Östermanns Blog

Organisationen und Unternehmensführung im Wandel, Strategie, Medienwandel, Digitale Transformation, Komplexität, nächste Gesellschaft

Was gute Führung ausmacht (19): Transformationale Führung

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Führung ist Entwicklung einer Lernkultur, in der Veränderung – egal ob persönliches Lernen oder Organisationslernen – stattfinden darf. So könnte man das Führungsverständnis auf den Punkt bringen, das Rolf Arnold, Professor für Systemische Pädagogik in Kaiserslautern, in seinen Schriften und in diesem Video eines Vortrags von 2015 vermittelt. Auch wenn das Thema vordergründig wenig Neuigkeitswert bietet, so ist es immer wieder erfrischend, wie Rolf Arnold die herkömmlichen Auffassungen und Muster des Lernens in Frage stellt.

Der Mensch ist das lernende Tier. Sie erwerben den größten Teil ihrer Bildung außerhalb von Bildungsinstitutionen.

„Ich sehe die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie ich bin.“

So zitiert Arnold aus dem Talmud und beschreibt damit einen Kern der systemischen Haltung, die er Führungskräften ans Herz legt. Unsere Erfahrungen machen uns häufig blind für das, was um uns herum geschieht. Sie schieben sich zwischen uns und unser Gegenüber. Zwei Schritte zurücktreten, wie bei der Echternacher Springprozession, die Perspektive wechseln, in der eigenen Biografie nach prägenden Mustern suchen.

Wir sind alle Beobachter von Beobachtern. Unsere Wahrnehmung können wir auch als „Wahrgebung“ verstehen. Wenn wir sagen: „Ich gebe wahr, dass Du …“ übernehmen wir die Verantwortung für das, was wir als „Wahrheit“ erfahren. Die Kollegen vom MIT, Peter Senge und Otto Scharmer trauen sich, so Arnold, Achtsamkeit in ihre Konzepte einzubauen.

Aus dieser Grundhaltung kann sich Führung von Management By Exception zu einer transformationalen Führung weiterentwickeln. Führen mit Instrumenten und Methoden reiche nicht. Führung heisst, so Arnold, persönliches Wachstum fördern. Nach Erich Fromm ist dazu Voraussetzung, die Menschen zu lieben.

Liebe ist, sich für das Wachstum einer anderen Person zu interessieren und zu engagieren.

Man könne nur Menschen führen, so Arnold, die man in diesem Sinne liebe.

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Written by Östermann

9. September 2019 at 18:00

Zukunftsfähigkeit – ein Wort zum Heulen?

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Auf dem Evangelischen Kirchentag und in einem Gastbeitrag der Oldenburger Nordwestzeitung hat Heribert Prantl über den Gebrauch des Wortes „Zukunftsfähigkeit“ gewettert.

Dass aus dem herrlichen Wort „Zukunft“ so etwas Abscheuliches wie „Zukunftsfähigkeit“ gemacht worden ist, ist zum Heulen. Das Wort „zukunftsfähig“ ist ein verlogenes Wort, weil es so tut, als gäbe es eine feststehende Zukunft, für die man fit gemacht werden müsse. Es gibt aber keine Zukunft, von der man sagen könnte, dass es sie einfach gibt. Es gibt nur eine Zukunft, die sich jeden Augenblick formt – je nachdem, welchen Weg ein Mensch, welchen Weg eine Gesellschaft wählt. Die Bewegung „Fridays for Future“ versucht, Gesellschaft und Politik auf einen neuen Weg zu führen.

Als Organisationsberater habe ich den Begriff bisher gerne und häufig verwendet. Und zwar, gerade weil die Zukunft unbestimmt ist. Weil jede Organisation lernen muss, mit der hohen Komplexität umzugehen. Es geht um organisatorische Fähigkeiten, die die meisten Unternehmen, Behörden, Museen oder Schulen mühsam lernen müssen. Das Akronym VUCA ist in der Management- und Beraterzunft so populär geworden, weil Organisationen unter Bedingungen handlungsfähig bleiben wollen, die als verwirrende Mischung aus Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität erlebt wird. Beliebt ist auch die Vorstellung, auf VUCA mit VUCA – vision, understanding, clarity, agility – zu antworten.

Wie wollen wir leben?

Diese SWR-Reportage zeigt an verschiedenen Beispielen, wie sich die Arbeitswelt verändert. Weniger Hierarchie oder Abschied von der Hierarchie, kürzere und flexiblere Arbeitszeit, Selbstverantwortung im Team, agile Vorgehensweisen, Job-Sharing – was vor zwei Jahrzehnten noch Zukunftsmusik war, ist heute in vielen Unternehmen gelebte Praxis. Ein Unternehmen entwickelt mit der Kreativität der Mitarbeitenden eine Zukunftsvision, um für die „neue Zeit“ „zukunftsfähig“ zu sein. Aber was zeichnet diese „neue Zeit“ aus? Weshalb ist eine „Transformation“ unumgänglich? Der Film verweist auf anspruchsvollere Produktionsabläufe durch Digitalisierung, Automatisierung und Robotisierung, auf Effizienzgewinne, die dadurch erzielt werden können. Die Gewerkschaftsvertreter zeigen sich hoffnungsvoll, dass kürzere Arbeitszeiten bei vollem Gehalt möglich werden. Den Zuschauenden drängt sich der Eindruck auf, das alles habe mit der Klimakrise nichts zu tun. Blenden Unternehmen einen existenziellen Teil der wahrscheinlichen Zukunft einfach aus?

Für die Zukunftsforschung ist der Klimawandel ein Trend unter vielen

Ähnlich beobachten Zukunftsforscher – wie z.B. die Strategic Intelligence des WEF – technologische und soziale Trends vorrangig mit Blick auf mehr oder weniger wahrscheinliche neue Märkte. Es geht meist darum, den Anschluss an den Fortschritt zu halten, neue Produkte zu entwickeln und rechtzeitig auf neuen Märkten präsent zu sein. Klimawandel, Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und Umweltschutz werden zwar als Trends mit einbezogen, gehen jedoch in der Fülle dutzender anderer Trends unter. Das Terrestrische oder die Biosphäre werden marginalisiert.

Zukunftsfähig ist eine Organisation erst, wenn sie nachhaltig wirtschaftet

An ihrer Zukunftsfähigkeit arbeitet eine Organisation heute erst, wenn sie sich den existenziellen Fragen des Klima-, Umwelt- und Artenschutzes mit Priorität widmet. Organisationen, die die Klimakrise und die Auswirkungen des Wirtschaftens auf die Artenvielfalt ignorieren, sind allein deshalb auf längere Sicht nicht lebensfähig, schlicht und einfach, weil sie dazu beitragen, ihren eigenen und unser aller Lebensraum zu zerstören. Zukunftsfähigkeit heisst unter den Bedingungen der Klimakrise, was und wie produziert wird, trägt direkt oder indirekt, in jedem Fall aber nachvollziehbar, zur Minderung der Klimakrise bei. Gemessen daran sind heute die wenigsten Unternehmen zukunftsfähig.

Unternehmen kommt eine wesentliche Rolle bei jeder Nachhaltigkeitsstrategie zu. Darauf hat Reinhard Loske in seinem Buch „Politik der Zukunftsfähigkeit“ hingewiesen, auf das ich hier kürzlich in einem Beitrag hingewiesen habe. Es sei nicht damit getan, politisch den Ordnungsrahmen für ein nachhaltiges Wirtschaften, z.B. eine CO2-Steuer oder -Bepreisung, festzulegen. Loske schlägt drei grundlegende Fragen vor.

  • Was sind aus Nachhaltigkeitsperspektive adäquate Unternehmensgrößen und Unternehmensverfassungen?
  • Wo liegt die unternehmenseigene Verantwortung für Nachhaltigkeit?
  • Welches Berichtswesen wird dafür gebraucht?

