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Unternehmensmodelle im Wandel (19): Agil ist nicht AGIL

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Die beispiellose Karriere des Begriffs „Agilität“ in Management- und Beraterkreisen befördert seit einiger Zeit die Suche nach den historischen Wurzeln dieses Konzepts. Dabei fällt auf, dass sich manche Beobachter auf Talcott Parsons und sein AGIL-Schema aus den 1950er Jahren berufen. Der Soziologe Stefan Kühl hat sich in einer Glosse mit diesem Missverständnis auseinander gesetzt. Dies wiederum hat den Kulturwissenschaftler Dirk Baecker auf den Plan gerufen, der erklärt, weshalb es sich hier um ein durchaus produktives Missverständnis handelt.

Das AGIL-Schema sei viel zu schematisch, meint Kühl. Deshalb wende es kaum ein Soziologe heutzutage noch an. Umso erstaunlicher sei, dass das Schema plötzlich außerhalb der soziologischen Zunft von deutschen Wirtschaftsmedien als Vorreiter des agilen Managements gefeiert werde.

Dirk Baecker, Kulturwissenschaftler in Witten-Herdecke, hat auf die Glosse von Kühl in einer Replik „Wie agil ist das AGIL-Schema?“ geantwortet. Er ist sich mit Kühl einig, dass es sich hier um ein Missverständnis handelt. Er schätzt den Wert dieser Theorie allerdings ganz anders ein. Er hält sie keineswegs für „verstaubt“. Ihr Wert bestehe

in der erstmaligen Kombination von physikalischen und biologischen mit psychologischen, soziologischen und philosophisch-theologischen Beschreibungen von Handlungen. Zum ersten Mal werden die Aspekte nicht einfach nebeneinander gesetzt, so dass die angesprochenen Disziplinen jeweils isoliert vor sich hinforschen können. Vielmehr wird jeder Aspekt in Abhängigkeit und Unabhängigkeit von jedem anderen formuliert.

Parsons‘ AGIL-Schema […] wäre, so Baecker weiter, in höchstem Maße geeignet,

die Ansprüche zu untersuchen, unter denen körperlich, geistig und sozial integrierte Handlungen im agilen Management zustande kommen. Aber dasselbe gilt auch für die klassische Hierarchie, die Matrix-Organisation oder das Qualitätsmanagement. Sie alle lassen sich mit dem AGIL-Schema untersuchen.

In seinem Aufsatz „Agilität, Hierarchie und Management“ macht Baecker den Versuch, das Modell des „Agilitätsalgorithmus“ mit dem AGIL-Schema einem Stresstest zu unterziehen. Das Schema besteht aus den vier Funktionen adaptation, goal-attainment, integration und latent-pattern maintenance and conflict regulation, A, G, I und L, das selbstähnlich skalierbar auf alle Subsysteme angewandt werden kann.

Auf der Ebene der allgemeinen human condition finden sich neben der Natur (A) der menschliche Organismus (G), das allgemeine Handlungssystem (I) und das telische System höchsten Sinns (L).

Baecker, Dirk: Agilität, Hierarchie und Management. Eine Verallgemeinerung. 2017. S. 14f.

Auf den einzelnen Ebenen darunter, z.B. der des Handlungssystems, lässt sich das Schema ebenso anwenden.

Wie also leisten die drei Werte der Leere, des Auftrags und der Umwelt im Agilitätsalgorithmus eine Erfüllung der vier von Parsons postulierten Systemfunktionen? Es ist, wenn auch mit unterschiedlichen Akzentuierungen, ihr Zusammenspiel, dass die funktionalen Anforderungen erfüllt, nicht etwa eine Aufteilung der Werte auf die jeweiligen Funktionen. Mit dem Zusammenspiel von Leere, Auftrag und Umwelt werden Anpassungsleistungen erbracht; mit der Orientierung am Auftrag, abgesichert in der Leere der Vorbereitung auf diesen Auftrag, setzt sich eine Zielorientierung durch; die Bearbeitung des Auftrags durch die Systemelemente, die man dazu benötigt, und mit den Ressourcen, die zur Verfügung stehen, erfüllt die Integrationsfunktion; und immer dann, wenn Konflikte drohen, werden die beiden Werte der Leere und der Umwelt aufgerufen, um Abstand vom Auftrag, aber auch Motivation zum Auftrag zu gewinnen.

