschen derzeit möglicherweise herbeiführen und erleben. Er beklagt, dass es „säkulare protestantische Größenphantasien“ gebe, wonach die Menschen durch von ihnen ausgelöste physikalische Prozesse das System Erde beherrschten. Hingegen sei es normal, dass Lebewesen in die Natur eingriffen. Unwahrscheinlich sei jedoch, dass „das Naturierte ‚die Natur‘ selbst auslöschen könne“. Also alles in Ordnung? Abwarten, was „die Natur“ mit uns macht? Einfach weitermachen und als Lebewesen weiterhin beherzt in „die Natur“ eingreifen?

Die Diskussion, ob wir als Menschen das sechste Massenaussterben auf der Erde auslösen, hat eine differenziertere Betrachtung verdient. Es geht nach meinem Verständnis keineswegs darum, mit dem Begriff „Anthropozän“ Größenphantasien zu bedienen. Vielmehr will dieser Begriff verdeutlichen, dass wir mit unserer Lebensweise die Lebensbedingungen so massiv verändern, dass mit der Vielfalt der miteinander verbundenen Lebensformen unsere über Jahrtausende stabilen Lebensbedingungen verloren gehen. Ob der Mensch die Existenzkrise, die mit seiner Lebensweise verbunden ist, bewältigen kann, ist fraglich. Ob man von „Schuld“ spricht und eine „Apokalypse“ dämmern sieht, scheint mir für die Frage, welche Entwicklungen des Erdsystems sich abzeichnen und wie sich der Mensch dazu verhält, unbedeutend.

Die planetare Schwelle

Nach allem, was der Mensch weiß, ist ein Massenaussterben vielleicht nicht unausweichlich, aber wahrscheinlich. Das haben die Forschungen der Erdsystemwissenschaften gezeigt. Die beiden Schaubilder aus einer Studie, die renommierte Klimaforscher und Geowissenschaftler 2018 veröffentlicht haben, veranschaulichen die Situation eindringlich. Mit seiner Lebensweise hat der Mensch durch die Emission der sog. „Treibhausgase“ den glazialen-interglazialen Zyklus unterbrochen. Das Erdsystem hat diesen Zyklus verlassen und ist auf einen Pfad der Klimaerwärmung eingeschwenkt. Es lassen sich vom aktuellen Zustand aus für die Zukunft zwei Pfade unterscheiden. Wenn die Begrenzung der Erderwärmung auf maximal 2° gelingt („Stabilized Earth“), ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich das Erdsystem unterhalb einer planetaren Schwelle stabilisiert. Wo genau diese Schwelle liegt, ist unklar. Je mehr sich das Erdsystem der 2°-Schwelle nähert oder sie überschreitet, umso wahrscheinlicher wird es, dass Kipppunkte überschritten werden, die ähnlich einem Dominoeffekt eine Kaskade von Feedbackprozessen auslösen. Das Erdsystem würde dadurch auf einen irreversiblen Pfad („Hothouse Earth“) einer sich selbst verstärkenden Erderhitzung einschwenken.

In der zweiten Darstellung wird das Ausbrechen des Erdsystems aus dem glazialen-interglazialen Zyklus veranschaulicht, das durch die von Menschen ausgelösten Emissionen verursacht wurde. Das Erdsystem bewegt sich auf die planetare Schwelle zu, deren Überschreiten sich selbst verstärkende Rückkopplungen auslösen würde. Verantwortung zu übernehmen für das Gleichgewicht des Erdsystems ist Voraussetzung, um die Weichen vom Pfad der Erderhitzung auf einen stabilisierenden Pfad zu stellen und Bedingungen zu erhalten, wie sie im Holozän geherrscht haben.

Wenn der stabilisierende Pfad verfehlt und die Schwelle überschritten wird, ist letztlich die Bewohnbarkeit des Lebensraums auf der Erde für Menschen bedroht. Ob man angesichts solcher Szenarien von einem Massenaussterben sprechen kann, ist sicherlich umstritten. Die Autoren der Studie tun es nicht. Die Auswirkungen, die in ihrem Bericht nur angedeutet werden, legen dennoch den Schluss nahe, dass ein Massenaussterben wahrscheinlich ist. Sie weisen darauf hin, dass die Auswirkungen eines solchen Erhitzungsszenarios gerne mit der globalen Megadürre vor 4.200 bis 3.900 Jahren verglichen werden. Diese Schreckensereignisse haben sich jedoch innerhalb des schmalen Temperaturkorridors des Holozän von plus/minus 1° ereignet.

