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Liquid modernity oder die Beständigkeit des Wandels – Zygmunt Bauman

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Solid modernity wants to fix and control the future. Liquid modernity is after avoiding mortgaging the future. This means, leaving all possible options open. Not to fix anything forever.

So deutete der erst kürzlich verstorbene polnische Soziologe Zygmunt Bauman in diesem sehens- und hörenswerten Vortrag am Zentrum für angewandte Kulturwissenschaft des KIT in Karlsruhe unsere gegenwärtige Haltung gegenüber der Zukunft. Diese Haltung durchdringe alle Bereiche des Lebens, von der Politik bis in unseren Alltag.

In den letzten Jahren ist es Mode geworden, die Unwägbarkeiten unserer Zeit mit dem Akronym VUKA (oder engl. VUCA) zu bezeichnen. Oft bleibt die Bedeutung dabei vage und unbestimmt. Dieser Vortrag von Bauman aus dem Jahre 2012 im Rahmen der 16. Karlsruher Gespräche bringt mehr Licht ins Dunkel der Flüchtigkeit, Ungewissheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit der aktuellen Verhältnisse. Vor allem wird deutlich, wie unausweichlich es geworden ist, sich mit den Unannehmlichkeiten des Lebens in der Ungewissheit anzufreunden.

Bauman vergleicht unsere Zeit des Übergangs mit einem Interregnum. Es sei dadurch gekennzeichnet, dass die alten Verfahren, die Dinge zu regeln, nicht mehr funktionieren, während jedoch die neuen Verfahren noch nicht entwickelt seien.

Früher lautete die Kernfrage: Was ist zu tun, um eine gute, sich selbst ausbalancierende Gesellschaft zu schaffen? Die Frage, wer dies umsetzen sollte, stellte sich gar nicht. Es war klar, dass dies der Staat sein würde. Er hatte alle Mittel dazu in der Hand. Heute hat sich die Gewichte genau umgekehrt. Die schwierige Frage, so Bauman, lautet nun: Wer ist in der Lage, das Modell einer guten Gesellschaft umzusetzen?

Wir erleben heute eine tiefe Spaltung zwischen Macht und Herrschaft. Macht (power) heisst nicht zwangsläufig Herrschaft (politics). Macht ist zu verstehen als die Fähigkeit, zu bewirken, dass Dinge getan werden. Herrschaft ist die Fähigkeit, zu entscheiden, welche Dinge getan werden sollen. Macht reicht über die lokale Reichweite der Herrschaft hinaus. Das sei der Kern der Problemanhäufung, die wir Globalisierung nennen. In beiden Sphären finden andauernd Aktivitäten statt, die jedoch in keiner Weise koordiniert sind oder miteinander kommunizieren. In der hochgradig vernetzten Welt sind wir zerrissen zwischen dem „space of flows“ und dem „space of places“, so Bauman im Rückgriff auf Manuel Castells und dessen Netzwerktheorie.

What we have today is a situation, in which the only permanence is change. … And the only certainty is uncertainty.

Über alle Ideologien hinweg – egal ob rechts oder links – galt lang Zeit die Vorstellung:

We did the change in order to finish the change. … Now, flexibility is the slogan of the day. It replaced solidity.

Das Prinzip unseres heutigen Lebens lautet:

The movement is all, the goal is nothing.

Unternehmen und Organisationen improvisieren, schließen die Lücken, bewältigen Krisen – ohne zu wissen, wohin der Weg führen soll.

Damit scheint zugleich das Ende aller Modernitäten besiegelt. Max Weber hat Modernität als instrumentellen Rationalismus beschrieben. Danach bestehe die Rationalität darin, die geeigneten Mittel auszuwählen, um ein gegebenes Ziel zu verwirklichen. Heute gehe es bei allen Spielarten der Modernität um die Rationalität der Möglichkeiten. Ausgangspunkt ist nicht mehr ein bestimmtes Ziel, sondern die Bandbreite an Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. Welche Ressourcen haben wir? Was kann man damit machen? Wir tun, was wir mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln tun können. Weil alle handelnden Menschen und Organisationen sich so verhalten, entsteht die Ungewissheit immer wieder neu.

