Sensoren (23): Vom „homo oeconomicus“ zum „homo socialis“

Klimawandel, Artensterben, Umweltzerstörung, Populismus, Digitalisierung und nun die Coronakrise – angesichts der Ballung sich überlagernder und wechselseitig verstärkender Krisenerscheinungen wird die Frage drängend, wie ein grundlegender Wandel unseres Zusammenlebens möglich ist. Und wie können digitale Werkzeuge dabei helfen, ein grundlegend anderes Miteinander zu finden?

Vor einiger Zeit habe ich hier über die Neuerfindung der digitalen Gesellschaft geschrieben. Der Physiker und Soziologe Dirk Helbing ist für meine Beschäftigung mit der Frage, wie man die demokratische Verfassung des Gemeinwesens in einer digitalen und zugleich nachhaltigen Welt neu denken kann, gewissermaßen ein Leitstern. Nun hat er seine Überlegungen zu einem Konzept für Wirtschaft und Finanzen der nächsten Gesellschaft ausgearbeitet.

Finance 4.0 enables the emergence of self-organizing, multi-dimensional, community-driven and token-based incentive systems for any positive sustainable action a community wants to promote – in a democratic way.

In einem Beitrag für Deutschlandfunk Kultur hat Helbing die Idee des sozialen Finanzsystems bereits 2017 vorgestellt.

Die Grundidee

„Sie können Geld verdienen, indem Sie Umwelt und Gesellschaft etwas Gutes tun. Sie bekämen Guthaben auf diverse digitale Konten ausbezahlt, wenn Sie eine Mitfahrgelegenheit mit dem Auto anbieten oder wenn Sie sich um Hilfsbedürftige kümmern.“

Das ist die Grundidee des sozialen Finanzsystems. Das System belohnt umweltfreundliches Verhalten, sozial verantwortliche Produktion, Recycling von Ressourcen, Sharing u.a. Geld dient nicht mehr allein dazu, Gewinne zu maximieren. Es dient als Informationsträger, um positive Wirkungen unseres Verhaltens in ganz unterschiedlichen Bereichen zu maximieren. Das Projekt versucht, den Mangel an Nachhaltigkeit unseres Wirtschaftssystems durch eine Kombination von Blockchain, Internet of Things (IoT) und Komplexitätswissenschaft zu beheben. Positive Externalitäten (z.B. Infrastrukturen) fördern, negative (z.B. Umweltschäden) unterbinden – so die Vision. Ein verteiltes Anreizsystem belohnt, was der lokalen Community etwas Wert ist, z.B. Bäume pflanzen oder Rad statt Auto fahren. Belohnungen können symbolisch sein, Zugang zu einer Dienstleistung ermöglichen oder monetär sein.

„Wichtigste Grundlage sind präzise Daten über unsere Umwelt, die durch Sensoren gesammelt werden. Ob in Smartphones oder anderswo: Die Messtechnik der Zukunft wird negative Auswirkungen des Wirtschaftens wie Lärm, Stress, Emissionen oder Abfall genauso registrieren wie positive, etwa Kooperation, Fortbildung oder das Recycling von Abfällen.“

Eine Kreislaufwirtschaft entstehen lassen

Fin4 wäre so etwas wie das demokratische Gegenstück zum „Citizen Score“, dem Überwachungssystem in China und auch zur automatisierten Gesellschaft, wie sie z.B. Google vorschwebt.

„… seit 1972 ist bekannt, dass die Ressourcen der Welt nicht mehr lange reichen werden, um die Bedürfnisse der Weltbevölkerung zu befriedigen. Um die erwartbare Versorgungskrise zu managen, wird die Überwachung von Menschen und Ressourcen schon seit geraumer Zeit immer mehr ausgebaut. Big Data – also die massenhafte Datensammlung – soll Grundlage für das zentralisierte Management knapper Ressourcen werden. De facto wäre dies jedoch eine Art digitaler Planwirtschaft.“

Positiven und negariven Auswirkungen unseres Wirtschaftens ließe sich ein Preis zuordnen. Damit würde ein grundlegender Mangel der bisher praktizierten Marktlogik unseres Wirtschaftssystems behoben. Zugleich könnten sich die Bürger in die kollektiven Entscheidungsprozessen unmittelbar einbringen. Fin4 setzt vorrangig auf positive Aktion, weniger auf Sanktion. Gutscheine für positives Verhalten erhalten die Motivation leichter aufrecht als Sanktionen für negatives Verhalten, so die Annahme hinter dem Konzept. Unsere Werte sind oft abgeschnitten von unseren Alltagsentscheidungen. Mit einem verteilten Anreizsystem können Gemeinschaften belohnen, was ihnen wertvoll ist. In der Kombination der Erlöse für positive Auswirkungen und der Kosten für negative Auswirkungen entstünde eine Kreislaufwirtschaft quasi wie von selbst.

Wie kann Missbrauch unterbunden werden?

Mit der Blockchain-Technologie lassen sich die Daten dezentral verwalten. Durch Kombination mehrerer Nachweise kann Missbrauch, z.B. durch Fälschungen, unterbunden werden. Es gibt drei Wege, positives Verhalten nachzuweisen: Sensornachweis, sozialer Nachweis oder Nachweis durch Daten von Dritten. Diese Prüfinstanzen (Sensor, Community, Dritte) lassen sich kombinieren, so dass Fälschungen erkannt und vermieden werden können, bevor honoriertes Verhalten in der Blockchain dokumentiert wird.

Für Sensornachweise sind Sicherheitsvorkehrungen in Hard- oder Software nötig, für soziale Nachweise ist ein zusätzlicher Anreiz nötig, um andere zum Bewerten zu motivieren. Ein Problem ist die Zeitverzögerung zwischen Aktion und Konsequenz. Ein Beispiel: Menschen haben 2 Jahrhunderte geheizt und 1 Jahrhundert Autos gefahren, bis sie erkannt haben, dass das CO2 Schäden verursacht. Die Zeitverzögerung erzeugt eine kognitive Dissonanz. Zwischen Aktion und Konsequenz sollte deshalb der kürzestmögliche Zeitraum liegen.

Ein weiterer wesentlicher Baustein des neuen Finanzsystems ist ein mehrdimensionales System von Kryptowährungen auf verschiedenen Ebenen, mit verschiedenen Merkmalen, für verschiedene Zwecke. Diese leiten sich aus den Werten der Nachhaltigkeitsagenda ab. Die Gutschein- oder Token-Ökonomie entsteht langsam, so wie Gemeinschaften Gutscheine schöpfen und einsetzen. Eine Governance-Schicht stellt den Rahmen bereit, der dafür sorgt, dass sich diese Form der Ökonomie gedeihlich entwickelt. Spam-Nachweise werden dadurch verhindert, dass jeder einen Nachweis kreieren kann, dieser aber erst nach Zustimmung einer Mehrheit der Gemeinschaft ein offizieller Fin4-Nachweis wird.

Reputationsnachweise schaffen Vertrauen in der Gemeinschaft. Die Reputation sollte die Aktivität und nicht den Besitz von Nachweisen spiegeln. Solche Nachweise könnte es z.B. für alle Aktionen geben, die das Fin4-System insgesamt stärken. Nutzer können Reputationsnachweise auch verlieren. Eine Identität wird nur benötigt, wenn jemand an der Governance von Fin4 mitarbeiten will. Die Identität im Sinne einer persönlichen Souveränität wächst mit der Zeit durch die Ansammlung von Reputationsnachweisen. Token können auch getauscht und zu anderen Blockchains mitgenommen werden.

Auf dem Weg zum homo socialis

Die Hoffnung, die aus diesem Konzept erwächst, kommt nicht daher, dass sich der Mensch plötzlich vom homo oeconomicus zum homo socialis, also vom Egoisten zum Altruisten, wandelt. Mit der digitalen Technologie, die uns heute zur Verfügung steht, können wir aber Bedingungen schaffen, die soziale Kooperation fördern und Egoismus eindämmen. Die Corona-Krise fordert uns diesbezüglich täglich heraus. Es gelingt uns bisher nur mäßig, die Digialisierung für den guten Zweck zu nutzen. Zur Bewältigung der Klimakrise wird uns nichts anderes übrig bleiben, als Strukturen zu entwerfen und aufzubauen, die Anreize schaffen, egoistisches durch soziales Verhalten zu ersetzen.

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Unternehmensmodelle im Wandel (16): Open Data, Vielfalt und kollektive Intelligenz

Sensoren (22): Kipppunkte, Kollaps und die Ethik der Vorausschau

„Die Katastrophe, die Zerstörung der Welt, wie wir sie kennen, kann kaum mehr abgewendet werden, nur mehr gemildert.“
Christian Rainer

„Niemand hat das Recht, seine Sorge in Fatalismus umschlagen zu lassen.“
Reinhard Loske

Wissenschaftler warnen unablässig vor den Folgen des Klimawandels. Politiker sollten sich endlich mit dem Risiko von Katastrophen oder gar dem Zusammenbruch von Gesellschaften befassen. Stehen wir als Menschheit am Abgrund? Oder handelt es sich bei Weckrufen um Alarmismus, um fragwürdige, gar gefährliche Panikmache? Mit dieser Frage hat sich kürzlich die „Sternstunde Philosophie“ im SRF befasst. In einem Streitgespräch suchte die Runde eine Antwort auf die Frage, was von Versuchen zu halten ist, den „Weltuntergang“ zu prognostizieren.

In diesem Blog werde ich einige Stimmen vorstellen, die vielleicht geeignet sind, ein Spektrum an Haltungen zu der Frage des Umgangs mit bedrohlichen Szenarien aufzuzeigen.

Die Bedrohung ist konkret

Unbestritten ist, dass sich die Menschheit an den Rand ihrer Existenz bringen wird, wenn sie die rasant voranschreitende Erdüberhitzung nicht in den Griff bekommt.

„Man muss festhalten: Das Ziel, die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Niveau auf 1,5 Grad zu begrenzen, das Ziel, auf das sich die Weltgemeinschaft dem Pariser Abkommen nach offiziell verpflichtet hat, ist angesichts der seitdem augenscheinlichen politischen Lethargie fast illusorisch.“

Süddeutsche Zeitung – Digitales Projekt: Was die Klimakrise wirklich bedeutet. Abgerufen am 9.12.2020

Noch können Wissenschaftler nicht hinreichend genau sagen, wann Kippunkte erreicht werden, wann also eine positive Rückkopplung erreicht ist, die den Temperaturanstieg des Erdsystem für den Menschen unbeeinflussbar antreibt. Es sind die unbeabsichtigten Auswirkungen menschlicher Aktivitäten, die das Erdsystem in einem Ausmaß beeinflussen, die mit den geologischen Kräften gleichzusetzen sind. Deshalb sprechen Geologen vom Erdzeitalter des Anthropozän. Der Mensch verändert mit den unbeabsichtigen Auswirkungen seiner Missachtung der Naturgesetze das Erdsystem und ist auf dem Weg, seinen eigenen Lebensraum, der zugleich Lebensraum für die ganze Vielfalt der Arten ist, zu zerstören. Die Dynamik, die er in Gang setzt, kann er nach Erreichen bestimmter Schwellenwerte nicht mehr beeinflussen.

