Sensoren (25): In der Klimakrise – verzichten oder loslassen?

Sollen oder müssen wir wegen der Klimakrise Verzicht üben? Immer wieder werden Bedenken angemeldet. Nicht wegen des Verzichtens. Allen, die sich mit der Klimakrise beschäftigen, ist klar, dass sie ohne Verzicht unmöglich zu bewältigen ist. Die Bedenken richten sich gegen die Verwendung des Begriffs. „Verzicht“ klinge so negativ und raube die Motivation. Gerade Politiker versuchen, den Eindruck zu erwecken, die Klimakrise sei ohne Verzicht zu bewältigen, indem sie das Wort vermeiden.

Kürzlich ist diese Frage auch an den Historiker Philipp Blom gerichtet worden. Er hielt ein Impulsreferat bei einer sehenswerten Online-Veranstaltung der Katholischen Kirche Vorarlberg. Eine Zuschauerfrage im Anschluss des Vortrags befasste sich mit dem Verzicht (s. ab Min. 44). Das Wort wirke in Diskussionen wie ein Totschlagargument. Blom fand, so scheint mir, eine überzeugende Antwort. Er finde das „atemberaubend kindisch“. Jede Entscheidung sei mit einem Verzicht verbunden.

Wenn man sich für etwas entscheidet, entscheidet man sich gegen ganz viele andere Möglichkeiten. … Es zeigt, wie sehr wir zu Konsumenten infantilisiert worden sind.

Wenn man sich entscheide, in einer bestimmten Stadt zu leben, könne man nicht gleichzeitig in allen anderen leben. Wenn man mit einer Frau verheiratet sei, könne man dies nicht zugleich mit allen anderen sein. Das seien erwachsene Entscheidungen, „intelligenter Verzicht“.

Aber was ist mit dem Verlust an Identität, den Menschen erleiden, die sich stark über Konsum definieren? In der Zeit bis etwa 1850 sei die Identität geprägt gewesen durch die Verhältnisse, in die man hineingeboren wurde. Mit dem Entstehen der Konsumwelt, so Blom, haben wir diese Ketten abgeschüttelt. Heute müsse man seine Identität zusammensuchen. Das sei anstrengend. Da biete der Konsum eine Krücke zur symbolischen Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die man einfach kaufen könne. „Was kommt danach?“, fragt Blom. Das hänge davon ab, was „cool“ sei.

Ist es cool, über das Wochenende auf die Philippinen zu fliegen oder ist es cool, mit der Bahn eine Reise durch Europa zu machen. Wofür bewundern Sie die Nachbarn?

Blom berichtet von einer Begegnung mit Richard Sennett, dem amerikanischen Soziologen. Er habe ihm erzählt, dass sein Großvater nur zwei Anzüge besessen habe. Das sei aber kein Problem gewesen. Es habe ja nicht so viel zu kaufen gegeben.

Der Konsumdruck ist … nicht da, wenn man nicht dauernd damit bombardiert wird.

Verzicht nützt nichts – und hilft doch

Verzicht nütze nichts, wenn ihn Einzelne übten. Das zeige die „Tragödie der Gemeingüter“. Das ist das Phänomen, dass gemeinsame Güter aufgezehrt werden, weil jeder auf seinen eigenen Nutzen achtet. Mit diesem Einwand gegen das Verzichten hat sich der Philosoph Philipp Hübl kürzlich in einem Beitrag für Der Standard auseinandergesetzt. Darin zeige sich der Unterschied zum erzwungenen Verzicht in der Corona-Pandemie. Der Verzicht auf Begegnungen mit anderen helfe, sich und andere vor Ansteckung zu schützen. Konsumverzicht lohne sich hingegen nicht, wenn man davon ausgehen müsse, dass sich andere unkooperativ verhalten.

Hübl zeigt die vermeintliche Widersprüchlichkeit des Konsumverzichts auf. Der private Konsum habe den technologischen Fortschritt, z.B. in der Medizin, erst möglich gemacht, der heute gerade auch den Ärmsten zugute komme. Wenn Österreich den CO2-Ausstoß auf Null reduzierte, würde das die weltweiten Emissionen um weniger als 1 % verringern. Auch die Einstellung des weltweiten Flugverkehrs würde nur etwa 2 % CO2-Reduzierung bringen.

Solche einseitigen und statischen Rechenspiele können, so mein Eindruck, Menschen, die sich gegen den Konsumverzicht sperren, die Begründung liefern. Wenn es nichts nützt, kann man es auch lassen und weiter Ressourcen im großen Stil verbrauchen. Hübl dreht letztlich bei und findet, dass es dennoch Idealisten brauche, die als Vorbilder dienen und andere zum Nachahmen anstiften.

Verzicht mit Humor

Von einer anderen Seite aus betrachtet der Philosoph Robert Pfaller das Phänomen in einem anderen Beitrag für Der Standard. Er geht dem Verzichten und der Lust daran als postmodernem Trend nach, der sich etwa in Verzichtsseminaren zeigt. Zwei gegensätzliche Beweggründe können den Verzicht beflügeln, stellt Pfaller mit Rückgriff auf Ludwig Marcuse fest. Bei einem Abendessen verzichtet der eine auf den Wein, weil er die Pointen der Konversation nicht verpassen will, der andere, weil er glaubt, dass Alkoholkonsum Sünde sei. Beiden Abstinenzlern ist eines gemeinsam. Sie halten sich für etwas Besseres. So sieht Pfaller in der Postmoderne die Gefahr, dass wir vom exzessiven Konsum in den exzessiven Verzicht abgleiten. Er erinnert an Epikur und dessen Postulat, dass auch das Maßhalten maßvoll geschehen solle. Um aus der Spirale des Verzichtens – ebenso wie aus jener des endlosen Konsumierens – herauszukommen, brauche man vielleicht ein wenig Humor, so Pfaller.

Wenn man in der Lage ist, ein wenig über sich selbst zu lächeln, dann kann man einsehen, dass man keinen ganzen Ozean zum Schwimmen und keine zehn Wohnungen zum Wohnen braucht. Und mit ein wenig Humor kann man andererseits auch zur Kenntnis nehmen – und diese ertragen –, dass jeder von uns, auch der Achtsamste, wohl immer mehr Schaden anrichtet als Nutzen: weil Leben insgesamt, wie der Philosoph Whitehead bemerkte, ein „Raubüberfall“ ist.

Loslassen statt verzichten

Verzicht kann auch für den Einzelnen mit einem Gewinn verbunden sein. Das maßvolle Leben ist jedoch ein radikal anderes Leben. Wir sind eingebunden in ein Netz lebender Organismen, von denen wir und die von uns wechselseitig abhängig sind. Wenn wir dies erkennen, wächst die Neuausrichtung unseres inneren Kompass. Wir können wechseln von einer Haltung, die uns ein mühsames „Weg-Von“ einer überzogenen Konsumhaltung auferlegt, zu einer Haltung, die uns ein „Hin-Zu“ einem Miteinander mit allem Lebendigen spüren lässt. Nochmal Philipp Blom (ab ca. Min. 18).

Wir begreifen mit der Klimakatastrophe, wir begreifen mit Covid, dass wir nicht außerhalb, sondern mitten in der Natur stehen, dass wir unser Bild von der Natur und unserem Verhältnis zu ihr radikal ändern müssen.

Wir brauchen die Kritische Zone, wie alle Lebewesen, zum Überleben. Wenn wir uns darauf besinnen können, uns darauf auszurichten, was dem Leben und dem Erhalt der Bedingungen für das Leben dient, verliert sich langsam das Gefühl, verzichten zu müssen. Wir können loslassen, was nicht mehr wichtig ist. Wir können andere Entscheidungen treffen. Wir werden lernen, uns für lebensfähige Verhältnisse zu entscheiden und nicht gegen die Verlockungen einer Konsumwelt. Dieses Loslassen setzt voraus, dass wir uns dem Neuen zuwenden, das Neue kommen lassen, uns einem nachhaltigen Lebensstil annähern, eine Idee dafür reifen lassen, uns ausprobieren.

Verzicht auf „Verzicht“ als Maßstab für die Transformation?

Es spricht also manches dafür, dass wir das Appellative dieses Begriffes hinter uns lassen. Je mehr wir Zufriedenheit, Glück, Freude, „Flow“ mit Situationen erleben, in denen wir die Krücke des Konsums wegwerfen und auf eigenen Beinen stehen, desto mehr wird der Konsumdruck nachlassen und desto weniger werden wir das Wort „Verzicht“ verwenden.


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Was gute Führung ausmacht (20): Transformatives Unternehmertum als Zukunftskunst

Sensoren (21): Philipp Blom über die Macht unserer Vorstellungskraft

Sensoren (14): Der Klimawandel und die Hoffnung

Sensoren (24): In Hoffnung leben

Es lassen sich zwei Arten der Hoffnung unterscheiden. Darauf macht der Philosoph und Theologe Hartmut von Sass in der SRF-Sendung „Sternstunde Religion“ aufmerksam. Umgangssprachlich verwenden wir den Begriff vorzugsweise für das Hoffen, dass ein konkretes Ereignis eintreten möge. Es gibt aber auch, so von Sass, eine Hoffnung als Lebensmodus.

Ohne Moderne keine Hoffnung?

In einem Aufsatz mit dem Titel „Hoffnung mit Optimismus“ setzt sich von Sass ausführlicher mit der Frage auseinander, wie Hoffnung in vermeintlich hoffnungslosen Zeiten möglich ist. Er geht von der Moderne aus, die wir durch unsere Lebensweise erzeugen. Die moderne Lebensweise lässt uns von der Zukunft stets etwas Neues erwarten, lässt uns auf etwas Neues hoffen.

Nur wo die Zukunft noch aussteht und als unausgeschöpft angenommen wird, bewegen wir uns in jenem Möglichkeitraum, zu dem sich der hoffende Mensch verhalten kann und in bestimmter Weise, nämlich hoffend, tatsächlich verhält. Wo hingegen alles „entleert“ ist und zum Vakuum degradiert, kann es offensichtlich keine Hoffnung geben.

Hartmut von Sass: Hoffnung mit Optimismus. S. 2

Umgekehrt leben wir, wenn wir modern leben, nicht zwingend in Hoffnung. Wenn wir den Möglichkeitsraum eröffnen, sehen wir uns vor eine Wahl gestellt: Welches Leben wollen wir? Und: Wie können wir in dem Möglichkeitsraum auch die Möglichkeit des Guten vermuten, bewahren, schützen und pflegen? Die Hoffnung ist vielen abhanden gekommen, weil sie genau diesen Möglichkeitsraum nicht mehr erkennen. Die Dynamik der Ökonomie scheint keine Alternativen zuzulassen. Angesichts der Unsicherheiten, Bedrohungen und Gefahren, die uns die Wissenschaft in nüchternen Zahlen aufzeigt, erscheint Pessimismus vielen als die einzig angemessene Haltung.

Doch Hoffnung, so zeigt von Sass, ist weder Gegenstand einer persönlichen Wahl, noch primär mit unserer Ausrichtung auf die Zukunft verknüpft, noch realitätsfern. Dies betrifft auch den Optimismus, der sich ähnlich wie die Hoffnung, diese vorschnelle Kritik eingehandelt habe. Diese beiden Begriffe – Hoffnung und Optimismus – und ihr Verhältnis zueinander unterzieht von Sass einer ausführlichen Betrachtung.

Hoffnung als Modus, zu leben

Er unterscheidet einen propositionalen von einem modalen Begriff der Hoffnung. Der erstere bezeichnet das Hoffen, dass etwas der Fall sei. Beim zweiten Begriff geht es hingegen darum, dass ein Mensch in Hoffnung lebt. Es gehe, so von Sass,

nicht darum, dass wir uns in einem konkreten Zustand auf ein Ereignis ausrichten, sondern darum, dass wir mit Blick auf die Gesamtheit der Ereignisse in unserem Lebensvollzug hoffnungsvoll leben.

a.a.O., S. 8

Hoffnung, so verstanden, ordne sich nicht in das Spektrum zwischen Unsicherheit und Gewissheit ein, sondern, so von Sass, es handle sich um eine Qualifikation unserer gesamten Existenzweise. Hoffnung ist dann die Einstellung, die all unser Denken, Fühlen und Handeln begleitet und einstimmt.