Das Schlagwort von Wandel als dem einzig Beständigen ist besonders im Kreis der Change-Berater sehr beliebt. Oft hinterlässt der Satz jedoch einen schalen Beigeschmack, weil er so wirkt, als ob der Wandel zum Selbstzweck erhoben werden soll oder als wollten Berater Nachfrage nach ihren Dienstleistungen wecken. Ganz anders bei Bauman. Die historische Einordnung in die Entwicklung der Gesellschaft und die Strömungen, die im Verlauf der Technisierung, Globalisierung und Digitalisierung   entstanden sind, gibt diesem Satz eine epochale Schlüssigkeit und bedrückende Dringlichkeit.

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Written by Östermann

1. September 2017 at 17:32

Die Welt ändert sich! Und der Mensch?

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Die technologische und demografische Entwicklung ist seit geraumer Zeit von ständiger Beschleunigung geprägt. Wir spüren dies im Alltag an der hohen Ereignisdichte, die in Hektik, Überforderung und häufig auch in „Burn-out“ mündet. In der Folge beschleunigen sich auch unsere Lebensverhältnisse. Wir versuchen, unseren Welthorizont ständig zu erweitern und uns die Welt anzueignen. Darauf hat der Soziologe Hartmut Rosa kürzlich in einem Interview in der SWR2 Aula hingewiesen.

Seit dem 18. Jahrhundert können moderne Gesellschaften, besonders in ihrer ökonomischen Verfassung, ihre institutionelle Grundstrukur, ihren Status quo nur durch Steigerung erhalten. Eine moderne kapitalistische Wirtschaft muss wachsen, und sie wächst durch Beschleunigung und permanente Innovation, um so zu bleiben, wie sie ist. Ohne andauernde Steigerung, z. B. auch der Produktivität, und ohne ständige Neuerung können sich z.B. Firmen und Arbeitsplätze, überhaupt die ökonomische Aktivität als solche, nicht erhalten. Das heißt, Steigerung entstand in erster Linie nicht durch unsere Gier, unsere Unersättlichkeit, durch den Zug nach vorne, sondern eher dadurch, dass wir sie brauchen, um den Status quo zu erhalten. Das ist der Modus dynamischer Stabilisierung: Erhaltung durch Steigerung, und das macht sich in all unseren Lebensbereichen durch einen Zwang zu Optimierung und Effizienzsteigerung bemerkbar.

Wie diese Entwicklung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten aussehen wird, zeigt  dieses Video* sehr anschaulich. Wir haben es mit exponentiellen Entwicklungen zu tun und sind kaum in der Lage, zu ermessen, was das bedeutet.

 

Wie ist es dazu gekommen? Hartmut Rosa sieht die Grundidee des kapitalistischen Wirtschaftens aus dem Ruder laufen.

Die Idee war, wir schaffen ein System, wir schaffen Reichtum, der es uns ermöglicht,
wegzukommen von der Fixierung aller Energien auf den ökonomischen Konkurrenz- und Existenzkampf. Heute haben wir diese Hoffnung verloren, heute sagt jeder, der
Wettbewerb wird noch viel härter werden. Asien holt uns bald ein, wir werden ein
globales gnadenloses Wettbewerbssystem haben. Das meinen fast alle Ökonomen. Die Hoffnung, Knappheit, Armut, die Fixierung auf den Existenzkampf durch wirtschaftliche Effizienz zu überwinden, ist erloschen. Und in der Wissenschaft ist es erstaunlicherweise genauso. […] Es werden permanent neue Studien veröffentlicht und neue Kenntnisse generiert.