Die Vorausschau auf solche Kippunkte und auf mögliche katastrophale Auswirkungen hat in den letzten Jahren in der Wissenschaft an Aussagekraft gewonnen. Dabei helfen Konzepte aus der Analyse komplexer Systeme und die Integration des Wissens aus den Erdsystemwissenschaften und den Sozial- und Geisteswissenschaften. Auf dieser Grundlage kommt eine Gruppe renommierter Wissenschaftler zu der Erkenntnis,

„… dass soziale und technologische Trends und Entscheidungen, die in den nächsten ein oder zwei Jahrzehnten erfolgen, den Pfad des Erdsystems für Zehn- bis Hunderttausende von Jahren erheblich beeinflussen und möglicherweise zu Bedingungen führen könnten, die planetarischen Zuständen ähneln, wie sie zuletzt vor mehreren Millionen Jahren herrschten, Bedingungen, die für die heutigen menschlichen Gesellschaften und viele andere zeitgenössische Spezies lebensfeindlich wären.“

Man könnte annehmen, bei solchen Untergangsszenarien handle es sich um ein altbekanntes Phänomen. Hat nicht jeder Epochenwechsel seine eigenen apokalyptischen Visionen hervorgebracht? Es gibt aber einen gravierenden Unterschied. Die heutigen Dystopien und Katastrophenszenarien ergeben sich aus den Erkenntnissen einer Wissenschaft über die Zusammenhänge im Erdsystem, die zu früheren Zeiten noch unbekannt waren. Wir wissen heute um den Zustand unseres Lebensraums und um die Wirkungen unseres Handelns. Deshalb können wir Aussagen über die Zukunft mit hohen Wahrscheinlichkeiten versehen, auch wenn Zukunftsbetrachtungen prinzipiell unsicher sind. Der Klimakollaps droht mit hoher Wahrscheinlichkeit konkret und ist in wenigen Jahren kaum noch zu verhindern.

Kollaps und die Kollapsologie

Pablo Servigne und Raphael Stevens einerseits und Toby Ord andererseits sind Protagonisten der Kollapsologie, die Risiken eines Zusammenbruchs unserer Zivilisation aus philosophischer Sicht betrachtet. Es geht ihnen dabei nicht darum, darauf weist Stefan Riedener in der SRF-Runde hin, Weltuntergangsstimmung zu verbreiten, sondern sich des Nadelöhrs gewahr zu werden, durch das die Menschheit hindurch muss, wenn sie überleben will. Es sei ein Ausdruck von Demut, die Risiken ernst zu nehmen. Der Mensch sei weder allmächtig, noch allwissend. Es gehe darum, daran zu erinnern, dass schon viele Generationen vor uns waren und viele Generationen nach uns sein könnten. Es gehe darum, Visionen zu entwickeln, wie ein Leben aussehen könnte, wenn es den Menschen gelingt, am Abgrund vorbei zu lavieren.

Mit existenziellen Risiken hat sich auch der amerikanische Biogeograf Jared Diamond in seinem Buch „Kollaps“ beschäftigt, das bereits 2005 erschienen ist. Er zeigt Parallelen und Unterschiede auf zwischen früheren Zusammenbrüchen von Gesellschaften, wie z.B. den Polynesiern auf der Osterinsel, den Maya oder den Wikingern auf Grönland. Besonders die Parallelen zwischen der Osterinsel und der heutigen Welt sind dabei unübersehbar. In beiden Fällen haben wir es mit Zivilisationen zu tun, die isoliert leben und von außen keine Unterstützung erwarten können. In beiden Fällen ist es der Lebensstil, der auf die Ausbeutung endlicher Ressourcen baut. Das allein war noch nicht maßgeblich für den Untergang der polynesischen Kultur auf der Osterinsel. Wie in anderen Fällen kollabierter Gesellschaften kam ein weiterer Punkt hinzu, das Versagen der gesellschaftlichen Entscheidungsprozesse.

Die Geschichten in diesem kenntnisreichen Buch sind so bewegend, dass einem beim Lesen der Geschichten von gescheiterten Gesellschaften tatsächlich leicht die Hoffnung abhanden kommen könnte. Diamond selbst bleibt hoffnungsvoll. Er hält – wohlgemerkt Stand 2005 – die menschengemachten Probleme noch für lösbar. Zum einen, weil keine neue Technologie benötigt werde, sondern nur die vorhandene Technologie genutzt werden müsse. Zum anderen sah Diamond ein wachsendes ökologisches Bewusstsein. Erforderlich für die Aufrechterhaltung der Entscheidungsfähigkeit sei eine langfristige Planung und die Bereitschaft, Werte neu zu überdenken. Er sah auch bei der Politik eine wachsende Verantwortung für den langfristigen Erhaltung natürlicher Lebensgrundlagen. Selbst bei der Anpassung der Wertvorstellungen, die unserem Lebensstil zugrundeliegen, zeigt er sich zuversichtlich. Den entscheidenden Unterschied zu früheren Zusammenbrüchen von Gesellschaften sieht er in der Tatsache, dass wir heute umfassend informiert sind.

„Dokumentarfilme und Bücher zeigen uns heute in anschaulichen Einzelheiten, warum die Gesellschaften auf der Osterinsel, bei den Maya und an anderen Stellen in historischer Zeit zusammengebrochen sind. Wir haben also die Möglichkeit, aus den Fehlern der Menschen an weit entfernten Orten und in weit entfernter Vergangenheit zu lernen. Diese Möglichkeit hatte keine frühere Gesellschaft auch nur annähernd in dem gleichen Ausmaß.“

Diamond, Jared: Kollaps. Frankfurt 2005, S. 648

Vielleicht ist es also gerade die Komplexität unserer ausdifferenzierten Gesellschaft, in der die unterschiedlichen Interessen offen kommuniziert werden und miteinander interagieren, in der freie Medien umfassend und der Wahrheit verpflichtet informieren, die Anlass zur Hoffnung gibt. Jedenfalls scheint es wichtig, dass es in unserer Demokratie möglich ist, über die Auswirkungen der historisch beispiellosen Situation nachzudenken, ohne gleich der Panikmache bezichtigt zu werden.

Droht eine selbsterfüllende Prophezeihung?

Gleichwohl gehört es zu einem verantwortlichem Umgang mit solchen Angst auslösenden Informationen, ihre möglichen Wirkungen zu beleuchten. Können die Bemühungen, die möglichen Auswirkungen des Klimawandels ungeschminkt in den Blick zu bekommen, die Risiken, die wir abzuwehren versuchen, geradezu verstärken? Ist es ethisch möglicherweise unverantwortlich, die Möglichkeit kollabierender Systeme zu beschreiben? Droht die Gefahr einer selbsterfüllenden Prophezeiung? Wir wissen es nicht. Prophezeiungen können selbsterfüllend oder selbstzerstörend wirken. Bei der Klimakrise als Metakrise unserer Zeit handelt es sich jedenfalls weder um ein Gerücht noch um ein Vorurteil. Die Möglichkeit von Kippunkten im Klimasystem und sozialen Zusammenbrüchen sind wissenschaftlich erforscht. Die Befürchtung, dass die Kollapsologie die Menschen in lähmenden Fatalismus treibt, ist als Kommunikationsrisiko zu betrachten, das gegen die Möglichkeit abgewogen werden muss, dass andererseits die beängstigende Bedrohung die Menschen beflügelt, ihre Gewohnheiten und ihren Lebensstil grundlegend zu verändern.

Es schien allzu lange, dass die Politik, die Wirtschaft und die Mehrheit der Bürger in einer Lethargie verharrten. Erst langsam scheinen die gesellschaftlichen Funktionsssysteme die Metakrise wahrzunehmen und an Handlungsfähigkeit zu gewinnen. Ist diese Starre trotz oder wegen der vielen Katastrophenszenarien entstanden? Ist es politischer Fatalismus oder übermäßiges Beharrungsvermögen, ist es ökonomische Phantasielosigkeit oder Pfadabhängigkeit?

Vielleicht haben wir es auch mit einem Ungleichgewicht in der Wahrnehmung von Risiken und Chancen zu tun. Die Klimawissenschaft kann natürlich nicht viel mehr als Hiobsbotschaften verkünden. Denn die Fakten sind einfach beunruhigend. In der SRF-Runde betont Riedener jedoch, dass es den Kollapsologen sehr wohl auch darum gehe, ein tieferes Verständnis der Situation zu erreichen. Wir tun sehr wenig für die Erforschung existenzieller Risiken, meint Riedener. Wir geben mehr Geld für die Erforschung von Eiscréme aus.

Moralisierung in der Nachhaltigkeitsdebatte

Schließlich entscheidet sich auch mit der demokratischen Debatte über die Nachhaltigkeit, wie uns die Gratwanderung gelingt. In einem Interview zeigt Konrad Paul Liessmann, wie sehr Moralisierung diesen gesellschaftlichen Dialog stören kann.

„Ich sehe durchaus die große Notwendigkeit, alles zu versuchen, um den Klimawandel zu stabilisieren oder einzudämmen. Aber dass der Begriff Notstand zutrifft, sehe ich nicht. Im Gegenteil: Unsere Regionen gelten als diejenigen, in die Menschen aus wirklich gefährdeten Gebieten fliehen werden, weil die realen Gefahren hierzulande – noch – geringer sind. Und trotzdem ruft man den Notstand aus. Wenn man demokratiepolitisch wach ist, sollte man damit nicht Propaganda machen.“

Die Knappheit der Zeit

Zu den Merkmalen der Klimakrise gehört in ihrem Kern die Knappheit der verbleibenden Zeit, bis Kippunkte überschritten sind. Wolfram Eilensberger zitiert in der SRF-Runde (s. ’18) den Philosophen Hans Blumenberg: „Die Enge der Zeit ist die Wurzel des Bösen.“ Ist die Mobilisierung der Massen über die Zeitenge der „totalitäre Mastermove“?, fragt Eilensberger. Jedenfalls ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass die faktische Zeitenge, die wir in der Klimakrise erleben, von autoritären Kräften genutzt werden kann, um Macht über möglichst viele Individuen zu gewinnen.

Was passiert, wenn nicht das gute Leben, sondern das Überleben zur Maßgabe des politischen Handelns wird, wie es z.B. bei Extinction Rebellion der Fall ist? Es werde sehr leicht eine politische Ausnahmesituation suggeriert, die viele Freiheitsrechte im Handumdrehen suspendieren könne, fürchtet Eilensberger. Die Kollapsologen möchten aber gerade, darauf weist Riedener hin, die Möglichkeit der Entfaltung des Menschlichen zum Guten erforschen. Das ist das eigentlich Spannende. Wie lässt sich eine Vision des menschlichen Lebens nach einem Kollaps oder positiv gewendet, nach einer gelungenen Transformation, vorstellen, ohne einerseits an materiellen Zukunftsbildern festzuhalten oder auf ein „Zurück zur Natur“ a la Rousseau zurückzufallen.

Das Ende der Normalität

Bernd Ulrich zeigt in einem Essay, wie wir im Jahr der Corona-Pandemie spüren, dass das, was wir als Normalität empfinden, zu Ende geht. Die SRF-Diskussion zeigt genau dies. Es schwebt ein Unbehagen über allem, dem wir nicht mehr ausweichen können. Mit der Normalität und ihrer Herstellung befasst sich auch Günter Ortmann in einer Kolumne mit dem Titel: „Es brennt“.

Normales wird zur Norm, und Normen machen, dass etwas normal werden soll und wird. Normalität/Normalisierung geht in die Begründung von Normativität ein, und präskriptive Normen, zumal: organisationale Regelwerke und Standards, erzeugen und legitimieren Normalität/Normalisierung – und/ oder, nota bene, Abweichungen davon, etwa Überbietungen im Wettbewerb.

Ortmann, Günter: Es brennt. In: Zeitschrift Organisationsentwicklung (ZOE) 1/2020, S. 118

Normalismus leugne, so Ortmann im Anschluss an Jürgen Link, den ökologischen Antagonismus zwischen Natur und Ökonomie. Statt geschichtsphilosophischer Fortschrittsdialektik ergebe das ein ungleich düstereres Bild eines irreversiblen Prozesses von Normalisierungen, Denormalisierungen (das Klima wird komisch) und neuen Normalisierungen (Klimagipfel), einschließlich eines immer möglichen Kollapses einzelner – etwa ökologischer, militärischer oder finanzieller – Normalitäten.