Wie verbinden sich die beiden Spielarten der Hoffnung im praktischen Lebensvollzug? Auch zu dieser Frage begibt sich von Sass auf eine Erkundung. Er schlägt den Weg über den Optimismus ein. Ähnlich wie bei der Hoffnung können auch hier zwei Arten des Optimismus unterschieden werden: ein Optimismus der Tatsachen und ein Optimismus der Haltung. Von Sass wendet sich jedoch gegen eine einfache Gleichsetzung des Tatsachenoptimismus mit der propositionalen Hoffnung und des Haltungsoptimismus mit der modalen Hoffnung. Denn der Optimismus als Haltung zeige sich in seiner Betrachtung als grundlegend für alle Weisen, optimistisch zu sein. Wer im Optimismus der Tatsachen Fakten einbezieht und bewertet, tut dies aus einer optimistischen Haltung heraus.

Auf welche konkreten Fakten für eine bestimmte Haltung Bezug genommen wird und wie diese Fakten bewertet werden, ist bereits von jener optimistischen Haltung abhängig, die von diesen Fakten gestützt werden soll.

a.a.O., S. 16

Der Optimismus der Haltung konkretisiert, so von Sass, die modal verstandene Hoffnung. Was es meinen kann, das Leben in Hoffnung zu vollziehen, wird von einer optimistischen Haltung erläutert.

Wenn Hoffnung als Qualifizierung des Lebensvollzugs verstanden wird, wobei Optimismus eine ihrer Konkretionen ist, und wenn der Optimismus dafür sorgt, Werte und Kriterien einfließen zu lassen, um zu einer positiven Einschätzung zu gelangen, die sich aus den künftigen Umständen, auf die sich diese optimistische Hoffnung richtet, nicht einfach ergeben – wenn also beides gilt, dann geht die modal verstandene Hoffnung dem einzelnen Akt des Hoffens, dass x der Fall sei, logisch voran.

a.a.O., S. 18

Der Optimist setzt die Werte, die seine Haltung begründen, erst seinerseits in die Welt.

In diesem Sinne hoffnungsvoll zu leben, das scheint mir die Haltung zu sein, die angesichts der Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen die letzte Gelegenheit verpassen, die Erderwärmung aufzuhalten, angemessen ist. Mich erinnert die modale Hoffnung an Jonathan Franzen, der in seinem umstrittenen Aufsatz für den New Yorker – ich hatte in einem früheren Blog-Beitrag darüber geschrieben – für eine andere Hoffnung plädiert hat. Bei ihm ist der Zweifel an der Lösung der Klimakrise die treibende Kraft für eine ethische Entscheidung, die jeder Mensch zu treffen habe. Wir können den Planeten respektieren und uns um die Menschen kümmern, mit denen wir ihn teilen, ohne daran zu glauben, dass uns diese Haltung retten werde.

Bei von Sass sind diese Annahmen über die Zukunft Kontrafakten. Wir können sie noch nicht kennen. Die Klimakatastrophe ist noch kein Faktum. Wir kennen aber die erdrückenden Fakten, die eine hohe Wahrscheinlichkeit der Klimakatastrophe nahelegen. Wir kennen aber auch die Fakten, die dafür sprechen, dass das 1,5°-Ziel noch erreicht werden könnte. Aus einer optimistischen Haltung heraus kommen wir zu einer anderen Abwägung der Tatsachen und der zukünftig möglichen Fakten, weil wir andere Werte und Kriterien zugrundelegen, die die Kluft zwischen Fakten und Kontrafakten füllen. „Der Optimist ist hier nicht weniger realistisch, als es die Vertreter der Gegenposition sind“, betont von Sass. Wenn wir aus einer optimistischen Haltung heraus hoffnungsvoll leben, dann stelle ich mir das so vor, wie es Franzen beschrieben hat. Auch bei ihm ist es ein hoffnungsvolles Leben, das die Werte, die Hoffnung begründen könnten, erst erzeugt. Mehr im Lokalen handeln. Erhalten, was uns wichtig ist, eine Gemeinschaft, eine Institution, ein Stück Natur, eine bedrohte Tier- oder Pflanzenart. Wichtig sind solche Handlungen nicht, um sich vor einer heissen Zukunft schützen, sondern weil sie heute gut sind.

Manifeste (15): Fork in the Road – The Manifesto [Febr. 2021]

Drei „Futuristen“, David Houle, Gerd Leonhard und Glen Hiemstra, suchen den Weg über ein Manifest, um ihrer Sorge über die Zukunftsfähigkeit der Menschheit Nachdruck zu verleihen. Sie sehen die Menschheit an einem kritischen Punkt ihrer Geschichte angekommen.

… die Entscheidungen, die die Menschheit in den nächsten10 Jahren kollektiv treffen wird, werden bestimmen, ob sich unsere Zukunft brilliant und wohlhabend gestalten wird, oder ob sie zu Elend und vielleicht letztendlich sogar zu unserem Untergang als Spezies führen wird.

Buckminster Fuller ist ihnen der Stichwortgeber. „Fork in the Road“ hat er schon 1969 diesen historischen Moment genannt, an dem sich erweisen wird, ob sich „die Menschheit für den Fortbestand im Universum qualifiziert oder nicht.“ Und so nennen sie ihr gemeinsames Projekt.

R. Buckminster Fuller (Quelle: Wikipedia – CC BY 3.0)

Vier übergreifende Themen identifizieren die drei Autoren.

  • Bewältigung der Klimakrise, damit die Menschen sowie alles Leben auf der Erde weiterhin gedeihen können
  • Die Gestaltung neuer wirtschaftlicher und politischer Rahmenbedingungen, die auf nachhaltigen Prinzipien wie „People, Planet, Purpose & Prosperity“ basieren
  • Die Steuerung des exponentiellen wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts
  • Die Regulierung von Human Enhancement, Langlebigkeit und Human-Genom-Editierung, damit nicht nur der Fortschritt weitergeht, sondern auch die Konsequenzen sorgfältig bedacht werden

Als größtes Hindernis auf dem Weg in eine gute Zukunft erkennen die Autoren die verbreitete Vermeidungshaltung, mit der Menschen gewohnt sind, auf Krisen, wie auch jetzt in der Corona-Pandemie, zu reagieren. Neben dem Klimawandel sehen sie auch die Bedrohung durch die Künstliche Intelligenz, die nur aus einer Annäherungshaltung und einem Gestaltungswillen heraus zu bewältigen sein wird.

Anstatt stillschweigend unserer scheinbar unausweichlichen Zukunft zuzustimmen, müssen wir aktiv unsere bevorzugte Zukunft gestalten.

Die Autoren wollen ihren Zugang zu Entscheidungsträgern nutzen, um diese zu beeinflussen. Sie verpflichten sich wechselseitig, in diesem Sinne zu agieren.

Das Manifest betont die Dringlichkeit der Situation. In den Konsequenzen bleibt es jedoch oberflächlich. Es verlässt sich auf Schlagwörter, wie z.B. die 4P, die vielleicht interessant klingen, aber auch leicht zu konsumieren sind, ohne in eine Aktion zu wechseln. Ob das dazu beiträgt, Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik vom Umsteuern zu überzeugen?

Man muss schon genau hineinlesen, um die Relevanz zu erkennen. Schauen wir uns dazu die beiden ersten Kernsätze genauer an.

Im ersten ihrer vier Kernsätze, der Bewältigung der Klimakrise, beziehen sie sich nicht mehr auf den Menschen im Universum, wie es Fuller noch getan hat, sondern auf den Menschen und alles Leben auf der Erde. Damit ist ein wichitger Blickwechsel hin zur „Kritischen Zone“ verbunden, die allein Leben durch Leben ermöglicht.

Die plakativen 4 P im zweiten Kernsatz – People, Planet, Purpose, Prosperity – werden häufig im Rahmen der von den UN beschlossenen Nachhaltigkeitsziele (SDG) verwendet. Die drei ursprünglichen P – People, Planet, Prosperity – wurden hier um zwei weitere Themen ergänzt: Peace und Partnerships. Sie dienen der Fokussierung auf die Sphären, in denen sich die Wirkung zeigen soll, um den Fortschritt bei der Realisierung der 17 SDG zu messen. Wie sensibel der Umgang mit solchen Schlagwörtern ist, zeigt ein Kommentar von John Elkington, der die 3P vor einem Vierteljahrhundert proklamiert hatte. Er versteht seinen Kommentar als „Rückrufaktion“, weil die drei Begriffe nur als Messwerkzeug verstanden wurden. Sie sollten jedoch Organisationen ermuntern, ökonomische (nicht nur finanzielle), soziale und ökologische Wertsteigerung oder -vernichtung nachzuverfolgen und zu steuern. Stattdessen sei es nur als Werkzeug zur Rechnungslegung verstanden worden. Elkington wörtlich:

But the TBL wasn’t designed to be just an accounting tool. It was supposed to provoke deeper thinking about capitalism and its future, but many early adopters understood the concept as a balancing act, adopting a trade-off mentality.

Die Triple Bottom Line (TBL), wie das Dreier-Modell auch genannt wird, habe eine solche Flut an Abrechnungssystemen ausgelöst, dass die Vielfalt leicht als Alibi für Untätigkeit herhalten könne. Noch schlimmer,

…, we have conspicuously failed to benchmark progress across these options, on the basis of their real-world impact and performance.

Jährlich würden solche Berichte zu Tausenden produziert, obwohl völlig unklar sei, wie die Daten ausgewertet werden müssen, damit sie Entscheidungsträgern helfen, die Wirkungen des Unternehmens zu verfolgen und zu gestalten. Der Paradigmenwechsel von der Single Bottom Line zur Triple Bottom Line ist gescheitert, meint Elkington. Der Impuls in Richtung einer Transformation des Kapitalismus ist ausgeblieben.

Soviel zum Hintergrund des zweiten Kernsatzes des Manifests. Es kann als Aufruf verstanden werden, einen neuen Anlauf zu nehmen, die einseitige Rechnungslegung in der Wirtschaft zu überwinden und einen Kapitalismus anzustreben, der der Regeneration von Wirtschaft, Gesellschaft und Biosphäre dient.


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Sensoren (20): Critical Zones


Sensoren (23): Vom „homo oeconomicus“ zum „homo socialis“

Klimawandel, Artensterben, Umweltzerstörung, Populismus, Digitalisierung und nun die Coronakrise – angesichts der Ballung sich überlagernder und wechselseitig verstärkender Krisenerscheinungen wird die Frage drängend, wie ein grundlegender Wandel unseres Zusammenlebens möglich ist. Und wie können digitale Werkzeuge dabei helfen, ein grundlegend anderes Miteinander zu finden?

Vor einiger Zeit habe ich hier über die Neuerfindung der digitalen Gesellschaft geschrieben. Der Physiker und Soziologe Dirk Helbing ist für meine Beschäftigung mit der Frage, wie man die demokratische Verfassung des Gemeinwesens in einer digitalen und zugleich nachhaltigen Welt neu denken kann, gewissermaßen ein Leitstern. Nun hat er seine Überlegungen zu einem Konzept für Wirtschaft und Finanzen der nächsten Gesellschaft ausgearbeitet.

Finance 4.0 enables the emergence of self-organizing, multi-dimensional, community-driven and token-based incentive systems for any positive sustainable action a community wants to promote – in a democratic way.

In einem Beitrag für Deutschlandfunk Kultur hat Helbing die Idee des sozialen Finanzsystems bereits 2017 vorgestellt.