Das Wesen des ökologischen Notstands

Es lohnt sich vor dem Hintergrund solcher Szenarien, sich mit der Möglichkeit eines Massenaussterbens zu beschäftigen. Aus philosophischer Sicht tut dies ausführlich und anregend Timothy Morton in seinem Buch „Ökologisch sein“.

Wir wissen, was zu tun ist: die Treibhausgasemissionen auf Null senken. Dennoch fragen wir uns ständig: Was sollen wir tun? Obwohl klar ist, was zu tun ist, bleibt die Angst und Ungewissheit angesichts der überwältigenden Dimension der ökologischen Krise unser ständiger Begleiter. Morton befasst sich mit den Dingen und unserer Beziehung zu ihnen. Wir haben lange Zeit die Dinge so entworfen, interpretiert und ausgeführt, dass der Mensch garantiert im Mittelpunkt stand. Ökologische Fakten handeln somit von uns. Von sich selbst Abstand zu gewinnen, gehört aber, so Morton, zu den schwierigsten Dingen überhaupt.

Wenn wir uns mit geologischen Erkenntnissen beschäftigen, stoßen wir schnell auf Schwierigkeiten mit den zeitlichen Größenordnungen. Nicht nur hat jegliches seine Zeit, wie die Bibel (Prediger 3) vermerkt. Jegliches hat auch seine eigene Zeitlichkeit. Morton weist auf die Unterscheidung hin zwischen „Vorgeschichte“ als der Zeit vor unserer Zivilisation und „Geschichte“ als der Zeitspanne der letzten 12.500 Jahre, in der die Zivilisation und der moderne Fortschrittsglaube entstanden sind. Nachdem das Erhabene der Menschheitsgeschichte entzaubert ist, wäre es naheliegend, alles, auch die sog. Vorgeschichte und das Heute, als Geschichte zu verstehen.

Morton sieht von der weiteren Verwendung des Begriffs Natur ab, nachdem er der Frage nachgegangen ist, wie Menschen diesen Begriff verwendet haben.

Natur ist schlicht agrikulturelle Logistik in Zeitlupe, die sich nett ausnehmende Steigerung zum Anthropozän …

Timothy Morton: Ökologisch sein. Berlin 2019, S. 76

Aus dem reibungslosen Funktionieren der als natürlich empfundenen Kreisläufe, wie sie mit der Ackerbaugesellschaft entstanden sind, hat einen Vorrang der Existenz hervorgebracht.

Existieren um jeden Preis. Die Existenz als solche setzt jede Qualität der Existenz außer Kraft – das heißt, der menschlichen Existenz, und zur Hölle mit allen Lebensformen, solange sie nicht zu unserem Vieh (cattle) gehören … Dies lässt sich an den riesigen Feldern beobachten, auf denen automatisiertes Agrargerät einsam und effizient seine Bahnen zieht. Man spürt es an den riesenhaft sinnlosen Rasenflächen, den gigantischen Parkplätzen, den übergroßen Mahlzeiten, die als Analogien zu den immensen Feldern zu verstehen sind. Es macht sich bemerkbar in dem allgemeinen Taubheits- oder Schockgefühl, mit dem dem Massenaussterben begegnet wird.

ebd., S. 78f

Aus dieser Diagnose entwickelt Morton eine Vorstellung, was es bedeutet, in einer Welt zu leben, in der die Menschheit nur einen verschwindend kleinen Teil ausmacht.

Alles hängt mit allem zusammen

Morton möchte mit seinem Buch verdeutlichen, dass alles, was wir tun, sich in der Biosphäre ereignet. Es geht ihm darum, uns klar zu machen, dass wir nicht „ökologisch“ werden müssen. Denn wir sind es. So oder so. Alles in der Biosphäre ist ein Symptom dieser Biosphäre. Sie ist in unseren Projekten, Aufgaben, in unseren Vorhaben verankert. Auch geistige Angelegenheiten sind in diesem Sinne ökologisch, erklärt Morton unter Verweis auf Gregory Batesons „Ökologie des Geistes“. Wir können uns diese Vernetztheit der Biosphäre, die uns, unsere Körper und unsere Gedanken einschließt, selbst als Knoten in diesem Netzwerk denken. Nicht was wir denken, sondern wie wir denken, ist entscheidend.

Ähnlich ist auch häufig zu hören, das Ganze sei mehr als seine Teile. Das ist tückisch, weil wir uns damit gerne auf „höhere Mächte“ verlassen.

Wenn wir die Dinge, da sie ohnehin zusammenhängen, getrost ausblenden und uns nur auf das Überwesen konzentrieren können, das Netzwerk, das durch sie geschaffen wird, dann können wir das Aussterben ignorieren.

