Östermanns Blog

Organisation und Unternehmensführung im Wandel, Handeln unter den Bedingungen des Klimawandels, Strategie, Medienwandel, Digitale Transformation, Arbeit der Zukunft, Komplexität, nächste Gesellschaft

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Was gute Führung ausmacht (20): Transformatives Unternehmertum als Zukunftskunst

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I

Die Klimakrise scheint immer noch viele Menschen und viele Organisationen völlig unberührt zu lassen. Die Pandemie hält einen in Bann, die viel größere Bedrohung durch Erdüberhitzung, Verlust der Biodiversität und Umweltverschmutzung dagegen kaum. In einem Essay hat sich der Sozialpsychologe Harald Welzer mit dieser Gleichgültigkeit beschäftigt und darauf hingewiesen, dass der gesteigerte „Weltverbrauch“, der unseren Lebensstil prägt – den Begriff entlehnt er von Hartmut Rosa – in den Medien, der Politik, der Wirtschaft und der Werbung nach wie vor als wünschenwert gelte. Expansiver Luxuskonsum entfalte seine zerstörerische Wirkung besonders dann, wenn er zum Massenkonsum werde. Aber wie kann man Menschen in Hyperkonsumgesellschaften zu einem nachhaltigen Handeln motivieren? Welzer ist skeptisch: Aufforderungen zur Genügsamkeit stehen in Konkurrenz zur 24/7-Dauerbeschallung mit Werbung im Internet. Auf Bewusstseinsbildung zu hoffen, sei auch fragwürdig.

„Bewusstsein ist mit Handeln nur lose verkoppelt. … Parallel zum Anwachsen des Umweltbewusstseins ist das BIP kontinuierlich gewachsen … In aller Geschmeidigkeit ist [der Kapitalismus] in der Lage, wirtschaftlich zu inkorporieren, was sich ursprünglich krisitsch zu ihm verhielt. Auch Umweltbewusstsein kann warenförmig übersetzt werden.“

Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 47-48/2019, S. 17

Was an Unbehagen bleibt, wenn man Dinge tut, die eigentlich falsch sind, wird im Alltag kompensiert.

Menschen verhalten sich in unterschiedlichen Situationen höchst unterschiedlich, weil sie im Beruf, beim Sport, in der Familie, unter Freunden … mit beständig wechselnden Rollenerwartungen konfrontiert sind. … Moralische Überzeugungen sind nicht handlungsleitend, sondern geben uns eine Richtschnur dafür, welche Begründung dafür geeignet ist, eine falsche Handlung mit einem richtigen Bewusstsein in Deckung zu bringen.

ebd., S. 17f.

Die schlechten Nachrichten aus der Wissenschaft bewirken auch keine Veränderung des Lebensstils, sondern eher das Gegenteil. Erst recht gilt es, das Maximale herauszuholen. Die Erkenntnisse der Klimawissenschaft erzeugen Reaktanz. Welzer plädiert deshalb dafür, mit dem Mahnen und Warnen aufzuhören, weil der Wille zum Weltverbrauch mit der Intensität der Mahnungen und Warnungen nicht ab-, sondern zunehme.

Ein Pfadwechsel von diesem expansiven zu einem reduktiven Kulturmodell ist unabdingbar, so Welzer. Nur, wie soll er gelingen? Es sind die Praxisformen, die sich verändernde Praxis selbst, die den Wechsel herbeiführen. Welzer sieht eine „heterotopische Transformation“ am Werk, denn, so Welzer, sie baue ja auf vielen Elementen auf, die wie die Gewaltenteilung, das Wahlrecht oder die Rechtstaatlichkeit bewahrt werden sollen.

Deshalb geht es auch um keine „große Transformation“, sondern um ein modulares Projekt aus sehr vielen kleinen Transformationen, die im Idealfall zusammenwirken und konkrete Utopien bilden.

ebd., S. 19

Das zivilisatorische Projekt dürfe, anders als in der alten Moderne, kein Expertenprojekt sein, das technische und wissenschaftliche Eliten entwerfen und das Politik dann über die Lebenswelt legt, sondern es müsse in den Lebenswelten entworfen und erprobt werden. Noch nie habe es so viele Gruppen, Initiativen oder Genossenschaften gegeben, die sich anderen Wirtschafts- und Lebensstilen verschrieben hätten. „Transition Towns“, „Urban Gardening“, Repair-Cafés, Bürgergenossenschaften, Unverpackt-Läden, solidarische Landwirtschaft, Unternehmen der Gemeinwohlökonomie, Wohnprojekte, Ökodörfer – eine lange Liste von Experimenten und Laboren zählt Welzer auf, die künftiges Leben anschaulich machten.

II

Ganz anders klingt das Plädoyer von Uwe Schneidewind, den gesellschaftlichen Wandel als „Große Transformation“ zu verstehen, als einen offenen Prozess, der von vielen Akteuren gestaltet wird. Dazu braucht es eine Kunstfertigkeit, die er mit seinem Buch befördern möchte. Es liest sich wie die Quintessenz der Arbeit des Wuppertaler Instituts. das Schneidewind lange Jahre geleitet hat, und es soll zu einer verbesserten „Literacy“ in Transformationsprozessen beitragen.

Zu lange waren große Teile der Nachhaltigkeits-Community „Transformationsanalphabeten“ und glaubten daran, dass die Welt sich schon ändern würde, wenn wir die Größe der ökologischen und Entwicklungsherausforderungen nur plastisch genug beschreiben, technologische Lösungen und dazu passende Policy-Empfehlungen vorlegen. …

Wenn im 21. Jahrhundert eine Große Transformation hin zu einer Welt mit einem guten Leben für zehn Milliarden Menschen innerhalb planetarer Grenzen möglich werden soll, dann gilt es, das Wesen solcher Transformationsprozesse besser zu verstehen.

Schneidewind, Uwe: Die Große Transformation. Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels. Frankfurt 2018, S. 33

Die „Zukunftskunst“ ist danach die Fähigkeit, die sowohl Organisationen und Menschen gleichermaßen erlernen müssen, wenn sie die Große Transformation gestalten wollen, die notwendig ist, um die irreversiblen Schäden am Erdsystem und damit an den Lebensgrundlagen der Menschheit noch zu verhindern. Der Begriff Große Transformation geht auf Karl Polanyi (1944) zurück, wurde vom Wissenschaftlichen Beitrag Globale Umweltveränderungen (WBGU) in seinem Hauptgutachten 2011 aufgegriffen und ist nun Gegenstand dieses wichtigen Buches über die Möglichkeiten, ein „gutes Leben“ mit dem nötigen Respekt vor den planetaren Grenzen zu führen.

Schneidewind verwendet den Begriff „Literacy“, weil dieser die Vielschichtigkeit und Komplexität, ähnlich wie beim Lesen und Schreiben, besser trifft. Die Kenntnis von Buchstaben und Wörtern reicht nicht aus. Erforderlich ist zudem eine Kenntnis von Grammatik und Kontexten, um das Gelesene oder Geschriebene richtig einzuordnen. Ähnlich bedeutet transformative Literacy oder „Zukunftskunst“, mit der „Vieldimensionalität von Transformationsprozessen“, mit dem Zusammenspiel von Technologie, Ökonomie, Institutionen und Kultur umgehen zu können. Schneidewind verortet „Zukunftskünstler“ überall, in der Zivilgesellschaft, Politik, Unternehmen und Wissenschaft. Zukunftskünstler ist, wer fähig ist,

aktive Beiträge zur Gestaltung einer am Leitbild der Nachhaltigkeit orientierten Zivilisation zu leisten. …

Auch wenn Technologien, Geschäftsmodelle und Politik wichtig sind – am Ende verändern Ideen und neue Wertvorstellungen die Welt. Jede große Transformation ist letztlich eine moralische Revolution. Erst in ihrem Windschatten verändern sich Politik, Wirtschaftssysteme, Technologien und Infrastrukturen.

ebd., S. 41

Rund 150 Seiten widmet das Buch den Akteuren, die aus unterschiedlichen Rollen heraus Verantwortung für die nachhaltige Entwicklung übernehmen. Zwei dieser Rollen seien hier beispielhaft herausgegriffen.

Transformativer Journalismus

In Demokratien kommt, so Schneidewind, dem Journalismus nicht nur eine Informations-, Transparenz- und Kontrollfunktion zu , sondern auch Initiativfunktionen.

Journalismus trägt dazu bei, dass gesellschaftlich relevante Themen und ihr politischer Umgang damit öffentlich thematisierbar und verhandelbar werden. …

Eine für die Begleitung von Transformationsprozessen wichtige Strömung ist der „konstruktive Journalismus“ … Er zielt nicht auf den kurzfristigen Nachrichteneffekt, sondern auf eine Handlungsbefähigung von Leserinnen und Lesern. In der Großen Transformation muss konstruktiver Journalismus letztlich zum „Transformativen Journalismus“ … werden, der … Pionierinnen und Initiativen des Wandels ermutigt, orientiert, informiert und vernetzt. Gerade die Begleitung und die überregionale Vernetzung lokaler Transformationsprozesse könnte ein transformativer Journalismus erheblich stärken.

ebd., S. 357
Transformatives Unternehmertum

Die alte Gleichsetzung von Gewinnorientierung und Gemeinwohlorientierung von Unternehmen funktioniert immer weniger. Ein Grund liegt darin, so Schneidewind, dass der Staat mit der angemessenen Rahmensetzung im globalen Wettbewerb überfordert ist. Schneidewind plädiert daher für eine neue „Theorie der Firma“, die zeige, wie Unternehmen zum Motor für eine nachhaltigere Welt werden können, und die das eindimensionale, neoliberale Unternehmensverständnis der letzten Jahrzehnte ablöse.

Den meisten Unternehmen ist heute klar, dass sie sich um die sozialen und ökologischen Folgen ihres Tuns kümmern müssen. An den Nachhaltigkeitsberichten lässt sich jedoch leicht erkennen, dass der Schritt zu einer Nachhaltigkeit im engeren Sinne noch aussteht.

Es geht in diesen Fällen vielmehr darum, die eigenen Geschäftsstrategien konsequent und kontinuierlich im Hinblick auf bestehende gesellschaftliche Herausforderungen zu hinterfragen.

ebd., S. 367

Im Mitelpunkt unternehmerischer Tätigkeit steht der gesellschaftliche Mehrwert, den Unternehmen erbringen. Als Kompass für diese Gesellschaftsorientierung von Unternehmen bieten sich die Sustainable Development Goals (SDG) der UN an.

Von UNDP – https://www.undp.org/content/undp/en/home/sustainable-development-goals.html, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52672594

Das Wuppertal Institut hat einen SDG-Check entwickelt, mit dem Unternehmen regelmäßig analysieren können, zu welchen Entwicklungszielen das Unternehmen beiträgt und welche Entwicklungsziele es unterläuft. Von der Ausrichtung an einem solchen Kompass hängt ab, ob Unternehmen das disruptive Potenzial neuer Technologien nutzen können oder ob sie problematische Geschäftslogiken nur verlängern oder verstärken.

Technologische Neuerungen der Informations- und Kommunikationstechnik, der Materialforschung und der Lebenswissenschaften, definieren Geschäftsmodelle häufig neu. Besonders für Unternehmen mit lange etablierten Geschäftsmodellen ist das eine Herausforderung.

Gelingt es großen Energieversorgern, sich auf eine Welt regernativer Energien einzustellen? Wird die deutsche Automobilindustrie mit ihrer weltweit führenden Stellung in Verbrennungsmotoren auch führend in einer zukunft dekarbonisierter Mobilität sein? Wie kann sich ein Unternehmen wie McDonald’s auf Märkte mit stärker an Gesundheit und Nachhaltigkeit orientierten Ernährungsgewohnheiten einstellen?

ebd., S. 374

Notwendig sind, so Schneidewind, resiliente Geschäftsmodelle, die Zukunft antizipieren und zugleich ökonomische Stabilität unter aktuellen Marktbedingungen gewährleisten können.

Für die Umsetzung solcher resilienter Geschäftsmodelle ist der Blick über den Tellerrand des eigenen Unternehmens wichtig. Sie lassen sich oft nur im Rahmen neuer Kooperationen mit anderen Unternehmen und Branchen,, insbesondere aber auch mit Politik und zivilgesellschaftlichen Akteuren realisieren. Unternehmen sind hier … als strukturpolitische Akteure gefragt.

ebd., S. 376

Schneidewind betont, dass Unternehmen schon immer strukturelle Anpassungen vorgenommen und, z.B. durch Aufkäufe oder technische Standards, Einfluss auf Marktstrukturen genommen. Entscheidend sei, dass diese strukturpolitische Verantwortung bewusst angenommen wird und nicht im Verborgenen läuft.