Die Grundidee

„Sie können Geld verdienen, indem Sie Umwelt und Gesellschaft etwas Gutes tun. Sie bekämen Guthaben auf diverse digitale Konten ausbezahlt, wenn Sie eine Mitfahrgelegenheit mit dem Auto anbieten oder wenn Sie sich um Hilfsbedürftige kümmern.“

Das ist die Grundidee des sozialen Finanzsystems. Das System belohnt umweltfreundliches Verhalten, sozial verantwortliche Produktion, Recycling von Ressourcen, Sharing u.a. Geld dient nicht mehr allein dazu, Gewinne zu maximieren. Es dient als Informationsträger, um positive Wirkungen unseres Verhaltens in ganz unterschiedlichen Bereichen zu maximieren. Das Projekt versucht, den Mangel an Nachhaltigkeit unseres Wirtschaftssystems durch eine Kombination von Blockchain, Internet of Things (IoT) und Komplexitätswissenschaft zu beheben. Positive Externalitäten (z.B. Infrastrukturen) fördern, negative (z.B. Umweltschäden) unterbinden – so die Vision. Ein verteiltes Anreizsystem belohnt, was der lokalen Community etwas Wert ist, z.B. Bäume pflanzen oder Rad statt Auto fahren. Belohnungen können symbolisch sein, Zugang zu einer Dienstleistung ermöglichen oder monetär sein.

„Wichtigste Grundlage sind präzise Daten über unsere Umwelt, die durch Sensoren gesammelt werden. Ob in Smartphones oder anderswo: Die Messtechnik der Zukunft wird negative Auswirkungen des Wirtschaftens wie Lärm, Stress, Emissionen oder Abfall genauso registrieren wie positive, etwa Kooperation, Fortbildung oder das Recycling von Abfällen.“

Eine Kreislaufwirtschaft entstehen lassen

Fin4 wäre so etwas wie das demokratische Gegenstück zum „Citizen Score“, dem Überwachungssystem in China und auch zur automatisierten Gesellschaft, wie sie z.B. Google vorschwebt.

„… seit 1972 ist bekannt, dass die Ressourcen der Welt nicht mehr lange reichen werden, um die Bedürfnisse der Weltbevölkerung zu befriedigen. Um die erwartbare Versorgungskrise zu managen, wird die Überwachung von Menschen und Ressourcen schon seit geraumer Zeit immer mehr ausgebaut. Big Data – also die massenhafte Datensammlung – soll Grundlage für das zentralisierte Management knapper Ressourcen werden. De facto wäre dies jedoch eine Art digitaler Planwirtschaft.“

Positiven und negariven Auswirkungen unseres Wirtschaftens ließe sich ein Preis zuordnen. Damit würde ein grundlegender Mangel der bisher praktizierten Marktlogik unseres Wirtschaftssystems behoben. Zugleich könnten sich die Bürger in die kollektiven Entscheidungsprozessen unmittelbar einbringen. Fin4 setzt vorrangig auf positive Aktion, weniger auf Sanktion. Gutscheine für positives Verhalten erhalten die Motivation leichter aufrecht als Sanktionen für negatives Verhalten, so die Annahme hinter dem Konzept. Unsere Werte sind oft abgeschnitten von unseren Alltagsentscheidungen. Mit einem verteilten Anreizsystem können Gemeinschaften belohnen, was ihnen wertvoll ist. In der Kombination der Erlöse für positive Auswirkungen und der Kosten für negative Auswirkungen entstünde eine Kreislaufwirtschaft quasi wie von selbst.

Wie kann Missbrauch unterbunden werden?

Mit der Blockchain-Technologie lassen sich die Daten dezentral verwalten. Durch Kombination mehrerer Nachweise kann Missbrauch, z.B. durch Fälschungen, unterbunden werden. Es gibt drei Wege, positives Verhalten nachzuweisen: Sensornachweis, sozialer Nachweis oder Nachweis durch Daten von Dritten. Diese Prüfinstanzen (Sensor, Community, Dritte) lassen sich kombinieren, so dass Fälschungen erkannt und vermieden werden können, bevor honoriertes Verhalten in der Blockchain dokumentiert wird.

Für Sensornachweise sind Sicherheitsvorkehrungen in Hard- oder Software nötig, für soziale Nachweise ist ein zusätzlicher Anreiz nötig, um andere zum Bewerten zu motivieren. Ein Problem ist die Zeitverzögerung zwischen Aktion und Konsequenz. Ein Beispiel: Menschen haben 2 Jahrhunderte geheizt und 1 Jahrhundert Autos gefahren, bis sie erkannt haben, dass das CO2 Schäden verursacht. Die Zeitverzögerung erzeugt eine kognitive Dissonanz. Zwischen Aktion und Konsequenz sollte deshalb der kürzestmögliche Zeitraum liegen.

Ein weiterer wesentlicher Baustein des neuen Finanzsystems ist ein mehrdimensionales System von Kryptowährungen auf verschiedenen Ebenen, mit verschiedenen Merkmalen, für verschiedene Zwecke. Diese leiten sich aus den Werten der Nachhaltigkeitsagenda ab. Die Gutschein- oder Token-Ökonomie entsteht langsam, so wie Gemeinschaften Gutscheine schöpfen und einsetzen. Eine Governance-Schicht stellt den Rahmen bereit, der dafür sorgt, dass sich diese Form der Ökonomie gedeihlich entwickelt. Spam-Nachweise werden dadurch verhindert, dass jeder einen Nachweis kreieren kann, dieser aber erst nach Zustimmung einer Mehrheit der Gemeinschaft ein offizieller Fin4-Nachweis wird.

Reputationsnachweise schaffen Vertrauen in der Gemeinschaft. Die Reputation sollte die Aktivität und nicht den Besitz von Nachweisen spiegeln. Solche Nachweise könnte es z.B. für alle Aktionen geben, die das Fin4-System insgesamt stärken. Nutzer können Reputationsnachweise auch verlieren. Eine Identität wird nur benötigt, wenn jemand an der Governance von Fin4 mitarbeiten will. Die Identität im Sinne einer persönlichen Souveränität wächst mit der Zeit durch die Ansammlung von Reputationsnachweisen. Token können auch getauscht und zu anderen Blockchains mitgenommen werden.

Auf dem Weg zum homo socialis

Die Hoffnung, die aus diesem Konzept erwächst, kommt nicht daher, dass sich der Mensch plötzlich vom homo oeconomicus zum homo socialis, also vom Egoisten zum Altruisten, wandelt. Mit der digitalen Technologie, die uns heute zur Verfügung steht, können wir aber Bedingungen schaffen, die soziale Kooperation fördern und Egoismus eindämmen. Die Corona-Krise fordert uns diesbezüglich täglich heraus. Es gelingt uns bisher nur mäßig, die Digialisierung für den guten Zweck zu nutzen. Zur Bewältigung der Klimakrise wird uns nichts anderes übrig bleiben, als Strukturen zu entwerfen und aufzubauen, die Anreize schaffen, egoistisches durch soziales Verhalten zu ersetzen.

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Mehr dazu
Unternehmensmodelle im Wandel (16): Open Data, Vielfalt und kollektive Intelligenz

Sensoren (22): Kipppunkte, Kollaps und die Ethik der Vorausschau

„Die Katastrophe, die Zerstörung der Welt, wie wir sie kennen, kann kaum mehr abgewendet werden, nur mehr gemildert.“
Christian Rainer

„Niemand hat das Recht, seine Sorge in Fatalismus umschlagen zu lassen.“
Reinhard Loske

Wissenschaftler warnen unablässig vor den Folgen des Klimawandels. Politiker sollten sich endlich mit dem Risiko von Katastrophen oder gar dem Zusammenbruch von Gesellschaften befassen. Stehen wir als Menschheit am Abgrund? Oder handelt es sich bei Weckrufen um Alarmismus, um fragwürdige, gar gefährliche Panikmache? Mit dieser Frage hat sich kürzlich die „Sternstunde Philosophie“ im SRF befasst. In einem Streitgespräch suchte die Runde eine Antwort auf die Frage, was von Versuchen zu halten ist, den „Weltuntergang“ zu prognostizieren.

In diesem Blog werde ich einige Stimmen vorstellen, die vielleicht geeignet sind, ein Spektrum an Haltungen zu der Frage des Umgangs mit bedrohlichen Szenarien aufzuzeigen.

Die Bedrohung ist konkret

Unbestritten ist, dass sich die Menschheit an den Rand ihrer Existenz bringen wird, wenn sie die rasant voranschreitende Erdüberhitzung nicht in den Griff bekommt.

„Man muss festhalten: Das Ziel, die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Niveau auf 1,5 Grad zu begrenzen, das Ziel, auf das sich die Weltgemeinschaft dem Pariser Abkommen nach offiziell verpflichtet hat, ist angesichts der seitdem augenscheinlichen politischen Lethargie fast illusorisch.“

Süddeutsche Zeitung – Digitales Projekt: Was die Klimakrise wirklich bedeutet. Abgerufen am 9.12.2020

Noch können Wissenschaftler nicht hinreichend genau sagen, wann Kippunkte erreicht werden, wann also eine positive Rückkopplung erreicht ist, die den Temperaturanstieg des Erdsystem für den Menschen unbeeinflussbar antreibt. Es sind die unbeabsichtigten Auswirkungen menschlicher Aktivitäten, die das Erdsystem in einem Ausmaß beeinflussen, die mit den geologischen Kräften gleichzusetzen sind. Deshalb sprechen Geologen vom Erdzeitalter des Anthropozän. Der Mensch verändert mit den unbeabsichtigen Auswirkungen seiner Missachtung der Naturgesetze das Erdsystem und ist auf dem Weg, seinen eigenen Lebensraum, der zugleich Lebensraum für die ganze Vielfalt der Arten ist, zu zerstören. Die Dynamik, die er in Gang setzt, kann er nach Erreichen bestimmter Schwellenwerte nicht mehr beeinflussen.

Die Vorausschau auf solche Kippunkte und auf mögliche katastrophale Auswirkungen hat in den letzten Jahren in der Wissenschaft an Aussagekraft gewonnen. Dabei helfen Konzepte aus der Analyse komplexer Systeme und die Integration des Wissens aus den Erdsystemwissenschaften und den Sozial- und Geisteswissenschaften. Auf dieser Grundlage kommt eine Gruppe renommierter Wissenschaftler zu der Erkenntnis,

„… dass soziale und technologische Trends und Entscheidungen, die in den nächsten ein oder zwei Jahrzehnten erfolgen, den Pfad des Erdsystems für Zehn- bis Hunderttausende von Jahren erheblich beeinflussen und möglicherweise zu Bedingungen führen könnten, die planetarischen Zuständen ähneln, wie sie zuletzt vor mehreren Millionen Jahren herrschten, Bedingungen, die für die heutigen menschlichen Gesellschaften und viele andere zeitgenössische Spezies lebensfeindlich wären.“

Man könnte annehmen, bei solchen Untergangsszenarien handle es sich um ein altbekanntes Phänomen. Hat nicht jeder Epochenwechsel seine eigenen apokalyptischen Visionen hervorgebracht? Es gibt aber einen gravierenden Unterschied. Die heutigen Dystopien und Katastrophenszenarien ergeben sich aus den Erkenntnissen einer Wissenschaft über die Zusammenhänge im Erdsystem, die zu früheren Zeiten noch unbekannt waren. Wir wissen heute um den Zustand unseres Lebensraums und um die Wirkungen unseres Handelns. Deshalb können wir Aussagen über die Zukunft mit hohen Wahrscheinlichkeiten versehen, auch wenn Zukunftsbetrachtungen prinzipiell unsicher sind. Der Klimakollaps droht mit hoher Wahrscheinlichkeit konkret und ist in wenigen Jahren kaum noch zu verhindern.

