Östermanns Blog

Medienwandel, Strategie, Unternehmensführung im Wandel, Komplexität, nächste Gesellschaft

Archive for the ‘Bildung’ Category

Sensoren (6): Update – Cachelin über einen neuen Gesellschaftsvertrag 

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Die Maschinen sind die neuen Starken.

Zugegeben, dieses Zitat an den Anfang zu stellen, wird dem Buch von Joel Luc Cachelin, Geschäftsführer des Think Tanks Wissensfabrik kaum gerecht. Denn der Autor spricht in erster Linie über die Gesellschaft im Zeitalter der Digitalisierung und nur am Rande über künstliche Intelligenz. Das Zitat markiert jedoch wie unter dem Brennglas den sozialen und gesellschaftlichen Handlungsbedarf, der sich mit der technologischen Entwicklung ergibt. 

Cachelin legt mit diesem kleinen Büchlein eine eindrucksvolle Übersicht über die Herausforderungen für unser Gemeinwesen vor, die mit der digitalen Transformation – „der Metaerzählung unserer Zeit“ – verbunden sind. Er bleibt dabei keineswegs bei einer Problemanalyse stehen, sondern geht einen großen Schritt weiter. Er skizziert mögliche Wege, die gesellschaftlichen Teilsysteme so zu verändern, dass die Gesellschaft ihre Fähigkeit zurückgewinnt, die großen Probleme unserer Zeit zu lösen. An der Digitalisierung geht dabei kein Weg vorbei. Gerade in der Technologie stecken die Chancen, das Betriebssystem der Gesellschaft einem „Update“ zu unterziehen oder es sogar – wie der Untertitel des Buches andeutet – komplett auszutauschen. 

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Vom Cloud-Prinzip zur Crowd-Power

Im Kern seiner Diagnose steht das Cloud-Prinzip. Es wird etwas zentral zur Verfügung gestellt, um damit dezentrales Handeln zu ermöglichen. Ähnlich wie Dirk Helbing beklagt er die gravierenden Auswirkungen dieses Prinzips, die globalen Monopole und den „Digital Divide“. Die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern, aber auch zwischen Befürwortern und Gegnern der digitalen Gesellschaft werde immer größer. Der Datenhunger der Digitalisierungstreiber zwinge die Menschen, ihre Lebenssituationen preiszugeben. Dafür versprächen sie uns ein einfaches und überschaubares Leben.

„Unsere Bedürfnisse werden präzise befriedigt, gleichzeitig bestimmen die Digitalisierungstreiber aber auch, wie sich unser Weltbild konstruiert, welche Informationen zu uns vordringen und in welchen sozialen Kreisen wir verkehren. … Die goldenen Käfige sind gefährlich, weil wir das Gespür für die Aussenwelt, das Mitgefühl und das Interesse für die Meinungen der anderen verlieren. “ (S. 17)

Der massive Zugriff auf unsere Daten, die Bildung von gewaltigen Machtzentren, der digitale Divide, das Gefangensein in einem goldenen Käfig, die Privatisierung der öffentlichen Infrastruktur – angesichts dieses Befunds überrascht der Autor mit der Bemerkung, es sei „Mode, über das Versagen des Internets und dessen totalitäre Züge zu klagen.“ Vermutlich geht es ihm darum, die Aufmerksamkeit von einer Ablehnung hin zu einer aktiven Gestaltung des digitalen Gemeinwesens zu lenken. Er sieht die große Gefahr. Doch schließlich geht es um den „Umzug der Menschheit in den digitalen Raum.“

Cachelin hält eine einfache Definition des digitalen Raums bereit. 

Betreten wir immer dann, wenn wir uns vor einen Bildschirm begeben, der mit dem Internet verbunden ist (S. 12).

Es sind in der Zukunft aber nicht mehr nur Bildschirme, die mit dem Internet verbunden werden.

Der Mensch wird zum Cyborg, der sein Habitat in den digitalen Raum erweitert. Vernetzte Geräte, intelligente Kontaktlinsen, digitale Gehirne, Biochips unter der Haut, Nanoroboter in den Blutbahnen sowie konzentrations- und kreativitätsfördernde Psychopharmaka erneuern das menschliche Wesen. … Diese Vernetzung vereint alle Bewohner des Planeten in derselben Gesellschaft. Gemeinsam bringen wir neue Lebensformen hervor. Es gibt kein Sie und Wir mehr. Wir sind alle wir.