Loske weist darauf hin, dass es im unregulierten kapitalistischen Wettbewerb unweigerlich zur ökonomischen Machtballung, zu ungesunden Unternehmensgrößen und zu Monopolen kommt, die mit der politischen Macht unheilige Allianzen gegen das Gemeinwohl eingehen. Sie neigen dazu, sich an Wachstums-, Gewinn- und Anlegerinteressen auszurichten und ökologische wie soziale Folgeschäden zu externalisieren und auf die Gesellschaft abzuwälzen. Als Beispiele nennt er die deutschen Automobilkonzerne, die deutsche Chemieindustrie und die großen Öl-, Gas- und Kohlekonzerne. Mit enormem Lobbyaufwand hätten sie es immer wieder geschafft, anspruchsvolle Klimaschutzstandards von ihren Produkten fern zu halten und sogar den internationalen Klimaschutzprozess zum Stillstand zu bringen.

Aber die Bekämpfung von Monopolmacht sei möglich, wie das Beispiel der großen deutschen Stromkonzerne zeige. Durch Atomausstieg und EEG sei die dezentrale Eigenerzeugung so stark stimuliert worden, dass sich die Marktstruktur gerade radikal in Richtung dezentraler und verteilter Prosumentennetzwerke transformiere.

Auch seien Unternehmensformen wie Personengesellschaften, Genossenschaften und kommunale Betriebe eher als Kapitalgesellschaften geeignet, soziale und ökologische Ziele zu verfolgen und sich am langfristigen statt am kurzfristigen Erfolg zu orientieren.

Loske betont, was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Jedes Unternehmen hat eine gesellschaftliche Verantwortung und muss über sein Wirken Auskunft geben. Es reicht nicht aus, Güte und Nutzen der Produkte sprechen zu lassen. In einer ökologisch sensiblen Öffentlichkeit bestehe, so Loske, großes Interesse, ehrliche Antworten auf die Fragen zu erhalten: Wie produziert ein Unternehmen? Wie geht es mit seinen Mitarbeitenden um? Woher bezieht es seine Ressourcen? Wie setzt es sie ein? Wie trägt es zum Schutz von Natur und Umwelt bei? Wie behandelt es seine Nachbarn und seine Geschäftspartner?

Was letztlich gebraucht wird, ist eine standardisierte Gemeinwohlbilanz für jedes Unternehmen, welche wahrhaftig Auskunft über seine ökologischen und sozialen Relationen gibt: zu Lieferanten, Geldgebern, Mitarbeitern und gesellschaftlichem Umfeld. Läge neben der traditionellen Unternehmensbilanz und seiner Gewinn- und Verlustrechnung auch eine Gemeinwohlbilanz, ließe sich schnell erkennen, wer nachhaltig wirtschaftet und wer nicht. (S. 184)

Visionen an den konkreten Maßnahmen und deren Wirkung messen

Nils Brunsson, der schwedische Organisationsforscher, hat einmal auf das Problem der Scheinheiligkeit in der Unternehmensführung hingewiesen.

Unternehmen sind vielen verschiedenen und widersprüchlichen Anforderungen ausgesetzt. Scheinheiligkeit ist die zwangsläufige Folge. Unternehmen sollen effizient sein und Gewinne erzielen, aber auch Arbeitsplätze zur Verfügung stellen und das Klima schützen. Unternehmen sollen demokratisch sein und auf Diversität achten, und sie werden für gute Arbeitsbedingungen ihrer Mitarbeiter – und zunehmend auch für die ihrer Vertragspartner und von deren Zulieferern – zur Verantwortung gezogen.

Klima-, Arten- und Umweltschutz vertragen ein So-Tun-Als-Ob nicht. Ein ehrliches Ringen um nachhaltige Produkte und Produktionsweisen ist ebenso unerlässlich wie ein intensiver Dialog in den Netzwerken, in die eine Organisation eingebunden ist, und die wechselseitige Kontrolle, wie die soziale und ökologische Verantwortung angemessen wahrgenommen wird.

Digitale Transformation ist ein sozialer Prozess

Die Digitalisierung gewinnt in einem solchen Szenario einen anderen Sinn. Dirk Baecker hat kürzlich in einen Essay darauf aufmerksam gemacht, dass die digitale Transformation kein technischer, sondern ein sozialer Prozess ist.

Alle wichtigen Akteure der Gesellschaft müssen lernen, verantwortungsvoll mit ihm umzugehen, während niemand weiß, wohin dieser Prozess uns noch führt.

Die Digitalisierung kann erst aus diesem Verständnis heraus ihr Potenzial für die Lösung der existenziellen Probleme entfalten. Baecker weist auf den entscheidenden Unterschied hin.

So kann man das Verhältnis von Unternehmen und Märkten, Parteien und öffentlicher Meinung, Wissenschaft und empirischen Gegenständen, Intimitätswünschen und Partnerschaften, aber auch Kohlendioxidemissionen und Klimawandel, Antibiotikaeinsatz in der Landwirtschaft und resistenten Bakterien sowie Konsumentennachfrage und Drohneneinsatz nicht nur erforschen. Das konnte man früher auch schon. Man kann es vielmehr in Echtzeit auswerten und mit strategischen Maßnahmen unterstützen, fördern oder bekämpfen, je nach Bedarf. 

Hinzu kommt der Einsatz künstlicher Intelligenz, die man auch braucht, weil man in dem Heuhaufen der im Internet der Dinge massenhaft produzierten Daten die Nadel nicht mehr findet, die den Unterschied macht. Datenproduktion und Datenauswertung ist das Gesetz der digitalen Transformation. Das gilt für Unternehmensführung und Kriegsführung, für politische Kampagnen und Werbekampagnen, für Kunst und Unterhaltung, Bildung und Terrorismusbekämpfung, Finanzmärkte und Logistikketten, Agrarwirtschaft und Gesundheit.

Zukunftsfähigkeit neu definieren

Prantl geht es im übrigen bei seiner Klage über den mangelnden Willen, die Zukunft aktiv zu gestalten, nicht darum, den Begriff „Zukunftsfähigkeit“ zu löschen. Er möchte ihn neu definieren.

Die Frage ist nämlich nicht, welche Zukunft man hat oder erleidet, die Frage ist, welche Zukunft man haben will, und wie man darauf hinlebt und darauf hinarbeitet. Die Frage ist nicht, was auf die Gesellschaft zukommt, sondern wohin sie gehen will. Zukunftsfähigkeit muss daher neu definiert werden, nämlich so: Wie wird die Zukunft fähig für die Gesellschaft? Wie wird sie fähig für ein Leben, das mehr ist als ein Überleben? Diesen Versuch unternimmt „Fridays for Future“. Es ist eine pfingstliche Bewegung.

Manifeste (13): Das Ecomodernist Manifesto

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Heute – am 29. Juli 2019 – ist Erdüberlastungstag. Wir haben für das laufende Jahr die Ressourcen aufgebraucht, die die Natur in einem Jahr erzeugen kann. Dies möchte ich zum Anlass nehmen, ein Manifest anzuschauen, das den Ressourcen- und Flächenverbrauch besonders in den Mittelpunkt rückt, das Ecomodernist Manifesto.

Das Ecomodernist Manifesto (hier in deutscher Übersetzung) wurde 2015 von einer Gruppe um das Breakthrough-Institut in Kalifornien veröffentlicht. Unter den Unterzeichnern findet sich auch Michael Shellenberger, ein Umweltaktivist und Mitbegründer des Instituts, der sich kürzlich kritisch zur deutschen Energiewende geäußert hat. Er hält die regenerativen Technologien für eine Sackgasse. Zu raum- und zu ressourcenintensiv seien sie.

I

Diese Auffassung liegt auch dem Manifest zugrunde. Es argumentiert stark aus der Perspektive des Flächenverbrauchs. Das Manifest artikuliert die Vision eines „großartigen Anthropozäns“, eines umfassenden Wohlstands für alle bei gleichzeitiger Minimierung der Umweltbelastung. Ziel ist die „Entkopplung“ von Mensch und Natur. Man könnte auch sagen: maximaler Wohlstand für alle bei minimalem Verbrauch von Ressourcen und der Natur vorbehaltener Fläche.

