Zukünfte (1): Über den Mangel an Visionen, positiven Utopien und Zukunftsbildern

Thomas Morus: Utopia. Frontispiz der Ausgabe von 1518. CC BY-SA 4.0

Die „große Transformation“ ist voll im Gange, aber es fehlt an Klarheit, wo die Reise hingehen könnte. Ebenso unklar ist, wo die Reise hingehen sollte. Weder unsere gewünschte Zukunft, noch unsere wahrscheinliche Zukunft ist für uns greifbar. Es geht um Klimaschutz und Ökologie. Es geht um Digitalisierung. Und es geht immer um Wirtschaft. Soviel ist klar. Nur, was dabei herauskommen soll, bleibt hartnäckig im Unklaren.

Zukunftsforschung ist schwierig. Wir können die Zukunft schlecht erforschen, weil sie ja noch nicht geschehen ist. Zukunftsforschung ist eine Paradoxie. Der Bericht des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“, dessen Veröffentlichung sich in diesem Jahr zum 50. mal jährt, gibt Anlass, in einer Serie unregelmäßiger Beiträge hier in meinem Blog auf Spurensuche zu gehen. Wie blicken wir heute in die Zukunft? Welche Zukünfte können wir uns vorstellen? Wie wahrscheinlich sind unterschiedliche Zukünfte? Welche Szenarien, Utopien, Zukunftsbilder und Visionen könnten uns Orientierung bieten?

Ökologische Krisen – einfach wegfedern?

Der Erdsystemwissenschaftler Wolfgang Lucht hat kürzlich in einem Interview mit klimareporter.de beklagt, es regiere die verführerische Annahme, wir könnten die ganzen Veränderungen um uns herum einfach so wegfedern. Lebende Systeme hätten zwar in gewissem Maße die Fähigkeit, sich an die Veränderung von Umweltsystemen, wie der Ozeanströmung oder dem Gletschereis, anzupassen. Aber:

Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass eine komplexe Gesellschaft wie die unsere, die von zahlreichen Netzwerken abhängig ist – von Lieferketten, Spezialwissen, von funktionierenden Institutionen und einer stabilen Energieversorgung – von sich aus resilienter sei gegen die Folgen unseres Energie-, Material- und Raumverbrauchs als das Klima oder die Ökosysteme.

Der Mensch habe sogar die Fähigkeit, vorauszuplanen und innovativ zu sein. Aber diese Fähigkeit zur Anpassung habe Grenzen. Wenn die Grenzen der Anpassungsfähigkeit erreicht seien, komme es zu Zusammenbrüchen – bis hin zum Kollaps und letztlich zum Absterben.

Die Herausforderung für demokratische Gesellschaften sei, Mecahnismenn zu etablieren, die die Nachhaltigkeit und die Zukunftsfähigkeit unserer heutigen Gesellschaften absichern. In dieser abstrakten Dimension scheinen die Dinge klar zu sein. Nur lässt sich davon wohl niemand leiten

Wie ist die Selbstgewissheit und Ignoranz des Menschen zu erklären?

In einem Essay für DIE ZEIT hat sich Nils Markwardt kürzlich auf die Suche danach begeben, weshalb nur die akuten Krisen bekämpft werden, während es die eher verborgenen, existenziellen Krisen nur mit Mühe in die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit schaffen. Er hat eine Reihe von Gründen ausgemacht, die die Unentschlossenheit im Umgang mit den existenziellen Krisen erklären können.

  • Die psychlogische Erklärung. Kurzfristige Konsuminteressen werden gegenüber langfristigen ökologischen Interessen bevorzugt. Auch wenn extreme Folgen der Klimakrise wissenschaftlich gründlich erforscht sind und mit hoher Wahrscheinlichkeit eintreten können, mögen manche immer noch davon ausgehen, dass es für sie schon nicht so schlimm kommt.
  • Das Präventionsparadox. Vorbeugung erscheint überflüssig, gerade weil Vorbeugung in einer konkreten Krisensituation erfolgreich war. Bei den Corona-Maßnahmen ist das Phänomen gut zu beobachten. Manche Kritiker halten sie für verfehlt, weil es ja nicht so schlimm gekommen sei, wie manche prognostiziert hätten. Die Wirkung der unangenehmen Maßnahmen werde übersehen. Nach dem gleichen Muster würden auch Energiekrise und Klimakrise als hysterische Übertreibung abgetan.
  • Als weiteren Grund führt Markwardt den unterentwickelten Umgang mit Worst-Case-Szenarien an, weil sie im Zweifelsfall teuer seien, mit Grundrechten kollidierten und ihr Nutzen bis zum Ernstfall unklar bleibe.
  • Die Langfristigkeit der ökologischen Krisen. Sie kommen ausgerechnet in der Phase, in der Maßnahmen noch möglich sind, langsam und eher schleichend daher. Katastrophenereignisse lassen sich räumlich, zeitlich und in ihrer Dimension erst spät klar vorhersagen.
  • Die Bewertung politischen Handelns. Sie sei stets mit einer spezifischen Weltperspektive verbunden. Man könne die Dinge vom Ideal abwärts oder vom Chaos aufwärts betrachten. Am Beispiel der Corona-Krise könne man also z.B. eine verkorkste Impfkampagne und fehlende Filter in Klassenzimmern beklagen oder man könne das Ausbleiben der Worst-Case-Szenarien als historischen Erfolg feiern. Wenn die Dinge jedoch gleichzeitig schlecht und gut sind, hätten die Wähler Anlass, wütend zu werden, aber keinen Anlass, sich verantwortungsvollen Politikern zuzuwenden.
  • Einen weiteren Grund findet Markwardt im Primat des Konsums, der sich – befeuert durch den Neoliberalismus – eingestellt habe.

Konsum spielte [in früheren Gesellschaften] … eine untergeordnete Rolle, weil der klassische Liberalismus des 18. Jahrhunderts zwar den Handel predigte, dabei aber gleichzeitig Sparsamkeit und Verzicht einforderte.

Mit der Radikalisierung der Marktidee im Neoliberalismus habe sich das geändert.

Der Markt, so die neoliberale Grundannahme, sei nämlich die gesellschaftliche Sphäre, in der Freiheit und auch Demokratie hergestellt würden.

Der Einzelne sei aus dieser Warte nicht mehr als politischer Bürger mit seinen demokratischen Rechten und Pflichten gefragt, sondern als Endverbraucher. Er soll seine Affekte nicht mehr zügeln, sondern ihnen auf dem Markt freien Lauf lassen. Neoliberalen Kräften ist es somit gelungen, jede staatliche Regulierung unter halbtotalitären Verdacht zu stellen. Demokratie erscheine Menschen, die sich die verführerische binäre Logik von gutem Markt und bösem Staat zueigen machen, nicht mehr als permanenter Prozess kollektiver Willensbildung. An die Stelle des demokratischen Diskurses, wie die Klimakrise bewältigt werden könnte, verlagert sie die Debatte ins Grundsätzliche, ob der Staat (wer sonst?) Verbote verbieten und den Verzicht auf Verzicht gebieten soll.

Vor diesem Hintergrund scheint es geradezu unausweichlich, dass sich keine gemeinsame positive Zukunftsvision mehr herausbilden kann. Denn die beste Zukunft ist ja die, die sich durch unsere Konsumentscheidungen einstellt.

Wolfgang Lucht nennt übrigens im oben erwähnten Interview noch eine weitere Erklärung für die herrschende Lethargie: die Eigenheiten der Klimakommunikation. Wenn die Wissenschaft von einer „Destablisierung der Ökosysteme“ oder einer „Abschwächung der Zirkulationsströmung“ spreche, klinge das technisch und abstrakt.

Angesichts der sich häufenden Krisen, – nach der Corona-Pandemie nun der Ukraine-Krieg und die Gaskrise, von der alles überlagernden ökologische Krise ganz zu schweigen, – wächst die Sorge, wir könnten nicht hinreichend mit dieser explosiven Mischung unterschiedlichster Krisen umgehen. Wir seien in der Lage, meint Lucht, für einen Krieg oder gegen eine Pandemie zu mobilisieren, aber scheinbar versagen wir, wenn es darum geht, für erneuerbare Energie, einen reduzierten Ressourcenverbrauch und eine angepasste Lebensweise zu mobilisieren.

Die besorgte Zivilgesellschaft steht einer Politik und einer Wirtschaft gegenüber, die zögerlich nur das Nötigste bereit sind zu tun. Derweil wird die Zeit knapp, die noch verbleibt, um die drohende existenzielle Menschheitskrise abzuwenden. Diese Sorge geht mit einer scheinbaren Unbekümmertheit einher, mit der die Menschen an ihrem gewohnten Lebensstil festhalten und alle Warnungen von Wissenschaftlern und von den Sozialen Bewegungen der jungen Generation, wie z.B. Fridays for Future oder Last Generation, in den Wind schlagen.