Wie kommen wir heraus aus dieser paradoxen Situation? Rosa versucht, einen Zugang zur Lösung auf der persönlichen Ebene zu beschreiben. Er erwartet einen Wandel unserer Beziehung zur Welt. Er glaubt, dass wir von der Aneignung der Welt, die uns in eine  ständige Steigerung des materiellen Konsums treibt, lösen werden und zu einer Anverwandlung der Welt kommen. Was meint er mit „Anverwandlung“?

Ich habe mir eine Sache erst anverwandelt, wenn ich sie für mich zum Sprechen gebracht habe, wenn ich eine Beziehung zu dieser Sache einnehme, die mich dabei berührt, wirklich bewegt und verändert. Ich nenne solche Beziehungen Resonanzbeziehungen.
Wie solche Resonanzbeziehungen in der Praxis aussehen, schildert er am Beispiel der Lektüre eines Buches.
Ich kann es im Power- oder Fast-Reading so schnell lesen, dass ich alle relevanten Informationen scanne und mir aneigne. Aber es ist etwas ganz anderes, ein Buch so zu lesen, dass es etwas mit mir macht oder dass ich etwas mit ihm mache. Das nenne ich Anverwandlungsprozesse, die zur Resonanzbeziehung führen. Diese Resonanzbeziehungen werden, glaube ich, erschwert in einem Klima der Konkurrenz, der Optimierung und der Beschleunigung.
Womit wir einstweilen wieder beim Dilemma angekommen wären. Vielleicht können wir den ersten Schritt tun, wenn wir anfangen, auf unsere eigenen Resonanzbeziehungen zu achten.
Hartmut Rosa veröffentlicht seine Gedanken im März 2016 in seinem neuen Buch „Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung“.

*Das Video habe ich gefunden bei Team Holger Six

Written by Östermann

30. Januar 2016 at 14:16

Wie wir ticken | SZ-Volontäre über das Tempo in unserer Gesellschaft

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Das hervorstechendste Merkmal des Lebens unserer Zeit ist zweifellos sein Tempo – das, was wir seine Eile nennen könnten, die Geschwindigkeit, in der wir uns bewegen, der Hochdruck, unter dem wir arbeiten.
William Rathbone Greg, 1877

Mit diesem Zitat machen die Volontäre der SZ ihr Web-Special – Wie wir ticken – auf. Sie begeben sich auf die Spur des Zeitempfindens, der Beschleunigung, der Unterschiede zwischen den Kulturen und der Paradoxien in der Wahrnehmung der Zeit gemacht.

 

Written by Östermann

20. September 2015 at 14:06

Veröffentlicht in Arbeitswelt, Gesellschaft, Technologie

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Globales Schlamassel, das Rhizom und die Frische des Anfangs

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Kürzlich hat der ungewöhnliche und provokante Denker Slavoj Zizek in DIE ZEIT die globale Situation „nach dem Ende des amerikanischen Jahrhunderts“ betrachtet. Dabei ist er auch auf das gegenwärtige Zeitempfinden eingegangen.

„Wie wollen wir verhindern, dass wir noch tiefer in den Strudel hineingezogen werden. Der erste Schritt wäre, das ganze pseudorationale Gerede über „strategische Risiken“, die wir als gegeben annehmen müssten, über Bord zu werfen – genau so wie die Vorstellung einer historischen Zeit als einem linearen Entwicklungsprozess, bei dem wir uns in jedem Moment zwischen verschiedenen Handlungsoptionen zu entscheiden haben. Wir müssen es als unser Schicksal akzeptieren, bedroht zu sein: Es geht nicht nur darum, Risiken zu vermeiden und vor dem Hintergrund der globalen Lage die richtigen Entscheidungen zu treffen; die wahre Bedrohung besteht in der globalen Lage insgesamt, in unserem „Schicksal“ – wenn wir weiter so handeln, wie wir es derzeit tun, sind wir zum Untergang verurteilt, ganz gleich, wie umsichtig wir vorgehen.

