Östermanns Blog

Medienwandel, Strategie, Unternehmensführung im Wandel, Komplexität, nächste Gesellschaft

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Manifeste (3): Petersberger Erklärung

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Die Folge sind nicht nur ungenutzte Chancen, sondern vor allem neue – zum Teil unverstandene und somit unkontrollierbare – Nutzungs- und Missbrauchsformen, die sich der Wahrnehmung des Einzelnen entziehen. Wir gehen davon aus, dass die bekannten Missbrauchsformen nur die Spitze des Eisbergs darstellen.

Der verantwortungsvolle Umgang mit der Digitalisierung erfordert die Etablierung neuer Grundfertigkeiten, deren Bedeutung mit der des Lesens und Schreibens durchaus vergleichbar sind.

Das ist der Tenor der Petersberger Erklärung, die von den Teilnehmenden der 10. Petersberger Gespräche, überwiegend Unternehmer und IT-Verantwortliche aus der Wirtschaft, im Januar 2015 verfasst worden ist. Die Erklärung war als Weckruf gedacht, die digitale Welt mitzugestalten. Sie richtete sich an „entscheidende“ Personen und Institutionen.

Anders als in der Digitalcharta will die Erklärung keine Grundwerte-Debatte anstoßen. Sie versucht vielmehr, ein Bewusstsein für die Dringlichkeit zum Handeln zu erzeugen oder zu befördern. Die Dringlichkeit wird auf der Ebene der Grundwerte dadurch deutlich, dass die Autoren die digitale Transformation als fundamental wahrnehmen. Sie werde

die Art und Weise massiv verändern, wie wir leben, arbeiten, denken und fühlen. Nicht zuletzt wird sie unser Wertgefüge beeinflussen – und damit die Kriterien, nach denen wir uns für oder gegen etwas entscheiden und wonach wir unser Handeln ausrichten.

Auch den Autoren dieser Erklärung geht es darum, die demokratischen Grundwerte unserer Gesellschaft in die digitale Welt zu übersetzen. Dabei spielen Zeit und Temporalität eine wesentliche Rolle. Denn die Digitalisierung verändert bereits jetzt unser Wertgefüge und sie tut dies mit rasendem Tempo. Damit verändern sich heute schon die Kriterien,

wonach wir uns für oder gegen etwas entscheiden und wonach wir unser Handeln ausrichten.

Die Forderung nach einer „neuen Ethik“ steht hier sehr im Zeichen des ökonomischen Erfolgs der Digitalisierung, auch wenn dieser auf der Basis eines breiten gesellschaftlichen Konsenses langfristig abzusichern sei. Existierende Rechtsbegriffe und Grundsätze sollen so weiterentwickelt werden, dass sie

unter den neuen Bedingungen ihre ursprüngliche Intention wiedererlangen, anstatt – wie derzeit – verzerrte und lückenhafte Rechtslagen zu erzeugen. Dies muss in einem Tempo geschehen, das dem der Digitalisierung angepasst ist. […] Nationale Regelungen sind dabei gegenüber einer grundsätzlich wünschenswerten internationalen Harmonisierung vorzuziehen, wenn hierdurch schneller gehandelt werden kann.

Hier werden die Dilemmata sichbar, die durch die exponentiell verlaufende technologische Entwicklung erzeugt werden. Wie lassen sich Rechtslagen systematisch im Tempo der Digitalisierung anpassen? Wie sollen nationale Regelungen Chancen sichern, wenn die Technologie-Konzerne beinahe ungehindert global agieren können?

Den Schritt vom Vermeiden zum Gestalten sehen die Autoren im Wechsel von einer Abwehrstrategie zu einer Transferstrategie. Die Chancen der digitalen Technologien für ein demokratisch legitimiertes, von Partizipation geprägtes soziale Zusammenleben in der Gesellschaft scheinen kaum auf. Eine Transferstrategie wird jedoch der Dynamik und Tiefe der Transformation noch nicht gerecht. Der Zukunftsbeobachter Gerd Leonhard hat auf derselben Tagung darauf hingewiesen, dass Technologie nicht das ist, was wir suchen, sondern wie wir suchen. Die Wechselwirkung zwischen Technologie und Anwendung gilt es zu gestalten. Die Transformation ist nicht technologisch. Technologie, Menschlichkeit und Organisation überlagern sich wechselseitig.

