Östermanns Blog

Organisation und Unternehmensführung im Wandel, Handeln unter den Bedingungen des Klimawandels, Strategie, Medienwandel, Digitale Transformation, Arbeit der Zukunft, Komplexität, nächste Gesellschaft

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Sensoren (19): Selbstbild, Fremdbild, Netzbild – ein digitales Identitätscockpit

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Verletze niemanden; trage konstruktiv zur Weiterentwicklung der
digitalen Allmende und zur Entwicklung anderer bei, soweit du nur kannst.

So könnte das Prinzip eines digitalen Humanismus lauten, angelehnt an einen Leitsatz von Schopenhauer. Gunter Dueck, Max Senges und Martin Schössler legen es ihren Überlegungen für eine digitale Identität und für die Verwirklichung des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung zugrunde, die sie in einem Papier, veröffentlicht im Herbst 2019, notiert haben.

Was passiert, wenn wir in die Suchmaschine unseren eigenen Namen eingeben? Datenanalysten und Algorithmen der Plattformbetreiber und Marketing-Dienstleister erstellen daraus ein Persönlichkeitsprofil, ob wir das wollen oder nicht. Wie das funktioniert, kann man z.B. auf einer Website der Universität Cambridge namens Apply Magic Sauce ausprobieren.

Mit einem Identitätscockpit das Netzbild selbst gestalten

Die Autoren stellen sich vor, dass ein Identitätscockpit alle wichtigen Dokumente enthält. Wir können sie in einer sicheren Cloud speichern und verwalten. Ähnlich, wie verifizierte Twitter-Accounts ein blaues Häkchen bekommen, könnten sich in dem Cockpit Dokumente befinden,

die ich selbst eintragen kann (ohne blaues Häkchen) und solche, die als echte Dokumente von dazu Berechtigten eingefügt wurden. Ich möchte einen blauen Haken von der Uni hinter meiner Doktorurkunde, einen vom Patentamt bei den Patenten, einen vom Arzt bei der Blutgruppe. Es gibt also „meine“ Einträge und „beglaubigte“.

In dem Identitätscockpit kann jeder Mensch selbst bestimmen, welche Daten er wem freigibt, für welchen Zweck und für wie lange. Jeder Mensch kann seine Daten für andere sperren. Die Autoren räumen ein, dass ein solches Identitätscockpit voraussetzungsreich ist, wenn es gegen Hackerangriffe geschützt sein soll und wenn der Bürger die Löschung seiner Daten durch den Internethändler bei Entzug der Nutzungsberechtigung durchsetzen will.

Wir brauchen sichere IT und harte Gesetze!

Vorbild könnte, so die Autoren, Estland mit seinem Digitalprojekt e-estonia sein. Das kleine Land im Baltikum gilt als Vorreiter in eGovernment und eCitizenship. Und wie sieht es dort mit Datenschutz und Datensicherheit aus? Das digitale Estland setzt beim Datenschutz auf „Truth by Design“, so erzählt Tobias Koch, ein Deutscher mit estnischem Bürgerausweis, in einem Feature von Deutschlandfunk Kultur.

„Jeder Zugriff auf Daten wird registriert. Das heißt: Wenn ich in einer estnischen Steuerbehörde oder einer Bank arbeite – ich nutze diese Karte auch, um mich dort zu identifizieren. Das heißt, wenn das Finanzamt meine Informationen im Einwohnermeldeamt abfragt, dann kann ich das später in einer Logfile sehen. Ich habe einen Timestamp, ich habe eine Beschreibung, was gemacht wurde und wer das gemacht hat. Und das ist etwas, das in Estland das ,reversed Big Brother Principle‘ genannt wird. Man übermittelt Daten, aber ich kann – statt vor Ehrfurcht zu erstarren, dass der Staat meine Information hat -, wenn es einen unberechtigten Zugriff gab, die Institution zur Verantwortung ziehen.“

Bei der Datensicherheit geht Estland ebenfalls neue Wege, setzt auf Blockchain und hat die Daten in einer data embassy in Luxemburg gesichert.

Offener Standard für Identitätsmanagement fehlt

Digitale Identität schreckt viele ab, weil mittlerweile viel Missbrauch in der Welt ist. Es drängt sich die Frage auf: Ist eine Umkehrung des Überwachungsprinzips nach dem Muster von „Big Brother“ überhaupt möglich? Dueck, Senges und Schössler gehen bei ihrer Suche nach einer Antwort in Anlehnung an Larry Lessig davon aus, dass die grundlegende technologische Architektur bereits darüber entscheidet, ob Kontrolle (Technology of Control) oder Teilhabe (Technology of Access) angestrebt wird. Das abschreckende Beispiel für eine Kontrollarchitektur ist das chinesische Social Credit System, in dem die Menschen dem intransparenten Algorithmus ausgeliefert sind, nach dem ihre Handlungen über Anreize „belohnt“ oder durch Ausschluss bestraft werden.

Auf dieser Basis entwickeln die Autoren den Grundriss einer digitalen Identitätsarchitektur. Sie betonen, dass Informationstechnologie (IT) mit der Lebensführung der Bürger unauflöslich verknüpft ist. IT hat unmittelbare soziale Auswirkungen.

Die Stärkung der Sicherheit in der digitalen Gesellschaft liegt damit in der gemeinsamen Verantwortung sowohl des Einzelnen als auch privater und öffentlicher Körperschaften im In- und Ausland. Die Debatte um die zukünftige (digitale) Identitäts-Architektur gehört somit in die breitere
Öffentlichkeit und darf nicht mehr nur in Expertenzirkeln geführt werden.

Der Vorschlag sieht vor, dass Bürger überhaupt erst einmal die Möglichkeit eingeräumt wird, eine elektronische ID zu beantragen. Sie soll zum einen Informationen über einen selbst einsehbar, zum anderen Informationen für Dritte abrufbar bereithalten. Denkbar ist eine solche ID auch für Unternehmen, Vereine und andere Institutionen. Falls an die schon existierende Steuer-ID der Finanzbehörden angeknüpft werden soll, ist zu beachten,

dass hier nicht nur erweiterte Möglichkeiten, sondern eine grundweg an Fähigkeiten positiv orientierte Nutzerbeziehung realisiert wird, die sich nicht in finanziellen oder rein behördlichen Interaktionsmustern erschöpft.

Denn tatsächlich gibt es ja in Deutschland bereits umfangreichste Datenpools. Da die meisten Daten im urbanen Umfeld sowie bei den neuen Mobilitätslösungen anfallen, bilden die kommunalen Rechenzentren einen der wichtigsten Knotenpunkte.

Es handelt sich also nicht um eine staatliche Bürger-ID, sondern um eine staatlich anerkannte ID, mit der Bürger z.B. ihrer Bank oder ihrem Vermieter den relevanten Datenausschnitt zukommen lassen könnten. Diese Form des Identitätsmanagements würde natürlich auch das magische Dreieck der Datenbeziehungen von Privatpersonen, Unternehmen und staatlichen Institutionen verändern. Vor allem würde das Risiko von Providern, deren Geschäftsmodell auf Daten beruht, steigen, während die Wertschöpfung durch Identifizierung durch den ID-Dienstleister erbracht würde.

Selbstbild, Fremdbild, Netzbild

Die Persönlichkeit, wie sie sich im Netz abbildet, würde so für die Bürger im Sinne des informationellen Selbstbestimmungsrecht gestaltbar. Das bewusst gestaltete Netzbild würde auf die Akteure im Netz, Unternehmen und staatliche Institutionen, treffen. Bürger könnten je nach Bedarf und Anlass die jeweils relevanten Eigenschaften kenntlich und andere unkenntlich machen. Ähnlich wie Influencer es schaffen, mit ihrem Netzbild andere dazu zu bringen, ihren Handlungen oder Ansichten bezogen auf kommerzielle Produkte zu folgen, könnten Netzbilder auch für Zwecke des Gemeinwohls wirksam werden. Fridays for Future ist für die Autoren ein aktuelles Beispiel.

Wenn wir also in der Lage sind, unser Selbstbild und Netzbild in Einklang zubringen und dieses auf ein entsprechendes Interesse in der Gesellschaft trifft, kann unser Netzbild eine skalierbare positive Veränderung der Gesellschaft bewirken.