Die Lösung besteht also gerade nicht darin, überaus umsichtig zu sein und riskante Unternehmungen zu vermeiden. Wenn wir so handeln, gehorchen wir voll und ganz der Logik, die in die Katastrophe führt. Die Lösung ist vielmehr, sich des explosiven Gemischs aus Kreuz-und-quer-Verbindungen, das die ganze Lage so gefährlich macht, wirklich bewusst zu werden. Sobald uns das gelungen ist, sollten wir uns die langwierige und komplizierte Aufgabe in Angriff nehmen, die Koordinaten der Gesamtsituation zu verändern. Mit weniger ist uns nicht geholfen, wenn wir den Absturz unseres Planeten verhindern wollen.“

Dieses Bild vom „Gemisch aus Kreuz-und-quer-Verbindungen“ erinnert mich an die Metapher vom Rhizom, die Gilles Deleuze und Felix Guattari einst gewählt hatten.

Im Interview mit Alexander Kluge erläutert der Philosoph Joseph Vogl die Rhizom-Metapher, den Nutzen einer solchen „produktiven Entwendung“ von Begriffen und die „Frische des Anfangs“, die daraus erwächst.

Siehe dazu auch Vom Zeitpfeil zum sich öffnenden „Zeitraum“

Written by Östermann

6. April 2015 at 18:01

Veröffentlicht in Gesellschaft, Strategie, Zukunft

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Vom Zeitpfeil zum sich öffnenden „Zeitraum“- Das Zeitempfinden im Wandel

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„Wohin fliegt der Zeitpfeil?“, fragt Nicolas Dierks in seinem Blog und beleuchtet die gewohnten Zeitvorstellungen in unserer Zeit. In unseren Breiten stellen wir uns üblicherweise vor, dass die Zukunft vor uns liegt und die Vergangenheit hinter uns.

Andere Kulturen denken es sich andersherum: Die Vergangenheit denken sie sich vor uns, die Zukunft hinter uns (weil wir sie nicht sehen können). Aber rückwärts in die Zukunft stolpern, das kann ja heiter werden.

In beiden Vorstellungen wird die Zeit als Strecke gedacht, die sie zurücklegt. Dierks schlägt ein anderes Zeitverständnis vor und veranschaulicht das an der häufig verwendeten Zeitachse.

Wir meinen: Wenn dann die Zeit vergeht, bewegen wir uns auf dem Zeitpfeil von t0 nach t1 usw. Aber ist es nicht gerade umgekehrt? Auch die Sonne kreist ja nicht um die Erde, „obwohl es so aussieht“ (der Witz ist ja gerade, dass es umgekehrt genauso aussieht!). Und genauso unterliegen wir einer Täuschung, wenn wir meinen, wir würden uns auf dem Zeitpfeil bewegen. Vielmehr sind wir immer bei t0 – immer „jetzt“. 

Dierks sieht uns nicht mehr als Zeitreisende. Mensch und Zeit sind immer in der Gegenwart miteinander verbunden. Die Zeit ist gewissermaßen selbst die Reisende. Der Zeitpfeil bewegt sich durch uns hindurch.

Auch Hans Jürgen Bulkowski erkundet in seinem SWR2 Essay „Zukunft oder Worauf wir zugehen“ die Vorstellung von der Zeit als Linie. Er wagt einen spannenden Versuch, den tiefgreifenden Wandel der Zeitauffassung vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung mit den Begriffen von Zeit und Raum zu beschreiben.

