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Manifeste (7): Das terrestrische Manifest von Bruno Latour

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In der Reihe der Manifeste, die ich hier bisher vorgestellt habe, bildet dieses Beispiel eine Ausnahme. Es befasst sich nur am Rande mit der Digitalisierung und verzichtet auf zusammenfassende Thesen. Vielmehr spannt es den großen Bogen. Es versucht nicht weniger, als die Strömungen und Verwerfungen des historisch beispiellosen gesellschaftlichen Umbruchs zu erklären. Ein wichtiges Buch!

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I

In einem Interview mit der FAS erläutert der französische Vordenker Bruno Latour seine Sicht auf das Scheitern der Moderne, auf den gegenwärtigen Epochenwandel und auf die Aussichten auf ein neues Paradigma. Er lüftet den Schleier um die viel diskutierte Orientierungslosigkeit, die die Menschen erfasst hat.

Die Alternativen, die die konservativen Bewegungen heute anbieten, wenn sie von Identität oder von Mauern sprechen, sind ein Mythos. Aber kein größerer Mythos als die Ideologie der Globalisierung, die Vorstellung, dass wir alle Unterschiede auslöschen können und am Ende alle eine große Masse werden. Wenn sich Menschen nach solchen Mythen sehnen, dann liegt das daran, dass es kein anderes Angebot gibt. Die Alternativen sind nicht die Abstraktion des Globalen, die der Neoliberalismus anbietet, einerseits, und ein lokales Leben, wie es sich die AfD vorstellt. Der Trick ist zu sagen: Lasst uns ein Wort wie „Heimat“ wieder verwenden. Europa als Heimat. „Heimat“ muss gerettet werden. Ja, das sind Konzepte der Reaktionären. Aber warum lassen wir zu, dass sie reaktionär sind? Vor allem dürfen wir uns nicht einreden lassen, dass die Begriffe, die von der Neuen Rechten wiederbelebt werden, konkret sind. Nichts ist weniger konkret als „Make America great again“. Das ist der Grund, warum die Menschen die Orientierung verloren haben: Sie leben zwischen zwei kompletten Abstraktionen.

II

Aber wie sich orientieren? In seinem Buch „Das terrestrische Manifest“ macht Latour den Versuch, die widerstreitenden Strömungen historisch einzuordnen und den Epochenwandel zu erklären. Er geht von der Annahme aus, dass alle grundlegenden Probleme unserer Zeit wesentlich mit der Klimafrage verbunden sind.

Ohne den Gedanken, dass wir in ein Neues Klimaregime eingetreten sind, kann man weder die Explosion der Ungleichheiten, das Ausmaß der Deregulierungen, die Kritik an der Globalisierung noch, vor allem, das panische Verlangen nach einer Rückkehr zu den früheren Schutzmaßnahmen des Nationalstaats – was, sehr zu Unrecht, als „Aufstieg des Populismus“ bezeichnet wird – verstehen. (S. 10)

Er versucht mit diesem Essay, skizzenhaft eine „Karte der Positionen zu entwerfen, die uns durch diese neue Landschaft aufgezwungen werden“. Der Brexit, der Wahlsieg Trumps und die Ausweitungen der Migrationen sind für ihn drei historische Ereignisse, die auf ein und dieselbe „Metamorphose“ hindeuten. Eine neue Kartierung ist notwendig, weil, so Latour, der erträumte Boden der Globalisierung beginnt, sich zu entziehen.

Die Angst sitzt deshalb so tief, weil jeder von uns zu spüren beginnt, wie der Boden unter den Füßen wegsackt. (S. 13)

Als das entscheidende historische Ereignis wertet er das Pariser Klimaabkommen vom 12. Dezember 2015. Damit sei allen mit Schaudern klar geworden, dass der Planet nicht mitwächst.

Wenn es also den Planeten, die Erde, den Boden, das Territorium, die den Globus der von allen Ländern angestrebten Globalisierung beheimaten sollten, nicht gibt, dann verfügt niemand mehr über ein sicheres „Zuhause“. (S. 14)

Jeder Einzelne stehe damit vor der Frage: das Problem leugnen oder versuchen, sich zu erden? Die einen versuchen, an der Globalisierung festzuhalten. die anderen wollen zurück zu einem Lokalen, das es nicht mehr gibt.

Beide Seiten wollen so schnell wie möglich fliehen und überbieten sich dabei an Irrationalismus: Sprechblase gegen Sprechblase, Gated Community gegen Gated Community.

Aus dem Spannungsverhältnis ist ein Abgrund geworden. Der gemeinsame Horizont ist verschwunden. Etwas hat die Richtung des Zeitpfeils verändert. (S. 41)

Latour spürt ausführlich dem klassischen Zeitpfeil der Moderne nach, der vom Lokalen zum Globalen verlief. Am Geschichtsverlauf konnte sich jeder klar orientieren, egal ob Befürworter oder Gegner. Die einen waren vorne, die anderen hinten. Auch das klassische Rechts-Links-Schema der Politik war auf diesen Verlauf ausgerichtet. Linke und rechte Gruppierungen waren sich in allem uneins, nur nicht in der Stoßrichtung der historischen Entwicklung.

Diese Klarheit der Entwicklung ist den Menschen verloren gegangen. Latour zeigt mit seinen Überlegungen auf, wie der Kompass neu kalibriert werden kann.

Dass die Situation sich trotz allem aufklärt, liegt daran, dass wir nicht zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Verweigerung und Hinnahme der Modernisierung schweben, sondern, um 90 Grad gedreht, zwischen dem alten und einem neuen Vektor, vorwärts getrieben von zwei Zeitpfeilen, die nicht mehr in dieselbe Richtung verlaufen. (S. 50)

Latour nennt diesen neuen Pol, diesen dritten Attraktor, der jenseits des alten Zeitpfeils  verläuft, das TERRESTRISCHE. Er wählt diesen Begriff, weil mit den gewohnten Begriffen, wie „Erde“, „Natur“, „Boden“ oder „Welt“, sofort Assoziationen mit dem von außen betrachteten „blauen Planeten“ geweckt werden. Im Anschluss an Lovelock von „Gaia“ zu sprechen, so Latour, würde zwar passen, erforderte aber eine Unmenge Seiten, um zu beschreiben, wie dieser Name zu verwenden ist.