Die Verwerfungen der Digitalisierung sind nur ein Grund, dem „Betriebssystem“ der Gesellschaft einen Wechsel zu verordnen.

„Wir drohen, am Klimawandel, an der Überfischung der Meere, den Konflikten im Nahen Osten, dem grassierenden Terror beziehungsweise modernen Religionskriegen, der Armut in Afrika oder eben den Folgen der Digitalisierung zu scheitern.“

Die Gesellschaft sei mit ihrem heutigen Betriebssystem unfähig, die Potenziale der Gemeinschaft zur Lösung dieser Probleme freizusetzen. Von einem Update bleibt deshalb kein Teilsystem der Gesellschaft unberührt. Von der Digitalisierung der Verwaltung, dem Umbau der Schulen zu Co-Learning-Umgebungen, dem bedingungslosen Grundeinkommen, im Gegenzug der Übernahme von Gemeinschaftsdiensten, dem Schließen von Stoffkreisläufen mithilfe von Big Data und Internet, der Besteuerung von Energie, Kapital und Finanztransaktionen bis zu einer „suprareligiösen Reformation“ und einer religiösen Aufklärung reicht das Spektrum an Lösungsansätzen. 

Obwohl er von einer Weltgesellschaft ausgeht, sind seine Lösungen – wohl dem Prinzip „Thin global, act local“ folgend – an vielen Stellen auf die Schweiz zugeschnitten. Er schlägt etwa den Ausbau der politischen Entscheidungsstrukturen von einem 2- zu einem 3-Kammer-System vor. Die dritte Kammer soll die demokratische Legitimation der digitalen Transformation sichern.

Entscheidend für die Entfaltung der gemeinschaftlichen Potenziale ist ein Wechsel grundlegender Prinzipien. Das wird an vielen Stellen des Buches deutlich. So könnte z.B. das Open-Data-Prinzip die Bürger verstärkt zur Innovation des gemeinschaftlichen Betriebssystems anregen. Bildungseinrichtungen werden nur dann zu Inkubatoren für die nächste Gesellschaft, wenn sie sich von der frontalen Vermittlung von Fachwissen verabschieden und – ähnlich den Co-Working-Spaces – zu Räumen werden, in denen die Lernenden gemeinsam Neues erkunden und kreieren können. In der Wirtschaft plädiert Cachelin für mehr Markt, aber in einer neuen Logik, einer Open-Source-Wirtschaft, die auf Patentschutz verzichtet und Algorithmen entzaubert.

Analoge und digitale Infrastruktur verschmelzen

Das Internet ist die Lebensader der digitalen Gesellschaft. (S. 23)

Deshalb ist ein Ausbau der digitalen Infrastruktur essentiell. Dabei setzt Cachelin wieder mehr auf eine öffentliche Infrastruktur. Deshalb verbindet er die Investitionen in digitale Netze mit der Redefinition der öffentlichen Dienstleistungen oder des Service Public, wie die Schweizer sagen. Mit öffentlichen Fonds oder einer Digitalsteuer könnte der Ausbau öffentlicher digitaler Dienstleistungen, wie unabhängige Medien, Bibliotheken und der Zugang zu Datensätzen, finanziert werden.

Aktivierung der Bürger als Prinzip

Viele der aufgezeigten Möglichkeiten setzen ganz auf die Teilhabe des einzelnen Bürgers.

Soziale Medien sind Bühnen, die uns allen zur Verfügung stehen. (S. 60f)

Angesichts der vielen Herausforderungen strahlt aus dem Buch eine Zuversicht, dass das große Werk eines neuen Gesellschaftsvertrags gelingen könnte. Der erste Schritt ist Aufklärung und Überzeugungsarbeit. Dafür liefert dieses Buch ein leuchtendes Beispiel.

 

Written by Östermann

15. Juli 2017 at 14:16

Die Uber-Ökonomie – Angebot und Nachfrage in Echtzeit

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Das GDI hat eine Übersicht über existierende Anwendungen veröffentlicht, die Dienstleistungen nach dem gleichen Prinzip wie Uber organisieren.

Das Uber-Prinzip funktioniert etwa so: jedes Produkt, jeden Service in kleine Einheiten zerlegen, die man direkt und auf Wunsch dem Nutzer liefert und mit einem Klick abrechnet; zu Preisen, die sich genauso wie Angebot und Nachfrage für jeden sichtbar an die just im Moment geltenden Marktbedingungen anpassen. So macht das Uber – und Sie?