Eingesponnen in feinmaschige Netzbezüge stellt sich uns nunmehr die Frage, wie wir uns sowohl die Bewegungsabläufe als auch die Bewegungsrichtung von Geschehensvorgängen bewusst machen können. Also die Frage nach unserem Verhältnis zur Zeit. Das Netzmodell beeinträchtigt ja nicht nur die Zukunftsvorstellungen, es verändert auch unser Verständnis von zeitlichen Vorgängen überhaupt. Offenbar genügt es nicht, dass wir uns weiterhin die Zeit als eine Linie vorstellen, als einen Pfeil in zweidimensionaler Richtung von hinten nach vorn, von einem Früher in ein Künftiges. Charakteristisch für den vorausschießenden Pfeil der Zeit war ja die Ära der Geschwindigkeitsrekorde im 20. Jahrhundert.

Bulkowski sieht uns, was Veränderungen begrifft, ungeachtet aller Turbomobilität und Hyperaktivität von einer Lähmung befallen.

An die Stelle von zukunftsweisenden Veränderungen ist inzwischen – ob persönlich oder gesellschaftlich – das Entfachen und Bewältigen von Krisen getreten, ein reaktives Verfahren, das höchstens auf den gegenwärtigen Zustand zielt, ihn damit aber nur renoviert, nicht weiterbringt.

[…]

Dennoch empfinden derzeit nicht Wenige […] so etwas wie Ungeduld und Unruhe. Wir spüren, dass „die Zeit drängt“, wenn auch kaum noch vorwärts.

[…]

Im Gegensatz zu früheren Zukünften ist in der heute prophezeiten Zukunft Gelingen und Fehlschlag stets schon enthalten. Kein Wunder, dass Zukunft an Anziehungskraft verliert. […] Zumal immer deutlicher wird, dass wir schon heute die Zukunft nicht nur mit Industrie- und Konsumabfällen und territorialen Schäden belasten, sondern auch mit aufgestauten Krediten, die nicht, ja niemals mehr getilgt werden können.

[…]

Jeder Einzelne spürt in sich nicht nur persönliche Veränderungen, sondern auch die in seiner Umgebung. Veränderungen, die er abwehrt oder aufnimmt und umzusetzen versucht. Wie kann es gelingen, neue Perspektiven, neue Bezüge, neue Gemeinsamkeiten zu entwickeln, die über die bloße Reaktion auf alarmierende Klimamessungen und Rohstoffverknappungen hinausführen?

Anders als in früheren Zeiten sieht Bulkowski – wohlgemerkt aus europäischer Sicht – heute keine schlagartigen revolutionären Umbrüche mehr anstehen.

Nicht das Ersetzen, der Austausch einer alten Welt gegen eine neue steht an, vielmehr eine Verschiebung, ein zügiges, an mehreren Orten, von vielen Individuen ausgehendes, dennoch gemeinsames Verlagern der Gewichte.

Was aber geschieht jetzt? Wie können wir uns als Zeit- oder vielmehr Gegenwartsgenossen verstehen, womöglich gar als Zukunftsgenossen? Wie können wir einerseits erfahren, was gegenwärtig geschieht, andererseits aber auch daran teilhaben, und zwar so, dass wir ermutigt werden, handelnd in Geschehensabläufe einzugreifen?

Es reicht also nicht mehr aus, so Bulkowski, dass wir uns als Zeitzeugen verstehen.

Dies nun keineswegs, weil wir nichts mitbekommen, sondern im Gegenteil, weil wir zu viel mitbekommen – Informationen, Anregungen, Motivationen, Beeinflussungen in einer solchen Menge und Vielfalt, dass es für jeden von uns in der Fülle an Möglichkeiten speziell für ihn kaum noch die eine erwünschte Möglichkeit gibt. Ab einem bestimmten Quantum an Möglichkeiten schlagen anfängliche Handlungsimpulse in Nichtstunkönnen um.