Der Vorschlag klingt nach meinem Eindruck optimistisch, vielleicht auch utopisch. Es ist jedoch alle Anstrengung wert, die digitale Souveränität der Bürger zu verwirklichen. Als Alternativen zur Übertragung der demokratischen Grundwerte in die Netzwelt drohen, für alle längst sichtbar, der digitale Totalitarismus des „Big Brother“ nach chinesischem oder des „Big Nudging“ nach amerikanischem Muster.

Written by Östermann

27. April 2020 at 15:29

Manifeste (12): Charta der Öffentlichen Kommunikationswissenschaft

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Angesichts der Bedrohungen, denen die Medienfreiheit und die öffentliche Meinungsbildung ausgesetzt sind, hat sich eine Gruppe von 77 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit einer Charta der Öffentlichen Kommunikationswissenschaft zu Wort gemeldet. Unter den Unterzeichnenden sind manch prominente Namen, die sich bisher schon bei vielen Gelegenheiten mit ihrer wissenschaftlichen Stimme in den öffentlichen Dialog über den Zustand und die Bedrohungen der Meinungsfreiheit und der Medienfreiheit einmischen, wie z.B. Petra Grimm, Hans Mathias Kepplinger, Geert Lovink, Klaus Meier, Bernhard Pörksen oder Siegfried Weischenberg. Rund 150 weitere Personen aus der Kommunikationswissenschaft haben die Charta mittlerweile unterzeichnet.

Ihr Anliegen: die Kommunikationswissenschaft zu einer „Öffentlichen“ Wissenschaft zu machen, die ihre Erkenntnisse aktiv in den gesellschaftlichen Diskurs über die Entwicklung der Medien einbringt. Wörtlich heisst es in der Präambel:

Desinformation, d.h. die bewusste Manipulation durch gezielte Falschinformation, verunsichert immer mehr Menschen. Auch in demokratischen Gesellschaften müssen Journalistinnen und Journalisten vor physischer und verbaler Gewalt geschützt werden. Politiker und Politikerinnen stellen die Medienfreiheit partiell in Frage und Journalisten und Journalistinnen werden zu Medienanlässen nur selektiv zugelassen. Auch wird die Service Public-Idee als gestaltendes Prinzip einer demokratischen Mediengesellschaft teilweise negiert.

Weitere Gründe sind: Es gilt, Standards wie mediale Glaubwürdigkeit, Verantwortung, (digitale) Mündigkeit zu stärken sowie die Bedeutung von Menschenrechten, den Schutz der Privatheit und die (informationelle) Selbstbestimmung auf die digitale Gesellschaft zu übertragen.

https://oeffentliche-kowi.org/charta/

Es sind also zum einen die Probleme einer Medienpraxis, die sich mit der breiten Verfügbarkeit medialer Möglichkeiten zeigen, zum anderen der hohe Bedarf, die Medienlandschaft in der digitalen Gesellschaft neu zu gestalten und vor allem die Grundrechte, im Sinne einer Demokratie 2.0, durchzusetzen. Gerade mit diesem Anliegen knüpft die Charta beispielsweise an die Digitalcharta oder das Digitale Manifest an, das ja ebenfalls die Verwirklichung des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung in der nächsten Gesellschaft in den Blick nimmt.

Angesichts der Tragweite dieses Anliegens ist es sehr zu begrüßen, dass sich die Kommunikations- und Medienwissenschaft im öffentlichen Diskurs zu Wort meldet. Hier drei Beispiele, wie sich Unterzeichner der Charta in der Öffentlichkeit zeigen.

Bernhard Pörksen liefert ein überzeugendes Beispiel, wie sich die Kommunikations- und Medienwissenschaft in den gesellschaftlichen Diskurs einschalten kann. Er hilft nicht nur, die irritierenden Phänomene infolge der massiven Verbreitung der digitalen Medien, z.B. die Skandalisierung, einzuordnen. Er wiederholt bei vielen Gelegenheiten seinen Vorschlag, die Anstrengungen einer fundierten Medienbildung in den Schulen und in der Erwachsenenbildung zu erhöhen und journalistische Grundsätze zu einem Allgemeinwissen zu machen.

Diese Art der Präsenz entspricht in der Charta „§7 Mediale Involvierung“. Dort heisst es:

Eine Öffentliche Kommunikationswissenschaft meldet sich in öffentlichen Diskursen zu Wort, sobald Ereignisse dies nahelegen oder erfordern. Insbesondere wenn Elemente normativer Evidenz wie die Medienfreiheit tangiert oder in Frage gestellt sind (Grundsatz 3), erfolgt dieses Engagement zeitnah und reaktionsschnell.

Als weiteres Beispiel sei Geert Lovink erwähnt. Er präsentiert die wissenschaftlichen Projekte und die Erkenntnisse seines Institute of Network Cultures über Netzkulturen und deren gesellschaftliche Auswirkungen in einer breiteren Öffentlichkeit, wie hier z.B. bei der Republica 2017.

Seine Themen allein machen schon deutlich, was eine kritische Netztheorie zu leisten vermag, wenn es darum geht, die unübersichtliche Situation der sozialen Netzwerke und des Medienwandels einzuordnen. Und er scheut auch vor überraschenden Lösungsansätzen nicht zurück, wenn er z.B. vorschlägt, im Digitalen die Medien klar von den Sozialen Netzwerken zu trennen.

Noch ein Beispiel: Hans Mathias Kepplinger erläutert bei mdr.de, was eine Nachricht zu einer Nachricht macht. Auch das ein Beispiel, wie sich Kommunikationswissenschaft daran beteiligen kann, bisher in der Fachwelt verankertes Wissen, hier die Kriterien und die Prinzipien, die der Auswahl von Nachrichten in den Medien zugrunde liegt, einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Alle drei spontan ausgewählten Beispiele zeigen, wie wichtig und nützlich es ist, die Spielregeln des Medienschaffens und die Transformation der Medien mit ihren Risiken, Chancen und ihren weitreichenden Konsequenzen zu erklären. Gemessen an der Tragweite des Anliegens scheint mir für eine Öffentliche Kommunikationswissenschaft noch viel Luft nach oben vorhanden zu sein.

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Mehr dazu siehe
Manifeste (11): Future Public Media
Manifeste (6): Das Slow-Media-Manifest
Manifeste (2): Die Digitalcharta
Manifeste (1): Das Digitale Manifest

Written by Östermann

14. Mai 2019 at 18:05

Manifeste (6): Das Slow-Media-Manifest

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In der Reihe über Manifeste zur Beziehung von Mensch und Technik in der digitalen Welt soll diesmal ein Beispiel aus der Medienwelt im Mittelpunkt stehen.  

Das Slow Media Manifest versucht eine Antwort auf den rasanten Aufstieg des Internet und der Sozialen Netzwerke. Die Autoren sehen nach dem technologischen Medienwandel die Zeit reif, sich die Medienrevolution „politisch, kulturell und gesellschaftlich zu integrieren und konstruktiv zu nutzen“.

Ähnlich, wie Fast Food den Raum für Slow Food erst geöffnet hat, geht es auch bei Slow Media mehr darum, den „Fast Media“ eine Alternative entgegenzusetzen, als sie abzulösen. Das Manifest stellt – insoweit dem Onlife Manifest ähnlich – den respektvollen und schonenden Umgang mit der Ressource Aufmerksamkeit in den Mittelpunkt.

Analog zu Slow Food geht es bei Slow Media nicht um schnelle Konsumierbarkeit, sondern um Aufmerksamkeit bei der Wahl der Zutaten und um Konzentration in der Zubereitung. Slow Media sind auch einladend und gastfreundlich. Sie teilen gerne.

Das Manifest stellt den Nutzer als „Prosument“ in den Mittelpunkt. Anders als das Wort suggeriert, ist jedoch nicht daran gedacht, die Nutzer als Macher zu verstehen, sondern eher als Multiplikatoren. Die Qualität des medialen Produktes ist in dieser Sichtweise  daran zu erkennen, dass es Resonanz erzeugt. Das Manifest setzt auf aktive Rezipienten, die durch Medien zum Handeln angeregt werden.