Man sieht, es fehlt der Form der Agilität an nichts, wenn man Parsons‘ Analysekriterien zugrunde legt. Man sieht allerdings auch, dass die Integrationsfunktion in gewisser Weise die Führung beanspruchen kann […].

ebd., S. 16

Dazu muss man wissen, dass Baecker in seinem Aufsatz den „Algorithmus“ eines agilen Systems als das Zusammenspiel von Leere, Auftrag und Umwelt herleitet. Mit „Umwelt“ ist dabei gemeint, dass wir es an der Grenze von System und Umwelt nicht mehr mit einer zweiwertigen, sondern mit einer mindestens dreiwertigen Relation zu tun haben. Dies hat eine Heterarchie zur Konsequenz als ein „ökologisch zu denkendes Nachbarschaftsverhältnis zwischen Stellen, Systemen oder Teilsystemen, die ihren Bezug aufeinander nach wie vor als Differenz zueinander zu ordnen haben“. Mit „Leere“ ist die Einfachheit gemeint, die im agilen Manifest mit dem Satz propagiert wird: „Simplicity – the art of maximizing the work not done – is essential.“ Oder: „Es gibt nichts zu tun, weil es so viel zu tun gibt.“ Für Baecker steckt in dieser Erkenntnis der entscheidende Entwicklungsschritt vom Management zur Agilität. Es ist eine „Leere“ zu schaffen, die Bereitschaft zur Bearbeitung des Auftrags. Das Konzept der Agilität wird gerne mit einer radikalen Kundenorientierung verbunden. Diese entpuppt sich jedoch, so Baecker, bei genauerer Betrachtung als radikale Auftragsorientierung. Sonst würde sich ein System den Launen und Wünschen, Kosten- und Gewinnerwartungen der Umwelt aussetzen. Das würde es nicht überleben.

Diese Entwicklung zur Agilität hat unter den Bedingungen der digitalen Technik erhebliche Auswirkungen auf das Management. Baecker vermutet, dass die

weitgehende Umstellung der Organisationslandschaft in Unternehmen und Behörden, Universitäten und Krankenhäusern, Kirchen und Armeen, Schulen und Theatern von Techniken der schriftlichen Aktenführung und maschinellen Produktionsplanung auf Technologien der elektronischen Vernetzung und digitalen Steuerung dazu führen, dass der Bedarf an Koordination und Integration, der bislang vom Management bedient wurde, an künstlich-intelligente Maschinen ausgelagert werden kann.

ebd., S. 13

Der Bedarf an Formen der agilen Produktentwicklung werde dadurch eher steigen, ebenso der Bedarf an einer strategischen Führung, die die notwendigen Kapital- und Personalressourcen für die Projektfindung vorhält. Möglicherweise jedoch, so Baecker, finde sich unter den Beteiligten bald kaum noch jemand, der oder die sich „Manager“ nennen lässt.

Baecker unterzieht das Konzept der Agilität noch einem zweiten Stresstest. Diesmal mit Luhmanns Theorie sozialer Systeme. Luhmanns Soziale Systeme, so Baecker,

gewinnen sich in der Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt aus dem eigenen Umgang mit einer selbstgeschaffenen Zeit: „Wir haben es mit einem Zusammenhang mehrerer Variablen zu tun, die sich, oberflächlich gesehen, widersprechen, nämlich als Einheit von (1) selektiver Verknüpfung der Elemente, (2) Bindung freier Energien aus anderen Realitätsschichten durch Interpenetration, (3) ständige sofortige Wiederauflösung der Verknüpfung und der Bindung, (4) Reproduktion der Elemente auf Grund der Selektivität aller verknüpfenden und bindenden Relationen, und (5) Fähigkeit zur Evolution im Sinne einer abweichenden Reproduktion, die Möglichkeiten der Neuselektion eröffnet. Ein solches System hat kein zeitfestes Wesen. Es ist auch nicht nur in dem Sinne der Zeit ausgesetzt, dass es sich anpassen und gegebenenfalls Strukturen ändern muss. Nicht einmal die Austauschbarkeit der Elemente […] erfasst den Zeitbezug radikal genug. Handlungssysteme benutzen die Zeit, um ihre kontinuierliche Selbstauflösung zu erzwingen; sie erzwingen ihre kontinuierliche Selbstauflösung, um die Selektivität aller Selbsterneuerung sicherzustellen; und sie benutzen diese Selektivität, um die Selbsterneuerung selbst zu ermöglichen in einer Umwelt, die kontinuierlich schwankende Anforderungen stellt” (Luhmann: Soziale Systeme. Frankfurt 1984: 394)