Das ist die Kernbotschaft dieses aufschlussreichen Essays: Mit dem TERRESTRISCHEN ist ein neuer politischer Akteur auf die Bühne getreten. Heute geht es nicht mehr um kleine klimatische Schwankungen, sondern um eine Erschütterung des gesamten Erdsystems.

Natürlich haben die Menschen schon immer ihre Umwelt verändert, aber dieser Begriff bezeichnete nur ihr Umfeld, das, was sie im präzisen Sinne umgab. Sie selbst bildeten weiterhin die Hauptfiguren, veränderten lediglich am Rande das Dekor ihrer Dramen. … Die Menschen sind nicht mehr die einzigen Akteure, sehen sich zugleich aber mit einer Rolle betraut, die viel zu groß für sie ist. (S. 54f.)

Ausführlich beleuchtet Latour die Auswirkungen dieser „großen Transformation“ auf Politik, Ökologie, Ökonomie und Wissenschaft. Einige Gedankensplitter mögen hier genügen, um die Reichweite seiner Überlegungen anzudeuten.

Mit der Industrialisierung und der sozialen Frage hat sich eine Grundstruktur der Gesellschaft herausgebildet, die sich bis heute an sozialen Klassen orientiert, die durch ihre Stellung im Produktionsprozess bestimmt sind. Heute nehmen wir, so Latour, wahr, dass dieses System viel zu eng definiert war. Das 21. Jahrhundert sei das Zeitalter der neuen geo-sozialen Frage.

Die territorial definierten Klassen bringen andere Klassifizierungen hervor. Jetzt ist eine Karte der Kämpfe der geo-sozialen Plätze zu entwerfen und so endlich auszumachen, worin ihre wirklichen Interessen bestehen, mit wem sie sich verbünden und gegen wen sie kämpfen werden. (S. 75)

Die Ökonomie begann im 17. Jahrhundert, die Natur in sich zu integrieren und nur noch als Produktionsfaktor darzustellen. Die Praktiken aus den Archiven anderer Völker, denen jede Vorstellung von Ressource und Produktion fremd war, taugten lange nur für ethnographische Museen. Erst jetzt werden alle diese Praktiken zu kostbaren Lernmodellen für das Überleben in der Zukunft, so Latour.

Seit dem 17. Jahrhundert dominiert in der Wissenschaft das mechanistische Weltbild, mit der sie den Blick vom Universum aus auf die Erde richtet. Erkennen heisse seither, so Latour, von außen erkennen.

Der Planet hat sich letztlich von TERRESTRISCHEN entfernt, weil alles so verlief, als ob die vom Universum aus betrachtete Natur begonnen hätte, langsam an die Stelle der von der Erde aus erschauten Natur zu treten, sie zu überlagern und zu vertreiben; also jener Natur, die von innen alle Phänomene der Entstehung erfasst, hätte erfassen können, weiterhin hätte erfassen müssen. … Man begann, nicht mehr viel vom Geschehen auf ERDEN zu sehen. (S. 83)

Erforderlich ist also die Abkehr von einer wissenschaftlichen Grundhaltung, die die  Teilnahmslosigkeit fördert. Die dünne Membran, in der alles Leben auf der Erde sich konzentriert, ist die Kritische Zone. Darauf sollte sich Wissenschaft beziehen. In den Naturwissenschaften sei sorgsam zu unterscheiden zwischen denen, die sich dem Universum widmen, und jenen, die sich der prozesshaften Natur zuwenden. Alle Wissenschaften seien nötig, um die Situation auf Erden wirksam zu beschreiben. Sie müssten jedoch anders positioniert werden. Was not tue, sei, so kaltblütig und nüchtern wie möglich die erhitzte Aktivität einer endlich von Nahem erfassten Erde zu erkennen.

Latour ist bei aller Tiefe seiner Gedanken, daran gelegen, den Bogen hin zu einer anderen Praxis zu spannen, ohne schneller sein zu wollen als die sich vollziehende Geschichte, wie er ausdrücklich klarstellt.

Die Frage ist nicht, wie die Unzulänglichkeiten des Denkens ausgeräumt werden können, sondern wie es möglich wird, vor einer Landschaft, die sich gemeinsam erforschen lässt, ein und dieselbe Kultur miteinander zu teilen und denselben Herausforderungen zu trotzen. Wir stoßen hier auf den gewohnten Fehler der Epistemologie, nämlich, dass etwas intellektuellen Defiziten zugeschrieben wird, was in Wahrheit einem Defizit an gemeinsamer Praxis geschuldet ist. (S. 35)

Latour weiß, dass eine neue Praxis entscheidend davon abhängt, ob es gelingt, den Menschen ein Gefühl des Beschütztseins zu vermitteln, ohne gleich wieder auf Identität und die Verteidigung der Grenzen zu pochen. Im TERRESTRISCHEN ist das möglich durch Verbindung dessen, was sich in der Globalisierung gegenseitig ausschloß:

Sich an einen Boden binden einerseits, welthaft werden andererseits. (S. 107)

Beides hat aber mit den alten Strömungen zum Lokalen oder zum Globalen nichts mehr zu tun.