50 Jahre „Grenzen des Wachstums“

SWR2 hat zum 50. Jahrestag des Berichts einen Radiobeitrag von 1972 aus dem Archiv geholt. Was hat dem Bericht damals die herausragende Bedeutung beschert? Erstmals hatten Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen die neuen Möglichkeiten des Computers genutzt, um für die gesamte Menschheit Projektionen auf die langfristige Zukunft zu errechnen. Die große Resonanz, die der Bericht ausgelöst hat, lässt darauf schließen, dass das Unbehagen angesichts offensichtlicher Umweltprobleme damals schon weit verbreitet war.

In der Rückschau hat sich die Skepsis des Club of Rome bestätigt. Einwendungen, die Möglichkeiten der Wissenschaft und des technischen Fortschritts seien nicht genügend berücksichtigt worden, hat der Club damals zurückgewiesen. Zurecht, wie wir heute wissen. Diese Möglichkeiten könnten, so die Befürchtung der Mitglieder des Club of Rome, wahrscheinlich zu spät genutzt werden, um Übervölkerungs- und Umweltkatastrophen abzuwenden. Sie könnten wahrscheinlich Krisen nur verzögern, aber nicht verhindern. Denn die uns bedrohenden Probleme seien nicht nur auf technischem Wege zu lösen. Der Radiobeitrag von 1972 schließt mit einer Bemerkung über die Utopie der Zeit.

Die Unausweichlichkeit neuer Maßstäbe und neuer Zielorientierungen menschlichen Verhaltens und menschlichen Zusammenlebens ist wissenschaftlich in dieser Eindeutigkeit und klaren Verständlichkeit bisher noch nirgendwo konstatiert worden. Die Reflexion dieses Sachverhalts führt zu dem Paradoxon, dass sich als die eigentliche Utopie unserer Epoche die Vorstellung erweist, der Status Quo ließe sich noch aufrechterhalten. Wie vorgestern, so könne man auch morgen noch in den Tag leben.

Was leisten Projektionen, Modelle, Prognosen?

Die „Grenzen des Wachstums“ bildeten erstmals den Versuch, die Zukunft der Menschheit mit Hilfe der neuen Möglichkeiten des Computers in Szenarien zu erfassen. So gelang es, die Begrenztheit des Lebensraums und der Lebensgrundlagen auf der Erde in ein breites Bewusstsein zu bringen. In der Rückschau zeigt sich, dass besonders die Aussagen zur CO2-Belastung der Atmosphäre ziemlich genau zutrafen, während andere Aussagen, z.B. zur Erschöpfung der Erdöl-Vorkommen, daneben lagen. Aber kommt es bei dieser Art der Zukunftsbetrachtung überhaupt darauf an, die Zukunft möglichst treffsicher vorherzusagen?

In einem weiteren Beitrag hat sich SWR2 Wissen mit 50 Jahren versuchter Zukunftsforschung beschäftigt. Wissenschaftliche Modelle können Wahrscheinlichkeiten unter bestimmten Bedingungen errechnen. Sie können aber die Komplexität zukünftigen menschlichen Verhaltens nicht berechnen. die in den letzten Jahrzehnten entstandenen Klimamodelle können sehr gut vorhersagen, was jeweils mit hoher Wahrscheinlichkeit passiert, wenn der Eintrag von Klimagasen weiter ansteigt oder gleich bleibt oder sinkt.

Es lässt sich auch heute kaum vorhersagen, wie solche Szenarien oder Projektionen menschliche Entscheidungen beeinflussen. Wir sehen allerdings, dass die Reaktion auf negative Szenarios nicht unbedingt die Entscheidungen beflügelt, die eine Balance menschlichen Lebens in der begrenzten Biosphäre anstreben, sondern gleichermaßen Entscheidungen beflügelt. die darauf zielen, am gewohnten Lebensstil mit all seinen negativen Auswirkungen festzuhalten.

So ist eine Situation entstanden, die zu verbreiteter Orientierungslosigkeit geführt hat. Die Zukunftserwartungen haben sich stetig verdüstert. Es bleibt jede Aufbruchstimmung aus. Die langjährige Untätigkeit hat eine Situation heraufbeschworen, die Endzeit-Szenarios wahrscheinlicher werden lässt. Die Zeit ist schon lange knapp.

Nicht viel besser sieht es übrigens bei der Digitalisierung aus. Es gibt Dystopien, die mögliche Konsequenzen unseres unbefangenen oder blauäugigen Umgangs mit der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz aufzeigen. Solange uns aber eine Vorstellung fehlt, wie wir in Zukunft leben wollen, können wir uns auch nicht vorstellen, wofür wir für ein gutes Leben digitale Systeme brauchen und wofür nicht.

Fünf Zukünfte

Die Zukunft ist ungewiss. Wir können sie aber nicht einfach auf uns zukommen lassen. Unsere Entscheidungen treffen wir um Alltag typischerweise nach unseren kurzfristigen Bedürfnissen. Wir blenden mögliche langfristige Wirkungen gerne aus. Das hat auch damit zu tun, dass Zukunftsarbeit mit Aufwand verbunden ist. Wenn wir uns nicht mit dem Befragen des Orakel begnügen, sondern uns der Mühe stellen wollen, können wir zunächst verschiedene Zukünfte unterscheiden. Wovon reden wir eigentlich, wenn wir in der Gegenwart aus ausgewählten Erinnerungen an die Vergangenheit die Ungewissheit der Zukunft erforschen wollen?

Eine grundlegende Unterscheidung von Betrachtungsmöglichkeiten der Zukunft liefert z.B. das „Eltviller Modell“ der Unternehmensberatung FMG. Es unterscheidet fünf Arten von Zukünften. Wahrscheinliche Zukünfte beschreiben Annahmen über die Zukunft, unerwartete Zukünfte nehmen Überraschungen in den Blick, mit denen niemand rechnet, denkbare Zukünfte beschäftigen sich mit Chancen, die in der Zukunft erkennbar sind, gewünschte Zukünfte werden Visionen genannt und schließlich beschreiben wir Strategien als Ausdruck geplanter Zukünfte.

Es scheint mir sinnvoll, solche Unterscheidungen im Hinterkopf zu haben, um die Blickwinkel leichter ändern zu können und um Zukunftsbetrachtungen einordnen zu können. Der Bericht des Club of Rome von 1972 wäre nach dieser Unterscheidung überwiegend der Betrachtung wahrscheinlicher Zukünfte zuzuordnen. Resilienzforschern und Katastrophenschützern überlassen wir es gerne, sich mit unwahrscheinlichen Zukünften zu beschäftigen. Wer beschäftigt sich eigentlich mit Chancen, die in der Zukunft liegen? Und wie entstehen daraus Visionen?

Zukunftkunst

Die „Große Transformation“ findet statt. Ob menschliches Leben in der Biosphäre der Zukunft noch möglich ist, hat die Menschheit selbst in der Hand. Sie gestaltet die Transformation, ob sie will oder nicht. Sich verweigern heisst, sich für Endzeitszenarien entscheiden und die Strategien daran ausrichten. Wir können uns der Zukunft aber auch stellen und versuchen, unserer Verantwortung als der Spezies, die im Anthropozän die Lebensbedingungen in der Biosphäre prägt, gerecht zu werden.

Mit der Vielschichtigkeit der verschiedenen Blickwinkel auf Zukünfte umzugehen, ist eine Kunst, „Zukunftskunst“, wie der Wuppertaler OB Uwe Schneidewind noch zu seiner Zeit als Direktor des Wuppertaler Instituts dargelegt hat. Alle Mensch und Organisationen seien Zukunftskünstler. Aber kein Mensch muss die Welt allein retten. Es geht um ein gemeinsames Kunstwerk, um die Kunst der Zusammenarbeit. Ist nicht allein diese Vorstellung schon eine wunderbare Vision?

„Es geht nicht mehr um Produktion, sondern um die Bewohnbarkeit der Erde.“

Der französische Soziologe Bruno Latour hat sich zum Abschluss eines langen Interviews bei ARTE an einer Botschaft an seinen Enkel versucht. Angesichts der Untätigkeit der vorherigen Generationen werde die Enkelgeneration unter den von den Naturwissenschaften vorhergesagten Katastrophen leiden. Die Transformation werde Zeit brauchen. Deshalb möge sich der Enkel mit allen notwendigen therapeutischen Mitteln versorgen, um die Ökoangst 20 Jahre lang aushalten zu können. In 40 Jahren, so die Annahme von Latour, werden die Menschen angekommen oder, wie er zu sagen pflegt, „gelandet“ sein. Sie werden ihre politischen Institutionen angepasst haben, ebenso ihre juristischen Definitionen, die Künste, die Wissenschaft und letztlich auch die wirtschaftlichen Bedingungen. In 40 Jahren werde der Prozess der Zivilisation, der gegenwärtig ausgesetzt sei, wieder in Gang gekommen sein. Man werde mit Verwunderung zurückblicken auf die Zeit der Unkenntnis und Verweigerung.