ebd., S. 17

Baecker lässt offen, ob die beiden Theorien die Konzepte der Agilität oder umgekehrt die Agilitätsphilosophie die Theorien bestätigen. Wichtiger scheint ihm, festzustellen, dass es sich lohnt, über Alternativen zur Hierarchie und Management nachzudenken, jedoch nicht als Negation, sondern als Flexibilisierung der Ordnungsrelationen.

Mit den teams und circles, roles und links, sprints und meetings, slacks und constraints der Agilitätsphilosophie hat das auf den ersten Blick nichts zu tun. Auf den zweiten Blick jedoch sieht man, dass jeder dieser Termini die Bedingungen des widersprüchlichen Zusammenhangs der 5 Variablen erfüllt. Agile Produktentwicklung ist eine Form der Reproduktion im Medium ihres Zerfalls, der Auftragserfüllung im Medium einer laufend wiederzugewinnenden Leere. In den circles werden die teams neu bestimmt, in den links die roles bestätigt und verändert, in den meetings die sprints als zureichend oder unzureichend beschrieben; und die constraints stehen den slacks nicht entgegen, sondern fordern sie, und sei es in der Form des scrum master, der für einmal nichts zu tun hat und nach Engpässen sucht, die aufzulösen sind.

ebd., S. 19

Das AGIL-Schema könnte also gerade im Zusammenhang mit der Agilitätsphilosophie durchaus gute Dienste leisten. Möglicherweise fehlt, so vermutet Baecker, nur eine mehrdimensionale topologische Darstellung im digitalen Netz, um es intuitiv zugänglich zu machen.

Wer sich mit der Frage, ob und wie das Konzept der Agilität mehr als eine vorübergehende Mode ist, vertieft beschäftigen will, der oder dem sei wärmstens empfohlen, sich der Lektüre dieses Aufsatzes von Dirk Baecker zu widmen, auch wenn es einige Mühe kostet.

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Written by Östermann

9. März 2019 at 17:58

Zeitlosigkeit

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Zu Ostern ein paar Gedanken von Willigis Jäger.

Das Jenseits ist nichts, was irgend­wann im Laufe der Zeit einmal kommen wird, sondern es ist das Jenseits der Zeit: die Zeitlosigkeit. Hat man sich das einmal klar gemacht, wird man nicht um­hin können, seine Vorstellung von Auferstehung und einem Leben nach dem Tod zu ändern. Denn nun zeigt sich, dass Auferstehung sich nicht zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort vollzieht, sondern hier und jetzt. Gott voll­zieht sich als Hier und Jetzt. Und Religion ist nicht der auf künftige Belohnung schielende Dienst an einem jenseitigen Gott, sondern der Vollzug des Hier und Jetzt – der Vollzug Gottes in unserem konkreten, täglichen Leben.*

*Willigis Jäger: Die Welle ist das Meer. Freiburg 2007, S. 93.

Gefunden bei Tabvla Rasa

Written by Östermann

1. April 2018 at 11:12

Veröffentlicht in Spiritualität

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Liquid modernity oder die Beständigkeit des Wandels – Zygmunt Bauman

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Solid modernity wants to fix and control the future. Liquid modernity is after avoiding mortgaging the future. This means, leaving all possible options open. Not to fix anything forever.

So deutete der erst kürzlich verstorbene polnische Soziologe Zygmunt Bauman in diesem sehens- und hörenswerten Vortrag am Zentrum für angewandte Kulturwissenschaft des KIT in Karlsruhe unsere gegenwärtige Haltung gegenüber der Zukunft. Diese Haltung durchdringe alle Bereiche des Lebens, von der Politik bis in unseren Alltag.

In den letzten Jahren ist es Mode geworden, die Unwägbarkeiten unserer Zeit mit dem Akronym VUKA (oder engl. VUCA) zu bezeichnen. Oft bleibt die Bedeutung dabei vage und unbestimmt. Dieser Vortrag von Bauman aus dem Jahre 2012 im Rahmen der 16. Karlsruher Gespräche bringt mehr Licht ins Dunkel der Flüchtigkeit, Ungewissheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit der aktuellen Verhältnisse. Vor allem wird deutlich, wie unausweichlich es geworden ist, sich mit den Unannehmlichkeiten des Lebens in der Ungewissheit anzufreunden.