Es ist sinnlos, die Wesen, welche die im Kampf befindlichen Territorien beleben, aus denen das TERRESTRISCHE besteht, wieder hinter nationale, religiöse, ethnische, identitäre Grenzen drängen zu wollen; genauso sinnlos ist es aber auch, sich aus diesen Territoriumskämpfen, um sich auf das Niveau des Globalen zu erheben und die Erde „als ein Ganzes“ zu erfassen. Denn das TERRESTRISCHE ist gerade durch die Subversion der zeitlichen wie räumlichen Stufen und Grenzen definiert. Diese Macht wirkt überall gleichzeitig, weist allerdings keine Einheit auf. Sie ist politisch, aber nicht staatlich. Sie ist buchstäblich atmosphärisch. (S. 108)

Latour schlägt vor, von einer auf Produktionssysteme zu einer auf Erzeugungssysteme bezogenen Analyse zu wechseln. Das bedeutet, Abschied zu nehmen von der Vorstellung, dass die Freiheit des Menschen präzise Grenzen erkennen ließe, wenn sie sich entfalten könnte. Demgegenüber sei das Erzeugungssystem nicht daran interessiert, für Menschen Güter aus Ressourcen zu produzieren, sondern Erdgeschöpfe zu erzeugen – alle Erdgeschöpfe und nicht nur Menschen. Es geht also darum, Bindungen zu kultivieren.

Was tun? Zunächst beschreiben! Und er warnt zugleich davor, diesen Schritt zu überspringen. Jede Politik sei unehrlich, ja verlogen und schamlos, die nicht den Vorschlag mache, zuerst die unsichtbar gewordenen Lebensterrains wieder zu beschreiben, und stattdessen Programme lanciere.

Wie könnten wir politisch handeln, wenn wir vorher nicht Lebewesen für Lebewesen, Kopf für Kopf, Zentimeter für Zentimeter inventarisiert und vermessen haben, woraus sich das Terrestrische für uns zusammensetzt? … Das gilt für einen Wolf wie für eine Bakterie, für ein Unternehmen wie für einen Wald, für eine Gottheit wir für eine Familie. (S. 109)

Eine solche Liste zu erstellen, ist gleichwohl schwierig. Erst wenn man sich die erforderlichen Fragen stelle, merke man, wie ignorant man sei. Entsprechende Fragen klingen etwa so: Woran hängen Sie am meisten? Mit wem können Sie leben? Wessen Überleben hängt von Ihnen ab? Gegen wen werden Sie kämpfen müssen?

III

Der Essay ist von großer Tragweite. Auch wenn es das Anliegen von Latour verfehlt, so lädt das Modell der Attraktoren dazu ein, Meinungen und Konzepte daran zu messen, wie weit sie sich noch auf dem alten Zeitpfeil der Modernisierung bewegen oder ob sie zum Umschwenken auf den neuen Zeitpfeil beitragen. Weil es eine intensive Auseinandersetzung mit dem neuen Pol braucht, um den neuen Zeitpfeil überhaupt erst einmal zu verstehen, ist es besonders interessant, Äußerungen zu suchen, die in Richtung des neuen Pols weisen könnten. Deshalb hier einige  Beispiele, die ich in diesem Sinne bemerkenswert finde.

Mit welchen Themen wir es zu tun bekommen, wenn es darum geht, gemeinsame Antworten auf diese grundlegenden Fragen der Menschheit zu finden, zeigt die derzeit breite Diskussion über das Entstehen von Ideologien oder über Meinungsbildung in der Gesellschaft.

Im ZKM in Karlsruhe gab es 2015 zu demselben Thema ein Ausstellungsprojekt, das von Bruno Latour mit anderen kuratiert worden war: Reset Modernity. Diese Ausstellung hatte damals diese radikal andere Denkweise mit Fotokunst, Videos und Installationen veranschaulicht. Wer sich vertiefen möchte, dem sei das Fieldbook zur Ausstellung empfohlen.

Die Stimmen mehren sich, die dazu beitragen, die Schockstarre zu überwinden und sich grundsätzliche mit dem gegenwärtigen Epochenwandel auseinandersetzen. Ein Beispiel hierfür hat dieser Tage Bernd Scherer, der Intendant des Hauses der Kulturen in Berlin, geliefert. Er stellt in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung die Zusammenhänge von Naturausbeutung, Technologie, Kybernetik und Design menschlicher Lebenswelten als  „planetarische Transformation“ des Anthropozän verständlich dar. Er schlägt Kulturprojekte vor, in denen der Mensch seine aktive Rolle zurückgewinnen kann.

Statt einer rein produktorientierten Technologieentwicklung, die selbst menschliches Leben zum Gegenstand von Geschäftsmodellen macht, benötigen wir Probebühnen für die neuen Phänomene, in denen soziale Akteure, Wissenschaftler und Künstler gemeinsam Zukunftsentwürfe erproben. Die Probebühnen sind einerseits Orte der Praxis, in ihnen werden Weltausschnitte hergestellt. Anderseits sind sie im Sinne der künstlerischen Praxis Orte der Imagination. Es geht auf den Probebühnen nicht um das Erzeugen von Fakten und Objekten, sondern den Entwurf von Möglichkeiten, um vor der endgültigen Realisierung in einem gesellschaftlichen Prozess, in dem die Betroffenen der Anthropozänentwicklung selbst auch Akteure werden, Optionen, Denk- und Wahrnehmungsweisen durchspielen zu können.

Einen viel beachteten Beitrag hat Bernd Ulrich unter dem Titel „Wie radikal ist realistisch?“ kürzlich in DIE ZEIT veröffentlicht. Seine Argumentation kommt den Überlegungen von Latour ziemlich nahe. Zum Beispiel üben beide deutliche Kritik an den Medien. Bernd Ulrich beklagt, dass die Medien einem mechanischen Mitte-Reflex folgten, bei Themen wie Ökologie, Ernährung, Natur, Landwirtschaft zu einem „sehenden Verdrängen“ beitrügen, die wesentlichen Fragen nicht stellten und damit geistige Schonräume erzeugten. Selbstkritisch verweist er auf den grundlegenden Lernbedarf der Medien.

Üblicherweise wird der allgegenwärtige politische Gradualismus durch den Journalismus weniger hinterfragt als vielmehr eskortiert. Der Grund dafür liegt darin, dass sich dieses Verfahren jahrzehntelang bewährt hat. Darum kostet es die Medien, auch die ZEIT, auch den Autor dieser Zeilen viel Kraft, sich aus dem Gelernten und Gelungenen zu lösen, selbst dann, wenn es immer öfter misslingt.