Bei zwei Grad Erwärmung wäre es in den meisten Städten im Nahen Osten und in Südasien im Sommer so heiß, dass man nicht draußen sein könnte, ohne einen Hitzeschlag oder gar den Tod zu riskieren.» (Wallace-Wells in der Süddeutschen Zeitung Nr. 227 vom 1.10.2019, S. 11). «Auf Dauer würden das arktische und das antarktische Eis schmelzen und der Meeresspiegel dramatisch ansteigen, zwei Drittel der großen Städte weltweit würden überflutet … die Schäden durch Stürme und den Meeresspiegelanstieg (würden) um ein Hundertfaches steigen und 280 Millionen Menschen ihr Zuhause verlieren. Bis zum Jahr 2050 könnte es eine Milliarde Flüchtlinge geben. … Trotzdem informieren weder Wissenschaftler noch Journalisten oder Aktivisten darüber, wie das Leben auf der Erde dann aussehen würde, obwohl dieser Anstieg fast unvermeidbar ist.»

„Warum dieses Schweigen?“, fragt Ortmann. Klimaforscher selbst hielten das lange Zeit für übertrieben. Sie hätten selbst zu lange Optimismus verbreitet, weil sie unbedingt vermeiden wollten, die Leute zu deprimieren. Sie bewahrten die Illusion einer zwar gefährdeten, aber doch beherrschbaren Normalität.

Ethik der Vorausschau

Sollten wir vielleicht nochmal neu ansetzen, wenn wir auf die ursprünglichen Erzählungen von der Apokalypse blicken? Die Theologin Petra Bahr hat in einem Beitrag für DIE ZEIT darauf aufmerksam gemacht, dass …

„… die biblischen Apokalypsen im Ursprung gar keine Weltuntergangsbeschwörungen [sind]. Im Gegenteil. Da die Empfehlung, Apokalypseabstinenz zu üben, soweit zu spät kommt, bleibt eine Erinnerung an den ursprünglichen Sinn apokalyptischen Sprechens. … Nicht die Zukunft, sondern die Gegenwart wird als unerträglich empfunden. Apokalypsen sind Trostschriften, die der Frage nach der Gottesverlassenheit eine ins Kosmische gesteigerte Hoffnung vermitteln. Dass es so weitergeht ist die Katastrophe. … Endzeitliche Plagen und Provokationen sind nicht das Ende, sie werden literarisch zu einem Durchgangsstadium. So formt sich die Hoffnung.“

Vielleicht ist das eine ethische Haltung, die der beispiellosen Situation am besten gerecht wird. Noch einmal Petra Bahr:

„Das wäre dann wahrhaft „apokalyptisch“, nämlich entlarvend und enthüllend, aber von der Zuversicht getragen, dass der schonungslosen Bestandsaufnahme mehr folgt als Resignation oder Wut. Weder hysterisch noch zynisch, noch fatalistisch zu werden angesichts der Tatsache, dass es in dieser Welt nicht zum Besten steht, das ist eine schwierige Kunst. Nicht Weltflucht, aber auch nicht Angstlust vor dem baldigen Ende, sondern eine tiefe Gelassenheit, die entschlossen macht, die sich die ganze komplizierte Wirklichkeit zumutet und trotzdem glaubt, dass nicht alles bleiben muss, wie es ist.“

Vom Streiten zum Erzählen

Wie können wir mit apokalyptischen Gedanken umgehen? Wie können wir uns im apokalyptischen Sprechen üben? Interessant ist in diesem Zusammenhang der Verlauf der Diskussionsrunde im Schweizer Fernsehen. Die Runde streitet zunächst über den Sinn und Zweck der Kollapsologie als einer Art der Risikoforschung. Riederer als ein Vertreter der Kollapsologie ist gegenüber den anderen in der Rechtfertigungsrolle. Nach und nach wechselt die Runde mehr ins Dialogische. Die vier fangen an, von ihren Erfahrungen mit ihren eigenen Ängsten zu erzählen. Sie reflektieren ihre Haltung gegenüber jungen Menschen, die praktischen Handlungsmöglichkeiten, die Möglichkeit, mit Einschränkungen zu leben, die Verantwortung als würdiger Mensch, ein respektvolles Miteinander der Menschheit mit den anderen Spezies.

Die Gratwanderung

Die SRF-Runde kommt schließlich auf Jonathan Franzen und seinen umstrittenen Beitrag für den New Yorker zu sprechen. Ich habe seinerzeit hier darüber berichtet. Franzen kann kein einziges Szenario erkennen, wie das 1,5°- oder 2°-Ziel des Parisabkommens erreicht werden könnte. Er plädiert deshalb dafür, die Situation in ihrer Bedrohlichkeit oder Aussichtslosigkeit zu akzeptieren und neu zu denken, was Hoffnung bedeuten könnte. Erst wenn wir die Wahrheit akzeptieren, erkennen wir, dass weit mehr zu tun ist. Ganz andere Maßnahmen gewinnen an Bedeutung.

In Zeiten des wachsenden Chaos suchten Menschen, so Franzen, Halt eher in Stammesdenken und Waffengewalt, als in gültigem Recht. Die beste Abwehr solcher Art von Dystopie sei, funktionierende Demokratien, Rechtssysteme und Gemeinschaften zu erhalten. In diesem Sinne sei jede Bewegung, die die Zivilgesellschaft stärke, ein bedeutender Beitrag zum Erhalt des Klimas. Die Hassmaschinen der sozialen Medien abzuschalten sei eine Klimaaktion. Eine humane Einwanderungspolitik zu etablieren, für Gerechtigkeit zwischen Menschen verschiedenen Geschlechts und verschiedener Hautfarbe einzutreten, Respekt vor geltendem Recht und ihrer Anwendung zu wahren, freie und unabhängige Medien zu fördern, das Land von Angriffswaffen zu entlasten, dies alles seien Klimaaktionen. Jedes System der natürlichen wie der menschlichen Welt, müssten wir, so Franzen, so stark und gesund wie möglich halten, wenn es die steigenden Temperaturen überleben wolle.

Diese Haltung, so die SRF-Runde, zeige zum einen auf, dass wir im Hier und Jetzt gefordert seien. Es sei gleichwohl eine Gratwanderung, aufzuhören, so zu tun, als ob die Katastrophe vermeidbar sei und genau daraus Hoffnung zu schöpfen.

Der Theologe Wolfgang Palaver findet Worte für die feinen Unterscheidungen, die bei dieser Frage entscheidend sind.

Es geht nicht um eine Politik der Angst, sondern um […] eine Furcht, die zum Handeln aus Verantwortung motiviert und nicht im optimistischen Blindflug annimmt, dass schon nichts passieren wird. Das ist mit Blick auf die Klimakatastrophe unabdingbar und auch hinsichtlich der Pandemie wichtig.

Ohne Furcht geht es nicht: ZEIT-Interview mit Wolfgang Palaver vom 22.12.2020


Von der Zukunft her denken

Vielleicht ist das in der Tat ein wesentlicher Kern eines Zukunftsbildes, das uns einlädt, von der Zukunft her zu denken. Ein gutes Leben für alle trotz erheblich erschwerter Lebensbedingungen, eine Menschheit, die sich als Teil des Erdsystems versteht und eine funktionierende demokratische Gemeinschaft pflegt, an der alle teilhaben können. Ist das die Herausforderung im nächsten Schritt? Können wir uns gemeinsam eine Post-Kollaps-Gesellschaft vorstellen? Und – genau so wichtig – können wir uns gemeinsam die Gratwanderung, den Weg, den Verlauf einer erfolgreichen Transformation vorstellen?

„But the real hope comes from the people.“ Greta Thunberg

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Sensoren (16): Der Klimawandel und die Hoffnung – zum Dritten
Sensoren (15): Nochmal – der Klimawandel und die Hoffnung
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Sensoren (21): Philipp Blom über die Macht unserer Vorstellungskraft

In einem Essay zum Jubiläum der Salzburger Festspiele, die in diesem Jahr ihr 100-Jähriges feiern konnten, geht der Philosoph und Publizist Philipp Blom der Frage nach, was es bedeutet, dass wir so gerne an der Vorstellung festhalten, wir lebten in der besten aller Welten. Was hat es mit unserer Vorstellung von der Welt auf sich? Ist es möglich, die Ordnung der Welt, die in den Köpfen der Menschen vorherrscht, so zu verändern, dass sie der veränderten Wirklichkeit entspricht?

In großen Schritten streift Blom durch die Jahrhunderte und zeichnet nach, wie sich die Vorstellung der Menschen von sich und der Welt gewandelt haben. Am Beispiel der kleinen Eiszeit im späten Mittelalter zeigt er, wie die Menschen zunächst versucht haben, mit ihren alten Bildern aus der Vergangenheit einer veränderten Gegenwart zu begegnen. Erst allmählich schälte sich in der Neuzeit die wissenschaftliche Methode als besonders ertragreich heraus. Die Menschen lernten langsam, sich andere Geschichten zu erzählen und aus ihnen heraus auch anders zu handeln. Die Parallele zu unserer Zeit wird bei der Lektüre dieses anregenden Buches sehr deutlich.

Im 16. Jahrhundert waren es Selbstgeißelungen, Kirchenlieder und Hexenprozesse, die verdecken sollten, dass die Geschichten der Vergangenheit den Herausforderungen der Gegenwart nicht die Stirn bieten konnten, dass sie keine Sprache und keine Bilder hatten für die neue Zeit. Vierhundert Jahre später lässt sich ein ähnlicher religiöser Eifer beobachten, ein ähnliches Aufheulen der Stimmen, die immer noch die Geschichten der Vergangenheit erzählen.

Blom: Das große Welttheater, Wien 2020, S. 41

Heute klingen die Geschichten der Vergangenheit ganz anders. Ihre Wirkung ist jedoch fatal. Wir alle kennen die Zahlen der Klimawissenschaften und wissen um die Folgen, die der Lebensstil der Konsumgesellschaft provoziert. Die Konsequenzen des Klimanotstands werden, so Blom, nicht nur von Wissenschaftsverweigerern und Verschwörungstheoretikern geleugnet, sondern auch von den Technikoptimisten und den Fortschrittspropheten, die auf die Erfolge bei Kampf gegen Kindersterblichkeit, Gewalt, Hunger und Armut verweisen. Blom wörtlich: „Das trifft auch zu. Statistisch gesehen ist dies die beste aller gewesenen Welten.“ Die Erfolge sind mit dem massiven Ressourcenverbrauch und den massiven Eingriffen in die Biosphäre allzu teuer erkauft. Die ständige Beschleunigung zeigt Nebenwirkungen. Diese würden zugedeckt, so Blom, mit einem Menschenbild der Marktgesellschaft, das auf der unendlichen Flexibilität des Menschen aufbaue.

Es sei schwer, betont Blom, im Überfluss über Eindämmung nachzudenken. Denn es entspreche eben nicht der Logik einer Zeit, die immer weitere Steigerung suche.

Technologien und Projektionen richten sich die Welt ein, schaffen ihre eigene Realität und machen es fast unmöglich, Alternativen ernst zu nehmen.

ebd., S. 75

Blom weist auf die Dramatisierung neuer Ideen hin, die in früheren Umbrüchen der herrschenden Ordnung das Geschehen geprägt haben.

Die Revolution und die Demokratie wären nicht möglich gewesen ohne Debatten und Romane, Tragödien und Flugblätter über Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, über republikanische Tugenden und politische Klassen, über Gerechtigkeit und Menschenrechte.

ebd., S. 77

Bloms Gedanken sind deshalb so inspirierend, weil sie einen einladen, darüber nachzudenken, wie wir aus dieser Logik gedanklich aussteigen können. Es geht in diesem Buch nicht um eine Zukunftsvision, um Szenarios oder um Prognosen für eine Welt nach der Klimakrise. Es geht um ein neues Selbstverständnis des Menschen, um ein Welt- und Menschenbild, das den Umwälzungen standhält. Die für Menschenrechte, Bürgerrechte und Freiheit eintretende Aufklärung scheint dieses Selbstverständnis nicht mehr nähren zu können, weil, so Blom, die Aufklärer nicht über eine graduelle Entwicklung ihrer Gesellschaften hinausdenken konnten.