Kollaps und die Kollapsologie

Pablo Servigne und Raphael Stevens einerseits und Toby Ord andererseits sind Protagonisten der Kollapsologie, die Risiken eines Zusammenbruchs unserer Zivilisation aus philosophischer Sicht betrachtet. Es geht ihnen dabei nicht darum, darauf weist Stefan Riedener in der SRF-Runde hin, Weltuntergangsstimmung zu verbreiten, sondern sich des Nadelöhrs gewahr zu werden, durch das die Menschheit hindurch muss, wenn sie überleben will. Es sei ein Ausdruck von Demut, die Risiken ernst zu nehmen. Der Mensch sei weder allmächtig, noch allwissend. Es gehe darum, daran zu erinnern, dass schon viele Generationen vor uns waren und viele Generationen nach uns sein könnten. Es gehe darum, Visionen zu entwickeln, wie ein Leben aussehen könnte, wenn es den Menschen gelingt, am Abgrund vorbei zu lavieren.

Mit existenziellen Risiken hat sich auch der amerikanische Biogeograf Jared Diamond in seinem Buch „Kollaps“ beschäftigt, das bereits 2005 erschienen ist. Er zeigt Parallelen und Unterschiede auf zwischen früheren Zusammenbrüchen von Gesellschaften, wie z.B. den Polynesiern auf der Osterinsel, den Maya oder den Wikingern auf Grönland. Besonders die Parallelen zwischen der Osterinsel und der heutigen Welt sind dabei unübersehbar. In beiden Fällen haben wir es mit Zivilisationen zu tun, die isoliert leben und von außen keine Unterstützung erwarten können. In beiden Fällen ist es der Lebensstil, der auf die Ausbeutung endlicher Ressourcen baut. Das allein war noch nicht maßgeblich für den Untergang der polynesischen Kultur auf der Osterinsel. Wie in anderen Fällen kollabierter Gesellschaften kam ein weiterer Punkt hinzu, das Versagen der gesellschaftlichen Entscheidungsprozesse.

Die Geschichten in diesem kenntnisreichen Buch sind so bewegend, dass einem beim Lesen der Geschichten von gescheiterten Gesellschaften tatsächlich leicht die Hoffnung abhanden kommen könnte. Diamond selbst bleibt hoffnungsvoll. Er hält – wohlgemerkt Stand 2005 – die menschengemachten Probleme noch für lösbar. Zum einen, weil keine neue Technologie benötigt werde, sondern nur die vorhandene Technologie genutzt werden müsse. Zum anderen sah Diamond ein wachsendes ökologisches Bewusstsein. Erforderlich für die Aufrechterhaltung der Entscheidungsfähigkeit sei eine langfristige Planung und die Bereitschaft, Werte neu zu überdenken. Er sah auch bei der Politik eine wachsende Verantwortung für den langfristigen Erhaltung natürlicher Lebensgrundlagen. Selbst bei der Anpassung der Wertvorstellungen, die unserem Lebensstil zugrundeliegen, zeigt er sich zuversichtlich. Den entscheidenden Unterschied zu früheren Zusammenbrüchen von Gesellschaften sieht er in der Tatsache, dass wir heute umfassend informiert sind.

„Dokumentarfilme und Bücher zeigen uns heute in anschaulichen Einzelheiten, warum die Gesellschaften auf der Osterinsel, bei den Maya und an anderen Stellen in historischer Zeit zusammengebrochen sind. Wir haben also die Möglichkeit, aus den Fehlern der Menschen an weit entfernten Orten und in weit entfernter Vergangenheit zu lernen. Diese Möglichkeit hatte keine frühere Gesellschaft auch nur annähernd in dem gleichen Ausmaß.“

Diamond, Jared: Kollaps. Frankfurt 2005, S. 648

Vielleicht ist es also gerade die Komplexität unserer ausdifferenzierten Gesellschaft, in der die unterschiedlichen Interessen offen kommuniziert werden und miteinander interagieren, in der freie Medien umfassend und der Wahrheit verpflichtet informieren, die Anlass zur Hoffnung gibt. Jedenfalls scheint es wichtig, dass es in unserer Demokratie möglich ist, über die Auswirkungen der historisch beispiellosen Situation nachzudenken, ohne gleich der Panikmache bezichtigt zu werden.

Droht eine selbsterfüllende Prophezeihung?

Gleichwohl gehört es zu einem verantwortlichem Umgang mit solchen Angst auslösenden Informationen, ihre möglichen Wirkungen zu beleuchten. Können die Bemühungen, die möglichen Auswirkungen des Klimawandels ungeschminkt in den Blick zu bekommen, die Risiken, die wir abzuwehren versuchen, geradezu verstärken? Ist es ethisch möglicherweise unverantwortlich, die Möglichkeit kollabierender Systeme zu beschreiben? Droht die Gefahr einer selbsterfüllenden Prophezeiung? Wir wissen es nicht. Prophezeiungen können selbsterfüllend oder selbstzerstörend wirken. Bei der Klimakrise als Metakrise unserer Zeit handelt es sich jedenfalls weder um ein Gerücht noch um ein Vorurteil. Die Möglichkeit von Kippunkten im Klimasystem und sozialen Zusammenbrüchen sind wissenschaftlich erforscht. Die Befürchtung, dass die Kollapsologie die Menschen in lähmenden Fatalismus treibt, ist als Kommunikationsrisiko zu betrachten, das gegen die Möglichkeit abgewogen werden muss, dass andererseits die beängstigende Bedrohung die Menschen beflügelt, ihre Gewohnheiten und ihren Lebensstil grundlegend zu verändern.

Es schien allzu lange, dass die Politik, die Wirtschaft und die Mehrheit der Bürger in einer Lethargie verharrten. Erst langsam scheinen die gesellschaftlichen Funktionsssysteme die Metakrise wahrzunehmen und an Handlungsfähigkeit zu gewinnen. Ist diese Starre trotz oder wegen der vielen Katastrophenszenarien entstanden? Ist es politischer Fatalismus oder übermäßiges Beharrungsvermögen, ist es ökonomische Phantasielosigkeit oder Pfadabhängigkeit?

Vielleicht haben wir es auch mit einem Ungleichgewicht in der Wahrnehmung von Risiken und Chancen zu tun. Die Klimawissenschaft kann natürlich nicht viel mehr als Hiobsbotschaften verkünden. Denn die Fakten sind einfach beunruhigend. In der SRF-Runde betont Riedener jedoch, dass es den Kollapsologen sehr wohl auch darum gehe, ein tieferes Verständnis der Situation zu erreichen. Wir tun sehr wenig für die Erforschung existenzieller Risiken, meint Riedener. Wir geben mehr Geld für die Erforschung von Eiscréme aus.

Moralisierung in der Nachhaltigkeitsdebatte

Schließlich entscheidet sich auch mit der demokratischen Debatte über die Nachhaltigkeit, wie uns die Gratwanderung gelingt. In einem Interview zeigt Konrad Paul Liessmann, wie sehr Moralisierung diesen gesellschaftlichen Dialog stören kann.

„Ich sehe durchaus die große Notwendigkeit, alles zu versuchen, um den Klimawandel zu stabilisieren oder einzudämmen. Aber dass der Begriff Notstand zutrifft, sehe ich nicht. Im Gegenteil: Unsere Regionen gelten als diejenigen, in die Menschen aus wirklich gefährdeten Gebieten fliehen werden, weil die realen Gefahren hierzulande – noch – geringer sind. Und trotzdem ruft man den Notstand aus. Wenn man demokratiepolitisch wach ist, sollte man damit nicht Propaganda machen.“

Die Knappheit der Zeit

Zu den Merkmalen der Klimakrise gehört in ihrem Kern die Knappheit der verbleibenden Zeit, bis Kippunkte überschritten sind. Wolfram Eilensberger zitiert in der SRF-Runde (s. ’18) den Philosophen Hans Blumenberg: „Die Enge der Zeit ist die Wurzel des Bösen.“ Ist die Mobilisierung der Massen über die Zeitenge der „totalitäre Mastermove“?, fragt Eilensberger. Jedenfalls ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass die faktische Zeitenge, die wir in der Klimakrise erleben, von autoritären Kräften genutzt werden kann, um Macht über möglichst viele Individuen zu gewinnen.

Was passiert, wenn nicht das gute Leben, sondern das Überleben zur Maßgabe des politischen Handelns wird, wie es z.B. bei Extinction Rebellion der Fall ist? Es werde sehr leicht eine politische Ausnahmesituation suggeriert, die viele Freiheitsrechte im Handumdrehen suspendieren könne, fürchtet Eilensberger. Die Kollapsologen möchten aber gerade, darauf weist Riedener hin, die Möglichkeit der Entfaltung des Menschlichen zum Guten erforschen. Das ist das eigentlich Spannende. Wie lässt sich eine Vision des menschlichen Lebens nach einem Kollaps oder positiv gewendet, nach einer gelungenen Transformation, vorstellen, ohne einerseits an materiellen Zukunftsbildern festzuhalten oder auf ein „Zurück zur Natur“ a la Rousseau zurückzufallen.

Das Ende der Normalität

Bernd Ulrich zeigt in einem Essay, wie wir im Jahr der Corona-Pandemie spüren, dass das, was wir als Normalität empfinden, zu Ende geht. Die SRF-Diskussion zeigt genau dies. Es schwebt ein Unbehagen über allem, dem wir nicht mehr ausweichen können. Mit der Normalität und ihrer Herstellung befasst sich auch Günter Ortmann in einer Kolumne mit dem Titel: „Es brennt“.

Normales wird zur Norm, und Normen machen, dass etwas normal werden soll und wird. Normalität/Normalisierung geht in die Begründung von Normativität ein, und präskriptive Normen, zumal: organisationale Regelwerke und Standards, erzeugen und legitimieren Normalität/Normalisierung – und/ oder, nota bene, Abweichungen davon, etwa Überbietungen im Wettbewerb.

Ortmann, Günter: Es brennt. In: Zeitschrift Organisationsentwicklung (ZOE) 1/2020, S. 118

Normalismus leugne, so Ortmann im Anschluss an Jürgen Link, den ökologischen Antagonismus zwischen Natur und Ökonomie. Statt geschichtsphilosophischer Fortschrittsdialektik ergebe das ein ungleich düstereres Bild eines irreversiblen Prozesses von Normalisierungen, Denormalisierungen (das Klima wird komisch) und neuen Normalisierungen (Klimagipfel), einschließlich eines immer möglichen Kollapses einzelner – etwa ökologischer, militärischer oder finanzieller – Normalitäten.

Bei zwei Grad Erwärmung wäre es in den meisten Städten im Nahen Osten und in Südasien im Sommer so heiß, dass man nicht draußen sein könnte, ohne einen Hitzeschlag oder gar den Tod zu riskieren.» (Wallace-Wells in der Süddeutschen Zeitung Nr. 227 vom 1.10.2019, S. 11). «Auf Dauer würden das arktische und das antarktische Eis schmelzen und der Meeresspiegel dramatisch ansteigen, zwei Drittel der großen Städte weltweit würden überflutet … die Schäden durch Stürme und den Meeresspiegelanstieg (würden) um ein Hundertfaches steigen und 280 Millionen Menschen ihr Zuhause verlieren. Bis zum Jahr 2050 könnte es eine Milliarde Flüchtlinge geben. … Trotzdem informieren weder Wissenschaftler noch Journalisten oder Aktivisten darüber, wie das Leben auf der Erde dann aussehen würde, obwohl dieser Anstieg fast unvermeidbar ist.»

„Warum dieses Schweigen?“, fragt Ortmann. Klimaforscher selbst hielten das lange Zeit für übertrieben. Sie hätten selbst zu lange Optimismus verbreitet, weil sie unbedingt vermeiden wollten, die Leute zu deprimieren. Sie bewahrten die Illusion einer zwar gefährdeten, aber doch beherrschbaren Normalität.