Bauman vergleicht unsere Zeit des Übergangs mit einem Interregnum. Es sei dadurch gekennzeichnet, dass die alten Verfahren, die Dinge zu regeln, nicht mehr funktionieren, während jedoch die neuen Verfahren noch nicht entwickelt seien.

Früher lautete die Kernfrage: Was ist zu tun, um eine gute, sich selbst ausbalancierende Gesellschaft zu schaffen? Die Frage, wer dies umsetzen sollte, stellte sich gar nicht. Es war klar, dass dies der Staat sein würde. Er hatte alle Mittel dazu in der Hand. Heute hat sich die Gewichte genau umgekehrt. Die schwierige Frage, so Bauman, lautet nun: Wer ist in der Lage, das Modell einer guten Gesellschaft umzusetzen?

Wir erleben heute eine tiefe Spaltung zwischen Macht und Herrschaft. Macht (power) heisst nicht zwangsläufig Herrschaft (politics). Macht ist zu verstehen als die Fähigkeit, zu bewirken, dass Dinge getan werden. Herrschaft ist die Fähigkeit, zu entscheiden, welche Dinge getan werden sollen. Macht reicht über die lokale Reichweite der Herrschaft hinaus. Das sei der Kern der Problemanhäufung, die wir Globalisierung nennen. In beiden Sphären finden andauernd Aktivitäten statt, die jedoch in keiner Weise koordiniert sind oder miteinander kommunizieren. In der hochgradig vernetzten Welt sind wir zerrissen zwischen dem „space of flows“ und dem „space of places“, so Bauman im Rückgriff auf Manuel Castells und dessen Netzwerktheorie.

What we have today is a situation, in which the only permanence is change. … And the only certainty is uncertainty.

Über alle Ideologien hinweg – egal ob rechts oder links – galt lang Zeit die Vorstellung:

We did the change in order to finish the change. … Now, flexibility is the slogan of the day. It replaced solidity.

Das Prinzip unseres heutigen Lebens lautet:

The movement is all, the goal is nothing.

Unternehmen und Organisationen improvisieren, schließen die Lücken, bewältigen Krisen – ohne zu wissen, wohin der Weg führen soll.

Damit scheint zugleich das Ende aller Modernitäten besiegelt. Max Weber hat Modernität als instrumentellen Rationalismus beschrieben. Danach bestehe die Rationalität darin, die geeigneten Mittel auszuwählen, um ein gegebenes Ziel zu verwirklichen. Heute gehe es bei allen Spielarten der Modernität um die Rationalität der Möglichkeiten. Ausgangspunkt ist nicht mehr ein bestimmtes Ziel, sondern die Bandbreite an Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. Welche Ressourcen haben wir? Was kann man damit machen? Wir tun, was wir mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln tun können. Weil alle handelnden Menschen und Organisationen sich so verhalten, entsteht die Ungewissheit immer wieder neu.

Das Schlagwort von Wandel als dem einzig Beständigen ist besonders im Kreis der Change-Berater sehr beliebt. Oft hinterlässt der Satz jedoch einen schalen Beigeschmack, weil er so wirkt, als ob der Wandel zum Selbstzweck erhoben werden soll oder als wollten Berater Nachfrage nach ihren Dienstleistungen wecken. Ganz anders bei Bauman. Die historische Einordnung in die Entwicklung der Gesellschaft und die Strömungen, die im Verlauf der Technisierung, Globalisierung und Digitalisierung   entstanden sind, gibt diesem Satz eine epochale Schlüssigkeit und bedrückende Dringlichkeit.

Written by Östermann

1. September 2017 at 17:32

Die Welt ändert sich! Und der Mensch?

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Die technologische und demografische Entwicklung ist seit geraumer Zeit von ständiger Beschleunigung geprägt. Wir spüren dies im Alltag an der hohen Ereignisdichte, die in Hektik, Überforderung und häufig auch in „Burn-out“ mündet. In der Folge beschleunigen sich auch unsere Lebensverhältnisse. Wir versuchen, unseren Welthorizont ständig zu erweitern und uns die Welt anzueignen. Darauf hat der Soziologe Hartmut Rosa kürzlich in einem Interview in der SWR2 Aula hingewiesen.