Die Entkopplung wird dabei sowohl relativ als auch absolut betrachtet. Relative Entkopplung bedeutet, dass die menschlichen Umweltauswirkungen langsamer zunehmen als das gesamtwirtschaftliche Wachstum. Folglich entsteht für jede Einheit Wirtschaftsleistung weniger Umweltbelastung (z.B. durch Abholzung, Artensterben, Umweltverschmutzung). Die Auswirkungen nehmen insgesamt immer noch zu, jedoch langsamer als es sonst der Fall wäre. Absolute Entkopplung tritt ein, wenn die Gesamtumweltbelastung — die Belastung in der Summe — einen Höchststand erreicht und anfängt zu sinken, während die Wirtschaft weiterhin wächst.

Ein ökomodernes Manifest, Abschnitt 2

Das Manifest würdigt die langfristigen Erfolge des kapitalistischen und industriellen Wirtschaftens ausführlich. Lebenserwartung, Gesundheit, Wohlstand – alles Verdienste stetiger Produktivitätssteigerung. Besonders dazu beigetragen hat die weit fortgeschrittene Entwicklung in der Landwirtschaft.

Diese Betrachtung der relativen Verbräuche und der relativen Externalitäten prägt die gesamte Argumentationslinie der Ökomodernisten. Der relative Landgebrauch pro Ernährungseinheit ist gesunken. Es würden mittlerweile, so die Autoren, mehr Waldflächen wieder aufgeforstet als abgeholzt. Die Stickstoffbelastung nehme zwar insgesamt noch zu, pro Produktionseinheit habe sie jedoch stark abgenommen. Und so weiter.

Insgesamt bedeuten diese Trends, dass der Einfluss der Menschen auf die Umwelt, einschliesslich Änderungen in der Landnutzung, Raubbau und Verschmutzung, in diesem Jahrhundert den Höchststand erreichen und sinken kann. Wenn die Menschen diese neu auftauchenden Prozesse verstehen und vorantreiben, haben sie die Chance, die Erde wieder stärker der Natur zu überlassen — selbst dann, wenn die Entwicklungsländer moderne Lebensstandards erreichen und die materielle Armut endet.
Im Gegensatz zu der oft geäusserten Befürchtung, dass unbegrenztes Wachstum auf einen begrenzten Planeten trifft, wird die Nachfrage nach vielen materiellen Gütern mit wachsendem Wohlstand gesättigt sein.

dto, Abschnitt 2

Die Autoren können keine Grenzen des Wachstums erkennen.

Trotz den seit den 70er Jahren anhaltenden Warnungen vor den fundamentalen „Grenzen des Wachstums“ gibt es nach wie vor auffällig wenig Hinweise, dass die Möglichkeiten, Nahrung und natürliche Ressourcen zu beschaffen, irgendwann in absehbarer Zukunft an Grenzen stossen werden. […] Solange es genug Energie und Fläche gibt, können sonstige Ressourcen, wenn sie einmal knapp werden, leicht durch andere ersetzt werden.

dto., Abschnitt 1

Gleichwohl sehen sie langfristig ernsthafte Umweltbedrohungen durch den menschengemachten Klimawandel.

Im Gegenzug bieten moderne Technologien, die natürliche Ökosystemkreisläufe und -dienstleistungen effizienter nutzen, eine echte Chance, um die Gesamtheit der menschlichen Auswirkungen auf die Biosphäre zu reduzieren. Wenn wir diese Verfahren nutzen finden wir den Weg zu einem guten Anthropozän.  

dto., Abschnitt 3

Wie elitär der Ansatz ist, zeigen die Autoren, wenn sie die Menschen auf die ungehemmte Nutzung verfügbarer Technologie, auf das Ignorieren des Klimawandels und damit förmlich auf das Motto „Lokal denken, lokal handeln“ einschwören.

Klimawandel und andere ökologische Herausforderungen weltweit sind für die meisten Menschen nicht die wichtigsten Probleme. Und das sollten sie auch nicht sein. Ein Kohlekraftwerk in Bangladesch kann zu Luftverschmutzung und erhöhtem Kohlendioxidausstoss führen, doch es rettet auch Leben. 

dto., Abschnitt 4

Sie sind davon überzeugt, dass Konflikte zwischen dem Klimaschutz und dem „kontinuierlichen Entwicklungsprozess“, durch den Milliarden von Menschen weltweit moderne Lebensstandards erreichen, weiterhin zugunsten des letzteren entschieden werden. Es geht ihnen also um Kontinuität auf dem Pfad des Fortschritts. Diese Kontinuität setzt allein voraus, die schon bestehenden Dekarbonisierungsprozesse beschleunigt voranzutreiben. Aber woher soll diese Beschleunigung kommen? Die Autoren setzen ganz auf Intensivierung des Einsatzes vorhandener Technologien.

Urbanisierung, landwirtschaftliche Intensivierung, Kernenergie, Aquakultur und Meerwasserentsalzung sind alles Prozesse mit einem nachgewiesenen Potenzial, die Beanspruchung der Natur durch den Menschen zu verringern und nichtmenschlichen Spezies mehr Raum zu geben. Zersiedelung, extensive Landwirtschaft und viele Formen der Energieerzeugung durch erneuerbare Energien erfordern dagegen mehr Land und Ressourcen und lassen der Natur weniger Raum.

dto., Abschnitt 3

Sie setzen auf Technologien mit hoher Energiedichte, auf hocheffiziente Solarzellen, Kernspaltung, Kernfusion und auf die Abscheidung von CO2 aus der Atmosphäre.

Die Geschichte früherer Energiewenden zeigt, dass es übereinstimmende Muster im Zusammenhang mit den Wegen gibt, die die Gesellschaften einschlagen, um sich in Richtung umweltfreundlichere Energiequellen zu bewegen. Der Weg ging immer über den Ersatz von minderwertigen, weniger dichten Brennstoffen zu hochwertigen, dichteren. Dieses Prinzip weist auf eine beschleunigte Dekarbonisierung in der Zukunft hin. Der Übergang zu einer Welt, die CO2-frei angetrieben wird, wird Energietechnologien mit hoher Energiedichte erfordern, die zig Terawatt liefern können, um die wachsende Wirtschaft mit Energie zu versorgen.

dto., Abschnitt 4

II

Das Manifest dürfte viele ansprechen, weil es pragmatisch klingt und mit dem Versprechen verbunden ist, den eigenen Lebensstil unverändert lassen zu können. Wenn wir die fünf grundlegenden Strategien für Klima-, Umwelt- und Artenschutz heranziehen, die Reinhard Loske unterscheidet – das sind Effizienz, Substitution, Suffizienz, Subsistenz und Kooperation – dann haben wir es bei diesem Manifest mit einer reinen Technologie- und Wachstumsstrategie zu tun, die einseitig auf Effizienzsteigerung und auf Substitution durch technologischen Fortschritt setzt. Verzicht und Änderungen des Lebensstils sind kein Thema. Auch soziale Innovationen, neue Formen der Zusammenarbeit, Prosumer- oder Sharing-Modelle spielen in dem Manifest überhaupt keine Rolle. Eine Subsistenzwirtschaft lehnen die Autoren ausdrücklich ab.

Städte, wie sie die Menschen heute kennen, könnten nicht ohne radikale Veränderungen in der Landwirtschaft existieren. Im Gegensatz dazu ist Modernisierung in einer Subsistenzwirtschaft nicht möglich.

dto., Abschnitt 2

Auch Suffizienz und Kooperation spielen in dem Manifest keine Rolle. Wozu auf Fleisch verzichten, wenn der technologische Fortschritt und der Einsatz der Kernenergie eine Nahrungsmittelproduktion im bisherigen Stil für alle ermöglicht? In ihrem linearen Denken haben Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft keinen Platz. Kein Wort über Rebound-Effekte, die Umweltentlastungen durch neue Technologien wieder aufzehren. Kein Wort über die Chancen der Digitalisierung, die zirkulären Prozesse der Ökosysteme in der Biosphäre besser zu verstehen.