[…]

Die von uns empfundene wie ja auch tatsächliche Komplexität der Lebenswelt neutralisiert die Ereignisse, stellt jedem Ansatz zu einem erkennbaren Gesamtgeschehen sofort eine Fülle von anderen, konträren Ereignissen und Ansätzen gegenüber. Inzwischen beschränkt sich ein großer Teil unserer Aktivitäten aufs Vernetzen. Zwar ist unser Leben und Arbeiten seit längerem bereits in Verkehrsnetze, Telefonnetze, Beziehungsnetze, vernetzte Institutionen, Wissenschaften und Staaten eingebunden. Weitergehende Auswirkungen bis in die Verästelungen unseres Alltags ergeben sich aber vor allem aus dem Internet und seinen jeweiligen Updates.

Und jetzt wird es spannend. Denn am Zeitempfinden sind diese Auswirkungen zu beobachten.

Derzeit sind wir Zeuge, wie sich das allgemeine Zeitverständnis allmählich, aber unaufhaltsam in nächste Dimensionen verschiebt – also in die zweite und dritte Dimension: ins Räumlich-Flächige und darüber hinaus ins Raumkörperliche. Wie lässt sich zeitliche Bewegung räumlich vorstellen oder gar darstellen?

Die Bewegungen beschleunigen sich im Innern dieser raumzeitlichen Gesamtheit nicht mehr in eine Richtung. Sie streben in ganz verschiedene Richtungen. Sie

verschränken sich, verflechten sich, richten sich auswärts nach allen Seiten hin, schlagen Querrichtungen ein, kommen einwärts von allen Seiten her. Zeitliche Bewegung folgt damit dem Modell von Anhäufung und Abtragung […].

Was die Verräumlichung der Zeitvorstellungen betrifft, haben wir inzwischen eine Gegenwart erreicht, die wir keineswegs als Verengung, Einengung erfahren, sondern als eine Erweiterung, wenn auch nicht mehr als Erweiterung nach außen, sondern in Richtung Inneres, als Öffnung des Innenraums. Damit verändert sich auch die Sicht, die Einsicht darauf, wie es künftig weitergeht.

Die sich andeutende Erweiterung stellt er sich vor

als ein Auflockern und Freilegen, eben Erweitern innergesellschaftlicher Spiel- und Aktionsräume. So ist auch Künftiges, also das, worauf sich unser Handeln bezieht, nicht in einer fern vorausliegenden Zukunft zu suchen, vielmehr in dem, was in der Gegenwart schon enthalten ist. Dieser Zukunftsgehalt besteht keineswegs aus purer Phantastik oder aus Vermutungen. Er ist bereits Teil unserer Lebenswirklichkeit, und zwar in Gestalt von Einfällen, Vorschlägen, Entwürfen, neuen Herstellungsverfahren, geplanten und bereits begonnenen Projekten.

Bulkowski lädt uns ein, Zeit nunmehr als das zu verstehen,

was uns zusammenführt, was alle unsere Bewegungen und Aktionen einbezieht und in sich aufnimmt. Zeit läuft nicht neben uns her. Sie bildet den Raum, in dem wir uns bewegen. Dieser Raum ist kein leerer Kubus, der ebenso gut auch ohne Menschen und Dinge derselbe Raum bliebe. Es ist im wahren Sinn des Wortes ein Zeitraum.

Siehe auch Der Augenblick und der Zeitstrahl und #Freiheit, Haltung und die Vielzahl der Möglichkeiten

 

Written by Östermann

22. Februar 2015 at 18:12

Veröffentlicht in Gesellschaft, Zukunft

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Vom rastlosen Schwirren zum Verweilen, zur vita contemplativa und zur Muße

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Han Duft der Zeit

Die Zeit duftet nicht mehr, meint Byung-Chul Han in seinem Essay „Duft der Zeit“. Er unterscheidet darin die mythische Zeit, die ruhe, wie ein Bild. Die geschichtliche Zeit habe dagegen die Form einer Linie, die auf ein Ziel zuläuft oder zurast.