Ethik der Vorausschau

Sollten wir vielleicht nochmal neu ansetzen, wenn wir auf die ursprünglichen Erzählungen von der Apokalypse blicken? Die Theologin Petra Bahr hat in einem Beitrag für DIE ZEIT darauf aufmerksam gemacht, dass …

„… die biblischen Apokalypsen im Ursprung gar keine Weltuntergangsbeschwörungen [sind]. Im Gegenteil. Da die Empfehlung, Apokalypseabstinenz zu üben, soweit zu spät kommt, bleibt eine Erinnerung an den ursprünglichen Sinn apokalyptischen Sprechens. … Nicht die Zukunft, sondern die Gegenwart wird als unerträglich empfunden. Apokalypsen sind Trostschriften, die der Frage nach der Gottesverlassenheit eine ins Kosmische gesteigerte Hoffnung vermitteln. Dass es so weitergeht ist die Katastrophe. … Endzeitliche Plagen und Provokationen sind nicht das Ende, sie werden literarisch zu einem Durchgangsstadium. So formt sich die Hoffnung.“

Vielleicht ist das eine ethische Haltung, die der beispiellosen Situation am besten gerecht wird. Noch einmal Petra Bahr:

„Das wäre dann wahrhaft „apokalyptisch“, nämlich entlarvend und enthüllend, aber von der Zuversicht getragen, dass der schonungslosen Bestandsaufnahme mehr folgt als Resignation oder Wut. Weder hysterisch noch zynisch, noch fatalistisch zu werden angesichts der Tatsache, dass es in dieser Welt nicht zum Besten steht, das ist eine schwierige Kunst. Nicht Weltflucht, aber auch nicht Angstlust vor dem baldigen Ende, sondern eine tiefe Gelassenheit, die entschlossen macht, die sich die ganze komplizierte Wirklichkeit zumutet und trotzdem glaubt, dass nicht alles bleiben muss, wie es ist.“

Vom Streiten zum Erzählen

Wie können wir mit apokalyptischen Gedanken umgehen? Wie können wir uns im apokalyptischen Sprechen üben? Interessant ist in diesem Zusammenhang der Verlauf der Diskussionsrunde im Schweizer Fernsehen. Die Runde streitet zunächst über den Sinn und Zweck der Kollapsologie als einer Art der Risikoforschung. Riederer als ein Vertreter der Kollapsologie ist gegenüber den anderen in der Rechtfertigungsrolle. Nach und nach wechselt die Runde mehr ins Dialogische. Die vier fangen an, von ihren Erfahrungen mit ihren eigenen Ängsten zu erzählen. Sie reflektieren ihre Haltung gegenüber jungen Menschen, die praktischen Handlungsmöglichkeiten, die Möglichkeit, mit Einschränkungen zu leben, die Verantwortung als würdiger Mensch, ein respektvolles Miteinander der Menschheit mit den anderen Spezies.

Die Gratwanderung

Die SRF-Runde kommt schließlich auf Jonathan Franzen und seinen umstrittenen Beitrag für den New Yorker zu sprechen. Ich habe seinerzeit hier darüber berichtet. Franzen kann kein einziges Szenario erkennen, wie das 1,5°- oder 2°-Ziel des Parisabkommens erreicht werden könnte. Er plädiert deshalb dafür, die Situation in ihrer Bedrohlichkeit oder Aussichtslosigkeit zu akzeptieren und neu zu denken, was Hoffnung bedeuten könnte. Erst wenn wir die Wahrheit akzeptieren, erkennen wir, dass weit mehr zu tun ist. Ganz andere Maßnahmen gewinnen an Bedeutung.

In Zeiten des wachsenden Chaos suchten Menschen, so Franzen, Halt eher in Stammesdenken und Waffengewalt, als in gültigem Recht. Die beste Abwehr solcher Art von Dystopie sei, funktionierende Demokratien, Rechtssysteme und Gemeinschaften zu erhalten. In diesem Sinne sei jede Bewegung, die die Zivilgesellschaft stärke, ein bedeutender Beitrag zum Erhalt des Klimas. Die Hassmaschinen der sozialen Medien abzuschalten sei eine Klimaaktion. Eine humane Einwanderungspolitik zu etablieren, für Gerechtigkeit zwischen Menschen verschiedenen Geschlechts und verschiedener Hautfarbe einzutreten, Respekt vor geltendem Recht und ihrer Anwendung zu wahren, freie und unabhängige Medien zu fördern, das Land von Angriffswaffen zu entlasten, dies alles seien Klimaaktionen. Jedes System der natürlichen wie der menschlichen Welt, müssten wir, so Franzen, so stark und gesund wie möglich halten, wenn es die steigenden Temperaturen überleben wolle.

Diese Haltung, so die SRF-Runde, zeige zum einen auf, dass wir im Hier und Jetzt gefordert seien. Es sei gleichwohl eine Gratwanderung, aufzuhören, so zu tun, als ob die Katastrophe vermeidbar sei und genau daraus Hoffnung zu schöpfen.

Der Theologe Wolfgang Palaver findet Worte für die feinen Unterscheidungen, die bei dieser Frage entscheidend sind.

Es geht nicht um eine Politik der Angst, sondern um […] eine Furcht, die zum Handeln aus Verantwortung motiviert und nicht im optimistischen Blindflug annimmt, dass schon nichts passieren wird. Das ist mit Blick auf die Klimakatastrophe unabdingbar und auch hinsichtlich der Pandemie wichtig.

Ohne Furcht geht es nicht: ZEIT-Interview mit Wolfgang Palaver vom 22.12.2020


Von der Zukunft her denken

Vielleicht ist das in der Tat ein wesentlicher Kern eines Zukunftsbildes, das uns einlädt, von der Zukunft her zu denken. Ein gutes Leben für alle trotz erheblich erschwerter Lebensbedingungen, eine Menschheit, die sich als Teil des Erdsystems versteht und eine funktionierende demokratische Gemeinschaft pflegt, an der alle teilhaben können. Ist das die Herausforderung im nächsten Schritt? Können wir uns gemeinsam eine Post-Kollaps-Gesellschaft vorstellen? Und – genau so wichtig – können wir uns gemeinsam die Gratwanderung, den Weg, den Verlauf einer erfolgreichen Transformation vorstellen?

„But the real hope comes from the people.“ Greta Thunberg

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Mehr dazu s.
Sensoren (16): Der Klimawandel und die Hoffnung – zum Dritten
Sensoren (15): Nochmal – der Klimawandel und die Hoffnung
Sensoren (14): Der Klimawandel und die Hoffnung

Sensoren (21): Philipp Blom über die Macht unserer Vorstellungskraft

In einem Essay zum Jubiläum der Salzburger Festspiele, die in diesem Jahr ihr 100-Jähriges feiern konnten, geht der Philosoph und Publizist Philipp Blom der Frage nach, was es bedeutet, dass wir so gerne an der Vorstellung festhalten, wir lebten in der besten aller Welten. Was hat es mit unserer Vorstellung von der Welt auf sich? Ist es möglich, die Ordnung der Welt, die in den Köpfen der Menschen vorherrscht, so zu verändern, dass sie der veränderten Wirklichkeit entspricht?

In großen Schritten streift Blom durch die Jahrhunderte und zeichnet nach, wie sich die Vorstellung der Menschen von sich und der Welt gewandelt haben. Am Beispiel der kleinen Eiszeit im späten Mittelalter zeigt er, wie die Menschen zunächst versucht haben, mit ihren alten Bildern aus der Vergangenheit einer veränderten Gegenwart zu begegnen. Erst allmählich schälte sich in der Neuzeit die wissenschaftliche Methode als besonders ertragreich heraus. Die Menschen lernten langsam, sich andere Geschichten zu erzählen und aus ihnen heraus auch anders zu handeln. Die Parallele zu unserer Zeit wird bei der Lektüre dieses anregenden Buches sehr deutlich.

Im 16. Jahrhundert waren es Selbstgeißelungen, Kirchenlieder und Hexenprozesse, die verdecken sollten, dass die Geschichten der Vergangenheit den Herausforderungen der Gegenwart nicht die Stirn bieten konnten, dass sie keine Sprache und keine Bilder hatten für die neue Zeit. Vierhundert Jahre später lässt sich ein ähnlicher religiöser Eifer beobachten, ein ähnliches Aufheulen der Stimmen, die immer noch die Geschichten der Vergangenheit erzählen.

Blom: Das große Welttheater, Wien 2020, S. 41

Heute klingen die Geschichten der Vergangenheit ganz anders. Ihre Wirkung ist jedoch fatal. Wir alle kennen die Zahlen der Klimawissenschaften und wissen um die Folgen, die der Lebensstil der Konsumgesellschaft provoziert. Die Konsequenzen des Klimanotstands werden, so Blom, nicht nur von Wissenschaftsverweigerern und Verschwörungstheoretikern geleugnet, sondern auch von den Technikoptimisten und den Fortschrittspropheten, die auf die Erfolge bei Kampf gegen Kindersterblichkeit, Gewalt, Hunger und Armut verweisen. Blom wörtlich: „Das trifft auch zu. Statistisch gesehen ist dies die beste aller gewesenen Welten.“ Die Erfolge sind mit dem massiven Ressourcenverbrauch und den massiven Eingriffen in die Biosphäre allzu teuer erkauft. Die ständige Beschleunigung zeigt Nebenwirkungen. Diese würden zugedeckt, so Blom, mit einem Menschenbild der Marktgesellschaft, das auf der unendlichen Flexibilität des Menschen aufbaue.

Es sei schwer, betont Blom, im Überfluss über Eindämmung nachzudenken. Denn es entspreche eben nicht der Logik einer Zeit, die immer weitere Steigerung suche.

Technologien und Projektionen richten sich die Welt ein, schaffen ihre eigene Realität und machen es fast unmöglich, Alternativen ernst zu nehmen.

ebd., S. 75

Blom weist auf die Dramatisierung neuer Ideen hin, die in früheren Umbrüchen der herrschenden Ordnung das Geschehen geprägt haben.

Die Revolution und die Demokratie wären nicht möglich gewesen ohne Debatten und Romane, Tragödien und Flugblätter über Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, über republikanische Tugenden und politische Klassen, über Gerechtigkeit und Menschenrechte.

ebd., S. 77

Bloms Gedanken sind deshalb so inspirierend, weil sie einen einladen, darüber nachzudenken, wie wir aus dieser Logik gedanklich aussteigen können. Es geht in diesem Buch nicht um eine Zukunftsvision, um Szenarios oder um Prognosen für eine Welt nach der Klimakrise. Es geht um ein neues Selbstverständnis des Menschen, um ein Welt- und Menschenbild, das den Umwälzungen standhält. Die für Menschenrechte, Bürgerrechte und Freiheit eintretende Aufklärung scheint dieses Selbstverständnis nicht mehr nähren zu können, weil, so Blom, die Aufklärer nicht über eine graduelle Entwicklung ihrer Gesellschaften hinausdenken konnten.

Es ist damit aber noch lange nicht die ganze Aufklärung gescheitert, sondern nur die Idee, menschliche Gesellschaften würden sich linear und rational entwickeln, weil Menschen Vernunftswesen sind.

Die Aufklärer dachten nicht wissenschaftlich genug, als sie Menschen als Vernunftwesen beschrieben. Inzwischen zeigt ein beeindruckender Korpus von Forschung aus Zoologie, Biologie, Anthropologie und Genetik ein völlig anderes Bild. Das rationale, selbstbestimmte und frei handelnde Individuum, dessen Körper gegenüber der Außenwelt klar definiert ist, macht seinen Abgang von der Bühne der Geschichte als blasse Fiktion.

ebd., S. 95

Wie sieht das andere Bild aus, dessen Konturen am Horizont aufscheinen. Blom greift auf die Forschungen den Soziologen Bruno Latour zurück, der versucht, altes Fortschrittsdenken und die Trennung von Mensch und Natur zu überwinden. Stattdessen geht er von einer radikal anderen Vorstellung von der Zukunft aus, wie er kürzlich in einem Interview erläutert hat.

Wir sind von einer zeitlichen zu einer räumlichen Variante übergegangen. Im Fortschrittsdenken existierte die Zukunft ohne einen Ort. Heutzutage wird jegliche zeitliche Projektion durch die Tatsache eingeholt, dass man ebenso den Raum definieren muss, in dem wir eine Zukunft haben werden. [… ] Wo werden wir leben und mit wem? Das ist die grundlegende Frage.