Der Duktus dieser Petersberger Erklärung wirkt hektisch und überstürzt. Die Betroffenheit und Sorge ist deutlich spürbar. Anders als im Digitalen Manifest scheinen jedoch kaum neue soziale Modelle auf, die auf den Möglichkeiten der Digitalisierung aufbauen. Es spricht die Sorge daraus, ökonomische Chancen zu verpassen und bereits verpasst zu haben.

Es bleibt zu hoffen, dass der Appell an die unternehmerisch Verantwortlichen fruchtet,  die Unternehmensentwicklung schnell auf Wissensaufbau und -transfer umzustellen. Gleich der zweite von insgesamt 12 Forderungen in der Erklärung spricht die Verantwortung der Führungskräfte an.

Die Digitalisierung muss fester Bestandteil der Agenda unternehmerischer Führungskräfte sein. Dies umfasst das notwendige Wissen zu den sozialen, rechtlichen und den technischen Auswirkungen dieser Entwicklung.

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Written by Östermann

10. Dezember 2017 at 11:00

Manifeste (2): Die Digitalcharta

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Eine Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern hat auf Anregung der ZEIT-Stiftung mit einer Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union einen Rahmen für die digitale Gesellschaft entworfen. Sie regen damit eine öffentliche Debatte an, die darauf hinwirken soll, Menschenrechte, Grundrechte und rechtstaatliche Prinzipien in der digitalen Welt durchzusetzen. Die Liste der Namen, die die Charta initiiert oder unterstützt haben, ist lang und nennt Menschen vorwiegend aus Wissenschaft und Medien, viele prominente Persönlichkeiten. Einige Namen aus der Politik tauchen auf, darunter auch Martin Schulz. Auch die Autoren des Digitalen Manifests gehören dazu. Es fällt auf, dass sich praktisch keine Namen aus der Wirtschaft – abgesehen von der Medienbranche – finden.

Die Charta lässt sich als Übertragung der Forderungen des Digitalen Manifests in einen grundlegenden Gesetzestext für die digitale Gesellschaft lesen. Im Fokus steht eine europäische Regelung. Die Charta knüpft zudem an die dritte Grundsatzerklärung der UN zum „Schutz der Privatheit im digitalen Zeitalter“ an.

Große Aufmerksamkeit ist der Digitalcharta auf der re:publica 2017 zuteil geworden. Es sollte eine breite Beteiligung an der weiteren Diskussion der Texte anregen.

 

 

Auch auf der Website ist es möglich, Formulierungsvorschläge zu den Texten einzutragen.

Diese Digitalcharta ist ausdrücklich ein Entwurf und keine endgültige Niederschrift. Sie soll nach Art des Internet in der Öffentlichkeit reifen und auf diese Weise nicht nur besser werden, sondern auch beweisen, dass Nutzerbeteiligung im Netz auch sinnvoll und produktiv sein kann.

Die Charta hat nach der Veröffentlichung einige Aufmerksamkeit geweckt, den Diskurs über digitale Grundrechte befördert und zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit den verschiedenen Perspektiven des Digitalen beigetragen.

Ein Beispiel: Julia Reda, EU-Abgeordnete der Piraten, hat eingewandt, dass die Formulierung zum Urheberrecht hinter dem gültigen Recht der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und der EU-Menschenrechtscharta zurückbleibt. Sie schreibt:

Es ist mir schleierhaft, warum Rechteinhabern wie beispielsweise Firmen, die Tonträger herstellen oder die Patentportfolios aufgekauft haben, ein Grundrechtsschutz zukommen soll, der über die Eigentumsgarantie in Artikel 17 der Grundrechtecharta hinausgeht.