Digitale Demokratie (1): Bessere Krisenkommunikation durch Teilhabe?

Der Evaluationsbericht zur Corona-Pandemie schlägt bessere Datennutzung und Risikokommunikation vor

Mit der Corona-Pandemie durchlebt die Gesellschaft eine fundamentale Krise, deren Bekämpfung mit Auswirkungen verbunden war und immer noch ist, die sich außerhalb von Fachkreisen kaum jemand ausmalen konnte. Aus der Krise zu lernen, steht an. Ein Sachverständigenausschuss ist deshalb beauftragt worden, den politischen Akteuren einen Evaluationsbericht vorzulegen. Nun liegt der Bericht vor und die Frage steht im Raum, ob er irgendwie ein Lernen auslöst.

Ziemlich schnell ist der Bericht als gescheitert kritisiert und zur Seite gelegt worden. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – lohnt es sich, dem Dokument besondere Beachtung zukommen zu lassen. Vielleicht lässt sich hier beobachten, wie Lernen auf gesellschaftlicher Ebene als Antwort auf die Krisen unserer Zeit funktioniert. In diesem Blog-Beitrag möchte ich einen Blick auf die Nutzung von Gesundheitsdaten für die Pandemiebekämpfung und die Kommunikation der Maßnahmen werfen. Beide Themen betrachtet der Sachverständigenausschuss als Schlüssel zu einer besseren Pandemiebewältigung. Sie können wohl darüber hinaus als besonders relevant für gesellschaftliche Lernprozesse auch in den anderen Krisenerscheinungen unserer Tage betrachtet werden. Was lässt sich aus den Erfahrungen der Pandemie für die viel beschworene Digitalisierung eines so sensiblen Bereichs wie der Gesundheit lernen? Was sagt der Bericht über eine gute Krisenkommunikation? Wie lassen sich die Erkenntnisse aus dem Bericht verallgemeinern und auch auf die anderen Krisen unserer Zeit übertragen?

Virologische, epidemiologische, klinische und soziale Daten in einen Zusammenhang setzen

Mit Blick auf Lernprozesse ist zunächst interessant, dass der Sachverständigenausschuss selbst die versäumte und vernachlässigte Beobachtung und Bewertung der Maßnahmen in der Corona-Pandemie beklagt. Notwendig sei in der Zukunft eine mitlaufende Evaluation.

Im Gegensatz zum Vorgehen in einigen anderen Ländern wurde in Deutschland eine fachübergreifende Begleitforschung während der Corona-Pandemie noch nicht erreicht. So gibt es noch immer kein nationales Forschungskonzept im Bereich Public Health. Eine solch fachübergreifende Begleitforschung ist aber zwingend nötig, um Entscheidungen des Krisenmanagements auf eine bessere Wissensgrundlage zu stellen.

S. 9

Erst mit einer fortlaufenden Bewertung der Maßnahmen, die die „richtigen Fragen nach deren Wirkung“ stelle, ließen sich wirksame von unwirksamen Maßnahmen unterscheiden. Der Bericht weist darauf hin, dass eine Betrachtung der unmittelbaren Wirkung der Maßnahmen noch nicht ausreichen würde. Er mahnt ein Lernen der 2. Ordnung auf der strukturellen Ebene an.

Es muss ebenfalls analysiert werden, wie die Qualität und Wirksamkeit dieser Maßnahmen von den gegebenen institutionellen und normativen Strukturen sowie gesellschaftlichen Faktoren – wie dem Vertrauen in staatliche Maßnahmen und der Qualität der Risikokommunikation – abhängen, innerhalb derer sie beschlossen und implementiert werden.

S. 9/10

Eine Begleitforschung auf der Grundlage eines nationalen Public-Health-Forschungskonzepts, wie sie im Bericht gefordert wird, setzt eine ausgedehnte Datenerhebung voraus. Der Ausschuss denkt an virologische, epidemiologische, klinische und soziale Daten. Weil in einer Pandemie schnelle Entscheidungen getroffen werden müssen, dies aber auf fundierter Grundlage geschehen soll, plädiert der Ausschuss für eine systematische Erfassung, die der Sensibilität von Gesundheitsdaten angemessen Rechnung tragen solle. Dafür sei ein

… datengesichertes bundesweites Vorgehen etwa durch die Einführung einer elektronischen Patientenakte, eines nationalen Impfregisters oder einer Registrierung, Auswertung und gezielten Ansprache der Versicherten durch ihre jeweilige Krankenkasse notwendig.

S. 10

Die Frage, wie diese Datensicherheit in dem höchst sensiblen Feld der Gesundheit konkret erreicht werden könnte, bleibt offen. Der Bericht verzichtet leider auf weitere Ausführungen zur Angemessenheit der Datenerfassung und der Sekundärverwendung für andere Zwecke oder andere Akteure. Von der Antwort auf diese Frage hängt aber wesentlich ab, ob die Gesellschaft einen Pfad zu einer demokratisch legitimierten Krisenbewältigung findet oder ob sich der schleichende Prozess des Überwachungskapitalismus fortsetzt.

In einem ZEIT-Interview mit Shoshana Zuboff wird deutlich, was hinter der Frage nach der Angemessenheit der Datenerfassung und -verwendung steckt. Es geht um eine Gratwanderung, deren Gelingen oder Misslingen über den Fortbestand unserer Demokratie entscheidet. Der herkömmliche Kapitalismus habe sich in einen Überwachungskapitalismus verwandelt. Viele haben sich daran gewöhnt, dass die Tech-Konzerne die Privatsphäre der Menschen ausbeuten und sie zu Zwecken für den Handel mit ihren privaten Erfahrungen und Gefühlen macht.

Das Private ist ohne seine Verankerung in der Geschichte der Demokratie gar nicht zu denken. … Die Privatheit ist seit der Aufklärung in einer Geschichte der Individualisierung entstanden, gleichzeitig mit der Idee der unantastbaren Menschenrechte und mit der Demokratie als politischer Ordnung, in der souveräne Individuen handeln. Dieser Zusammenhang lässt sich nicht in einzelne Bestandteile auflösen. Privatheit muss geschützt werden, weil in ihr zum Ausdruck kommt, dass jeder Mensch natürlicherweise den Respekt verdient, dessentwegen er individuelle Rechte innehat.

Der Überwachungskapitalismus wolle totale Gewissheit über die Zukunft des Verhaltens erlangen, befürchtet Zuboff. Es liegt nahe anzunehmen, dass die Fehlentwicklung des Internets, die zur Bedrohung der Privatsphäre und unserer demokratischen Grundordnung geführt hat, auch auf das Feld der „Public Health“ ausstrahlt. Wenn sich die digitalen Giganten für ihre Geschäftszwecke privater Daten nach Belieben bemächtigen, warum sollte man sie nicht auch für den guten Zweck der Pandemiebekämpfung nutzen?

Was es bedeuten würde, wenn die Demokratie erodierte und Gesundheits-Apps willkürlich zur Verhaltenssteuerung missbraucht würden, zeigt aktuell das Beispiel des totalitären Regimes in China, wo die Corona-App zweckfremd genutzt wird, um den Verhaltens- und Bewegungsspielraum der Menschen willkürlich einzuschränken.

Kommunikation als Risiko

Gelingende Krisenkommunikation – der Bericht spricht von „Risikokommunikation“ – ist ein entscheidender Faktor jeder Krisenbewältigung, weil Legitimität und Akzeptanz der Maßnahmen davon abhängig ist, wie Gefahren oder Risiken wahrgenommen werden. Im Falle der Corona-Pandemie schätzt der Bericht die Potenziale der Risikokommunikation als „weitgehend ungenutzt“ ein.

Die Kommunikation solle den Stand des Wissens vermitteln, die Grenzen des Wissens aufzeigen, transparent und „auf Augenhöhe“ stattfinden, kontroverse Meinungen zulassen. Die Sachinformation solle für unterschiedliche Zielgruppen verständlich und für ihren Alltag anschlussfähig sein.

Absolute Zahlen sollen immer ins Verhältnis zur Bezugspopulation gesetzt werden. Aussagekräftige Vergleiche und Visualisierungen durch Grafiken oder Tabellen helfen der Informationsvermittlung von Daten und erleichtern das Verständnis …“

s. 11

Mehr noch: Der Sachverständigenausschuss will weg von top-down-, hin zu dialogischen Kommunikationsstrategien und partizipativen Prozessen. Das ist ein ziemlich hoher Anspruch an Kommunikation „als staatlicher Aufgabe“ in „enger Kooperation mit lokalen Akteuren“. Damit wird Krisenkommunikation auch zu einer zivilgesellschaftlichen Angelegenheit der demokratischen Gesellschaft. Aber wie?