Philosophie Magazin Sonderausgabe 16. Hamburg 2020, S. 16

Latour nennt diesen Raum, an den alles Leben gebunden ist, die „kritische Zone“ oder Gaia. Im Kern greift er damit auf die Gaia-Hypothese zurück.

Gaia ist […] das Leben und die lebensförderliche Umwelt – Luft, Boden und vieles mehr -, wie sie von den Lebewesen seit den ersten Bakterien verändert und gestaltet wurde. […] Die kritische Zone verortet die Idee von Natur. Wir sind in Gaia und niemand hat je eine andere Erfahrung gemacht. […] Diese Idee überwindet das Unvermögen der Biologen, die durch Lebewesen veränderten Lebensbedingungen in den Blick zu nehmen, ebenso wie das Unvermögen der Geologen, Lebewesen als Transformateure ihrer Umwelt in Betracht zu ziehen.

ebd., S. 18

Es sind auch für Latour die Grenzen der Vorstellungskraft, an die wir hier stoßen. Die „Klimaleugner“ seien nicht immer gekauft oder korrumpiert. Sie seien oft echte Anhänger der Moderne, die sich einen Ausweg aus der Krise nur als Fortsetzung der Moderne, des Fortschritts und der Entwicklung vorstellen können. Er bringt die Herausforderung auf den Punkt.

Wie sollen wir uns ökologischen Wohlstand vorstellen?

ebd., S. 19

Zurück zu Blom. Er greift das Bild von der „kritischen Zone“ auf.

Homo sapiens ist ein integraler Bestandteil der kritischen Zone, symbiotisch mit zahllosen Organismen zusammenlebend, ein Glied in der Evolutionsgeschichte, selbst ein Katalog von evolutionären Wundern, Irrtümern und Redundanzen. Zudem ist er tief durch soziale Kontakte, Erinnerungen, Geschichten und Praktiken vernetzt, dass das, was man „Identität“ nennt, einfach ein Punkt in dieser Matrix ist, eine Serie von Postitionen auf dem Kontinuum der Möglichkeiten.

Blom, Philipp: Das große Welttheater. Wien 2020, S. 95

Blom sieht die Chance, das aufgeklärte Denken neu zu beleben, indem es wissenschaftliche Modelle zur Basis eines narrativen Weltzugangs mache.

Wenn sich die menschliche Fantasie an der Erhitzung des Planeten entzündet und neue Träume träumt, wenn sie anfängt, andere Geschichten zu erzählen, können Transformationen sich auch da durchsetzen, wo sie noch kurz zuvor völlig undenkbar schienen, […].

ebd, S. 103

Wir erleben, so Blom, einen Kampf der Geschichten. Je stärker die disruptiven Effekte des Klimanotstands würden, desto größer werde das Bedürfnis nach Sicherheit, nach starken Männern, einfachen Lösungen, nach Bestätigung und Ausgrenzung. Es sei naheliegend, sich eine Zukunft vorzustellen, in der die Demokratie nur noch als abgespielte Kulisse auf der Bühne des Welttheaters stehe. Die Weiterentwicklung der liberalen Demokratie sieht er als offenes historisches Experiment, das die Möglichkeit erkundet, ohne designierten Feind und ohne Gewalt diverse und komplexe Identitäten zu integrieren und nur aufgrund gemeinsamer Interessen genug Gemeinsamkeit entstehen zu lassen, um miteinander entschlossen handeln zu können. Der Klimanotstand könnte diese gemeinsame traumatische Erfahrung sein, die in eine neue gemeinsame Geschichte mündet.

Übrigens setzt auch Latour auf die Wirkung der klassischen Geschichtenerzähler, wenn es darum geht, neuen Vorstellungen den Weg zu bahnen. Er glaube, bestimmte Kunstwerke und Theaterstücke oder auch geistliche Initiativen wie die Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus könnten uns helfen, die neue Situation zu verarbeiten.

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Mehr dazu

Sensoren (20): Critical Zones
Manifeste (7): Das terrestrische Manifest von Bruno Latour

Was gute Führung ausmacht (20): Transformatives Unternehmertum als Zukunftskunst

I

Die Klimakrise scheint immer noch viele Menschen und viele Organisationen völlig unberührt zu lassen. Die Pandemie hält einen in Bann, die viel größere Bedrohung durch Erdüberhitzung, Verlust der Biodiversität und Umweltverschmutzung dagegen kaum. In einem Essay hat sich der Sozialpsychologe Harald Welzer mit dieser Gleichgültigkeit beschäftigt und darauf hingewiesen, dass der gesteigerte „Weltverbrauch“, der unseren Lebensstil prägt – den Begriff entlehnt er von Hartmut Rosa – in den Medien, der Politik, der Wirtschaft und der Werbung nach wie vor als wünschenwert gelte. Expansiver Luxuskonsum entfalte seine zerstörerische Wirkung besonders dann, wenn er zum Massenkonsum werde. Aber wie kann man Menschen in Hyperkonsumgesellschaften zu einem nachhaltigen Handeln motivieren? Welzer ist skeptisch: Aufforderungen zur Genügsamkeit stehen in Konkurrenz zur 24/7-Dauerbeschallung mit Werbung im Internet. Auf Bewusstseinsbildung zu hoffen, sei auch fragwürdig.

„Bewusstsein ist mit Handeln nur lose verkoppelt. … Parallel zum Anwachsen des Umweltbewusstseins ist das BIP kontinuierlich gewachsen … In aller Geschmeidigkeit ist [der Kapitalismus] in der Lage, wirtschaftlich zu inkorporieren, was sich ursprünglich krisitsch zu ihm verhielt. Auch Umweltbewusstsein kann warenförmig übersetzt werden.“

Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 47-48/2019, S. 17

Was an Unbehagen bleibt, wenn man Dinge tut, die eigentlich falsch sind, wird im Alltag kompensiert.

Menschen verhalten sich in unterschiedlichen Situationen höchst unterschiedlich, weil sie im Beruf, beim Sport, in der Familie, unter Freunden … mit beständig wechselnden Rollenerwartungen konfrontiert sind. … Moralische Überzeugungen sind nicht handlungsleitend, sondern geben uns eine Richtschnur dafür, welche Begründung dafür geeignet ist, eine falsche Handlung mit einem richtigen Bewusstsein in Deckung zu bringen.

ebd., S. 17f.

Die schlechten Nachrichten aus der Wissenschaft bewirken auch keine Veränderung des Lebensstils, sondern eher das Gegenteil. Erst recht gilt es, das Maximale herauszuholen. Die Erkenntnisse der Klimawissenschaft erzeugen Reaktanz. Welzer plädiert deshalb dafür, mit dem Mahnen und Warnen aufzuhören, weil der Wille zum Weltverbrauch mit der Intensität der Mahnungen und Warnungen nicht ab-, sondern zunehme.

Ein Pfadwechsel von diesem expansiven zu einem reduktiven Kulturmodell ist unabdingbar, so Welzer. Nur, wie soll er gelingen? Es sind die Praxisformen, die sich verändernde Praxis selbst, die den Wechsel herbeiführen. Welzer sieht eine „heterotopische Transformation“ am Werk, denn, so Welzer, sie baue ja auf vielen Elementen auf, die wie die Gewaltenteilung, das Wahlrecht oder die Rechtstaatlichkeit bewahrt werden sollen.

Deshalb geht es auch um keine „große Transformation“, sondern um ein modulares Projekt aus sehr vielen kleinen Transformationen, die im Idealfall zusammenwirken und konkrete Utopien bilden.

ebd., S. 19

Das zivilisatorische Projekt dürfe, anders als in der alten Moderne, kein Expertenprojekt sein, das technische und wissenschaftliche Eliten entwerfen und das Politik dann über die Lebenswelt legt, sondern es müsse in den Lebenswelten entworfen und erprobt werden. Noch nie habe es so viele Gruppen, Initiativen oder Genossenschaften gegeben, die sich anderen Wirtschafts- und Lebensstilen verschrieben hätten. „Transition Towns“, „Urban Gardening“, Repair-Cafés, Bürgergenossenschaften, Unverpackt-Läden, solidarische Landwirtschaft, Unternehmen der Gemeinwohlökonomie, Wohnprojekte, Ökodörfer – eine lange Liste von Experimenten und Laboren zählt Welzer auf, die künftiges Leben anschaulich machten.

II

Ganz anders klingt das Plädoyer von Uwe Schneidewind, den gesellschaftlichen Wandel als „Große Transformation“ zu verstehen, als einen offenen Prozess, der von vielen Akteuren gestaltet wird. Dazu braucht es eine Kunstfertigkeit, die er mit seinem Buch befördern möchte. Es liest sich wie die Quintessenz der Arbeit des Wuppertaler Instituts. das Schneidewind lange Jahre geleitet hat, und es soll zu einer verbesserten „Literacy“ in Transformationsprozessen beitragen.

Zu lange waren große Teile der Nachhaltigkeits-Community „Transformationsanalphabeten“ und glaubten daran, dass die Welt sich schon ändern würde, wenn wir die Größe der ökologischen und Entwicklungsherausforderungen nur plastisch genug beschreiben, technologische Lösungen und dazu passende Policy-Empfehlungen vorlegen. …

Wenn im 21. Jahrhundert eine Große Transformation hin zu einer Welt mit einem guten Leben für zehn Milliarden Menschen innerhalb planetarer Grenzen möglich werden soll, dann gilt es, das Wesen solcher Transformationsprozesse besser zu verstehen.

Schneidewind, Uwe: Die Große Transformation. Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels. Frankfurt 2018, S. 33

Die „Zukunftskunst“ ist danach die Fähigkeit, die sowohl Organisationen und Menschen gleichermaßen erlernen müssen, wenn sie die Große Transformation gestalten wollen, die notwendig ist, um die irreversiblen Schäden am Erdsystem und damit an den Lebensgrundlagen der Menschheit noch zu verhindern. Der Begriff Große Transformation geht auf Karl Polanyi (1944) zurück, wurde vom Wissenschaftlichen Beitrag Globale Umweltveränderungen (WBGU) in seinem Hauptgutachten 2011 aufgegriffen und ist nun Gegenstand dieses wichtigen Buches über die Möglichkeiten, ein „gutes Leben“ mit dem nötigen Respekt vor den planetaren Grenzen zu führen.

Schneidewind verwendet den Begriff „Literacy“, weil dieser die Vielschichtigkeit und Komplexität, ähnlich wie beim Lesen und Schreiben, besser trifft. Die Kenntnis von Buchstaben und Wörtern reicht nicht aus. Erforderlich ist zudem eine Kenntnis von Grammatik und Kontexten, um das Gelesene oder Geschriebene richtig einzuordnen. Ähnlich bedeutet transformative Literacy oder „Zukunftskunst“, mit der „Vieldimensionalität von Transformationsprozessen“, mit dem Zusammenspiel von Technologie, Ökonomie, Institutionen und Kultur umgehen zu können. Schneidewind verortet „Zukunftskünstler“ überall, in der Zivilgesellschaft, Politik, Unternehmen und Wissenschaft. Zukunftskünstler ist, wer fähig ist,

aktive Beiträge zur Gestaltung einer am Leitbild der Nachhaltigkeit orientierten Zivilisation zu leisten. …

Auch wenn Technologien, Geschäftsmodelle und Politik wichtig sind – am Ende verändern Ideen und neue Wertvorstellungen die Welt. Jede große Transformation ist letztlich eine moralische Revolution. Erst in ihrem Windschatten verändern sich Politik, Wirtschaftssysteme, Technologien und Infrastrukturen.

ebd., S. 41

Rund 150 Seiten widmet das Buch den Akteuren, die aus unterschiedlichen Rollen heraus Verantwortung für die nachhaltige Entwicklung übernehmen. Zwei dieser Rollen seien hier beispielhaft herausgegriffen.