Das Beispiel zeigt die Dringlichkeit, wie in einer Welt, in der immaterielle Güter, die sich durch Nutzung nicht verbrauchen, das Rechtsverständnis herausfordern. Es fehlt der breiten Masse das Vorstellungsvermögen, was es bedeutet, wenn alle Lebensvollzüge als Daten gespeichert werden, aber die Möglichkeit, daraus Information oder Wissen zu generieren, durch kommerzielle Interessen eingeschränkt wird. Die Dominanz der Wirtschaft

Wie vertrackt die grundlegenden Verhältnisse sind, zeigt ein lesenswerter Beitrag des Informatikers Manfred Broy und des Philosophen Richard David Precht in DIE ZEIT. Sie haben sich darin mit der digitalen Transformation der Gesellschaft und ihren Folgen für das Recht auf Arbeit auseinander gesetzt. Doch ist dieses Grundrecht überhaupt noch zu halten, so fragen sie, wenn zutrifft, dass 2030 rund die Hälfte der heutigen Arbeitsplätze verschwunden sein werden? Und wollen wir das überhaupt? Kann eine Charta ein positives Zukunftsbild für die Gesellschaft nach der vierten industriellen Revolution erzeugen? Haben wir es mit Entwicklungen zu tun, die einer Charta schlicht und einfach die Grundlage entzieht?

Die bereits erwähnte Digital-Charta legt ein „Recht auf Arbeit“ fest. Aber welchen Wert hat ein solches Recht, wenn es für Millionen Menschen schlichtweg keine Arbeit mehr gibt? Und kann eine Charta festschreiben, dass unsere Lohnarbeitsgesellschaft auf bekannte Weise ewig fortbestehen soll? Fragen wie diese zeigen in aller Deutlichkeit, dass die juristischen Bestimmungen nicht den Rahmen vorgeben können, in den man das sich rasant verändernde Leben fassen kann.

Broy und Precht sehen jetzt nicht nur die Notwendigkeit, sondern auch die Gelegenheit, einen neuen Gesellschaftsvertrag zu schließen.

Dass der Wert des Menschen abhängig ist von seiner Arbeitsleistung gegen Geld ist keine anthropologische Konstante. Es ist ein englisches Konzept des 17. Jahrhunderts. Über Jahrtausende kannten Gesellschaften andere Tugenden und soziale Distinktionen. Warum sollten wir nicht auch zu neuen Tugendbegriffen finden?

Eine fundamentale Diskussion, die ein positives Zukunftsbild erzeugt, hat im Kern drei Fragen zu beleuchten.

1.) Wie können die Veränderungen in Folge der digitalen Transformation in der Arbeitswelt so genutzt werden, dass sich stabile und menschliche Bedingungen ergeben?

2.) Wie kann das enorme Potenzial digitaler Technik gebändigt werden, sodass es einer Weiterentwicklung intellektueller Fähigkeiten dient?

3.) Wie können – im Sinne der Digital-Charta – die neuen Möglichkeiten in Hinblick auf das Sammeln und Auswerten von Daten so gestaltet werden, dass zentrale Werte der Menschenwürde erhalten bleiben?

Die Charta hat, so scheint mir, durchaus einen kurzen und intensiven Weckruf erzeugt, doch eine nachhaltige Debatte in der Gesellschaft steht weiterhin aus. Mehr kann eine solche Initiative angesichts der Überflutung mit Informationen vielleicht auch gar nicht leisten. Es scheint vorerst darauf anzukommen, immer wieder Initiativen dieser Art zu starten.

 

Written by Östermann

4. Dezember 2017 at 18:30

Digital Revolution and Humanity – Charles Handy

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Großartige Schlussnote von Charles Handy auf dem Global Drucker Forum in Wien.

Surely there are things that can’t be measured, that can’t be digitized. At my best I have imagination and vision, I have dreams, I’ve hope, I have trust and empathy, I have committment, I have possibilities. I have all these things that make me interesting, that make life worth living, works worth doing. Aren’t we lucky that these can’t be measured?