Ähnliches gilt auch für die kulturprägende Rolle von Unternehmen. Sie können ihre Verantwortung darauf richten, nachhaltige Konsumkulturen und auch an diesen Werten ausgerichtete Management- und Organisationskulturen zu prägen.

Pioniere des Wandels

Veränderung geht letztlich immer von Individuen aus. Wer Zukunftskunst beherrschen will, wer die gewohnte strukturelle Dynamik aufbrechen will, braucht einen neuen Kompass für die Gesellschaft. Schneidewind greift den Gedanken des Pfadwechseln hin zu einem reduktiven Kulturmodell („reduktive Moderne“) von Welzer auf.

Damit ist eine Zukunft gemeint, die uns die gesellschaftlichen Errungenschaften der Moderne (Freiheit, persönliche Entfaltung, Frieden, Gerechtigkeit) erhält, ohne auf immer weiteres materielles Wachstum angewiesen zu sein.

ebd., S. 453f.

Die persönliche Zukunftskunst bedeutet, das Zusammenspiel von individueller, organisatorischer und gesellschaftlicher Ebene zu verstehen und zur aktiven Gestaltungsaufgabe zu machen. Entscheidend ist, sich von der Illusion zu lösen, dass sich mit der ökologischen und sozialen Ausrichtung des Konsums eine nachhaltige Welt von selbst einstellen werde. Es braucht Bürger, die als Pioniere des Wandels agieren. Sie engagieren sich in ihren institutionellen Kontexten, in Unternehmen, Politik, Kirche, Umweltverbänden oder lokalen Initiativen.

Kopf, Herz und Hand – die Idee der in eine Richtung weisenden Dreiheit hat Pestalozzi schon im 19. Jahrhundert geprägt – stehen für Wissen, Haltung und Fähigkeiten. Es braucht Wissen um die Klimawirkung und Ressourcenintensität unserer heutigen Art zu Wirtschaften, über die ökologischen und sozialen Folgen der Klimaveränderungen, über technologische Alternativen, über Möglichkeiten, kulturelle, institutionelle und ökonomische Veränderungen herbeizuführen. Es braucht eine Haltung, die in Situationen stabilisiert, in denen ansonsten Routinen, Bequemlichkeit oder Ängste bremsen. Grundlage einer solchen Haltung ist eine Vision, die zum Kompass des eigenen Handelns wird. Es braucht eingeübte Fähigkeiten.

Es reicht nicht aus, nur die einzelnen Buchstaben und Wörter zu kennen, erst durch ihre über die Zeit reifende Anwendung in immer wieder anderen Kontexten entsteht eine wirkliche Sprach-, Lese- und Ausdrucksfähigkeit. Die konkrete Tat führt dann zur Meisterschaft.

ebd., S. 463

Für Schneidewind sind „Entrepreneure“ wichtige Akteure in der Großen Transformation. Sie zeichnen sich durch eine Haltung der Widerständigkeit aus, sind sie doch überzeugt, dass sich Dinge auch anders und erfolgreicher lösen lassen. In der Großen Transformation bringen sie mehr als nur neue Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle hervor. Unternehmerische Kompetenz bedeutet heute, Chancen zu erkennen und zu ergreifen und kreative Prozesse zu planen und zu verwalten, die einen kulturellen, sozialen oder finanziellen Wert besitzen.

Bei den Fähigkeiten geht es um Achtsamkeit, mit der mögliche Zukünfte erspürt werden können oder um Kompetenzen des Transformationsdesigns. Als Beispiel für eine Methode der Zukunftsgestaltung in Transformationsprozessen nennt Schneidewind u.a. die Theory U von Otto Scharmer, einem Modell für einen Gruppenprozess, der in sieben Schritten hilft, sich von alten Denk- und Verhaltensmustern zu verabschieden, ein Einfühlen auf mögliche Zukünfte fördert und zu produktivem Handeln in Transformationsprozessen führt.

III

Die große Transformation ist in vollem Gange. Zu diesem Eindruck kommt, wer das Buch von Uwe Schneidewind liest. Wenn Harald Welzer dieses Bild zurückweist und stattdessen die Erfolgsaussichten in vielen kleinen Transformationen sieht, dann regt das vielleicht den Bürgersinn an, sich als Pionier des Wandels zu versuchen und an Experimenten und Laboren zu beteiligen. Damit ist es jedoch nicht getan. Ob daraus eine Transformation der Gesellschaft erwächst, hängt sehr davon ab, wie das Zusammenspiel von Personen und Organisationen beeinflusst wird. Es braucht auch Pioniere, die ihre Möglichkeiten nutzen, auf das Zusammenwirken der Organisationen und Institutionen Einfluss zu nehmen. Erst daraus entsteht so etwas wie Gesellschaft – im besten Fall eine Gesellschaft, die gelernt hat, einen Wohlstand für alle mit der Achtung vor den planetaren Grenzen zu verbinden.

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Sensoren (15): Nochmal – der Klimawandel und die Hoffnung

Sensoren (20): Critical Zones

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In seinem „Terrestrischen Manifest“ von 2018 hat sich der französische Soziologe Bruno Latour mit einer völlig neuen Beziehung zum planetaren Lebensraum befasst. Jetzt lassen sich diese wegweisenden Gedanken in einer Ausstellung des ZKM in Karlsruhe vertiefen. Critical Zones – Horizonte einer neuen Erdpolitik, so der Titel des von Latour gemeinsam mit Peter Weibel kuratierten Projekts. Der Begriff ist von Geowissenschaftlern geprägt worden. Er beschreibt die dünne Membran, die unseren Planeten umgibt und den gemeinsamen Raum für alle lebenden Organismen bildet. Alles Leben in dieser dünnen Schicht trägt dazu bei, die Bedingungen in diesem Lebensraum zu formen. Der Mensch tut dies in zerstörerischer Weise.

„Kritisch“ wird diese dünne Schicht, von der wir und alle anderen Lebensformen auf der Erde in höchstem Maße abhängig sind, deshalb genannt, weil sie in einen Zustand der Intensivbehandlung übergegangen ist. Wir müssen alles daransetzen, für ihr Wohlergehen Sorge zu tragen.

https://critical-zones.zkm.de/#!/

Was ist zu tun? Wir müssen ein angemessenes Verhalten in der kritischen Zone erlernen. Zunächst gelte es, so Latour im Manifest, zu beschreiben.

Dafür muss man bereit sein, die Lebensterrains als das zu definieren, wovon ein Erdverbundener für sein Überleben abhängt, und sich dann zu fragen, welche anderen Erdverbundenen von ihm abhängig sind.

Latour: Das Terrestrische Manifest, Berlin 2018, S. 110 (Hervorhebung im Original)

Die Ausstellung zeigt eindrucksvolle Beispiele aus Wissenschaft und Kunst, wie diese wechselseitigen Abhängigkeiten in der Kritischen Zone erkundet werden können. Wegen der Corona-Pandemie hat das ZKM die Ausstellung in einen hybriden Erlebnisraum verlagert, der in der digitalen Sphäre nach und nach mit Inhalten gefüllt wird und durch den realen Erlebnisraum vor Ort in Karlsruhe ergänzt wird.

Critical Zone Observatories

Die Ausstellung stellt Freiluftlabore (Critical Zone Observatories – CZO) vor, die mit Sensoren und Messinstrumenten das Geschehen in den Kritischen Zonen beleuchten. Ein Beispiel: Ein Flusslabor, eine Buchen- und eine Fichtenstation, ein Gravimeter und andere Instrumente zeichnen ein genaues Bild des Zustands am Strengbach in den Vogesen. Das Labor wird in einem umgestülpten Modell der Kritischen Zone abgebildet, in der die Atmosphäre innen und die Gesteinsschichten außen dargestellt sind. Das verstärkt den Eindruck des geschlossenen Systems und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Wechselwirkung zwischen den Schichten innerhalb der Kritischen Zone.

“Das Leben ist kein Ding, es ist ein Prozess.“

Die grundlegende Hypothese stammt von James Lovelock und Lynn Margulis. Danach verändern lebende Organismen ihre Umgebung und passen sich zugleich an sie an. Alle Lebensformen auf der Erde sind das Ergebnis einer Symbiogenese, des Zusammenschlusses unterschiedlicher Organismen, der neues Leben hervorbringt. Alle Organismen sind danach abhängig von anderen Organismen und ihrer erfolgreichen Einbindung in Ökosysteme. Wälder und andere Pflanzen beispielsweise verändern die Luftfeuchtigkeit in ihrer Nähe und schaffen so lebenswerte Bedingungen weit über ihre unmittelbare Umgebung hinaus. Der menschliche Exzeptionalismus hingegen führt in die ökologische Krise.

In der Ausstellung sind einige Videos mit Lynn Margulis versammelt, z.B. eines von 1993 über Cyanobakterien im Ebro-Delta, das „Gewebe Gaias“.

Das Gewebe Gaias lehrt uns, dass wir unsere menschlichen Aktivitäten auf unsere globale Umgebung abstimmen müssen, indem wir unsere eigenen Recyclingzyklen perfektionieren. Denn: „Müll verschwindet nie, er wandert nur im Kreis.“

„Geisterflächen“

Fragt man Menschen, wo sie leben, so wird ihre Antwort sich auf einen Punkt auf der Landkarte beziehen, an dem sich ihr Zuhause befindet. Fragt man sie jedoch nach den Orten, aus denen sie ihren Reichtum schöpfen, so werden sie eine vollkommen andere Karte zeichnen müssen, von allen Gebieten, auf die sie angewiesen sind.

https://critical-zones.zkm.de/ Lokalisierung: Ghost Acreages

Ein Grundgedanke der Ausstellung ist es, beide übereinander zu legen, das Land in dem wir leben und das Land, von dem wir leben. Ein Beispiel ist die Zeitleiste, die Armin Linke mit seinem Team in seinem Werk Blind Sensorium über Jahre zusammengetragen hat. Sie begleiteten und interviewten WissenschaftlerInnen, PolitikerInnen und AktivistInnen und hatten Zugang zu Labors, Datenzentren und politischen Verhandlungsräumen – kritischen Schauplätze für die Ökosysteme der Erde.

Terrestrische Universität

Eine experimentelle Vorlesungsreihe – die „terrestrische Universität“ lädt dazu ein, sich näher mit der Erforschung und dem Verstehen der kritischen Lage der Erde zu beschäftigen.

Dort ist auch dieser aufschlussreiche Vortrag von Julia Pongratz, Professorin für Physische Geografie und Landnutzungssysteme über die Grundlagen des Klimawandels zu sehen.

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Manifeste (7): Das terrestrische Manifest von Bruno Latour

Written by Östermann

16. Juli 2020 at 14:00

Sensoren (18): Fragen zur Selbstreflexion in der Corona-Krise

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Mit der Corona-Krise und dem weitgehenden Herunterfahren des sozialen und des ökonomischen Lebens ist die Frage verbunden, was diese Krisenerfahrung für die Gestaltung unserer Zukunft bedeutet. Besonders drängend ist die Frage, wie sich Corona-Krise und Klimakrise zueinander verhalten. Werden wir die Chancen nutzen, die sich jetzt bieten? Wird die Menschheit die große Transformation vorantreiben und beherzte Schritte hin zu einem nachhaltigen Leben gehen? Eine bewusste Verknüpfung der aktuellen Erfahrungen mit dem Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft hängt auch davon ab, wie weit jedem einzelnen von uns und uns miteinander ein Umdenken gelingt.

I

In der SWR2-Radiosendung „Eine Gesellschaft verändert sich – Was wir aus der Corona-Pandemie lernen können“ hat der Soziologe Stefan Selke dieser Tage einen Bedarf an Utopien festgestellt.

Es gibt Kritik an den Zuständen, aber keine positiven Wunschformulierungen. Anstatt in utopisches Kapital zu investieren, werden Standardwelten reproduziert. Affirmativ hält man sich an das bereits Bekannte. Doch die Verdopplung des Bestehenden ist keineswegs das Neue. Wer aber wirklich etwas verändern möchte, sollte aus der Zukunft zurückdenken.

Er schreibt Utopien eine Spiegelfunktion zu. Sie lenken den Blick zurück auf das Zeitalter, auf die Kultur und auf die Gesellschaft, in der sie entstanden sind. Es brauche, so Selke, allerdings eine realistische Bestandsaufnahme und die Fähigkeit, die Vielfalt der Optionen zu erkennen. Wir sollten lernen, unsere Ideale genauer zu definieren.

II

Der französische Soziologe Bruno Latour hat einen Fragebogen veröffentlicht, der unsere persönliche Beziehung zur Welt in den Fokus nimmt. Er knüpft damit an den Vorschlag aus seinem „Terrestrischen Manifest“ an. Was kann man in diesen Zeiten der Orientierungslosigkeit tun? Zunächst beschreiben.

Es geht nicht mehr darum, ein Produktionssystem fortzuführen oder umzusteuern, sondern aus der Produktion als einziges Prinzip der Beziehung zur Welt auszusteigen. Es ist keine Frage der Revolution, sondern der Auflösung, Pixel für Pixel.

In der Tradition der Akteur-Netzwerk-Theorie lädt uns Latour ein, die Zeit der Ausgangsbeschränkungen zu nutzen und zunächst für uns selbst, dann als Gruppe zu beschreiben, woran wir gebunden sind, wovon wir bereit sind, uns zu befreien, welche Ketten wir bereit sind, wieder aufzubauen und welche wir mit verändertem Verhalten unterbrechen wollen.

Im ersten Schritt geht es darum, eine Liste der Aktivitäten zu erstellen, die uns durch die aktuelle Krise entzogen werden und deren Verlust uns das Gefühl gibt, dass damit wesentliche Lebensgrundlagen verletzt werden. Diese Liste gilt es im zweiten Schritt anhand der Fragen durchzugehen.

Frage 1: Welche der jetzt ausgesetzten Aktivitäten sollen wieder aufgenommen werden?

Frage 2: Beschreiben Sie, warum diese Aktivität Ihnen schädlich / überflüssig / gefährlich / inkohärent erscheint und wie ihre Abschaffung, Unterbrechung oder Substitutionandere –von Ihnen geschätzte –Aktivitäteneinfacher /kohärenter machen würde. (Schreiben Sie für jede der in Frage 1 genanntenAktivitäten einen eigenen Absatz).

Frage 3: Welche Art von Maßnahmen schlagen Sie vor, um ArbeitnehmerInnnen, Angestellten, VertreterInnen oder AuftragnehmerInnen – die nicht mehr in der Lage sein werden, die von Ihnen abgeschafften Tätigkeiten fortzusetzen – den Übergang zu anderen Aktivitäten zu erleichtern?

Frage 4: Welches sind die derzeit ausgesetzten Aktivitäten, von denen Sie hoffen, dass sie sich entwickeln, dass sie fortgesetzt werden oder sogar von Grund auf neu erfunden werden könnten?

Frage 5: Beschreiben Sie, warum Ihnen diese Aktivität positiv erscheint. Beschreiben Sie wie diese Aktivität die anderen – von Ihnen geschätzten – Aktivitäten erleichtert, harmonischer oder kohärenter macht und wie sie dazu beiträgt, diejenigen Aktivitäten zu bekämpfen, die Sie für ungünstig halten. (Verfassen Sie für jede der in Frage 4 aufgeführten Antworten einen eigenen Absatz).

Frage 6: Welche Art von Maßnahmen empfehlen Sie, um ArbeitnehmerInnen, Angestellten, VertreterInnen oder UnternehmerInnen zu helfen, damit diese die notwendigen Kapazitäten / Mittel / Einkommen / Instrumente zur Verfügung haben, um diese Aktivität fortzusetzen, weiterzuentwickeln oder neu zu erschaffen?

Das Ergebnis dieser Beschreibung kann sodann in einem dritten Schritt mit der Beschreibung anderer abgeglichen werden. Überschneidungen und Gegensätze in den Antworten werden mit der Zeit eine „Landschaft aus Konfliktlinien, Bündnissen, Kontroversen und Gegensätzen“ entstehen lassen.

III

Mit der Theory U hat Otto Scharmer, Senior Lecturer am MIT, ein Modell und einen Werkzeugkasten mit verschiedenen Methoden entwickelt, die in dieser Situation ebenso helfen können, den eigenen Beitrag zum Wandel für sich zu klären und konkrete Schritte anzugehen. Die Theory U ist ein Modell, das eine tiefgreifende Veränderung in sieben Schritten, dem sogenannten U-Prozess, zu bewirken versucht. Mit Methoden der Gesprächsführung und der Gruppenarbeit versuchen die Akteure, den Fokus der Aufmerksamkeit umzulenken. In einem Blogbeitrag hat Scharmer kürzlich die Theory U auf die Corona-Krise angewendet und aufgezeigt, wie der Weg von der Corona-Krise zum Klimaschutz aussehen könnte.

Was wäre, wenn wir diese Unterbrechung als Gelegenheit nutzen würden, alles loszulassen, was in unserem Leben, in unserer Arbeit und in unseren institutionellen Routinen nicht wesentlich ist? Wie könnten wir uns neu ausmalen, wie wir zusammen leben und arbeiten? Wie könnten wir die grundlegenden Strukturen unserer Zivilisation neu überdenken? … Wie könnten wir unsere wirtschaftlichen, demokratischen und lernenden Systeme so umgestalten, dass sie die ökologischen, sozialen und spirituellen Gräben unserer Zeit überbrücken?

https://medium.com/@sascha.g.berger/acht-aktuelle-lektionen-von-otto-scharmer-vom-coronavirus-zur-klimaaktion-6588e131a519

Darüber miteinander ins Gespräch kommen, mit Freunden, in der Familie, mit Organisationen und Gemeinschaften, das ist Scharmers Anliegen in diesen Tagen.

Eine Methode aus dem Werkzeugkasten ist der Social Solidarity Circle. Es handelt sich um eine Gruppenübung, die man in diesem Sinne nutzen könnte, um die persönliche Reflexion – z.B. die Antworten auf den Fragebogen von Latour – mit anderen zu vertiefen. Die Übung ist Teil eines Programms, das das Presencing Institut von Scharmer im vergangenen Jahr gestartet hat. Das Programm GAIA – Global Activation of Intention and Action – ist als weltweites Online-Lernangebot angelegt und möchte ein neues Bewusstsein aus der Auseinandersetzung mit den aktuellen Brüchen unserer Zeit anregen. Natürlich kann die Übung auch in anderen Zusammenhängen angewendet werden.

IV

Übrigens hat Carolin Emcke in ihrem Tagebuchprojekt bei der Süddeutschen Zeitung in der Auseinandersetzung mit den Fragen von Bruno Latour eigene Fragen formuliert. Dahinter steht ebenfalls das Anliegen, die Chance zu nutzen und die Verhältnisse neu zu gewichten. Sie sind stärker auf die Bewältigung der aktuellen Krise, können aber ebenfalls zu einem grundlegenden Bewusstseinswandel angesichts der Klimakrise beitragen.

1. Welche der Aktivitäten, die Sie im Augenblick als existentiell erleben, welche der sozialen Praktiken, welche der solidarischen Gesten, welche der kreativen Formate, welche der ökonomischen Hilfsangebote sind unverzichtbar, spenden Trost, mildern die Not, verweisen auf eine Gemeinschaft, die es auch anschließend geben sollte?

2. Welche Berufe, die Sie im Augenblick als besonders notwendig und unverzichtbar erleben, sollten anschließend auch personell ausgebaut und finanziell gewürdigt werden? In welche soziale Infrastruktur, die Ihnen im Augenblick besonderen Schutz oder Fürsorge bietet, sollte anschließend massiv investiert werden? Welche Quellen, Verlage oder journalistische Angebote, die Ihnen im Augenblick besonders zuverlässig Informationen liefern oder Orientierung bieten, sollten besser unterstützt und bezahlt werden?

3. Wie ist es mit all den Tätigkeiten und Aufgaben, die im Augenblick als nicht „notwendig” oder nicht „systemrelevant” deklariert werden, die aussetzen müssen mit etwas, das ihnen wertvoll ist, die nicht als Logopädinnen oder Kellner, die nicht als Anlagenmechaniker oder als Kamerafrau, nicht als Koch oder als Schauspielerin arbeiten können, was ist mit all den Tätigkeiten und Aufgaben, die es doch auch braucht, die ausdifferenziert und arbeitsteilig erst das herstellen, was wir nutzen oder lieben ? Wie signalisieren wir ihnen unsere Wertschätzung, wie ersetzen wir ihre Verluste?

Manifeste (14): Contract for the Web

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Internet-Zugang für alle und ein offenes Netz – das sind zwei von neun Grundsätzen des Contract for the Web. Damit ist ein weiteres Dokument in der Welt, das sich in die lange Liste der „Manifeste“ einreiht, die einen Impuls für die Transformation der Gesellschaft setzen wollen. Der „Contract“ stammt von prominenter Seite. Initiator und Autor ist Tim Berners-Lee, der seit seiner Erfindung des World Wide Web vor 30 Jahren als einer der Urväter des Internets, wie wir es heute kennen und täglich nutzen, gilt. Den 2018 angekündigten Vertrag hat er nach einem Jahr der Aushandlung im November 2019 veröffentlicht.

Berners-Lee hat ganze Arbeit geleistet, so scheint es auf den ersten Blick. Er hat nicht einfach ein Manifest oder eine Charta veröffentlicht, sondern mit Regierungen, Technologiekonzernen und zivilgesellschaftlichen Organisationen einen „Gesellschaftsvertrag“ geschlossen. 160 Organisationen haben daran mitgearbeitet. Alle sollen dazu beitragen, ein freies und offenes Web zu verwirklichen. Auch die Bundesregierung hat sich früh dazu bekannt, den „Vertrag für das Web“ zu unterstützen. Sie hat sich verpflichtet, die Grundsätze einzuhalten.

Der Vertrag versammelt neun Grundsätze, drei für Regierungen, drei für Unternehmen und drei für Bürger und zivilgesellschaftliche Gruppen.

Regierungen haben sich mit ihrer Unterzeichnung verpflichtet,

  • allen einen Zugang zum Internet zu ermöglichen,
  • den Internetzugang jederzeit für alle zu gewährleisten,
  • für einen wirksamen Schutz der Privatsphäre und der persönlichen Daten zu sorgen.

Das erste Prinzip soll eine schnellere und flächendeckende Versorgung mit der technischen Infrastruktur fördern. Die beiden anderen Prinzipien zielen besonders darauf ab, die rechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen und durchzusetzen, zum einen für einen Netzzugang, der die Menschenrechte wahrt und den freien Wettbewerb sichert, zum anderen für eine Beschränkung des Zugriffs auf persönliche Daten nach dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit.

Unternehmen verpflichten sich im wesentlichen den gleichen Regeln. Auch sie sollen ihren Teil aktiv dazu beisteuern, das Internet allen zugänglich zu machen und die Privatsphäre zu respektieren. Sie sollen Technologien entwickeln, die das Netz als öffentliches Gut stärken, das humanen Zwecken dient. Bei Entwicklung und Betrieb sollen sich alle gesellschaftlichen Gruppen einbringen können. Sie sollen sich dem Open Web verpflichten und in digitale Gemeingüter („digital Commons“) investieren, so Prinzip 6.3. Wörtlich heisst es dort:

Upholding and further developing open Web standards.

Promoting interoperability, open-source technologies, open access, open knowledge, and open data practices and values.

Ensuring that the terms of service, interfaces and channels of redress are accessible and available in local languages and properly localized, use formats that allow, encourage, and empower a diverse set of users to actively participate in and contribute to the commons, including open and free culture, science, and knowledge.

Interessant ist, wie der Vertrag bürgerschaftliches Engagement für ein offenes Web mobilisieren will. Wer als Bürger unterzeichnet, verpflichtet sich, für das offene Web zu kämpfen, sich kreativ und aktiv in das Netz einzubringen, so dass es für alle weltweit und auf Dauer eine öffentliche Ressource bleibt. Sie verpflichten sich, für die Nutzung offener Standards einzutreten und Praxiserfahrungen mit anderen zu teilen. Der Vertrag ruft zur aktiven Bürgerschaft im Netz auf.

Die Veröffentlichung soll nur ein erster Schritt sein auf dem Weg zu einer sicheren Online-Welt für alle, die zu gemeinsamem Lernen und zur Zusammenarbeit einlädt. Im nächsten Schritt sollen nun Experten an Lösungen der erkannten Probleme arbeiten.

Hier ist der Contract for the Web im Wortlaut.

II

Bei aller Ambition der Prinzipien bleibt der Vertrag seltsam unverbindlich. Mögliche weitere Schritte werden nur angedeutet. Wie die Prinzipien des Vertrags den weiteren Prozess tragen oder tragen könnten, bleibt unbeantwortet.

Die Begeisterung, die Tim Berners-Lee 2009 in diesem TED-Vortrag noch ausgestrahlt hat, ist heute kaum mehr zu spüren.

Berners-Lee hatte damals eine Vision, die sich aus dem riesigen Potenzial und der Vielfalt der Daten schöpfte.

Es ist absolut wichtig, dass es das Web erlaubt, alle Arten von Daten einzustellen. … Wir könnten über Regierungsdaten sprechen. Unternehmensdaten sind wirklich wichtig. Es gibt wissenschaftliche Daten und persönliche Daten. Es gibt Wetterdaten, Daten über Ereignisse, über Vorträge, über Nachrichten und all diese Dinge. Ich werde nur ein paar davon erwähnen, so dass Sie eine Vorstellung von der Vielfalt und dem vorhandenen Potenzial erhalten.

Die Begeisterung für das Daten-Web und Open Data war nach fünf Jahren verflogen. 2014 setzte sich Tim Berners-Lee in einem weiteren TED-Vortrag nicht mehr mit den Chancen, sondern mit den Bedrohungen auseinander, denen sich das offene Netzes ausgesetzt sieht, mit Social Media als Silos, mit der Überwachung im Netz, mit der Zensur und mit dem Aufspalten des Internet in nationale Intranets auseinander. Damals kündigte er eine Magna Charta für das Web an. Vermutlich ist der Contract nun nach Jahren das Ergebnis.

Der Contract bleibt an der Oberfläche. Er hinterfragt die wirkende Logik des Netzes nicht, sondern begnügt sich mit Korrekturen der ursprünglichen Idee des WWW. Aktuelle Krisenerscheinungen, allen voran die Klimakrise, spielen überhaupt keine Rolle. Die Bedrohung der demokratischen Grundordnung durch Überwachung, unautorisierter Auswertung unserer persönlichen Daten und Manipulation unseres Verhaltens scheint nur indirekt auf. Es dürfte den beteiligten Unternehmen leicht gefallen sein, sich zu den Grundsätzen zu bekennen. Facebook und Co. müssten – wenn sie den „Vertrag“ ernst nähmen – ihr Geschäftsmodell aufgeben. Sie konnten die Aktion als willkommene Image-Förderung mitzunehmen.

Die NZZ fragt sich in einem Kommentar, ob Berners-Lee das Handtuch geworfen hat. Jedenfalls haben seine Prominenz und die Qualität des „Vertrags“ nicht ausgereicht, um ihm eine anhaltende Aufmerksamkeit zu bescheren und nachvollziehbare Aktionen auszulösen. Es ist auffällig ruhig um sein ehrgeiziges Projekt Solid geworden, mit dem er vor Jahren einen Gegenentwurf zu den Datensilos entwickeln wollte.

III

Wie der Verhaltenssteuerung entgegenwirken? Wie das Potenzial eines offenen Netzes entfalten? Technikregulierung? Oder hoffen auf den aufgeklärten Bürger, der auf offene Plattformen setzt, oder, wie Maximilian Becker in einem Blog-Beitrag auf iSights vorschlägt, an Verbraucher appellieren, die technische Herrschaft über das eigene Leben und die Übersetzung analoger Freiheiten in die digitale Welt zu verlangen. Fragt sich, von wem, wenn sowohl die großen Internet-Konzerne und Betreiber von digitalen Plattformen, als auch die Gesetzgeber den Begehrlichkeiten der Verhaltenssteuerung von Nutzern und Bürgern erliegen.

Kürzlich hat Brittany Kaiser, die Whistleblowerin der Manipulationspraktiken von Cambridge Analytica, für die Initiative #OwnYourData geworben. Datenrechte müssten rechtlich durchsetzbar sein, ähnlich wie es für Eigentumsrechte üblich sei. Aber wie kann man die Akteure im Internet zu ethischem Verhalten verpflichten? Sie setzt ihre ganze Hoffnung auf Blockchain-Technologie, um den Bürgern die Hoheit über ihre Daten zurückzugeben. Die Erlaubnis, persönliche Daten zu verwenden, müsse ähnlich funktionieren, wie eine Wohnung über AirBnB zu vermieten. Der Mieter müsse sich ausweisen, sagen, wie lang der die Wohnung mieten wolle und entsprechend dafür bezahlen.

Einen wesentlichen Schritt weiter geht Dirk Helbing mit seinem Projekt FuturICT. Ihm geht es darum, die Demokratie in der digitalisierten Welt grundlegend neu zu denken. Die Vision einer digitalen Demokratie, wie er sie mit anderen vor einigen Jahren im Digitalen Manifest und im Papier Build Digital Democracy beschrieben hat, wird nun konkreter. Seit kurzem liegt das Konzept FuturICT 2.0 vor. Es beschreibt, wie eine nachhaltige digitale Gesellschaft mit einem sozioökologischen Finanzsystem verbunden werden kann. In einem Interview mit Sibylle Berg hat er kürzlich sein Bild eines demokratischen Kapitalismus kürzlich.

Wirkungsvolle Massnahmen gegen das drohende Systemversagen wären: 1. Ein Grundeinkommen zur Existenzsicherung. 2. Crowdfunding für alle, Wettbewerb und Breiteninnovation. 3. Ein multidimensionales Koordinationssystem zur Lösung des Nachhaltigkeitsproblems. 4. Digitale Demokratie zur Förderung kollektiver Intelligenz. 5. Städtewettbewerbe zur Lösung der Weltprobleme.

Auch dieses Konzept setzt auf neue technologische Möglichkeiten, bindet diese aber ein in ein soziales, ökonomisches und politisches Konzept. Es verknüpft Blockchain und Internet der Dinge (IoT) mit Erkenntnissen der Komplexitätsforschung.

Diese beiden Beispiele stehen für eine Bewegung, die Hoffnung gibt, dass es doch noch gelingt, ein offenes Netz zu realisieren, das geeignet ist, die kollektive Intelligenz zur Lösung der Krisen unserer Zeit zu entfalten. Die Bewegung für das offene Netz hat mit vielfältigen Herausforderungen zu kämpfen. Open-Data-Projekte zum Beispiel kommen oft über den Status von Prototypen nicht hinaus, weil die Ressourcen für die Skalierung, Professionalisierung und die Aufrechterhaltung des Dauerbetriebs fehlen. Das Geld ist da, nur woanders, meint Ernesto Ruge von Binary Butterfly.

Dennoch sollte man die Chance auf eine positive Entwicklung nicht unterschätzen. Die aktuelle Corona-Pandemie bietet eine gute Gelegenheit, die sozialen Muster genauer zu beobachten, die unser Zusammenleben prägen. Otto Scharmer meinte kürzlich, Spuren zu erkennen, die auf ein Anwachsen datengetriebener Aufmerksamkeit für das Gemeinwohl hindeuten.

Mehr dazu siehe
Manifeste (1): Das digitale Manifest
Manifeste (2): Die Digitalcharta
Manifeste (3): Petersberger Erklärung
Manifeste (5): The Onlife Manifesto

Sensoren (17): Hoffnung – unser Sinn für die Möglichkeiten des Guten

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Im ZDF-Kulturmagazin aspekte lief kürzlich ein Beitrag über das neue Buch von Jonathan Franzen und dessen (auch hier schon vorgestellten) Plädoyer, sich angesichts eines aussichtslosen Kampfes gegen den Klimawandel mehr auf die Anpassung an die gravierenden Folgen zu konzentrieren. Diese Haltung wird in dem Beitrag als „resignativ“ kritisiert. Dies, obwohl sich Franzen weit weg davon zeigt, einer Untätigkeit das Wort zu reden. Er schüre Ängste, heisst es. Versucht er, die längst verbreiteten, aber verdrängten Ängste für seine Zwecke auszunutzen? Oder sucht er die Stimme der Vernunft in einer existenziellen Krise? Könnte genau aus dieser Auseinandersetzung über das Mögliche und seine Grenzen eine neue Solidarität erwachsen? Was hat es mit der Angst auf sich?

Ausschnitt aus dem Wandteppich Zyklus der Apokalypse (Schloss Angers)
Photo by Remi Jouan, CC BY-SA 3.0, Wikipedia

Wer sich nicht dem naheliegenden Geschichtspessimismus anschließen will, braucht Hoffnung – nicht Optimismus. Hoffnung zielt darauf, Tatsachen zu ändern, ist unser Sinn für die Möglichkeiten des Guten.

Das schreibt der Philosoph Thomas Gutknecht in einem Beitrag für Agora42. Er befasst sich darin mit den starken Emotionen, mit denen wir es in Zeiten der Verunsicherung und Orientierungslosigkeit zu tun haben: einerseits Zorn, andererseits Angst. In der westlichen Kultur sei der Zorn weitgehend in Verruf geraten und verdrängt worden. Umso mehr habe sich die Angst verbreitet. Zorn sei jedoch der natürlichste Begleiter des Gerechtigkeitssinns. Die Energie des Zorns aus dem Politischen zu verbannen, sei unmöglich. Denn, so Gutknecht, „Politik machen Menschen für Menschen“. Der Zorn liefere die Energie für den produktiven Umgang mit Verletzungen aller Art.

Mit dem Verdrängen dieser Energie sei die Angst zur bestimmenden sozialen Kraft geworden. Mit Argumenten sei ihr deshalb nicht mehr beizukommen. Stimmungen ließen sich nur mit Gegenstimmungen überwinden. Die Angst gehöre zum Leben. Sie werde jedoch häufig für eigene Zwecke instrumentalisiert und missbraucht. Wir müssen wieder lernen, so Gutknecht, der Angst menschlich zu begegnen.

Doch wir sind Analphabeten der Angst geworden. Erst das Verständnis der Angst verhilft dazu, die Grenzen unserer Möglichkeiten wahrzunehmen und sinnvoll mit diesen Grenzen umzugehen. … Doch nur wenn das Lernziel heißt, sich recht ängstigen zu lernen, blüht das Leben auf. Die Angst im Leben ist „gesund“. … Wir brauchen die Angst, allerdings eine Angst, die uns nicht so sehr Kopfzerbrechen, sondern Beine macht.

Zum Umgang mit der Angst gehört zunächst, sie anzuerkennen. Erst dann können wir ihr begegnen, sie durchstehen und überwinden, ohne ins Unmenschliche auszuweichen. Wir brauchen, so Gutknecht, eine „liebende Angst“, die sich um die Welt ängstigt, nicht nur vor dem, was uns in ihr zustoßen könnte. Wir brauchen „eine belebende Angst, die uns statt in die Stubenecken hinein, in die Straße hinaus treiben soll“, zitiert er Günther Anders.

Aus einer in diesem Sinne „gelernten“, gereiften Angst erwachse eine Solidarität, in der sich das dialogische Prinzip verwirkliche. In ihr habe auch die Energie des Zorns ihren Platz, in der Balance mit der Liebe.

Eine Kultur des Mit- und Füreinanders lebt von der wirklichen Kommunikation und wird bedroht vom (rhetorischen) Missbrauch der Sprache. Es bedarf einer Rehabilitierung des Ringens um Wahrheit, der Etablierung wahrheitssuchender Verständigungsprozesse, einer öffentlichen Streitkultur, des liebenden Kampfes.

Werte, betont Gutknecht, sind mehr als Güter, sie verweisen auf das Gute. Sie werden leibhaftig erfahrbar in praktizierten Tugenden, in gemeinsamen positiven Erlebnissen. Am Ende seines Textes listet Gutknecht einige dieser Tugenden auf, die zu praktizieren wir eingeladen sind.

Mehr dazu s.
Sensoren (14): Der Klimawandel und die Hoffnung
Sensoren (15): Nochmal – der Klimawandel und die Hoffnung
Sensoren (16): Der Klimawandel und die Hoffnung – zum Dritten

Written by Östermann

30. Januar 2020 at 16:10

Sensoren (16): Der Klimawandel und die Hoffnung – zum Dritten

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Wer sich mit dem Klimawandel und seinen möglichen oder wahrscheinlichen Folgen näher befasst, verliert leicht die Hoffnung, dass der Wettlauf mit der Zeit noch gewonnen werden könnte. In zwei Blog-Beiträgen habe ich kürzlich einige Stimmen und einen Vortrag von Uwe Schneidewind vorgestellt, die Wege zur Hoffnung in dieser bedrohlichen Situation aufzeigen. Hier nun eine ganz andere Annäherung an die Zukunft und die große Transformation. Ein SWR2-Feature hat sich kürzlich mit der religiösen Metapher der Apokalypse befasst. Wenn wir den Begriff auf die Klimakrise oder umfassender die Krisen der Gegenwart und die damit verbundenen tiefgreifenden Umwälzungen im Sinne einer Zeitenwende aufgreifen, dann können wir uns fragen: Wie halten wir es mit der Apokalypse? Steht sie uns bevor? Liegt sie hinter uns? Stecken wir mittendrin?

Albrecht Dürer: Die vier apokalyptischen Reiter
| Staatliche Kunsthalle Karlsruhe |© Public domain

Ein SWR2-Feature von Barbara Eisenmann hat sich kürzlich mit aktuellen Zukunftsbildern auseinander gesetzt. Sie tut das im Gespräch u.a. mit dem französischen Soziologen Bruno Latour und der spanischen Philosophin Marina Garcés. Vor, während oder nach der Apokalypse? Marina Garcés antwortet auf die Frage mit einem Hinweis auf ein anderes Zeiterleben.

Also wenn ich mich vor oder nach der Apokalypse situieren müsste, dann würde ich mich in einem Danach einsortieren, und zwar nicht in dem Danach, von dem die lineare Erzählung ausgeht, sondern in einem Danach nach der linearen Erzählung der Apokalypse. Denn lineare Erzählungen zwingen uns dazu, dass wir alles, was passiert – die Geschichte, Handlungen, menschliche Erfahrung -, in Begriffen von Anfang und Ende erzählen müssen.

Eine neue Erzählung beginne sich durchzusetzen. Eine neue Zeit löse die Zeit der Geschichte und der Zukunftsversprechen ab. Sie bringe uns dazu, uns als Aussterbende zu denken. Die Geschichte habe sich als eine Erzählung, die in der Zukunft ihren eigentlichen Sinn hat, selbst vernichtet. Garcés unterscheidet zwischen dieser Zerstörung der Welt, der Erde, der Lebensformen, der Kulturen, der Gesundheit, lebbarer Zukünfte auf der einen Seite und der Apokalypse auf der anderen Seite. Diese sei eine narrative Struktur, die als ideologisches Werkzeug der Kontrolle und Unterwerfung eingesetzt werde.

Latour verortet sich und uns hingegen mitten in der Apokalypse.

Die einzige Position in Bezug zur Apokalypse ist, sich gegenüber der Offenbarung – das ist die eigentliche Bedeutung des Wortes „Apokalypse“ – zu öffnen, denn jetzt ist die Gelegenheit zum Handeln. Wenn Sie aber sagen: „Na, wir kommen da schon durch, überdramatisieren Sie mal nicht“, verstehen Sie von der Situation, in der wir uns befinden, nichts. Und das war genau das, was Günther Anders in der berühmten Szene im Zug beschrieb, wo er einen Deutschen traf, der sagte: Wir werden alle sterben, es ist also egal. Anders sagte auch, das ist ein Verbrechen nicht nur gegen die Religion, sondern im Grunde genommen gegen die Existenz selbst.

Das Wort „Apokalypse“ möchte Latour nicht in der Bedeutung als Katastrophe oder Kollaps verstanden wissen, sondern als Begriff für die sich reorganisierende Zeit. Er scheint sich also mit Garcés in dem einen Punkt einig zu sein, dass das lineare Geschichtsverständnis der Moderne zu Ende geht oder schon gegangen ist. Die Beziehung zur Zeit ist im Wandel. Latour greift die Vorstellung eines neuen Zeitpfeils auf, die er in seinem Buch Das terrestrische Manifest ausführlich dargelegt hat. Die lineare Zeitlichkeit mit dem Blick immer nach vorne in die Zukunft gerichtet, bedeute Zerstörung, der sich die Erde, so Latour, mittlerweile widersetze.

Und die Frage hier ist, warum die Modernen eine Beziehung zur Zeit erfunden haben, die uns nur in eine Richtung gehen lässt, noch dazu eine Richtung, die unverhandelbar ist. Teleologie, Zielgerichtetheit ist aber nicht der einzige Weg, die Beziehung zur Zeit zu verstehen. Also diese monolithische, hegemonische Richtung der Moderne in eine Zukunft, die heute ganz und gar vom Kapitalismus und den Schulden kolonisiert ist, ist sicherlich nicht die einzige Art und Weise, in der Zeit zu sein. Und das ist ohnehin vorüber, aus und vorbei.

George Bush sen. hat 1992 vor Beginn der Weltklimakonferenz gesagt: „Unser Lebensstil ist nicht verhandelbar.“ Darin drückt sich die westliche Vorstellung aus, die Apokalypse liege hinter uns. Das Paradies auf Erden sei verwirklicht. Dass die Welt des Wachstums und der Kapitalanhäufung zu Ende gehen könnte, ist für diese Postapokalyptiker nicht vorstellbar.

Die Vorstellung eines guten oder schlechten Endes oder religiös einer Errettung oder Verdammung unterwerfe, so Marina Garcés, jegliche Vielfalt an Lebensformen und Erfahrungen einer einzigen Bewertung: Wird es gut oder schlecht enden?

Die Autorin des Radio-Feature hat noch eine weitere Stimme eingeholt. Evgeny Morozov, der weissrussische Kritiker von Technikutopien, hat den Begriff des „Solutionismus“ für den Glauben an die technische Lösbarkeit aller Probleme geprägt. Mit dem Begriff der Apokalypse kann er zunächst wenig anfangen. Dann fällt ihm doch auf, dass die Technologiegläubigen mit ihrer antipolitischen Haltung sehr wohl apokalyptische Erzählungen für ihre Interessen nutzen. Sie nutzen die Dringlichkeit des Klimawandels, um alles mit ihrem solutionistischen Werkzeugkasten effizienter und schneller zu machen.

Zugrunde liegt dem die Annahme, dass die einzigen Akteure, die die Probleme überhaupt lösen können, Unternehmen seien. Und die wiederum benutzen alle möglichen Diskurse, auch den Apokalypse-Diskurs, als Argumente für ihre eigene Sache. Wir sollen also darauf vertrauen, dass bestimmte Unternehmen ein bestimmtes Problem lösen, weil wir keine Zeit zu verlieren haben, denn die Welt bricht ja zusammen. So gesehen profitieren sie von der Angst und Furcht, die die Gesellschaft heute durchdringen. Sie profitieren politisch, intellektuell und ökonomisch von dieser Angst, die einige von ihnen auch steuern.

Wir haben es heute, so Garcés, mit der Frage zu tun: Wie lange noch? Wie lange werde ich noch eine Arbeit haben? Wie lange werde ich mit meinem Partner noch zusammenleben? Wie lange wird es noch Renten geben? Wie lange Trinkwasser?

Wir seien an Grenzen geraten, an Schwellen, an denen das Lebbare für einen großen Teil der Menschheit und der anderen Lebewesen in Frage stehe. Für einige Wenige gebe es ein Lebensprojekt, das aber den großen Teil der Welt zu etwas Unlebbarem verdamme.

Und wenn wir von der Zukunft als kollektivem Sinnhorizont sprechen, der radikal in Frage steht, dann geht es hier um die Möglichkeit eines lebbaren Lebens auf dem Planeten. Zwar gibt es ein kapitalistisches Projekt, das für alles irgendeine Erneuerung kennt und technologische Utopien, aber hier geht es um die Konstruktion realer Kräfte in der Gegenwart, die sich auf eine Welt beziehen, die nicht mehr die alte ist, die aber auch noch nicht weiß, was für eine Welt sie ist.

Garcés weiter:

Die Frage, Latour spricht auch davon, dass diese Welt nicht mehr unsere Welt ist, die Frage ist also: Wo leben? Und wie leben? Und wie sieht dieses Leben aus, das auch danach gelebt werden will, nach dieser Zukunft oder, anders gesagt, nachdem diese Zukunft radikal in Frage gestellt worden ist. Ich sage ja, es gibt dort ein Leben.

Noch einmal kommt Latour auf das Bild vom Kollaps zu sprechen. Das negative Bild hat eine positive Kehrseite.

Und ich denke, dass es nicht viele Präzedenzfälle dafür in der westlichen Existenz gibt. Das ist auch der Grund, warum wir alle den Boden unter den Füßen verloren haben und warum die Idee eines Crashs, eines Kollapses, so wichtig ist: die Idee nämlich, dass wir landen könnten. Landen ist die positive Variante, aber wir können natürlich auch abstürzen, und das Gefühl eines Kollapses ist überall.

Written by Östermann

28. Dezember 2019 at 14:18

Sensoren (15): Nochmal – der Klimawandel und die Hoffnung

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Wer sich mit dem Klimawandel und seinen möglichen oder wahrscheinlichen Folgen näher befasst, verliert leicht die Hoffnung, dass der Wettlauf mit der Zeit noch gewonnen werden könnte. In einem Blog-Beitrag habe ich kürzlich einige Stimmen vorgestellt, die Wege zur Hoffnung in dieser bedrohlichen Situation aufzeigen. Hier nun ergänzend eine weitere, wie ich meine, wichtige Stimme.

In der Teleakademie hat kürzlich Uwe Schneidewind, Wuppertal Institut, über Nachhaltigkeit gesprochen. In berührender Emotionalität hat er auf einen wichtigen Aspekt aufmerksam gemacht, der in den Debatten über den Weg in die Zukunft meist zu kurz kommt. Es ist ein Privileg, in einer Zeit zu leben, in der es erstmals in der Menschheitsgeschichte möglich geworden ist, allen Menschen – den heute und den zukünftig lebenden – ein gutes Leben zu ermöglichen. Und es ist ein Privileg, tagtäglich an der Verwirklichung dieser großen kulturellen Herausforderung mitarbeiten zu dürfen. Die Vision einer nachhaltigen Welt hilft, so Schneidewind, die Blickverengung auf die großen Probleme und auf einseitig technologische Lösungsansätze zu überwinden.

Der Hoffungsbegriff werde häufig, so Schneidewind, reduziert auf das Prognostizieren äußerer Erfolge, etwa der Einhaltung des 1,5°-Ziels oder dem Bewältigen der Energiewende. Wenn man sich jedoch epochale gesellschaftliche Veränderungsprozesse genauer anschaue, stelle man fest, dass diese immer getragen worden seien von den positiven Energien, die mit diesen Ideen verbunden gewesen seien. Die Energie sei nie gegen etwas gerichtet gewesen. Vielmehr habe sie immer die Vision getragen.

Wenn diese Energie verloren geht, wird sich Veränderung auf keinen Fall einstellen.

Der Diskurs über die Nachhaltigkeit sei wesentlich inspiriert von Historikern, die in ganz anderen Zeitmaßstäben auf Veränderung schauten. Solche Prozesse vollzögen sich immer in Jahrzehnten oder noch längeren Zeiträumen. Wenn man 2015 nehme als das Jahr des Pariser Klimaabkommens und der UN-Nachhaltigkeitsziele, dann seien es gerade mal 70 Jahre, bis sage und schreibe 190 Staaten die Orientierung an einem menschenwürdigen Leben und das Auskommen mit den begrenzten Ressourcen zu ihrem gemeinsamen politischen Kompass erklärt hätten. Eine kulturelle Revolution.

Schneidewind unterscheidet im übrigen mit Bezug auf den Historiker und Philosophen Kwame Antony Appiah drei Phasen, in denen sich solche großen moralischen Umbrüche, z.B. die Abschaffung der Sklaverei oder die Einführung des Frauenwahlrechts, vollziehen. In der ersten Phase wird das Problem gar nicht gesehen. Wenn das Problem irgendwann gesehen wird, rücken die vielen Gründe ins Blickfeld, weshalb es nicht gelöst werden kann. In der Klimadebatte befinden wir uns in dieser zweiten Phase. In der dritten Phase kommt es zu einem Moment, in dem es zu einer „Frage der Ehre“ wird, das Problem anzugehen und zu lösen. Als Beispiel nennt Schneidewind den Atomausstieg nach Fukushima. Im Rückblick frage man sich bei solchen Transformationsprozessen, warum das eigentlich so lange gedauert hat. So ähnlich werde es uns beim Klimaschutz auch mit unseren Enkeln gehen. Wenn sie uns fragen, werden wir selbst nicht mehr verstehen, weshalb wir uns so verhalten haben, wie wir es in der Gegenwart tun.

Deshalb sei das Hoffnungsmomentum so wichtig. Die gesellschaftliche Veränderung entstehe aus vielen einzelnen Momenten, deren Häufigkeit sich immer mehr verdichte. Für das Umschlagen reiche dann oft ein kleiner Funke.

Die Veränderung geschieht nur, wenn es ausreichend Menschen gibt, die von dieser kraftgebenden Hoffnungsenergie getragen sind, wenn es genügend Zukunftskünstlerinnen und -künstler gibt, die die Herausforderung erkennen, aber mit dieser positiven Energie immer wieder nach geeigneten Lösungen suchen.

Written by Östermann

14. November 2019 at 13:35

Sensoren (14): Der Klimawandel und die Hoffnung

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Die apokalyptischen Stimmen mehren sich, die die Annahme bezweifeln, es bleibe noch Zeit, um die Erdüberhitzung auf 1,5° oder wenigstens 2° zu begrenzen. In einem Web-Special kommt auch die Süddeutsche Zeitung zu diesem Schluss.

Das Ziel, die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Niveau auf 1,5 Grad zu begrenzen, das Ziel, auf das sich die Weltgemeinschaft dem Pariser Abkommen nach offiziell verpflichtet hat, ist angesichts der seitdem augenscheinlichen politischen Lethargie fast illusorisch.

Was bedeutet diese Untergangsstimmung für die Bemühungen, zu ein klimafreundlichen Verhalten zu kommen? Für einen anderen Lebensstil? Für ein anderes menschliches Bewusstsein? Ist alles zwecklos? Bleibt uns nur noch, uns dem Schicksal zu fügen? Was nährt Hoffnung? Hierzu einige Stimmen, die einen Eindruck von der Bandbreite der Möglichkeiten vermitteln mögen.

Laissez-faire als Entlastung vom Handlungsdruck

Kürzlich hat sich der österreichische Essayist Wolfgang Müller-Funk in einem Kommentar in DER STANDARD mit dem „reaktualisierten apokalyptischen Narrativ“ auseinander gesetzt. Er ordnet die aktuelle Protestbewegung von Fridays for Future als „zweite ökologische Wende“ ein.

Eine Schere zwischen der Dringlichkeit zu handeln und der Zeit, die nötig wäre, unsere Lebens- und Produktionsweise nachhaltig zu verändern, tut sich auf. Schon die erste ökologische Wende operierte mit dem apokalyptischen Narrativ der drohenden Weltkatastrophe. Wenn nicht sofort etwas geschieht, droht das Ende. Damals war es der Wald, für dessen Überleben es fünf vor oder gar fünf nach zwölf war. Bekanntlich ist das Waldsterben nicht in der dramatisch prognostizierten Form eingetreten, dass es sich mit dem KIimawandel ähnlich verhält, muss man hoffen dürfen. Die Erderwärmung ist zweifelsohne von einer falschen Lebens- und Produktionsweise verursacht, aber das Klima hat sich in früheren Jahrhunderten auch ohne menschlichen Einfluss verändert. Heute sprechen zum Beispiel einige Klimaforscher von einer kommenden Eiszeit – das erschwert die Prognostik zusätzlich.

Eine Variante, mit der Dringlichkeit umzugehen: Müller-Funk verwendet Annahmen, die förmlich zur Verantwortungslosigkeit einladen. Der Mensch hat’s verursacht, aber die Erde wird’s schon richten. Da gibt es doch Wissenschaftler, die diese Annahme stützen. Belege? Fehlanzeige! Er schlägt sich auf die Seite der „nötigen Zeit“ und ignoriert jede Dringlichkeit zu handeln. Die „Komplexität der Gesellschaft“ muss dafür herhalten, sich Zeit zu lassen. Einfach abwarten, irgendwie wird sich das Problem schon lösen. Gelassenheit nennt er diese Laissez-Faire- oder Verweigerungshaltung. Man wird ja noch hoffen dürfen.

Relative Coolness, die die Menschen mobilisiert

DIE ZEIT hat kürzlich ein Essay von Johannes Schneider veröffentlicht. Er beklagt, die Menschen erkennten die Lage der Dinge nicht, weil sie zulange und zuviel Fiktion im Kino und im Fernsehen konsumiert hätten. Je dringlicher die Wissenschaft auf points of no return hinweise, je mehr werde sie den apokalyptischen Mythen und Fiktionen zwangsläufig ähnlich. Jede Prognose, die der Apokalypse ähnlich sei, werde genau durch diese Ähnlichkeit für viele unglaubwürdig. In diesem Dilemma erkennt Schneider einen Hoffnungsschimmer.

Jedes Mitglied dieser Gesellschaft kann – zumindest, wenn es den Ausgleich zwischen seinen und anderen Interessen als notwendig akzeptiert – Klimaschützerin zunächst nur für sich selbst sein. Denn Klimaschutz kann nur aus einer grundlegenden Motivation heraus geschehen wie etwa dem Respekt vor der Schöpfung, den eigenen Kindern oder schlicht der Idee, kein gewissenloses Arschloch zu sein. 

Die Hoffnung erwächst nicht aus einer Motivation, die Welt im großen Ganzen zu retten, sondern aus der Urmotivation, nach einer Maxime zu handeln, von der man wollen würde, dass sie im Großen und Ganzen zur Rettung beiträgt.

Vielleicht aber können mit der hier hergeleiteten relativen Coolness Menschen mobilisiert werden, die – auch aus Gründen der Erzählgeschichte – immun sind gegen die appellative Beschwörung von Weltuntergangsbildern. Vielleicht gelingt genau auf diese Weise ein Aufschub für das Wunder, das – auch davon künden die großen Erzählungen – immer noch kommen kann.

Auch in diesem Beispiel ist es eine Form der Gelassenheit, allerdings ohne die Angst zu verdrängen oder zu relativieren. Die Hoffnung erwächst hier aus einer Art von Tiefenwirkung, die die Menschen zu tiefgreifenden Verhaltensänderungen bringen könnte und so das Wunder ermögliche.

„Vernunft der Krise“

Kürzlich hat sich Peter Graf Kielmannsegg in der FAZ über die drohende Apokalypse der Erdüberhitzung aus der Sicht der Politik, der Demokratie und der offenen Gesellschaft Gedanken gemacht. Ihn beschäftigt u.a. die Frage, ob die Demokratie angesichts der überwältigen Dimension der Aufgabe durch eine „Öko-Diktatur“ abgelöst werden sollte.

Wie soll man sich angesichts der unauflöslich dichten Verflechtung aller Politikbereiche miteinander eine auf das ökologische Segment beschränkte Diktatur vorstellen? Und wie soll Machtmissbrauch verhindert werden, wenn die diktatorische Macht nicht sektoral beschränkt wird? Welche Erfahrung spricht eigentlich dafür, dass Diktatoren ihre Handlungsmacht verantwortungsbewusster, zukunftsorientierter nutzen würden als Politiker der Demokratie?

Es bleibe nur die Chance, die die Demokratie uns eröffne. Die zivisatorische Wende könne nur mit der Einsicht vieler gelingen. Nirgends sei die Hoffnung, dass sich die Einsicht rechtzeitig durchsetzt, größer als in offenen Gesellschaften.

Er schließt mit einem Hoffnungsschimmer, der aus einer „Vernunft der Krise“ erwachse. Der Begriff ist von Hubert Markl kurz vor dem Umweltgipfel 1992 geprägt worden.

Die Vernunft der Krise hat nichts Panisches. Sie ist Vernunft, Vernunft, die den Ernst der Stunde begriffen hat und sich, immer lernbereit, der Herausforderung mit äußerster Konzentration und allen ihr eigenen Kräften stellt.

Graf Kielmannsegg sieht diese Vernunft wachsen. Die ersten Schritte eines Lernprozesses seien getan.

Sich aus der Schockstarre befreien

Der Norwegische Psychologe Per Espen Stoknes beschäftigt sich in diesem TED-Video mit der „Apokalypse-Müdigkeit“. Er unterscheidet fünf Reflexe, wie Menschen auf erschreckende oder bedrohliche Nachrichten reagieren, wie sie auf Distanz gehen, sich die Apokalypse förmlich vom Leib halten und jedes Engagement für den Klimaschutz im Keim ersticken: Ohnmachtsgefühle, Vermeidung von Angst auslösenden schicksalhaften Nachrichten, schlechtes Gewissen z.B. beim Autofahren oder Fliegen, das Thema leugnen oder vermeiden, und schließlich persönliche Werte, die Fakten übertrumpfen, wenn die eigene Identität bedroht scheint.

Diese Spielarten der Distanzierung lassen sich, so seine Botschaft, in Engagement verwandeln. Man kann z.B. dafür sorgen, dass sich Klimaschutz vertraut und persönlich anfühlt. Wenn z.B. Freunde oder Nachbarn Solarpanel auf dem Dach installieren, fällt es leichter, es auch zu tun. Wir können die Vorteile klimafreundlichen Verhaltens in den Vordergrund rücken, z.B. sind Burger ohne Fleisch gesünder. Auch Nudging ist für Stoknes eine Möglichkeit, klimafreundliches Verhalten zu befördern. Die Lebensmittelverschwendung lässt sich z.B. in Kantinen durch kleinere Teller reduzieren. Und schließlich empfiehlt er, Geschichten zu verbreiten, die die Richtung erkennen lassen. So ließe sich etwa konkret über die Atemluft statt abstrakt über das Klima sprechen, über die dünne Membran, die die blauen Ozeane mit dem unendlichen Weltall verbindet. In dieser dünnen Haut sind wir alle eng miteinander verbunden. In ihr wird alles Leben genährt und erhalten. Sie füllt mit den Wolken und dem Regen die Flüsse und gießt die Wälder.

The new Psychology of climate action lies in letting go, not of science, but of the chrutches of abstractions and doomism, and then choosing the new stories.

Die andere Hoffnung

Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen hat kürzlich in einem Beitrag für den NewYorker ebenfalls den Gedanken durchgespielt, die Klimakatastrophe mit ihren schrecklichen Folgen sei unausweichlich.

If you’re younger than sixty, you have a good chance of witnessing the radical destabilization of life on earth—massive crop failures, apocalyptic fires, imploding economies, epic flooding, hundreds of millions of refugees fleeing regions made uninhabitable by extreme heat or permanent drought. If you’re under thirty, you’re all but guaranteed to witness it.

Was tun? Hoffen, dass die Katastrophe noch vermeidbar ist? Oder die Situation akzeptieren? Franzen plädiert klar für die zweite Option. Es ist jedoch keineswegs Resignation, die ihn treibt. Er sieht die Chance, zu einer anderen, einer erneuerten Form der Hoffnung zu kommen.

Franzen bringt das Problem auf den Punkt mit dem Zitat von Franz Kafka: „Es gibt unendlich viel Hoffnung in der Welt – außer für uns.“ Ihm scheint, als treffe die Umkehrung dieses Zitats gleichermaßen zu: „Es gibt keine Hoffnung in der Welt – außer für uns.“ Wer sich um das Leben auf der Erde sorge, habe nur zwei Möglichkeiten. Die Hoffnung unerschütterlich aufrecht erhalten, die Katastrophe sei noch abzuwenden – und immer mehr Frust über die Untätigkeit der Welt anzusammeln. Oder das kommende Unglück akzeptieren und neu zu denken, was Hoffnung bedeuten könnte.

Das Leugnen der unglücklichen Zukunftsaussicht sei, so Franzen, psychologisch nachvollziehbar.

Given a choice between an alarming abstraction (death) and the reassuring evidence of my senses (breakfast!), my mind prefers to focus on the latter. … Climate apocalypse … is messy. It will take the form of increasingly severe crises compounding chaotically until civilization begins to fray. Things will get very bad, but maybe not too soon, and maybe not for everyone. Maybe not for me.

Mit Blick auf die Politik, die riesige Mengen Geld, z.B. für Biogasanlagen, verschwende und damit die Abholzung der Regenwälder in Indonesien finanziere, mit Blick auf die Energiewirtschaft, z.B. die vielen geplanten und im Bau befindlichen Kohlekraftwerke, auf die vielen Menschen, die z.B. Nachrichten als fake news leugneten und Klimaschutzmaßnahmen bekämpften – sei es für ihn unmöglich, auch nur ein Szenario zu erkennen, wie das Zwei-Grad-Ziel erreicht werden könnte. Umfragen zeigten, dass er mit dieser Schlussfolgerung nicht alleine sei. Nur die Medien zögerten, sie zu veröffentlichen.

Was könnte passieren, wenn wir uns wechselseitig die Wahrheit sagten? Er teilt die Auffassung mancher Aktivisten nicht, dass dies Menschen entmutigen könnte, überhaupt etwas zu unternehmen. Allein wenn menschliches Handeln das Tempo des Klimawandels auch nur ein wenig reduziere, lohne es sich. Sogar wenn keine Wirkung zu erwarten wäre, lohnten sich Klimaschutzmaßnahmen.

To fail to conserve a finite resource when conservation measures are available, to needlessly add carbon to the atmosphere when we know very well what carbon is doing to it, is simply wrong. Although the actions of one individual have zero effect on the climate, this doesn’t mean that they’re meaningless. Each of us has an ethical choice to make. … I can respect the planet, and care about the people with whom I share it, without believing that it will save me.

Wenn wir glauben, dass das Zwei-Grad-Ziel noch erreichbar ist, bestehe die Gefahr, dass wir uns selbstgenügsam damit zufrieden geben, grüne Kandidaten zu wählen, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren und auf Flüge zu verzichten. Erst wenn wir die Wahrheit akzeptieren, so Franzen, erkennen wir, dass weit mehr zu tun ist. Ganz andere Maßnahmen gewinnen an Bedeutung.

In times of increasing chaos, people seek protection in tribalism and armed force, rather than in the rule of law, and our best defense against this kind of dystopia is to maintain functioning democracies, functioning legal systems, functioning communities. In this respect, any movement toward a more just and civil society can now be considered a meaningful climate action. Securing fair elections is a climate action. Combatting extreme wealth inequality is a climate action. Shutting down the hate machines on social media is a climate action. Instituting humane immigration policy, advocating for racial and gender equality, promoting respect for laws and their enforcement, supporting a free and independent press, ridding the country of assault weapons—these are all meaningful climate actions. To survive rising temperatures, every system, whether of the natural world or of the human world, will need to be as strong and healthy as we can make it.

Franzen plädiert für ein ausgewogenes Spektrum von Hoffnungen. Mehr im Lokalen handeln. Erhalten, was uns wichtig ist, eine Gemeinschaft, eine Institution, ein Stück Natur, eine bedrohte Tier- oder Pflanzenart. Wichtig sind solche Handlungen nicht, um sich vor einer heissen Zukunft schützen, sondern weil sie heute gut sind.

As long as you have something to love, you have something to hope for.

Written by Östermann

17. September 2019 at 21:52

Zukunftsfähigkeit – ein Wort zum Heulen?

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Auf dem Evangelischen Kirchentag und in einem Gastbeitrag der Oldenburger Nordwestzeitung hat Heribert Prantl über den Gebrauch des Wortes „Zukunftsfähigkeit“ gewettert.

Dass aus dem herrlichen Wort „Zukunft“ so etwas Abscheuliches wie „Zukunftsfähigkeit“ gemacht worden ist, ist zum Heulen. Das Wort „zukunftsfähig“ ist ein verlogenes Wort, weil es so tut, als gäbe es eine feststehende Zukunft, für die man fit gemacht werden müsse. Es gibt aber keine Zukunft, von der man sagen könnte, dass es sie einfach gibt. Es gibt nur eine Zukunft, die sich jeden Augenblick formt – je nachdem, welchen Weg ein Mensch, welchen Weg eine Gesellschaft wählt. Die Bewegung „Fridays for Future“ versucht, Gesellschaft und Politik auf einen neuen Weg zu führen.

Als Organisationsberater habe ich den Begriff bisher gerne und häufig verwendet. Und zwar, gerade weil die Zukunft unbestimmt ist. Weil jede Organisation lernen muss, mit der hohen Komplexität umzugehen. Es geht um organisatorische Fähigkeiten, die die meisten Unternehmen, Behörden, Museen oder Schulen mühsam lernen müssen. Das Akronym VUCA ist in der Management- und Beraterzunft so populär geworden, weil Organisationen unter Bedingungen handlungsfähig bleiben wollen, die als verwirrende Mischung aus Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität erlebt wird. Beliebt ist auch die Vorstellung, auf VUCA mit VUCA – vision, understanding, clarity, agility – zu antworten.

Wie wollen wir leben?

Diese SWR-Reportage zeigt an verschiedenen Beispielen, wie sich die Arbeitswelt verändert. Weniger Hierarchie oder Abschied von der Hierarchie, kürzere und flexiblere Arbeitszeit, Selbstverantwortung im Team, agile Vorgehensweisen, Job-Sharing – was vor zwei Jahrzehnten noch Zukunftsmusik war, ist heute in vielen Unternehmen gelebte Praxis. Ein Unternehmen entwickelt mit der Kreativität der Mitarbeitenden eine Zukunftsvision, um für die „neue Zeit“ „zukunftsfähig“ zu sein. Aber was zeichnet diese „neue Zeit“ aus? Weshalb ist eine „Transformation“ unumgänglich? Der Film verweist auf anspruchsvollere Produktionsabläufe durch Digitalisierung, Automatisierung und Robotisierung, auf Effizienzgewinne, die dadurch erzielt werden können. Die Gewerkschaftsvertreter zeigen sich hoffnungsvoll, dass kürzere Arbeitszeiten bei vollem Gehalt möglich werden. Den Zuschauenden drängt sich der Eindruck auf, das alles habe mit der Klimakrise nichts zu tun. Blenden Unternehmen einen existenziellen Teil der wahrscheinlichen Zukunft einfach aus?

Für die Zukunftsforschung ist der Klimawandel ein Trend unter vielen

Ähnlich beobachten Zukunftsforscher – wie z.B. die Strategic Intelligence des WEF – technologische und soziale Trends vorrangig mit Blick auf mehr oder weniger wahrscheinliche neue Märkte. Es geht meist darum, den Anschluss an den Fortschritt zu halten, neue Produkte zu entwickeln und rechtzeitig auf neuen Märkten präsent zu sein. Klimawandel, Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und Umweltschutz werden zwar als Trends mit einbezogen, gehen jedoch in der Fülle dutzender anderer Trends unter. Das Terrestrische oder die Biosphäre werden marginalisiert.

Zukunftsfähig ist eine Organisation erst, wenn sie nachhaltig wirtschaftet

An ihrer Zukunftsfähigkeit arbeitet eine Organisation heute erst, wenn sie sich den existenziellen Fragen des Klima-, Umwelt- und Artenschutzes mit Priorität widmet. Organisationen, die die Klimakrise und die Auswirkungen des Wirtschaftens auf die Artenvielfalt ignorieren, sind allein deshalb auf längere Sicht nicht lebensfähig, schlicht und einfach, weil sie dazu beitragen, ihren eigenen und unser aller Lebensraum zu zerstören. Zukunftsfähigkeit heisst unter den Bedingungen der Klimakrise, was und wie produziert wird, trägt direkt oder indirekt, in jedem Fall aber nachvollziehbar, zur Minderung der Klimakrise bei. Gemessen daran sind heute die wenigsten Unternehmen zukunftsfähig.

Unternehmen kommt eine wesentliche Rolle bei jeder Nachhaltigkeitsstrategie zu. Darauf hat Reinhard Loske in seinem Buch „Politik der Zukunftsfähigkeit“ hingewiesen, auf das ich hier kürzlich in einem Beitrag hingewiesen habe. Es sei nicht damit getan, politisch den Ordnungsrahmen für ein nachhaltiges Wirtschaften, z.B. eine CO2-Steuer oder -Bepreisung, festzulegen. Loske schlägt drei grundlegende Fragen vor.

  • Was sind aus Nachhaltigkeitsperspektive adäquate Unternehmensgrößen und Unternehmensverfassungen?
  • Wo liegt die unternehmenseigene Verantwortung für Nachhaltigkeit?
  • Welches Berichtswesen wird dafür gebraucht?

Loske weist darauf hin, dass es im unregulierten kapitalistischen Wettbewerb unweigerlich zur ökonomischen Machtballung, zu ungesunden Unternehmensgrößen und zu Monopolen kommt, die mit der politischen Macht unheilige Allianzen gegen das Gemeinwohl eingehen. Sie neigen dazu, sich an Wachstums-, Gewinn- und Anlegerinteressen auszurichten und ökologische wie soziale Folgeschäden zu externalisieren und auf die Gesellschaft abzuwälzen. Als Beispiele nennt er die deutschen Automobilkonzerne, die deutsche Chemieindustrie und die großen Öl-, Gas- und Kohlekonzerne. Mit enormem Lobbyaufwand hätten sie es immer wieder geschafft, anspruchsvolle Klimaschutzstandards von ihren Produkten fern zu halten und sogar den internationalen Klimaschutzprozess zum Stillstand zu bringen.

Aber die Bekämpfung von Monopolmacht sei möglich, wie das Beispiel der großen deutschen Stromkonzerne zeige. Durch Atomausstieg und EEG sei die dezentrale Eigenerzeugung so stark stimuliert worden, dass sich die Marktstruktur gerade radikal in Richtung dezentraler und verteilter Prosumentennetzwerke transformiere.

Auch seien Unternehmensformen wie Personengesellschaften, Genossenschaften und kommunale Betriebe eher als Kapitalgesellschaften geeignet, soziale und ökologische Ziele zu verfolgen und sich am langfristigen statt am kurzfristigen Erfolg zu orientieren.

Loske betont, was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Jedes Unternehmen hat eine gesellschaftliche Verantwortung und muss über sein Wirken Auskunft geben. Es reicht nicht aus, Güte und Nutzen der Produkte sprechen zu lassen. In einer ökologisch sensiblen Öffentlichkeit bestehe, so Loske, großes Interesse, ehrliche Antworten auf die Fragen zu erhalten: Wie produziert ein Unternehmen? Wie geht es mit seinen Mitarbeitenden um? Woher bezieht es seine Ressourcen? Wie setzt es sie ein? Wie trägt es zum Schutz von Natur und Umwelt bei? Wie behandelt es seine Nachbarn und seine Geschäftspartner?

Was letztlich gebraucht wird, ist eine standardisierte Gemeinwohlbilanz für jedes Unternehmen, welche wahrhaftig Auskunft über seine ökologischen und sozialen Relationen gibt: zu Lieferanten, Geldgebern, Mitarbeitern und gesellschaftlichem Umfeld. Läge neben der traditionellen Unternehmensbilanz und seiner Gewinn- und Verlustrechnung auch eine Gemeinwohlbilanz, ließe sich schnell erkennen, wer nachhaltig wirtschaftet und wer nicht. (S. 184)

Visionen an den konkreten Maßnahmen und deren Wirkung messen

Nils Brunsson, der schwedische Organisationsforscher, hat einmal auf das Problem der Scheinheiligkeit in der Unternehmensführung hingewiesen.

Unternehmen sind vielen verschiedenen und widersprüchlichen Anforderungen ausgesetzt. Scheinheiligkeit ist die zwangsläufige Folge. Unternehmen sollen effizient sein und Gewinne erzielen, aber auch Arbeitsplätze zur Verfügung stellen und das Klima schützen. Unternehmen sollen demokratisch sein und auf Diversität achten, und sie werden für gute Arbeitsbedingungen ihrer Mitarbeiter – und zunehmend auch für die ihrer Vertragspartner und von deren Zulieferern – zur Verantwortung gezogen.

Klima-, Arten- und Umweltschutz vertragen ein So-Tun-Als-Ob nicht. Ein ehrliches Ringen um nachhaltige Produkte und Produktionsweisen ist ebenso unerlässlich wie ein intensiver Dialog in den Netzwerken, in die eine Organisation eingebunden ist, und die wechselseitige Kontrolle, wie die soziale und ökologische Verantwortung angemessen wahrgenommen wird.

Digitale Transformation ist ein sozialer Prozess

Die Digitalisierung gewinnt in einem solchen Szenario einen anderen Sinn. Dirk Baecker hat kürzlich in einen Essay darauf aufmerksam gemacht, dass die digitale Transformation kein technischer, sondern ein sozialer Prozess ist.

Alle wichtigen Akteure der Gesellschaft müssen lernen, verantwortungsvoll mit ihm umzugehen, während niemand weiß, wohin dieser Prozess uns noch führt.

Die Digitalisierung kann erst aus diesem Verständnis heraus ihr Potenzial für die Lösung der existenziellen Probleme entfalten. Baecker weist auf den entscheidenden Unterschied hin.

So kann man das Verhältnis von Unternehmen und Märkten, Parteien und öffentlicher Meinung, Wissenschaft und empirischen Gegenständen, Intimitätswünschen und Partnerschaften, aber auch Kohlendioxidemissionen und Klimawandel, Antibiotikaeinsatz in der Landwirtschaft und resistenten Bakterien sowie Konsumentennachfrage und Drohneneinsatz nicht nur erforschen. Das konnte man früher auch schon. Man kann es vielmehr in Echtzeit auswerten und mit strategischen Maßnahmen unterstützen, fördern oder bekämpfen, je nach Bedarf. 

Hinzu kommt der Einsatz künstlicher Intelligenz, die man auch braucht, weil man in dem Heuhaufen der im Internet der Dinge massenhaft produzierten Daten die Nadel nicht mehr findet, die den Unterschied macht. Datenproduktion und Datenauswertung ist das Gesetz der digitalen Transformation. Das gilt für Unternehmensführung und Kriegsführung, für politische Kampagnen und Werbekampagnen, für Kunst und Unterhaltung, Bildung und Terrorismusbekämpfung, Finanzmärkte und Logistikketten, Agrarwirtschaft und Gesundheit.

Zukunftsfähigkeit neu definieren

Prantl geht es im übrigen bei seiner Klage über den mangelnden Willen, die Zukunft aktiv zu gestalten, nicht darum, den Begriff „Zukunftsfähigkeit“ zu löschen. Er möchte ihn neu definieren.

Die Frage ist nämlich nicht, welche Zukunft man hat oder erleidet, die Frage ist, welche Zukunft man haben will, und wie man darauf hinlebt und darauf hinarbeitet. Die Frage ist nicht, was auf die Gesellschaft zukommt, sondern wohin sie gehen will. Zukunftsfähigkeit muss daher neu definiert werden, nämlich so: Wie wird die Zukunft fähig für die Gesellschaft? Wie wird sie fähig für ein Leben, das mehr ist als ein Überleben? Diesen Versuch unternimmt „Fridays for Future“. Es ist eine pfingstliche Bewegung.

Manifeste (13): Das Ecomodernist Manifesto

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Heute – am 29. Juli 2019 – ist Erdüberlastungstag. Wir haben für das laufende Jahr die Ressourcen aufgebraucht, die die Natur in einem Jahr erzeugen kann. Dies möchte ich zum Anlass nehmen, ein Manifest anzuschauen, das den Ressourcen- und Flächenverbrauch besonders in den Mittelpunkt rückt, das Ecomodernist Manifesto.

Das Ecomodernist Manifesto (hier in deutscher Übersetzung) wurde 2015 von einer Gruppe um das Breakthrough-Institut in Kalifornien veröffentlicht. Unter den Unterzeichnern findet sich auch Michael Shellenberger, ein Umweltaktivist und Mitbegründer des Instituts, der sich kürzlich kritisch zur deutschen Energiewende geäußert hat. Er hält die regenerativen Technologien für eine Sackgasse. Zu raum- und zu ressourcenintensiv seien sie.

I

Diese Auffassung liegt auch dem Manifest zugrunde. Es argumentiert stark aus der Perspektive des Flächenverbrauchs. Das Manifest artikuliert die Vision eines „großartigen Anthropozäns“, eines umfassenden Wohlstands für alle bei gleichzeitiger Minimierung der Umweltbelastung. Ziel ist die „Entkopplung“ von Mensch und Natur. Man könnte auch sagen: maximaler Wohlstand für alle bei minimalem Verbrauch von Ressourcen und der Natur vorbehaltener Fläche.

Die Entkopplung wird dabei sowohl relativ als auch absolut betrachtet. Relative Entkopplung bedeutet, dass die menschlichen Umweltauswirkungen langsamer zunehmen als das gesamtwirtschaftliche Wachstum. Folglich entsteht für jede Einheit Wirtschaftsleistung weniger Umweltbelastung (z.B. durch Abholzung, Artensterben, Umweltverschmutzung). Die Auswirkungen nehmen insgesamt immer noch zu, jedoch langsamer als es sonst der Fall wäre. Absolute Entkopplung tritt ein, wenn die Gesamtumweltbelastung — die Belastung in der Summe — einen Höchststand erreicht und anfängt zu sinken, während die Wirtschaft weiterhin wächst.

Ein ökomodernes Manifest, Abschnitt 2

Das Manifest würdigt die langfristigen Erfolge des kapitalistischen und industriellen Wirtschaftens ausführlich. Lebenserwartung, Gesundheit, Wohlstand – alles Verdienste stetiger Produktivitätssteigerung. Besonders dazu beigetragen hat die weit fortgeschrittene Entwicklung in der Landwirtschaft.

Diese Betrachtung der relativen Verbräuche und der relativen Externalitäten prägt die gesamte Argumentationslinie der Ökomodernisten. Der relative Landgebrauch pro Ernährungseinheit ist gesunken. Es würden mittlerweile, so die Autoren, mehr Waldflächen wieder aufgeforstet als abgeholzt. Die Stickstoffbelastung nehme zwar insgesamt noch zu, pro Produktionseinheit habe sie jedoch stark abgenommen. Und so weiter.

Insgesamt bedeuten diese Trends, dass der Einfluss der Menschen auf die Umwelt, einschliesslich Änderungen in der Landnutzung, Raubbau und Verschmutzung, in diesem Jahrhundert den Höchststand erreichen und sinken kann. Wenn die Menschen diese neu auftauchenden Prozesse verstehen und vorantreiben, haben sie die Chance, die Erde wieder stärker der Natur zu überlassen — selbst dann, wenn die Entwicklungsländer moderne Lebensstandards erreichen und die materielle Armut endet.
Im Gegensatz zu der oft geäusserten Befürchtung, dass unbegrenztes Wachstum auf einen begrenzten Planeten trifft, wird die Nachfrage nach vielen materiellen Gütern mit wachsendem Wohlstand gesättigt sein.

dto, Abschnitt 2

Die Autoren können keine Grenzen des Wachstums erkennen.

Trotz den seit den 70er Jahren anhaltenden Warnungen vor den fundamentalen „Grenzen des Wachstums“ gibt es nach wie vor auffällig wenig Hinweise, dass die Möglichkeiten, Nahrung und natürliche Ressourcen zu beschaffen, irgendwann in absehbarer Zukunft an Grenzen stossen werden. […] Solange es genug Energie und Fläche gibt, können sonstige Ressourcen, wenn sie einmal knapp werden, leicht durch andere ersetzt werden.

dto., Abschnitt 1

Gleichwohl sehen sie langfristig ernsthafte Umweltbedrohungen durch den menschengemachten Klimawandel.

Im Gegenzug bieten moderne Technologien, die natürliche Ökosystemkreisläufe und -dienstleistungen effizienter nutzen, eine echte Chance, um die Gesamtheit der menschlichen Auswirkungen auf die Biosphäre zu reduzieren. Wenn wir diese Verfahren nutzen finden wir den Weg zu einem guten Anthropozän.  

dto., Abschnitt 3

Wie elitär der Ansatz ist, zeigen die Autoren, wenn sie die Menschen auf die ungehemmte Nutzung verfügbarer Technologie, auf das Ignorieren des Klimawandels und damit förmlich auf das Motto „Lokal denken, lokal handeln“ einschwören.

Klimawandel und andere ökologische Herausforderungen weltweit sind für die meisten Menschen nicht die wichtigsten Probleme. Und das sollten sie auch nicht sein. Ein Kohlekraftwerk in Bangladesch kann zu Luftverschmutzung und erhöhtem Kohlendioxidausstoss führen, doch es rettet auch Leben. 

dto., Abschnitt 4

Sie sind davon überzeugt, dass Konflikte zwischen dem Klimaschutz und dem „kontinuierlichen Entwicklungsprozess“, durch den Milliarden von Menschen weltweit moderne Lebensstandards erreichen, weiterhin zugunsten des letzteren entschieden werden. Es geht ihnen also um Kontinuität auf dem Pfad des Fortschritts. Diese Kontinuität setzt allein voraus, die schon bestehenden Dekarbonisierungsprozesse beschleunigt voranzutreiben. Aber woher soll diese Beschleunigung kommen? Die Autoren setzen ganz auf Intensivierung des Einsatzes vorhandener Technologien.

Urbanisierung, landwirtschaftliche Intensivierung, Kernenergie, Aquakultur und Meerwasserentsalzung sind alles Prozesse mit einem nachgewiesenen Potenzial, die Beanspruchung der Natur durch den Menschen zu verringern und nichtmenschlichen Spezies mehr Raum zu geben. Zersiedelung, extensive Landwirtschaft und viele Formen der Energieerzeugung durch erneuerbare Energien erfordern dagegen mehr Land und Ressourcen und lassen der Natur weniger Raum.

dto., Abschnitt 3

Sie setzen auf Technologien mit hoher Energiedichte, auf hocheffiziente Solarzellen, Kernspaltung, Kernfusion und auf die Abscheidung von CO2 aus der Atmosphäre.

Die Geschichte früherer Energiewenden zeigt, dass es übereinstimmende Muster im Zusammenhang mit den Wegen gibt, die die Gesellschaften einschlagen, um sich in Richtung umweltfreundlichere Energiequellen zu bewegen. Der Weg ging immer über den Ersatz von minderwertigen, weniger dichten Brennstoffen zu hochwertigen, dichteren. Dieses Prinzip weist auf eine beschleunigte Dekarbonisierung in der Zukunft hin. Der Übergang zu einer Welt, die CO2-frei angetrieben wird, wird Energietechnologien mit hoher Energiedichte erfordern, die zig Terawatt liefern können, um die wachsende Wirtschaft mit Energie zu versorgen.

dto., Abschnitt 4

II

Das Manifest dürfte viele ansprechen, weil es pragmatisch klingt und mit dem Versprechen verbunden ist, den eigenen Lebensstil unverändert lassen zu können. Wenn wir die fünf grundlegenden Strategien für Klima-, Umwelt- und Artenschutz heranziehen, die Reinhard Loske unterscheidet – das sind Effizienz, Substitution, Suffizienz, Subsistenz und Kooperation – dann haben wir es bei diesem Manifest mit einer reinen Technologie- und Wachstumsstrategie zu tun, die einseitig auf Effizienzsteigerung und auf Substitution durch technologischen Fortschritt setzt. Verzicht und Änderungen des Lebensstils sind kein Thema. Auch soziale Innovationen, neue Formen der Zusammenarbeit, Prosumer- oder Sharing-Modelle spielen in dem Manifest überhaupt keine Rolle. Eine Subsistenzwirtschaft lehnen die Autoren ausdrücklich ab.

Städte, wie sie die Menschen heute kennen, könnten nicht ohne radikale Veränderungen in der Landwirtschaft existieren. Im Gegensatz dazu ist Modernisierung in einer Subsistenzwirtschaft nicht möglich.

dto., Abschnitt 2

Auch Suffizienz und Kooperation spielen in dem Manifest keine Rolle. Wozu auf Fleisch verzichten, wenn der technologische Fortschritt und der Einsatz der Kernenergie eine Nahrungsmittelproduktion im bisherigen Stil für alle ermöglicht? In ihrem linearen Denken haben Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft keinen Platz. Kein Wort über Rebound-Effekte, die Umweltentlastungen durch neue Technologien wieder aufzehren. Kein Wort über die Chancen der Digitalisierung, die zirkulären Prozesse der Ökosysteme in der Biosphäre besser zu verstehen.

Das Manifest strebt eine Entkopplung von der Natur an. Es scheint, das Verhältnis zur Natur dabei aber nicht grundlegend zu hinterfragen. Die Natur wird unverändert als Produktionsfaktor verstanden. Einzig das Ausmaß seiner Nutzung ist letztlich zu reduzieren.

Der CO2-Anteil in der Atmosphäre ist in den letzten 200 Jahren nicht kontinuierlich gestiegen. Er steigt in den letzten Jahrzehnten stark überproportional an. Diese Beschleunigung der Erderwärmung, der Umweltzerstörung, der Zerstörung der Biodiversität und negative Rückkopplungseffekte blendet das Manifest einfach aus. Es schreibt die Strategie der Industrialisierung einfach in die Zukunft fort und setzt auf Marktsättigungen und eine vielleicht ressourcenschonende Dienstleistungswirtschaft, die zu einer Trendumkehr irgendwann in diesem Jahrhundert führen.

Die Autoren scheinen zu übersehen, dass die hochdynamischen Prozesse in der Biosphäre und beim Bevölkerungswachstum auf der einen Seite und die Effizienzsteigerungen einer wachsenden Wirtschaft auf der anderen asynchron verlaufen. Die Rechnung, einzig und allein auf die technologische Entwicklung zu setzen, wird rein zeitlich nicht aufgehen. Es ist unumgänglich, alle denkbaren Strategien zu nutzen, um eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft zu erreichen. Dazu gehört auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem materiellen Lebensstil, der den Menschen von der heute dominierenden Art des Wirtschaftens nahegelegt wird.

III

Die Ökomodernisten machen es sich allzu einfach. Jedenfalls ist der Erdüberlastungstag Jahr für Jahr ein paar Tage früher erreicht. Eine Trendumkehr im Sinne einer absoluten Entkopplung der Wirtschaft von der Natur ist nicht in Sicht.

Written by Östermann

29. Juli 2019 at 19:39

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