Das Manifest strebt eine Entkopplung von der Natur an. Es scheint, das Verhältnis zur Natur dabei aber nicht grundlegend zu hinterfragen. Die Natur wird unverändert als Produktionsfaktor verstanden. Einzig das Ausmaß seiner Nutzung ist letztlich zu reduzieren.

Der CO2-Anteil in der Atmosphäre ist in den letzten 200 Jahren nicht kontinuierlich gestiegen. Er steigt in den letzten Jahrzehnten stark überproportional an. Diese Beschleunigung der Erderwärmung, der Umweltzerstörung, der Zerstörung der Biodiversität und negative Rückkopplungseffekte blendet das Manifest einfach aus. Es schreibt die Strategie der Industrialisierung einfach in die Zukunft fort und setzt auf Marktsättigungen und eine vielleicht ressourcenschonende Dienstleistungswirtschaft, die zu einer Trendumkehr irgendwann in diesem Jahrhundert führen.

Die Autoren scheinen zu übersehen, dass die hochdynamischen Prozesse in der Biosphäre und beim Bevölkerungswachstum auf der einen Seite und die Effizienzsteigerungen einer wachsenden Wirtschaft auf der anderen asynchron verlaufen. Die Rechnung, einzig und allein auf die technologische Entwicklung zu setzen, wird rein zeitlich nicht aufgehen. Es ist unumgänglich, alle denkbaren Strategien zu nutzen, um eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft zu erreichen. Dazu gehört auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem materiellen Lebensstil, der den Menschen von der heute dominierenden Art des Wirtschaftens nahegelegt wird.

III

Die Ökomodernisten machen es sich allzu einfach. Jedenfalls ist der Erdüberlastungstag Jahr für Jahr ein paar Tage früher erreicht. Eine Trendumkehr im Sinne einer absoluten Entkopplung der Wirtschaft von der Natur ist nicht in Sicht.

Written by Östermann

29. Juli 2019 at 19:39

Was gute Führung ausmacht (18): Edgar Schein über Leadership als Gruppensport

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Ein spannendes Interview hat Egon Zehnder mit Edgar Schein geführt. Darin wendet sich der große Vordenker der Organisationspsychologie gegen ein in unserem Wirtschaftsmodell nach wie vor stark auf Einzelpersönlichkeiten ausgerichtetes Führungsverständnis, das ganz auf Richtungsvorgaben, auf Kommando und Kontrolle, baut.

Das größte Hemmnis für Menschen in Führungspositionen ist, dass sie nicht wirklich wissen, was sie neu und besser machen wollen. Manchmal fehlt eine klare Vorstellung. Oder ihre Sichtweise, was neu und besser wäre, basiert nicht auf Tests mit Kollegen und direkten Erfahrungen, sondern erweist sich als überhaupt nicht umsetzbar. Der Grund liegt auf der Hand: In einer immer komplexeren Welt wissen Führungskräfte einfach nicht genug, um alleine zu entscheiden, was neu und besser ist. Führung ist deshalb ein Gruppensport und keine individuelle heroische Aktivität.

Führung, die in dieser ausgeprägten Weise aufeinander und auf die Mitarbeitenden angewiesen ist, lebt von der Fähigkeit, eine gemeinsame Verantwortung zu entwickeln. Die Vorstellung, dass alle einer einzigen und einheitlichen Zielsetzung folgen, gehört für Schein ebenfalls zu den Missverständnissen, die die heutige Managementkultur immer noch prägt.

Der Begriff »Purpose« und sein Konzept kommen aus der Psychologie. Ich habe festgestellt, dass das meiste, was aus der Psychologie kommt, in der menschlichen Arena ziemlich nutzlos ist. Ich bin selbst Psychologe, also darf ich das sagen. Die Psychologen haben nie verstanden, dass jede innere Motivation auf die Sozialisation in einer Kultur, Gruppe oder in einem Stamm zurückgeht. Und auf diese Stammesregeln kommt es an. Der »Purpose«, die Zielsetzung, ist wichtig, wenn mein Stamm sagt, dass ich dies oder jenes tun soll. Denn wenn ich es nicht mache, wird mir das sofort signalisiert. Ich betrachte den Einzelnen als das Ergebnis vieler Ebenen der Sozialisation und des Lernens von den Gruppen, zu denen er oder sie gehört hat. Unsere stärksten Motivationen und Persönlichkeitsmerkmale sind das Ergebnis unserer Gruppenerfahrungen, angefangen bei der Familie.

[…] Lassen wir also das ganze psychologische Zeug fallen und konzentrieren uns mehr auf Kultur: Ethnografie, Stämme, Gruppen – also darauf, wie die Dinge wirklich funktionieren. Und da findet Führung statt, in der Gruppe. 

Schein hält dem rollenbasierten Sozialmodell, das dem alten Verständnis von Führung und Leadership zugrundeliegt und das die Menschen zueinander auf Distanz hält, ein Modell enger persönlicher Beziehung, des „Persönlichmachens“, entgegen.

Das nennen wir dann eine »Level-2-Beziehung« oder auch »professionelle Nähe«. Wenn die Führungsperson nicht erkennt, dass sie auf diese Art von Beziehungen angewiesen ist, um etwas zu bewegen, dann wird nichts passieren. Stattdessen wird sie lamentieren: »Die Bürokratie hat mich schon wieder ausgehebelt.« Dabei stärkt sie selbst die Bürokratie dadurch, dass sie auf Distanz bleibt. Der Knackpunkt ist also: Wir kommen wir einander näher? Das ist gar nicht so schwer. Stellen Sie ein paar einfache Fragen: Wo wohnen Sie? Wie gefällt es Ihnen hier? So machen wir unsere Beziehung persönlich. Aber nicht dadurch, dass Sie mir mehr von Ihrer Arbeit erzählen. Anschließend ist es einfacher zusammenzuarbeiten, denn wenn ich Sie dann frage, wie es in Ihrem Arbeitsbereich wirklich läuft, sagen Sie mir die Wahrheit. Wenn ich aber auf Distanz bleibe, denken Sie: »Ich frage mich, was Ed hören will. Ich sage ihm lieber etwas, das ihm gefällt.« Im Ergebnis arbeite ich mit blinden Flecken. Die wichtigste Antwort auf die Frage, was wir anders machen müssen, lautet also: persönliche Beziehungen aufbauen.

Ein lesenswertes Interview mit vielen erhellenden Beispielen aus Scheins Beratungspraxis.

Written by Östermann

20. Juli 2019 at 15:24

Manifeste (12): Charta der Öffentlichen Kommunikationswissenschaft

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Angesichts der Bedrohungen, denen die Medienfreiheit und die öffentliche Meinungsbildung ausgesetzt sind, hat sich eine Gruppe von 77 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit einer Charta der Öffentlichen Kommunikationswissenschaft zu Wort gemeldet. Unter den Unterzeichnenden sind manch prominente Namen, die sich bisher schon bei vielen Gelegenheiten mit ihrer wissenschaftlichen Stimme in den öffentlichen Dialog über den Zustand und die Bedrohungen der Meinungsfreiheit und der Medienfreiheit einmischen, wie z.B. Petra Grimm, Hans Mathias Kepplinger, Geert Lovink, Klaus Meier, Bernhard Pörksen oder Siegfried Weischenberg. Rund 150 weitere Personen aus der Kommunikationswissenschaft haben die Charta mittlerweile unterzeichnet.