Ebd. S. 112

Der Glaubenssatz verleitet dazu, zu denken, es sei etwas Größeres am Werk, das wir ohnehin nicht beeinflussen können. Das scheint mir das Kernproblem zu sein bei Kommentaren zum Massenaussterben, wie dem eingangs erwähnten Text in der NZZ. Etwas anderes wird schon an die Stelle der ausgelöschten Lebensformen treten. Das Leben geht weiter.

Das Ganze ist weniger als seine Teile

In unserem hierarchischen Denken sind wir es gewohnt, die Dinge auf etwas Ganzes zu beziehen, ähnlich wie wir die Teile einer Maschine zu einem funktionierenden Ganzen zusammensetzen. Die Teile sind jedoch nicht spezifischer als ein Ganzes, sie sind vielmehr eine andere Art des Spezifischen. Morton macht dies am Bild vom „blauen Planeten“ deutlich. Wenn wir die aus dem Weltall betrachtete kleine, zerbrechliche Erde sehen und ihr die riesigen Bäume des Regenwalds gegenüberstellen, spüren wir eine seltsame Lücke. Zwischen beiden Bildern findet ein plötzlicher Perspektivensprung statt.

Morton verdeutlicht das an der Frage, wie wir uns als Mensch auf andere Lebensformen beziehen. Die ökologische Katastrophe habe der Mensch zum Zwecke des bloßen Überlebens oder der schieren Existenz ohne Rücksicht auf irgendeine Qualität der Existenz betrieben. Das habe uns und anderen Lebensformen geschadet. Wir reagieren mit Umweltschutz oder mit Tierrechten darauf. Einmal kümmern wir uns also auf Kosten des Individuums um das Ganze, im anderen Fall kümmern wir uns um das Individuum auf Kosten des Ganzen. Die beiden Formen von Reduktionismus können wir aufheben, wenn wir sehen, dass das, was wir Umwelt nennen, „nichts anderes als Lebensformen mit ihren erweiterten Genexpressionen – etwa Spinnennetze und Biberdämme – sind“.

Sich einstimmen

Ökologisches Bewusstsein heisst nach Morton, sich einzustimmen auf die Dinge, mit denen wir verbunden sind. Da die Erscheinung eines Dings nicht klar von seiner Realität zu unterscheiden ist, stelle die Einstimmung eine lebendige, dynamische Beziehung zu einem anderen Ding dar, die nicht aufhört. Man kann sich vorstellen, dass mit einer solchen Praxis massive Veränderungen verbunden sind. Und doch, so Morton, ist es ganz einfach. Wir müssen nicht ökologisch werden. Wir sind es.


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Sensoren (14): Der Klimawandel und die Hoffnung
Manifeste (7): Das terrestrische Manifest von Bruno Latour

Die Digitalität unserer Demokratie gestalten | Meine Tweets der Woche 51 – 52/2021

Häufig wird die schleppende Digitalisierung beklagt. Als Hemmschuh wird dann gerne ein überzogener Datenschutz ausgemacht. Die Oberflächlichkeit, mit der diese existenziellen Fragen der Digitalität in einer demokratischen Gesellschaft diskutiert werden, ist irritierend. Mir scheint, die Probleme mit der Digitalisierung wurden noch gar nicht hinreichend erfasst.

Eine unermüdlich mahnende Stimme in dieser für die Demokratie gefährlichen Situation kommt von Dirk Helbing, dem Soziologen und Komplexitätsforscher, den ich in diesem Blog schon häufiger erwähnt habe. Er sieht im Interview beim Podcast Zeit & Geist unser Gesellschaftsmodell in einer schleichenden Aushöhlung durch die Algorithmen, besonders die sog. Künstliche Intelligenz. Wir seien nie gefragt worden, welches Gesellschaftsmodell wir wollen. Die Daten, die wir in jedem Augenblick massenhaft hinterlassen, werden von Tech-Konzernen und von politischen oder staatlichen Institutionen, vor allem den Geheimdiensten, in Echtzeit ausgewertet, um unser Verhalten nach ihren Profit- oder Kontrollinteressen zu manipulieren. Erfasst würden nicht nur Adresse, Einkommen oder Freunde, sondern auch unsere Persönlichkeit mit unseren Stärken und Schwächen. Es würden digitale Zwillinge von uns erzeugt. Hinter Marketingbegriffen wie planetary health oder global health brauten sich totalitäre Szenarien zusammen.