In der Bildung arbeitet z.B. die Khan Academy nach einem ähnlichen Prinzip. Haben wir es hier mit einer Disruption zu tun, die ganze Branchen reihenweise umwälzt?  Dazu meint t3n:

Und das Uber-Prinzip ist keineswegs auf Personenbeförderung und Logistik begrenzt – mit Anbietern wie Taskrabbit in den USA oder Mila und Crowd Guru in Deutschland wird das Crowdsourcing-Prinzip auf alle möglichen Dienstleistungen ausgeweitet.

[…]

Noch lässt sich nicht absehen, wie stark unsere Wirtschaft durch das Internet zu einer Uber-Economy wird – einer Volkswirtschaft, in der Angebot und Nachfrage durch das Internet in Echtzeit zusammenkommen und Mitarbeiter ihre Arbeitszeiten völlig frei einteilen können. Noch ist auch unklar, inwiefern die Auswirkungen positiv oder negativ sein werden. Klar ist nur: Das Silicon Valley wettet darauf, dass das Uber-Modell weit mehr als die Taxibranche revolutioniert.

Bei allen Vorteilen dieses Prinzips ist offen, ob ein Markt mit vielen Wettbewerbern entsteht oder ob der Netzwerkeffekt zuschlägt.

Die größte Gefahr besteht daher vielleicht darin, dass es Uber gelingt, die Uber-Ökonomie ähnlich zu monopolisieren wie andere IT-Konzerne ihre Märkte – also beispielsweise Google die Websuche, Facebook Social Media oder Amazon E-Commerce.

Written by Östermann

21. März 2015 at 11:57

Vom rastlosen Schwirren zum Verweilen, zur vita contemplativa und zur Muße

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Han Duft der Zeit

Die Zeit duftet nicht mehr, meint Byung-Chul Han in seinem Essay „Duft der Zeit“. Er unterscheidet darin die mythische Zeit, die ruhe, wie ein Bild. Die geschichtliche Zeit habe dagegen die Form einer Linie, die auf ein Ziel zuläuft oder zurast.

Entschwindet der Linie die narrative oder teleologische Spannung, so zerfällt sie zu Punkten, die richtungslos schwirren. … Der Mythos wich ehemals der Geschichte. … Geschichte weicht nun Informationen. Diese … stürzen gleichsam auf uns ein. … Die Informationen duften nicht. (S. 23)

Die Zeit beginnt zu duften, wenn sie eine Dauer gewinnt, wenn sie … an Tiefe und Weite, ja an Raum gewinnt.  Die Zeit verliert den Duft, wenn sie jeder Sinn- oder Tiefenstruktur entkleidet wird, … Die Beschleunigung … ist … eine Folge der haltlos gewordenen, atomisierten Zeit … (S. 24)

Der postmoderne Mensch als animal laborans kenne nur die Pause, aber keine kontemplative Ruhe. In einem Interview mit dem Online-Journal IDLE plädiert Byung-Chul Han für eine andere Zeitpraxis, für eine Revitalisierung der vita contemplativa.

In neoliberalen Systemen wird alles gänzlich ökonomisiert – so auch die Zeit. Im Neoliberalismus wird alles ausgebeutet und zu eigen gemacht. Und natürlich gibt es da nur noch ein Pausieren, jedoch kein Verweilen! Um dies zu können, müsste man die Zeit unterbrechen und verlassen, wodurch erkenntlich wird, dass Verweilen eine andere Zeitpraxis erfordert. Beim Verweilen verfliegt die Zeit nicht, sie wird vielmehr zu einer dehnenden Erfahrung der Dauer.

Er bleibt jedoch skeptisch, ob wir das Verweilen wieder erlernen können.

Das erscheint schwierig. Alles was dem perfiden Produktionsimperativ des Neoliberalismus im Wege steht, wird abgeschafft. Auch die Suchprozesse nach Schwachstellen werden eingebunden – es gibt keine Möglichkeit, sich dem System zu entziehen, da alles vereinnahmt wird. Ich würde sogar weiter gehen in meinen Thesen und behaupten, dass wir nicht einmal mehr Pausieren können. Auch die Freizeit wird totalisierend erfasst. Es herrscht ein allumfassendes, perfides Diktat der Leistung.

Joachim Bauer und Stefan Schmidt sind da optimistischer. Braucht es Muße für Entwicklung, für Kreativität, für Lernen? Mit dieser Frage befassen sich die beiden Wissenschaftler an der Universität Freiburg im Sonderforschungsbereich „Muße. Konzepte, Räume, Figuren“. In einem Interview mit SWR2 Aula erzählen sie, wie sie mit Achtsamkeitstrainings eine neue Zeitpraxis an Schulen ausprobieren. Auch sie gehen von einem Leistungsdruck aus, den wir selbst durch unser Verhalten erzeugen und dem wir uns selbst unterwerfen.

Schmidt: Das Problem mit der Funktionalisierung ist, dass sie zunimmt. […] Die vielen elektronischen Medien machen es möglich, klassische Freiräume, zum Beispiel Wartezeiten an der Supermarktkasse oder auf den Bus oder auch das Reisen, Stück für Stück zu funktionalisieren und zu irgendetwas zu benutzen. Als Konsequenz haben wir eine sich ständig verändernde Welt, die uns dazu verleitet, jede freie Minute zu benutzen, etwas zu erledigen. Ich glaube, das ist nicht gut und das merken auch viele Menschen an zu viel Stress, am Burnout. Man hat die Idee, man könnte immer noch mehr erledigen, aber in Wirklichkeit setzt man seinen Geist in eine erhöhte Eile und bleibt letztendlich Opfer dieser Taktung. Da braucht es ein Innehalten und ein Gewöhnen an Ent-Funktionalisierung, langsameres Tun, eventuell Nichtstun.

Damit sind nicht etwa mehr Unterrichtspausen gemeint. Es geht um ein anderes Zeiterleben. Ent-Funktionalisierung, Entschleunigung, Verlangsamung sind, so Schmidt,

Phänomene, die miteinander zu tun haben, ich würde sie aber nicht gleichsetzen. Wir stehen ja in der Schule erst mal vor der Frage: Wie machen wir das, wie können wir Freiräume zurückerobern? Einfach zu sagen, jetzt tun wir mal nichts, geht nicht. Was wir uns gemeinsam überlegt haben, war: Es gibt das Verfahren der Achtsamkeitspraktik, bei dem die Menschen Meditation und Innehalten und auch Dinge bewusst und mit der Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Moment zu tun lernen. Und das erzeugt Momente der Ruhe, der Verlangsamung, der Bezogenheit auf die Gegenwart. Stress wird oft davon ausgelöst, dass ich mit meinen Gedanken immer in der Zukunft bin: Was muss ich noch alles tun, was steht alles vor mir? Das ist das, was mich in Unruhe bringt. Und wenn ich hier einfach sitze und mit meinen Gedanken in der Gegenwart bin, entziehe ich mich der Zeitlichkeit schon ein Stück weit. Diese Haltung kann man sehr schön einüben, am besten zunächst in einem stillen Rückzugsraum, das wäre die Meditation. Aber die Idee ist, diese bezogene ruhige Haltung in den Alltag zu übertragen und sie zum Beispiel auf Gegenstände anzuwenden, wenn ich z. B. einen Stift in die Hand nehme, dass ich das genauso fokussiert und aufmerksam tue. Und das ist etwas, was eine Ent-Funktionalisierung bewirkt.

Erste Erfahrungen scheinen in die gewünschte Richtung zu weisen, lassen aber auch die Missverständnisse ahnen, die zu erwarten sind, wenn eine neue Zeitpraxis auf das Leistungsdenken der Schule trifft.

Schmidt: Wir werten gerade Interviews von Schülerinnen des ersten Kurses aus, den wir an einer Schule durchgeführt haben. Eine Schülerin sagte, nachdem sie die Achtsamkeitsübung gemacht hatte, seien ihr die Hausaufgaben nicht mehr so wichtig erschienen.

Das Manuskript des Interviews steht bei SWR2 direkt zum Download bereit.

Written by Östermann

3. Januar 2015 at 16:40

Veröffentlicht in Bildung, Spiritualität

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Technologischer Determinismus, Schattennetzwerke und Algorithmen als neue hierarchische Instanz – Frank Schirrmacher

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Die Frage wird nicht mehr sein: „Bist Du im Netz oder bist Du nicht im Netz?“, sondern „Welche Funktionen in der Gesellschaft sind denn eigentlich noch da, die das Nicht-Netz repräsentieren?“ Darauf hat der in diesem Jahr verstorbene Frank Schirrmacher in einer Keynote auf dem SocialMania-Kongress 2012 der Hochschule der Medien in Stuttgart hingewiesen. Sein Vortrag erzeugt eine hohe Dringlichkeit in der Frage der ethischen Bewertung digitaler Technologien. Anders als Gerd Leonhard mit seinem Vortrag über „Digital Ethics“ stellt Schirrmacher die Wirkung der Digitalisierung auf Machtstrukturen in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. 

Schirrmacher meint,

dass wir allmählich aufpassen müssen, uns nicht vom technologischen Determinismus treiben zu lassen. …

Am Beispiel des „arabischen Frühlings“ in Ägypten zeigt er auf, was er damit meint. Wir sehen einseitig die neuen technischen Kommunikationswege als Auslöser dieser Revolution.  Die Revolution sei jedoch im Kern von der klassischen Arbeiterbewegung ausgegangen. Sie wäre auch ohne digitale Technik gekommen.

Ich sage das, um darauf hinzuweisen, dass uns ein Teil der gesellschaftlichen Realität, nämlich die Offline-Realität, immer mehr entgeht.

Schon 1989 bei den Protesten auf dem Tian’anmen-Platz sei das Fax von großen Medien, wie z.B. die New York Times oder die Washington Post, als Auslöser der Revolution eingeschätzt worden.

Weshalb er den technologischen Determinismus so gefährlich findet, ist die verbreitete Annahme, aufgrund dieser Technologie sei

im Kern eine Form von Basisdemokratie, von Befreiung, von Selbstbefreiung möglich.

Social Media, wie z.B. Facebook, oder das Internet insgesamt seien immer auch große kapitalistische und Machträume. Die Frage der Hierarchie sei deshalb nicht so einfach zu beantworten. Nach Manuel Castells sei der Zweck eines Netzes entscheidend.

Ist es eine Mafia-Struktur? Oder ist es eine Markt-Struktur? Wer wollte das Ziel beim Internet als solches sagen? Man muss sich also immer einzelne Netzwerke anschauen. […] Man kann aber nicht von vornherein von einer Emanzipation aller Beteiligten nur deshalb reden, weil sie miteinander kommunizieren.

Als Beispiel führt er die Bestrebungen an, Daten aus sozialen Netzwerken für Geschäftszwecke, z.B. zur Beurteilung der Kreditwürdigkeit oder der Zuverlässigkeit als Steuerzahler, zu nutzen. Das sei nur möglich, wenn ein Narrativ des Lebens von Kreditnehmern erzeugt werde.

Wie zuverlässig ist jemand? In welcher Schnelligkeit beantwortet er E-Mails? […] Welche E-Mails beantwortet er zuerst? […] Die wichtigen oder die unwichtigen? […] Das ist nichts anderes als die Kapitalisierung und Kommerzialisierung sozialer Beziehungen. Das ist eine der unbeantworteten Fragen, die sich stellen. Dass wir alle in der Rolle sind, dass wir einerseits die Systeme nutzen, dass wir andererseits Waren in diesen Systemen sind, die einer Analyse zur Verfügung stehen.

Die Algorithmen werden zur hierarchischen Instanz. Der Steuerprüfer muss einer Spur nachgehen, wenn der Algorithmus Auffälligkeiten meldet, auch wenn sein Bauchgefühl ein ganz anderes ist.

Wir reden, so Schirrmacher, fast überhaupt nicht über Schattennetzwerke. Er meint damit  Netzwerke, die bewusst intransparent gehalten werden.

Die Industrie benutzt mittlerweile Forschungen der Soziologie, der Psychologie und der Anthropologie wie ein Werkzeugkasten. […] Es gibt ja die berühmte Netzwerk-These der „weak ties“.

Wichtig an einem Netzwerk seien nicht die engen, sondern die losen, die indirekten Beziehungen. Diese These – Mark Granovetter hat sie 1973 festgehalten – werde nun umgemünzt.

Jemand mit dem ich sehr eng befreundet bin, ist mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit mir sehr ähnlich. Deshalb ist er für die Auswertung gar nicht so interessant. Für die Auswertung interessant sind gerade diejenigen, mit denen ich gar nicht so eng verknüpft bin.

LinkedIn beispielsweise nutze dies und sage: „Bei der Job-Suche wird Ihnen nicht ihr strong tie helfen, sondern nur ihr weak tie.“

So können sich Menschen helfen. Und so war es auch mal gedacht. Sie können es aber auch als Instrument zur Vermarktung oder als Analyse-Instrument für Schattennetzwerke nutzen: „Schauen wir uns mal dessen weak ties an, dann sehen wir dessen wahres Interesse.“

[…]

Wir übersehen, dass […] reale Strukturen in der Gesellschaft entstanden sind, die einem mulmig werden lassen. […] Wir sind längst in einem anderen System angekommen.

[…]

Die Netzwerktheorie von Castells […] ist irre toll, weil sie zeigt, Sie kennen diese Sätze: „Ende der Pyramide, keine Hierarchien mehr“, sie zeigt aber immer auch etwas anderes. Diese Theorie übertragen in die Arbeitswelt, wie wir sie kennen, führt zur sofortigen, schnellen Austauschbarkeit von jedem Einzelnen innerhalb des Systems.

Es ist immer möglich, dass Ideen und Theorien, die ideologisch Befreiung bringen, gleichzeitig dazu benutzt werden, […] Machtstrukturen [zu schaffen … ], die sich nicht rechtfertigen müssen […] und die die vorhandenen Technologien nutzen, um Geschäfte zu machen oder ihre Macht zu sichern.

Schirrmacher schließt mit einem fast utopisch anmutenden Appell.

Wir brauchen einen ganz hohen Organisationsgrad von […] digital vernetzten Menschen, die dann an einem Tag X kollektiv sich entschließen, Facebook zu verlassen und zu einer Plattform zu gehen, […] von der garantiert ist, dass dort die Daten nicht ausgewertet werden.

Written by Östermann

30. Dezember 2014 at 18:58

Eckart Hirschhausen und der Pinguin

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Written by Östermann

29. Juni 2013 at 20:40

Veröffentlicht in Bildung, Intuition

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Youtube – Das Fernsehen der Zukunft?

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In einem Beitrag für NDR Info beschreibt Wolfgang Stufflesser, wie Youtube das Fernsehen neu erfindet. Im Youtube Creator Space können sich Video-Blogger und junge Filmemacher aus aller Welt ausprobieren.

Und was macht nun das Fernsehen der Zukunft aus? Da hat jeder hier seine eigenen Ideen. Aber sie richten sich meist an ein sehr spezielles Publikum, weniger an die große Masse wie beim klassischen Fernsehen.

Und: Die Kreativen sehen sich erstaunlicherweise nicht als Konkurrenten an, sondern schieben sich gegenseitig ihr Publikum zu. Deshalb hat sich etwa der Sänger Peter Hollens mit dem Musical-Komponisten Tony zusammengetan. „Er macht Musicals, und mein Publikum hört gerne gute, gesungene Musik. Wenn wir was zusammen machen, bekommt er meine Abonnenten und ich seine – darum sind wir schließlich hier“, sagt Hollens. Konkurrenz, das sei eine Sache der Vergangenheit, sagt Comedian Eric Schwartz: „Früher gab es nur eine begrenzte Anzahl an Fernsehkanälen. Bei YouTube gibt es unendlich viele. Und das Publikum ist groß genug, um alle unsere Kanäle erfolgreicher zu machen.“

Ist Konkurrenz wirklich eine Sache der Vergangenheit? Kaum anzunehmen. Die praktisch unbegrenzte Verfügbarkeit der Kanäle hat jedoch die Spielregeln des Fernsehens radikal verändert. Der Wettbewerb der Video-Blogger ist riesig. Wer Aufmerksamkeit erreichen möchte, muss seine Kräfte bündeln. Das geht – jedenfalls in dieser Pionierphase – nur durch Kooperation. Die Knappheit besteht heute im Zugang zu Kanälen. Da scheint es im Moment nur einen „Kanal“ zu geben, der den Zugang zu den Kanälen kontrolliert – und der heisst Youtube.

Der Generation Y, für die das Experimentieren zum Lebensstil geworden ist, fällt es jedoch wesentlich leichter, zwischen Konkurrenz und Kooperation zu wechseln.

Youtube bindet junge Talente an sich, indem es Gelegenheiten schafft, sich auszuprobieren und sich zu professionalisieren. So professionalisiert sich Youtube selbst als globaler Player auf dem Feld, das früher „Fernsehen“ hieß.

Written by Östermann

12. April 2013 at 19:50

Veröffentlicht in Bildung, Innovation, Medien, Zukunft

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The Future of Learning – Ericsson

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gefunden bei K&S Café

Written by Östermann

30. November 2012 at 19:33

Veröffentlicht in Bildung, Web 2.0

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