Es ist damit aber noch lange nicht die ganze Aufklärung gescheitert, sondern nur die Idee, menschliche Gesellschaften würden sich linear und rational entwickeln, weil Menschen Vernunftswesen sind.

Die Aufklärer dachten nicht wissenschaftlich genug, als sie Menschen als Vernunftwesen beschrieben. Inzwischen zeigt ein beeindruckender Korpus von Forschung aus Zoologie, Biologie, Anthropologie und Genetik ein völlig anderes Bild. Das rationale, selbstbestimmte und frei handelnde Individuum, dessen Körper gegenüber der Außenwelt klar definiert ist, macht seinen Abgang von der Bühne der Geschichte als blasse Fiktion.

ebd., S. 95

Wie sieht das andere Bild aus, dessen Konturen am Horizont aufscheinen. Blom greift auf die Forschungen den Soziologen Bruno Latour zurück, der versucht, altes Fortschrittsdenken und die Trennung von Mensch und Natur zu überwinden. Stattdessen geht er von einer radikal anderen Vorstellung von der Zukunft aus, wie er kürzlich in einem Interview erläutert hat.

Wir sind von einer zeitlichen zu einer räumlichen Variante übergegangen. Im Fortschrittsdenken existierte die Zukunft ohne einen Ort. Heutzutage wird jegliche zeitliche Projektion durch die Tatsache eingeholt, dass man ebenso den Raum definieren muss, in dem wir eine Zukunft haben werden. [… ] Wo werden wir leben und mit wem? Das ist die grundlegende Frage.

Philosophie Magazin Sonderausgabe 16. Hamburg 2020, S. 16

Latour nennt diesen Raum, an den alles Leben gebunden ist, die „kritische Zone“ oder Gaia. Im Kern greift er damit auf die Gaia-Hypothese zurück.

Gaia ist […] das Leben und die lebensförderliche Umwelt – Luft, Boden und vieles mehr -, wie sie von den Lebewesen seit den ersten Bakterien verändert und gestaltet wurde. […] Die kritische Zone verortet die Idee von Natur. Wir sind in Gaia und niemand hat je eine andere Erfahrung gemacht. […] Diese Idee überwindet das Unvermögen der Biologen, die durch Lebewesen veränderten Lebensbedingungen in den Blick zu nehmen, ebenso wie das Unvermögen der Geologen, Lebewesen als Transformateure ihrer Umwelt in Betracht zu ziehen.

ebd., S. 18

Es sind auch für Latour die Grenzen der Vorstellungskraft, an die wir hier stoßen. Die „Klimaleugner“ seien nicht immer gekauft oder korrumpiert. Sie seien oft echte Anhänger der Moderne, die sich einen Ausweg aus der Krise nur als Fortsetzung der Moderne, des Fortschritts und der Entwicklung vorstellen können. Er bringt die Herausforderung auf den Punkt.

Wie sollen wir uns ökologischen Wohlstand vorstellen?

ebd., S. 19

Zurück zu Blom. Er greift das Bild von der „kritischen Zone“ auf.

Homo sapiens ist ein integraler Bestandteil der kritischen Zone, symbiotisch mit zahllosen Organismen zusammenlebend, ein Glied in der Evolutionsgeschichte, selbst ein Katalog von evolutionären Wundern, Irrtümern und Redundanzen. Zudem ist er tief durch soziale Kontakte, Erinnerungen, Geschichten und Praktiken vernetzt, dass das, was man „Identität“ nennt, einfach ein Punkt in dieser Matrix ist, eine Serie von Postitionen auf dem Kontinuum der Möglichkeiten.

Blom, Philipp: Das große Welttheater. Wien 2020, S. 95

Blom sieht die Chance, das aufgeklärte Denken neu zu beleben, indem es wissenschaftliche Modelle zur Basis eines narrativen Weltzugangs mache.

Wenn sich die menschliche Fantasie an der Erhitzung des Planeten entzündet und neue Träume träumt, wenn sie anfängt, andere Geschichten zu erzählen, können Transformationen sich auch da durchsetzen, wo sie noch kurz zuvor völlig undenkbar schienen, […].

ebd, S. 103

Wir erleben, so Blom, einen Kampf der Geschichten. Je stärker die disruptiven Effekte des Klimanotstands würden, desto größer werde das Bedürfnis nach Sicherheit, nach starken Männern, einfachen Lösungen, nach Bestätigung und Ausgrenzung. Es sei naheliegend, sich eine Zukunft vorzustellen, in der die Demokratie nur noch als abgespielte Kulisse auf der Bühne des Welttheaters stehe. Die Weiterentwicklung der liberalen Demokratie sieht er als offenes historisches Experiment, das die Möglichkeit erkundet, ohne designierten Feind und ohne Gewalt diverse und komplexe Identitäten zu integrieren und nur aufgrund gemeinsamer Interessen genug Gemeinsamkeit entstehen zu lassen, um miteinander entschlossen handeln zu können. Der Klimanotstand könnte diese gemeinsame traumatische Erfahrung sein, die in eine neue gemeinsame Geschichte mündet.

Übrigens setzt auch Latour auf die Wirkung der klassischen Geschichtenerzähler, wenn es darum geht, neuen Vorstellungen den Weg zu bahnen. Er glaube, bestimmte Kunstwerke und Theaterstücke oder auch geistliche Initiativen wie die Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus könnten uns helfen, die neue Situation zu verarbeiten.

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Sensoren (20): Critical Zones
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Was gute Führung ausmacht (20): Transformatives Unternehmertum als Zukunftskunst

I

Die Klimakrise scheint immer noch viele Menschen und viele Organisationen völlig unberührt zu lassen. Die Pandemie hält einen in Bann, die viel größere Bedrohung durch Erdüberhitzung, Verlust der Biodiversität und Umweltverschmutzung dagegen kaum. In einem Essay hat sich der Sozialpsychologe Harald Welzer mit dieser Gleichgültigkeit beschäftigt und darauf hingewiesen, dass der gesteigerte „Weltverbrauch“, der unseren Lebensstil prägt – den Begriff entlehnt er von Hartmut Rosa – in den Medien, der Politik, der Wirtschaft und der Werbung nach wie vor als wünschenwert gelte. Expansiver Luxuskonsum entfalte seine zerstörerische Wirkung besonders dann, wenn er zum Massenkonsum werde. Aber wie kann man Menschen in Hyperkonsumgesellschaften zu einem nachhaltigen Handeln motivieren? Welzer ist skeptisch: Aufforderungen zur Genügsamkeit stehen in Konkurrenz zur 24/7-Dauerbeschallung mit Werbung im Internet. Auf Bewusstseinsbildung zu hoffen, sei auch fragwürdig.

„Bewusstsein ist mit Handeln nur lose verkoppelt. … Parallel zum Anwachsen des Umweltbewusstseins ist das BIP kontinuierlich gewachsen … In aller Geschmeidigkeit ist [der Kapitalismus] in der Lage, wirtschaftlich zu inkorporieren, was sich ursprünglich krisitsch zu ihm verhielt. Auch Umweltbewusstsein kann warenförmig übersetzt werden.“

Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 47-48/2019, S. 17

Was an Unbehagen bleibt, wenn man Dinge tut, die eigentlich falsch sind, wird im Alltag kompensiert.

Menschen verhalten sich in unterschiedlichen Situationen höchst unterschiedlich, weil sie im Beruf, beim Sport, in der Familie, unter Freunden … mit beständig wechselnden Rollenerwartungen konfrontiert sind. … Moralische Überzeugungen sind nicht handlungsleitend, sondern geben uns eine Richtschnur dafür, welche Begründung dafür geeignet ist, eine falsche Handlung mit einem richtigen Bewusstsein in Deckung zu bringen.

ebd., S. 17f.

Die schlechten Nachrichten aus der Wissenschaft bewirken auch keine Veränderung des Lebensstils, sondern eher das Gegenteil. Erst recht gilt es, das Maximale herauszuholen. Die Erkenntnisse der Klimawissenschaft erzeugen Reaktanz. Welzer plädiert deshalb dafür, mit dem Mahnen und Warnen aufzuhören, weil der Wille zum Weltverbrauch mit der Intensität der Mahnungen und Warnungen nicht ab-, sondern zunehme.

Ein Pfadwechsel von diesem expansiven zu einem reduktiven Kulturmodell ist unabdingbar, so Welzer. Nur, wie soll er gelingen? Es sind die Praxisformen, die sich verändernde Praxis selbst, die den Wechsel herbeiführen. Welzer sieht eine „heterotopische Transformation“ am Werk, denn, so Welzer, sie baue ja auf vielen Elementen auf, die wie die Gewaltenteilung, das Wahlrecht oder die Rechtstaatlichkeit bewahrt werden sollen.

Deshalb geht es auch um keine „große Transformation“, sondern um ein modulares Projekt aus sehr vielen kleinen Transformationen, die im Idealfall zusammenwirken und konkrete Utopien bilden.

ebd., S. 19

Das zivilisatorische Projekt dürfe, anders als in der alten Moderne, kein Expertenprojekt sein, das technische und wissenschaftliche Eliten entwerfen und das Politik dann über die Lebenswelt legt, sondern es müsse in den Lebenswelten entworfen und erprobt werden. Noch nie habe es so viele Gruppen, Initiativen oder Genossenschaften gegeben, die sich anderen Wirtschafts- und Lebensstilen verschrieben hätten. „Transition Towns“, „Urban Gardening“, Repair-Cafés, Bürgergenossenschaften, Unverpackt-Läden, solidarische Landwirtschaft, Unternehmen der Gemeinwohlökonomie, Wohnprojekte, Ökodörfer – eine lange Liste von Experimenten und Laboren zählt Welzer auf, die künftiges Leben anschaulich machten.

II

Ganz anders klingt das Plädoyer von Uwe Schneidewind, den gesellschaftlichen Wandel als „Große Transformation“ zu verstehen, als einen offenen Prozess, der von vielen Akteuren gestaltet wird. Dazu braucht es eine Kunstfertigkeit, die er mit seinem Buch befördern möchte. Es liest sich wie die Quintessenz der Arbeit des Wuppertaler Instituts. das Schneidewind lange Jahre geleitet hat, und es soll zu einer verbesserten „Literacy“ in Transformationsprozessen beitragen.

Zu lange waren große Teile der Nachhaltigkeits-Community „Transformationsanalphabeten“ und glaubten daran, dass die Welt sich schon ändern würde, wenn wir die Größe der ökologischen und Entwicklungsherausforderungen nur plastisch genug beschreiben, technologische Lösungen und dazu passende Policy-Empfehlungen vorlegen. …

Wenn im 21. Jahrhundert eine Große Transformation hin zu einer Welt mit einem guten Leben für zehn Milliarden Menschen innerhalb planetarer Grenzen möglich werden soll, dann gilt es, das Wesen solcher Transformationsprozesse besser zu verstehen.

Schneidewind, Uwe: Die Große Transformation. Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels. Frankfurt 2018, S. 33

Die „Zukunftskunst“ ist danach die Fähigkeit, die sowohl Organisationen und Menschen gleichermaßen erlernen müssen, wenn sie die Große Transformation gestalten wollen, die notwendig ist, um die irreversiblen Schäden am Erdsystem und damit an den Lebensgrundlagen der Menschheit noch zu verhindern. Der Begriff Große Transformation geht auf Karl Polanyi (1944) zurück, wurde vom Wissenschaftlichen Beitrag Globale Umweltveränderungen (WBGU) in seinem Hauptgutachten 2011 aufgegriffen und ist nun Gegenstand dieses wichtigen Buches über die Möglichkeiten, ein „gutes Leben“ mit dem nötigen Respekt vor den planetaren Grenzen zu führen.