Seit dem 18. Jahrhundert können moderne Gesellschaften, besonders in ihrer ökonomischen Verfassung, ihre institutionelle Grundstrukur, ihren Status quo nur durch Steigerung erhalten. Eine moderne kapitalistische Wirtschaft muss wachsen, und sie wächst durch Beschleunigung und permanente Innovation, um so zu bleiben, wie sie ist. Ohne andauernde Steigerung, z. B. auch der Produktivität, und ohne ständige Neuerung können sich z.B. Firmen und Arbeitsplätze, überhaupt die ökonomische Aktivität als solche, nicht erhalten. Das heißt, Steigerung entstand in erster Linie nicht durch unsere Gier, unsere Unersättlichkeit, durch den Zug nach vorne, sondern eher dadurch, dass wir sie brauchen, um den Status quo zu erhalten. Das ist der Modus dynamischer Stabilisierung: Erhaltung durch Steigerung, und das macht sich in all unseren Lebensbereichen durch einen Zwang zu Optimierung und Effizienzsteigerung bemerkbar.

Wie diese Entwicklung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten aussehen wird, zeigt  dieses Video* sehr anschaulich. Wir haben es mit exponentiellen Entwicklungen zu tun und sind kaum in der Lage, zu ermessen, was das bedeutet.

 

Wie ist es dazu gekommen? Hartmut Rosa sieht die Grundidee des kapitalistischen Wirtschaftens aus dem Ruder laufen.

Die Idee war, wir schaffen ein System, wir schaffen Reichtum, der es uns ermöglicht,
wegzukommen von der Fixierung aller Energien auf den ökonomischen Konkurrenz- und Existenzkampf. Heute haben wir diese Hoffnung verloren, heute sagt jeder, der
Wettbewerb wird noch viel härter werden. Asien holt uns bald ein, wir werden ein
globales gnadenloses Wettbewerbssystem haben. Das meinen fast alle Ökonomen. Die Hoffnung, Knappheit, Armut, die Fixierung auf den Existenzkampf durch wirtschaftliche Effizienz zu überwinden, ist erloschen. Und in der Wissenschaft ist es erstaunlicherweise genauso. […] Es werden permanent neue Studien veröffentlicht und neue Kenntnisse generiert.

Wie kommen wir heraus aus dieser paradoxen Situation? Rosa versucht, einen Zugang zur Lösung auf der persönlichen Ebene zu beschreiben. Er erwartet einen Wandel unserer Beziehung zur Welt. Er glaubt, dass wir von der Aneignung der Welt, die uns in eine  ständige Steigerung des materiellen Konsums treibt, lösen werden und zu einer Anverwandlung der Welt kommen. Was meint er mit „Anverwandlung“?

Ich habe mir eine Sache erst anverwandelt, wenn ich sie für mich zum Sprechen gebracht habe, wenn ich eine Beziehung zu dieser Sache einnehme, die mich dabei berührt, wirklich bewegt und verändert. Ich nenne solche Beziehungen Resonanzbeziehungen.
Wie solche Resonanzbeziehungen in der Praxis aussehen, schildert er am Beispiel der Lektüre eines Buches.
Ich kann es im Power- oder Fast-Reading so schnell lesen, dass ich alle relevanten Informationen scanne und mir aneigne. Aber es ist etwas ganz anderes, ein Buch so zu lesen, dass es etwas mit mir macht oder dass ich etwas mit ihm mache. Das nenne ich Anverwandlungsprozesse, die zur Resonanzbeziehung führen. Diese Resonanzbeziehungen werden, glaube ich, erschwert in einem Klima der Konkurrenz, der Optimierung und der Beschleunigung.
Womit wir einstweilen wieder beim Dilemma angekommen wären. Vielleicht können wir den ersten Schritt tun, wenn wir anfangen, auf unsere eigenen Resonanzbeziehungen zu achten.
Hartmut Rosa veröffentlicht seine Gedanken im März 2016 in seinem neuen Buch „Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung“.

*Das Video habe ich gefunden bei Team Holger Six

Written by Östermann

30. Januar 2016 at 14:16

Wie wir ticken | SZ-Volontäre über das Tempo in unserer Gesellschaft

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Das hervorstechendste Merkmal des Lebens unserer Zeit ist zweifellos sein Tempo – das, was wir seine Eile nennen könnten, die Geschwindigkeit, in der wir uns bewegen, der Hochdruck, unter dem wir arbeiten.
William Rathbone Greg, 1877

Mit diesem Zitat machen die Volontäre der SZ ihr Web-Special – Wie wir ticken – auf. Sie begeben sich auf die Spur des Zeitempfindens, der Beschleunigung, der Unterschiede zwischen den Kulturen und der Paradoxien in der Wahrnehmung der Zeit gemacht.

 

Written by Östermann

20. September 2015 at 14:06

Veröffentlicht in Arbeitswelt, Gesellschaft, Technologie

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Globales Schlamassel, das Rhizom und die Frische des Anfangs

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Kürzlich hat der ungewöhnliche und provokante Denker Slavoj Zizek in DIE ZEIT die globale Situation „nach dem Ende des amerikanischen Jahrhunderts“ betrachtet. Dabei ist er auch auf das gegenwärtige Zeitempfinden eingegangen.

„Wie wollen wir verhindern, dass wir noch tiefer in den Strudel hineingezogen werden. Der erste Schritt wäre, das ganze pseudorationale Gerede über „strategische Risiken“, die wir als gegeben annehmen müssten, über Bord zu werfen – genau so wie die Vorstellung einer historischen Zeit als einem linearen Entwicklungsprozess, bei dem wir uns in jedem Moment zwischen verschiedenen Handlungsoptionen zu entscheiden haben. Wir müssen es als unser Schicksal akzeptieren, bedroht zu sein: Es geht nicht nur darum, Risiken zu vermeiden und vor dem Hintergrund der globalen Lage die richtigen Entscheidungen zu treffen; die wahre Bedrohung besteht in der globalen Lage insgesamt, in unserem „Schicksal“ – wenn wir weiter so handeln, wie wir es derzeit tun, sind wir zum Untergang verurteilt, ganz gleich, wie umsichtig wir vorgehen.

Die Lösung besteht also gerade nicht darin, überaus umsichtig zu sein und riskante Unternehmungen zu vermeiden. Wenn wir so handeln, gehorchen wir voll und ganz der Logik, die in die Katastrophe führt. Die Lösung ist vielmehr, sich des explosiven Gemischs aus Kreuz-und-quer-Verbindungen, das die ganze Lage so gefährlich macht, wirklich bewusst zu werden. Sobald uns das gelungen ist, sollten wir uns die langwierige und komplizierte Aufgabe in Angriff nehmen, die Koordinaten der Gesamtsituation zu verändern. Mit weniger ist uns nicht geholfen, wenn wir den Absturz unseres Planeten verhindern wollen.“

Dieses Bild vom „Gemisch aus Kreuz-und-quer-Verbindungen“ erinnert mich an die Metapher vom Rhizom, die Gilles Deleuze und Felix Guattari einst gewählt hatten.

Im Interview mit Alexander Kluge erläutert der Philosoph Joseph Vogl die Rhizom-Metapher, den Nutzen einer solchen „produktiven Entwendung“ von Begriffen und die „Frische des Anfangs“, die daraus erwächst.

Siehe dazu auch Vom Zeitpfeil zum sich öffnenden „Zeitraum“

Written by Östermann

6. April 2015 at 18:01

Veröffentlicht in Gesellschaft, Strategie, Zukunft

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Vom Zeitpfeil zum sich öffnenden „Zeitraum“- Das Zeitempfinden im Wandel

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„Wohin fliegt der Zeitpfeil?“, fragt Nicolas Dierks in seinem Blog und beleuchtet die gewohnten Zeitvorstellungen in unserer Zeit. In unseren Breiten stellen wir uns üblicherweise vor, dass die Zukunft vor uns liegt und die Vergangenheit hinter uns.

Andere Kulturen denken es sich andersherum: Die Vergangenheit denken sie sich vor uns, die Zukunft hinter uns (weil wir sie nicht sehen können). Aber rückwärts in die Zukunft stolpern, das kann ja heiter werden.

In beiden Vorstellungen wird die Zeit als Strecke gedacht, die sie zurücklegt. Dierks schlägt ein anderes Zeitverständnis vor und veranschaulicht das an der häufig verwendeten Zeitachse.