Ihr Anliegen: die Kommunikationswissenschaft zu einer „Öffentlichen“ Wissenschaft zu machen, die ihre Erkenntnisse aktiv in den gesellschaftlichen Diskurs über die Entwicklung der Medien einbringt. Wörtlich heisst es in der Präambel:

Desinformation, d.h. die bewusste Manipulation durch gezielte Falschinformation, verunsichert immer mehr Menschen. Auch in demokratischen Gesellschaften müssen Journalistinnen und Journalisten vor physischer und verbaler Gewalt geschützt werden. Politiker und Politikerinnen stellen die Medienfreiheit partiell in Frage und Journalisten und Journalistinnen werden zu Medienanlässen nur selektiv zugelassen. Auch wird die Service Public-Idee als gestaltendes Prinzip einer demokratischen Mediengesellschaft teilweise negiert.

Weitere Gründe sind: Es gilt, Standards wie mediale Glaubwürdigkeit, Verantwortung, (digitale) Mündigkeit zu stärken sowie die Bedeutung von Menschenrechten, den Schutz der Privatheit und die (informationelle) Selbstbestimmung auf die digitale Gesellschaft zu übertragen.

https://oeffentliche-kowi.org/charta/

Es sind also zum einen die Probleme einer Medienpraxis, die sich mit der breiten Verfügbarkeit medialer Möglichkeiten zeigen, zum anderen der hohe Bedarf, die Medienlandschaft in der digitalen Gesellschaft neu zu gestalten und vor allem die Grundrechte, im Sinne einer Demokratie 2.0, durchzusetzen. Gerade mit diesem Anliegen knüpft die Charta beispielsweise an die Digitalcharta oder das Digitale Manifest an, das ja ebenfalls die Verwirklichung des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung in der nächsten Gesellschaft in den Blick nimmt.

Angesichts der Tragweite dieses Anliegens ist es sehr zu begrüßen, dass sich die Kommunikations- und Medienwissenschaft im öffentlichen Diskurs zu Wort meldet. Hier drei Beispiele, wie sich Unterzeichner der Charta in der Öffentlichkeit zeigen.

Bernhard Pörksen liefert ein überzeugendes Beispiel, wie sich die Kommunikations- und Medienwissenschaft in den gesellschaftlichen Diskurs einschalten kann. Er hilft nicht nur, die irritierenden Phänomene infolge der massiven Verbreitung der digitalen Medien, z.B. die Skandalisierung, einzuordnen. Er wiederholt bei vielen Gelegenheiten seinen Vorschlag, die Anstrengungen einer fundierten Medienbildung in den Schulen und in der Erwachsenenbildung zu erhöhen und journalistische Grundsätze zu einem Allgemeinwissen zu machen.

Diese Art der Präsenz entspricht in der Charta „§7 Mediale Involvierung“. Dort heisst es:

Eine Öffentliche Kommunikationswissenschaft meldet sich in öffentlichen Diskursen zu Wort, sobald Ereignisse dies nahelegen oder erfordern. Insbesondere wenn Elemente normativer Evidenz wie die Medienfreiheit tangiert oder in Frage gestellt sind (Grundsatz 3), erfolgt dieses Engagement zeitnah und reaktionsschnell.

Als weiteres Beispiel sei Geert Lovink erwähnt. Er präsentiert die wissenschaftlichen Projekte und die Erkenntnisse seines Institute of Network Cultures über Netzkulturen und deren gesellschaftliche Auswirkungen in einer breiteren Öffentlichkeit, wie hier z.B. bei der Republica 2017.

Seine Themen allein machen schon deutlich, was eine kritische Netztheorie zu leisten vermag, wenn es darum geht, die unübersichtliche Situation der sozialen Netzwerke und des Medienwandels einzuordnen. Und er scheut auch vor überraschenden Lösungsansätzen nicht zurück, wenn er z.B. vorschlägt, im Digitalen die Medien klar von den Sozialen Netzwerken zu trennen.

Noch ein Beispiel: Hans Mathias Kepplinger erläutert bei mdr.de, was eine Nachricht zu einer Nachricht macht. Auch das ein Beispiel, wie sich Kommunikationswissenschaft daran beteiligen kann, bisher in der Fachwelt verankertes Wissen, hier die Kriterien und die Prinzipien, die der Auswahl von Nachrichten in den Medien zugrunde liegt, einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Alle drei spontan ausgewählten Beispiele zeigen, wie wichtig und nützlich es ist, die Spielregeln des Medienschaffens und die Transformation der Medien mit ihren Risiken, Chancen und ihren weitreichenden Konsequenzen zu erklären. Gemessen an der Tragweite des Anliegens scheint mir für eine Öffentliche Kommunikationswissenschaft noch viel Luft nach oben vorhanden zu sein.

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Mehr dazu siehe
Manifeste (11): Future Public Media
Manifeste (6): Das Slow-Media-Manifest
Manifeste (2): Die Digitalcharta
Manifeste (1): Das Digitale Manifest

Written by Östermann

14. Mai 2019 at 18:05

Sensoren (13): Transformationsdynamik und Nachhaltigkeitswende – Reinhard Loske

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I

Der Youtuber Rezo hat vor der Europawahl mit seinem emotionalen Video die etablierten Parteien aufgeschreckt. Diese glauben, der Klimawandel sei eben „gegenwärtig“ das vorherrschende Thema bei den Bürgern. Der Eindruck ist unvermeidlich, dass sie die Zeichen der Zeit entweder bewusst ignorieren, leichtfertig übersehen oder einfach nicht verstehen. Die etablierte Politik ist ebenso wie die Wirtschaft immer noch viel zu sehr einem kurzfristigen Denken verhaftet.

Rezo hat sehr deutlich gemacht, worauf es im Kampf gegen die Klimakrise vor allem ankommt: Aufhören, Kohle, Erdöl und Erdgas aus der Erde zu buddeln und zu verbrennen. Und: Es bleibt nicht mehr viel Zeit, aus der fossilen Energiewirtschaft auszusteigen. Dieser Hinweis ist verdienstvoll, gerade weil die etablierten Politiker mehrheitlich nicht in der Lage sind, diesen Sachverhalt klar zu benennen.

Hier ausführlich das auch von Rezo zitierte Video, in dem Volker Quaschning und Maja Göbel die Dringlichkeit zu einem radikalen Politikwechsel erläutern.

II

Wenn – wie es scheint – gerade ein Bewusstsein für die Dringlichkeit in der breiten Öffentlichkeit entsteht, ist die Frage, wie die „große Transformation“, wie die Nachhaltigkeitswende gelingen kann. Dazu hat Reinhard Loske, bis vor kurzem Professor für Transformationsdynamik an der Universität Witten-Herdecke und jetzt Präsident der Cusanus-Hochschule, schon 2015 ein Buch veröffentlicht, das die vielfältigen Ansätze für den Klimaschutz und die dazu notwendige Nachhaltigkeitswende allgemein verständlich einordnet und erläutert. Besonders das Wechselspiel zwischen ökonomischer, sozialer und ökologischer Perspektive sowie die Handlungsmöglichkeiten einer zukunftsfähigen Politik nimmt er ausführlich in den Blick.

Sozialer Zusammenhalt und Gerechtigkeit sowie ökonomische Vitalität und Robustheit sind für die heute Lebenden und ihre Gesellschaften zwar elementare Bedingungen, dürfen aber nicht auf Kosten der lebensspendenden Natursysteme und -funktionen, der zukünftigen Menschheitsgenerationen und der Menschen in ärmeren Teilen der Welt gehen. All das erfordert langfristiges Denken und das Einbeziehen von Zukunftsbelangen in Gegenwartshandeln. (S. 14)

Daran müssen sich die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft messen lassen.

Loske erläutert den Begriff Nachhaltigkeit, der häufig für irreführende Werbebotschaften missbraucht worden ist, obwohl er – nimmt man die Transformation ernst – wohl unverzichtbar ist. Nachhaltigkeit ist mehr als Umweltschutz.

