Östermanns Blog

Medienwandel, Unternehmensführung im Wandel, Strategie, Digitale Transformation, Komplexität, nächste Gesellschaft

Posts Tagged ‘Kybernetik

Manifeste (10): Lebendigkeit sei! oder Die beseelte Natur

leave a comment »

In seinem Terrestrischen Manifest hat Bruno Latour die Orientierungslosigkeit beschrieben, die die Menschen erfasst hat. Er plädiert darin für ein neues Verhältnis der Menschen zu der „dünnen Membran“ auf dem Planeten Erde, die allein den Menschen und allem Lebendigen ein Leben ermöglicht. Der Zeitpfeil der Moderne, der die Erde nur als Ressource sieht, hat sich überlebt. Die unruhig rotierende Kompassnadel fängt an, auf einen neuen Zeitpfeil zu zeigen. 

Ganz ähnlich wie Latour aus soziologischer Sicht, versuchen der Biologe und Philosoph Andreas Weber und die Kulturwissenschaftlerin Hildegard Kurt  in ihrem Manifest „Lebendigkeit sei!“ den fundamentalen Wandel der Beziehung des Menschen zum Leben auf unserem eng begrenzten Planeten zu beschreiben. 

Auch sie gehen von einer Ablösung des Erdzeitalters des Holozän aus. Die menschliche Kultur habe sich zu einer prägenden geologischen Kraft entwickelt. Deshalb sei es begründet, von der Epoche des Anthropozän zu sprechen. Auch sie deuten den Klimawandel als das Ergebnis eines verfehlten Verhältnisses des Menschen zur Natur. Der Dualismus von Mensch als handelndem Wesen und Natur als seelenlose Ressource, der 250 Jahre unser Denken und Handeln geprägt habe, gehöre damit „offiziell“ der Vergangenheit an. 

Der Mensch ist unentrinnbar mit der Erde verflochten. (S. 8)

Das von Menschenhand Geschaffene stellt für viele Menschen die einzige Wirklichkeit dar. Weber und Kurt üben scharfe Kritik an der Art und Weise, wie Wirtschaft und Politik das neue Zeitalter nach der alten Logik deuten. Technik und Wissenschaft hätten nur scheinbar zu der erhofften Versöhnung zwischen Mensch und Natur geführt. Vielmehr hätten wir es mit einem double bind zu tun. 

Was in den Erdwissenschaften, in Philosophie und Kulturwissenschaft als Ende des Dualismus gefeiert und von Politikern und Ökonomen als neuer Status quo übernommen wird, ist in Wahrheit eine neue Selbsterhöhung des Menschen, die die gesamte belebte, aus sich heraus und ohne Zutun des Menschen entstandene Wirklichkeit in dessen Kultur- und Kontrollprojekt zu verwandeln droht. (S. 9)

Verbundenheit, so die beiden Autoren, werde weiter als Trennung gedacht: als totale Dominanz des Menschen über die sich selbst organisierende, bedeutungsvolle Lebendigkeit. Im Horizont des Anthropozäns halte man am Menschenbild des Homo faber fest.

Die Idee vom „Menschenzeitalter“ gebe in der globalisierten Welt 

den Industrieländern freie Hand, die Versöhnung von Natur und Technik für eine profitorientierte Bioökonomie, das Erschließen weltweiter Märkte und die Zementierung wirtschaftlicher Übermacht zu missbrauchen – ähnlich wie „Nachhaltigkeit“ von einem ökosozialen Konzept zu einer Marketingphrase wurde. (S. 10)

Das Manifest übt heftige Kritik an der in allen gesellschaftlichen Teilsystemen dominierenden Praxis.

Wir betrachten die Welt als etwas Totes. Der Mainstream in Wissenschaft, Ökonomie, Politik und Bildung folgt der Auffassung, die Welt sei ein kybernetischer Zusammenhang unbelebter Bausteine; unbegrenzt verbesserbar, indem wir diesen Zusammenhang analysieren, auf seine Elemente reduzieren und technische, ökonomische und ökologische Maßnahmen ergreifen. (S. 11)

In der gegenwärtigen Revolution des biologischen Denkens setze sich eine neue Auffassung durch.

Mensch und Natur sind eins, weil schöpferische Imagination und fühlender Ausdruck Naturkräfte sind. (S. 11) 

Das Schöpferische werde nicht länger allein der kulturellen Sphäre zugeschrieben. 

Die Welt ist kein Mechanismus, der auf Effizienz beruht, sondern ein Prozess schöpferischer Beziehungen und Durchdringungen auf dem Weg zu Erfahrung und Ausdruck. (S. 11)

Die wissenschaftliche Revolution in der Biologie sei vergleichbar mit den in der Physik durch Relativitätstheorie und Quantenmechanik ausgelösten Revolutionen. In einer „Zweiten Aufklärung“ gehe es um einen Ethos der „Verlebendigung“. Das Ziel dieser Fortführung der Aufklärung sei die Freiheit des in die Welt eingebetteten Körpers von seiner Kolonialisierung durch die Fiktion effizienter Rationalität. 

Das Wahre an lebendiger Natur ist nicht das romantisch Heilsame, sondern dass nichts in ihr der Kontrolle eines Zwecke setzenden Subjekts unterliegt, vielmehr alles schöpferischer Prozess ist, der einzig dem Drang folgt, dass Leben sei. (S. 12)

Die wichtigste Aufgabe im Anthropozän sei es deshalb, Lebendigkeit neu zu denken und neu zu erzeugen. 