Transformativer Journalismus

In Demokratien kommt, so Schneidewind, dem Journalismus nicht nur eine Informations-, Transparenz- und Kontrollfunktion zu , sondern auch Initiativfunktionen.

Journalismus trägt dazu bei, dass gesellschaftlich relevante Themen und ihr politischer Umgang damit öffentlich thematisierbar und verhandelbar werden. …

Eine für die Begleitung von Transformationsprozessen wichtige Strömung ist der „konstruktive Journalismus“ … Er zielt nicht auf den kurzfristigen Nachrichteneffekt, sondern auf eine Handlungsbefähigung von Leserinnen und Lesern. In der Großen Transformation muss konstruktiver Journalismus letztlich zum „Transformativen Journalismus“ … werden, der … Pionierinnen und Initiativen des Wandels ermutigt, orientiert, informiert und vernetzt. Gerade die Begleitung und die überregionale Vernetzung lokaler Transformationsprozesse könnte ein transformativer Journalismus erheblich stärken.

ebd., S. 357
Transformatives Unternehmertum

Die alte Gleichsetzung von Gewinnorientierung und Gemeinwohlorientierung von Unternehmen funktioniert immer weniger. Ein Grund liegt darin, so Schneidewind, dass der Staat mit der angemessenen Rahmensetzung im globalen Wettbewerb überfordert ist. Schneidewind plädiert daher für eine neue „Theorie der Firma“, die zeige, wie Unternehmen zum Motor für eine nachhaltigere Welt werden können, und die das eindimensionale, neoliberale Unternehmensverständnis der letzten Jahrzehnte ablöse.

Den meisten Unternehmen ist heute klar, dass sie sich um die sozialen und ökologischen Folgen ihres Tuns kümmern müssen. An den Nachhaltigkeitsberichten lässt sich jedoch leicht erkennen, dass der Schritt zu einer Nachhaltigkeit im engeren Sinne noch aussteht.

Es geht in diesen Fällen vielmehr darum, die eigenen Geschäftsstrategien konsequent und kontinuierlich im Hinblick auf bestehende gesellschaftliche Herausforderungen zu hinterfragen.

ebd., S. 367

Im Mitelpunkt unternehmerischer Tätigkeit steht der gesellschaftliche Mehrwert, den Unternehmen erbringen. Als Kompass für diese Gesellschaftsorientierung von Unternehmen bieten sich die Sustainable Development Goals (SDG) der UN an.

Von UNDP – https://www.undp.org/content/undp/en/home/sustainable-development-goals.html, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52672594

Das Wuppertal Institut hat einen SDG-Check entwickelt, mit dem Unternehmen regelmäßig analysieren können, zu welchen Entwicklungszielen das Unternehmen beiträgt und welche Entwicklungsziele es unterläuft. Von der Ausrichtung an einem solchen Kompass hängt ab, ob Unternehmen das disruptive Potenzial neuer Technologien nutzen können oder ob sie problematische Geschäftslogiken nur verlängern oder verstärken.

Technologische Neuerungen der Informations- und Kommunikationstechnik, der Materialforschung und der Lebenswissenschaften, definieren Geschäftsmodelle häufig neu. Besonders für Unternehmen mit lange etablierten Geschäftsmodellen ist das eine Herausforderung.

Gelingt es großen Energieversorgern, sich auf eine Welt regernativer Energien einzustellen? Wird die deutsche Automobilindustrie mit ihrer weltweit führenden Stellung in Verbrennungsmotoren auch führend in einer zukunft dekarbonisierter Mobilität sein? Wie kann sich ein Unternehmen wie McDonald’s auf Märkte mit stärker an Gesundheit und Nachhaltigkeit orientierten Ernährungsgewohnheiten einstellen?

ebd., S. 374

Notwendig sind, so Schneidewind, resiliente Geschäftsmodelle, die Zukunft antizipieren und zugleich ökonomische Stabilität unter aktuellen Marktbedingungen gewährleisten können.

Für die Umsetzung solcher resilienter Geschäftsmodelle ist der Blick über den Tellerrand des eigenen Unternehmens wichtig. Sie lassen sich oft nur im Rahmen neuer Kooperationen mit anderen Unternehmen und Branchen,, insbesondere aber auch mit Politik und zivilgesellschaftlichen Akteuren realisieren. Unternehmen sind hier … als strukturpolitische Akteure gefragt.

ebd., S. 376

Schneidewind betont, dass Unternehmen schon immer strukturelle Anpassungen vorgenommen und, z.B. durch Aufkäufe oder technische Standards, Einfluss auf Marktstrukturen genommen. Entscheidend sei, dass diese strukturpolitische Verantwortung bewusst angenommen wird und nicht im Verborgenen läuft.

Ähnliches gilt auch für die kulturprägende Rolle von Unternehmen. Sie können ihre Verantwortung darauf richten, nachhaltige Konsumkulturen und auch an diesen Werten ausgerichtete Management- und Organisationskulturen zu prägen.

Pioniere des Wandels

Veränderung geht letztlich immer von Individuen aus. Wer Zukunftskunst beherrschen will, wer die gewohnte strukturelle Dynamik aufbrechen will, braucht einen neuen Kompass für die Gesellschaft. Schneidewind greift den Gedanken des Pfadwechseln hin zu einem reduktiven Kulturmodell („reduktive Moderne“) von Welzer auf.

Damit ist eine Zukunft gemeint, die uns die gesellschaftlichen Errungenschaften der Moderne (Freiheit, persönliche Entfaltung, Frieden, Gerechtigkeit) erhält, ohne auf immer weiteres materielles Wachstum angewiesen zu sein.

ebd., S. 453f.

Die persönliche Zukunftskunst bedeutet, das Zusammenspiel von individueller, organisatorischer und gesellschaftlicher Ebene zu verstehen und zur aktiven Gestaltungsaufgabe zu machen. Entscheidend ist, sich von der Illusion zu lösen, dass sich mit der ökologischen und sozialen Ausrichtung des Konsums eine nachhaltige Welt von selbst einstellen werde. Es braucht Bürger, die als Pioniere des Wandels agieren. Sie engagieren sich in ihren institutionellen Kontexten, in Unternehmen, Politik, Kirche, Umweltverbänden oder lokalen Initiativen.

Kopf, Herz und Hand – die Idee der in eine Richtung weisenden Dreiheit hat Pestalozzi schon im 19. Jahrhundert geprägt – stehen für Wissen, Haltung und Fähigkeiten. Es braucht Wissen um die Klimawirkung und Ressourcenintensität unserer heutigen Art zu Wirtschaften, über die ökologischen und sozialen Folgen der Klimaveränderungen, über technologische Alternativen, über Möglichkeiten, kulturelle, institutionelle und ökonomische Veränderungen herbeizuführen. Es braucht eine Haltung, die in Situationen stabilisiert, in denen ansonsten Routinen, Bequemlichkeit oder Ängste bremsen. Grundlage einer solchen Haltung ist eine Vision, die zum Kompass des eigenen Handelns wird. Es braucht eingeübte Fähigkeiten.

Es reicht nicht aus, nur die einzelnen Buchstaben und Wörter zu kennen, erst durch ihre über die Zeit reifende Anwendung in immer wieder anderen Kontexten entsteht eine wirkliche Sprach-, Lese- und Ausdrucksfähigkeit. Die konkrete Tat führt dann zur Meisterschaft.

ebd., S. 463

Für Schneidewind sind „Entrepreneure“ wichtige Akteure in der Großen Transformation. Sie zeichnen sich durch eine Haltung der Widerständigkeit aus, sind sie doch überzeugt, dass sich Dinge auch anders und erfolgreicher lösen lassen. In der Großen Transformation bringen sie mehr als nur neue Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle hervor. Unternehmerische Kompetenz bedeutet heute, Chancen zu erkennen und zu ergreifen und kreative Prozesse zu planen und zu verwalten, die einen kulturellen, sozialen oder finanziellen Wert besitzen.

Bei den Fähigkeiten geht es um Achtsamkeit, mit der mögliche Zukünfte erspürt werden können oder um Kompetenzen des Transformationsdesigns. Als Beispiel für eine Methode der Zukunftsgestaltung in Transformationsprozessen nennt Schneidewind u.a. die Theory U von Otto Scharmer, einem Modell für einen Gruppenprozess, der in sieben Schritten hilft, sich von alten Denk- und Verhaltensmustern zu verabschieden, ein Einfühlen auf mögliche Zukünfte fördert und zu produktivem Handeln in Transformationsprozessen führt.

III

Die große Transformation ist in vollem Gange. Zu diesem Eindruck kommt, wer das Buch von Uwe Schneidewind liest. Wenn Harald Welzer dieses Bild zurückweist und stattdessen die Erfolgsaussichten in vielen kleinen Transformationen sieht, dann regt das vielleicht den Bürgersinn an, sich als Pionier des Wandels zu versuchen und an Experimenten und Laboren zu beteiligen. Damit ist es jedoch nicht getan. Ob daraus eine Transformation der Gesellschaft erwächst, hängt sehr davon ab, wie das Zusammenspiel von Personen und Organisationen beeinflusst wird. Es braucht auch Pioniere, die ihre Möglichkeiten nutzen, auf das Zusammenwirken der Organisationen und Institutionen Einfluss zu nehmen. Erst daraus entsteht so etwas wie Gesellschaft – im besten Fall eine Gesellschaft, die gelernt hat, einen Wohlstand für alle mit der Achtung vor den planetaren Grenzen zu verbinden.

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Sensoren (15): Nochmal – der Klimawandel und die Hoffnung

Sensoren (20): Critical Zones

In seinem „Terrestrischen Manifest“ von 2018 hat sich der französische Soziologe Bruno Latour mit einer völlig neuen Beziehung zum planetaren Lebensraum befasst. Jetzt lassen sich diese wegweisenden Gedanken in einer Ausstellung des ZKM in Karlsruhe vertiefen. Critical Zones – Horizonte einer neuen Erdpolitik, so der Titel des von Latour gemeinsam mit Peter Weibel kuratierten Projekts. Der Begriff ist von Geowissenschaftlern geprägt worden. Er beschreibt die dünne Membran, die unseren Planeten umgibt und den gemeinsamen Raum für alle lebenden Organismen bildet. Alles Leben in dieser dünnen Schicht trägt dazu bei, die Bedingungen in diesem Lebensraum zu formen. Der Mensch tut dies in zerstörerischer Weise.

„Kritisch“ wird diese dünne Schicht, von der wir und alle anderen Lebensformen auf der Erde in höchstem Maße abhängig sind, deshalb genannt, weil sie in einen Zustand der Intensivbehandlung übergegangen ist. Wir müssen alles daransetzen, für ihr Wohlergehen Sorge zu tragen.

https://critical-zones.zkm.de/#!/

Was ist zu tun? Wir müssen ein angemessenes Verhalten in der kritischen Zone erlernen. Zunächst gelte es, so Latour im Manifest, zu beschreiben.

Dafür muss man bereit sein, die Lebensterrains als das zu definieren, wovon ein Erdverbundener für sein Überleben abhängt, und sich dann zu fragen, welche anderen Erdverbundenen von ihm abhängig sind.

Latour: Das Terrestrische Manifest, Berlin 2018, S. 110 (Hervorhebung im Original)

Die Ausstellung zeigt eindrucksvolle Beispiele aus Wissenschaft und Kunst, wie diese wechselseitigen Abhängigkeiten in der Kritischen Zone erkundet werden können. Wegen der Corona-Pandemie hat das ZKM die Ausstellung in einen hybriden Erlebnisraum verlagert, der in der digitalen Sphäre nach und nach mit Inhalten gefüllt wird und durch den realen Erlebnisraum vor Ort in Karlsruhe ergänzt wird.