Schneidewind verwendet den Begriff „Literacy“, weil dieser die Vielschichtigkeit und Komplexität, ähnlich wie beim Lesen und Schreiben, besser trifft. Die Kenntnis von Buchstaben und Wörtern reicht nicht aus. Erforderlich ist zudem eine Kenntnis von Grammatik und Kontexten, um das Gelesene oder Geschriebene richtig einzuordnen. Ähnlich bedeutet transformative Literacy oder „Zukunftskunst“, mit der „Vieldimensionalität von Transformationsprozessen“, mit dem Zusammenspiel von Technologie, Ökonomie, Institutionen und Kultur umgehen zu können. Schneidewind verortet „Zukunftskünstler“ überall, in der Zivilgesellschaft, Politik, Unternehmen und Wissenschaft. Zukunftskünstler ist, wer fähig ist,

aktive Beiträge zur Gestaltung einer am Leitbild der Nachhaltigkeit orientierten Zivilisation zu leisten. …

Auch wenn Technologien, Geschäftsmodelle und Politik wichtig sind – am Ende verändern Ideen und neue Wertvorstellungen die Welt. Jede große Transformation ist letztlich eine moralische Revolution. Erst in ihrem Windschatten verändern sich Politik, Wirtschaftssysteme, Technologien und Infrastrukturen.

ebd., S. 41

Rund 150 Seiten widmet das Buch den Akteuren, die aus unterschiedlichen Rollen heraus Verantwortung für die nachhaltige Entwicklung übernehmen. Zwei dieser Rollen seien hier beispielhaft herausgegriffen.

Transformativer Journalismus

In Demokratien kommt, so Schneidewind, dem Journalismus nicht nur eine Informations-, Transparenz- und Kontrollfunktion zu , sondern auch Initiativfunktionen.

Journalismus trägt dazu bei, dass gesellschaftlich relevante Themen und ihr politischer Umgang damit öffentlich thematisierbar und verhandelbar werden. …

Eine für die Begleitung von Transformationsprozessen wichtige Strömung ist der „konstruktive Journalismus“ … Er zielt nicht auf den kurzfristigen Nachrichteneffekt, sondern auf eine Handlungsbefähigung von Leserinnen und Lesern. In der Großen Transformation muss konstruktiver Journalismus letztlich zum „Transformativen Journalismus“ … werden, der … Pionierinnen und Initiativen des Wandels ermutigt, orientiert, informiert und vernetzt. Gerade die Begleitung und die überregionale Vernetzung lokaler Transformationsprozesse könnte ein transformativer Journalismus erheblich stärken.

ebd., S. 357
Transformatives Unternehmertum

Die alte Gleichsetzung von Gewinnorientierung und Gemeinwohlorientierung von Unternehmen funktioniert immer weniger. Ein Grund liegt darin, so Schneidewind, dass der Staat mit der angemessenen Rahmensetzung im globalen Wettbewerb überfordert ist. Schneidewind plädiert daher für eine neue „Theorie der Firma“, die zeige, wie Unternehmen zum Motor für eine nachhaltigere Welt werden können, und die das eindimensionale, neoliberale Unternehmensverständnis der letzten Jahrzehnte ablöse.

Den meisten Unternehmen ist heute klar, dass sie sich um die sozialen und ökologischen Folgen ihres Tuns kümmern müssen. An den Nachhaltigkeitsberichten lässt sich jedoch leicht erkennen, dass der Schritt zu einer Nachhaltigkeit im engeren Sinne noch aussteht.

Es geht in diesen Fällen vielmehr darum, die eigenen Geschäftsstrategien konsequent und kontinuierlich im Hinblick auf bestehende gesellschaftliche Herausforderungen zu hinterfragen.

ebd., S. 367

Im Mitelpunkt unternehmerischer Tätigkeit steht der gesellschaftliche Mehrwert, den Unternehmen erbringen. Als Kompass für diese Gesellschaftsorientierung von Unternehmen bieten sich die Sustainable Development Goals (SDG) der UN an.

Von UNDP – https://www.undp.org/content/undp/en/home/sustainable-development-goals.html, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52672594

Das Wuppertal Institut hat einen SDG-Check entwickelt, mit dem Unternehmen regelmäßig analysieren können, zu welchen Entwicklungszielen das Unternehmen beiträgt und welche Entwicklungsziele es unterläuft. Von der Ausrichtung an einem solchen Kompass hängt ab, ob Unternehmen das disruptive Potenzial neuer Technologien nutzen können oder ob sie problematische Geschäftslogiken nur verlängern oder verstärken.

Technologische Neuerungen der Informations- und Kommunikationstechnik, der Materialforschung und der Lebenswissenschaften, definieren Geschäftsmodelle häufig neu. Besonders für Unternehmen mit lange etablierten Geschäftsmodellen ist das eine Herausforderung.

Gelingt es großen Energieversorgern, sich auf eine Welt regernativer Energien einzustellen? Wird die deutsche Automobilindustrie mit ihrer weltweit führenden Stellung in Verbrennungsmotoren auch führend in einer zukunft dekarbonisierter Mobilität sein? Wie kann sich ein Unternehmen wie McDonald’s auf Märkte mit stärker an Gesundheit und Nachhaltigkeit orientierten Ernährungsgewohnheiten einstellen?

ebd., S. 374

Notwendig sind, so Schneidewind, resiliente Geschäftsmodelle, die Zukunft antizipieren und zugleich ökonomische Stabilität unter aktuellen Marktbedingungen gewährleisten können.

Für die Umsetzung solcher resilienter Geschäftsmodelle ist der Blick über den Tellerrand des eigenen Unternehmens wichtig. Sie lassen sich oft nur im Rahmen neuer Kooperationen mit anderen Unternehmen und Branchen,, insbesondere aber auch mit Politik und zivilgesellschaftlichen Akteuren realisieren. Unternehmen sind hier … als strukturpolitische Akteure gefragt.

ebd., S. 376

Schneidewind betont, dass Unternehmen schon immer strukturelle Anpassungen vorgenommen und, z.B. durch Aufkäufe oder technische Standards, Einfluss auf Marktstrukturen genommen. Entscheidend sei, dass diese strukturpolitische Verantwortung bewusst angenommen wird und nicht im Verborgenen läuft.

Ähnliches gilt auch für die kulturprägende Rolle von Unternehmen. Sie können ihre Verantwortung darauf richten, nachhaltige Konsumkulturen und auch an diesen Werten ausgerichtete Management- und Organisationskulturen zu prägen.

Pioniere des Wandels

Veränderung geht letztlich immer von Individuen aus. Wer Zukunftskunst beherrschen will, wer die gewohnte strukturelle Dynamik aufbrechen will, braucht einen neuen Kompass für die Gesellschaft. Schneidewind greift den Gedanken des Pfadwechseln hin zu einem reduktiven Kulturmodell („reduktive Moderne“) von Welzer auf.

Damit ist eine Zukunft gemeint, die uns die gesellschaftlichen Errungenschaften der Moderne (Freiheit, persönliche Entfaltung, Frieden, Gerechtigkeit) erhält, ohne auf immer weiteres materielles Wachstum angewiesen zu sein.

ebd., S. 453f.

Die persönliche Zukunftskunst bedeutet, das Zusammenspiel von individueller, organisatorischer und gesellschaftlicher Ebene zu verstehen und zur aktiven Gestaltungsaufgabe zu machen. Entscheidend ist, sich von der Illusion zu lösen, dass sich mit der ökologischen und sozialen Ausrichtung des Konsums eine nachhaltige Welt von selbst einstellen werde. Es braucht Bürger, die als Pioniere des Wandels agieren. Sie engagieren sich in ihren institutionellen Kontexten, in Unternehmen, Politik, Kirche, Umweltverbänden oder lokalen Initiativen.

Kopf, Herz und Hand – die Idee der in eine Richtung weisenden Dreiheit hat Pestalozzi schon im 19. Jahrhundert geprägt – stehen für Wissen, Haltung und Fähigkeiten. Es braucht Wissen um die Klimawirkung und Ressourcenintensität unserer heutigen Art zu Wirtschaften, über die ökologischen und sozialen Folgen der Klimaveränderungen, über technologische Alternativen, über Möglichkeiten, kulturelle, institutionelle und ökonomische Veränderungen herbeizuführen. Es braucht eine Haltung, die in Situationen stabilisiert, in denen ansonsten Routinen, Bequemlichkeit oder Ängste bremsen. Grundlage einer solchen Haltung ist eine Vision, die zum Kompass des eigenen Handelns wird. Es braucht eingeübte Fähigkeiten.

Es reicht nicht aus, nur die einzelnen Buchstaben und Wörter zu kennen, erst durch ihre über die Zeit reifende Anwendung in immer wieder anderen Kontexten entsteht eine wirkliche Sprach-, Lese- und Ausdrucksfähigkeit. Die konkrete Tat führt dann zur Meisterschaft.

ebd., S. 463

Für Schneidewind sind „Entrepreneure“ wichtige Akteure in der Großen Transformation. Sie zeichnen sich durch eine Haltung der Widerständigkeit aus, sind sie doch überzeugt, dass sich Dinge auch anders und erfolgreicher lösen lassen. In der Großen Transformation bringen sie mehr als nur neue Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle hervor. Unternehmerische Kompetenz bedeutet heute, Chancen zu erkennen und zu ergreifen und kreative Prozesse zu planen und zu verwalten, die einen kulturellen, sozialen oder finanziellen Wert besitzen.

Bei den Fähigkeiten geht es um Achtsamkeit, mit der mögliche Zukünfte erspürt werden können oder um Kompetenzen des Transformationsdesigns. Als Beispiel für eine Methode der Zukunftsgestaltung in Transformationsprozessen nennt Schneidewind u.a. die Theory U von Otto Scharmer, einem Modell für einen Gruppenprozess, der in sieben Schritten hilft, sich von alten Denk- und Verhaltensmustern zu verabschieden, ein Einfühlen auf mögliche Zukünfte fördert und zu produktivem Handeln in Transformationsprozessen führt.

III

Die große Transformation ist in vollem Gange. Zu diesem Eindruck kommt, wer das Buch von Uwe Schneidewind liest. Wenn Harald Welzer dieses Bild zurückweist und stattdessen die Erfolgsaussichten in vielen kleinen Transformationen sieht, dann regt das vielleicht den Bürgersinn an, sich als Pionier des Wandels zu versuchen und an Experimenten und Laboren zu beteiligen. Damit ist es jedoch nicht getan. Ob daraus eine Transformation der Gesellschaft erwächst, hängt sehr davon ab, wie das Zusammenspiel von Personen und Organisationen beeinflusst wird. Es braucht auch Pioniere, die ihre Möglichkeiten nutzen, auf das Zusammenwirken der Organisationen und Institutionen Einfluss zu nehmen. Erst daraus entsteht so etwas wie Gesellschaft – im besten Fall eine Gesellschaft, die gelernt hat, einen Wohlstand für alle mit der Achtung vor den planetaren Grenzen zu verbinden.

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Sensoren (15): Nochmal – der Klimawandel und die Hoffnung

Sensoren (20): Critical Zones

In seinem „Terrestrischen Manifest“ von 2018 hat sich der französische Soziologe Bruno Latour mit einer völlig neuen Beziehung zum planetaren Lebensraum befasst. Jetzt lassen sich diese wegweisenden Gedanken in einer Ausstellung des ZKM in Karlsruhe vertiefen. Critical Zones – Horizonte einer neuen Erdpolitik, so der Titel des von Latour gemeinsam mit Peter Weibel kuratierten Projekts. Der Begriff ist von Geowissenschaftlern geprägt worden. Er beschreibt die dünne Membran, die unseren Planeten umgibt und den gemeinsamen Raum für alle lebenden Organismen bildet. Alles Leben in dieser dünnen Schicht trägt dazu bei, die Bedingungen in diesem Lebensraum zu formen. Der Mensch tut dies in zerstörerischer Weise.