Engere Kooperation zwischen den kommunizierenden Organisationen

Der Bericht zeichnet ein Bild der Krisenkommunikation, das einerseits Korrekturen der bisherigen Top-Down-Praxis vorsieht, und das andererseits die einseitige Konzentration dieser klassischen Kommunikationsmethoden aufbricht zugunsten einer gleichwertigen Nutzung partizipativer Ansätze.

Im Ergebnis sollte die Bekämpfung der Pandemie als gemeinsame Anstrengung zur Infektionsreduktion wahrgenommen und nicht primär als Befolgung staatlicher Vorschriften erlebt werden.

S. 60

Der Ausschuss denkt an eine Dachkampagne und Teilkampagnen in enger Kooperation mit lokalen Akteuren, an bessere Wortwahl, daran, Zahlen in einen aussagekräftigen Zusammenhang zu setzen und Zahlen zu visualisieren. Kampagnen sollten über alle verfügbaren Kanäle – z.B. Rundfunk, soziiale Medien, Kino, Plakate, Postwurfsendungen, persönliche Beratungen, Aktionen in Schulen, Betrieben oder Freizeiteinrichtungen, Wanderausstellungen, Haustür-Besuche oder Informationsscouts für schwer erreichbare Zielgruppen – verbreitet werden.

Für die Information über die sich ständig verändernden Sachverhalte fordert der Bericht eine klare Rollenverteilung ein. Die vorhandenen Strukturen seien in der Krisensituation vielfach ungenutzt geblieben oder unterlaufen worden. Das betreffe die Entscheidungsfindung durch Bund- und Länder-Exekutiven, ohne die Legislative angemessen zu beteiligen. Das betreffe aber auch Institutionen des Gesundheitssystems. So habe z.B. die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung von Aids sehr gute Erfahrungen mit Kampagnen, in der Corona-Pandemie aber weitgehend ausgeschlossen worden. Ähnliches schildert der Bericht über die Gesetzlichen Krankenkassen, deren langjährig praktizierte Lebenswelt-Prävention für die Corona-Prävention nicht genutzt wurde.

Mehr dialogische Kommunikation

Der Bericht setzt auf ein zweites Standbein der Kommunikation, das bisher in der Krisenbewältigung kaum eine Rolle gespielt hat, obwohl die Methode als wichtige Säule im gesundheitlichen Krisenmanagement betrachtet werde. Die Methode heißt RCCE (risk communication and community engagement) und setzt auf Bürgerbeteiligung, um die Akzeptanz für erforderliche Maßnahmen zu steigern.

Partizipation beinhaltet auch, Kritik und Skepsis ernst zu nehmen und sich aktiv damit auseinanderzusetzen. Abweichende Meinungen wurden in der Corona-Pandemie oft vorschnell verurteilt. … Begreift man Kontroversen in der Krisensituation nicht als Hindernis, sondern als Chance, trägt dies zur konstruktiven, respektvollen und im demokratischen System unumgänglichen Debatte bei.

S. 63

Der Bericht geht leider nicht näher auf die Anwendung der Methode und die Gestaltung von Beteiligungsprozessen in der Praxis ein. Die Methode geht im Kontext von Covid-19 auf die WHO zurück und ist in einem Leitfaden ausführlich beschrieben.

Risikokommunikation – ein unterbelichtetes Thema

Mit Blick auf die vielfältigen Krisen, mit denen wir es zu tun haben und noch mehr zu tun bekommen, scheint Risiko- oder Krisenkommunikation ein dringendes Thema zu sein. Die demokratische Gesellschaft muss lernen, wie sie überlebensfähig bleiben kann, wenn ihr der Wind ins Gesicht bläst.

Der Verwaltungswissenschaftler Gunnar Folke Schuppert wies kürzlich in einem Vortrag darauf hin (ab ca. Min. 4), dass die Ge- und Verbote im Verlauf der Pandemie mehr und mehr verdrängt wurden durch Appelle an die Bürger, dass sie doch bitte das tun sollen, was die Regierung möchte. Mit Blick auf die Pandemiebekämpfung der vergangenen beiden Jahre greift er einen Begriff des norwegischen Politikwissenschaftlers Stein Ringen auf, der von der „powerlessness of powerful governments“ spricht. Herrschaft sei in der Pandemie durch Krisenkommunikation ausgeübt worden. Es reiche deshalb nicht aus, Gesetze zu erlassen, Steuern einzunehmen und auszugeben. Alle Formen von Krisen erforderten eine Krisenkommunikation, um die nötige Akzeptanz zu erzeugen. Er zitiert Armin Nassehi vom Beginn der Pandemie:

Wie in einem Brennglas lässt sich gerade beobachten, wie manche Grundlage der Gesellschaft funktioniert. Macht erkennt man normalerweise daran, dass diejenigen, über die man Macht hat, tun, was sie tun sollen. Machen die Leute aber das im Augenblick? Wann muss sich Politik extremer durchsetzen, wenn Politik nicht genügend Machtmittel über die Einsichtsfähigkeit der Bürger und Bürgerinnen hat? Wenn man sich im Augenblick die Pressekonferenzen der Politiker anschaut, sieht man, wie sie darum ringen.

ab ca. Min. 8

Grundlage jeder Risikokommunikation sind demnach das, was Schuppert Rechtfertigungsnarrative nennt. Das Ringen um die Wahl und Durchsetzung der Narrative, um eine Rechtfertigungsordnung, ist deshalb von höchster Bedeutung, weil sie Ansprüche auf Herrschaft und die Verteilung von Gütern und Lebenschancen begründen.

Mit Blick auf die Digitalität der Krisenkommunikation drängt sich zudem die Frage auf, ob die Sprache der Algorithmen auch als Herrschaftssprache in diesem Sinne zu verstehen ist. Jedenfalls begründeten sie eine Herrschaftsbeziehung zwischen denen, die die Algorithmen produzieren, und denen, die sie anwenden (müssen), so Schuppert. Wie weit beeinflussen oder prägen also die digitalen Giganten das Ringen um die Rechtfertigungsordnung?

Netzwerke können gleichermaßen als Verbreitungsmedien für Viren und Information gesehen werden. Hatten wir es nicht nur mit einer medizinischen oder epidemiologischen Pandemie zu tun, sondern zugleich mit einer Infodemie? In demselben Moment, wie sich das Virus viral verbreitete, verbreiteten sich im Internet viral Erklärungsversuche über Eigenschaften und Übertragungswege sowie Verschwörungsgeschichten, die von den netzwerkartigen Strukturen profitieren. Darauf weist Schuppert unter Rückgriff auf den Historiker Niall Ferguson hin, der in Doom über die Katastrophen der Menschheit schreibt und was man aus ihnen lernen könnte.

Mit der Risikokommunikation in der Pandemie ist die Herausforderung angesprochen, unsere demokratische Grundordnung unter den Bedingungen digitaler Netzwerke und universaler Krisen neu zu denken. Insofern ist zu hoffen, dass der Impuls des Sachverständigenausschusses für eine gelungenere Teilhabe der Bürger an der Wissenserzeugung und -verbreitung Gehör findet. Vielleicht gelingt es ja angesichts der akuten und latenten Bedrohungen durch die aktuellen und anstehenden Krisen, den digitalen Plattformen als Träger infrastruktureller Macht einen Impuls entgegenzusetzen, der die demokratische Ordnung auf dem Weg in die Digitalität stärkt. Nochmal Zuboff:

Es ist das alte Lied: Wissen ist seit eh und je Macht, und wir leben heute in einer Epoche von klaffender Ungleichheit an Wissen. Die Machtfrage zu stellen heißt heute, dreierlei zu fragen: Wer weiß? Wer entscheidet, wer weiß? Und: Wer entscheidet, wer entscheidet?

Warten auf die Aufbruch-Erzählung

In einem SWR2-Beitrag hat der Soziologe Stefan Selke kürzlich darauf hingewiesen, dass die Corona-Pandemie von drei Erzählungen geprägt gewesen sei: einer Dagegen-Erzählung, einer Anpassungserzählung und einer Questerzählung. Eine vierte Erzählung habe gefehlt, die Aufbruch-Erzählung.

Meine Tweets des Monats März 2022 | Die Zeitenwende und die politische Kommunikation

Zeitenwende – ein großes Wort hat Bundeskanzler Scholz gebraucht, als er nach dem russischen Angriff auf die Ukraine seine Regierungserklärung hielt. Seither fällt auf, dass die Zeitenwende in dem Medien häufig auf eine neue Sicherheitspolitik und das 100-Milliarden-Sondervermögen für die Bundeswehr verkürzt wird. Der Beginn des Krieges am 24. Februar fühlte sich zwar an wie ein böses Erwachen in einer anderen Welt. Doch vielleicht ist es typisch für die Wahrnehmung von Krisen, dass immer wieder Momente damit verbunden sind, die das eingespielte Bewusstsein scheinbar plötzlich irritieren und liebgewordene Gewohnheiten schlagartig infragestellen.