Slow Media inspirieren, wirken in dem Denken und Handeln der Nutzer nach und sind auch noch Jahre später spürbar.

Nicht nur der Qualitätsanspruch an den Content ist vom Gedanken der Nachhaltigkeit geprägt, sondern auch die mediale Produktion selbst. Ressourcenschonende Prozesse und Arbeitsbedingungen, keine Ausbeutung, kein Niedriglohn, kein bedingungsloses Ausschlachten der Nutzerdaten.

Das Manifest geht noch einen Schritt weiter. Slow Media verstehen sich selbst als Soziale Medien.

Um Slow Media bilden sich lebendige Gemeinschaften oder Stämme, gleich ob es sich um einen lebenden Autor handelt, der mit seinen Lesern in den Austausch tritt, oder einen verstorbenen Musiker, um dessen Musik sich eine aktive Deutungsgemeinschaft bildet. So fördern Slow Media die Vielfalt und respektieren kulturelle und lokale Besonderheiten.

Die Autoren des Manifests haben 2015 bei der Media Convention berichtet, wie sich das Manifest in den fünf Jahren seit der Veröffentlichung entwickelt hat. Sehr zufrieden zeigten sie sich mit der internationalen Resonanz. Das Manifest habe sich überraschend als Selbstläufer im Netz erwiesen. Selbst Wired hatte es damals es aufgegriffen. Ein Beispiel aus Frankreich war bei ARTE zu sehen.

Selbstkritisch hatten sich die Autoren von der Metapher des Essens, des Einverleibens abgesetzt, die sich aus der Analogie zu Slow Food ergibt.

Besonders interessant ist, wie die Autoren versucht haben, von der abstrakten Beschreibung einer Haltung aus der Verlegerperspektive zur konkreten Praxis aus der Nutzerperspektive zu kommen. Was bedeutet das Manifest für den digitalen Arbeitsschutz und für gesunde Arbeitsverhältnisse?

Sie haben in einer Studie die Kriterien des Manifests als Polaritäten bei Nutzern abgefragt und daraus eine Nutzertypologie nach drei Dimensionen unterschieden. Die Studie hat u.a. gezeigt, dass sich die Mediennutzertypen in einem Punkt kaum unterscheiden. Alle wollen sich bei der Mediennutzung auf ein Angebot konzentrieren.

Praktisch relevant wird die Studie auch bei der Frage: Wie können Medien-StartUps „slow“ arbeiten? Typische Einstellungen zur Arbeit in StartUps sind zu hinterfragen. „Slow“ sei z.B. eben nicht „Getting Things Done“, sondern „Doing Things“.

Interessant wäre vor diesem Hintergrund, die Beispiele von jungem, unabhängigem Journalismus im Netz, die neuerdings einer #Netzwende zugerechnet werden, auf die Kriterien des Manifests abzuklopfen. Wie wird eine Slow-Haltung in der dritten Säule des Qualitätsjournalismus, den mehr oder weniger unabhängigen Indie-StartUps wie z.B. Correctiv, Krautreporter oder Piqd gelebt?

Written by Östermann

4. März 2018 at 12:31

Sensoren (7): Diktatur 2.0 – Wege aus der Überwachungsgesellschaft

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Der Pluralismus

sorgt für Diversität, Diversität sorgt für Innovation und kollektive Intelligenz und eine Fähigkeit der Gesellschaft, sich an alle möglichen Sachlagen anzupassen, also auf unerwartete Ereignisse zu reagieren, wie sie mit der digitalen Transformation und auch mit den Nachhaltigkeitsproblemen dieser Welt sicherlich entstehen werden.

Diese Errungenschaft aus einer jahrhundertelangen Entwicklung gilt es zu bewahren. Sie ist bedroht durch die Pläne der großen Tec- und Internet-Konzerne Facebook, Google, IBM und andere, der Gesellschaft ein Betriebssystem zu verpassen, in dem der einzelne mithilfe von Algorithmen unmerklich in eine bestimmte Richtung gelenkt wird.

Die Radiosendung SWR2 Forum vom 27. Juni 2017 versammelt die besorgten Stimmen von drei aufmerksamen Beobachtern der Gesellschaft in der digitalen Transformation  um das Mikrofon: Dirk Helbing, Computer- und Sozialwissenschaftler von der ETH Zürich, den Wissenschaftsjournalisten Adrian Lobe und Peter Schaar von der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz in Berlin.

Die drei sind sich in der Einschätzung der bedrohlichen Lage weitgehend einig. Helbing findet deutliche Worte für die Bedrohung durch Computerwissenschaftler und Ingenieure, die ein Betriebssystem für die Gesellschaft aufbauten, die aber die Bedeutung von Geschichte, von Kultur, von Ethik und Moral nicht verstünden.

Nun hat man die Vorstellung, dass es irgendwann superintelligente Systeme gibt, die besser als wir verstehen können, was die Probleme sind und wie man sie lösen kann. Und wenn wir nur diese Systeme hätten, dann wären alle Menschheitsprobleme bald gelöst. … Irgendwann werden sie in allen Disziplinen besser sein. Irgendwann werden sie alle Weltprobleme lösen können. Ich halte das für eine gefährliche Utopie, weil die vernetzte Welt viel komplexer ist. Die Rechenleistung hält nicht Schritt mit der Datenmenge, die Datenmenge hält nicht Schritt mit der vernetzungsbedingten Komplexität. Deswegen können KI-System diese Welt niemals optimal regieren. Das geht schlicht und einfach nicht. Aber hier wird eine Utopie zur Ideologie und die Ideologie wird zur neuen Religion gemacht. Ich glaube schon, dass das hochgefährlich ist, weil es zu wenige Menschen gibt, die tatsächlich diese Annahmen hinter diesen Utopien hinterfragt haben. De facto hat das Silicon Valley eigentlich kein Weltproblem gelöst.

Noch lässt sich beobachten, wie eine solche neofeudalistische Technokratie entsteht, z.B. in China.

Der chinesische Citizen-Score treibt es auf die Spitze. Da werden alle Daten, die gesammelt werden, auf einen einzigen Wert heruntergekocht. Der beschreibt den Wert eines Menschen aus der Sicht der Regierenden.

Ein anderes Beispiel, an dem bedenkliche Entwicklungen wahrnehmbar sind, ist die Veränderung der Sprache. Lobe weist auf die Emojis hin. Jährlich würden 6 Milliarden Emojis verschickt. Das Unicode-Konsortium, an dem alle großen Tec-Konzerne beteiligt sind, schaffe mit der Regulierung dieser Emojis neue sprachliche Verhältnisse. Denn diese Symbole drückten Emotion eindeutig aus. Sie ließen keine Ambivalenzen in der emotionalen Bewertung mehr zu. Die Dialektik der Sprache, so Lobe, geht verloren.

Im Dialog der drei Experten werden zwei Ebenen deutlich, auf denen Handlungen möglich sind: die persönliche Ebene und die politische Ebene. Helbing verweist auf die noch vorhandenen Möglichkeiten für jeden Einzelnen, aus der Konsumhaltung herauszutreten und zu Mitgestaltern der digitalen Zukunft zu werden.

Wir können digitale offene Öko-Systeme bauen, wir können Open Data, Open Innovation auf den Weg bringen. Es bilden sich ja diese Fab Labs, diese Maker Spaces, wo man lernt, dass man plötzlich mit einem 3D-Drucker Dinge produzieren kann, wo man früher Fabriken gebraucht hat, in die man Millionen investieren musste.

Schaaf sieht erste hoffnungsvolle Ansätze für eine Repolitisierung, besonders bei jungen Menschen, wie es sich in Großbritannien nach der Brexit-Entscheidung und in den USA nach der Trump-Wahl gezeigt habe.

Wir müssen viel stärker dieses politische Element auch in Deutschland wieder entdecken. … Sonst entscheiden andere, Tec-Konzerne oder – möglicherweise sogar im Verbund – bestimmte politische Entscheidungsträger, die ganz anderen Interessen folgen. Ich finde das ganz wichtig, dass da was passiert. Dass da was geht, hat ja zumindest Pulse of Europe mal dargestellt. Ich kann mir durchaus Aktionsformen vorstellen, in denen man sich stärker politisch wieder einbringt und zwar teilweise auch unter Nutzung der technischen Möglichkeiten, die heute sehr viel größer sind, als in der Vergangenheit.