Entschwindet der Linie die narrative oder teleologische Spannung, so zerfällt sie zu Punkten, die richtungslos schwirren. … Der Mythos wich ehemals der Geschichte. … Geschichte weicht nun Informationen. Diese … stürzen gleichsam auf uns ein. … Die Informationen duften nicht. (S. 23)

Die Zeit beginnt zu duften, wenn sie eine Dauer gewinnt, wenn sie … an Tiefe und Weite, ja an Raum gewinnt.  Die Zeit verliert den Duft, wenn sie jeder Sinn- oder Tiefenstruktur entkleidet wird, … Die Beschleunigung … ist … eine Folge der haltlos gewordenen, atomisierten Zeit … (S. 24)

Der postmoderne Mensch als animal laborans kenne nur die Pause, aber keine kontemplative Ruhe. In einem Interview mit dem Online-Journal IDLE plädiert Byung-Chul Han für eine andere Zeitpraxis, für eine Revitalisierung der vita contemplativa.

In neoliberalen Systemen wird alles gänzlich ökonomisiert – so auch die Zeit. Im Neoliberalismus wird alles ausgebeutet und zu eigen gemacht. Und natürlich gibt es da nur noch ein Pausieren, jedoch kein Verweilen! Um dies zu können, müsste man die Zeit unterbrechen und verlassen, wodurch erkenntlich wird, dass Verweilen eine andere Zeitpraxis erfordert. Beim Verweilen verfliegt die Zeit nicht, sie wird vielmehr zu einer dehnenden Erfahrung der Dauer.

Er bleibt jedoch skeptisch, ob wir das Verweilen wieder erlernen können.

Das erscheint schwierig. Alles was dem perfiden Produktionsimperativ des Neoliberalismus im Wege steht, wird abgeschafft. Auch die Suchprozesse nach Schwachstellen werden eingebunden – es gibt keine Möglichkeit, sich dem System zu entziehen, da alles vereinnahmt wird. Ich würde sogar weiter gehen in meinen Thesen und behaupten, dass wir nicht einmal mehr Pausieren können. Auch die Freizeit wird totalisierend erfasst. Es herrscht ein allumfassendes, perfides Diktat der Leistung.

Joachim Bauer und Stefan Schmidt sind da optimistischer. Braucht es Muße für Entwicklung, für Kreativität, für Lernen? Mit dieser Frage befassen sich die beiden Wissenschaftler an der Universität Freiburg im Sonderforschungsbereich „Muße. Konzepte, Räume, Figuren“. In einem Interview mit SWR2 Aula erzählen sie, wie sie mit Achtsamkeitstrainings eine neue Zeitpraxis an Schulen ausprobieren. Auch sie gehen von einem Leistungsdruck aus, den wir selbst durch unser Verhalten erzeugen und dem wir uns selbst unterwerfen.

Schmidt: Das Problem mit der Funktionalisierung ist, dass sie zunimmt. […] Die vielen elektronischen Medien machen es möglich, klassische Freiräume, zum Beispiel Wartezeiten an der Supermarktkasse oder auf den Bus oder auch das Reisen, Stück für Stück zu funktionalisieren und zu irgendetwas zu benutzen. Als Konsequenz haben wir eine sich ständig verändernde Welt, die uns dazu verleitet, jede freie Minute zu benutzen, etwas zu erledigen. Ich glaube, das ist nicht gut und das merken auch viele Menschen an zu viel Stress, am Burnout. Man hat die Idee, man könnte immer noch mehr erledigen, aber in Wirklichkeit setzt man seinen Geist in eine erhöhte Eile und bleibt letztendlich Opfer dieser Taktung. Da braucht es ein Innehalten und ein Gewöhnen an Ent-Funktionalisierung, langsameres Tun, eventuell Nichtstun.