Wir müssen, so drängt Helbing, die Systeme verstehen und die KI durchschauen, solange es noch möglich ist. Wie können wir mit den Daten, die über uns gesammelt werden, die KI dazu bringen, in unserem Sinne zu handeln und die Kontrolle über uns zu verlieren? In unserem Sinne handeln hieße, die existenzielle Bedrohungen, vor allem durch die Klimakrise abzuwenden. Das kann eine KI nicht leisten, die dazu benutzt wird, alles zentral zu kontrollieren. Der Weg gehe vielmehr über Innovation, so Helbing. Er plädiert für eine digitale Demokratie und einen demokratischen Kapitalismus. Warrooms durch Peacerooms ersetzen, eine Plattform für die informationelle Selbstbestimmung aufbauen und Partizipation ausbauen. Das sind seine Vorschläge, mit denen wir die Kontrolle über die Algorithmen gewinnen und die Probleme unserer Zeit lösen könnten. Die Ideen sind da. Die Kreativität kann sich in der Dynamik und Komplexität der Gesellschaft entfalten, wenn wir die Daten so organisieren, dass sich die kollektive Intelligenz entfalten kann.

„Wir schlittern in die Manipulation hinein“, warnt Helbing. Zu einem ganz ähnlichen Befund kommt der Psychologe und Intuitionsforscher Gerd Gigerenzer. „Wir gehen schlafwandelnd in die Überwachung.“ Auch er beschreibt eindrücklich die Art und Weise, wie die massive Datensammelwut schon heute zu Verhaltensänderungen führt. Ähnlich wie Helbing setzt auch er darauf, das Geschehen zu durchschauen. Ihm geht es dabei besonders um Bildung und Regulierung. Die Schulen sollten digitale Risikokompetenz lehren. Der Staat sollte erzwingen, dass Plattformen wie Facebook ihr Geschäftsmodell verändern: Mit Geld statt mit Daten bezahlen. Er sieht sonst die Gefahr, dass sich das „soziale Kreditsystem“ Chinas auch bei uns breit machen könnte. „Dann ist wirklich die Frage: Werden wir das überleben?“

Schlittern wir in den Überwachungskapitalismus, wie wir in die Klimakrise geschlittert sind? Sind alle Bemühungen, unsere Lebensverhältnisse demokratisch zu gestalten, umsonst? Im ZEIT-Gespräch gehen die Philosophin Eva von Redecker und der Präsident des Umweltbundesamts, Dirk Messner, der Frage nach, wie Transformation passiert. Wie verändern sich Gesellschaften?

Beide nehmen aus ihrer Perspektive die emergenten Prozesse in den Blick, aus denen sich gesellschaftliche Veränderungen ergeben. Sie zeigen sich in einer „Häufigkeitsverdichtung“. Das Neue spielt zunächst nur eine untergeordnete Rolle und spielt sich im Verborgenen ab. Erst allmählich und zuletzt plötzlich wird es wahrnehmbar und setzt sich schließlich durch.

Das Zeitfenster zur Lösung der Klimakrise scheint jedoch zu klein, um demokratische Entscheidungsprozesse und Reifeprozesse von Innovationen abwarten zu können. Die beiden Gesprächspartner lassen sich nicht beirren. Ohne Aushandlung, Einbindung und Legitimität gibt es keine stabilen Lösungen. Es sind gerade die demokratischen Entscheidungsprozesse, die den Schutz unserer geteilten Lebensgrundlagen, auch durch Verbote auf der gemeinschaftlichen Ebene, möglich machen.

Transformationen verstehen, Risiken verstehen, Digitalität verstehen – drei verschiedene Perspektiven auf ein gemeinsames Problem: Wie können wir die kreativen Potenziale der Demokratie nutzen und so leben, dass die Wahrscheinlichkeit der Bewältigung unserer existenziellen Krisen wächst?



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Sensoren (23): Vom „homo oeconomicus“ zum „homo socialis“

Manifeste (1): Das digitale Manifest

Exponentielles Wachstum: „Nicht absehbar“ | Meine Tweets der Wochen 49 und 50/2021

Ein Grund, weshalb wir die Klimakrise verdrängen und riskieren, dass wir an Kipppunkte gelangen, die existenziell bedrohlich sind, liegt wohl auch daran, dass wir als Menschen schlicht überfordert sind, Prozesse exponentiellen Wachstums zu verstehen. Wir rechnen stets mit linearen Verläufen. Im Industriezeitalter haben wir uns aber Lebensbedingungen geschaffen, die durchdrungen sind von exponentiell wachsenden Verläufen.