 

Written by Östermann

30. Juli 2017 at 10:00

Sensoren (5): The Automation of Society is next – Dirk Helbing

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In unserer Gesellschaft ist in den letzten Jahrzehnten angeblich vieles schlechter geworden. Zugenommen hat aber im Grunde nur die Orientierungslosigkeit, mit all ihren unangenehmen und wahrlich kritischen Folgen. Besser wird das nur, wenn der naive und auch sorglose Umgang mit Information und Wissen abgebaut wird.

Was Maria Pruckner in einem Beitrag zu ihrer Kolumne in Die Presse auf den Punkt bringt, könnte als Ausgangspunkt eines Buches verstanden werden, das sich sehr grundlegend und umfassend mit der Frage nach einem intelligenten Umgang mit Informationen und Wissen widmet und gleichzeitig ein enormes Wissen über das Funktionieren der Gesellschaft in der digitalen Welt vor den Augen des Lesers ausbreitet.

Im vergangenen Jahr bin ich auf den Züricher Soziophysiker Dirk Helbing aufmerksam geworden. Sein Blick auf die Digitalisierung und die Auswirkungen auf die Gesellschaft hatte für mich eine ganz neue Qualität, die mir bis dahin verborgen geblieben war.  Meine Neugier war geweckt. Deshalb habe ich kürzlich dieses Buch gelesen.

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Erstmals halte ich ein Buch in der Hand, das die wachsende Komplexität und die systemischen Risiken in einem globalen Zusammenhang darstellt, das den großen Bogen spannt von den Auswirkungen der Digitalisierung auf den Einzelnen, auf Communities, auf Unternehmen und auf die Gesellschaft. Das Buch schöpft aus einem enormen Reichtum an wissenschaftlichen Erkenntnissen. Dirk Helbing hat seine Vorstellungen von einer Gesellschaft, die die Chancen der Digitalisierung nutzt, in diesem Buch zusammengetragen.

Er verwendet eine Fülle anschaulicher und faszinierender Beispiele, um die funktionalen Prinzipien dieser neuen Welt zu erläutern und zu erkunden, wie wir sie zu unserem Vorteil nutzen können. Das Buch zeigt Wege auf, wie die nachteiligen Entwicklungstrends der vernetzen Gesellschaft korrigiert werden können. Sein Thema ist der Umgang mit der Unberechenbarkeit komplexer Systeme und den daraus erwachsenden globalen Risiken.

Helbing beschreibt zwei mögliche Entwicklungspfade für die „automatisierte Gesellschaft”. Der eine Pfad höhlt individuelle Freiheit, Demokratie und Arbeit aus. Der zweite Pfad führt zu einer Gesellschaft, die auf Selbststeuerung und Teilhabe an Informationssystemen beruht und die kreative und innovative Handlungen für jedermann unterstützt. Wir haben die Wahl! Jetzt!

Helbing nähert sich der Komplexität des Themas über verschiedene Perspektiven. Drei seien hier beispielhaft erwähnt.

Selbstorganisation führt immer wieder zu unerwünschten Zuständen

Verkehrsstaus und Massenpaniken sind Beispiele für unerwünschte Systemzustände. Ähnlich verhält es sich auf der globalen Ebene: Umweltkrisen und Klimawandel führen uns die „Tragedy of the Commons“ täglich vor Augen. Unser wirtschaftliches Handeln erzeugt unerwünschte Neben- und Fernwirkungen, die sich langfristig in ein katastrophales Ausmaß steigern. Doch gerade die digitale Technologie beschert uns Möglichkeiten, diese Prozesse der Selbstorganisation positiv zu beeinflussen.

In fact, the aim of assisted self-organization is to intervene locally, as little as possible, and gently, in order to use the system’s capacity for self-organization to efficiently reach the desired state. This connects assisted self-organization with the approach of distributed control, which is quite different from the nudging approach discussed before. Distributed control is a way in which one can achieve a certain desirable mode of behavior by temporarily influencing interactions of specific system components locally, rather than trying to impose a certain global behavior on all components at once. … In order for this adaptation to be successful, the feedback mechanism must be carefully chosen. Then, a favorable kind of self-organization can be reached in the system. (S. 105f.)

Weder zentrale, noch dezentrale Steuerung sind also gefragt, sondern verteilte Steuerung. Dezentrale Steuerung würde bedeuten, ganz auf steuernde Eingriffe zu verzichten und der „unsichtbaren Hand“ voll zu vertrauen. Der Versuch, zentral – wie ein „weiser König“ – zu steuern, führt unweigerlich in einen digitalen Totalitarismus. „Google als Gott“ und neoliberale Marktideologien sind gleichermaßen gefährliche Lösungsversuche.

Helbing zeigt anhand seiner Forschungen zum Verkehrsfluss und zum Materialfluss in der Fertigung, dass Selbstorganisation sehr gut funktionieren kann, wenn bestimmte Bedingungen, wie z.B. Fairness, erfüllt sind.

But these are technological systems. Could we also build tools to assist social systems? Yes, we can! Sometimes, the design of social mechanisms is challenging, but sometimes it is easy. Imagine trying to share a cake fairly. If social norms allow the person who cuts the cake to take the first piece, this will often be bigger than the others. If he or she should take the last piece, however, the cake will probably be distributed in a much fairer way. Therefore, alternative sets of rules that are intended to serve the same goal (such as cutting a cake) may result in completely different outcomes. (S. 122)

Wenn es gelingt, die Rahmenbedingungen für soziale Interaktion so zu stricken, dass  Fairness gefördert wird, kann soziale Kooperation und soziale Ordnung auch in Situationen entstehen, die sonst eher ungünstige soziale Wirkungen erzeugen.

Digitale Assistenzsysteme für soziale Kooperation

Die jetzt entstehenden sozialen Technologien können in diesem Sinne verantwortungsvolleres Verhalten bewirken und nachhaltige Systeme erschaffen. Helbing sieht eine Lösung in Empfehlungssystemen, die aber nur unter bestimmten Voraussetzungen funktionieren. Sie sind heute noch nicht gut genug.

Helbing betrachtet dazu die vier Möglichkeiten, die in der Interaktion zwischen zwei Menschen oder zwei Organisationen denkbar sind. Das ist die lose-lose-, die ungünstige win-lose-, die günstige win-lose- und die win-win-Situation. Er sieht Möglichkeiten, wie uns soziale Technologien helfen können, negative Interaktionen zu vermeiden oder in nützliche Kooperation zu verwandeln.

For reputation systems to work well, there are a number of things to consider: (1) the reputation system must be resistant to manipulation; (2) people shouldn’t be subject to intimidation or unsubstantiated allegations; (3) to enable individuality, innovation and exploration, the global village shouldn’t be organized like a rural village in which everyone knows everyone else and nobody wishes to stand out. We will need a good balance between accountability and anonymity, which ensures the stability of the social system. (S. 144)

Kollektive Intelligenz übertrifft Superintelligenz

Helbings Buch lässt sich als ein Plädoyer für die Nutzung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse zur Gestaltung der gesellschaftlichen Zukunft lesen. Die Frage, die sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht, lautet: Wie können wir kollektive Intelligenz erzeugen?

Es ist keineswegs so, dass wir die Wirklichkeit mit einem Modell beschreiben könnten, Alle Versuche von Google und anderen, eine Superintelligenz aufzubauen, die die gesamte Gesellschaft zum Wohle aller steuert, werden früher oder später scheitern, meint Helbing. Von dieser Vorstellung gelte es, sich zu verabschieden. Vielmehr plädiert er für einen pluralistischen Ansatz der Modellierung.

In fact, when the path of a hurricane is predicted or the impact of a car accident is simulated on a computer, it turns out that an average of several competing models often provides the best prediction.