Damit sind nicht etwa mehr Unterrichtspausen gemeint. Es geht um ein anderes Zeiterleben. Ent-Funktionalisierung, Entschleunigung, Verlangsamung sind, so Schmidt,

Phänomene, die miteinander zu tun haben, ich würde sie aber nicht gleichsetzen. Wir stehen ja in der Schule erst mal vor der Frage: Wie machen wir das, wie können wir Freiräume zurückerobern? Einfach zu sagen, jetzt tun wir mal nichts, geht nicht. Was wir uns gemeinsam überlegt haben, war: Es gibt das Verfahren der Achtsamkeitspraktik, bei dem die Menschen Meditation und Innehalten und auch Dinge bewusst und mit der Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Moment zu tun lernen. Und das erzeugt Momente der Ruhe, der Verlangsamung, der Bezogenheit auf die Gegenwart. Stress wird oft davon ausgelöst, dass ich mit meinen Gedanken immer in der Zukunft bin: Was muss ich noch alles tun, was steht alles vor mir? Das ist das, was mich in Unruhe bringt. Und wenn ich hier einfach sitze und mit meinen Gedanken in der Gegenwart bin, entziehe ich mich der Zeitlichkeit schon ein Stück weit. Diese Haltung kann man sehr schön einüben, am besten zunächst in einem stillen Rückzugsraum, das wäre die Meditation. Aber die Idee ist, diese bezogene ruhige Haltung in den Alltag zu übertragen und sie zum Beispiel auf Gegenstände anzuwenden, wenn ich z. B. einen Stift in die Hand nehme, dass ich das genauso fokussiert und aufmerksam tue. Und das ist etwas, was eine Ent-Funktionalisierung bewirkt.

Erste Erfahrungen scheinen in die gewünschte Richtung zu weisen, lassen aber auch die Missverständnisse ahnen, die zu erwarten sind, wenn eine neue Zeitpraxis auf das Leistungsdenken der Schule trifft.

Schmidt: Wir werten gerade Interviews von Schülerinnen des ersten Kurses aus, den wir an einer Schule durchgeführt haben. Eine Schülerin sagte, nachdem sie die Achtsamkeitsübung gemacht hatte, seien ihr die Hausaufgaben nicht mehr so wichtig erschienen.

Das Manuskript des Interviews steht bei SWR2 direkt zum Download bereit.

Written by Östermann

3. Januar 2015 at 16:40

Veröffentlicht in Bildung, Spiritualität

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Der Mensch ist in der Zeit – ein Gedicht zum Jahresabschluss

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Gedancken über der Zeit
 
Ihr lebet in der Zeit und kennt doch keine Zeit;
so wißt, ihr Menschen, nicht von und in was ihr seid.
Diß wißt ihr, daß ihr seid in einer Zeit geboren
und daß ihr werdet auch in einer Zeit verloren.
Was aber war die Zeit, die euch in sich gebracht?
Und was wird diese sein, die euch zu nichts mehr macht?
Die Zeit ist was und nichts, der Mensch in gleichem Falle,
doch was dasselbe was und nichts sei, zweifeln alle.
Die Zeit, die stirbt in sich und zeugt sich auch aus sich.
Diß kömmt aus mir und dir, von dem du bist und ich.
Der Mensch ist in der Zeit; sie ist in ihm ingleichen,
doch aber muß der Mensch, wenn sie noch bleibet, weichen.
Die Zeit ist, was ihr seid, und ihr seid, was die Zeit,
nur daß ihr wenger noch, als was die Zeit ist, seid.
Ach daß doch jene Zeit, die ohne Zeit ist, käme
und uns aus dieser Zeit in ihre Zeiten nähme,
und aus uns selbsten uns, daß wir gleich könten sein,
wie der itzt jener Zeit, die keine Zeit geht ein!

 

Paul Fleming (1609-1640)

 

Gefunden via SWR2 Alte Musik bei johannaschall.blogspot.de

Written by Östermann

23. Dezember 2014 at 20:36

Veröffentlicht in Nachhaltigkeit, Spiritualität

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