Hinter der Zeitenwende verbergen sich eine ganze Reihe von Krisen, die zudem miteinander eng verzahnt sind. Darauf hat Bernd Ulrich in einem Beitrag für DIE ZEIT hingewiesen: Artensterben, Klimawandel, Corona, Krieg, Massenflucht aus Ost und Süd. Die Liste ließe sich leicht verlängern, wenn man an die globale Nahrunsmittelknappheit, die Inflation, die Krise der Globalisierung und der westlichen Demokratien denkt. Die Krisen seien „kumulativ, mitunter exponentiell, sie interagieren, verstärken sich teils gegenseitig, und sie werden so bald nicht enden“, so Ulrich.

Dass es unter diesen Bedingungen blauäugig ist, eine Politik der Rückkehr zu einer wie immer gearteten Normalität zu betreiben, liegt auf der Hand. Die Politik sollte langsam beginnen, so Ulrich, über die Dinge so zu reden, wie sie sind und nicht, wie sie waren. Das allein käme nach meinem Eindruck schon einer politischen Zeitenwende gleich. Wir haben es mit Krisen zu tun, die uns dauerhaft beschäftigen werden, für die es keine einfachen Lösungen gibt.

Besonders wichtig ist, Lösungen zu finden, die mehreren dieser Krisen zugleich begegnen. Das sei schmerzhaft, so Ulrich im SWR2-Interview. Wenn wir uns dazu nicht aufraffen könnten, würden wir ohnmächtig. Wir finanzierten den Ukraine-Krieg Russlands, der unsere Demokratie bedrohe, an der Tankstelle. Es sei Zeit, die politische Kommunikation umzustellen und nicht mehr so zu tun, als redete man mit Kindern, mit 80 Millionen Prinzessinnen auf 80 Millionen Erbsen. Gefordert sei eine Kommunikation zwischen Erwachsenen.

Wir werden aber, so fürchte ich, noch für einige Zeit viel Politik erleben, deren Lösungen eine Krise zu entschärfen suchen, indem sie andere verschärfen. Bernd Ulrich nennt als Beispiele die Verwendung von ökologischen Brachflächen für den Nahrungsmittelanbau oder den Weiterbetrieb von Atomkraftwerken. Politiker bevorzugen bisher solche „einfachen“ Lösungen, weil sie sich gut „verkaufen“ lassen. Ob sich das mit der „Zeitenwende“ ändert?

Hoffnungsvoll leben in der kognitiv-sozialen Krise | Meine Tweets der Wochen 4 und 5/2022

Aus dem bunten Strauß von Themen, die mich in den vergangenen Wochen zu Tweets angeregt haben, möchte ich eines herausgreifen: die Hoffnung. In meinem Blog habe ich mich häufiger (s.u.) mit der Frage beschäftigt, wie Hoffnung möglich ist, angesichts der begrenzten Wahrscheinlichkeit, die Klimakrise in dem knappen verbleibenden Zeitfenster zu bewältigen.

Die Philosophin Lea Ypi meinte in einem Gastbeitrag im Tagesspiegel, um hoffnungsvoll leben zu können, brauche es die Überzeugung, dass wir tatsächlich handeln können. Reicht das aus? Bisher waren unsere Handlungen nicht dazu geeignet, die Hoffnung auf die Lösung der Klimakrise zu mehren. Die Hoffnung schwindet in dem Maße, wie die verbleibende Zeit bis zur Überschreitung von Kipppunkten verrinnt. Wenn wir annehmen können, dass wir noch handeln können, es aber nicht oder nicht hinreichend tun, was dann? Wie lässt es sich mit dem Bewusstsein, dass kritische Kippunkte mit hoher Wahrscheinlichkeit überschritten werden, hoffnungsvoll leben? Vielleicht sollten wir in Abwandlung des berühmten Imperativs von Heinz von Foerster – nach folgendem Imperativ leben: „Handle stets so, dass sich die Hoffnung mehrt.“ Egal, was passiert.

Wenn ich den Blog-Beitrag von Gitta Peyn über die „Geisteskrise“ vor diesem Hintergrund lese, wird mir deutlich, welch kostbare Zeit wir mit unseren Sozialspielen, wie sie es ausdrückt, verschwenden. Sie sieht viele von uns in unsere Arbeitsumgebungen und New-Work-Spiele dermaßen verwickelt, dass wir gar nicht merken, wie wir nachlässiger werden, wie Qualität und unsere Leistung sinkt.

Das Entsetzen, das mit dieser Erkenntnis verbunden ist, geht tief, denn es bedeutet, dass mit jedem sozialen Eingewickeltsein Verlust an Lebensenergie und Hoffnung verbunden ist und anhaltend Gefahr besteht, unterzugehen.

Gitta Peyn sieht uns alle in einer tiefen kognitiv-sozialen Krise stecken. Wie kommen wir raus aus den Marketing- und Konditionierungsroutinen, die uns den Blick verstellen? Auch wenn nachhaltige Krisenarbeit von den meisten abgewehrt wird, sieht sie Grund zur Hoffnung. Der Krisendruck mache es wahrscheinlicher, dass die Gesellschaft den Qualitätssprung schaffen könne. Zwei Ansätze schlägt sie vor. Erstens: Bildung. Jede Organisation sollte, sofern sie langfristig handeln wolle, ihre Mitarbeitenden und ihre Manager völlig neu auszubilden. Zweitens: Sozialarchitekturen. Die Gesellschaft brauche andere Sozialarchitekturen, die es jedem ermöglichten, seine Intelligenz, seine Fähigkeit, mit Komplexität umzugehen und seine Kreativität zu trainieren. Ihr Praxistipp:

Suchen Sie nach Denkern und Systemanalysten, die auf höchstem Niveau arbeiten. … Suchen Sie die Leute, die das Offensichtliche sagen können.

Wir werden diese Stimmen brauchen, egal, wie tief wir in die existenzielle Krise schlittern.


Mehr dazu

Sensoren (24): In Hoffnung leben

Sensoren (17): Hoffnung – unser Sinn für die Möglichkeiten des Guten

Sensoren (16): Der Klimawandel und die Hoffnung – zum Dritten

Sensoren (15): Nochmnal – der Klimawandel und die Hoffnung

Sensoren (14): Der Klimawandel und die Hoffnung

Leben wir im Anthropozän? | Meine Tweets der Wochen 1 bis 3/2022

Anthropozän – ein umstrittener Begriff. Leben wir in einem vom Menschen geprägten Erdzeitalter? Oder leben wir nach wie vor im Holozän, das uns in den letzten 10.000 Jahren die Lebensbedingungen beschert hat, die wir gerne erhalten würden? Damit befassen sich direkt oder indirekt einige Tweets, denen ich in den letzten Wochen Aufmerksamkeit geschenkt habe.

Natürlich lässt sich unter Geologen trefflich streiten, ob der Begriff gerechtfertigt ist. Gemessen an der Zeitlichkeit der geologischen Epochen erscheint die Phase, in der der Mensch als Lebensform auftaucht, zu kurz, um von einem erdgeschichtlich prägenden Phänomen sprechen zu können. Andererseits verändert der Mensch die Existenzbedingungen für andere Lebensformen und sich selbst in einem Ausmaß und für Zeiträume, die wir mit unserer alltäglichen Zeitlichkeit nicht erfassen können. Selbst die Geologen beschäftigen sich mittlerweile mit den langfristigen Auswirkungen, die wir durch die massive Umwandlung der Erdkruste durch Bergbau, Siedlung, Warenproduktion und Müll auslösen.

Von einem vom Menschen geprägten Erdzeitalter auszugehen, hilft nach meinem Eindruck, sich der Bedeutung der wechselseitigen Interaktion der Lebensformen für die Lebensbedingungen in der „kritischen Zone“ bewusst zu werden. Der Begriff Anthropozän wird angesichts der Krisen unserer Biosphäre wohl kaum Allmachtsgefühle auslösen können. Vielmehr nährt er aus meiner Sicht die Hoffnung, dass wir unsere Abhängigkeit von Symbiosen mit anderen Lebensformen erkennen und lernen, uns als „Erdlinge“ wahrzunehmen.

Sensoren (26): Wir sind ökologisch

Kürzlich hat Konstantin Sakka in der NZZ einen Gastkommentar über das Massenaussterben verfasst, das wir Menschen derzeit möglicherweise herbeiführen und erleben. Er beklagt, dass es „säkulare protestantische Größenphantasien“ gebe, wonach die Menschen durch von ihnen ausgelöste physikalische Prozesse das System Erde beherrschten. Hingegen sei es normal, dass Lebewesen in die Natur eingriffen. Unwahrscheinlich sei jedoch, dass „das Naturierte ‚die Natur‘ selbst auslöschen könne“. Also alles in Ordnung? Abwarten, was „die Natur“ mit uns macht? Einfach weitermachen und als Lebewesen weiterhin beherzt in „die Natur“ eingreifen?