In other words, the complexity of today’s world cannot be grasped by a single model, mind, computer, or cluster of computers. Therefore, it’s good if several groups try to find the best possible solution independently of each other. Although all these models will give an over-simplified picture of our complex world, if we combine these different perspectives, we can often get a reasonably good approximation of the full picture. This might be compared to visiting an ornate cathedral in which every photograph only reflects some aspects of its complexity and beauty. One photographer alone, no matter how talented or how well equipped, cannot capture the full structure of the cathedral with a single photograph. A full 3D picture of the cathedral can only be gained by combining plenty of photographs representing different perspectives. (S. 162)

Mit der Metapher vom Fotografen in einer Kathedrale veranschaulicht Helbing, wie unumgänglich es ist, einzelne Bilder zu verbinden. Selbst dem besten Fotografen bleibt es verwehrt, die gesamte Struktur der Kathedrale mit einem einzigen Foto zu erfassen. Aus diesem pluralistischen Ansatz lassen sich Hinweise für die Gestaltung kreativer Prozesse gewinnen.

First, a number of teams needs to tackle a problem independently using diverse methodologies. Subsequently, these independent streams of knowledge need to be combined. If there is too much communication at the beginning of this process, each team may be tempted to copy promising approaches of others, which would reduce the diversity of ideas. However, if there is too little communication at the end of the process, the knowledge created by all these different approaches won’t be fully used. (S. 163)

Diese verkürzten Ausschnitte aus dem Buch können die Bandbreite der Betrachtung nur andeuten und im besten Fall neugierig machen. Es bleibt zu hoffen, dass sich viele, die an der digitalen Transformation direkt oder indirekt teilhaben, von Gedanken dieses Buches anregen lassen.

Das Buch sei allen empfohlen, die eine schlüssige Skizze suchen, wie eine digitalisierte oder „automatisierte“ Gesellschaft aussehen könnte, die dem Wohle der Menschen und nicht einseitig dem Interesse weniger großer Konzerne oder autoritärer Politiker. Empfehlenswert ist die Lektüre übrigens auch für Leute, die sich mit Fragen der Kooperation und sozialer Innovation beschäftigen und sich ein Bild vom aktuellen Forschungsstand machen wollen.

Ich werde in diesem Blog weitere Gedanken aus dem Buch in loser Folge aufgreifen.

 

 

Written by Östermann

19. April 2017 at 22:31

Sensoren (3): Digitalisierung und die Folgen des Entweder-Oder-Denkens

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Ich glaube, wir sind in der Situation, in der unsere Zivilisation entdeckt, dass sie nicht mehr weiß, in welche Richtung sie sich entwickeln wird. Es ist klar, dass die Technik keinen präzisen Zwecken mehr folgt, sondern im Gegenteil: Sie schafft neue Zwecke, die umgehend zu Mitteln werden für neue Zwecke, die wiederum zu Mitteln werden, und wir wissen nicht, warum eigentlich.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk äußerte sich Jean Luc Nancy zum Orientierungsverlust, den unsere Gesellschaft mit fortschreitender Technisierung erleidet. Symbolisch steht die Digitalisierung heute für dieses Unbehagen an der alles menschliche Leben durchdringenden Technik. Conny Dethloff versucht in einem Blogbeitrag näher zu ergründen, was die Digitalisierung mit den Menschen macht – oder besser: was der Mensch via Digitalisierung mit sich macht. Er greift dazu auf die Technikphilosophie von Gotthard Günther zurück.

Dethloffs sieht mit Günther den Ursprung der Digitalisierung weit zurück in der Vergangenheit. Mit dem Aufblühen des naturwissenschaftlichen Denkens im 17. Jahrhundert ist der Grundstein für die Digitalisierung gelegt.

Wir identifizieren Digitalisierung viel zu häufig mit der Weiterentwicklung von Technologie. Alle Probleme und Herausforderungen versuchen wir über Technologie zu lösen. Nehmen Sie nur als Beispiel die Kommunikation in Unternehmen. Stellen wir fest, dass diese nicht gut genug ist, stellen wir gleich die Toolfrage: Welches Tool nutzen wir zukünftig, um vernetzter zu agieren? Dass Kommunikation eine zutiefst menschliche Angelegenheit ist, wird außer Acht gelassen.

Das naturwissenschaftliche Denken ist zwar nur auf Materie anwendbar. Es hat sich jedoch in den letzten Jahrhunderten mit der Technisierung und Industrialisierung so sehr eingeprägt, dass wir die Grenzen dieses Denkens im Alltag gar nicht mehr wahrnehmen. Wir versuchen, alle Probleme mit größter Selbstverständlichkeit technisch zu lösen. Dem entsprechend ist auch unser Managementdenken von diesem aristotelischen Denken in eindeutigen Ursache-Wirkungszusammenhängen geprägt.

Erst langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass Organisationen oder soziale Systeme durch menschliche Kommunikation entstehen. Sie bauen, so Dethloff, auf Lebendigkeit. Diese ist aber immer mit Widersprüchlichkeit verbunden. Aus diesen Widersprüchlichkeiten entstehen komplexe Probleme, die wir unserem technisch-naturwissenschaftlicher Denkrahmen entsprechend wie komplizierte Probleme behandeln. Diese Logik ist so sehr verinnerlicht, dass wir gar nicht mehr merken, wenn wir menschliche Probleme mit technischen Mitteln zu lösen versuchen und Lebendigkeit aussperren. Dethloff nimmt die Steuerung nach Kennzahlen in Unternehmen als Beispiel.

Kennzahlen sollten eigentlich als Modell für den Markt genutzt werden und gegen sie gesteuert werden, im Glauben, damit auch gegen den Markt zu steuern. Was passiert, wenn dieses Modell falsch oder nicht passfähig ist? Indem ein Unternehmen beispielsweise Renditeziele auslobt, also gegen Renditekennzahlen steuert, verliert dieses Unternehmen den Blick auf den Markt. Es wird sich dann im Unternehmen nur noch “mit sich selbst befasst”. Die Kundensicht wird damit negiert. Aus systemischer Sicht verliert das Unternehmen den Markt als Teil seiner selbst.

Obwohl dieses problematische Maschinendenken weit verbreitet ist,  sieht Dethloff die Menschheit mit Günther an der Schwelle zu einer neuen Epoche, die das binäre Denken in 0 und 1 überwindet und einer „polykontexturalen Logik“ folgt. Seine Maxime: “Groß denken, klein handeln!” Mit „groß denken“ verbindet er

die Forderung nach der Erweiterung unserer Zweiwertigen Logik, damit wir im Stande sind, Lebendigkeit formal-logisch modellieren zu können und damit auf dieser Basis  adäquate Modelle und transklassische Maschinen zum Handhaben von Komplexität zu erstellen. Mit dem Bauen solcher transklassischen Maschinen würde man auch die Mystik von und damit die teilweise vorherrschende Angst vor Maschinen nehmen können. Einerseits wird verdeutlicht, an welchen Stellen Maschinen den Menschen wirklich behilflich sein können (Objektivität und objektivierbare Subjektivität). Andererseits wird aber auch klar gemacht, wo Maschinen, auch transklassische, den Menschen niemals ersetzen können.

Mit „klein handeln“ verbindet er Grundprinzipien menschlicher Kommunikation. Er betont, dass wir

beim Problemlösen uns und unseren Mitmenschen mehr vertrauen sollten und nicht immer gleich nach Best Practice oder externen Beratern rufen. Das bedeutet, häufiger selbständig zu denken und zu fühlen, und nicht auf die in diesem Beitrag angesprochenen Methoden zu bauen, die ja, weil sie im Rahmen unseres Zweiwertigen Denkrahmens entstanden sind, monokontextural sind. Angewendet auf komplexe Probleme […] sind diese dann kontextlos. Ein Beispiel solcher kontextlosen Regeln sind Business Cases im Rahmen von Investitionen. […] Wir merken gar nicht, wie wir durch den Einsatz solcher Methoden automatisch die Verantwortung an diese abgeben und uns dadurch auch die Chance zum Lernen nehmen.

Auch Dirk Baecker greift in einem Beitrag für den Merkur auf das polykontexturale Denken nach Günther zurück. Er beschreibt hier mit Luhmann die Gesellschaft anhand der  Unterscheidung zwischen Codierung und Programmierung.