Bei der Nachhaltigkeit geht es darum, die Bedürfnisse der hier und heute Lebenden so zu befriedigen, dass sie
– zukünftigen Generationen,
– Menschen in anderen Teilen der Welt und
– der nicht-menschlichen Kreatur
nicht die Lebensgrundlagen entziehen, …

Besonders aufschlussreich ist seine ausführliche Betrachtung der politischen Nachhaltigkeitsstrategien, die sich an diesem Grundsatz messen lassen müssen. Loske ordnet die verwirrende Vielfalt an Ideen und Lösungsansätzen, die einen Beitrag zu einer nachhaltigen Gesellschaft leisten wollen. Er unterscheidet fünf grundlegende Strategien, wie ökologische Ziele zu erreichen versucht wird: Effizienz, Substitution, Suffizienz, Subsistenz und Kooperation.

Der alte Pfad ist nicht mehr attraktiv, in erreichbarer Nähe sind neue, lustmachende und bessere Wege erkennbar, auf die man gerne und aus freien Stücken wechseln möchte. Vielleicht, weil man mit viel weniger Ressourcenaufwand die gleichen Ziele erreichen kann (Effizienz), weil man statt schmutziger oder gefährlicher Technologie saubere einsetzen kann, um seine Ziele zu erreichen (Substitution). Weil man gar nicht (mehr) so viele Güter braucht, um zufrieden zu sein, also andere Ziele anstrebt als materielle (Suffizienz), weil man Freude daran findet, Dinge selbst zu machen, statt sie zu kaufen, und so eher dem Ziel der Autonomie als der Einkommenserzielung folgt (Subsistenz), weil man Ziele gemeinsam mit anderen verfolgen und Dinge gemeinsam nutzen kann, ohne sie besitzen zu müssen (Sharing). (S. 228)

Keine dieser Strategien ist für sich allein geeignet, die Klimaziele zu erreichen. Entscheidend ist, wie es gelingt, Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialziele mit einem integrierten Maßnahmenbündel gleichermaßen zu erreichen.

Die gerade in der Politik sehr beliebten Effizienzkonzepte leiden an zwei Problemen. Die niedrigen Energie- und Ressourcenpreise schaffen wenig Anreiz zur Effizienzverbesserung. Der Rationalisierungsdruck liege, so Loske, vielmehr auf dem kostenintensiven Faktor Arbeit. Es werden „eher Menschen als Kilowattstunden ‚arbeitslos‘ gemacht“. Das zweite Problem: Wo technische Effizienzpotenziale tatsächlich ausgeschöpft werden, tritt häufig der Rebound-Effekt ein. Die Effizienzgewinne werden durch Wachstumseffekte aufgefressen oder gar überkompensiert.

Die Substitution von fossilen Energieträgern durch erneuerbare Energiequellen ist zwingend, wenn die Klimaschutzziele erreicht werden sollen. Die fossilen Brennstoffe müssen in der Erde bleiben. Eine für die etablierte Ökonomie provozierende Tatsache. Sie muss umdenken. Denn ökonomische Modelle werden sehr wohl gebraucht. Aber andere. So stifte, betont Loske, ein in die Energieeinsparung investierter Euro ungleich mehr für den Klimaschutz als ein Euro, der zur Subventionierung erneuerbarer Energien eingesetzt werde. Die Ökonomie könne helfen, die besten Instrumente und den besten Policy-Mix zu finden, der demokratische Entscheidungen mit ökonomischer Rationalität verbinde. Statt kohlenstoffreie Energieformen wie Windkraft oder Photovoltaik zu subventionieren wäre es sinnvoller, fossile Energieträger durch Privilegienabbau, Steuern und Abgaben zu verteuern.

Damit spricht Loske die CO2-Steuer an, die in der aktuellen Politik sehr kontrovers diskutiert wird und fast schon symbolisch für die Handlungsunfähigkeit der Politik steht. Dabei handelt es sich um ein besonders effektives Instrument. Wie der Staat sein Geld einnimmt und wofür er es ausgibt, ist für die Nachhaltigkeit der Gesellschaft und ihrer Wirtschaft essentiell. Aus dieser Perspektive ist das heutige Gefüge der Steuern und Abgaben schädlich. Notwendig wäre eine andere Gewichtung der Staatseinnahmen.

Höhere Steuern und Abgaben auf Ressourcenverbrauch, Konsum und leistungslose Kapitaleinkünfte und Vermögen (bei angemessenen Freibeträgen, besonders für mittelständische Unternehmen) sowie niedrigere Steuern und Abgaben auf produktive Arbeit und gemeinwohldienliches unternehmerisches Handeln in Genossenschaften, Familien- und Stiftungsunternehmen. (S. 136)

Als weiteres wichtiges ökonomisches Instrument steht der Abbau umweltschädlicher Subventionen zur Verfügung. Obwohl es für Politiker sehr reizvoll ist, „Geschenke“ zu verteilen, stellt Loske einen allmählichen Einstellungswandel gegenüber Subventionen fest. Dieses Umdenken für ökologische Ziele zu nutzen, ist das Gebot der Stunde. Sehr hoch liegen die direkt umweltschädlichen Subventionen für Schwerindustrie, Energiewirtschaft, Automobilindustrie und Autoverkehr, Bauwirtschaft, industrielle Landwirtschaft und Hochseefischerei.

Zurück zu den grundlegenden Strategien für die Nachhaltigkeitswende. Suffizienzstrategien setzen eher bei den Werthaltungen an. Verzicht steht natürlich im Gegensatz zur etablierten Ökonomie. Der homo oeconomicus verzichtet wohl kaum. Trotz eines gewissen Interesses der Mainstream-Ökonomie an neuen Konzepten der Wohlstandsmessung stößt die Erkenntnis, dass ab einem bestimmten Wohlstandsniveau die Lebenszufriedenheit nicht mehr ansteigt, in der dominierenden Ökonomie auf Ablehnung. Loske zeigt sich skeptisch, ob die Modelle der neueren Verhaltensökonomie zu einer Revision des überholten Menschenbildes der klassischen Ökonomie führen werden.

Kürzlich hat Loske in Agora42 (2-2019, S.54) die Bedeutung von Suffizienzstrategien gegenüber den bevorzugten Ansätzen der Ressourcen- und Energieeffizienz oder der Steuerung über Preisanreize betont.

Das sind aber alles keine hinreichenden Bedingungen für einen großen Wandel. Dengegenüber ist die Wohlstandsfrage, also die Frage: „Wieviel ist eigentlich genug?“ absolut zentral.

Die Subsistenz– oder Bedarfswirtschaft wird von der ökonomischen Forschung weitgehend ignoriert, obwohl immer offenkundiger werde, wie wichtig sie für die Armutsbekämpfung, den Schutz vor weltmarktbedingten Turbulenzen und den Erhalt der Naturgüter ist. Zugleich gewännen soziale Aktivitäten, wie Gemeinschaftsgärten, Reparaturcafés, Tauschringe oder Freiwilligendienste an Bedeutung.

Hier haben wir es mit sozialem Lernen und gesellschaftlicher Transformation von unten par excellence zu tun. (S. 111)

Die Frage ist, ob und wie solche sozialen Innovationen mit der Marktwirtschaft friedlich koexistieren können. Ist eine „Mixed Economy“ denkbar? Werden Kulturwandel, digitale Revolution und erhöhte sozial-ökologische Sensibilität eine Ökonomie hervorbringen, die ebenso sehr auf Kooperation wie auf Wettbewerb basiert?

Für Loske steht außer Frage, dass Kooperation und Gemeinwohlwirtschaft einen sehr großen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten können. Die Sharing Economy ist nur ein Beispiel.