„Kritisch“ wird diese dünne Schicht, von der wir und alle anderen Lebensformen auf der Erde in höchstem Maße abhängig sind, deshalb genannt, weil sie in einen Zustand der Intensivbehandlung übergegangen ist. Wir müssen alles daransetzen, für ihr Wohlergehen Sorge zu tragen.

https://critical-zones.zkm.de/#!/

Was ist zu tun? Wir müssen ein angemessenes Verhalten in der kritischen Zone erlernen. Zunächst gelte es, so Latour im Manifest, zu beschreiben.

Dafür muss man bereit sein, die Lebensterrains als das zu definieren, wovon ein Erdverbundener für sein Überleben abhängt, und sich dann zu fragen, welche anderen Erdverbundenen von ihm abhängig sind.

Latour: Das Terrestrische Manifest, Berlin 2018, S. 110 (Hervorhebung im Original)

Die Ausstellung zeigt eindrucksvolle Beispiele aus Wissenschaft und Kunst, wie diese wechselseitigen Abhängigkeiten in der Kritischen Zone erkundet werden können. Wegen der Corona-Pandemie hat das ZKM die Ausstellung in einen hybriden Erlebnisraum verlagert, der in der digitalen Sphäre nach und nach mit Inhalten gefüllt wird und durch den realen Erlebnisraum vor Ort in Karlsruhe ergänzt wird.

Critical Zone Observatories

Die Ausstellung stellt Freiluftlabore (Critical Zone Observatories – CZO) vor, die mit Sensoren und Messinstrumenten das Geschehen in den Kritischen Zonen beleuchten. Ein Beispiel: Ein Flusslabor, eine Buchen- und eine Fichtenstation, ein Gravimeter und andere Instrumente zeichnen ein genaues Bild des Zustands am Strengbach in den Vogesen. Das Labor wird in einem umgestülpten Modell der Kritischen Zone abgebildet, in der die Atmosphäre innen und die Gesteinsschichten außen dargestellt sind. Das verstärkt den Eindruck des geschlossenen Systems und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Wechselwirkung zwischen den Schichten innerhalb der Kritischen Zone.

“Das Leben ist kein Ding, es ist ein Prozess.“

Die grundlegende Hypothese stammt von James Lovelock und Lynn Margulis. Danach verändern lebende Organismen ihre Umgebung und passen sich zugleich an sie an. Alle Lebensformen auf der Erde sind das Ergebnis einer Symbiogenese, des Zusammenschlusses unterschiedlicher Organismen, der neues Leben hervorbringt. Alle Organismen sind danach abhängig von anderen Organismen und ihrer erfolgreichen Einbindung in Ökosysteme. Wälder und andere Pflanzen beispielsweise verändern die Luftfeuchtigkeit in ihrer Nähe und schaffen so lebenswerte Bedingungen weit über ihre unmittelbare Umgebung hinaus. Der menschliche Exzeptionalismus hingegen führt in die ökologische Krise.

In der Ausstellung sind einige Videos mit Lynn Margulis versammelt, z.B. eines von 1993 über Cyanobakterien im Ebro-Delta, das „Gewebe Gaias“.

Das Gewebe Gaias lehrt uns, dass wir unsere menschlichen Aktivitäten auf unsere globale Umgebung abstimmen müssen, indem wir unsere eigenen Recyclingzyklen perfektionieren. Denn: „Müll verschwindet nie, er wandert nur im Kreis.“

„Geisterflächen“

Fragt man Menschen, wo sie leben, so wird ihre Antwort sich auf einen Punkt auf der Landkarte beziehen, an dem sich ihr Zuhause befindet. Fragt man sie jedoch nach den Orten, aus denen sie ihren Reichtum schöpfen, so werden sie eine vollkommen andere Karte zeichnen müssen, von allen Gebieten, auf die sie angewiesen sind.

https://critical-zones.zkm.de/ Lokalisierung: Ghost Acreages

Ein Grundgedanke der Ausstellung ist es, beide übereinander zu legen, das Land in dem wir leben und das Land, von dem wir leben. Ein Beispiel ist die Zeitleiste, die Armin Linke mit seinem Team in seinem Werk Blind Sensorium über Jahre zusammengetragen hat. Sie begleiteten und interviewten WissenschaftlerInnen, PolitikerInnen und AktivistInnen und hatten Zugang zu Labors, Datenzentren und politischen Verhandlungsräumen – kritischen Schauplätze für die Ökosysteme der Erde.

Terrestrische Universität

Eine experimentelle Vorlesungsreihe – die „terrestrische Universität“ lädt dazu ein, sich näher mit der Erforschung und dem Verstehen der kritischen Lage der Erde zu beschäftigen.

Dort ist auch dieser aufschlussreiche Vortrag von Julia Pongratz, Professorin für Physische Geografie und Landnutzungssysteme über die Grundlagen des Klimawandels zu sehen.

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Manifeste (7): Das terrestrische Manifest von Bruno Latour

Sensoren (19): Selbstbild, Fremdbild, Netzbild – ein digitales Identitätscockpit

Verletze niemanden; trage konstruktiv zur Weiterentwicklung der
digitalen Allmende und zur Entwicklung anderer bei, soweit du nur kannst.

So könnte das Prinzip eines digitalen Humanismus lauten, angelehnt an einen Leitsatz von Schopenhauer. Gunter Dueck, Max Senges und Martin Schössler legen es ihren Überlegungen für eine digitale Identität und für die Verwirklichung des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung zugrunde, die sie in einem Papier, veröffentlicht im Herbst 2019, notiert haben.

Was passiert, wenn wir in die Suchmaschine unseren eigenen Namen eingeben? Datenanalysten und Algorithmen der Plattformbetreiber und Marketing-Dienstleister erstellen daraus ein Persönlichkeitsprofil, ob wir das wollen oder nicht. Wie das funktioniert, kann man z.B. auf einer Website der Universität Cambridge namens Apply Magic Sauce ausprobieren.

Mit einem Identitätscockpit das Netzbild selbst gestalten

Die Autoren stellen sich vor, dass ein Identitätscockpit alle wichtigen Dokumente enthält. Wir können sie in einer sicheren Cloud speichern und verwalten. Ähnlich, wie verifizierte Twitter-Accounts ein blaues Häkchen bekommen, könnten sich in dem Cockpit Dokumente befinden,

die ich selbst eintragen kann (ohne blaues Häkchen) und solche, die als echte Dokumente von dazu Berechtigten eingefügt wurden. Ich möchte einen blauen Haken von der Uni hinter meiner Doktorurkunde, einen vom Patentamt bei den Patenten, einen vom Arzt bei der Blutgruppe. Es gibt also „meine“ Einträge und „beglaubigte“.

In dem Identitätscockpit kann jeder Mensch selbst bestimmen, welche Daten er wem freigibt, für welchen Zweck und für wie lange. Jeder Mensch kann seine Daten für andere sperren. Die Autoren räumen ein, dass ein solches Identitätscockpit voraussetzungsreich ist, wenn es gegen Hackerangriffe geschützt sein soll und wenn der Bürger die Löschung seiner Daten durch den Internethändler bei Entzug der Nutzungsberechtigung durchsetzen will.

Wir brauchen sichere IT und harte Gesetze!

Vorbild könnte, so die Autoren, Estland mit seinem Digitalprojekt e-estonia sein. Das kleine Land im Baltikum gilt als Vorreiter in eGovernment und eCitizenship. Und wie sieht es dort mit Datenschutz und Datensicherheit aus? Das digitale Estland setzt beim Datenschutz auf „Truth by Design“, so erzählt Tobias Koch, ein Deutscher mit estnischem Bürgerausweis, in einem Feature von Deutschlandfunk Kultur.

„Jeder Zugriff auf Daten wird registriert. Das heißt: Wenn ich in einer estnischen Steuerbehörde oder einer Bank arbeite – ich nutze diese Karte auch, um mich dort zu identifizieren. Das heißt, wenn das Finanzamt meine Informationen im Einwohnermeldeamt abfragt, dann kann ich das später in einer Logfile sehen. Ich habe einen Timestamp, ich habe eine Beschreibung, was gemacht wurde und wer das gemacht hat. Und das ist etwas, das in Estland das ,reversed Big Brother Principle‘ genannt wird. Man übermittelt Daten, aber ich kann – statt vor Ehrfurcht zu erstarren, dass der Staat meine Information hat -, wenn es einen unberechtigten Zugriff gab, die Institution zur Verantwortung ziehen.“

Bei der Datensicherheit geht Estland ebenfalls neue Wege, setzt auf Blockchain und hat die Daten in einer data embassy in Luxemburg gesichert.

Offener Standard für Identitätsmanagement fehlt

Digitale Identität schreckt viele ab, weil mittlerweile viel Missbrauch in der Welt ist. Es drängt sich die Frage auf: Ist eine Umkehrung des Überwachungsprinzips nach dem Muster von „Big Brother“ überhaupt möglich? Dueck, Senges und Schössler gehen bei ihrer Suche nach einer Antwort in Anlehnung an Larry Lessig davon aus, dass die grundlegende technologische Architektur bereits darüber entscheidet, ob Kontrolle (Technology of Control) oder Teilhabe (Technology of Access) angestrebt wird. Das abschreckende Beispiel für eine Kontrollarchitektur ist das chinesische Social Credit System, in dem die Menschen dem intransparenten Algorithmus ausgeliefert sind, nach dem ihre Handlungen über Anreize „belohnt“ oder durch Ausschluss bestraft werden.

Auf dieser Basis entwickeln die Autoren den Grundriss einer digitalen Identitätsarchitektur. Sie betonen, dass Informationstechnologie (IT) mit der Lebensführung der Bürger unauflöslich verknüpft ist. IT hat unmittelbare soziale Auswirkungen.

Die Stärkung der Sicherheit in der digitalen Gesellschaft liegt damit in der gemeinsamen Verantwortung sowohl des Einzelnen als auch privater und öffentlicher Körperschaften im In- und Ausland. Die Debatte um die zukünftige (digitale) Identitäts-Architektur gehört somit in die breitere
Öffentlichkeit und darf nicht mehr nur in Expertenzirkeln geführt werden.

Der Vorschlag sieht vor, dass Bürger überhaupt erst einmal die Möglichkeit eingeräumt wird, eine elektronische ID zu beantragen. Sie soll zum einen Informationen über einen selbst einsehbar, zum anderen Informationen für Dritte abrufbar bereithalten. Denkbar ist eine solche ID auch für Unternehmen, Vereine und andere Institutionen. Falls an die schon existierende Steuer-ID der Finanzbehörden angeknüpft werden soll, ist zu beachten,

dass hier nicht nur erweiterte Möglichkeiten, sondern eine grundweg an Fähigkeiten positiv orientierte Nutzerbeziehung realisiert wird, die sich nicht in finanziellen oder rein behördlichen Interaktionsmustern erschöpft.

Denn tatsächlich gibt es ja in Deutschland bereits umfangreichste Datenpools. Da die meisten Daten im urbanen Umfeld sowie bei den neuen Mobilitätslösungen anfallen, bilden die kommunalen Rechenzentren einen der wichtigsten Knotenpunkte.

Es handelt sich also nicht um eine staatliche Bürger-ID, sondern um eine staatlich anerkannte ID, mit der Bürger z.B. ihrer Bank oder ihrem Vermieter den relevanten Datenausschnitt zukommen lassen könnten. Diese Form des Identitätsmanagements würde natürlich auch das magische Dreieck der Datenbeziehungen von Privatpersonen, Unternehmen und staatlichen Institutionen verändern. Vor allem würde das Risiko von Providern, deren Geschäftsmodell auf Daten beruht, steigen, während die Wertschöpfung durch Identifizierung durch den ID-Dienstleister erbracht würde.