Die Diskussion, ob wir als Menschen das sechste Massenaussterben auf der Erde auslösen, hat eine differenziertere Betrachtung verdient. Es geht nach meinem Verständnis keineswegs darum, mit dem Begriff „Anthropozän“ Größenphantasien zu bedienen. Vielmehr will dieser Begriff verdeutlichen, dass wir mit unserer Lebensweise die Lebensbedingungen so massiv verändern, dass mit der Vielfalt der miteinander verbundenen Lebensformen unsere über Jahrtausende stabilen Lebensbedingungen verloren gehen. Ob der Mensch die Existenzkrise, die mit seiner Lebensweise verbunden ist, bewältigen kann, ist fraglich. Ob man von „Schuld“ spricht und eine „Apokalypse“ dämmern sieht, scheint mir für die Frage, welche Entwicklungen des Erdsystems sich abzeichnen und wie sich der Mensch dazu verhält, unbedeutend.

Die planetare Schwelle

Nach allem, was der Mensch weiß, ist ein Massenaussterben vielleicht nicht unausweichlich, aber wahrscheinlich. Das haben die Forschungen der Erdsystemwissenschaften gezeigt. Die beiden Schaubilder aus einer Studie, die renommierte Klimaforscher und Geowissenschaftler 2018 veröffentlicht haben, veranschaulichen die Situation eindringlich. Mit seiner Lebensweise hat der Mensch durch die Emission der sog. „Treibhausgase“ den glazialen-interglazialen Zyklus unterbrochen. Das Erdsystem hat diesen Zyklus verlassen und ist auf einen Pfad der Klimaerwärmung eingeschwenkt. Es lassen sich vom aktuellen Zustand aus für die Zukunft zwei Pfade unterscheiden. Wenn die Begrenzung der Erderwärmung auf maximal 2° gelingt („Stabilized Earth“), ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich das Erdsystem unterhalb einer planetaren Schwelle stabilisiert. Wo genau diese Schwelle liegt, ist unklar. Je mehr sich das Erdsystem der 2°-Schwelle nähert oder sie überschreitet, umso wahrscheinlicher wird es, dass Kipppunkte überschritten werden, die ähnlich einem Dominoeffekt eine Kaskade von Feedbackprozessen auslösen. Das Erdsystem würde dadurch auf einen irreversiblen Pfad („Hothouse Earth“) einer sich selbst verstärkenden Erderhitzung einschwenken.

In der zweiten Darstellung wird das Ausbrechen des Erdsystems aus dem glazialen-interglazialen Zyklus veranschaulicht, das durch die von Menschen ausgelösten Emissionen verursacht wurde. Das Erdsystem bewegt sich auf die planetare Schwelle zu, deren Überschreiten sich selbst verstärkende Rückkopplungen auslösen würde. Verantwortung zu übernehmen für das Gleichgewicht des Erdsystems ist Voraussetzung, um die Weichen vom Pfad der Erderhitzung auf einen stabilisierenden Pfad zu stellen und Bedingungen zu erhalten, wie sie im Holozän geherrscht haben.

Wenn der stabilisierende Pfad verfehlt und die Schwelle überschritten wird, ist letztlich die Bewohnbarkeit des Lebensraums auf der Erde für Menschen bedroht. Ob man angesichts solcher Szenarien von einem Massenaussterben sprechen kann, ist sicherlich umstritten. Die Autoren der Studie tun es nicht. Die Auswirkungen, die in ihrem Bericht nur angedeutet werden, legen dennoch den Schluss nahe, dass ein Massenaussterben wahrscheinlich ist. Sie weisen darauf hin, dass die Auswirkungen eines solchen Erhitzungsszenarios gerne mit der globalen Megadürre vor 4.200 bis 3.900 Jahren verglichen werden. Diese Schreckensereignisse haben sich jedoch innerhalb des schmalen Temperaturkorridors des Holozän von plus/minus 1° ereignet.

Das Wesen des ökologischen Notstands

Es lohnt sich vor dem Hintergrund solcher Szenarien, sich mit der Möglichkeit eines Massenaussterbens zu beschäftigen. Aus philosophischer Sicht tut dies ausführlich und anregend Timothy Morton in seinem Buch „Ökologisch sein“.

Wir wissen, was zu tun ist: die Treibhausgasemissionen auf Null senken. Dennoch fragen wir uns ständig: Was sollen wir tun? Obwohl klar ist, was zu tun ist, bleibt die Angst und Ungewissheit angesichts der überwältigenden Dimension der ökologischen Krise unser ständiger Begleiter. Morton befasst sich mit den Dingen und unserer Beziehung zu ihnen. Wir haben lange Zeit die Dinge so entworfen, interpretiert und ausgeführt, dass der Mensch garantiert im Mittelpunkt stand. Ökologische Fakten handeln somit von uns. Von sich selbst Abstand zu gewinnen, gehört aber, so Morton, zu den schwierigsten Dingen überhaupt.

Wenn wir uns mit geologischen Erkenntnissen beschäftigen, stoßen wir schnell auf Schwierigkeiten mit den zeitlichen Größenordnungen. Nicht nur hat jegliches seine Zeit, wie die Bibel (Prediger 3) vermerkt. Jegliches hat auch seine eigene Zeitlichkeit. Morton weist auf die Unterscheidung hin zwischen „Vorgeschichte“ als der Zeit vor unserer Zivilisation und „Geschichte“ als der Zeitspanne der letzten 12.500 Jahre, in der die Zivilisation und der moderne Fortschrittsglaube entstanden sind. Nachdem das Erhabene der Menschheitsgeschichte entzaubert ist, wäre es naheliegend, alles, auch die sog. Vorgeschichte und das Heute, als Geschichte zu verstehen.

Morton sieht von der weiteren Verwendung des Begriffs Natur ab, nachdem er der Frage nachgegangen ist, wie Menschen diesen Begriff verwendet haben.

Natur ist schlicht agrikulturelle Logistik in Zeitlupe, die sich nett ausnehmende Steigerung zum Anthropozän …

Timothy Morton: Ökologisch sein. Berlin 2019, S. 76

Aus dem reibungslosen Funktionieren der als natürlich empfundenen Kreisläufe, wie sie mit der Ackerbaugesellschaft entstanden sind, hat einen Vorrang der Existenz hervorgebracht.

Existieren um jeden Preis. Die Existenz als solche setzt jede Qualität der Existenz außer Kraft – das heißt, der menschlichen Existenz, und zur Hölle mit allen Lebensformen, solange sie nicht zu unserem Vieh (cattle) gehören … Dies lässt sich an den riesigen Feldern beobachten, auf denen automatisiertes Agrargerät einsam und effizient seine Bahnen zieht. Man spürt es an den riesenhaft sinnlosen Rasenflächen, den gigantischen Parkplätzen, den übergroßen Mahlzeiten, die als Analogien zu den immensen Feldern zu verstehen sind. Es macht sich bemerkbar in dem allgemeinen Taubheits- oder Schockgefühl, mit dem dem Massenaussterben begegnet wird.

ebd., S. 78f

Aus dieser Diagnose entwickelt Morton eine Vorstellung, was es bedeutet, in einer Welt zu leben, in der die Menschheit nur einen verschwindend kleinen Teil ausmacht.

Alles hängt mit allem zusammen

Morton möchte mit seinem Buch verdeutlichen, dass alles, was wir tun, sich in der Biosphäre ereignet. Es geht ihm darum, uns klar zu machen, dass wir nicht „ökologisch“ werden müssen. Denn wir sind es. So oder so. Alles in der Biosphäre ist ein Symptom dieser Biosphäre. Sie ist in unseren Projekten, Aufgaben, in unseren Vorhaben verankert. Auch geistige Angelegenheiten sind in diesem Sinne ökologisch, erklärt Morton unter Verweis auf Gregory Batesons „Ökologie des Geistes“. Wir können uns diese Vernetztheit der Biosphäre, die uns, unsere Körper und unsere Gedanken einschließt, selbst als Knoten in diesem Netzwerk denken. Nicht was wir denken, sondern wie wir denken, ist entscheidend.

Ähnlich ist auch häufig zu hören, das Ganze sei mehr als seine Teile. Das ist tückisch, weil wir uns damit gerne auf „höhere Mächte“ verlassen.

Wenn wir die Dinge, da sie ohnehin zusammenhängen, getrost ausblenden und uns nur auf das Überwesen konzentrieren können, das Netzwerk, das durch sie geschaffen wird, dann können wir das Aussterben ignorieren.