Der Film auf 3sat macht dies an vielen Beispielen anschaulich. Von der sich beschleunigenden Gletscherschmelze, die, wie die Glaziologin beklagt, „nicht absehbar“ gewesen sei, über das Wirtschaftswachstum, das Bevölkerungswachstum, das Wachstum von Rechen- und Speicherleistung der Computertechnik (Moore’s Law), die Verkäufe von Elektroautos, den Preisverfall der Bauteile von Elektroautos bis zur Verschmutzung der Atmosphäre mit Kohlendioxid. Immer wieder werden wir von Phänomenen überrascht, die für die Wissenschaft oder für aufmerksame Beobachter durchaus vorhersehbar sind.

Das ist auch ein Tenor in der 3sat-Sendung scobel, die Antworten auf die Frage sucht, wie wir mit der Komplexität der Lebenswelt, die hinter exponentiellen Entwicklungen steckt und die wir uns selbst geschaffen haben, besser umgehen können. Wir haben oft genügend Daten, um die nähere Zukunft zu antizipieren. Was eher fehlt, meint die Psychologin Gesine Hofinger, sind die passenden Fragen.

Für den Umgang mit Komplexität kann es keine Patentrezepte geben. Aber ein paar Prinzipien, an denen man sich orientieren könnte, gibt es durchaus. Besonders aufschlussreich ist ein Hinweis des Sozialpsychologen Harald Welzer. Er plädiert dafür, das weit verbreitete „Verrätseln“ zu lassen (ab Min. 36). Wir wundern uns, dass die Menschen auf die Klimakrise nicht angemessen reagieren, obwohl sie über die Folgen ihres Handelns viel wissen. Wir bauen uns, meint Welzer, eine ideale Welt, in der Interessen, Macht, Traditionen, Durchsetzungsfähigkeit gar nicht vorkommen. Dadurch werde der Umgang mit der Klimakrise rätselhaft.

In der Finanzwelt entsteht die Verrätselung durch die Verwendung von Modellen, die von Annahmen ausgehen, die in der Wirklichkeit nicht gelten, wie z.B. Rationalitätsagenden oder Gleichgewichtsmodelle. Darauf weist der Komplexitätsforscher Dirk Brockmann hin. Die Theorie wiegt stärker als die Empirie. Themen, die bei lebenden Systemen eine große Rolle spielen, wie z.B. Kooperation, bleiben ausgeblendet.

In der Pandemieerfahrung war dies ähnlich. Die Ministerpräsidentenkonferenzen hätten oft zu rätselhaften Ergebnissen geführt (ab Min. 54). Es lohne sich, für Krisensituationen passende Strukturen auszuprobieren, die expertengestützte, schnelle Entscheidungen ermöglichten. Wer jedoch glaube, Komplexität mit einem Durchregieren beizukommen, irre sich. Totalitäre Überwachungsstaaten wie China seien nicht in der Lage, die ständige Veränderung der Umweltbedingungen zu bewältigen, weil sie Kritik nicht zuließen. Das sei die Stärke der Demokratie. Aber, so Gesine Hofinger, „Demokratie ist anstrengend“.


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Gespaltene Gesellschaft? | Meine Tweets der Woche 47/2021

Die Corona-Krise ist in eine kritische Phase eingetreten. Die große Mehrheit der Mitmenschen hat sich impfen lassen, um sich und andere zu schützen und dazu beizutragen, dass die Pandemie in eine endemische Phase übergehen kann. Doch eine relevante Minderheit verzichtet auf die Impfung. Das wiederum gefährdet die angestrebte Eindämmung des Virus. Die Fronten sind wegen der alternativlos erscheinenden Impfung verhärtet. Was treibt die Menschen um, die sich gegen eine Impfung entscheiden? Droht etwa eine gesellschaftliche Spaltung? Wie kann die wechselseitige Verständigung wieder hergestellt werden?

Der Blogger Dirk von Gehlen hat eine Erklärung versucht, weshalb eine sachliche Auseinandersetzung über das Impfen so oft misslingt, indem er das Phänomen des Meme, das aus der Netzkultur bekannt ist, auf den Impfverzicht anwendet. Gehlen kommt auf diesem Weg zu der Annahme, dass die Ablehnung der Impfung in erster Linie eine Möglichkeit sich abzugrenzen liefert. Die Impfverweigerung hilft für einen Moment aus der Identitätspanik, die in der unübersichtlich gewordenen Welt schnell um sich greifen kann.

Ich nehme an, dass das unausgesprochene Nein zur Impfung nicht das einzige Meme bleibt, das für temporäre Identität sorgt. In anderen Situationen, z.B. in der Klimakrise, sind es andere Memes, die vermutlich ähnlich wirken. In Zeiten, in denen Aufmerksamkeit weckende Themen häufig und schnell wechseln können, scheint mir deutlich zu werden, dass es weniger um eine Spaltung der Gesellschaft geht. Die Gesellschaft weist eher Brüche auf, die im häufigen Wechsel in den Vordergrund und wieder in den Hintergrund rücken.