Selbstbild, Fremdbild, Netzbild

Die Persönlichkeit, wie sie sich im Netz abbildet, würde so für die Bürger im Sinne des informationellen Selbstbestimmungsrecht gestaltbar. Das bewusst gestaltete Netzbild würde auf die Akteure im Netz, Unternehmen und staatliche Institutionen, treffen. Bürger könnten je nach Bedarf und Anlass die jeweils relevanten Eigenschaften kenntlich und andere unkenntlich machen. Ähnlich wie Influencer es schaffen, mit ihrem Netzbild andere dazu zu bringen, ihren Handlungen oder Ansichten bezogen auf kommerzielle Produkte zu folgen, könnten Netzbilder auch für Zwecke des Gemeinwohls wirksam werden. Fridays for Future ist für die Autoren ein aktuelles Beispiel.

Wenn wir also in der Lage sind, unser Selbstbild und Netzbild in Einklang zubringen und dieses auf ein entsprechendes Interesse in der Gesellschaft trifft, kann unser Netzbild eine skalierbare positive Veränderung der Gesellschaft bewirken.

Der Vorschlag klingt nach meinem Eindruck optimistisch, vielleicht auch utopisch. Es ist jedoch alle Anstrengung wert, die digitale Souveränität der Bürger zu verwirklichen. Als Alternativen zur Übertragung der demokratischen Grundwerte in die Netzwelt drohen, für alle längst sichtbar, der digitale Totalitarismus des „Big Brother“ nach chinesischem oder des „Big Nudging“ nach amerikanischem Muster.

Sensoren (18): Fragen zur Selbstreflexion in der Corona-Krise

Mit der Corona-Krise und dem weitgehenden Herunterfahren des sozialen und des ökonomischen Lebens ist die Frage verbunden, was diese Krisenerfahrung für die Gestaltung unserer Zukunft bedeutet. Besonders drängend ist die Frage, wie sich Corona-Krise und Klimakrise zueinander verhalten. Werden wir die Chancen nutzen, die sich jetzt bieten? Wird die Menschheit die große Transformation vorantreiben und beherzte Schritte hin zu einem nachhaltigen Leben gehen? Eine bewusste Verknüpfung der aktuellen Erfahrungen mit dem Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft hängt auch davon ab, wie weit jedem einzelnen von uns und uns miteinander ein Umdenken gelingt.

I

In der SWR2-Radiosendung „Eine Gesellschaft verändert sich – Was wir aus der Corona-Pandemie lernen können“ hat der Soziologe Stefan Selke dieser Tage einen Bedarf an Utopien festgestellt.

Es gibt Kritik an den Zuständen, aber keine positiven Wunschformulierungen. Anstatt in utopisches Kapital zu investieren, werden Standardwelten reproduziert. Affirmativ hält man sich an das bereits Bekannte. Doch die Verdopplung des Bestehenden ist keineswegs das Neue. Wer aber wirklich etwas verändern möchte, sollte aus der Zukunft zurückdenken.

Er schreibt Utopien eine Spiegelfunktion zu. Sie lenken den Blick zurück auf das Zeitalter, auf die Kultur und auf die Gesellschaft, in der sie entstanden sind. Es brauche, so Selke, allerdings eine realistische Bestandsaufnahme und die Fähigkeit, die Vielfalt der Optionen zu erkennen. Wir sollten lernen, unsere Ideale genauer zu definieren.

II

Der französische Soziologe Bruno Latour hat einen Fragebogen veröffentlicht, der unsere persönliche Beziehung zur Welt in den Fokus nimmt. Er knüpft damit an den Vorschlag aus seinem „Terrestrischen Manifest“ an. Was kann man in diesen Zeiten der Orientierungslosigkeit tun? Zunächst beschreiben.

Es geht nicht mehr darum, ein Produktionssystem fortzuführen oder umzusteuern, sondern aus der Produktion als einziges Prinzip der Beziehung zur Welt auszusteigen. Es ist keine Frage der Revolution, sondern der Auflösung, Pixel für Pixel.

In der Tradition der Akteur-Netzwerk-Theorie lädt uns Latour ein, die Zeit der Ausgangsbeschränkungen zu nutzen und zunächst für uns selbst, dann als Gruppe zu beschreiben, woran wir gebunden sind, wovon wir bereit sind, uns zu befreien, welche Ketten wir bereit sind, wieder aufzubauen und welche wir mit verändertem Verhalten unterbrechen wollen.

Im ersten Schritt geht es darum, eine Liste der Aktivitäten zu erstellen, die uns durch die aktuelle Krise entzogen werden und deren Verlust uns das Gefühl gibt, dass damit wesentliche Lebensgrundlagen verletzt werden. Diese Liste gilt es im zweiten Schritt anhand der Fragen durchzugehen.

Frage 1: Welche der jetzt ausgesetzten Aktivitäten sollen wieder aufgenommen werden?

Frage 2: Beschreiben Sie, warum diese Aktivität Ihnen schädlich / überflüssig / gefährlich / inkohärent erscheint und wie ihre Abschaffung, Unterbrechung oder Substitutionandere –von Ihnen geschätzte –Aktivitäteneinfacher /kohärenter machen würde. (Schreiben Sie für jede der in Frage 1 genanntenAktivitäten einen eigenen Absatz).

Frage 3: Welche Art von Maßnahmen schlagen Sie vor, um ArbeitnehmerInnnen, Angestellten, VertreterInnen oder AuftragnehmerInnen – die nicht mehr in der Lage sein werden, die von Ihnen abgeschafften Tätigkeiten fortzusetzen – den Übergang zu anderen Aktivitäten zu erleichtern?

Frage 4: Welches sind die derzeit ausgesetzten Aktivitäten, von denen Sie hoffen, dass sie sich entwickeln, dass sie fortgesetzt werden oder sogar von Grund auf neu erfunden werden könnten?

Frage 5: Beschreiben Sie, warum Ihnen diese Aktivität positiv erscheint. Beschreiben Sie wie diese Aktivität die anderen – von Ihnen geschätzten – Aktivitäten erleichtert, harmonischer oder kohärenter macht und wie sie dazu beiträgt, diejenigen Aktivitäten zu bekämpfen, die Sie für ungünstig halten. (Verfassen Sie für jede der in Frage 4 aufgeführten Antworten einen eigenen Absatz).

Frage 6: Welche Art von Maßnahmen empfehlen Sie, um ArbeitnehmerInnen, Angestellten, VertreterInnen oder UnternehmerInnen zu helfen, damit diese die notwendigen Kapazitäten / Mittel / Einkommen / Instrumente zur Verfügung haben, um diese Aktivität fortzusetzen, weiterzuentwickeln oder neu zu erschaffen?

Das Ergebnis dieser Beschreibung kann sodann in einem dritten Schritt mit der Beschreibung anderer abgeglichen werden. Überschneidungen und Gegensätze in den Antworten werden mit der Zeit eine „Landschaft aus Konfliktlinien, Bündnissen, Kontroversen und Gegensätzen“ entstehen lassen.

III

Mit der Theory U hat Otto Scharmer, Senior Lecturer am MIT, ein Modell und einen Werkzeugkasten mit verschiedenen Methoden entwickelt, die in dieser Situation ebenso helfen können, den eigenen Beitrag zum Wandel für sich zu klären und konkrete Schritte anzugehen. Die Theory U ist ein Modell, das eine tiefgreifende Veränderung in sieben Schritten, dem sogenannten U-Prozess, zu bewirken versucht. Mit Methoden der Gesprächsführung und der Gruppenarbeit versuchen die Akteure, den Fokus der Aufmerksamkeit umzulenken. In einem Blogbeitrag hat Scharmer kürzlich die Theory U auf die Corona-Krise angewendet und aufgezeigt, wie der Weg von der Corona-Krise zum Klimaschutz aussehen könnte.

Was wäre, wenn wir diese Unterbrechung als Gelegenheit nutzen würden, alles loszulassen, was in unserem Leben, in unserer Arbeit und in unseren institutionellen Routinen nicht wesentlich ist? Wie könnten wir uns neu ausmalen, wie wir zusammen leben und arbeiten? Wie könnten wir die grundlegenden Strukturen unserer Zivilisation neu überdenken? … Wie könnten wir unsere wirtschaftlichen, demokratischen und lernenden Systeme so umgestalten, dass sie die ökologischen, sozialen und spirituellen Gräben unserer Zeit überbrücken?

https://medium.com/@sascha.g.berger/acht-aktuelle-lektionen-von-otto-scharmer-vom-coronavirus-zur-klimaaktion-6588e131a519

Darüber miteinander ins Gespräch kommen, mit Freunden, in der Familie, mit Organisationen und Gemeinschaften, das ist Scharmers Anliegen in diesen Tagen.

Eine Methode aus dem Werkzeugkasten ist der Social Solidarity Circle. Es handelt sich um eine Gruppenübung, die man in diesem Sinne nutzen könnte, um die persönliche Reflexion – z.B. die Antworten auf den Fragebogen von Latour – mit anderen zu vertiefen. Die Übung ist Teil eines Programms, das das Presencing Institut von Scharmer im vergangenen Jahr gestartet hat. Das Programm GAIA – Global Activation of Intention and Action – ist als weltweites Online-Lernangebot angelegt und möchte ein neues Bewusstsein aus der Auseinandersetzung mit den aktuellen Brüchen unserer Zeit anregen. Natürlich kann die Übung auch in anderen Zusammenhängen angewendet werden.

IV

Übrigens hat Carolin Emcke in ihrem Tagebuchprojekt bei der Süddeutschen Zeitung in der Auseinandersetzung mit den Fragen von Bruno Latour eigene Fragen formuliert. Dahinter steht ebenfalls das Anliegen, die Chance zu nutzen und die Verhältnisse neu zu gewichten. Sie sind stärker auf die Bewältigung der aktuellen Krise, können aber ebenfalls zu einem grundlegenden Bewusstseinswandel angesichts der Klimakrise beitragen.

1. Welche der Aktivitäten, die Sie im Augenblick als existentiell erleben, welche der sozialen Praktiken, welche der solidarischen Gesten, welche der kreativen Formate, welche der ökonomischen Hilfsangebote sind unverzichtbar, spenden Trost, mildern die Not, verweisen auf eine Gemeinschaft, die es auch anschließend geben sollte?

2. Welche Berufe, die Sie im Augenblick als besonders notwendig und unverzichtbar erleben, sollten anschließend auch personell ausgebaut und finanziell gewürdigt werden? In welche soziale Infrastruktur, die Ihnen im Augenblick besonderen Schutz oder Fürsorge bietet, sollte anschließend massiv investiert werden? Welche Quellen, Verlage oder journalistische Angebote, die Ihnen im Augenblick besonders zuverlässig Informationen liefern oder Orientierung bieten, sollten besser unterstützt und bezahlt werden?

3. Wie ist es mit all den Tätigkeiten und Aufgaben, die im Augenblick als nicht „notwendig” oder nicht „systemrelevant” deklariert werden, die aussetzen müssen mit etwas, das ihnen wertvoll ist, die nicht als Logopädinnen oder Kellner, die nicht als Anlagenmechaniker oder als Kamerafrau, nicht als Koch oder als Schauspielerin arbeiten können, was ist mit all den Tätigkeiten und Aufgaben, die es doch auch braucht, die ausdifferenziert und arbeitsteilig erst das herstellen, was wir nutzen oder lieben ? Wie signalisieren wir ihnen unsere Wertschätzung, wie ersetzen wir ihre Verluste?

„Innen leben“ – ein Kartenset für mehr psychische Widerstandskraft

Der Psychologe Michael Bohne und die Psychotherapeutin Sabine Ebersberger haben ein Kartenset entwickelt, das vielleicht in diesen belastenden Zeiten tiefer Verunsicherung für ein wenig Entlastung sorgen kann.

Mit INNEN-LEBEN bekommen Sie ein Werkzeug in die Hand, mit dem Sie Ihre ganz eigenen, auf Sie zugeschnittenen, stärkenden Sätze generieren können. Diese Sätze regen einerseits konkret Lösungen für spezifische Anliegen an. Auf der anderen Seite orientieren sie sich an den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen nach Sicherheit, Autonomie, Beziehung und Selbstwertstärkung. INNEN-LEBEN funktioniert somit gleichermaßen als Krisenprävention und Krisenintervention – praktisch, simpel und daheim.