Wir meinen: Wenn dann die Zeit vergeht, bewegen wir uns auf dem Zeitpfeil von t0 nach t1 usw. Aber ist es nicht gerade umgekehrt? Auch die Sonne kreist ja nicht um die Erde, „obwohl es so aussieht“ (der Witz ist ja gerade, dass es umgekehrt genauso aussieht!). Und genauso unterliegen wir einer Täuschung, wenn wir meinen, wir würden uns auf dem Zeitpfeil bewegen. Vielmehr sind wir immer bei t0 – immer „jetzt“. 

Dierks sieht uns nicht mehr als Zeitreisende. Mensch und Zeit sind immer in der Gegenwart miteinander verbunden. Die Zeit ist gewissermaßen selbst die Reisende. Der Zeitpfeil bewegt sich durch uns hindurch.

Auch Hans Jürgen Bulkowski erkundet in seinem SWR2 Essay „Zukunft oder Worauf wir zugehen“ die Vorstellung von der Zeit als Linie. Er wagt einen spannenden Versuch, den tiefgreifenden Wandel der Zeitauffassung vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung mit den Begriffen von Zeit und Raum zu beschreiben.

Eingesponnen in feinmaschige Netzbezüge stellt sich uns nunmehr die Frage, wie wir uns sowohl die Bewegungsabläufe als auch die Bewegungsrichtung von Geschehensvorgängen bewusst machen können. Also die Frage nach unserem Verhältnis zur Zeit. Das Netzmodell beeinträchtigt ja nicht nur die Zukunftsvorstellungen, es verändert auch unser Verständnis von zeitlichen Vorgängen überhaupt. Offenbar genügt es nicht, dass wir uns weiterhin die Zeit als eine Linie vorstellen, als einen Pfeil in zweidimensionaler Richtung von hinten nach vorn, von einem Früher in ein Künftiges. Charakteristisch für den vorausschießenden Pfeil der Zeit war ja die Ära der Geschwindigkeitsrekorde im 20. Jahrhundert.

Bulkowski sieht uns, was Veränderungen begrifft, ungeachtet aller Turbomobilität und Hyperaktivität von einer Lähmung befallen.

An die Stelle von zukunftsweisenden Veränderungen ist inzwischen – ob persönlich oder gesellschaftlich – das Entfachen und Bewältigen von Krisen getreten, ein reaktives Verfahren, das höchstens auf den gegenwärtigen Zustand zielt, ihn damit aber nur renoviert, nicht weiterbringt.

[…]

Dennoch empfinden derzeit nicht Wenige […] so etwas wie Ungeduld und Unruhe. Wir spüren, dass „die Zeit drängt“, wenn auch kaum noch vorwärts.

[…]

Im Gegensatz zu früheren Zukünften ist in der heute prophezeiten Zukunft Gelingen und Fehlschlag stets schon enthalten. Kein Wunder, dass Zukunft an Anziehungskraft verliert. […] Zumal immer deutlicher wird, dass wir schon heute die Zukunft nicht nur mit Industrie- und Konsumabfällen und territorialen Schäden belasten, sondern auch mit aufgestauten Krediten, die nicht, ja niemals mehr getilgt werden können.

[…]

Jeder Einzelne spürt in sich nicht nur persönliche Veränderungen, sondern auch die in seiner Umgebung. Veränderungen, die er abwehrt oder aufnimmt und umzusetzen versucht. Wie kann es gelingen, neue Perspektiven, neue Bezüge, neue Gemeinsamkeiten zu entwickeln, die über die bloße Reaktion auf alarmierende Klimamessungen und Rohstoffverknappungen hinausführen?

Anders als in früheren Zeiten sieht Bulkowski – wohlgemerkt aus europäischer Sicht – heute keine schlagartigen revolutionären Umbrüche mehr anstehen.

Nicht das Ersetzen, der Austausch einer alten Welt gegen eine neue steht an, vielmehr eine Verschiebung, ein zügiges, an mehreren Orten, von vielen Individuen ausgehendes, dennoch gemeinsames Verlagern der Gewichte.

Was aber geschieht jetzt? Wie können wir uns als Zeit- oder vielmehr Gegenwartsgenossen verstehen, womöglich gar als Zukunftsgenossen? Wie können wir einerseits erfahren, was gegenwärtig geschieht, andererseits aber auch daran teilhaben, und zwar so, dass wir ermutigt werden, handelnd in Geschehensabläufe einzugreifen?

