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From Ego to Eco: Öko-System als Leitmotiv für die digitale Welt?

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Ist Youtube ein Öko-System? Es ist jedenfalls um ein Vielfaches erfolgreicher, als vergleichbare Plattformen der privaten Rundfunkanbieter, wie z.B. MyVideo oder Clipfish. Darauf weist Bertram Gugel in einem Blog-Beitrag hin. Er sieht den Kern von Youtube im Gegensatz zu anderen Plattformen gerade nicht im Verbreiten von Videos.

Natürlich wird die Plattform sich weiter professionalisieren aber die wahre Gefahr für die Sender sind nicht die Serien oder Filme, die irgendwann auf YouTube angeboten werden, sondern die neuen Inhalte und Produzenten, die auf der Plattform entstehen.

Es ist dieser Unterschied, der Youtube zum Öko-System macht. Youtube versammelt auf seiner Plattform Menschen unterschiedlichster Couleur, die Videos herstellen, verbreiten und über Videos miteinander kommunizieren. An anderer Stelle verwendet Gugel den Begriff Öko-System für „übergeordnete Aggregatoren“. Öko-Systeme sind danach in der digitalen Welt Aggregatoren, die Aggregatoren sammeln.

Sie sind die Betriebssysteme der Multiscreen- und Multiplattform-Welt. Sie verbinden verschiedene Geräte, Mediengattungen und Anwendungsfälle und erlauben den nahtlosen Zugriff auf Inhalte in unterschiedlichen Kontexten. Im Gegensatz zu anderen Aggregatoren sammeln sie auf einer höheren Stufe. Einerseits aggregieren sie Nutzer(-daten) und Kaufkraft (über Kreditkarten- und Bankverbindungen), andererseits stellen übergeordnete Aggregatoren Zugang zu anderen Sammlungen bereit.

Bei seinem Versuch, Aggregatoren zu systematisieren, zählt er Youtube übrigens nicht zu diesen „Öko-Systemen“, sondern nur zu den „umfassenden Aggregatoren“. Diese sammeln

Inhalte auf unterschiedliche Weise vom reinen Verweis bis hin zur Bereitstellung der Inhalte, vom fast vollumfänglichen Katalog (Webseiten: Google, Musik: Spotify, Videos: YouTube) bis zu einer sehr lückenhaften Auswahl (Maxdome: TV-Inhalte), vom offenen Zugang (YouTube, Facebook, Google) bis zur selektiven Aufnahme (iTunes, Google Play, AppStores).

Ist das Bild vom Öko-System also, wie es in diesem Beispiel scheint, nur eine Modeerscheinung ohne tieferen Sinn? Ein neues Buzzword?

Auch Mathias Döpfner spricht in seinem vielzitierten offenen Brief an Eric Schmidt von einem Öko-System.

Die Diskussion über die Macht von Google ist also keine Verschwörungstheorie von Ewiggestrigen. Sie selbst sprechen von der neuen Macht der Macher, Eigentümer und Nutzer. Bei den Nutzern bin ich da langfristig nicht so sicher. Da folgt auf Macht schnell Ohnmacht. Und genau deshalb müssen wir diese Diskussion im Interesse eines langfristig gesunden Ökosystems der Digital-Ökonomie jetzt führen. Das betrifft den Wettbewerb. Aber nicht nur den ökonomischen, sondern auch den politischen. Es betrifft unsere Werte, unser Menschenbild und unsere Gesellschaftsordnung weltweit und – aus unserer Perspektive – vor allem die Zukunft Europas.

Er verwendet den Begriff, um etwas ganz Großes zu bezeichnen. Es geht ihm um nicht weniger als das  globale digitale Öko-System. Es ist krank. Es leidet an Google.

Noch ein Beispiel: Radio Malowopati, ein lokaler Radiosender im indonesischen Distrikt Bojonegoro. Der neue Regent wollte den Dialog mit den unzufriedenen Bürgern verbessern. Er ernannte eine neue Radio-Managerin.