Die Codierung der Medien der Funktionssysteme, also des Geldes, der Macht, der Wahrheit, des Rechts, der Versetzung, der unwahrscheinlich überzeugenden Form (in der Kunst), zwingt die Gesellschaft unter die »Regel« eines binären Entweder/Oder. Irgendwann und immer wieder muss man sich entscheiden: so oder so. Die Kritik läuft hier immanent mit, da der eine Wert der binären Unterscheidung dem anderen zwangsläufig widerspricht. Die Käufer zahlen, oder sie zahlen nicht. Man gewinnt eine Wahl, oder man verliert sie. Man wird versetzt, oder nicht. Die neue Form gelingt, oder sie misslingt. Und so weiter.

Neben der Codierung, so Baecker, verfügen Organisationen über die Fähigkeit zur Programmierung.

Eine Differenz – man könnte auch sagen: eine Komplexität – tritt an die Stelle des vermuteten Apparats. »Programmierung« soll heißen, dass in, zwischen und außerhalb der Funktionssysteme von einst Organisationen entstehen, die eigene Programme entwerfen, mit deren Hilfe sie versuchen können, eher den positiven als den negativen Wert der binären Codes zu realisieren, also eher Käufer zu finden als bankrott zu gehen, eher die Wahl zu gewinnen als sie zu verlieren, eher erfolgreiche als erfolglose Forschungsdesigns zu entwerfen, die Glaubenden eher zu trösten als zu verprellen und so weiter. Diese Programme erschöpfen sich nicht darin, den positiven Wert zu wollen. Unternehmen machen nicht schon deswegen Gewinne, weil sie gewinnorientiert sind; Politiker gewinnen nicht schon deswegen die Wahl, weil sie an Macht orientiert sind. Man benötigt dritte, vierte, fünfte und noch mehr Werte, um ein Programm zu einem Programm zu machen, also inhaltlich zu definieren.

Er betont die Fähigkeit des Menschen, in Kontexten zu denken und zu handeln als besondere Gabe, die sich in Jahrtausenden der Evolution entwickelt hat. Und er sieht für die Gesellschaft noch eine dritte Dimension.

Es fehlt der Einwand der Unmöglichkeit selber. Erst wenn dieser erhoben wird, verfügt die Gesellschaft insgesamt […] über die Möglichkeit der Negation. Auf irgendeiner Ebene, an irgendeinem Ort muss gesagt werden können: »Wahr ist nur, dass alles falsch ist.«

Dieser Ort ist in der Gesellschaft die Kunst.

Die Funktion der Kunst besteht darin, für wahr zu halten, dass alles falsch ist, und uns so individuell und in Interaktion die Luft und die Lust zu verschaffen, noch einmal anders anzusetzen.

Damit ist das große Potenzial des Menschen beschrieben.

Der Mensch ist die Fähigkeit, zwischen Entweder/Oder-, Sowohl/Als-Auch- und Weder/Noch-Operationen wechseln zu können und so in der Wirklichkeit die Wirklichkeit vor sich her zu treiben.

Nur wenn er sich aus der Enge des binären Denkschemas des technischen Zeitalters befreit, wird er sein Potenzial entfalten können.

Adolf Muschg hat die Bedeutung der Kunst für den Umgang des Menschen mit seiner  Widersprüchlichkeit so beschrieben:

Alle führen Werte im Mund, aber wir gehen stillschweigend davon aus, unter dem Strich müssen sie sich lohnen. In der Kunst ist es ein bisschen anders. Jacob Burckardt hat gesagt, wir hätten drei Grundbedürfnisse: Religion als Sinn, den Staat als gute Ordnung und die Kultur als Freiheit. Diese drei Bedürfnisse sind in sich widersprüchlich. Diesen Widerspruch auszuhalten, da erst beginnt die Zivilisation.

 

 

Written by Östermann

31. März 2017 at 17:29

Was gute Führung ausmacht (13): Network Leadership

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How can more people participate in ways that bring about development and change over time?

Das ist die Kernfrage, wenn in Unternehmen die alte Trennung von Planung und Kontrolle durch die einen und Ausführen durch die anderen nicht mehr funktioniert. Esko Kilpi, ein finnischer Unternehmensberater, ist dieser Frage und ihren Auswirkungen in einem Blogbeitrag auf Medium nachgegangen.

Die Tragweite des Paradigmenwechsels in der Unternehmensführung kann mit einer Abkehr von der bisher dominierenden räumlichen Perspektive hin zur zeitlichen Perspektive beschrieben  werden.

When following a spatial metaphor, there is a territory that can be explored and understood by the leaders, but in a temporal logic the territory is seen as being under continuous development and formation by the exploration itself. “It is impossible to map an area that changes with every step the explorer takes.”

Kilpi beleuchtet die Probleme, die mit der Kommunikation in sozialen Netzwerken einhergehen. In der Vergangenheit waren im Voraus geplante Meetings mit festem Ablauf typisch für die Kommunikation in Organisationen. Wenn sich Menschen über Netzwerke verbinden, machen sie neue, irritierende Erfahrungen. Sie spüren, dass gelingende Kommunikation davon abhängt, wie sie sich selbst auszudrücken und wie andere darauf  reagieren.

Networks create the experience of acting into the unknown, creating the future together, improvising together in the responsive interplay of different participants with different views.

Kommunikation im Netzwerk, so Kilpi, verschaffe „Spinnern“ und „Hetzern“ Spielräume für ihr schädliches Verhalten. Wenn Kommunikation in diesem Sinne nicht interaktiv sei, habe dies jedoch systemische Ursachen.

We are so used to the one-directional mass media that we don’t see it, but it is a systemic problem if communication is not interactive.

Die Führungsperson sei angesichts des riesigen Umfangs an Kommunikation überfordert, nutzlose oder widerliche Kommunikation herauszufiltern. Es gebe dennoch Möglichkeiten.

The new rule is that if you are a participant, you are, by default, a moderator, a curator and an editor for others.

Wenn im sozialen Netzwerk jeder zum Nutzen der anderen moderiert, kuratiert und editiert, hat das gravierende Auswirkungen auf die Führung im Unternehmen. Wenn die asymmetrische Machtverhältnisse der Hierarchie nicht mehr greifen, wie kann Führung dann wirksam werden?

Leadership is communication. The leaders, people worth following, raise bottom up. There is always going to be hierarchies, but hierarchies in network architectures are dynamic, contextual heterarchies. In fact, this is the only way that there can be leaders in democratic systems.

Wenn Hierarchien in Netzwerkarchitekturen dynamische, kontextabhängige Heterarchien sind, hat das radikale Konsequenzen. für die Führung. Kilpi sieht im Unternehmen als Netzwerk Führung als gemeinschaftliche Aufgabe, die sich im Netz selbst manifestiert.

Leadership could be seen as an emergent property of responsive interaction in the whole network. The goal is creative learning and a continuous movement of the whole social system towards a direction based on all intentions, hopes and dreams and what everybody is doing everyday in responsive interaction.

Dieses Idealbild eines durch Netzeffekte gesteuerten Unternehmens scheitert heute allein schon an den Algorithmen. Diese verstärken Mehrheitsmeinungen und verschweigen Minderheitsmeinungen. Nötig sei, so Kilpi, ein Algorithmus, der Neues auslöst statt Bestehendes zu verstärken.

Leadership algorithms should reward different voices, not only popular ones.

Was wie eine Utopie klingt, hat angesichts des verbreiteten Einsatzes von Social Collaboration Tools in Unternehmen weitreichende praktische Konsequenzen. Interessieren sich Führungspersonen in den Organisationen schon dafür, welche Algorithmen in den neuen sozialen Netzen wirken? Könnte es sein, dass kreative Impulse sogar erschwert oder unterdrückt werden?

Dion Hinchcliffe, ein amerikanischer Unternehmensberater, hat vor einiger Zeit darauf hingewiesen, dass das interne soziale Netz zum „Betriebssystem“ des Unternehmens werde.

Leadership today also requires a set of attributes that many managers usually do not yet have today: Knowledge of and skills with modern digital collaboration tools, and their techniques and strategies.

Im direkten Vergleich zeigt er, welche Fähigkeiten im „network leadership“ zukünftig gefragt sind.

https://i0.wp.com/adjuvi.com/wp-content/uploads/2015/05/comparing_traditional_leadership_with_network_leadership1.png

Führungskräfte stehen vor einer Herausforderung, die noch wenig im Bewusstsein angekommen ist. Sie werden lernen müssen, in den digitalen Kanälen zu führen.