Noch deutlicher mit seiner Kritik an den Medien wird Bruno Latour, wenn er beklagt, wie die Medien die mit Milliarden Dollar finanzierte Desinformation über den Klimawandel unterschätzten, weil sie davon ausgingen, dass die Fakten für sich selbst sprächen.

Auch sie sind im Netz der Desinformation gefangen. (S. 35)

Schließlich sei auf eine aktuelle Studie hingewiesen, die der Komplexität des Geschehens gerecht zu werden versucht, indem sie das komplexe Zusammenspiel der widersprüchlichen Ziele berücksichtigt und der Politik so neue Wege aus der Klimakatastrophe aufzuzeigen versucht, wie das 1,5-Grad-Klimaziel des Pariser Abkommens doch noch erreichbar wäre. Das Mercator Research Institute for Global Commons and Climate Change betont, dass sich Lebensstil-Änderungen als besonders effizienter Weg zur Ergänzung der CO2Preisgestaltung erwiesen. Wenn die Menschen etwa Flugreisen und Fleischkonsum reduzieren, könnte dies die höheren kurzfristigen Kosten für frühzeitige Klimaschutzmaßnahmen ausgleichen helfen. Gunnar Luderer, einer der Co-Autoren der Studie, weist auf das Dilemma der Politik hin.

„Während die Möglichkeiten, solche Lebensstiländerungen herbeizuführen, oft sehr umstritten sind und daher nicht im Mittelpunkt der aktuellen politischen Diskussionen stehen, scheinen diese Veränderungen das größte Potenzial zur Reduzierung von Nachhaltigkeitsrisiken und zur Maximierung des Mitnutzens von Minderungsmaßnahmen zu haben“, sagt Luderer. „Gemeinsam können Politik und Menschen mehr erreichen, als sie denken.“

 

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Sensoren (8): Machtverschiebungen und Regierung als Netzwerk

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Kürzlich hatte ich an dieser Stelle über Zygmunt Bauman geschrieben. Er betont die Machtverschiebung von der Politik zu den Monopolen des Internets , die zu einer tiefen Spaltung der Gesellschaft in zwei Sphären führt. In diesem Beitrag sollen weitere Stimmen zu Wort kommen, die sich mit den Machtverschiebungen durch den Gebrauch oder Missbrauch der Netzwerk-Technologien und mit möglichen Lösungen für die digitale Gesellschaft befassen.

Peter Kruse hatte auf der Basis seiner vielfältigen Analysen kultureller Kraftfelder in der Gesellschaft die Machtverschiebung zu den Kunden, Mitarbeitern und Bürgern betont. Die Systemarchitektur habe sich grundlegend verändert, stellte er 2010 bei einer Anhörung vor der Enquéte-Kommission Internet und digitale Gesellschaft fest.

Wer sind die Systemarchitekten? Eigentlich müsste in einer funktionierenden Demokratie der Souverän auch Systemarchitekt sein. Diese Rolle haben die Bürger eingebüßt. Sie können die ihnen angebotene Systemarchitektur zwar nutzen, um sich in Bewegungen zu organisieren. Sie gewinnen an politischer Macht. Sie haben aber keinen Einfluss auf die Infrastruktur, die, mit Kruse gesprochen, „Vernetzungsdichte, Spontanaktivitäten und kreisende Erregung“ erst ermöglicht.

Die Politik verliert die Gestaltungsmacht einerseits an die Internet-Konzerne, die mit ihren Plattformen die Infrastruktur für die digitale Gesellschaft politisch unkontrolliert aufbauen und bereitstellen, und andererseits an die Bürger, die die Plattformen für ihre Zwecke nutzen können. Zwei Varianten scheinen zu dominieren, wie die alte politische Macht einerseits und die neue ökonomische Macht andererseits versuchen, mit den unberechenbaren Folgen der Vernetzung umzugehen und eine berechenbare Gesellschaft herzustellen: Datendiktatur oder Verhaltensdiktatur.

In autoritären und totalitären Regimen ziehen die Mächtigen die nationalen Grenzen auch im Netz hoch. In Nordkorea gibt es kein Internet, sondern ein vollständig zentral kontrolliertes Intranet. Ähnlich versucht es China mit dem Blockieren ausländischer Seiten und lässt soziale Vernetzung nur auf eigenen Versionen sozialer Netzwerke zu.

In demokratischen Ländern beherrschen wenige transnationale Technologiekonzerne die Algorithmen. Diese Konzerne sind die Systemarchitekten. Sie bestimmen die Regeln.

Isabella Mader vom Excellence Institute in Wien hat 2015 in einem Vortrag vor dem Global Peter Drucker Forum am Beispiel Uber beschrieben, wie die Konzerne der großen Internet-Plattformen die Regeln verändern, und zwar global. Die Mitarbeiter haben keine Arbeitsverträge mehr, sondern agieren selbständig auf der Plattform. Sie haben keinen Chef. Sie haben keinen Ansprechpartner, wenn sie z.B. von Kunden unbegründet schlecht bewertet werden. Diese Unternehmen schrumpfen auf einen Kern und holen sich die Services, die sie für ihre Wertschöpfung brauchen, in den Netzwerken außerhalb des Unternehmens.

Es gibt Arbeit oberhalb des Algorithmus und es gibt Arbeit unterhalb des Algorithmus. Die Mitarbeiter unten erhalten die Aufgaben von der Plattform, die Mitarbeiter oben programmieren die Plattform. Die Ideologie ist in den Code hineinprogrammiert, wie bei Amazon Turk, der Plattform für Arbeitsvermittlung. Die „Turker“, also die Freelancer, die auf diese Plattform angewiesen sind, klagen: „Wage theft is a feature, not a bug.“

Das Muster dahinter wird erkennbar, so Mader, wenn man die gesellschaftlichen Umbrüche früherer Zeiten mit dem heutigen Umbruch vergleicht. Die frühen Industriellen verdrängten die Handwerker. Diese frühen „Räuberbarone“ waren Eigentümer des Produktivvermögens. Sie konnten die Arbeitsbedingungen und Löhne diktieren. Die „digitalen Räuberbarone“ heute organisieren das Produktivvermögen anderer im Netz. Sie sind nicht mehr Eigner des Produktionsmittel. Kein Hotel gehört Booking.com. Kein Apartment gehört AirBnB. Keine Zeile Content gehört dem größten Medienunternehmen Facebook.