Ebd. S. 112

Der Glaubenssatz verleitet dazu, zu denken, es sei etwas Größeres am Werk, das wir ohnehin nicht beeinflussen können. Das scheint mir das Kernproblem zu sein bei Kommentaren zum Massenaussterben, wie dem eingangs erwähnten Text in der NZZ. Etwas anderes wird schon an die Stelle der ausgelöschten Lebensformen treten. Das Leben geht weiter.

Das Ganze ist weniger als seine Teile

In unserem hierarchischen Denken sind wir es gewohnt, die Dinge auf etwas Ganzes zu beziehen, ähnlich wie wir die Teile einer Maschine zu einem funktionierenden Ganzen zusammensetzen. Die Teile sind jedoch nicht spezifischer als ein Ganzes, sie sind vielmehr eine andere Art des Spezifischen. Morton macht dies am Bild vom „blauen Planeten“ deutlich. Wenn wir die aus dem Weltall betrachtete kleine, zerbrechliche Erde sehen und ihr die riesigen Bäume des Regenwalds gegenüberstellen, spüren wir eine seltsame Lücke. Zwischen beiden Bildern findet ein plötzlicher Perspektivensprung statt.

Morton verdeutlicht das an der Frage, wie wir uns als Mensch auf andere Lebensformen beziehen. Die ökologische Katastrophe habe der Mensch zum Zwecke des bloßen Überlebens oder der schieren Existenz ohne Rücksicht auf irgendeine Qualität der Existenz betrieben. Das habe uns und anderen Lebensformen geschadet. Wir reagieren mit Umweltschutz oder mit Tierrechten darauf. Einmal kümmern wir uns also auf Kosten des Individuums um das Ganze, im anderen Fall kümmern wir uns um das Individuum auf Kosten des Ganzen. Die beiden Formen von Reduktionismus können wir aufheben, wenn wir sehen, dass das, was wir Umwelt nennen, „nichts anderes als Lebensformen mit ihren erweiterten Genexpressionen – etwa Spinnennetze und Biberdämme – sind“.

Sich einstimmen

Ökologisches Bewusstsein heisst nach Morton, sich einzustimmen auf die Dinge, mit denen wir verbunden sind. Da die Erscheinung eines Dings nicht klar von seiner Realität zu unterscheiden ist, stelle die Einstimmung eine lebendige, dynamische Beziehung zu einem anderen Ding dar, die nicht aufhört. Man kann sich vorstellen, dass mit einer solchen Praxis massive Veränderungen verbunden sind. Und doch, so Morton, ist es ganz einfach. Wir müssen nicht ökologisch werden. Wir sind es.


Mehr dazu

Sensoren (14): Der Klimawandel und die Hoffnung
Manifeste (7): Das terrestrische Manifest von Bruno Latour

Die Digitalität unserer Demokratie gestalten | Meine Tweets der Woche 51 – 52/2021

Häufig wird die schleppende Digitalisierung beklagt. Als Hemmschuh wird dann gerne ein überzogener Datenschutz ausgemacht. Die Oberflächlichkeit, mit der diese existenziellen Fragen der Digitalität in einer demokratischen Gesellschaft diskutiert werden, ist irritierend. Mir scheint, die Probleme mit der Digitalisierung wurden noch gar nicht hinreichend erfasst.

Eine unermüdlich mahnende Stimme in dieser für die Demokratie gefährlichen Situation kommt von Dirk Helbing, dem Soziologen und Komplexitätsforscher, den ich in diesem Blog schon häufiger erwähnt habe. Er sieht im Interview beim Podcast Zeit & Geist unser Gesellschaftsmodell in einer schleichenden Aushöhlung durch die Algorithmen, besonders die sog. Künstliche Intelligenz. Wir seien nie gefragt worden, welches Gesellschaftsmodell wir wollen. Die Daten, die wir in jedem Augenblick massenhaft hinterlassen, werden von Tech-Konzernen und von politischen oder staatlichen Institutionen, vor allem den Geheimdiensten, in Echtzeit ausgewertet, um unser Verhalten nach ihren Profit- oder Kontrollinteressen zu manipulieren. Erfasst würden nicht nur Adresse, Einkommen oder Freunde, sondern auch unsere Persönlichkeit mit unseren Stärken und Schwächen. Es würden digitale Zwillinge von uns erzeugt. Hinter Marketingbegriffen wie planetary health oder global health brauten sich totalitäre Szenarien zusammen.

Wir müssen, so drängt Helbing, die Systeme verstehen und die KI durchschauen, solange es noch möglich ist. Wie können wir mit den Daten, die über uns gesammelt werden, die KI dazu bringen, in unserem Sinne zu handeln und die Kontrolle über uns zu verlieren? In unserem Sinne handeln hieße, die existenzielle Bedrohungen, vor allem durch die Klimakrise abzuwenden. Das kann eine KI nicht leisten, die dazu benutzt wird, alles zentral zu kontrollieren. Der Weg gehe vielmehr über Innovation, so Helbing. Er plädiert für eine digitale Demokratie und einen demokratischen Kapitalismus. Warrooms durch Peacerooms ersetzen, eine Plattform für die informationelle Selbstbestimmung aufbauen und Partizipation ausbauen. Das sind seine Vorschläge, mit denen wir die Kontrolle über die Algorithmen gewinnen und die Probleme unserer Zeit lösen könnten. Die Ideen sind da. Die Kreativität kann sich in der Dynamik und Komplexität der Gesellschaft entfalten, wenn wir die Daten so organisieren, dass sich die kollektive Intelligenz entfalten kann.

„Wir schlittern in die Manipulation hinein“, warnt Helbing. Zu einem ganz ähnlichen Befund kommt der Psychologe und Intuitionsforscher Gerd Gigerenzer. „Wir gehen schlafwandelnd in die Überwachung.“ Auch er beschreibt eindrücklich die Art und Weise, wie die massive Datensammelwut schon heute zu Verhaltensänderungen führt. Ähnlich wie Helbing setzt auch er darauf, das Geschehen zu durchschauen. Ihm geht es dabei besonders um Bildung und Regulierung. Die Schulen sollten digitale Risikokompetenz lehren. Der Staat sollte erzwingen, dass Plattformen wie Facebook ihr Geschäftsmodell verändern: Mit Geld statt mit Daten bezahlen. Er sieht sonst die Gefahr, dass sich das „soziale Kreditsystem“ Chinas auch bei uns breit machen könnte. „Dann ist wirklich die Frage: Werden wir das überleben?“

Schlittern wir in den Überwachungskapitalismus, wie wir in die Klimakrise geschlittert sind? Sind alle Bemühungen, unsere Lebensverhältnisse demokratisch zu gestalten, umsonst? Im ZEIT-Gespräch gehen die Philosophin Eva von Redecker und der Präsident des Umweltbundesamts, Dirk Messner, der Frage nach, wie Transformation passiert. Wie verändern sich Gesellschaften?

Beide nehmen aus ihrer Perspektive die emergenten Prozesse in den Blick, aus denen sich gesellschaftliche Veränderungen ergeben. Sie zeigen sich in einer „Häufigkeitsverdichtung“. Das Neue spielt zunächst nur eine untergeordnete Rolle und spielt sich im Verborgenen ab. Erst allmählich und zuletzt plötzlich wird es wahrnehmbar und setzt sich schließlich durch.

Das Zeitfenster zur Lösung der Klimakrise scheint jedoch zu klein, um demokratische Entscheidungsprozesse und Reifeprozesse von Innovationen abwarten zu können. Die beiden Gesprächspartner lassen sich nicht beirren. Ohne Aushandlung, Einbindung und Legitimität gibt es keine stabilen Lösungen. Es sind gerade die demokratischen Entscheidungsprozesse, die den Schutz unserer geteilten Lebensgrundlagen, auch durch Verbote auf der gemeinschaftlichen Ebene, möglich machen.

Transformationen verstehen, Risiken verstehen, Digitalität verstehen – drei verschiedene Perspektiven auf ein gemeinsames Problem: Wie können wir die kreativen Potenziale der Demokratie nutzen und so leben, dass die Wahrscheinlichkeit der Bewältigung unserer existenziellen Krisen wächst?



Mehr dazu

Sensoren (23): Vom „homo oeconomicus“ zum „homo socialis“

Manifeste (1): Das digitale Manifest

Exponentielles Wachstum: „Nicht absehbar“ | Meine Tweets der Wochen 49 und 50/2021

Ein Grund, weshalb wir die Klimakrise verdrängen und riskieren, dass wir an Kipppunkte gelangen, die existenziell bedrohlich sind, liegt wohl auch daran, dass wir als Menschen schlicht überfordert sind, Prozesse exponentiellen Wachstums zu verstehen. Wir rechnen stets mit linearen Verläufen. Im Industriezeitalter haben wir uns aber Lebensbedingungen geschaffen, die durchdrungen sind von exponentiell wachsenden Verläufen.