We must be careful that our humanity is not swamped by the digital revolution.

Written by Östermann

28. November 2017 at 18:51

Ambient News – die NOZ und das IoT

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Die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) will expandieren – nicht nur, was die Reichweite an Lesern betrifft. Sie greift weit aus in die nahe Zukunft. Darüber hat kürzlich Meedia berichtet.

Jetzt soll die Expansion durch neue digitale Produkte und Anwendungen fortgeschrieben werden. F&E-Chef Dreykluft will hierzu die tradierten Pfade im Digitaljournalismus verlassen. Ein erstes Zukunftsprojekt hat er bereits Anfang Oktober angeschoben. Der Name: Ambient News. Die Idee hinter dem Vorhaben ist einfach: „Wir wollen mit Ambient News Menschen helfen, ihren Einstieg in den Tag besser zu organisieren“, betont Dreykluft. Dabei will der NOZ-Manager neue technische Oberflächen nutzen und in das „Internet der Dinge“ vorstoßen. Bislang erreichen den Menschen digitale journalistische Inhalte klassisch über Computer, Smartphones oder Tablets. Neue Anwendungen aus den Laboren der Tech-Giganten Amazon und Google bieten jedoch neue Abspielflächen für digitale journalistische Inhalte. Dazu zählen LED-Glühbirnen, Lautsprecher wie Alexa, Google Home oder Magische Spiegel, die eine Art Bildschirm sind, der beispielsweise im Badezimmer eingebaut werden könnte.

Dieses Projekt traut sich, Journalismus mit dem Internet of Things (IoT) – früher hieß das Web 3.0 – zu verknüpfen. Bisher ist das ja noch eine Leerstelle in der Diskussion über den Journalismus in der digitalen Welt.

Die NOZ kooperiert dazu mit Google. Das zeigt, dass ein gravierendes Grundproblem bleibt. Den Zugang zum Nutzer, Rezipienten oder Kunden, die „letzte Meile“, kontrollieren die großen Internet-Konzerne. Die Abhängigkeit von fremden Algorithmen und Infrastrukturen bleibt, egal über welche „Devices“ die News bei den Nutzern landen.

Written by Östermann

11. November 2017 at 15:42

Liquid modernity oder die Beständigkeit des Wandels – Zygmunt Bauman

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Solid modernity wants to fix and control the future. Liquid modernity is after avoiding mortgaging the future. This means, leaving all possible options open. Not to fix anything forever.

So deutete der erst kürzlich verstorbene polnische Soziologe Zygmunt Bauman in diesem sehens- und hörenswerten Vortrag am Zentrum für angewandte Kulturwissenschaft des KIT in Karlsruhe unsere gegenwärtige Haltung gegenüber der Zukunft. Diese Haltung durchdringe alle Bereiche des Lebens, von der Politik bis in unseren Alltag.

In den letzten Jahren ist es Mode geworden, die Unwägbarkeiten unserer Zeit mit dem Akronym VUKA (oder engl. VUCA) zu bezeichnen. Oft bleibt die Bedeutung dabei vage und unbestimmt. Dieser Vortrag von Bauman aus dem Jahre 2012 im Rahmen der 16. Karlsruher Gespräche bringt mehr Licht ins Dunkel der Flüchtigkeit, Ungewissheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit der aktuellen Verhältnisse. Vor allem wird deutlich, wie unausweichlich es geworden ist, sich mit den Unannehmlichkeiten des Lebens in der Ungewissheit anzufreunden.

Bauman vergleicht unsere Zeit des Übergangs mit einem Interregnum. Es sei dadurch gekennzeichnet, dass die alten Verfahren, die Dinge zu regeln, nicht mehr funktionieren, während jedoch die neuen Verfahren noch nicht entwickelt seien.