Peter Kruse hat den Paradigmenwechsel der Führung mit Nachdruck beschrieben. Wer den Paradigmenwechsel gestalten will, brauche eine starke Corporate Governance und eine Corporate Social Responsibility. Die praktische Erfahrung mit dem Führen in Netzwerken ist eine unabdingbare Voraussetzung dafür.

Mehr zum Thema:

Every organization is in essence a wiki – Esko Kilpi

 

Written by Östermann

25. April 2016 at 17:48

Veröffentlicht in Leadership, Medien, Web 2.0

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Die fünfte Gewalt – Bernhard Pörksen über die Macht der vernetzten Vielen

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Organisationen ohne Organisation. So beschreibt Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler an der Universität Tübingen, die sozialen Netzwerke, die sich im letzten Jahrzehnt zu einem massenhaften, die Gesellschaft verändernden Phänomen entwickelt haben. An einer ganzen Reihe von Beispielen zeigt er in einem Beitrag für die SWR2 Aula, was  Äußerungen von Einzelnen im Netz bewirken können, wenn eine kritische Masse darauf reagiert. Pörksen betont,

dass irgendwo dort draußen im digitalen Universum eine neue Macht- und Einflusssphäre entstanden ist, eine fünfte Gewalt, die sich neben die staatliche Gewalt aus Exekutive, Judikative, Legislative und neben die vierte Gewalt des traditionellen Journalismus schiebt.
Er belegt das etwa mit der Geschichte von Martha Payne, einem 9-jährigen Mädchen aus Schottland, das über ihr Schulessen anfängt zu bloggen und damit weltweit ein Thema zu setzen vermag. Diese neue Macht sei zu einer „Publikative“eigenen Rechts geworden. Sie sei
Stofflieferant einer inhaltlich und medial entgrenzten, barrierefrei zugänglichen Öffentlichkeit. Sie publiziert in sozialen Netzwerken, auf Wikipedia, Wikis, Blogs. Sie erzeugt Images, sie dokumentiert peinliche Momente auf der Weltbühne des Internets, sie verlinkt und verbreitet kompromittierende Äußerungen, Fotos und Videos von Mächtigen und Prominenten, die auf Dauer im Online-Universum kursieren. Sie setzt eigene Themen, tatkräftig unterstützt von den klassischen Leitmedien, die aufgreifen, was die Vielen eben gerade debattieren. Die schlichte Netzpublizität (eine Trendwelle auf Twitter, ein Shitstorm, ein paar heiß laufende Gerüchte in den sozialen Netzwerken) ist zum Nachrichtenfaktor und zum Argument der journalistischen Themenrechtfertigung geworden, das es erlaubt, auch ein banales Spektakel massenmedial aufzuwerten.

Es geht Pörksen nicht um die Macht des Einzelnen, sondern um die Macht der Vielen. Die fünfte Gewalt, das sind wir alle, betont Pörksen in seinem Auftritt zum gleichen Thema auf der re:publica15. Man kann die fünfte Gewalt nicht über eine Idee, eine Ideologie oder eine kollektive Moral fassen. Wie macht man diesen radikalen Pluralismus dingfest? Was ist das verbindende Muster in dieser ungeheuren Vielfalt an Themen, Motivationen und Ausdrucksformen?

Er ist bei Gregory Bateson fündig geworden: das „Muster des Lebendigen“, das Muster, das verbindet. Pörksen unterscheidet drei Muster: das Rollenmuster, das Organisationsmuster und das Wirkungsmuster.

 

 

Weitere Details zu dieser Diagnose erspare ich mir. Das hat Marie-Christine Schindler auf ihrem Blog  schon bestens erledigt – inklusive Links zu einigen der Beispiele, die Pörksen erwähnt.

Das Organisationsmuster scheint mir besonders aufschlussreich. Netzwerkeffekte, so Pörksen in seinem Beitrag für die SWR Aula, lassen sich nicht personalisieren.

Die Wirkung, die Macht der fünften Gewalt entfaltet sich erst in einem Wirkungsnetz. Sie ist nicht isoliert vorstellbar. Diese neue Form der Macht lebt im Konnektiv der vernetzten Vielen.
Es ist anzunehmen, dass wir uns mit diesen neuartigen Wirkungsnetzen in den nächsten Jahren intensiver auseinander setzen werden.
Offen und ungeklärt ist jedoch, wie sich die fünfte Gewalt, wie sich das mächtig gewordene Medienpublikum– ohne institutionelle Anbindung, ohne feste Adresse, ohne verantwortungsethische Erreichbarkeit, wie sie ja der klassische Journalismus besitzt – gleichsam selbst zivilisieren kann?
Antworten kann auch Pörksen (noch) nicht geben, aber er legt eine Fährte, die sich weiter verfolgen lässt. Es lohnt sich, die Organisationsmuster der Netzwerkbildung im Blick zu behalten. Im ersten Schritt geht es darum, die Muster dieser Netzwerke zu beobachten. Wenn man die Organisationsmuster besser versteht, könnte es auch wichtig sein, sich mit den wechselnden Wertemustern zu befassen. Darauf hatte Peter Kruse immer wieder nachdrücklich  hingewiesen.
Mehr zum Thema: Von der digitalen zur „redaktionellen“ Gesellschaft

 

 

 

 

Written by Östermann

10. April 2016 at 11:52

Arbeitswelt 4.0 – Zwischen Authentizität und Identifikation

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„Sei ganz du selbst“ – frei sein von allen gesellschaftlichen Zwängen und Rollen, jederzeit authentisch sein zu können, das war in den Anfängen der Netzwelt eine verbreitete Vision oder Utopie. Unter dem Etikett „Enterprise 2.0“ wurde einige Jahre lang die Illusion verbreitet, es genüge, ein Social-Software-Tool einzuführen und alle Kommunikationsprobleme im Unternehmen seien damit gelöst. Nach mittlerweile mehr als einem Jahrzehnt Erfahrung mit den sozialen Netzen in der Welt der Unternehmen und des Internets kehrt Ernüchterung ein. Die neu gewonnene Freiheit führt häufig zu Überlastung und lädt zur Selbstausbeutung ein. Es gedeiht die Erkenntnis, dass wir es mit einem langjährigen Lernprozess zu tun haben. Das neue Schlagwort heisst „Arbeitswelt 4.0“. Haltung und die sozialen Beziehungen im Team sowie zwischen Führung und Mitarbeitenden rücken nun in den Vordergrund.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk hat die Unternehmensberaterin Mira Chutka kürzlich die Rolle jedes Einzelnen betont, wenn es darum geht, die Herausforderungen der Digitalisierung der Arbeitswelt zu meistern. Es komme darauf an, wie sich jeder Einzelne mit der neuen Arbeitswelt arrangieren kann.

Es gibt Leute, die brauchen einfach festere Strukturen. Wenn Sie diese Leute in ein vituelles Umfeld schmeißen, in ein Umfeld, in dem Vertrauen herrschen soll, und sie können damit nicht umgehen, dann haben Sie ein Problem. Es passt nicht auf alle. Es muss auch immer abgestimmt werden auf das, was ich als einzelner Mensch gerne mag, ob mich das motiviert, wenn ich viele Freiheiten habe, oder ob es mich mehr ängstigt. Das gibt es auch, wenn Menschen vor einer Aufgabe stehen und es wird gesagt: ‚Das machst Du jetzt einfach mal!‘, dass sie dann total schwimmen, weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. … Für andere ist das supertoll, weil die endlich die Möglichkeit haben, fast so wie selbständig zu arbeiten.

Wer sich in der digitalen Arbeitswelt sicher bewegen will, braucht ein ausgeprägtes Reflexionsvermögen. Die Menschen sind erst dabei, zu lernen, wie sie mit den Herausforderungen der Digitalisierung und Virtualisierung umgehen sollen. Mira Chutka hat die Erfahrung gewonnen, dass in der Praxis in den vergangenen Jahren schon viel passiert ist. Gore etwa, Vorreiter einer  Unternehmenskultur, die ganz auf gute Beziehungen in kleinen Teams setzt, sei einfach früher dran gewesen an einem Trend, der die ganze Wirtschaft betrifft. Heute erlebe sie Teamkulturen, die auf Selbstorganisation setzten, in vielen Unternehmen.