Es geht, so Mader, bei diesen Erscheinungen weniger um die Frage Roboter vs. Menschen, sondern um die Frage: Wie gehen Menschen mit Menschen um?

Wie können demokratisch legitimierte Regierungen in dieser Situation wieder zu einer gestaltenden Rolle zurückfinden? Wie können sie die Foren für die Diskussion in der Gesellschaft bereitstellen? Mader bekennt:

„I would love to see government becoming a network themselves, disrupting themselves.“

Der Glaube, die Plattformen würden es selbst schon zum Besten richten, täuscht. Über Jahrhunderte errungene soziale Standards, wie z.B. Mindestlöhne, drohen in der Transformation der Gesellschaft verloren zu gehen. Deshalb ist das Ringen um die digitale Demokratie so wichtig.

Mader macht auf Wolfgang Müller, Direktor bei der Stadt Wien, aufmerksam. Er hat auf demselben Global Peter Drucker Forum über das sich wandelnde Selbstverständnis der Stadt Wien hin zu einer Smart City gesprochen (s. Video von 25:00 bis 38:25).

We believe, only if many smart people working together in a smart way a smart city is born. … It’s mainly not technology-driven but community-driven. You can have a city that works for a few or a city that works for just everyone.

Und weiter:

The guiding rule is simple. It is just one word: Together!

Er nennt drei Faktoren, die dieses „Together“ ermöglichen.

  • Technologie, die dem Menschen dient, nicht umgekehrt.
  • Begegnung (er spricht von „real life communication“), die sinnvoll wechselt zwischen Kommunikation „face-to-face“ und „online“. In der Stadt ist das leichter, als in einem ganzen Land.
  • Gemeinschaft („community“). Wenn fast alles in Netzwerken organisiert ist, hat eine Stadt in Netzwerken zu arbeiten.

We have to become a network, to consist of networks and get part of networks. … In a network you have to treat everybody with respect.

Die leitenden Regeln bauen auf zwei wichtige Prinzipien.

  • Ähnlich dem Grundsatz der US-Army „Never leave a friend behind“ sollte jeder  sich beteiligen und profitieren können. Jeder Mensch wird respektiert. Ausgegrenzte sind eingeladen, jederzeit wieder anzuklopfen, wie z.B. beim Projekt Spacelab für Jugendliche.
  • Menschen arbeiten für Menschen mit Menschen. Müller sieht darin den Schlüssel zum „sharing government“.

Am Beispiel der Flüchtlingsströme im September 2015 weist er auf die Menschen hin, die sich die „Irene Question“ gestellt hätten: „What can I do?“ Sie fanden eine Antwort. Sie organisierten sich mithilfe der Social Media. Eine rein zivilgesellschaftliche Initiative. Die Zahlen sind eindrucksvoll: Die Reichweite etwa 300 000 Computer, 109 000 selbstorganisierte, freiwillige Arbeitsstunden, 180 000 Mahlzeiten in einem Monat.

Krawatten tragende Beamte, so Müller, hätten das nicht organisieren können. Sie sind es gewohnt, zuerst einen Plan zu machen.

What we see here is civil society. Smart people organizing in a smart way to take over parts of the business of the government in cooperation with the government, creating what could be called a sort of citizen startup. And we think a smart city is a network and it consists of such entities.

Müller lässt keinen Zweifel: Eine Smart City braucht eine aktive Regierung. Diese braucht aber nicht alles im Kleinen zu steuern, sondern sie soll helfen, unterstützen, um Teilhabe bitten und private Initiativen koordinieren.

This sort of „Together“ makes a government agile, flexible and smart.

Ein solches Selbstverständnis für verteilte Macht und Verantwortung in der Netzwerkgesellschaft braucht Zeit. Peter Kruse legte den Politikern am Ende seines  Statements deshalb das Motto ans Herz: „Und bist Du nicht willig, so brauch‘ ich Geduld.“

Sensoren (7): Diktatur 2.0 – Wege aus der Überwachungsgesellschaft

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Der Pluralismus

sorgt für Diversität, Diversität sorgt für Innovation und kollektive Intelligenz und eine Fähigkeit der Gesellschaft, sich an alle möglichen Sachlagen anzupassen, also auf unerwartete Ereignisse zu reagieren, wie sie mit der digitalen Transformation und auch mit den Nachhaltigkeitsproblemen dieser Welt sicherlich entstehen werden.

Diese Errungenschaft aus einer jahrhundertelangen Entwicklung gilt es zu bewahren. Sie ist bedroht durch die Pläne der großen Tec- und Internet-Konzerne Facebook, Google, IBM und andere, der Gesellschaft ein Betriebssystem zu verpassen, in dem der einzelne mithilfe von Algorithmen unmerklich in eine bestimmte Richtung gelenkt wird.

Die Radiosendung SWR2 Forum vom 27. Juni 2017 versammelt die besorgten Stimmen von drei aufmerksamen Beobachtern der Gesellschaft in der digitalen Transformation  um das Mikrofon: Dirk Helbing, Computer- und Sozialwissenschaftler von der ETH Zürich, den Wissenschaftsjournalisten Adrian Lobe und Peter Schaar von der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz in Berlin.

Die drei sind sich in der Einschätzung der bedrohlichen Lage weitgehend einig. Helbing findet deutliche Worte für die Bedrohung durch Computerwissenschaftler und Ingenieure, die ein Betriebssystem für die Gesellschaft aufbauten, die aber die Bedeutung von Geschichte, von Kultur, von Ethik und Moral nicht verstünden.