Früher lautete die Kernfrage: Was ist zu tun, um eine gute, sich selbst ausbalancierende Gesellschaft zu schaffen? Die Frage, wer dies umsetzen sollte, stellte sich gar nicht. Es war klar, dass dies der Staat sein würde. Er hatte alle Mittel dazu in der Hand. Heute hat sich die Gewichte genau umgekehrt. Die schwierige Frage, so Bauman, lautet nun: Wer ist in der Lage, das Modell einer guten Gesellschaft umzusetzen?

Wir erleben heute eine tiefe Spaltung zwischen Macht und Herrschaft. Macht (power) heisst nicht zwangsläufig Herrschaft (politics). Macht ist zu verstehen als die Fähigkeit, zu bewirken, dass Dinge getan werden. Herrschaft ist die Fähigkeit, zu entscheiden, welche Dinge getan werden sollen. Macht reicht über die lokale Reichweite der Herrschaft hinaus. Das sei der Kern der Problemanhäufung, die wir Globalisierung nennen. In beiden Sphären finden andauernd Aktivitäten statt, die jedoch in keiner Weise koordiniert sind oder miteinander kommunizieren. In der hochgradig vernetzten Welt sind wir zerrissen zwischen dem „space of flows“ und dem „space of places“, so Bauman im Rückgriff auf Manuel Castells und dessen Netzwerktheorie.

What we have today is a situation, in which the only permanence is change. … And the only certainty is uncertainty.

Über alle Ideologien hinweg – egal ob rechts oder links – galt lang Zeit die Vorstellung:

We did the change in order to finish the change. … Now, flexibility is the slogan of the day. It replaced solidity.

Das Prinzip unseres heutigen Lebens lautet:

The movement is all, the goal is nothing.

Unternehmen und Organisationen improvisieren, schließen die Lücken, bewältigen Krisen – ohne zu wissen, wohin der Weg führen soll.

Damit scheint zugleich das Ende aller Modernitäten besiegelt. Max Weber hat Modernität als instrumentellen Rationalismus beschrieben. Danach bestehe die Rationalität darin, die geeigneten Mittel auszuwählen, um ein gegebenes Ziel zu verwirklichen. Heute gehe es bei allen Spielarten der Modernität um die Rationalität der Möglichkeiten. Ausgangspunkt ist nicht mehr ein bestimmtes Ziel, sondern die Bandbreite an Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. Welche Ressourcen haben wir? Was kann man damit machen? Wir tun, was wir mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln tun können. Weil alle handelnden Menschen und Organisationen sich so verhalten, entsteht die Ungewissheit immer wieder neu.

Das Schlagwort von Wandel als dem einzig Beständigen ist besonders im Kreis der Change-Berater sehr beliebt. Oft hinterlässt der Satz jedoch einen schalen Beigeschmack, weil er so wirkt, als ob der Wandel zum Selbstzweck erhoben werden soll oder als wollten Berater Nachfrage nach ihren Dienstleistungen wecken. Ganz anders bei Bauman. Die historische Einordnung in die Entwicklung der Gesellschaft und die Strömungen, die im Verlauf der Technisierung, Globalisierung und Digitalisierung   entstanden sind, gibt diesem Satz eine epochale Schlüssigkeit und bedrückende Dringlichkeit.

Written by Östermann

1. September 2017 at 17:32

Sensoren (6): Update – Cachelin über einen neuen Gesellschaftsvertrag 

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Die Maschinen sind die neuen Starken.

Zugegeben, dieses Zitat an den Anfang zu stellen, wird dem Buch von Joel Luc Cachelin, Geschäftsführer des Think Tanks Wissensfabrik kaum gerecht. Denn der Autor spricht in erster Linie über die Gesellschaft im Zeitalter der Digitalisierung und nur am Rande über künstliche Intelligenz. Das Zitat markiert jedoch wie unter dem Brennglas den sozialen und gesellschaftlichen Handlungsbedarf, der sich mit der technologischen Entwicklung ergibt. 