Der Film auf 3sat macht dies an vielen Beispielen anschaulich. Von der sich beschleunigenden Gletscherschmelze, die, wie die Glaziologin beklagt, „nicht absehbar“ gewesen sei, über das Wirtschaftswachstum, das Bevölkerungswachstum, das Wachstum von Rechen- und Speicherleistung der Computertechnik (Moore’s Law), die Verkäufe von Elektroautos, den Preisverfall der Bauteile von Elektroautos bis zur Verschmutzung der Atmosphäre mit Kohlendioxid. Immer wieder werden wir von Phänomenen überrascht, die für die Wissenschaft oder für aufmerksame Beobachter durchaus vorhersehbar sind.

Das ist auch ein Tenor in der 3sat-Sendung scobel, die Antworten auf die Frage sucht, wie wir mit der Komplexität der Lebenswelt, die hinter exponentiellen Entwicklungen steckt und die wir uns selbst geschaffen haben, besser umgehen können. Wir haben oft genügend Daten, um die nähere Zukunft zu antizipieren. Was eher fehlt, meint die Psychologin Gesine Hofinger, sind die passenden Fragen.

Für den Umgang mit Komplexität kann es keine Patentrezepte geben. Aber ein paar Prinzipien, an denen man sich orientieren könnte, gibt es durchaus. Besonders aufschlussreich ist ein Hinweis des Sozialpsychologen Harald Welzer. Er plädiert dafür, das weit verbreitete „Verrätseln“ zu lassen (ab Min. 36). Wir wundern uns, dass die Menschen auf die Klimakrise nicht angemessen reagieren, obwohl sie über die Folgen ihres Handelns viel wissen. Wir bauen uns, meint Welzer, eine ideale Welt, in der Interessen, Macht, Traditionen, Durchsetzungsfähigkeit gar nicht vorkommen. Dadurch werde der Umgang mit der Klimakrise rätselhaft.

In der Finanzwelt entsteht die Verrätselung durch die Verwendung von Modellen, die von Annahmen ausgehen, die in der Wirklichkeit nicht gelten, wie z.B. Rationalitätsagenden oder Gleichgewichtsmodelle. Darauf weist der Komplexitätsforscher Dirk Brockmann hin. Die Theorie wiegt stärker als die Empirie. Themen, die bei lebenden Systemen eine große Rolle spielen, wie z.B. Kooperation, bleiben ausgeblendet.

In der Pandemieerfahrung war dies ähnlich. Die Ministerpräsidentenkonferenzen hätten oft zu rätselhaften Ergebnissen geführt (ab Min. 54). Es lohne sich, für Krisensituationen passende Strukturen auszuprobieren, die expertengestützte, schnelle Entscheidungen ermöglichten. Wer jedoch glaube, Komplexität mit einem Durchregieren beizukommen, irre sich. Totalitäre Überwachungsstaaten wie China seien nicht in der Lage, die ständige Veränderung der Umweltbedingungen zu bewältigen, weil sie Kritik nicht zuließen. Das sei die Stärke der Demokratie. Aber, so Gesine Hofinger, „Demokratie ist anstrengend“.


Mehr dazu Sensoren (23): Vom homo oeconomicus zum homo socialis

Gespaltene Gesellschaft? | Meine Tweets der Woche 47/2021

Die Corona-Krise ist in eine kritische Phase eingetreten. Die große Mehrheit der Mitmenschen hat sich impfen lassen, um sich und andere zu schützen und dazu beizutragen, dass die Pandemie in eine endemische Phase übergehen kann. Doch eine relevante Minderheit verzichtet auf die Impfung. Das wiederum gefährdet die angestrebte Eindämmung des Virus. Die Fronten sind wegen der alternativlos erscheinenden Impfung verhärtet. Was treibt die Menschen um, die sich gegen eine Impfung entscheiden? Droht etwa eine gesellschaftliche Spaltung? Wie kann die wechselseitige Verständigung wieder hergestellt werden?

Der Blogger Dirk von Gehlen hat eine Erklärung versucht, weshalb eine sachliche Auseinandersetzung über das Impfen so oft misslingt, indem er das Phänomen des Meme, das aus der Netzkultur bekannt ist, auf den Impfverzicht anwendet. Gehlen kommt auf diesem Weg zu der Annahme, dass die Ablehnung der Impfung in erster Linie eine Möglichkeit sich abzugrenzen liefert. Die Impfverweigerung hilft für einen Moment aus der Identitätspanik, die in der unübersichtlich gewordenen Welt schnell um sich greifen kann.

Ich nehme an, dass das unausgesprochene Nein zur Impfung nicht das einzige Meme bleibt, das für temporäre Identität sorgt. In anderen Situationen, z.B. in der Klimakrise, sind es andere Memes, die vermutlich ähnlich wirken. In Zeiten, in denen Aufmerksamkeit weckende Themen häufig und schnell wechseln können, scheint mir deutlich zu werden, dass es weniger um eine Spaltung der Gesellschaft geht. Die Gesellschaft weist eher Brüche auf, die im häufigen Wechsel in den Vordergrund und wieder in den Hintergrund rücken.

Auf den ersten Blick haben meine beiden Tweets der vergangenen Woche nichts miteinander zu tun, obwohl es in beiden um die Gesellschaft geht. Der zweite Blick offenbart dann aber doch eine interessante Verbindung. Der Soziologe Julian Müller bespricht ein Buch von Vincent August mit dem Titel: Technologisches Regieren. Es geht um die historische Entwicklung der Kybernetik und ihren Einfluss auf das Politikhandeln. Wie kommt es, dass wir Gesellschaft heute überwiegend als Netzwerkgesellschaft betrachten?

Bei der Corona-Pandemie und der Debatte über die Impfung haben wir es genau mit dieser Netzwerkgesellschaft zu tun. Die informationstechnischen Netzwerke als die „Mechanik, die Memes befördert hat, greift immer mehr in Bereiche des öffentlichen Lebens ein“, schreibt Dirk von Gehlen.

Die Politik als funktionales System unter anderen kann in der Netzwerkgesellschaft nur begrenzt Einfluss nehmen. Das technologische Regierungshandeln setze deshalb, so zitiert Müller das rezensierte Buch, auf „Innovationsfähigkeit, Offenheit und Kreativität“.

Und was, wenn diese Tugenden nicht auszureichen scheinen, um die Krise zu bewältigen?

Politik als Beruf | Meine Tweets der Woche 46/2021

Neue Gesichter an den Schalthebeln der Macht. Der Koalitionsvertrag steht, die Vereidigung der neuen Bundesregierung steht bevor. Sie übernehmen angesichts der Klimakrise Verantwortung in einer schicksalhaften Zeit. Wie werden sie ihre Macht gebrauchen?

In den vergangenen Legislaturperioden ist der Eindruck gewachsen, dass es einer wachsenden Zahl von Politikerinnen und Politikern nur um ihren eigenen Vorteil geht. Sie haben, mit Max Weber gesprochen, Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß vermissen lassen. Die Lobbyarbeit für ökonomische Interessen war so sehr in den Vordergrund gerückt, dass der Eindruck wuchs, Politik sei nur noch der Handlanger der Wirtschaft. Die Folgen dieser ökonomischen Dominanz sind bekannt: andauernde und unverminderte Zerstörung unseres Lebensraums.

Das Radiofeature auf SWR2 über Max Weber verweist auf dessen Schrift „Politik als Beruf“ zu einem Zeitpunkt und in einer Situation, in der wir Politiker brauchen, die den „Beruf“ zur Politik haben, die sich sicher sind, dass sie daran nicht zerbrechen, wenn die Welt, von ihrem Standpunkt aus gesehen, zu dumm oder zu gemein ist für das, was sie ihr bieten wollen.

Auch wenn die Politik der roten Linien eine erste Ernüchterung ausgelöst hat, so bleibt doch zu hoffen, dass wir es mit Politikern zu tun bekommen, die sich berufen fühlen, die nicht von der Politik, sondern für die Politik leben wollen.

Vor welchen Herausforderungen die berufenen Politikerinnen und Politiker stehen, wird an den beiden anderen Tweets der vergangenen Woche deutlich. Wir haben es mit der Automatisierung unserer Wahrnehmung und der Monetarisierung unseres Verhaltens zu tun. Die Digitalisierung, wie sie in der Politik verstanden wird, bleibt nach meinem Eindruck weit hinter dieser Diagnose zurück. Sie kommt deshalb kaum über eine Fortsetzung der Einführung von EDV in die Amtsstuben hinaus.

Das Beispiel der Bioökonomie zeigt, welches Spannungsfeld mit der Klima- und Artenschutzkrise zu beackern ist. Die Bioökonomie wird in der Öffentlichkeit noch kaum wahrgenommen. Es sind jedoch weitreichende Entscheidungen damit verbunden, wenn wir ihre Potenziale für die Nutzung nachwachsender anstelle fossiler Rohstoffe schöpfen wollen.