Nun hat man die Vorstellung, dass es irgendwann superintelligente Systeme gibt, die besser als wir verstehen können, was die Probleme sind und wie man sie lösen kann. Und wenn wir nur diese Systeme hätten, dann wären alle Menschheitsprobleme bald gelöst. … Irgendwann werden sie in allen Disziplinen besser sein. Irgendwann werden sie alle Weltprobleme lösen können. Ich halte das für eine gefährliche Utopie, weil die vernetzte Welt viel komplexer ist. Die Rechenleistung hält nicht Schritt mit der Datenmenge, die Datenmenge hält nicht Schritt mit der vernetzungsbedingten Komplexität. Deswegen können KI-System diese Welt niemals optimal regieren. Das geht schlicht und einfach nicht. Aber hier wird eine Utopie zur Ideologie und die Ideologie wird zur neuen Religion gemacht. Ich glaube schon, dass das hochgefährlich ist, weil es zu wenige Menschen gibt, die tatsächlich diese Annahmen hinter diesen Utopien hinterfragt haben. De facto hat das Silicon Valley eigentlich kein Weltproblem gelöst.

Noch lässt sich beobachten, wie eine solche neofeudalistische Technokratie entsteht, z.B. in China.

Der chinesische Citizen-Score treibt es auf die Spitze. Da werden alle Daten, die gesammelt werden, auf einen einzigen Wert heruntergekocht. Der beschreibt den Wert eines Menschen aus der Sicht der Regierenden.

Ein anderes Beispiel, an dem bedenkliche Entwicklungen wahrnehmbar sind, ist die Veränderung der Sprache. Lobe weist auf die Emojis hin. Jährlich würden 6 Milliarden Emojis verschickt. Das Unicode-Konsortium, an dem alle großen Tec-Konzerne beteiligt sind, schaffe mit der Regulierung dieser Emojis neue sprachliche Verhältnisse. Denn diese Symbole drückten Emotion eindeutig aus. Sie ließen keine Ambivalenzen in der emotionalen Bewertung mehr zu. Die Dialektik der Sprache, so Lobe, geht verloren.

Im Dialog der drei Experten werden zwei Ebenen deutlich, auf denen Handlungen möglich sind: die persönliche Ebene und die politische Ebene. Helbing verweist auf die noch vorhandenen Möglichkeiten für jeden Einzelnen, aus der Konsumhaltung herauszutreten und zu Mitgestaltern der digitalen Zukunft zu werden.

Wir können digitale offene Öko-Systeme bauen, wir können Open Data, Open Innovation auf den Weg bringen. Es bilden sich ja diese Fab Labs, diese Maker Spaces, wo man lernt, dass man plötzlich mit einem 3D-Drucker Dinge produzieren kann, wo man früher Fabriken gebraucht hat, in die man Millionen investieren musste.

Schaaf sieht erste hoffnungsvolle Ansätze für eine Repolitisierung, besonders bei jungen Menschen, wie es sich in Großbritannien nach der Brexit-Entscheidung und in den USA nach der Trump-Wahl gezeigt habe.

Wir müssen viel stärker dieses politische Element auch in Deutschland wieder entdecken. … Sonst entscheiden andere, Tec-Konzerne oder – möglicherweise sogar im Verbund – bestimmte politische Entscheidungsträger, die ganz anderen Interessen folgen. Ich finde das ganz wichtig, dass da was passiert. Dass da was geht, hat ja zumindest Pulse of Europe mal dargestellt. Ich kann mir durchaus Aktionsformen vorstellen, in denen man sich stärker politisch wieder einbringt und zwar teilweise auch unter Nutzung der technischen Möglichkeiten, die heute sehr viel größer sind, als in der Vergangenheit.

 

Written by Östermann

30. Juli 2017 at 10:00

Sensoren (1): Eine Welt ohne Grenzen – Parag Khanna im SRF-Interview

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Das ZKM Karlsruhe hat ihr groß angelegtes Ausstellungsprojekt Globale mit einer Ausstellung über den Neustart der gescheiterten Moderne beendet: Reset Modernity! Der programmatische Kerngedanke war im Fieldbook zur Ausstellung so beschrieben:

Die Moderne bot eine Möglichkeit, zwischen Vergangenheit und Zukunft, Nord und Süd, Fortschritt und Rückschritt sowie radikal und konservativ zu unterscheiden. Doch in einer Zeit tief greifender ökologischer Veränderungen dreht sich dieser Kompass wild im Kreis, ohne noch groß Orientierung zu bieten. … Lassen Sie uns einen Moment innehalten und Verfahren, Procedures, anwenden, um nach anderen Sensoren zu suchen, mit denen wir unsere Detektoren, unsere Werkzeuge, neu kalibrieren können.

Diese Suche nach neuen Sensoren kam mir in den Sinn, als ich mir das Interview des SRF mit Parag Khanna angesehen hatte. Der Politikwissenschaftler wirft einen Blick auf die globale Vernetzung der Infrastruktur: das sind erstens Transportmittel, also z.B. Eisenbahnlinien, Straßen und Fluglinien, zweitens Energienetzwerke, also z.B. Pipelines und Stromnetze, und drittens Kommunikationsnetze. Diese Netze verbinden uns alle. Wir haben sie über Jahrhunderte aufgebaut. Sie sind älter als viele Staaten und werden Staaten, wenn sie zerfallen, überleben.

Khanna hat selbst in vielen Ländern gelebt und viele Kulturen kennen gelernt und ist häufig rund um den Globus unterwegs. Auf die Frage nach der Zugehörigkeit, sagt er ironisch:

Ich sammle die Identitäten.

Sein Blickwinkel lässt uns einen neuen Blick auf die gesellschaftlichen und globalen Entwicklungen gewinnen. Connectography nennt er diese Methode. Die Landkarte sei seit Jahrhunderten und bis heute ein Mittel, uns selber die Welt verständlich zu machen. Jede Karte stehe für eine Weltanschauung. Mit diesen Weltanschauungen, wie sie aus Karten sprechen, setzt er sich auseinander.

Geografie sei heute kein Schicksal mehr für Staaten. Heute sei vielmehr die Konnektivität, die Vernetztheit, die Verbundenheit Schicksal. Die politische Landkarte verändere sich ständig. Bei der Gründung der Vereinten Nationen habe es 150 Staaten gegeben, heute seien es über 200. Die Karte der Vernetzung biete in diesem rasanten Wandel Kontinuität.