Auf den ersten Blick haben meine beiden Tweets der vergangenen Woche nichts miteinander zu tun, obwohl es in beiden um die Gesellschaft geht. Der zweite Blick offenbart dann aber doch eine interessante Verbindung. Der Soziologe Julian Müller bespricht ein Buch von Vincent August mit dem Titel: Technologisches Regieren. Es geht um die historische Entwicklung der Kybernetik und ihren Einfluss auf das Politikhandeln. Wie kommt es, dass wir Gesellschaft heute überwiegend als Netzwerkgesellschaft betrachten?

Bei der Corona-Pandemie und der Debatte über die Impfung haben wir es genau mit dieser Netzwerkgesellschaft zu tun. Die informationstechnischen Netzwerke als die „Mechanik, die Memes befördert hat, greift immer mehr in Bereiche des öffentlichen Lebens ein“, schreibt Dirk von Gehlen.

Die Politik als funktionales System unter anderen kann in der Netzwerkgesellschaft nur begrenzt Einfluss nehmen. Das technologische Regierungshandeln setze deshalb, so zitiert Müller das rezensierte Buch, auf „Innovationsfähigkeit, Offenheit und Kreativität“.

Und was, wenn diese Tugenden nicht auszureichen scheinen, um die Krise zu bewältigen?

Politik als Beruf | Meine Tweets der Woche 46/2021

Neue Gesichter an den Schalthebeln der Macht. Der Koalitionsvertrag steht, die Vereidigung der neuen Bundesregierung steht bevor. Sie übernehmen angesichts der Klimakrise Verantwortung in einer schicksalhaften Zeit. Wie werden sie ihre Macht gebrauchen?

In den vergangenen Legislaturperioden ist der Eindruck gewachsen, dass es einer wachsenden Zahl von Politikerinnen und Politikern nur um ihren eigenen Vorteil geht. Sie haben, mit Max Weber gesprochen, Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß vermissen lassen. Die Lobbyarbeit für ökonomische Interessen war so sehr in den Vordergrund gerückt, dass der Eindruck wuchs, Politik sei nur noch der Handlanger der Wirtschaft. Die Folgen dieser ökonomischen Dominanz sind bekannt: andauernde und unverminderte Zerstörung unseres Lebensraums.

Das Radiofeature auf SWR2 über Max Weber verweist auf dessen Schrift „Politik als Beruf“ zu einem Zeitpunkt und in einer Situation, in der wir Politiker brauchen, die den „Beruf“ zur Politik haben, die sich sicher sind, dass sie daran nicht zerbrechen, wenn die Welt, von ihrem Standpunkt aus gesehen, zu dumm oder zu gemein ist für das, was sie ihr bieten wollen.

Auch wenn die Politik der roten Linien eine erste Ernüchterung ausgelöst hat, so bleibt doch zu hoffen, dass wir es mit Politikern zu tun bekommen, die sich berufen fühlen, die nicht von der Politik, sondern für die Politik leben wollen.

Vor welchen Herausforderungen die berufenen Politikerinnen und Politiker stehen, wird an den beiden anderen Tweets der vergangenen Woche deutlich. Wir haben es mit der Automatisierung unserer Wahrnehmung und der Monetarisierung unseres Verhaltens zu tun. Die Digitalisierung, wie sie in der Politik verstanden wird, bleibt nach meinem Eindruck weit hinter dieser Diagnose zurück. Sie kommt deshalb kaum über eine Fortsetzung der Einführung von EDV in die Amtsstuben hinaus.

Das Beispiel der Bioökonomie zeigt, welches Spannungsfeld mit der Klima- und Artenschutzkrise zu beackern ist. Die Bioökonomie wird in der Öffentlichkeit noch kaum wahrgenommen. Es sind jedoch weitreichende Entscheidungen damit verbunden, wenn wir ihre Potenziale für die Nutzung nachwachsender anstelle fossiler Rohstoffe schöpfen wollen.