INNEN-LEBEN von Dr. Sabine Ebersberger und Dr. med. Michael Bohne ist lizensiert unter unter einer Creative Commons 4.0 Lizenz: Namensnennung – Nicht- kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen (2020)

Bleiben Sie gesund!

Übrigens: Wenn Sie Michael Bohne zu einem anderen Thema – dem Umgang mit Fehlern und Misserfolgen – hören wollen, werden Sie hier im Radiogespräch bei SWR2 Tandem fündig.

Manifeste (14): Contract for the Web

Internet-Zugang für alle und ein offenes Netz – das sind zwei von neun Grundsätzen des Contract for the Web. Damit ist ein weiteres Dokument in der Welt, das sich in die lange Liste der „Manifeste“ einreiht, die einen Impuls für die Transformation der Gesellschaft setzen wollen. Der „Contract“ stammt von prominenter Seite. Initiator und Autor ist Tim Berners-Lee, der seit seiner Erfindung des World Wide Web vor 30 Jahren als einer der Urväter des Internets, wie wir es heute kennen und täglich nutzen, gilt. Den 2018 angekündigten Vertrag hat er nach einem Jahr der Aushandlung im November 2019 veröffentlicht.

Berners-Lee hat ganze Arbeit geleistet, so scheint es auf den ersten Blick. Er hat nicht einfach ein Manifest oder eine Charta veröffentlicht, sondern mit Regierungen, Technologiekonzernen und zivilgesellschaftlichen Organisationen einen „Gesellschaftsvertrag“ geschlossen. 160 Organisationen haben daran mitgearbeitet. Alle sollen dazu beitragen, ein freies und offenes Web zu verwirklichen. Auch die Bundesregierung hat sich früh dazu bekannt, den „Vertrag für das Web“ zu unterstützen. Sie hat sich verpflichtet, die Grundsätze einzuhalten.

Der Vertrag versammelt neun Grundsätze, drei für Regierungen, drei für Unternehmen und drei für Bürger und zivilgesellschaftliche Gruppen.

Regierungen haben sich mit ihrer Unterzeichnung verpflichtet,

  • allen einen Zugang zum Internet zu ermöglichen,
  • den Internetzugang jederzeit für alle zu gewährleisten,
  • für einen wirksamen Schutz der Privatsphäre und der persönlichen Daten zu sorgen.

Das erste Prinzip soll eine schnellere und flächendeckende Versorgung mit der technischen Infrastruktur fördern. Die beiden anderen Prinzipien zielen besonders darauf ab, die rechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen und durchzusetzen, zum einen für einen Netzzugang, der die Menschenrechte wahrt und den freien Wettbewerb sichert, zum anderen für eine Beschränkung des Zugriffs auf persönliche Daten nach dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit.

Unternehmen verpflichten sich im wesentlichen den gleichen Regeln. Auch sie sollen ihren Teil aktiv dazu beisteuern, das Internet allen zugänglich zu machen und die Privatsphäre zu respektieren. Sie sollen Technologien entwickeln, die das Netz als öffentliches Gut stärken, das humanen Zwecken dient. Bei Entwicklung und Betrieb sollen sich alle gesellschaftlichen Gruppen einbringen können. Sie sollen sich dem Open Web verpflichten und in digitale Gemeingüter („digital Commons“) investieren, so Prinzip 6.3. Wörtlich heisst es dort:

Upholding and further developing open Web standards.

Promoting interoperability, open-source technologies, open access, open knowledge, and open data practices and values.

Ensuring that the terms of service, interfaces and channels of redress are accessible and available in local languages and properly localized, use formats that allow, encourage, and empower a diverse set of users to actively participate in and contribute to the commons, including open and free culture, science, and knowledge.

Interessant ist, wie der Vertrag bürgerschaftliches Engagement für ein offenes Web mobilisieren will. Wer als Bürger unterzeichnet, verpflichtet sich, für das offene Web zu kämpfen, sich kreativ und aktiv in das Netz einzubringen, so dass es für alle weltweit und auf Dauer eine öffentliche Ressource bleibt. Sie verpflichten sich, für die Nutzung offener Standards einzutreten und Praxiserfahrungen mit anderen zu teilen. Der Vertrag ruft zur aktiven Bürgerschaft im Netz auf.

Die Veröffentlichung soll nur ein erster Schritt sein auf dem Weg zu einer sicheren Online-Welt für alle, die zu gemeinsamem Lernen und zur Zusammenarbeit einlädt. Im nächsten Schritt sollen nun Experten an Lösungen der erkannten Probleme arbeiten.

Hier ist der Contract for the Web im Wortlaut.

II

Bei aller Ambition der Prinzipien bleibt der Vertrag seltsam unverbindlich. Mögliche weitere Schritte werden nur angedeutet. Wie die Prinzipien des Vertrags den weiteren Prozess tragen oder tragen könnten, bleibt unbeantwortet.

Die Begeisterung, die Tim Berners-Lee 2009 in diesem TED-Vortrag noch ausgestrahlt hat, ist heute kaum mehr zu spüren.

Berners-Lee hatte damals eine Vision, die sich aus dem riesigen Potenzial und der Vielfalt der Daten schöpfte.

Es ist absolut wichtig, dass es das Web erlaubt, alle Arten von Daten einzustellen. … Wir könnten über Regierungsdaten sprechen. Unternehmensdaten sind wirklich wichtig. Es gibt wissenschaftliche Daten und persönliche Daten. Es gibt Wetterdaten, Daten über Ereignisse, über Vorträge, über Nachrichten und all diese Dinge. Ich werde nur ein paar davon erwähnen, so dass Sie eine Vorstellung von der Vielfalt und dem vorhandenen Potenzial erhalten.

Die Begeisterung für das Daten-Web und Open Data war nach fünf Jahren verflogen. 2014 setzte sich Tim Berners-Lee in einem weiteren TED-Vortrag nicht mehr mit den Chancen, sondern mit den Bedrohungen auseinander, denen sich das offene Netzes ausgesetzt sieht, mit Social Media als Silos, mit der Überwachung im Netz, mit der Zensur und mit dem Aufspalten des Internet in nationale Intranets auseinander. Damals kündigte er eine Magna Charta für das Web an. Vermutlich ist der Contract nun nach Jahren das Ergebnis.

Der Contract bleibt an der Oberfläche. Er hinterfragt die wirkende Logik des Netzes nicht, sondern begnügt sich mit Korrekturen der ursprünglichen Idee des WWW. Aktuelle Krisenerscheinungen, allen voran die Klimakrise, spielen überhaupt keine Rolle. Die Bedrohung der demokratischen Grundordnung durch Überwachung, unautorisierter Auswertung unserer persönlichen Daten und Manipulation unseres Verhaltens scheint nur indirekt auf. Es dürfte den beteiligten Unternehmen leicht gefallen sein, sich zu den Grundsätzen zu bekennen. Facebook und Co. müssten – wenn sie den „Vertrag“ ernst nähmen – ihr Geschäftsmodell aufgeben. Sie konnten die Aktion als willkommene Image-Förderung mitzunehmen.

Die NZZ fragt sich in einem Kommentar, ob Berners-Lee das Handtuch geworfen hat. Jedenfalls haben seine Prominenz und die Qualität des „Vertrags“ nicht ausgereicht, um ihm eine anhaltende Aufmerksamkeit zu bescheren und nachvollziehbare Aktionen auszulösen. Es ist auffällig ruhig um sein ehrgeiziges Projekt Solid geworden, mit dem er vor Jahren einen Gegenentwurf zu den Datensilos entwickeln wollte.

III

Wie der Verhaltenssteuerung entgegenwirken? Wie das Potenzial eines offenen Netzes entfalten? Technikregulierung? Oder hoffen auf den aufgeklärten Bürger, der auf offene Plattformen setzt, oder, wie Maximilian Becker in einem Blog-Beitrag auf iSights vorschlägt, an Verbraucher appellieren, die technische Herrschaft über das eigene Leben und die Übersetzung analoger Freiheiten in die digitale Welt zu verlangen. Fragt sich, von wem, wenn sowohl die großen Internet-Konzerne und Betreiber von digitalen Plattformen, als auch die Gesetzgeber den Begehrlichkeiten der Verhaltenssteuerung von Nutzern und Bürgern erliegen.

Kürzlich hat Brittany Kaiser, die Whistleblowerin der Manipulationspraktiken von Cambridge Analytica, für die Initiative #OwnYourData geworben. Datenrechte müssten rechtlich durchsetzbar sein, ähnlich wie es für Eigentumsrechte üblich sei. Aber wie kann man die Akteure im Internet zu ethischem Verhalten verpflichten? Sie setzt ihre ganze Hoffnung auf Blockchain-Technologie, um den Bürgern die Hoheit über ihre Daten zurückzugeben. Die Erlaubnis, persönliche Daten zu verwenden, müsse ähnlich funktionieren, wie eine Wohnung über AirBnB zu vermieten. Der Mieter müsse sich ausweisen, sagen, wie lang der die Wohnung mieten wolle und entsprechend dafür bezahlen.

Einen wesentlichen Schritt weiter geht Dirk Helbing mit seinem Projekt FuturICT. Ihm geht es darum, die Demokratie in der digitalisierten Welt grundlegend neu zu denken. Die Vision einer digitalen Demokratie, wie er sie mit anderen vor einigen Jahren im Digitalen Manifest und im Papier Build Digital Democracy beschrieben hat, wird nun konkreter. Seit kurzem liegt das Konzept FuturICT 2.0 vor. Es beschreibt, wie eine nachhaltige digitale Gesellschaft mit einem sozioökologischen Finanzsystem verbunden werden kann. In einem Interview mit Sibylle Berg hat er kürzlich sein Bild eines demokratischen Kapitalismus kürzlich.

Wirkungsvolle Massnahmen gegen das drohende Systemversagen wären: 1. Ein Grundeinkommen zur Existenzsicherung. 2. Crowdfunding für alle, Wettbewerb und Breiteninnovation. 3. Ein multidimensionales Koordinationssystem zur Lösung des Nachhaltigkeitsproblems. 4. Digitale Demokratie zur Förderung kollektiver Intelligenz. 5. Städtewettbewerbe zur Lösung der Weltprobleme.

Auch dieses Konzept setzt auf neue technologische Möglichkeiten, bindet diese aber ein in ein soziales, ökonomisches und politisches Konzept. Es verknüpft Blockchain und Internet der Dinge (IoT) mit Erkenntnissen der Komplexitätsforschung.

Diese beiden Beispiele stehen für eine Bewegung, die Hoffnung gibt, dass es doch noch gelingt, ein offenes Netz zu realisieren, das geeignet ist, die kollektive Intelligenz zur Lösung der Krisen unserer Zeit zu entfalten. Die Bewegung für das offene Netz hat mit vielfältigen Herausforderungen zu kämpfen. Open-Data-Projekte zum Beispiel kommen oft über den Status von Prototypen nicht hinaus, weil die Ressourcen für die Skalierung, Professionalisierung und die Aufrechterhaltung des Dauerbetriebs fehlen. Das Geld ist da, nur woanders, meint Ernesto Ruge von Binary Butterfly.

Dennoch sollte man die Chance auf eine positive Entwicklung nicht unterschätzen. Die aktuelle Corona-Pandemie bietet eine gute Gelegenheit, die sozialen Muster genauer zu beobachten, die unser Zusammenleben prägen. Otto Scharmer meinte kürzlich, Spuren zu erkennen, die auf ein Anwachsen datengetriebener Aufmerksamkeit für das Gemeinwohl hindeuten.

Mehr dazu siehe
Manifeste (1): Das digitale Manifest
Manifeste (2): Die Digitalcharta
Manifeste (3): Petersberger Erklärung
Manifeste (5): The Onlife Manifesto