Cachelin legt mit diesem kleinen Büchlein eine eindrucksvolle Übersicht über die Herausforderungen für unser Gemeinwesen vor, die mit der digitalen Transformation – „der Metaerzählung unserer Zeit“ – verbunden sind. Er bleibt dabei keineswegs bei einer Problemanalyse stehen, sondern geht einen großen Schritt weiter. Er skizziert mögliche Wege, die gesellschaftlichen Teilsysteme so zu verändern, dass die Gesellschaft ihre Fähigkeit zurückgewinnt, die großen Probleme unserer Zeit zu lösen. An der Digitalisierung geht dabei kein Weg vorbei. Gerade in der Technologie stecken die Chancen, das Betriebssystem der Gesellschaft einem „Update“ zu unterziehen oder es sogar – wie der Untertitel des Buches andeutet – komplett auszutauschen. 

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Vom Cloud-Prinzip zur Crowd-Power

Im Kern seiner Diagnose steht das Cloud-Prinzip. Es wird etwas zentral zur Verfügung gestellt, um damit dezentrales Handeln zu ermöglichen. Ähnlich wie Dirk Helbing beklagt er die gravierenden Auswirkungen dieses Prinzips, die globalen Monopole und den „Digital Divide“. Die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern, aber auch zwischen Befürwortern und Gegnern der digitalen Gesellschaft werde immer größer. Der Datenhunger der Digitalisierungstreiber zwinge die Menschen, ihre Lebenssituationen preiszugeben. Dafür versprächen sie uns ein einfaches und überschaubares Leben.

„Unsere Bedürfnisse werden präzise befriedigt, gleichzeitig bestimmen die Digitalisierungstreiber aber auch, wie sich unser Weltbild konstruiert, welche Informationen zu uns vordringen und in welchen sozialen Kreisen wir verkehren. … Die goldenen Käfige sind gefährlich, weil wir das Gespür für die Aussenwelt, das Mitgefühl und das Interesse für die Meinungen der anderen verlieren. “ (S. 17)

Der massive Zugriff auf unsere Daten, die Bildung von gewaltigen Machtzentren, der digitale Divide, das Gefangensein in einem goldenen Käfig, die Privatisierung der öffentlichen Infrastruktur – angesichts dieses Befunds überrascht der Autor mit der Bemerkung, es sei „Mode, über das Versagen des Internets und dessen totalitäre Züge zu klagen.“ Vermutlich geht es ihm darum, die Aufmerksamkeit von einer Ablehnung hin zu einer aktiven Gestaltung des digitalen Gemeinwesens zu lenken. Er sieht die große Gefahr. Doch schließlich geht es um den „Umzug der Menschheit in den digitalen Raum.“

Cachelin hält eine einfache Definition des digitalen Raums bereit. 

Betreten wir immer dann, wenn wir uns vor einen Bildschirm begeben, der mit dem Internet verbunden ist (S. 12).

Es sind in der Zukunft aber nicht mehr nur Bildschirme, die mit dem Internet verbunden werden.

Der Mensch wird zum Cyborg, der sein Habitat in den digitalen Raum erweitert. Vernetzte Geräte, intelligente Kontaktlinsen, digitale Gehirne, Biochips unter der Haut, Nanoroboter in den Blutbahnen sowie konzentrations- und kreativitätsfördernde Psychopharmaka erneuern das menschliche Wesen. … Diese Vernetzung vereint alle Bewohner des Planeten in derselben Gesellschaft. Gemeinsam bringen wir neue Lebensformen hervor. Es gibt kein Sie und Wir mehr. Wir sind alle wir.

Die Verwerfungen der Digitalisierung sind nur ein Grund, dem „Betriebssystem“ der Gesellschaft einen Wechsel zu verordnen.