Werden Räume, Autos, Geräte, Maschinen, Nahrungsmittel oder Kleidungsstücke gemeinschaftlich genutzt – also geteilt, getauscht, verliehen oder verschenkt -, braucht man in der Regel deutlich weniger Material, Energie und Fläche. (S. 113)

Die Tendenzen, die neue Kultur des Teilens der althergebrachten Vermarktungslogik zu unterwerfen, lassen erkennen, dass es entscheidend auf die Fähigkeit der Politik ankommt, für die Ökonomie des Teilens einen angemessenen Rahmen zu setzen. Gewinnen die kommerziellen Internet-Plattformen die Oberhand, wird es auch hier zu Rebound-Effekten kommen, die die Nachhaltigkeit dieser Modelle gefährden. Ähnliche Gefahren sieht Loske für die anderen Kooperationsformen, wie die Reintegration von Produktion und Konsum im Nahraum (Prosumption), die Wiederbelebung von regionalen Produktionsverflechtungen, die Reparatur von langlebigen Produkten und die Nutzung von Gemeingütern, z. B. durch lokale Nutzergemeinschaften.

Gefordert sei eine plurale Nachhaltigkeitsökonomik, die angesichts der Dimension der ökologischen Herausforderungen nur möglich sei, wenn sich die Akteure der verschiedenen Schulen nachhaltigen Wirtschaftens eine gesunde Portion Ambiguitätstoleranz zulegten.

III

Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleibt im Dunkeln unerfahren, mag von Tag zu Tage leben.

So schreibt Goethe im West-östlichen Divan. Loske zitiert ihn (S. 18) als einen aus einer langen Ahnengalerie von Denkern, die alle wichtige Beiträge zum Nachdenken über Grenzen menschlichen Wirtschaftens, zum Erforschen der ökologischen Krise oder zur Nachhaltigkeitsdebatte geliefert haben. Die lange Liste reicht von Jared Diamond, Günter Anders, Ivan Illich oder Elinor Ostrom über George Orwell und Ernst Callenbach als Vertreter  negativer oder positiver Visionen bis zu James Lovelock, der mit seiner Gaia-Hypothese dazu einlädt, die Erde und ihre Biosphäre wie ein sich selbst regulierendes Lebewesen zu betrachten.

Loske sind diese Vordenker wichtig. Er hält die Methode, zuvor Gedachtes in die eigenen Reflexionen einzubeziehen und auf aktuelle Fragen anzuwenden, für essentiell. Das Buch wirkt vermutlich gerade deshalb so ausgewogen und fundiert, weil Loske mit seinen Überlegungen auf der breiten Palette von Arbeiten dieser Vordenker und Pioniere aufbaut.

IV

In dem bereits erwähnten Agora42-Interview (S. 52) umreißt Loske die Herausforderung des Klimawandels und der biologischen Vielfalt mit einer einprägsamen Zahl.

Wenn die Böden, Pflanzen und die ozeanische Deckschicht jedes Jahr 16 Milliarden Tonnen CO2 absorbieren können, wir als Menschheit aber 40 Milliarden Tonnen ausstoßen, dann ist das eben um den Faktor 2.5 zu viel.

Eine Transformation ist also unumgänglich. Loske ist mit seinem Ansatz daran gelegen, die Kreativität und die Lust der Menschen zu wecken, die beispiellose Herausforderung anzunehmen und anzugehen. Er plädiert für Teilhabe. Eine funktionierende Demokratie kann die notwendige Dynamik und Integrationskraft am besten entfalten, sofern es gelingt, die Vision einer nachhaltigen, freien und gerechten Gesellschaft zu zeichnen.

Politische Systeme, die kein idealistisches Leitmotiv (mehr) haben und keine visionäre Kraft, die nur noch kalte Ideale wie Wettbewerbsfähigkeit, Wirtschaftswachstum oder Informationsgesellschaft propagieren, sind letzten Endes schwach und anfällig für Irrationalismus und totalitäre Ideen, … (S. 219)

Eine kraftvolle Vision rückt indes in weite Ferne, solange ökologische und soziale Ziele immer wieder gegeneinander ausgespielt werden.

Bei allen politischen Vorschlägen zur Förderung der Nachhaltigkeit sollten die distributiven Effekte deshalb stets mitgedacht werden, ob bei Ökosteuern oder der Umlegung von Investitionskosten für Maßnahmen der energetischen Gebäudemodernisierung auf die Mieterinnen und Mieter, bei Fahrpreisgestaltungen im öffentlichen Transportsystem oder der Förderung regionaler Wirtschaftsaktivitäten, bei der Besteuerung nicht-kommerzieller Sharing-Projekte oder der Verlängerung von Garantiezeiten für Gebrauchsgegenstände, in der Entwicklungszusammenarbeit oder der Gestaltung von Handelsabkommen – überall hat der Staat die Möglichkeit, die Interessen der „kleinen Leute“ in besonderer Weise zu berücksichtigen. (S. 223)

Wäre das nicht eine gute Idee für die schwächelnden Volksparteien, die anstehende Selbsterneuerung in diesem Sinne anzugehen?

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Mehr dazu s. auch
Sensoren (5): The Automation of Society is next – Dirk Helbing
Manifeste (7): Das terrestrische Manifest von Bruno Latour

Manifeste (11): Future Public Media

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Wie müssen öffentlich-rechtliche Medienhäuser heute aufgebaut und organisiert sein, damit sie der digitalen Realität gerecht werden?

Dieser Frage nähert sich Konrad Weber, Journalist und Verantwortlicher für die Digitalstrategie beim SRF, gemeinsam mit einer Gruppe von Medienschaffenden in einem Manifest zum Wandel der öffentlich-rechtlichen Medien .

Das Manifest beschreibt die Herausforderungen treffend, mit denen sich die öffentlich-rechtlichen Medien in der digitalen Transformation der Gesellschaft auseinander setzen müssen. Das Dilemma wird deutlich. Die öffentlich-rechtlichen Medien haben in den vergangenen Jahrzehnten Strukturen aufgebaut, die eine sichere und zuverlässige Berichterstattung für breite Bevölkerungsschichten ermöglicht haben. Diese Strukturen zu ändern, gefährdet die Versorgung mit linearen Medienangeboten. Sie aufrecht zu erhalten, gefährdet die Zukunftsfähigkeit der öffentlich-rechtlichen Medien. Die Mittel sind an lineare Angebots- und Verbreitungsformen gebunden. Deren Nutzung geht derzeit erst langsam zurück, wird jedoch, so lehrt die Erfahrung mit der Marktdurchdringung digitaler Technologien, eines Tages abrupt einbrechen. Für Innovationen, für den Aufbau von Medienangeboten, die der Nutzung in der digitalen Welt entsprechen, stehen zu wenige Ressourcen und zu wenig Aufmerksamkeit in den Medienhäusern zur Verfügung.

Die Autoren zeigen sich durchaus bewusst, dass es die öffentlich-rechtlichen Medien mit einer tiefgreifenden Transformation zu tun haben, die das Verhältnis zum Publikum oder zum Bürger verändert. Sie beziehen sich auf den New Yorker Journalismus-Professors Jay Rosen. Er versucht, öffentlich-rechtliche Medien neu zu denken und appelliert: „Öffentlich-rechtliche Medien müssen endlich lernen, genau so gut zuhören wie senden zu können.“

Das Manifest (hier der Link zur pdf-Version) versucht, einen Weg aus dieser Zwickmühle zumindest anzudeuten. Es umfasst 15 Leitsätze.

Wir als öffentlich-rechtliche Medien

1. fördern die demokratische Meinungsbildung und die kulturelle Vielfalt und erfüllen so unseren verfassungsmässigen Auftrag.

2. sind uns der Verantwortung bewusst, die uns durch die öffentliche Finanzierung zukommt und sorgen für grösstmögliche Effektivität.

3. lassen uns bei der Themensetzung vom öffentlichen Interesse leiten und können / müssen Themen bearbeiten, die in den privaten Medien zu kurz kommen.

4. stehen für zuverlässigen, fairen und ausgewogenen Journalismus und richten unser Tun auf Impact und nicht auf Reichweite aus.

5. verstehen unser Angebot als Dienst an der Gesellschaft und unsere Produkte als Allgemeingut und erfüllen damit eine andere Aufgabe als private Verleger.