Was für viele idealistisch oder utopisch klingen mag, ist für die beiden Autoren sehr wohl möglich. Grundlagen für das neue Selbstverständnis finden sie z.B. bei Amartya Sen und Martha Nussbaum, bei Manfred Max-Neef, bei Albert Camus, in der Commons-Ökonomie nach Elinor Ostrom, bei Edgar Morin, bei Lewis Hyde, bei Michel Serres und bei Joseph Beuys mit seinem erweiterten Kunstbegriff. 

Ähnlich wie Latour sehen sie einen Schlüssel in einem grundlegenden Wandel der Wissenschaft. 

Der Klimawandel zeigt, wie unverzichtbar wissenschaftliche Verfahrensweisen und Erkenntnisse sind, um ökologische Ziele und Standards zu suchen. (S. 16) 

Ein neues Selbstverständnis der Wissenschaft ruht dabei auf der Erkenntnis, dass der Forscher mit seinem Forschungsgegenstand verschränkt ist. Beide sind lebendig. Beide stehen emotional miteinander in einer Beziehung. 

Wissenschaften müssen, anstatt Verfügungswissen zu produzieren, Orientierungswissen erarbeiten und zu einer forschenden Praxis der Lebendigkeit werden. 

Auf dieser Basis könne Nachhaltigkeit neu gedacht werden als ein Ringen um eine Verbindung von Freiheit und Verantwortung, das nicht nicht nur ein technokratisches Problem darstelle, sondern sich als Ethos einer existenziellen Haltung ergebe. 

Ein starkes Manifest, das sich traut, den notwendigen tiefgreifenden Wandel zu beschreiben, obwohl er sich kaum in Worte fassen lässt. 

Kürzlich hat sich Andreas Weber in einem Radiobeitrag für die Aula von SWR2 Wissen zum gleichen Thema geäußert. Dazu ist auch ein Manuskript verfügbar. 

Mehr dazu

Dirk Baecker über den Klimawandel und das Internet der Dinge

Felix Stalder über die Kultur der Digitalität, Commons und Postdemokratie

Werbeanzeigen

Chaos und Ordnung – zur Aktualität der Selbstorganisation – Zum 100 Geburtstag von Heinz von Foerster | Forschung und Gesellschaft | Deutschlandradio Kultur

leave a comment »

Was haben ein Ameisenstaat, das Finanzsystem oder gar die Evolution gemeinsam? Sie alle können als Selbstorganisationsphänomene betrachtet werden. Die Theorie der Selbstorganisation erfährt gerade heute in verschiedenen sozial- und medienwissenschaftlichen Disziplinen eine Art Comeback.

Deutschlandradio ehrt Heinz von Förster, der in diesen Tagen seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, mit einem hörenswerten Beitrag über die Selbstorganisation.

Written by Östermann

14. November 2011 at 21:25

Veröffentlicht in Gesellschaft

Tagged with , ,

Dirk Baecker: Der blinde Fleck ist eine notwendige Voraussetzung des Sehens

leave a comment »

Written by Östermann

31. März 2011 at 20:01

Veröffentlicht in Gesellschaft

Tagged with , ,

Kybernetischer Humanismus – Bernd Schmid Spezial

leave a comment »

„Die höhere Vermittlung kann nur noch von der maschinistischen Moderne her geleistet werden. Sie muss sich als die größere menschliche Kraft erklären. Man muss Kybernetiker werden, um Humanist bleiben zu können. Von einer technohumanen Kultur, die mehr als eine erfolgreiche Barbarei sein will, werden vor allem zwei Dinge verlangt: psychologische Bildung und kulturelle Übersetzungsfähigkeit. Die Mathematiker müssen Poeten werden, die Kybernetiker Religionsphilosophen, die Ärzte Komponisten, die Informatiker Schamanen. Aber war Humanität je etwas anderes als die Kunst, Übergänge zu schaffen?“

Mit diesen Worten schließt Peter Sloterdijk eine Vorlesung im Rahmen des Studium Generale 2007 an der Universität Tübingen. Bernd Schmid lässt sich davon in seinem Blog zu Gedanken über die Steuerbarkeit „des Schiffes“ in der heutigen Zeit anregen: 

„Das Schiff muss gesteuert werden, soweit im Spiel dieser Kräfte Steuerung möglich ist. Und vielleicht ist es gar nicht so schlimm, wenn Machbarkeits- und Sicherheitsphantasien platzen. Dann können wir dem Diktat der Beherrschbarkeit ein neues aufgeklärtes Weltbild entgegenstellen, das kreative Gestaltung, aufeinander angewiesen sein und sich anheim stellen neu integriert. Da Expertokratien unsere Probleme offensichtlich nicht lösen, müssen und dürfen wir unser Schicksal wieder beherzt in die eigenen Hände nehmen. Regressionen in illusionäre Spielarten animistischer, maschinistischer und personalistischer Traditionen würden uns die Kraft dafür rauben und an der heute möglichen Menschenwürde zehren. Fundamentalismus jeder Couleur gießt nur Öl in ohnehin kaum zu begrenzende Brände. Wir brauchen eine neue Aufklärung und neue Koalitionen und Kooperationen auf allen Ebenen der Gesellschaft, wenn wir eine Chance haben wollen. Ein Zurück gibt es nicht. Vielleicht werden wir auf längere Zeit nicht bestimmen können, wo wir uns wirklich befinden und wie der neue Kurs sein soll. Was wir aber tun können, ist an Bord eine neue Kultur einüben, die das Aushalten von Unsicherheit, den Abschied von überkommenen Traditionen und die gemeinsame Entwicklung neuer Selbstverständnisse und Beziehungen integriert.“

Written by Östermann

29. Januar 2011 at 18:13

Veröffentlicht in Gesellschaft

Tagged with

%d Bloggern gefällt das: