Östermanns Blog

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Archive for the ‘Nachhaltigkeit’ Category

Sensoren (13): Transformationsdynamik und Nachhaltigkeitswende – Reinhard Loske

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I

Der Youtuber Rezo hat vor der Europawahl mit seinem emotionalen Video die etablierten Parteien aufgeschreckt. Diese glauben, der Klimawandel sei eben „gegenwärtig“ das vorherrschende Thema bei den Bürgern. Der Eindruck ist unvermeidlich, dass sie die Zeichen der Zeit entweder bewusst ignorieren, leichtfertig übersehen oder einfach nicht verstehen. Die etablierte Politik ist ebenso wie die Wirtschaft immer noch viel zu sehr einem kurzfristigen Denken verhaftet.

Rezo hat sehr deutlich gemacht, worauf es im Kampf gegen die Klimakrise vor allem ankommt: Aufhören, Kohle, Erdöl und Erdgas aus der Erde zu buddeln und zu verbrennen. Und: Es bleibt nicht mehr viel Zeit, aus der fossilen Energiewirtschaft auszusteigen. Dieser Hinweis ist verdienstvoll, gerade weil die etablierten Politiker mehrheitlich nicht in der Lage sind, diesen Sachverhalt klar zu benennen.

Hier ausführlich das auch von Rezo zitierte Video, in dem Volker Quaschning und Maja Göbel die Dringlichkeit zu einem radikalen Politikwechsel erläutern.

II

Wenn – wie es scheint – gerade ein Bewusstsein für die Dringlichkeit in der breiten Öffentlichkeit entsteht, ist die Frage, wie die „große Transformation“, wie die Nachhaltigkeitswende gelingen kann. Dazu hat Reinhard Loske, bis vor kurzem Professor für Transformationsdynamik an der Universität Witten-Herdecke und jetzt Präsident der Cusanus-Hochschule, schon 2015 ein Buch veröffentlicht, das die vielfältigen Ansätze für den Klimaschutz und die dazu notwendige Nachhaltigkeitswende allgemein verständlich einordnet und erläutert. Besonders das Wechselspiel zwischen ökonomischer, sozialer und ökologischer Perspektive sowie die Handlungsmöglichkeiten einer zukunftsfähigen Politik nimmt er ausführlich in den Blick.

Sozialer Zusammenhalt und Gerechtigkeit sowie ökonomische Vitalität und Robustheit sind für die heute Lebenden und ihre Gesellschaften zwar elementare Bedingungen, dürfen aber nicht auf Kosten der lebensspendenden Natursysteme und -funktionen, der zukünftigen Menschheitsgenerationen und der Menschen in ärmeren Teilen der Welt gehen. All das erfordert langfristiges Denken und das Einbeziehen von Zukunftsbelangen in Gegenwartshandeln. (S. 14)

Daran müssen sich die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft messen lassen.

Loske erläutert den Begriff Nachhaltigkeit, der häufig für irreführende Werbebotschaften missbraucht worden ist, obwohl er – nimmt man die Transformation ernst – wohl unverzichtbar ist. Nachhaltigkeit ist mehr als Umweltschutz.

Bei der Nachhaltigkeit geht es darum, die Bedürfnisse der hier und heute Lebenden so zu befriedigen, dass sie
– zukünftigen Generationen,
– Menschen in anderen Teilen der Welt und
– der nicht-menschlichen Kreatur
nicht die Lebensgrundlagen entziehen, …

Besonders aufschlussreich ist seine ausführliche Betrachtung der politischen Nachhaltigkeitsstrategien, die sich an diesem Grundsatz messen lassen müssen. Loske ordnet die verwirrende Vielfalt an Ideen und Lösungsansätzen, die einen Beitrag zu einer nachhaltigen Gesellschaft leisten wollen. Er unterscheidet fünf grundlegende Strategien, wie ökologische Ziele zu erreichen versucht wird: Effizienz, Substitution, Suffizienz, Subsistenz und Kooperation.

Der alte Pfad ist nicht mehr attraktiv, in erreichbarer Nähe sind neue, lustmachende und bessere Wege erkennbar, auf die man gerne und aus freien Stücken wechseln möchte. Vielleicht, weil man mit viel weniger Ressourcenaufwand die gleichen Ziele erreichen kann (Effizienz), weil man statt schmutziger oder gefährlicher Technologie saubere einsetzen kann, um seine Ziele zu erreichen (Substitution). Weil man gar nicht (mehr) so viele Güter braucht, um zufrieden zu sein, also andere Ziele anstrebt als materielle (Suffizienz), weil man Freude daran findet, Dinge selbst zu machen, statt sie zu kaufen, und so eher dem Ziel der Autonomie als der Einkommenserzielung folgt (Subsistenz), weil man Ziele gemeinsam mit anderen verfolgen und Dinge gemeinsam nutzen kann, ohne sie besitzen zu müssen (Sharing). (S. 228)

Keine dieser Strategien ist für sich allein geeignet, die Klimaziele zu erreichen. Entscheidend ist, wie es gelingt, Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialziele mit einem integrierten Maßnahmenbündel gleichermaßen zu erreichen.

Die gerade in der Politik sehr beliebten Effizienzkonzepte leiden an zwei Problemen. Die niedrigen Energie- und Ressourcenpreise schaffen wenig Anreiz zur Effizienzverbesserung. Der Rationalisierungsdruck liege, so Loske, vielmehr auf dem kostenintensiven Faktor Arbeit. Es werden „eher Menschen als Kilowattstunden ‚arbeitslos‘ gemacht“. Das zweite Problem: Wo technische Effizienzpotenziale tatsächlich ausgeschöpft werden, tritt häufig der Rebound-Effekt ein. Die Effizienzgewinne werden durch Wachstumseffekte aufgefressen oder gar überkompensiert.

Die Substitution von fossilen Energieträgern durch erneuerbare Energiequellen ist zwingend, wenn die Klimaschutzziele erreicht werden sollen. Die fossilen Brennstoffe müssen in der Erde bleiben. Eine für die etablierte Ökonomie provozierende Tatsache. Sie muss umdenken. Denn ökonomische Modelle werden sehr wohl gebraucht. Aber andere. So stifte, betont Loske, ein in die Energieeinsparung investierter Euro ungleich mehr für den Klimaschutz als ein Euro, der zur Subventionierung erneuerbarer Energien eingesetzt werde. Die Ökonomie könne helfen, die besten Instrumente und den besten Policy-Mix zu finden, der demokratische Entscheidungen mit ökonomischer Rationalität verbinde. Statt kohlenstoffreie Energieformen wie Windkraft oder Photovoltaik zu subventionieren wäre es sinnvoller, fossile Energieträger durch Privilegienabbau, Steuern und Abgaben zu verteuern.

Damit spricht Loske die CO2-Steuer an, die in der aktuellen Politik sehr kontrovers diskutiert wird und fast schon symbolisch für die Handlungsunfähigkeit der Politik steht. Dabei handelt es sich um ein besonders effektives Instrument. Wie der Staat sein Geld einnimmt und wofür er es ausgibt, ist für die Nachhaltigkeit der Gesellschaft und ihrer Wirtschaft essentiell. Aus dieser Perspektive ist das heutige Gefüge der Steuern und Abgaben schädlich. Notwendig wäre eine andere Gewichtung der Staatseinnahmen.

Höhere Steuern und Abgaben auf Ressourcenverbrauch, Konsum und leistungslose Kapitaleinkünfte und Vermögen (bei angemessenen Freibeträgen, besonders für mittelständische Unternehmen) sowie niedrigere Steuern und Abgaben auf produktive Arbeit und gemeinwohldienliches unternehmerisches Handeln in Genossenschaften, Familien- und Stiftungsunternehmen. (S. 136)

Als weiteres wichtiges ökonomisches Instrument steht der Abbau umweltschädlicher Subventionen zur Verfügung. Obwohl es für Politiker sehr reizvoll ist, „Geschenke“ zu verteilen, stellt Loske einen allmählichen Einstellungswandel gegenüber Subventionen fest. Dieses Umdenken für ökologische Ziele zu nutzen, ist das Gebot der Stunde. Sehr hoch liegen die direkt umweltschädlichen Subventionen für Schwerindustrie, Energiewirtschaft, Automobilindustrie und Autoverkehr, Bauwirtschaft, industrielle Landwirtschaft und Hochseefischerei.

Zurück zu den grundlegenden Strategien für die Nachhaltigkeitswende. Suffizienzstrategien setzen eher bei den Werthaltungen an. Verzicht steht natürlich im Gegensatz zur etablierten Ökonomie. Der homo oeconomicus verzichtet wohl kaum. Trotz eines gewissen Interesses der Mainstream-Ökonomie an neuen Konzepten der Wohlstandsmessung stößt die Erkenntnis, dass ab einem bestimmten Wohlstandsniveau die Lebenszufriedenheit nicht mehr ansteigt, in der dominierenden Ökonomie auf Ablehnung. Loske zeigt sich skeptisch, ob die Modelle der neueren Verhaltensökonomie zu einer Revision des überholten Menschenbildes der klassischen Ökonomie führen werden.

Kürzlich hat Loske in Agora42 (2-2019, S.54) die Bedeutung von Suffizienzstrategien gegenüber den bevorzugten Ansätzen der Ressourcen- und Energieeffizienz oder der Steuerung über Preisanreize betont.

Das sind aber alles keine hinreichenden Bedingungen für einen großen Wandel. Dengegenüber ist die Wohlstandsfrage, also die Frage: „Wieviel ist eigentlich genug?“ absolut zentral.

Die Subsistenz– oder Bedarfswirtschaft wird von der ökonomischen Forschung weitgehend ignoriert, obwohl immer offenkundiger werde, wie wichtig sie für die Armutsbekämpfung, den Schutz vor weltmarktbedingten Turbulenzen und den Erhalt der Naturgüter ist. Zugleich gewännen soziale Aktivitäten, wie Gemeinschaftsgärten, Reparaturcafés, Tauschringe oder Freiwilligendienste an Bedeutung.

Hier haben wir es mit sozialem Lernen und gesellschaftlicher Transformation von unten par excellence zu tun. (S. 111)

Die Frage ist, ob und wie solche sozialen Innovationen mit der Marktwirtschaft friedlich koexistieren können. Ist eine „Mixed Economy“ denkbar? Werden Kulturwandel, digitale Revolution und erhöhte sozial-ökologische Sensibilität eine Ökonomie hervorbringen, die ebenso sehr auf Kooperation wie auf Wettbewerb basiert?

Für Loske steht außer Frage, dass Kooperation und Gemeinwohlwirtschaft einen sehr großen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten können. Die Sharing Economy ist nur ein Beispiel.

Werden Räume, Autos, Geräte, Maschinen, Nahrungsmittel oder Kleidungsstücke gemeinschaftlich genutzt – also geteilt, getauscht, verliehen oder verschenkt -, braucht man in der Regel deutlich weniger Material, Energie und Fläche. (S. 113)

Die Tendenzen, die neue Kultur des Teilens der althergebrachten Vermarktungslogik zu unterwerfen, lassen erkennen, dass es entscheidend auf die Fähigkeit der Politik ankommt, für die Ökonomie des Teilens einen angemessenen Rahmen zu setzen. Gewinnen die kommerziellen Internet-Plattformen die Oberhand, wird es auch hier zu Rebound-Effekten kommen, die die Nachhaltigkeit dieser Modelle gefährden. Ähnliche Gefahren sieht Loske für die anderen Kooperationsformen, wie die Reintegration von Produktion und Konsum im Nahraum (Prosumption), die Wiederbelebung von regionalen Produktionsverflechtungen, die Reparatur von langlebigen Produkten und die Nutzung von Gemeingütern, z. B. durch lokale Nutzergemeinschaften.

Gefordert sei eine plurale Nachhaltigkeitsökonomik, die angesichts der Dimension der ökologischen Herausforderungen nur möglich sei, wenn sich die Akteure der verschiedenen Schulen nachhaltigen Wirtschaftens eine gesunde Portion Ambiguitätstoleranz zulegten.

III

Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleibt im Dunkeln unerfahren, mag von Tag zu Tage leben.

So schreibt Goethe im West-östlichen Divan. Loske zitiert ihn (S. 18) als einen aus einer langen Ahnengalerie von Denkern, die alle wichtige Beiträge zum Nachdenken über Grenzen menschlichen Wirtschaftens, zum Erforschen der ökologischen Krise oder zur Nachhaltigkeitsdebatte geliefert haben. Die lange Liste reicht von Jared Diamond, Günter Anders, Ivan Illich oder Elinor Ostrom über George Orwell und Ernst Callenbach als Vertreter  negativer oder positiver Visionen bis zu James Lovelock, der mit seiner Gaia-Hypothese dazu einlädt, die Erde und ihre Biosphäre wie ein sich selbst regulierendes Lebewesen zu betrachten.

Loske sind diese Vordenker wichtig. Er hält die Methode, zuvor Gedachtes in die eigenen Reflexionen einzubeziehen und auf aktuelle Fragen anzuwenden, für essentiell. Das Buch wirkt vermutlich gerade deshalb so ausgewogen und fundiert, weil Loske mit seinen Überlegungen auf der breiten Palette von Arbeiten dieser Vordenker und Pioniere aufbaut.

IV

In dem bereits erwähnten Agora42-Interview (S. 52) umreißt Loske die Herausforderung des Klimawandels und der biologischen Vielfalt mit einer einprägsamen Zahl.

Wenn die Böden, Pflanzen und die ozeanische Deckschicht jedes Jahr 16 Milliarden Tonnen CO2 absorbieren können, wir als Menschheit aber 40 Milliarden Tonnen ausstoßen, dann ist das eben um den Faktor 2.5 zu viel.

Eine Transformation ist also unumgänglich. Loske ist mit seinem Ansatz daran gelegen, die Kreativität und die Lust der Menschen zu wecken, die beispiellose Herausforderung anzunehmen und anzugehen. Er plädiert für Teilhabe. Eine funktionierende Demokratie kann die notwendige Dynamik und Integrationskraft am besten entfalten, sofern es gelingt, die Vision einer nachhaltigen, freien und gerechten Gesellschaft zu zeichnen.

Politische Systeme, die kein idealistisches Leitmotiv (mehr) haben und keine visionäre Kraft, die nur noch kalte Ideale wie Wettbewerbsfähigkeit, Wirtschaftswachstum oder Informationsgesellschaft propagieren, sind letzten Endes schwach und anfällig für Irrationalismus und totalitäre Ideen, … (S. 219)

Eine kraftvolle Vision rückt indes in weite Ferne, solange ökologische und soziale Ziele immer wieder gegeneinander ausgespielt werden.

Bei allen politischen Vorschlägen zur Förderung der Nachhaltigkeit sollten die distributiven Effekte deshalb stets mitgedacht werden, ob bei Ökosteuern oder der Umlegung von Investitionskosten für Maßnahmen der energetischen Gebäudemodernisierung auf die Mieterinnen und Mieter, bei Fahrpreisgestaltungen im öffentlichen Transportsystem oder der Förderung regionaler Wirtschaftsaktivitäten, bei der Besteuerung nicht-kommerzieller Sharing-Projekte oder der Verlängerung von Garantiezeiten für Gebrauchsgegenstände, in der Entwicklungszusammenarbeit oder der Gestaltung von Handelsabkommen – überall hat der Staat die Möglichkeit, die Interessen der „kleinen Leute“ in besonderer Weise zu berücksichtigen. (S. 223)

Wäre das nicht eine gute Idee für die schwächelnden Volksparteien, die anstehende Selbsterneuerung in diesem Sinne anzugehen?

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Mehr dazu s. auch
Sensoren (5): The Automation of Society is next – Dirk Helbing
Manifeste (7): Das terrestrische Manifest von Bruno Latour

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Manifeste (10): Lebendigkeit sei! oder Die beseelte Natur

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In seinem Terrestrischen Manifest hat Bruno Latour die Orientierungslosigkeit beschrieben, die die Menschen erfasst hat. Er plädiert darin für ein neues Verhältnis der Menschen zu der „dünnen Membran“ auf dem Planeten Erde, die allein den Menschen und allem Lebendigen ein Leben ermöglicht. Der Zeitpfeil der Moderne, der die Erde nur als Ressource sieht, hat sich überlebt. Die unruhig rotierende Kompassnadel fängt an, auf einen neuen Zeitpfeil zu zeigen. 

Ganz ähnlich wie Latour aus soziologischer Sicht, versuchen der Biologe und Philosoph Andreas Weber und die Kulturwissenschaftlerin Hildegard Kurt  in ihrem Manifest „Lebendigkeit sei!“ den fundamentalen Wandel der Beziehung des Menschen zum Leben auf unserem eng begrenzten Planeten zu beschreiben. 

Auch sie gehen von einer Ablösung des Erdzeitalters des Holozän aus. Die menschliche Kultur habe sich zu einer prägenden geologischen Kraft entwickelt. Deshalb sei es begründet, von der Epoche des Anthropozän zu sprechen. Auch sie deuten den Klimawandel als das Ergebnis eines verfehlten Verhältnisses des Menschen zur Natur. Der Dualismus von Mensch als handelndem Wesen und Natur als seelenlose Ressource, der 250 Jahre unser Denken und Handeln geprägt habe, gehöre damit „offiziell“ der Vergangenheit an. 

Der Mensch ist unentrinnbar mit der Erde verflochten. (S. 8)

Das von Menschenhand Geschaffene stellt für viele Menschen die einzige Wirklichkeit dar. Weber und Kurt üben scharfe Kritik an der Art und Weise, wie Wirtschaft und Politik das neue Zeitalter nach der alten Logik deuten. Technik und Wissenschaft hätten nur scheinbar zu der erhofften Versöhnung zwischen Mensch und Natur geführt. Vielmehr hätten wir es mit einem double bind zu tun. 

Was in den Erdwissenschaften, in Philosophie und Kulturwissenschaft als Ende des Dualismus gefeiert und von Politikern und Ökonomen als neuer Status quo übernommen wird, ist in Wahrheit eine neue Selbsterhöhung des Menschen, die die gesamte belebte, aus sich heraus und ohne Zutun des Menschen entstandene Wirklichkeit in dessen Kultur- und Kontrollprojekt zu verwandeln droht. (S. 9)

Verbundenheit, so die beiden Autoren, werde weiter als Trennung gedacht: als totale Dominanz des Menschen über die sich selbst organisierende, bedeutungsvolle Lebendigkeit. Im Horizont des Anthropozäns halte man am Menschenbild des Homo faber fest.

Die Idee vom „Menschenzeitalter“ gebe in der globalisierten Welt 

den Industrieländern freie Hand, die Versöhnung von Natur und Technik für eine profitorientierte Bioökonomie, das Erschließen weltweiter Märkte und die Zementierung wirtschaftlicher Übermacht zu missbrauchen – ähnlich wie „Nachhaltigkeit“ von einem ökosozialen Konzept zu einer Marketingphrase wurde. (S. 10)

Das Manifest übt heftige Kritik an der in allen gesellschaftlichen Teilsystemen dominierenden Praxis.

Wir betrachten die Welt als etwas Totes. Der Mainstream in Wissenschaft, Ökonomie, Politik und Bildung folgt der Auffassung, die Welt sei ein kybernetischer Zusammenhang unbelebter Bausteine; unbegrenzt verbesserbar, indem wir diesen Zusammenhang analysieren, auf seine Elemente reduzieren und technische, ökonomische und ökologische Maßnahmen ergreifen. (S. 11)

In der gegenwärtigen Revolution des biologischen Denkens setze sich eine neue Auffassung durch.

Mensch und Natur sind eins, weil schöpferische Imagination und fühlender Ausdruck Naturkräfte sind. (S. 11) 

Das Schöpferische werde nicht länger allein der kulturellen Sphäre zugeschrieben. 

Die Welt ist kein Mechanismus, der auf Effizienz beruht, sondern ein Prozess schöpferischer Beziehungen und Durchdringungen auf dem Weg zu Erfahrung und Ausdruck. (S. 11)

Die wissenschaftliche Revolution in der Biologie sei vergleichbar mit den in der Physik durch Relativitätstheorie und Quantenmechanik ausgelösten Revolutionen. In einer „Zweiten Aufklärung“ gehe es um einen Ethos der „Verlebendigung“. Das Ziel dieser Fortführung der Aufklärung sei die Freiheit des in die Welt eingebetteten Körpers von seiner Kolonialisierung durch die Fiktion effizienter Rationalität. 

Das Wahre an lebendiger Natur ist nicht das romantisch Heilsame, sondern dass nichts in ihr der Kontrolle eines Zwecke setzenden Subjekts unterliegt, vielmehr alles schöpferischer Prozess ist, der einzig dem Drang folgt, dass Leben sei. (S. 12)

Die wichtigste Aufgabe im Anthropozän sei es deshalb, Lebendigkeit neu zu denken und neu zu erzeugen. 

Was für viele idealistisch oder utopisch klingen mag, ist für die beiden Autoren sehr wohl möglich. Grundlagen für das neue Selbstverständnis finden sie z.B. bei Amartya Sen und Martha Nussbaum, bei Manfred Max-Neef, bei Albert Camus, in der Commons-Ökonomie nach Elinor Ostrom, bei Edgar Morin, bei Lewis Hyde, bei Michel Serres und bei Joseph Beuys mit seinem erweiterten Kunstbegriff. 

Ähnlich wie Latour sehen sie einen Schlüssel in einem grundlegenden Wandel der Wissenschaft. 

Der Klimawandel zeigt, wie unverzichtbar wissenschaftliche Verfahrensweisen und Erkenntnisse sind, um ökologische Ziele und Standards zu suchen. (S. 16) 

Ein neues Selbstverständnis der Wissenschaft ruht dabei auf der Erkenntnis, dass der Forscher mit seinem Forschungsgegenstand verschränkt ist. Beide sind lebendig. Beide stehen emotional miteinander in einer Beziehung. 

Wissenschaften müssen, anstatt Verfügungswissen zu produzieren, Orientierungswissen erarbeiten und zu einer forschenden Praxis der Lebendigkeit werden. 

Auf dieser Basis könne Nachhaltigkeit neu gedacht werden als ein Ringen um eine Verbindung von Freiheit und Verantwortung, das nicht nicht nur ein technokratisches Problem darstelle, sondern sich als Ethos einer existenziellen Haltung ergebe. 

Ein starkes Manifest, das sich traut, den notwendigen tiefgreifenden Wandel zu beschreiben, obwohl er sich kaum in Worte fassen lässt. 

Kürzlich hat sich Andreas Weber in einem Radiobeitrag für die Aula von SWR2 Wissen zum gleichen Thema geäußert. Dazu ist auch ein Manuskript verfügbar. 

Mehr dazu

Dirk Baecker über den Klimawandel und das Internet der Dinge

Felix Stalder über die Kultur der Digitalität, Commons und Postdemokratie

Sensoren (11): Demokratie als Hindernis für den Klimaschutz?

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Der Weltklimarat hat kürzlich zum wiederholten Male sehr eindringlich an alle appelliert, jetzt zu handeln, um die schlimmsten Folgen der Erdüberhitzung noch abzuwenden. Jedes Zehntel Grad weniger zählt. Es geht also darum, jetzt kraftvoll und zupackend zu handeln, wenn es gelingen soll, die Emissionen um 35% bis 2030 zu reduzieren. Nur wie? Wie sollen in einer Demokratie die nötigen, von Mehrheiten getragenen Beschlüsse zustande kommen?

I

Das SRF hat kürzlich in ihrer Sternstunde mit Graeme Maxton, dem ehemaligen Generalsekretär des Club of Rome, einen Experten befragt, der sein Lebenswerk dieser Frage widmet. Wie könnte die nötige Wende aussehen? Wie könnte sie gelingen?

Maxton macht klar, dass Maßnahmen notwendig sind, die uns viel abverlangen werden. Aber im Angesicht der Bedrohung erscheint es vernünftig und möglich, die gefahrenen Kilometer oder die geflogenen Meilen jährlich um 3 % zu verringern. Das wäre nach seiner Überzeugung und nach der Empfehlung des Weltklimarats nötig, aber auch ausreichend, um das Schlimmste abzuwenden. Wir müssten aufhören, Kohle, Öl und Gas zu verbrennen.

Wir müssen aufhören, Auto zu fahren, zu fliegen oder Schiffsreisen zu machen. Denn das alles generiert dieses Problem. Natürlich finden das alle verrückt. Und es ist auch verrückt. Denn je länger wir zuwarten, umso radikalere Maßnahmen sind nötig. … Leute, die in der Automobilindustrie tätig sind oder in der Luftfahrtindustrie, müssen unterstützt werden, damit sie nicht persönlich unter den Maßnahmen leiden und überhaupt aufhören können. … Wenn wir jetzt … beginnen, können wir unsere Emissionen jedes Jahr um drei Prozent reduzieren. Das scheint machbar. Aber es sind 35% weniger Autos, 35% weniger Flüge, 35% weniger Schiffahrten in 10 Jahren. Das ist eine gewaltige Veränderung.

Gleichzeitig die notwendige Wende des Denkens, eine „zweite Aufklärung“, einzuleiten. Es brauche aber Jahrzehnte, um das ganze soziale System neu zu denken. Wir können nicht warten, bis die Einsicht gereift und die grundlegende Richtungsänderung auf der Basis demokratischer  Mehrheitsentscheidungen möglich ist, meint Maxon. Was die Leute nicht verstehen und die Konzerne ignorieren, ist die verheerende Langfristwirkung des modernen Lebensstils. Die Investitionen in alte Energie, vor allem Kohlekraftwerke, werden weltweit immer noch erhöht.

Es sind dazu Notstandsmaßnahmen erforderlich, meint Maxton. Es brauche eine Gruppe von Menschen, die sich der Sache annähme und für die nötigen Sofortmaßnahmen sorge. Auch für die Medien schlägt Maxton angesichts dieses Notstands eine Aufsicht vor.

Mit einem Problem waren wir in den letzten Jahren ständig konfrontiert. Ich will es nicht wie Donald Trump Fake News nennen. Aber in vielen Berichten heisst es, der Klimawandel sei nicht wirklich ein Problem, sondern es werde aufgebauscht von den Linken, die nicht wirklich verstehen, wie die Welt funktioniert. Damit haben die Medien das Problem verschärft. Denn viele Leute sind ernsthaft verwirrt und wissen nicht wirklich, was sich ändern muss. Die Medien haben also in diesem Prozess eine negative Rolle gespielt. Doch sie müssen dazu beitragen, dass die Menschen verstehen, wie notwendig diese Veränderung ist.

Der Moderator konfrontiert Maxon mit einem Ausschnitt aus einem Interview mit einem anderen prominenten Kämpfer für den Umwelt- und Klimaschutz, Al Gore. Dieser vertritt darin die Auffassung, die Welt befinde sich gerade im frühen Stadium einer globalen Nachhaltigkeitsrevolution, ermöglicht durch digitale Werkzeuge, wie die künstliche Intelligenz und das Internet der Dinge. Sie habe die Dimension der industriellen Revolution, aber mit der Geschwindigkeit der digitalen Revolution. Das nähre die Hoffnung, die Probleme vor dem „point of no return“ in den Griff zu bekommen. Maxon hat dazu eine klare Sicht.

Das ist die Stimme der Englisch sprechenden Welt. Wir ziehen ja auch nicht in den Krieg und fragen: Wie können wir davon profitieren? Aber genau das tut Al Gore und fragt: Wie können wir daraus Gewinn erzielen? Wenn ich oder meine Kollegen in den USA einen Vortrag halten, hört man uns nur zu, wenn wir ein Businessszenario präsentieren: „Das ist die Antwort und Du kannst davon profitieren.“ Sonst hört keiner zu. … Keiner profitiert davon, wenn man eine Stadt umsiedeln oder höhere Flutmauern bauen muss. Niemand profitiert von Insektenplagen oder der Armut, die Afrika erfassen wird.

Die Begriffe der Aufklärung – Freiheit und Fortschritt – haben ihre ursprüngliche Bedeutung eingebüßt und uns, so Maxon, in eine falsche Richtung geführt.

Unser Wirtschaftssystem, unser Sicht der Natur, unsere Werte bezüglich Besitz und Preisdenken – vieles stammt aus jener Zeit. … Wir müssen unsere Werte überdenken. Was bedeutet Fortschritt? Nicht Wirtschaftswachstum, nicht die Zunahme des Bruttoinlandsprodukts, sicher aber die Verbesserung der Wohlfahrt. Es geht darum, besser zu leben, mehr zu entdecken, eine höhere Lebenserwartung und Lebensqualität zu erreichen, … Es bedeutet langfristig zu denken und im Gleichgewicht mit der Natur zu leben. … Man darf Freiheit nicht gleichsetzen mit extremem Individualismus. Es geht nicht um Egoismus oder Wettbewerb. Wir brauchen eine kooperative Gesellschaft und müssen deshalb viele unserer Grundwerte überprüfen.

Er nimmt die Demokratie, so wie sie heute gelebt wird, von dieser Überprüfung nicht aus.

Es gehört zum heutigen Zeitgeist, dass alle fordern: Wir brauchen Demokratie! … Ich glaube an die Stimme des Volkes. Aber mir ist auch klar, wenn wir für die Lösung des Klimaproblems die Zustimmung aller brauchen, dauert es zulange. Heute ist das demokratische System – und das sage ich ungern – ein Hindernis für diese Veränderung. … Ich schlage keine Diktatur vor. Aber wir brauchen eine Gruppe von Leuten, so etwas wie Technokraten, damit wir die Wende durchsetzen können.

Riskante Gedanken. Diese Notstandsmaßnahmen könnten, so mein Eindruck, schnell von autoritären Bewegungen für die Abschaffung von Freiheitsrechten missbraucht  werden. Er geht jedoch davon aus, dass unsere Demokratie nur noch eine Scheindemokratie ist, eine Plutokratie, in der das Geld regiert.

Wir haben einen Großteil unserer Macht den Konzernen überlassen, und das ist ein Teil des Problems.

Eine Gratwanderung, bei der es, so scheint mir, neben den Sofortmaßnahmen sehr auf die Verständigung in der Gesellschaft, auf eine Rückbesinnung auf demokratische  Tugenden ankommt.

Als Individuen können wir den Leuten helfen zu verstehen, wie dringlich das Problem ist. Und wir können den Politikern helfen zu verstehen, dass sie im Interesse der Menschheit handeln müssen und nicht im Interesse der Großkonzerne, wie das viele heute tun.

II

In der aktuellen Ausgabe von DIE ZEIT äußert sich Michael Sandel, bekannter Philosoph von der Universität in Harvard in einem Interview ganz ähnlich. Auch seine Zeitdiagnose geht von fehlgeleiteten gesellschaftlichen Entwicklungen und verloren gegangener Balance aus.

Der Liberalismus hat sich seit Jahrzehnten moralisch entkernt, weil er alle moralischen Wertungen an den Markt delegiert hat. Es war ihm gleichgültig, dass viele chancenlos und enttäuscht zurückblieben. Mit den Erfahrungen und Erwartungen, Bindungen und Hoffnungen der Bürger wissen entfesselte Marktgesellschaften nichts anzufangen. Die Demokratie verliert so ihre Werte und ihren Bezug auf das Gemeinwohl: bis sie nur noch eine Schwundform ihres Anspruchs ist und bloß ein Aggregat von privaten Interessen.*

*Auszug aus: Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH und Co. KG. DIE ZEIT – Nr. 44, 25.10.2018.

Das klingt sehr nach Plutokratie. Haben wir es also mit einer Aushöhlung demokratischer Prinzipien zu tun? Könnte es sein, dass wir auf dem alten Pfad der gescheiterten Moderne verharren, wenn wir die Demokratie, wie sie sich heute zeigt, verteidigen? Brauchen wir eine grundlegende Erneuerung der Demokratie? Eine zweite Aufklärung?

Auch Sanders geht davon aus, dass das Denken, wie auch die Politik, Zeit, Aufmerksamkeit und Anteilnahme brauchen. Demokratie vertrage die Flüchtigkeit der technologisch bestimmten Zerstreuung und permanenten Ablenkung nicht. Das würde bedeuten, dass wir den ersten Schritt, wie ihn Maxon vorschlägt, die schnelle Unterbrechung der unheilvollen Klima- und Umweltzerstörung, eher als Maßnahmenbündel zu verstehen hätten. Wir sollten parallel dazu sofort mit dem zweiten Schritt beginnen, dem langsamen, beharrlichen Nachdenken darüber, wie wir gemeinsam im Einklang mit der Natur auf der Erde leben wollen. Dieser demokratischen Erneuerung die nötige Aufmerksamkeit zu verschaffen, das ist nach Sandel die größte Aufgabe, vor der die Demokratien stehen. Es gehe darum,

… Arenen, Gelegenheiten, Formen für den Streit und die wechselseitige Aufmerksamkeit zu schaffen, die Menschen aus ihren Blasen herauszuholen und einander begegnen zu lassen. Schreierei sollte nicht belohnt werden. Gespräche vertragen auch kein Profitinteresse. Die Kontroverse ist anstrengend. Sie ist Arbeit. Aber vielleicht ist sie die einzige Anstrengung, auf die es wirklich ankommt. Jede Institution einer Demokratie ist aufgerufen, sich ihr zu stellen, Parlamente, Zeitungen, Universitäten, Schulen, Nachbarschaften …**

**Auszug aus: Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH und Co. KG. DIE ZEIT – Nr. 44, 25.10.2018.

Hoffnungsvolle Worte, die einen fragen lassen: Was hält uns ab, auf diese Weise mit der Erneuerung der Demokratie zu beginnen. Aber vielleicht sind wir ja schon mittendrin.

 

Manifeste (8): Ethische Leitlinien für die Digitalisierung

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An der Hochschule der Medien in Stuttgart haben Studierende 2017 in einem Masterprojekt 10 ethische Leitlinien für die Digitalisierung von Unternehmen erarbeitet. Die Leitlinien appellieren an die soziale und ökologische Verantwortung der Unternehmen und sind als Teil einer nachhaltigen Unternehmenskultur gedacht. Die Leitsätze sind in ihrer Grundhaltung von dem Anspruch getragen, dass technischer Fortschritt stets den Menschen dienen möge.

Die Leitsätze lesen sich im ersten Anschein schlüssig und nachvollziehbar. Beim zweiten Lesen lassen sie jedoch ahnen, wie hoch der Preis für ethisch verantwortbare Unternehmenskultur unter digitalisierten Verhältnissen ist. Bei den Arbeitsbedingungen unter dem Stichwort „Arbeit 4.0“ erscheint die Nähe zur Praxis am größten. Hier gibt es viele Beispiele, wie Unternehmen versuchen, den Wandel der Arbeitswelt aktiv zu gestalten.

Wie es jedoch um die datenökologische Verantwortung steht, erfahren wir häufig selbst im Alltag. Die großen Internetkonzerne führen uns täglich vor Augen, dass eine „Informationssymmetrie zwischen Kunden und Unternehmen“ in aller Regel noch in weiter Ferne ist. Ein Bewusstsein für diesen wichtigen Grundsatz entsteht erst allmählich.

Besonders kritisch wird es nach meinem Eindruck bei der Künstlichen Intelligenz (KI). Die Leitsätze handeln diese ungewissen Herausforderungen in einem einzigen Abschnitt ab: KI soll werteorientiert gestaltet werden, heisst es in Leitsatz 9 ganz lapidar.

Intelligente Systeme sollen so gestaltet werden, dass die Grundrechte der Menschen gewahrt und ihnen ein gutes und gelingendes Leben ermöglicht werden kann. Bei der Entwicklung und dem Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) sind ethische Grundsätze zu berücksichtigen (wertebasiertes Design). Damit nicht durch automatisierte Entscheidungen paternalistische Effekte eintreten, die die Handlungsfreiheit des Menschen einschränken, bedarf es einer ständigen Systemkontrolle und Eingriffsmöglichkeiten ins System.

Damit ist der Anspruch formuliert, stets die Kontrolle über die Entscheidungsgrundlagen künstlicher Intelligenz zu wahren. Das fordert beispielsweise auch der Interessenverband der deutschen Digitalwirtschaft Bitkom in einem Positionspapier zur KI. Das Papier betrachtet es als die größte Herausforderung, dass sich mit Big Data und KI die gesellschaftlichen Entscheidungsprozesse und -routinen neu justieren werden.

So plädiert das Papier für eine Integration von KI und menschlicher Urteilskraft (s. S. 86).

Worum es dabei gehen muss, ist: Die relativen Vorzüge des maschinellen Lernens mit den relativen Vorzügen menschlicher Urteilskraft in einen guten Entscheidungsprozess zu bringen, welcher der jeweiligen Situation angemessen ist. Dabei kann die Last der Qualitätssicherung nicht einseitig den Entwicklern der Modelle angelastet werden. Als Faustregel kann dabei bis auf weiteres gelten: Je komplexer die Modelle und je tiefgreifender die Entscheidungen sind, desto stärker sollten qualitative Evaluationen mit menschlicher Urteilskraft in den Entscheidungsprozess eingebaut werden.

Diese Integration von menschlicher und maschineller Intelligenz im Entscheidungsprozess sucht das Bitkom-Papier vor allem durch fundamentale Änderungen der Organisationsstrukturen und Kompetenzen der Mitarbeitenden zu erreichen (S. 54).

Die mit der Nutzung von Big Data und KI einhergehende digitale Transformation ist auch eine organisationale Veränderung. Der Sinn der Entscheidungsautomation ist nicht darin zu sehen, dass Entscheidungsträger lediglich zu einer Kontrollinstanz mutieren, sondern sich neue Aufgabenfelder und veränderte Strukturen im Sinne einer neuen Arbeitsteilung ergeben. Letztlich handelt es sich um einen rationalen Entscheidungsverzicht der Führungskräfte bei Aufgaben, die auch im rechtlichen Sinne und definierten Aufgabenspektrum automatisierbar sind. Das mag nun aber für den Entscheidungsträger an sich zunächst zu einem empfundenen Kontrollverlust führen. Daher sind einer Automatisierung enge Grenzen zu setzen und den menschlichen Aufgabenträgern neben den kreativen und nicht automatisierbaren Tätigkeiten weitere steuernde Verantwortungen zu geben, die ein nicht völliges Entbinden von der Entscheidungsaufgabe an sich nach sich ziehen.

Auch wenn das Papier um eine ausgewogene Abwägung der Chancen und Risiken bemüht ist, so ist doch zu befürchten, dass der werteorientierte Umgang mit der KI an der herrschenden Logik digitalen Wirtschaftens scheitert. Digitalisierung hatte von Beginn an einen dominierenden Zweck: Effizienz zu steigern. In Zeiten von Big Data und KI eröffnen sich hierfür ganz neue Dimensionen. Das Bitkom-Papier verkennt, dass die Daten der Konsumenten selbst, jedermanns Daten, die Grundlage für die Geschäftsmodelle der im und durch das Netz erfolgreichen Unternehmen sind. Wenn ethische Grundsätze Wirklichkeit werden sollen, ist deshalb nichts weniger als ein Paradigmenwechsel in der Art, wie wir wirtschaften, erforderlich. Der Automatisierung enge Grenzen zu setzen bedeutet nichts weniger als den Verzicht auf Effizienzgewinne und Profit.

Es ist deshalb zu befürchten, dass ethische Leitsätze, wie sie die HdM-Studierenden formuliert haben, in vielen Fällen der betriebswirtschaftlichen Effizienz,  dem hohen Wettbewerbsdruck und der Überzeugung geopfert werden, dass organisationsstrukturelle Maßnahmen schon ausreichen werden, um die Gefahren von Big Data und KI zu beherrschen.

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Mehr dazu s. Manifeste (3): Petersberger Erklärung

Der Klimawandel und das Internet der Dinge – Dirk Baecker

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Kürzlich habe ich mich hier mit dem wichtigen Buch „Das terrestrische Manifest“ von Bruno Latour beschäftigt. Es lädt ein, weiterzudenken. Dirk Baecker hat dies in einem Blog-Beitrag auf bemerkenswerte Weise getan. Während Latour die digitale Technologie in seinem Buch nur am Rande streift, schließt Baecker mit der Frage an, was der Klimawandel und seine Leugnung mit der digitalen Technologie, genauer mit dem Internet der Dinge und mit Big Data, zu tun hat.

Dank des Internets der Dinge, der unter wissenschaftlicher Anleitung korrekt aufgestellten Sensoren und der politisch unterstützten Aufstellung von Monitoren an allen Ecken und Enden von Stadt und Land können wir uns dabei zuschauen, wie wir unsere Lebensgrundlage zerstören! Was für ein Spektakel! Wir könnten in Zeitlupe und im Zeitraffer Effekte beliebiger Art vergrößern und verkleinern, vorspulen, zurückspulen und im Rücklauf betrachten.

[…] Wenn wir Glück haben und die richtigen Entscheidungen treffen, ermöglicht uns die „digitale Revolution“ Rückkopplungseffekte, die nicht zu Unfällen, sondern zu Einsichten führen. Indem wir lückenlos dokumentieren, wie wir uns das Leben auf dem Globus unmöglich machen, wird auch die Lüge unmöglich. […] Was wir sehen, wird uns nicht gefallen. Aber wir hätten eine Aufgabe, gegen die die Faszination der 1960er Jahre, einen Menschen zum Mond zu bringen, verblasst.

Faszinierende Überlegungen. Das Internet der Dinge und Big Data würden ihre überwältigende Dimension zwar nicht verlieren, aber ihren bedrohlichen Schatten, wenn die Technologie nicht mehr in den Dienst der Klimalüge gestellt werden könnte.

Wir müssen es versuchen.

Siehe dazu auch das Interview mit Dirk Helbing über das Internet der Dinge

 

Written by Östermann

27. Juli 2018 at 18:00

Manifeste (7): Das terrestrische Manifest von Bruno Latour

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In der Reihe der Manifeste, die ich hier bisher vorgestellt habe, bildet dieses Beispiel eine Ausnahme. Es befasst sich nur am Rande mit der Digitalisierung und verzichtet auf zusammenfassende Thesen. Vielmehr spannt es den großen Bogen. Es versucht nicht weniger, als die Strömungen und Verwerfungen des historisch beispiellosen gesellschaftlichen Umbruchs zu erklären. Ein wichtiges Buch!

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I

In einem Interview mit der FAS erläutert der französische Vordenker Bruno Latour seine Sicht auf das Scheitern der Moderne, auf den gegenwärtigen Epochenwandel und auf die Aussichten auf ein neues Paradigma. Er lüftet den Schleier um die viel diskutierte Orientierungslosigkeit, die die Menschen erfasst hat.

Die Alternativen, die die konservativen Bewegungen heute anbieten, wenn sie von Identität oder von Mauern sprechen, sind ein Mythos. Aber kein größerer Mythos als die Ideologie der Globalisierung, die Vorstellung, dass wir alle Unterschiede auslöschen können und am Ende alle eine große Masse werden. Wenn sich Menschen nach solchen Mythen sehnen, dann liegt das daran, dass es kein anderes Angebot gibt. Die Alternativen sind nicht die Abstraktion des Globalen, die der Neoliberalismus anbietet, einerseits, und ein lokales Leben, wie es sich die AfD vorstellt. Der Trick ist zu sagen: Lasst uns ein Wort wie „Heimat“ wieder verwenden. Europa als Heimat. „Heimat“ muss gerettet werden. Ja, das sind Konzepte der Reaktionären. Aber warum lassen wir zu, dass sie reaktionär sind? Vor allem dürfen wir uns nicht einreden lassen, dass die Begriffe, die von der Neuen Rechten wiederbelebt werden, konkret sind. Nichts ist weniger konkret als „Make America great again“. Das ist der Grund, warum die Menschen die Orientierung verloren haben: Sie leben zwischen zwei kompletten Abstraktionen.

II

Aber wie sich orientieren? In seinem Buch „Das terrestrische Manifest“ macht Latour den Versuch, die widerstreitenden Strömungen historisch einzuordnen und den Epochenwandel zu erklären. Er geht von der Annahme aus, dass alle grundlegenden Probleme unserer Zeit wesentlich mit der Klimafrage verbunden sind.

Ohne den Gedanken, dass wir in ein Neues Klimaregime eingetreten sind, kann man weder die Explosion der Ungleichheiten, das Ausmaß der Deregulierungen, die Kritik an der Globalisierung noch, vor allem, das panische Verlangen nach einer Rückkehr zu den früheren Schutzmaßnahmen des Nationalstaats – was, sehr zu Unrecht, als „Aufstieg des Populismus“ bezeichnet wird – verstehen. (S. 10)

Er versucht mit diesem Essay, skizzenhaft eine „Karte der Positionen zu entwerfen, die uns durch diese neue Landschaft aufgezwungen werden“. Der Brexit, der Wahlsieg Trumps und die Ausweitungen der Migrationen sind für ihn drei historische Ereignisse, die auf ein und dieselbe „Metamorphose“ hindeuten. Eine neue Kartierung ist notwendig, weil, so Latour, der erträumte Boden der Globalisierung beginnt, sich zu entziehen.

Die Angst sitzt deshalb so tief, weil jeder von uns zu spüren beginnt, wie der Boden unter den Füßen wegsackt. (S. 13)

Als das entscheidende historische Ereignis wertet er das Pariser Klimaabkommen vom 12. Dezember 2015. Damit sei allen mit Schaudern klar geworden, dass der Planet nicht mitwächst.

Wenn es also den Planeten, die Erde, den Boden, das Territorium, die den Globus der von allen Ländern angestrebten Globalisierung beheimaten sollten, nicht gibt, dann verfügt niemand mehr über ein sicheres „Zuhause“. (S. 14)

Jeder Einzelne stehe damit vor der Frage: das Problem leugnen oder versuchen, sich zu erden? Die einen versuchen, an der Globalisierung festzuhalten, die anderen wollen zurück zu einem Lokalen, das es nicht mehr gibt.

Beide Seiten wollen so schnell wie möglich fliehen und überbieten sich dabei an Irrationalismus: Sprechblase gegen Sprechblase, Gated Community gegen Gated Community.

Aus dem Spannungsverhältnis ist ein Abgrund geworden. Der gemeinsame Horizont ist verschwunden. Etwas hat die Richtung des Zeitpfeils verändert. (S. 41)

Latour spürt ausführlich dem klassischen Zeitpfeil der Moderne nach, der vom Lokalen zum Globalen verlief. Am Geschichtsverlauf konnte sich jeder klar orientieren, egal ob Befürworter oder Gegner. Die einen waren vorne, die anderen hinten. Auch das klassische Rechts-Links-Schema der Politik war auf diesen Verlauf ausgerichtet. Linke und rechte Gruppierungen waren sich in allem uneins, nur nicht in der Stoßrichtung der historischen Entwicklung.

Diese Klarheit der Entwicklung ist den Menschen verloren gegangen. Latour zeigt mit seinen Überlegungen auf, wie der Kompass neu kalibriert werden kann.

Dass die Situation sich trotz allem aufklärt, liegt daran, dass wir nicht zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Verweigerung und Hinnahme der Modernisierung schweben, sondern, um 90 Grad gedreht, zwischen dem alten und einem neuen Vektor, vorwärts getrieben von zwei Zeitpfeilen, die nicht mehr in dieselbe Richtung verlaufen. (S. 50)

Latour nennt diesen neuen Pol, diesen dritten Attraktor, der jenseits des alten Zeitpfeils  verläuft, das TERRESTRISCHE. Er wählt diesen Begriff, weil mit den gewohnten Begriffen, wie „Erde“, „Natur“, „Boden“ oder „Welt“, sofort Assoziationen mit dem von außen betrachteten „blauen Planeten“ geweckt werden. Im Anschluss an Lovelock von „Gaia“ zu sprechen, so Latour, würde zwar passen, erforderte aber eine Unmenge Seiten, um zu beschreiben, wie dieser Name zu verwenden ist.

Das ist die Kernbotschaft dieses aufschlussreichen Essays: Mit dem TERRESTRISCHEN ist ein neuer politischer Akteur auf die Bühne getreten. Heute geht es nicht mehr um kleine klimatische Schwankungen, sondern um eine Erschütterung des gesamten Erdsystems.

Natürlich haben die Menschen schon immer ihre Umwelt verändert, aber dieser Begriff bezeichnete nur ihr Umfeld, das, was sie im präzisen Sinne umgab. Sie selbst bildeten weiterhin die Hauptfiguren, veränderten lediglich am Rande das Dekor ihrer Dramen. … Die Menschen sind nicht mehr die einzigen Akteure, sehen sich zugleich aber mit einer Rolle betraut, die viel zu groß für sie ist. (S. 54f.)

Ausführlich beleuchtet Latour die Auswirkungen dieser „großen Transformation“ auf Politik, Ökologie, Ökonomie und Wissenschaft. Einige Gedankensplitter mögen hier genügen, um die Reichweite seiner Überlegungen anzudeuten.

Mit der Industrialisierung und der sozialen Frage hat sich eine Grundstruktur der Gesellschaft herausgebildet, die sich bis heute an sozialen Klassen orientiert, die durch ihre Stellung im Produktionsprozess bestimmt sind. Heute nehmen wir, so Latour, wahr, dass dieses System viel zu eng definiert war. Das 21. Jahrhundert sei das Zeitalter der neuen geo-sozialen Frage.

Die territorial definierten Klassen bringen andere Klassifizierungen hervor. Jetzt ist eine Karte der Kämpfe der geo-sozialen Plätze zu entwerfen und so endlich auszumachen, worin ihre wirklichen Interessen bestehen, mit wem sie sich verbünden und gegen wen sie kämpfen werden. (S. 75)

Die Ökonomie begann im 17. Jahrhundert, die Natur in sich zu integrieren und nur noch als Produktionsfaktor darzustellen. Die Praktiken aus den Archiven anderer Völker, denen jede Vorstellung von Ressource und Produktion fremd war, taugten lange nur für ethnographische Museen. Erst jetzt werden alle diese Praktiken zu kostbaren Lernmodellen für das Überleben in der Zukunft, so Latour.

Seit dem 17. Jahrhundert dominiert in der Wissenschaft das mechanistische Weltbild, mit der sie den Blick vom Universum aus auf die Erde richtet. Erkennen heisse seither, so Latour, von außen erkennen.

Der Planet hat sich letztlich von TERRESTRISCHEN entfernt, weil alles so verlief, als ob die vom Universum aus betrachtete Natur begonnen hätte, langsam an die Stelle der von der Erde aus erschauten Natur zu treten, sie zu überlagern und zu vertreiben; also jener Natur, die von innen alle Phänomene der Entstehung erfasst, hätte erfassen können, weiterhin hätte erfassen müssen. … Man begann, nicht mehr viel vom Geschehen auf ERDEN zu sehen. (S. 83)

Erforderlich ist also die Abkehr von einer wissenschaftlichen Grundhaltung, die die Teilnahmslosigkeit fördert. Die dünne Membran, in der alles Leben auf der Erde sich konzentriert, ist die Kritische Zone. Darauf sollte sich Wissenschaft beziehen. In den Naturwissenschaften sei sorgsam zu unterscheiden zwischen denen, die sich dem Universum widmen, und jenen, die sich der prozesshaften Natur zuwenden. Alle Wissenschaften seien nötig, um die Situation auf Erden wirksam zu beschreiben. Sie müssten jedoch anders positioniert werden. Was not tue sei, so kaltblütig und nüchtern wie möglich die erhitzte Aktivität einer endlich von Nahem erfassten Erde zu erkennen.

Latour ist bei aller Tiefe seiner Gedanken daran gelegen, den Bogen hin zu einer anderen Praxis zu spannen, ohne schneller sein zu wollen, als die sich vollziehende Geschichte, wie er ausdrücklich klarstellt.

Die Frage ist nicht, wie die Unzulänglichkeiten des Denkens ausgeräumt werden können, sondern wie es möglich wird, vor einer Landschaft, die sich gemeinsam erforschen lässt, ein und dieselbe Kultur miteinander zu teilen und denselben Herausforderungen zu trotzen. Wir stoßen hier auf den gewohnten Fehler der Epistemologie, nämlich, dass etwas intellektuellen Defiziten zugeschrieben wird, was in Wahrheit einem Defizit an gemeinsamer Praxis geschuldet ist. (S. 35)

Latour weiß, dass eine neue Praxis entscheidend davon abhängt, ob es gelingt, den Menschen ein Gefühl des Beschütztseins zu vermitteln, ohne gleich wieder auf Identität und die Verteidigung der Grenzen zu pochen. Im TERRESTRISCHEN ist das möglich durch Verbindung dessen, was sich in der Globalisierung gegenseitig ausschloß:

Sich an einen Boden binden einerseits, welthaft werden andererseits. (S. 107)

Beides hat aber mit den alten Strömungen zum Lokalen oder zum Globalen nichts mehr zu tun.

Es ist sinnlos, die Wesen, welche die im Kampf befindlichen Territorien beleben, aus denen das TERRESTRISCHE besteht, wieder hinter nationale, religiöse, ethnische, identitäre Grenzen drängen zu wollen; genauso sinnlos ist es aber auch, sich aus diesen Territoriumskämpfen herauszuhalten, um sich auf das Niveau des Globalen zu erheben und die Erde „als ein Ganzes“ zu erfassen. Denn das TERRESTRISCHE ist gerade durch die Subversion der zeitlichen wie räumlichen Stufen und Grenzen definiert. Diese Macht wirkt überall gleichzeitig, weist allerdings keine Einheit auf. Sie ist politisch, aber nicht staatlich. Sie ist buchstäblich atmosphärisch. (S. 108)

Latour schlägt vor, von einer auf Produktionssysteme zu einer auf Erzeugungssysteme bezogenen Analyse zu wechseln. Das bedeutet, Abschied zu nehmen von der Vorstellung, dass die Freiheit des Menschen präzise Grenzen erkennen ließe, wenn sie sich entfalten könnte. Demgegenüber sei das Erzeugungssystem nicht daran interessiert, für Menschen Güter aus Ressourcen zu produzieren, sondern Erdgeschöpfe zu erzeugen – alle Erdgeschöpfe und nicht nur Menschen. Es geht also darum, Bindungen zu kultivieren.

Was tun? Zunächst beschreiben! Und er warnt zugleich davor, diesen Schritt zu überspringen. Jede Politik sei unehrlich, ja verlogen und schamlos, die nicht den Vorschlag mache, zuerst die unsichtbar gewordenen Lebensterrains wieder zu beschreiben, und stattdessen Programme lanciere.

Wie könnten wir politisch handeln, wenn wir vorher nicht Lebewesen für Lebewesen, Kopf für Kopf, Zentimeter für Zentimeter inventarisiert und vermessen haben, woraus sich das TERRESTRISCHE für uns zusammensetzt? … Das gilt für einen Wolf wie für eine Bakterie, für ein Unternehmen wie für einen Wald, für eine Gottheit wir für eine Familie. (S. 109f.)

Eine solche Liste zu erstellen, ist gleichwohl schwierig. Erst wenn man sich die erforderlichen Fragen stelle, merke man, wie ignorant man sei. Entsprechende Fragen klingen etwa so: Woran hängen Sie am meisten? Mit wem können Sie leben? Wessen Überleben hängt von Ihnen ab? Gegen wen werden Sie kämpfen müssen?

III

Der Essay ist von großer Tragweite. Auch wenn es das Anliegen von Latour verfehlt, so lädt das Modell der Attraktoren dazu ein, Meinungen und Konzepte daran zu messen, wie weit sie sich noch auf dem alten Zeitpfeil der Modernisierung bewegen oder ob sie zum Umschwenken auf den neuen Zeitpfeil beitragen. Weil es eine intensive Auseinandersetzung mit dem neuen Pol braucht, um den neuen Zeitpfeil überhaupt erst einmal zu verstehen, ist es besonders interessant, Äußerungen zu suchen, die in Richtung des neuen Pols weisen könnten. Deshalb hier einige Beispiele, die ich in diesem Sinne bemerkenswert finde.

Mit welchen Themen wir es zu tun bekommen, wenn es darum geht, gemeinsame Antworten auf diese grundlegenden Fragen der Menschheit zu finden, zeigt die derzeit breite Diskussion über das Entstehen von Ideologien oder über Meinungsbildung in der Gesellschaft.

Im ZKM in Karlsruhe gab es 2015 zu demselben Thema ein Ausstellungsprojekt, das von Bruno Latour mit anderen kuratiert worden war: Reset Modernity. Diese Ausstellung hatte damals diese radikal andere Denkweise mit Fotokunst, Videos und Installationen veranschaulicht. Wer sich vertiefen möchte, dem sei das Fieldbook zur Ausstellung empfohlen.

Die Stimmen mehren sich, die dazu beitragen, die Schockstarre zu überwinden und sich grundsätzlicher mit dem gegenwärtigen Epochenwandel auseinandersetzen. Ein Beispiel hierfür hat dieser Tage Bernd Scherer, der Intendant des Hauses der Kulturen in Berlin, geliefert. Er stellt in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung die Zusammenhänge von Naturausbeutung, Technologie, Kybernetik und Design menschlicher Lebenswelten als  „planetarische Transformation“ des Anthropozän verständlich dar. Er schlägt Kulturprojekte vor, in denen der Mensch seine aktive Rolle zurückgewinnen kann.

Statt einer rein produktorientierten Technologieentwicklung, die selbst menschliches Leben zum Gegenstand von Geschäftsmodellen macht, benötigen wir Probebühnen für die neuen Phänomene, in denen soziale Akteure, Wissenschaftler und Künstler gemeinsam Zukunftsentwürfe erproben. Die Probebühnen sind einerseits Orte der Praxis, in ihnen werden Weltausschnitte hergestellt. Anderseits sind sie im Sinne der künstlerischen Praxis Orte der Imagination. Es geht auf den Probebühnen nicht um das Erzeugen von Fakten und Objekten, sondern den Entwurf von Möglichkeiten, um vor der endgültigen Realisierung in einem gesellschaftlichen Prozess, in dem die Betroffenen der Anthropozänentwicklung selbst auch Akteure werden, Optionen, Denk- und Wahrnehmungsweisen durchspielen zu können.

Einen viel beachteten Beitrag hat Bernd Ulrich unter dem Titel „Wie radikal ist realistisch?“ kürzlich in DIE ZEIT veröffentlicht. Seine Argumentation kommt den Überlegungen von Latour ziemlich nahe. Zum Beispiel üben beide deutliche Kritik an den Medien. Bernd Ulrich beklagt, dass die Medien einem mechanischen Mitte-Reflex folgten, bei Themen wie Ökologie, Ernährung, Natur, Landwirtschaft zu einem „sehenden Verdrängen“ beitrügen, die wesentlichen Fragen nicht stellten und damit geistige Schonräume erzeugten. Selbstkritisch verweist er auf den grundlegenden Lernbedarf der Medien.

Üblicherweise wird der allgegenwärtige politische Gradualismus durch den Journalismus weniger hinterfragt als vielmehr eskortiert. Der Grund dafür liegt darin, dass sich dieses Verfahren jahrzehntelang bewährt hat. Darum kostet es die Medien, auch die ZEIT, auch den Autor dieser Zeilen viel Kraft, sich aus dem Gelernten und Gelungenen zu lösen, selbst dann, wenn es immer öfter misslingt.

Noch deutlicher mit seiner Kritik an den Medien wird Bruno Latour, wenn er beklagt, wie die Medien die mit Milliarden Dollar finanzierte Desinformation über den Klimawandel unterschätzten, weil sie davon ausgingen, dass die Fakten für sich selbst sprächen.

Auch sie sind im Netz der Desinformation gefangen. (S. 35)

Schließlich sei auf eine aktuelle Studie hingewiesen, die der Komplexität des Geschehens gerecht zu werden versucht, indem sie das komplexe Zusammenspiel der widersprüchlichen Ziele berücksichtigt und der Politik so neue Wege aus der Klimakatastrophe aufzuzeigen versucht, wie das 1,5-Grad-Klimaziel des Pariser Abkommens doch noch erreichbar wäre. Das Mercator Research Institute for Global Commons and Climate Change betont, dass sich Lebensstil-Änderungen als besonders effizienter Weg zur Ergänzung der CO2Preisgestaltung erwiesen. Wenn die Menschen etwa Flugreisen und Fleischkonsum reduzieren, könnte dies die höheren kurzfristigen Kosten für frühzeitige Klimaschutzmaßnahmen ausgleichen helfen. Gunnar Luderer, einer der Co-Autoren der Studie, weist auf das Dilemma der Politik hin.

„Während die Möglichkeiten, solche Lebensstiländerungen herbeizuführen, oft sehr umstritten sind und daher nicht im Mittelpunkt der aktuellen politischen Diskussionen stehen, scheinen diese Veränderungen das größte Potenzial zur Reduzierung von Nachhaltigkeitsrisiken und zur Maximierung des Mitnutzens von Minderungsmaßnahmen zu haben“, sagt Luderer. „Gemeinsam können Politik und Menschen mehr erreichen, als sie denken.“

Das Internet der Dinge – Was ist das? – Interview mit Dirk Helbing

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Dirk Helbing, Professor für Computational Social Science in Zürich, habe ich in diesem Blog schon häufiger erwähnt, z.B. hier, hier und hier. Aus meiner Sicht eine wichtige Stimme, weil er im Diskurs über die Digitalisierung und deren Folgen für Orientierung sorgt. In diesem Interview mit Gian Trapp erläutert er die Entwicklung des Internets der Dinge und ordnet es in die humanen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit verständlich ein. 

Das Interview spannt einen Bogen von der Vernetzung von Sensoren als der nächsten Stufe der Entwicklung des Internets, über die DSGVO und die informationelle Selbstbestimmung, über Facebook und die anderen selbsternannten Datensammler, über den chinesischen Weg der Totalüberwachung und die neofeudalen Tendenzen der gegenwärtigen Digitalpolitik, über den Wechsel des Wirtschaftssystems hin zu einer Aufmerksamkeitsökonomie, über Ängste vor all diesen Entwicklungen und die Chancen, mit den unvorstellbar großen Datenmengen eine digitale Demokratie zu verwirklichen.

Anschauen. Eine halbe Stunde, die sich lohnt.

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