Critical Zone Observatories

Die Ausstellung stellt Freiluftlabore (Critical Zone Observatories – CZO) vor, die mit Sensoren und Messinstrumenten das Geschehen in den Kritischen Zonen beleuchten. Ein Beispiel: Ein Flusslabor, eine Buchen- und eine Fichtenstation, ein Gravimeter und andere Instrumente zeichnen ein genaues Bild des Zustands am Strengbach in den Vogesen. Das Labor wird in einem umgestülpten Modell der Kritischen Zone abgebildet, in der die Atmosphäre innen und die Gesteinsschichten außen dargestellt sind. Das verstärkt den Eindruck des geschlossenen Systems und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Wechselwirkung zwischen den Schichten innerhalb der Kritischen Zone.

“Das Leben ist kein Ding, es ist ein Prozess.“

Die grundlegende Hypothese stammt von James Lovelock und Lynn Margulis. Danach verändern lebende Organismen ihre Umgebung und passen sich zugleich an sie an. Alle Lebensformen auf der Erde sind das Ergebnis einer Symbiogenese, des Zusammenschlusses unterschiedlicher Organismen, der neues Leben hervorbringt. Alle Organismen sind danach abhängig von anderen Organismen und ihrer erfolgreichen Einbindung in Ökosysteme. Wälder und andere Pflanzen beispielsweise verändern die Luftfeuchtigkeit in ihrer Nähe und schaffen so lebenswerte Bedingungen weit über ihre unmittelbare Umgebung hinaus. Der menschliche Exzeptionalismus hingegen führt in die ökologische Krise.

In der Ausstellung sind einige Videos mit Lynn Margulis versammelt, z.B. eines von 1993 über Cyanobakterien im Ebro-Delta, das „Gewebe Gaias“.

Das Gewebe Gaias lehrt uns, dass wir unsere menschlichen Aktivitäten auf unsere globale Umgebung abstimmen müssen, indem wir unsere eigenen Recyclingzyklen perfektionieren. Denn: „Müll verschwindet nie, er wandert nur im Kreis.“

„Geisterflächen“

Fragt man Menschen, wo sie leben, so wird ihre Antwort sich auf einen Punkt auf der Landkarte beziehen, an dem sich ihr Zuhause befindet. Fragt man sie jedoch nach den Orten, aus denen sie ihren Reichtum schöpfen, so werden sie eine vollkommen andere Karte zeichnen müssen, von allen Gebieten, auf die sie angewiesen sind.

https://critical-zones.zkm.de/ Lokalisierung: Ghost Acreages

Ein Grundgedanke der Ausstellung ist es, beide übereinander zu legen, das Land in dem wir leben und das Land, von dem wir leben. Ein Beispiel ist die Zeitleiste, die Armin Linke mit seinem Team in seinem Werk Blind Sensorium über Jahre zusammengetragen hat. Sie begleiteten und interviewten WissenschaftlerInnen, PolitikerInnen und AktivistInnen und hatten Zugang zu Labors, Datenzentren und politischen Verhandlungsräumen – kritischen Schauplätze für die Ökosysteme der Erde.

Terrestrische Universität

Eine experimentelle Vorlesungsreihe – die „terrestrische Universität“ lädt dazu ein, sich näher mit der Erforschung und dem Verstehen der kritischen Lage der Erde zu beschäftigen.

Dort ist auch dieser aufschlussreiche Vortrag von Julia Pongratz, Professorin für Physische Geografie und Landnutzungssysteme über die Grundlagen des Klimawandels zu sehen.

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Mehr dazu
Manifeste (7): Das terrestrische Manifest von Bruno Latour

Sensoren (19): Selbstbild, Fremdbild, Netzbild – ein digitales Identitätscockpit

Verletze niemanden; trage konstruktiv zur Weiterentwicklung der
digitalen Allmende und zur Entwicklung anderer bei, soweit du nur kannst.

So könnte das Prinzip eines digitalen Humanismus lauten, angelehnt an einen Leitsatz von Schopenhauer. Gunter Dueck, Max Senges und Martin Schössler legen es ihren Überlegungen für eine digitale Identität und für die Verwirklichung des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung zugrunde, die sie in einem Papier, veröffentlicht im Herbst 2019, notiert haben.

Was passiert, wenn wir in die Suchmaschine unseren eigenen Namen eingeben? Datenanalysten und Algorithmen der Plattformbetreiber und Marketing-Dienstleister erstellen daraus ein Persönlichkeitsprofil, ob wir das wollen oder nicht. Wie das funktioniert, kann man z.B. auf einer Website der Universität Cambridge namens Apply Magic Sauce ausprobieren.

Mit einem Identitätscockpit das Netzbild selbst gestalten

Die Autoren stellen sich vor, dass ein Identitätscockpit alle wichtigen Dokumente enthält. Wir können sie in einer sicheren Cloud speichern und verwalten. Ähnlich, wie verifizierte Twitter-Accounts ein blaues Häkchen bekommen, könnten sich in dem Cockpit Dokumente befinden,

die ich selbst eintragen kann (ohne blaues Häkchen) und solche, die als echte Dokumente von dazu Berechtigten eingefügt wurden. Ich möchte einen blauen Haken von der Uni hinter meiner Doktorurkunde, einen vom Patentamt bei den Patenten, einen vom Arzt bei der Blutgruppe. Es gibt also „meine“ Einträge und „beglaubigte“.

In dem Identitätscockpit kann jeder Mensch selbst bestimmen, welche Daten er wem freigibt, für welchen Zweck und für wie lange. Jeder Mensch kann seine Daten für andere sperren. Die Autoren räumen ein, dass ein solches Identitätscockpit voraussetzungsreich ist, wenn es gegen Hackerangriffe geschützt sein soll und wenn der Bürger die Löschung seiner Daten durch den Internethändler bei Entzug der Nutzungsberechtigung durchsetzen will.

Wir brauchen sichere IT und harte Gesetze!

Vorbild könnte, so die Autoren, Estland mit seinem Digitalprojekt e-estonia sein. Das kleine Land im Baltikum gilt als Vorreiter in eGovernment und eCitizenship. Und wie sieht es dort mit Datenschutz und Datensicherheit aus? Das digitale Estland setzt beim Datenschutz auf „Truth by Design“, so erzählt Tobias Koch, ein Deutscher mit estnischem Bürgerausweis, in einem Feature von Deutschlandfunk Kultur.

„Jeder Zugriff auf Daten wird registriert. Das heißt: Wenn ich in einer estnischen Steuerbehörde oder einer Bank arbeite – ich nutze diese Karte auch, um mich dort zu identifizieren. Das heißt, wenn das Finanzamt meine Informationen im Einwohnermeldeamt abfragt, dann kann ich das später in einer Logfile sehen. Ich habe einen Timestamp, ich habe eine Beschreibung, was gemacht wurde und wer das gemacht hat. Und das ist etwas, das in Estland das ,reversed Big Brother Principle‘ genannt wird. Man übermittelt Daten, aber ich kann – statt vor Ehrfurcht zu erstarren, dass der Staat meine Information hat -, wenn es einen unberechtigten Zugriff gab, die Institution zur Verantwortung ziehen.“

Bei der Datensicherheit geht Estland ebenfalls neue Wege, setzt auf Blockchain und hat die Daten in einer data embassy in Luxemburg gesichert.

Offener Standard für Identitätsmanagement fehlt

Digitale Identität schreckt viele ab, weil mittlerweile viel Missbrauch in der Welt ist. Es drängt sich die Frage auf: Ist eine Umkehrung des Überwachungsprinzips nach dem Muster von „Big Brother“ überhaupt möglich? Dueck, Senges und Schössler gehen bei ihrer Suche nach einer Antwort in Anlehnung an Larry Lessig davon aus, dass die grundlegende technologische Architektur bereits darüber entscheidet, ob Kontrolle (Technology of Control) oder Teilhabe (Technology of Access) angestrebt wird. Das abschreckende Beispiel für eine Kontrollarchitektur ist das chinesische Social Credit System, in dem die Menschen dem intransparenten Algorithmus ausgeliefert sind, nach dem ihre Handlungen über Anreize „belohnt“ oder durch Ausschluss bestraft werden.

Auf dieser Basis entwickeln die Autoren den Grundriss einer digitalen Identitätsarchitektur. Sie betonen, dass Informationstechnologie (IT) mit der Lebensführung der Bürger unauflöslich verknüpft ist. IT hat unmittelbare soziale Auswirkungen.

Die Stärkung der Sicherheit in der digitalen Gesellschaft liegt damit in der gemeinsamen Verantwortung sowohl des Einzelnen als auch privater und öffentlicher Körperschaften im In- und Ausland. Die Debatte um die zukünftige (digitale) Identitäts-Architektur gehört somit in die breitere
Öffentlichkeit und darf nicht mehr nur in Expertenzirkeln geführt werden.

Der Vorschlag sieht vor, dass Bürger überhaupt erst einmal die Möglichkeit eingeräumt wird, eine elektronische ID zu beantragen. Sie soll zum einen Informationen über einen selbst einsehbar, zum anderen Informationen für Dritte abrufbar bereithalten. Denkbar ist eine solche ID auch für Unternehmen, Vereine und andere Institutionen. Falls an die schon existierende Steuer-ID der Finanzbehörden angeknüpft werden soll, ist zu beachten,

dass hier nicht nur erweiterte Möglichkeiten, sondern eine grundweg an Fähigkeiten positiv orientierte Nutzerbeziehung realisiert wird, die sich nicht in finanziellen oder rein behördlichen Interaktionsmustern erschöpft.

Denn tatsächlich gibt es ja in Deutschland bereits umfangreichste Datenpools. Da die meisten Daten im urbanen Umfeld sowie bei den neuen Mobilitätslösungen anfallen, bilden die kommunalen Rechenzentren einen der wichtigsten Knotenpunkte.

Es handelt sich also nicht um eine staatliche Bürger-ID, sondern um eine staatlich anerkannte ID, mit der Bürger z.B. ihrer Bank oder ihrem Vermieter den relevanten Datenausschnitt zukommen lassen könnten. Diese Form des Identitätsmanagements würde natürlich auch das magische Dreieck der Datenbeziehungen von Privatpersonen, Unternehmen und staatlichen Institutionen verändern. Vor allem würde das Risiko von Providern, deren Geschäftsmodell auf Daten beruht, steigen, während die Wertschöpfung durch Identifizierung durch den ID-Dienstleister erbracht würde.

Selbstbild, Fremdbild, Netzbild

Die Persönlichkeit, wie sie sich im Netz abbildet, würde so für die Bürger im Sinne des informationellen Selbstbestimmungsrecht gestaltbar. Das bewusst gestaltete Netzbild würde auf die Akteure im Netz, Unternehmen und staatliche Institutionen, treffen. Bürger könnten je nach Bedarf und Anlass die jeweils relevanten Eigenschaften kenntlich und andere unkenntlich machen. Ähnlich wie Influencer es schaffen, mit ihrem Netzbild andere dazu zu bringen, ihren Handlungen oder Ansichten bezogen auf kommerzielle Produkte zu folgen, könnten Netzbilder auch für Zwecke des Gemeinwohls wirksam werden. Fridays for Future ist für die Autoren ein aktuelles Beispiel.

Wenn wir also in der Lage sind, unser Selbstbild und Netzbild in Einklang zubringen und dieses auf ein entsprechendes Interesse in der Gesellschaft trifft, kann unser Netzbild eine skalierbare positive Veränderung der Gesellschaft bewirken.

Der Vorschlag klingt nach meinem Eindruck optimistisch, vielleicht auch utopisch. Es ist jedoch alle Anstrengung wert, die digitale Souveränität der Bürger zu verwirklichen. Als Alternativen zur Übertragung der demokratischen Grundwerte in die Netzwelt drohen, für alle längst sichtbar, der digitale Totalitarismus des „Big Brother“ nach chinesischem oder des „Big Nudging“ nach amerikanischem Muster.

Friedrich Schiller über Ungeduld, Furcht und Reue

Aus: Friedrich Schiller: Musenalmanach für das Jahr 1796
Quelle: commoms.wikipedia.org