Menschen und Unternehmen müssen gleichermaßen lernen, Grenzen zu setzen.

Es geht immer um Freiheit in Grenzen. Wenn ich die grenzenlose Freiheit habe, bin ich auch schnell verloren. Ein gutes System funktioniert auch immer nur dann, wenn es Grenzen hat. Dann kann ich mich darin bewegen und habe einen Raum, den ich ausfüllen kann. Wenn ich gar keine Regeln in Unternehmen habe, dann wird es die Leute wahrscheinlich eher verunsichern.”

Das Zukunftsinstitut ist übrigens kürzlich in einem Blogbeitrag über die Authentizität der Zukunft zu ganz ähnlichen Schlüssen gekommen. Menschen können in einer vernetzten Welt auf den verschiedenen Bühnen, auf denen sie agieren, nicht ständig authentisch sein.

Identity Management … ist das, was entstehen kann, wenn das Individuum einer übergriffigen Arbeitswelt und einem übergriffigen Internet mit neuem Selbstbewusstsein gegenübertritt – und Grenzen setzt.

Wieviel jeder in einer bestimmten Situation von sich preisgibt, entscheidet er selbst. Und weil es viel zu kompliziert wäre, diese Entscheidungen von Fall zu Fall zu treffen, entwickelt der Einzelne je nach Sphäre verschiedene Rollen. „Selektive Authentizität“ nenne das der Psychotherapeut Bernd Sprenger. Nicht lügen, aber trotzdem die innersten Überzeugungen und Gefühle schützen. Man muss im Job – und im Netz – nicht alles erzählen.

Auf diesem neu gewonnenen Selbstbewusstsein kann eine hohe Beziehungsqualität gedeihen. Sie ist für Mira Chutka der Schlüssel zu einer Unternehmenskultur, wie sie Frederik Laloux beschrieben hat. Der belgische Unternehmensberater hat mit seinem Buch „Reinventing Organizations“ enorme Aufmerksamkeit erreicht. Er hat versucht, in praktischen Beispielen das Geheimnis von Unternehmen mit offenen Unternehmenskulturen zu entschlüsseln. Sie glaubt, dass das gut funktionieren kann. Es brauche eine Bewusstseinsentwicklung in den Unternehmen.

Ganz generell glaube ich, dass … man wieder zurückkommt zur Frage: Was braucht der Mensch und was ist die Basis für menschliches Arbeiten? Miteinander arbeiten und nicht gegeneinander.

Es gehe gar nicht so stark um die klassischen Hierarchien, sondern: Wie begegnen sich Menschen? Viele Menschen interpretieren Hierarchien mit Augenhöhendifferenz. Ich bin Vorgesetzter und alle, die unter mir arbeiten, sind unter mir – wertmäßig. Das ist das Thema. Es geht weniger darum, dass jemand Führungskraft ist und die andere Person arbeitet zu. Solange ich auf Augenhöhe miteinander umgehen kann, Respekt für die anderen Menschen aufbringe, auch eine gewisse Empathie, wird es sich gar nicht so negativ auswirken.

Peer-Druck und Peer-Abgleich ist letztlich das Effektivste. Die Leute schauen schon auch: Verletzt jemand die Grenze? … Es ist ja nicht so, dass nicht gesteuert wäre, wenn es selbstorganisiert ist.

Damit dies funktionieren kann, müssen Führungskräfte in Unternehmen in erster Linie für Klarheit sorgen.

Klarheit, was wird verlangt, was geht, was nicht, damit die Leute wissen: „In welchem Rahmen befinde ich mich?” Das passiert ja heute oft nicht. Es wird eher im Diffusen verhandelt, wenn überhaupt.

Für diese Klarheit zu sorgen, den Rahmen zu setzen, den Spielraum zu benennen, das prägt heute die Rolle von Menschen mit Führungsverantwortung. Dafür dürfen sie gerne eine „selektive Authentizität“ entwickeln.

 

 

Written by Östermann

29. März 2016 at 17:58

Von der digitalen zur „redaktionellen“ Gesellschaft – Bernhard Pörksen

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Hass-Tiraden im Netz haben eine extremes Ausmaß amgenommen. In einem Interview von Deutschlandradio Kultur mit dem Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen geht es um mögliche Antworten auf diese Herausforderung für die Gesellschaft.

Solche Aufschaukelungseffekte sind neue Phänomene im Netz, auf die viele Bürger und die traditionellen Medien zunächst ratlos reagieren. Wir haben hier ein gravierendes Beispiel für die Herausforderung, die uns das Netz beschert. Peter Kruse hatte es immer wieder auf den Punkt gebracht:

Wir sind am Anfang eines kulturell-subversiven Prozesses, der uns die nächsten Jahrzehnte beschäftigen wird.

Das Interview mit Bernhard Pörksen bietet einen kleinen Einblick, wie die Gesellschaft anfängt zu lernen, mit solchen Phänomenen umzugehen.

Es sei festzuhalten, so Pörksen, dass nach Umfragen 77% der Menschen im Netz einen starken Anstieg der Hass-Beiträge und -Kommentare festgestellt haben. Das Problem werde wahrgenommen. Die Sensibilisierung in der Gesellschaft sei positiv zu werten. Es gebe erste Gegenbewegungen, wie z.B. die No-Hatespeech-Bewegung. Die Task Force des BMJV gegen Hasskommentare habe hingegen relativ wenig Wirkung gezeigt.

Gesetze könnten wohl helfen, weil sie Anzeigen gegen Facebook-Manager ermöglichten. Rassistische Hetze auf Facebook kann strafrechtliche Folgen haben.

Aber wichtig ist ganz gewiss auch eine Sensibilität, eine Counterspeech, ein Stellung-Beziehen, ein Dagegen-Argumentieren. Da sind die ganz unterschiedlichsten Akteure gefordert.

Auch die Bild-Aktion, Hass-Kommentare mit vollem Namen zu veröffentlichen, sei keine akzeptable Möglichkeit, meint Pörksen. Der Pranger sei ein Ausdruck der Resignation und trage eher zur Eskalation bei.

Wie aber könnte eine wirksame Counterspeech aussehen? Deutschlandradio Kultur hütet sich vor der illusionären Hoffnung auf schnelle gesellschaftliche Lernerfolge und lädt den Interviewpartner und die Hörer ein, sich in das Jahr 2030 zu versetzen. Jenseits konkreter Sofortmaßnahmen kann Pörksen eine Vision anbieten:  die „redaktionelle Gesellschaft“, in der jedermann Journalist ist. Der Begriff geht auf den Journalismus-Forscher John Hartley zurück, der ihn schon im Jahr 2000 geprägt hat.

Dahinter steckt ein noch unverstandener Bildungsauftrag. Wie kommt man von einer digitalen Gesellschaft zu einer redaktionellen Gesellschaft, in der sich jeder Fragen stellt, die früher nur Journalistinnen und Journalisten vorbehalten war. Was ist relevante glaubwürdige Information? Was verdient es, öffentlich gemacht zu werden? Was sollte lieber nicht öffentlich werden? Heute sollte sich diese Fragen jeder stellen.

Pörksen plädiert für eine Ausweitung der Verantwortungszone.
In einer idealtypischen Gesellschaft findet vor jedem Posting ein Nachdenken darüber statt: Stimmt es, was hier gesagt wird? Ist es sinnvoll, was hier gesagt wird? Und sollte man es veröffentlichen oder sollte man es eher weglassen? Diese Form des Nachdenkens: Wie steuere ich Informationsflüsse? Wie beteilige ich mich an Informationsflüssen? Die ist in einer idealen Gesellschaft jedem aufgegeben.
Zu diesen Akteuren gehörten nicht nur die Einzelnen, sondern auch die Plattformen, die wie das Beispiel Facebook zeige, sich ihrer redaktionellen Verantwortung entziehen.
Deutschlandradio Kultur und Pörksen haben sich für 2030 verabredet, um dann zu schauen, was aus der Idee geworden ist.

Written by Östermann

5. März 2016 at 16:35

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