„Wir drohen, am Klimawandel, an der Überfischung der Meere, den Konflikten im Nahen Osten, dem grassierenden Terror beziehungsweise modernen Religionskriegen, der Armut in Afrika oder eben den Folgen der Digitalisierung zu scheitern.“

Die Gesellschaft sei mit ihrem heutigen Betriebssystem unfähig, die Potenziale der Gemeinschaft zur Lösung dieser Probleme freizusetzen. Von einem Update bleibt deshalb kein Teilsystem der Gesellschaft unberührt. Von der Digitalisierung der Verwaltung, dem Umbau der Schulen zu Co-Learning-Umgebungen, dem bedingungslosen Grundeinkommen, im Gegenzug der Übernahme von Gemeinschaftsdiensten, dem Schließen von Stoffkreisläufen mithilfe von Big Data und Internet, der Besteuerung von Energie, Kapital und Finanztransaktionen bis zu einer „suprareligiösen Reformation“ und einer religiösen Aufklärung reicht das Spektrum an Lösungsansätzen. 

Obwohl er von einer Weltgesellschaft ausgeht, sind seine Lösungen – wohl dem Prinzip „Thin global, act local“ folgend – an vielen Stellen auf die Schweiz zugeschnitten. Er schlägt etwa den Ausbau der politischen Entscheidungsstrukturen von einem 2- zu einem 3-Kammer-System vor. Die dritte Kammer soll die demokratische Legitimation der digitalen Transformation sichern.

Entscheidend für die Entfaltung der gemeinschaftlichen Potenziale ist ein Wechsel grundlegender Prinzipien. Das wird an vielen Stellen des Buches deutlich. So könnte z.B. das Open-Data-Prinzip die Bürger verstärkt zur Innovation des gemeinschaftlichen Betriebssystems anregen. Bildungseinrichtungen werden nur dann zu Inkubatoren für die nächste Gesellschaft, wenn sie sich von der frontalen Vermittlung von Fachwissen verabschieden und – ähnlich den Co-Working-Spaces – zu Räumen werden, in denen die Lernenden gemeinsam Neues erkunden und kreieren können. In der Wirtschaft plädiert Cachelin für mehr Markt, aber in einer neuen Logik, einer Open-Source-Wirtschaft, die auf Patentschutz verzichtet und Algorithmen entzaubert.

Analoge und digitale Infrastruktur verschmelzen

Das Internet ist die Lebensader der digitalen Gesellschaft. (S. 23)

Deshalb ist ein Ausbau der digitalen Infrastruktur essentiell. Dabei setzt Cachelin wieder mehr auf eine öffentliche Infrastruktur. Deshalb verbindet er die Investitionen in digitale Netze mit der Redefinition der öffentlichen Dienstleistungen oder des Service Public, wie die Schweizer sagen. Mit öffentlichen Fonds oder einer Digitalsteuer könnte der Ausbau öffentlicher digitaler Dienstleistungen, wie unabhängige Medien, Bibliotheken und der Zugang zu Datensätzen, finanziert werden.

Aktivierung der Bürger als Prinzip

Viele der aufgezeigten Möglichkeiten setzen ganz auf die Teilhabe des einzelnen Bürgers.

Soziale Medien sind Bühnen, die uns allen zur Verfügung stehen. (S. 60f)

Angesichts der vielen Herausforderungen strahlt aus dem Buch eine Zuversicht, dass das große Werk eines neuen Gesellschaftsvertrags gelingen könnte. Der erste Schritt ist Aufklärung und Überzeugungsarbeit. Dafür liefert dieses Buch ein leuchtendes Beispiel.

 

Written by Östermann

15. Juli 2017 at 14:16

Der Junge aus Myanmar – Storytelling im Journalismus

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Wen die Kontextvergessenheit im Journalismus beschäftigt, möge dieses Video anschauen. Natalia Antelava erzählt von ihrer Begegnung mit Zio Zu, einem Jungen aus Myanmar, und was sie daraus für den Journalismus gelernt hat.

 

The thing is, give it a few years and there won’t be any distinction between digital journalism an non-digital journalism. There will be just journalism. And I’m convinced it will be better than anything that we had before. Already, the new measure of success for websites is not the number of clicks that you get on them, but the amount of time people stay on them. We want our audiences to be engaged. … We need to engage with stories that we cover better. We need to stay on stories.*

*Zitat im Video ab 14’40“.

Written by Östermann

2. April 2017 at 15:25

Veröffentlicht in Medien

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