Freiheit(en) | Meine Tweets der Woche 45/2021

Meine Tweets der vergangenen Woche drehten sich um das Thema Freiheit. Das große Wort wird derzeit nicht nur in den Medien ziemlich oft verwendet. Es hat Eingang in die Alltagssprache gefunden. Damit lässt sich begründen, weshalb man auf die Impfung oder auf die Teilhabe an der Suche nach einem klimaverträglichen Leben verzichtet. Schließlich ist man freier Bürger, der sich vom Staat und von Mitbürgern nichts vorschreiben lassen muss. Der Ruf nach der Freiheit kommt meist ziemlich undifferenziert daher. Dahinter scheint sich einerseits ein tiefes Bedürfnis, andererseits eine große Sprachlosigkeit zu verbergen.

Spielarten der Freiheit

Vielleicht hilft es in dieser Situation, Formen der Freiheit zu unterscheiden. Thomas Beschorner und Roberta Fischli haben dies kürzlich in der NZZ getan. Dem aktuellen Phänomen entspricht die „negative“ Freiheit, die als Befreiung von Zwängen, Autonomie, Unabhängigkeit und Wahlmöglichkeiten verstanden werden kann. Heute erleben wir häufig ein hierauf verengtes Freiheitsverständnis. Erst wenn wir es mit einer „positiven“ oder einer „sozialen“ Freiheit verbinden, keimt Hoffnung, dass aus dem Verlangen nach Freiheit etwas Konstruktives entsteht.

„Positive“ Freiheit strebt nach gesellschaftlicher Teilhabe und der eigenen Version des Guten. „Soziale“ Freiheit realisiert sich in der Interaktion mit anderen Menschen. Das Handeln anderer bestimmt, wer wir als Person sind („Wir im Ich“). Umgekehrt bestimmen wir andere mit unserem Handeln („Ich im Wir“).

Freiheit und Kontrolle

Diese Unterscheidung von negativer und positiver Freiheit greift auch das Radiofeature von Markus Metz und Georg Seeßlen auf, das schon vor Jahren im Deutschlandfunk gesendet wurde. Hier steht die vertrackte Beziehung von Freiheit und Kontrolle im Mittelpunkt. „Der Mensch möchte nichts freisetzen, was unkontrollierbar ist.“

An die Stelle von Herrschaft und Knechtschaft ist die Kontrolle getreten. „Wir sind stolz darauf, dass wir in einer kontrollierten Welt leben: Lebensmittel, Feuerlöscher, Stromanschlüssse, Steuerehrlichkeit, Falschparken, Sicherheit am Arbeitsplatz, pornografische Bilder, Geschwindigkeit …“, schreiben die beiden Autoren. Aber auf der anderen Seite stehe das Unbehagen, wenn man ahne, wie Internetklicks, Telefongespräche, Einkäufe und Ferienreisen von anonymen staatlichen oder ökonomischen Instanzen überwacht und registriert werden. Die Kontrolltechnik scheint außer Kontrolle geraten zu sein.

Bei beiden Phänomenen, Freiheit und Kontrolle, machen die beiden Autoren einen Drang aus, Grenzen zu überschreiten.

So wie man die totale Kontrolle nur über Systeme, Gemeinschaften und Menschen erlangen kann, die nicht mehr lebendig sind, totale Kontrolle also den geistigen, seelischen und sogar körperlichen Tod des Kontrollierten bedeuten würde, so würde totale Freiheit eine rücksichtslose gegenseitige Vernichtung bedeuten.

Metz und Seeßlen liefern eine Erklärung, wie es zu der Dominanz der negativen Freiheit gekommen ist. Es sind die neuen, weichen Formen der Kontrolle, wie z.B. das Neuromarketing oder das Nudging, die der demokratischen Kontrolle entglitten sind. Sie sind in den Händen von Internetkonzernen oder Geheimdiensten.

Die neuen Instrumente der Kontrolle kommen in Gestalt von Spielen, von Kaufmöglichkeiten, von sozialen Kontakten zu mehr oder weniger guten Zwecken, kurzum, sie kommen in Gestalt simulierter Freiheiten.

Über den Weg der Digitalisierung unseres Alltags hat der Staat Zugang zu unserer Privatsphäre erlangt. Wir haben fast alle Lebensbereiche über die Plattformen in unsere Privatsphäre geholt, und damit auch die Kontrollinstanzen. Noch nie habe der Staat so wenig von uns gewollt und so viel von uns gewusst. Das Problem steckt nicht in der Dialektik von Freiheit und Kontrolle, die die Grundlage der Demokratie gebildet hat, sondern in deren Aufhebung.

Wir haben uns angewöhnt, Freiheit vor allem als Abwesenheit von Kontrolle (falsch) zu verstehen, und umgekehrt Kontrolle vor allem als eine Art Gift für die freie Entfaltung (auf dem Markt).