Staatliche Grenzen sind sehr wichtig. Aber Geopolitik ist nicht der Kampf zwischen Staaten. Geopolitik ist das Verhältnis oder die Beziehung zwischen Raum und Macht. Es können ganz verschiedene Akteure diese Macht haben. Terroristische Gruppen, religiöse Einheiten, Firmen und Unternehmen und auch Staaten und Städte.

Diese Macht werde durchgesetzt über die Vernetzung. Macht verteile sich anders im Raum, als wir uns das gewöhnlich vorstellen, wenn wir allein an staatliche Grenzen als Machträume denken. Machtstrategien äußerten sich heute in Infrastrukturinvestitionen.

Die vielfältige Vernetzung erhöht die gegenseitige Abhängigkeit.

Je mehr Grenzen wir haben, desto grenzenloser wird die Welt.

Alle Länder sind in steigendem Maße auf Importe angewiesen. Das Gleiche trifft auch auf Organisationen zu. Sie sind von Zulieferungen und damit von freien Fluss der Ressourcen abhängig. Alle teilen letztlich wechselseitig das Interesse, diese Zulieferungen aufrecht zu erhalten und zu sichern.

Junge Menschen, so Khanna, tragen zu einem gewissen Teil das globale Denken in sich. Sie schätzen die Verbundenheit ebenso wie ihre nationale Identität. Die Asiaten, so sein Befund, stehen mehr für offene Grenzen und Freihandel als die Europäer und Amerikaner.

Europa ist nicht mehr nur eine Union der Staaten, sondern auch der Regionen. Der Brexit werde die Verbindungen Großbritanniens mit der Welt nicht beenden. Natürlich fahre der Eurostar weiterhin zwischen London und Paris.

Die Menschen wünschen sich mehr Abgrenzung und arbeiten gleichzeitig für globale Konzerne. Der Ausstieg eines Landes aus der EU oder aus Freihandelsabkommen wäre schlecht für die Bürger. Der Wille des Volkes und die Interessen der Unternehmen lägen, so meint Khanna, näher beieinander, als wir glaubten.

Staaten und große Organisationen können – ein langfristiger Prozess – weniger korrupt werden, weil sie Verantwortung haben für ihre Rolle in der globalen Versorgungskette, die mit gewissen Erwartungen verbunden ist, die erfüllt werden müssen. Dadurch erhöhe sich z.B. der Standard von Corporate Governance.

Zwischen dem Wunsch nach Abgrenzung und nach Teilhabe an der globalen Verbundenheit muss jeder Staat, jede Organisation einen ausgewogenen Weg finden.

Aus der wirtschaftlichen und demographischen Sicht sind wir eine Zivilisation der Städte. Die Städte werden in der Zukunft eine entscheidende Rolle in der Geopolitik spielen. Sie sind die Knoten in der vernetzten Welt.

Die Weltanschauung, die Sichtweise der Städte heisst: Mehr Verbundenheit bauen. Brücken bauen zu anderen Städten. Mehr Handel, mehr Talent, mehr Technologie, mehr Flugverbindungen usw. So sieht die Welt die Stadt.

Khanna bietet uns ein Beispiel für einen neuen Sensor, mit dem wir durch Betrachtung der globalen Netzwerke unsere Weltsicht bereichern können.

Noch einmal zurück zur Ausstellung „Reset Modernity“ im ZKM. Das Fieldbook schließt mit der Ermunterung, unseren Kompass nicht mehr auf den Globus, sondern auf die Erde auszurichten,

um zu kartieren, wo wir stehen, und um zu entscheiden, was sich zu verteidigen lohnt. […]

Neue Allianzen werden möglich: um schützende Um-Welten gemeinsam mit jenen zu errichten, die nach defensiven Identitäten suchen, und um eine Welt zu erforschen, die wesentlich vielschichtiger und komplexer ist als der einstige Globus.

Written by Östermann

3. Oktober 2016 at 16:44

Technologischer Determinismus, Schattennetzwerke und Algorithmen als neue hierarchische Instanz – Frank Schirrmacher

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Die Frage wird nicht mehr sein: „Bist Du im Netz oder bist Du nicht im Netz?“, sondern „Welche Funktionen in der Gesellschaft sind denn eigentlich noch da, die das Nicht-Netz repräsentieren?“ Darauf hat der in diesem Jahr verstorbene Frank Schirrmacher in einer Keynote auf dem SocialMania-Kongress 2012 der Hochschule der Medien in Stuttgart hingewiesen. Sein Vortrag erzeugt eine hohe Dringlichkeit in der Frage der ethischen Bewertung digitaler Technologien. Anders als Gerd Leonhard mit seinem Vortrag über „Digital Ethics“ stellt Schirrmacher die Wirkung der Digitalisierung auf Machtstrukturen in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. 

Schirrmacher meint,

dass wir allmählich aufpassen müssen, uns nicht vom technologischen Determinismus treiben zu lassen. …

Am Beispiel des „arabischen Frühlings“ in Ägypten zeigt er auf, was er damit meint. Wir sehen einseitig die neuen technischen Kommunikationswege als Auslöser dieser Revolution.  Die Revolution sei jedoch im Kern von der klassischen Arbeiterbewegung ausgegangen. Sie wäre auch ohne digitale Technik gekommen.

Ich sage das, um darauf hinzuweisen, dass uns ein Teil der gesellschaftlichen Realität, nämlich die Offline-Realität, immer mehr entgeht.

Schon 1989 bei den Protesten auf dem Tian’anmen-Platz sei das Fax von großen Medien, wie z.B. die New York Times oder die Washington Post, als Auslöser der Revolution eingeschätzt worden.

Weshalb er den technologischen Determinismus so gefährlich findet, ist die verbreitete Annahme, aufgrund dieser Technologie sei

im Kern eine Form von Basisdemokratie, von Befreiung, von Selbstbefreiung möglich.