6. nehmen bei der Wahl der Distributionskanäle unser breites Publikum und die unterschiedlichen und sich verändernden Bedürfnisse ernst und sorgen so für eine hohe Bindung an die Marke.

7. suchen laufend nach neuen Wegen, um möglichst viele Menschen zu erreichen und nehmen so unsere Aufgabe wahr, für eine breite Öffentlichkeit da zu sein.

8. beziehen unser Publikum aktiv ein und nutzen die Möglichkeiten, die eine Teilhabe mit sich bringt.

9. verstehen Verbesserung als Prozess, der nie fertig ist und können so den Wert unserer Angebote und Produkte kontinuierlich steigern.

10. messen und hinterfragen bestehende Angebote und Produkte quantitativ und qualitativ und stellen so sicher, dass Defizite so schnell wie möglich entdeckt und behoben werden.

11. sind transparent, machen die Messgrössen sowie daraus abgeleiteten Erkenntnisse öffentlich und machen Entscheidungen nachvollziehbar.

12. nutzen technologische Entwicklungen in der Produktion und in der Distribution und schöpfen so das technologische Potenzial aus, das die Kosten senken und die Qualität verbessern kann.

13. treiben die technologische Entwicklung in der Medienbranche selber aktiv voran und leisten so einen eigenen Beitrag zur besseren Versorgung der Bevölkerung mit Medieninhalten.

14. sorgen für geeignete Organisationsformen und Prozesse und garantieren damit, dass Ressourcen so effizient wie möglich eingesetzt werden, sowie einen transparenten Informationsfluss innerhalb und ausserhalb der Organisation und legen damit die Grundlage dafür, dass informierte Entscheidungen gefällt und vermittelt werden können.

15. wissen, dass Medien nur so gut sein können wie ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und sorgen deshalb für geeignete Bedingungen, damit wir ein attraktiver Arbeitgeber sind.

2019 futurepublic.media – CC BY SA

Das sind alles Sätze, denen in ihrer Allgemeinheit sowohl die Bürger als Mediennutzer, als auch viele Medienschaffende gerne zustimmen werden. Fraglich scheint jedoch, wie sie einen Weg aus dem Dilemma weisen wollen. Ein Problem liegt im widersprüchlichen Umgang mit der Messbarkeit. Einerseits wird proklamiert, das mediale Schaffen auf Wirkung (Impact) und nicht auf Reichweite auszurichten. Andererseits kann das Manifest einer Messbarkeitsgläubigkeit Vorschub leisten. Wo es jedoch um Qualitäten, um Wirkung – sowohl bei den einzelnen Bürgerinnen und Bürgern, als auch in der Gesellschaft – geht, sind weder widerspruchsfreie Kriterien noch eindeutige Messgrößen denkbar. Die Versuche, die Wirkung journalistischer Recherchen zu messen, sollen damit nicht geschmälert werden. In Deutschland gibt es hier noch deutlich Nachholbedarf.

Während US-Medien und Rechercheinitiativen teilweise eigene Impact-Analysten oder Impact-Redakteure beschäftigen, die die Erfolgsmessung im Blick haben und auswerten, existiert solch eine Kultur in Deutschland noch nicht. Selbst die Süddeutsche Zeitung erfasst den Einfluss der „Panama Papers“ bisher nicht systematisch – obwohl er der größte journalistische Coup der Zeitung ist und ein gutes Beispiel dafür, was Journalismus bewirken kann.

https://www.journalist-magazin.de/hintergrund/wie-misst-man-journalistischen-erfolg

Diese Art der Erfolgsmessung reicht jedoch nicht aus, um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in der digitalen Welt zu etablieren. Vielmehr kommt es darauf an, wie ein konstruktiver Dialog über die Bewertung der Qualitäten gestaltet werden kann. Das Beispiel der Recherche-Organisation Correctiv zeigt, worauf es mindestens genau so ankommt.

Das Publikum wird in die Recherchen involviert. 3.000 Mitglieder bilden die Community und finanzieren Recherchen mit, Bürger werden aber auch zum Teil von Recherchen.

https://www.journalist-magazin.de/hintergrund/wie-misst-man-journalistischen-erfolg

„Strukturen bewirken, dass … Medien überall, aber überall nur spezifisch eingesetzt werden können“, so Baecker. Über die Veränderung dieser Strukturen erfahren wir in diesem Manifest so gut wie nichts. Das ist aber gemeint, wenn von digitaler Transformation die Rede ist.

Jeff Jarvis deutet an, was von einem Journalismus in der digitalen Zukunft zu erwarten sei. Er möge sich in die gesellschaftliche Konversation einbringen.

Journalism is that conversation. Democracy is that conversation.

https://medium.com/whither-news/journalism-is-the-conversation-the-conversation-is-journalism-22a8c631e952

Er stellt sich vor, wie eine Zeitung funktioniert, nachdem die gedruckte Ausgabe mangels Nachfrage eingestellt worden ist.

We cannot still shovel our old product — content — into this new reality and think we will find new ways to support what we used to do. We must reconceive of media and journalism as a service, not a product.

Jarvis weist auf eine besondere Fähigkeit hin, die es einzuüben gilt: zuhören. Drei Begriffe führt er ins Feld, an denen entlang sich diese Übung orientieren kann: Communities, Interessen und Use Cases.

And, to be fair, until recently we did not have all the means we now have to listen to the public we serve. But now we do have many ways to listen before we decide how to serve a community. We need to work on that skill. Start with the community, not the content.

Wenn Jarvis für einen Journalismus plädiert, dessen Produkt nicht mehr Content ist, dann wirft das für überzeugte Journalisten identitätsgefährdende Fragen auf. Was ist dann das Produkt? Zum Produkt wird die Begegnung, die das News-Angebot in der Community oder bei der Nutzerin auslöst.

Content becomes a tool for what someone else wants to do. How do we bring journalism to people’s conversations wherever and whenever they occur?

Für viele Journalisten dürfte das starker Tobak sein. Ähnlich kündigt sich jedoch auch Heidi.news an.

A l’heure où l’information abonde, où chacun peut la produire et la diffuser, les journalistes doivent descendre de leur piédestal et reprendre leur vraie mission: chercher la vérité, servir les citoyennes et citoyens, engager le dialogue, partir sur le terrain.

a post-content, relationship-based strategy for the future of journalism. It starts with listening.

https://medium.com/whither-news/journalism-is-the-conversation-the-conversation-is-journalism-22a8c631e952

Dirk Baecker hat kürzlich darauf hingewiesen, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk gezwungen sei, von Auftrag auf Ungewissheit umzustellen.

Die Umstellung von „Auftrag“ auf „Ungewissheit“ bedeutet, dass Ziele und Mittel laufend neu bestimmt werden müssen. Sie können nur laufend neu bestimmt werden, wenn sich die Organisation intern und extern in einer dauernden Abstimmung mit Mitarbeitern, Publikum und Aufsichtsorganen befindet. Diese Abstimmung ist mühsam, doch ist sie zugleich die Voraussetzung dafür, dass Themen, Stile, Tonfälle und Zuspitzungen sowohl ausprobiert als auch geändert werden können.

https://dokublog.de/a/vom-auftrag-zur-ungewissheit-2

III

Und noch ein Manifest zur Nachhaltigkeit der Information.

Wir reflektieren ruhig und ohne Agenda.
Wir übernehmen Verantwortung für die andere Meinung.
Wir haben genau null Toleranz für „hate“.
Wir feiern Pioniere, Lösungen und Menschlichkeit.
Wir sind inhaltlich illoyal und misstrauen unserer Filterblase.
Wir pflegen unsere eigenen, unabhängigen Vertriebskanäle.
Wir bemühen uns darum, eine diverse Redaktion aufzubauen.

Quelle: piqd.de

Auch piqd will Teil der Bewegung hin zu einem nachhaltigen Medienkonsum sein.

Written by Östermann

10. April 2019 at 18:03

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