Gleichfreiheit und Zeitfreiheit

An eine andere Unterscheidung von Freiheiten möchte ich an dieser Stelle nochmal erinnern. Eva von Redecker hat in einem aufschlussreichen Beitrag für DIE ZEIT zwischen räumlicher und zeitlicher Freiheit unterschieden. Mir scheint diese Unterscheidung wichtig, weil sie an die Dynamik anknüpft, die der Freiheit stets innewohnt. Es wird ständig gerungen, wo die Grenze zwischen meiner Freiheit und der Freiheit des anderen verläuft.

Die beiden grundlegenden Ausprägungen der „Gleichfreiheit“, wie sie den Grundgedanken der gleichen Freiheit für alle auf den Punkt bringt, also die sozialliberale und die libertäre Spielart, können in ihrem Ringen durchaus lästig werden. Diese Gleichfreiheit ist vorrangig räumlich definiert. In der sozialliberalen Variante zeigt sich die Freiheit in Versuchen, Infrastrukturen bereitzustellen, in denen das Leben der Gleichfreien pädagogisch und medizinisch gleich gut versorgt wäre. Auf meiner Parzelle geht es um die unbedingte Freiheit, zu tun und zu lassen, was man will. Das ist die libertäre Spielart. „Der andere ist Schranke meiner Freiheit, und keiner mag Schranken“, so Eva von Redecker.

Die Alternative zu dieser „ungeselligen Geselligkeit“ (Kant) tritt ins Blickfeld, wenn wir der Einsicht folgen, dass wir nur gemeinsam frei sind. Dann können wir unser räumliches Verständnis der Freiheit um ein zeitliches ergänzen. Wir fragen dann nicht nur: „Wie weit kann ich jetzt gehen? Sondern auch: Wie wird sich mein Spielraum in Zukunft gestalten?“ Die Zeitfreiheit macht es unmöglich, die Dimension des Gemeinsamen als Quell meiner Freiheit auszublenden. Nicht nur die anderen Menschen, sondern alle Lebensformen in der Interaktion mit ihren Habitaten bilden die Bedingung dafür, dass wir auch in Zukunft frei sein werden.

Die Klimakonferenz #COP26 – wie kann man sie bewerten? | Meine Tweets der Woche 44/2021

Wie soll man eine Klimakonferenz bewerten, von der schon im Vorfeld kaum jemand irgendeine Art von Durchbruch erwartet hat? Vielleicht ist es ein guter Zeitpunkt, mal wieder das Modell von Bruno Latour als Beobachtungswerkzeug heranzuziehen, das er in seinem Terrestrischen Manifest beschrieben hat. Der Zeitpfeil der Moderne verlief vom Lokalen zum Globalen. Das war der Geschichtsverlauf, an dem sich alle, Fortschrittliche oder Konservative, Linke oder Rechte, orientieren konnten. Das Pariser Klimaabkommen vom 12. Dezember 2015 war für Latour das Ereignis, das die Wende brachte. Allen war plötzlich klar, dass der Planet nicht mitwächst.

Aber weiterhin ringen die widerstreitenden Kräfte um Orientierung. Wir erleben heute eine Strömung, die an der Globalisierung und am klassischen Fortschrittsdenken festhält. Dem steht eine populistische Strömung gegenüber, die den Weg zurück zum Lokalen propagiert. Beide sind jedoch nicht mehr in der Lage, für Orientierung zu sorgen. Ein neuer Zeitpfeil verläuft quer zur alten, historischen Achse. Mit dem „Terrestrischen“, so umschreibt Latour den Lebensraum, die Biosphäre oder die Kritische Zone, ist ein neuer politischer Akteur auf die Bühne getreten. Es geht heute nicht mir um kleine Klimaschwankungen, sondern um Erschütterungen des gesamten Erdsystems. Diesem neuen Akteur müssen wir uns zuwenden, dann wächst allmählich eine neue Orientierung.

Dieses Spiel der Kräfte dürfte vermutlich auch die Klimakonferenz in Glasgow geprägt haben. Die Kräfte, die sich noch an der alten Achse des Fortschritts orientieren und an der alten Praxis festhalten, ringen hier ebenso miteinander, wie die Kräfte, die eine neue Richtung einschlagen, das Erdsystem in den Blick nehmen, Bindungen kultivieren und Wege zu einer neuen Praxis finden wollen.

So gesehen ist der wesentliche Ertrag einer Großkonferenz dieser Art möglicherweise weniger in den politischen Beschlüssen zu finden, sondern eher ein Nebeneffekt der vielen Begegnungen und Dialoge von Menschen, die im Verborgenen ihre Wirkung erzielt haben mögen. Wir wissen es nicht. Aber wir können es hoffen.