Social Media, wie z.B. Facebook, oder das Internet insgesamt seien immer auch große kapitalistische und Machträume. Die Frage der Hierarchie sei deshalb nicht so einfach zu beantworten. Nach Manuel Castells sei der Zweck eines Netzes entscheidend.

Ist es eine Mafia-Struktur? Oder ist es eine Markt-Struktur? Wer wollte das Ziel beim Internet als solches sagen? Man muss sich also immer einzelne Netzwerke anschauen. […] Man kann aber nicht von vornherein von einer Emanzipation aller Beteiligten nur deshalb reden, weil sie miteinander kommunizieren.

Als Beispiel führt er die Bestrebungen an, Daten aus sozialen Netzwerken für Geschäftszwecke, z.B. zur Beurteilung der Kreditwürdigkeit oder der Zuverlässigkeit als Steuerzahler, zu nutzen. Das sei nur möglich, wenn ein Narrativ des Lebens von Kreditnehmern erzeugt werde.

Wie zuverlässig ist jemand? In welcher Schnelligkeit beantwortet er E-Mails? […] Welche E-Mails beantwortet er zuerst? […] Die wichtigen oder die unwichtigen? […] Das ist nichts anderes als die Kapitalisierung und Kommerzialisierung sozialer Beziehungen. Das ist eine der unbeantworteten Fragen, die sich stellen. Dass wir alle in der Rolle sind, dass wir einerseits die Systeme nutzen, dass wir andererseits Waren in diesen Systemen sind, die einer Analyse zur Verfügung stehen.

Die Algorithmen werden zur hierarchischen Instanz. Der Steuerprüfer muss einer Spur nachgehen, wenn der Algorithmus Auffälligkeiten meldet, auch wenn sein Bauchgefühl ein ganz anderes ist.

Wir reden, so Schirrmacher, fast überhaupt nicht über Schattennetzwerke. Er meint damit  Netzwerke, die bewusst intransparent gehalten werden.

Die Industrie benutzt mittlerweile Forschungen der Soziologie, der Psychologie und der Anthropologie wie ein Werkzeugkasten. […] Es gibt ja die berühmte Netzwerk-These der „weak ties“.

Wichtig an einem Netzwerk seien nicht die engen, sondern die losen, die indirekten Beziehungen. Diese These – Mark Granovetter hat sie 1973 festgehalten – werde nun umgemünzt.

Jemand mit dem ich sehr eng befreundet bin, ist mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit mir sehr ähnlich. Deshalb ist er für die Auswertung gar nicht so interessant. Für die Auswertung interessant sind gerade diejenigen, mit denen ich gar nicht so eng verknüpft bin.

LinkedIn beispielsweise nutze dies und sage: „Bei der Job-Suche wird Ihnen nicht ihr strong tie helfen, sondern nur ihr weak tie.“

So können sich Menschen helfen. Und so war es auch mal gedacht. Sie können es aber auch als Instrument zur Vermarktung oder als Analyse-Instrument für Schattennetzwerke nutzen: „Schauen wir uns mal dessen weak ties an, dann sehen wir dessen wahres Interesse.“

[…]

Wir übersehen, dass […] reale Strukturen in der Gesellschaft entstanden sind, die einem mulmig werden lassen. […] Wir sind längst in einem anderen System angekommen.

[…]

Die Netzwerktheorie von Castells […] ist irre toll, weil sie zeigt, Sie kennen diese Sätze: „Ende der Pyramide, keine Hierarchien mehr“, sie zeigt aber immer auch etwas anderes. Diese Theorie übertragen in die Arbeitswelt, wie wir sie kennen, führt zur sofortigen, schnellen Austauschbarkeit von jedem Einzelnen innerhalb des Systems.

Es ist immer möglich, dass Ideen und Theorien, die ideologisch Befreiung bringen, gleichzeitig dazu benutzt werden, […] Machtstrukturen [zu schaffen … ], die sich nicht rechtfertigen müssen […] und die die vorhandenen Technologien nutzen, um Geschäfte zu machen oder ihre Macht zu sichern.

Schirrmacher schließt mit einem fast utopisch anmutenden Appell.

Wir brauchen einen ganz hohen Organisationsgrad von […] digital vernetzten Menschen, die dann an einem Tag X kollektiv sich entschließen, Facebook zu verlassen und zu einer Plattform zu gehen, […] von der garantiert ist, dass dort die Daten nicht ausgewertet werden.

Written by Östermann

30. Dezember 2014 at 18:58

Politik im Umbruch – Peter Kruse über Stuttgart 21, die Identität der Parteien, die Landschaft der Wertesysteme, avaaz.org und den Klimawandel

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Peter Kruse befasst sich in diesem Interview mit der Identität der Parteien und der Beteiligung der Menschen in sozialen Netzwerken. Politiker werden, so Kruse, in diese Parteienidentität hinein sozialisiert. Im Netz hingegen entscheiden sich Menschen zunehmend bewusst für ein eigenes Wertesystem.

Das Internet ist kein Medium, sondern ein Raum der Interaktion und Kommunikation.  Da wird nichts geschickt.

Menschen organisierten sich weniger in Identitätsräumen, mehr in abstrakten Themen- und Werteräumen. Politiker sollten sich in diese Räume hineinbegeben. Dafür gebe es noch kein etabliertes Muster. Es gehe ums Ausprobieren, auch wenn es mit Risiken verbunden ist. Es sei den Politikern, wie allen, zugestanden, ihre eigenen Erfahrungen zu sammeln, ihren ersten Shitstorm zu überstehen. Wichtig sei, dass die Politiker lernen, sich in diesen Wertesystemen zu bewegen.

via UlrikeReinhardTV 

Hinweis (03.05.2014): Das Video mit dem Interview ist mittlerweile leider gelöscht worden. Ein weiteres Interview mit Peter Kruse zum Verhältnis von Politik und Netzwerken findet sich in „Reboot_D. Digitale Demokratie – Alles auf Anfang“ ab S. 44.

Written by Östermann

27. Oktober 2013 at 18:05

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