Es reicht also nicht mehr aus, so Bulkowski, dass wir uns als Zeitzeugen verstehen.

Dies nun keineswegs, weil wir nichts mitbekommen, sondern im Gegenteil, weil wir zu viel mitbekommen – Informationen, Anregungen, Motivationen, Beeinflussungen in einer solchen Menge und Vielfalt, dass es für jeden von uns in der Fülle an Möglichkeiten speziell für ihn kaum noch die eine erwünschte Möglichkeit gibt. Ab einem bestimmten Quantum an Möglichkeiten schlagen anfängliche Handlungsimpulse in Nichtstunkönnen um.

[…]

Die von uns empfundene wie ja auch tatsächliche Komplexität der Lebenswelt neutralisiert die Ereignisse, stellt jedem Ansatz zu einem erkennbaren Gesamtgeschehen sofort eine Fülle von anderen, konträren Ereignissen und Ansätzen gegenüber. Inzwischen beschränkt sich ein großer Teil unserer Aktivitäten aufs Vernetzen. Zwar ist unser Leben und Arbeiten seit längerem bereits in Verkehrsnetze, Telefonnetze, Beziehungsnetze, vernetzte Institutionen, Wissenschaften und Staaten eingebunden. Weitergehende Auswirkungen bis in die Verästelungen unseres Alltags ergeben sich aber vor allem aus dem Internet und seinen jeweiligen Updates.

Und jetzt wird es spannend. Denn am Zeitempfinden sind diese Auswirkungen zu beobachten.

Derzeit sind wir Zeuge, wie sich das allgemeine Zeitverständnis allmählich, aber unaufhaltsam in nächste Dimensionen verschiebt – also in die zweite und dritte Dimension: ins Räumlich-Flächige und darüber hinaus ins Raumkörperliche. Wie lässt sich zeitliche Bewegung räumlich vorstellen oder gar darstellen?

Die Bewegungen beschleunigen sich im Innern dieser raumzeitlichen Gesamtheit nicht mehr in eine Richtung. Sie streben in ganz verschiedene Richtungen. Sie

verschränken sich, verflechten sich, richten sich auswärts nach allen Seiten hin, schlagen Querrichtungen ein, kommen einwärts von allen Seiten her. Zeitliche Bewegung folgt damit dem Modell von Anhäufung und Abtragung […].

Was die Verräumlichung der Zeitvorstellungen betrifft, haben wir inzwischen eine Gegenwart erreicht, die wir keineswegs als Verengung, Einengung erfahren, sondern als eine Erweiterung, wenn auch nicht mehr als Erweiterung nach außen, sondern in Richtung Inneres, als Öffnung des Innenraums. Damit verändert sich auch die Sicht, die Einsicht darauf, wie es künftig weitergeht.

Die sich andeutende Erweiterung stellt er sich vor

als ein Auflockern und Freilegen, eben Erweitern innergesellschaftlicher Spiel- und Aktionsräume. So ist auch Künftiges, also das, worauf sich unser Handeln bezieht, nicht in einer fern vorausliegenden Zukunft zu suchen, vielmehr in dem, was in der Gegenwart schon enthalten ist. Dieser Zukunftsgehalt besteht keineswegs aus purer Phantastik oder aus Vermutungen. Er ist bereits Teil unserer Lebenswirklichkeit, und zwar in Gestalt von Einfällen, Vorschlägen, Entwürfen, neuen Herstellungsverfahren, geplanten und bereits begonnenen Projekten.

Bulkowski lädt uns ein, Zeit nunmehr als das zu verstehen,

was uns zusammenführt, was alle unsere Bewegungen und Aktionen einbezieht und in sich aufnimmt. Zeit läuft nicht neben uns her. Sie bildet den Raum, in dem wir uns bewegen. Dieser Raum ist kein leerer Kubus, der ebenso gut auch ohne Menschen und Dinge derselbe Raum bliebe. Es ist im wahren Sinn des Wortes ein Zeitraum.

Siehe auch Der Augenblick und der Zeitstrahl und #Freiheit, Haltung und die Vielzahl der Möglichkeiten

 

Written by Östermann

22. Februar 2015 at 18:12

Veröffentlicht in Gesellschaft, Zukunft

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