A few things happened next. With his encouragement, she helped develop a morning program from 6-9am to report the days’ news and discuss issues of local importance. The show would invite SMS and phone calls from the community. Kang Yoto let it be known that he would personally listen to the station. And – most importantly – he asked that all viewpoints about community issues and his government’s performance in addressing them be broadcast. In other words, the same station that had been organized to disseminate propaganda was re-organized to be a co-creative endeavor between the government and its stakeholders (citizens) for the purpose of identifying and addressing issues that impact people’s well-being.

Das ist eines von vielen Beispielen, die Otto Scharmer und sein Presencing Institute gesammelt haben. In seinem Buch „Leading from the Emerging Future“ (S. 198ff.) schildert er, wie Bojonegoro sich zu einer Region mit geringer Korruption und lebendiger Demokratie wandelte. Es geht um ein anderes Bewusstsein und zugleich um andere Spielregeln der gesellschaftlichen Koordination. Scharmer sieht den historischen Verlauf der Entwicklung idealtypisch von einem traditionellen Bewusstsein (1.0) über ein Ego-Bewusstsein (2.0), wie es sich in „freien Märkten“ ausdrückt, und ein Stakeholder-Bewusstsein (3.0) zu einem Öko-Bewusstsein (4.0). Die früheren Stufen existieren in den späteren Stufen weiter. Die 4. Stufe erweitert also die Sektoren staatlicher Steuerung, freier und sozialer Marktwirtschaft um einen vierten co-kreativen Sektor,

that creates platforms and holds the space for cross-sector innovation that engages stakeholders from all sectors (S. 14). … The blind spot of our time is that we take mainstream economic thought for granted, as if it were a natural law.

Mit dem Bewusstseinswandel aller Teilhabenden, von den Verantwortlichen in der Wirtschaft, Regierungen oder Zivilgesellschaft bis zu den Konsumenten, Investoren und Communities in einem System, beginnen sich alle Gesetze des Wirtschaftens zu wandeln.

Was nun ist ein Öko-System? Früher wurde der Begriff verwendet, um das Zusammenleben von unterschiedlichen Arten zu beschreiben. Ein Öko-System ist danach ein Lebensraum, bestehend aus dem Lebensort und der Lebensgemeinschaft.

Ein Ökosystem setzt sich aus unbelebten (abiotischen) und belebten (biotischen) Komponenten zusammen. Die Gesamtheit der biotischen Organismen – also der Tiere und Pflanzen – wird auch als Biozönose oder Lebensgemeinschaft bezeichnet. Die Biozönose besiedelt einen unbelebten Lebensraum, das Biotop.

Mit der Brille des Öko-Systems schauen wir also auf Wechselwirkungen, Kreisläufe, Anpassung, Gleichgewichte, auf Teilen und auf Nischen. Es geht um Integration. Die Silo-Gesellschaft neigt sich dem Ende zu.

Auch der „Futurist“ Gerd Leonhard sieht eine Bewegung „From Ego to Eco„. Er betrachtet die digitale Transformation als Herausforderung, das grundlegende Bewusstsein für das Öko-System zu entwickeln. Er sieht Interdependenz als unvermeidlich prägendes Merkmal unserer Zukunft.  Was bedeutet es, wenn die Grenze zwischen Technologie und Mensch immer durchlässiger wird? Wenn künstliche Intelligenz und Big Data den Menschen Entscheidungen abnehmen? Der Mensch emotionale Beziehungen zu technischen Systemen entwickelt? Technologie kennt keine Ethik. Wie machen wir die digitale Welt human? Hier einer seiner Vorträge, der sein Verständnis des Öko-Systems anschaulich macht.

Zurück zu Youtube als Öko-System. Die Ökologen unterscheiden die Lebensgemeinschaft in Produzenten (Erzeuger), Konsumenten (Verbraucher) und Destruenten (Zersetzer) bzw. Reduzenten (Mineralisierer). Die einen stellen aus Mineralstoffen Biomasse her, die anderen verbrauchen die Biomasse und die dritten verdauen und zersetzen die Biomasse wieder in die mineralischen Grundstoffe. Bei Youtube ist leicht nachvollziehbar, wer Produzenten und wer Konsumenten sind. Interessant wird es, so scheint mir, die Analogie zu den Zersetzern und Mineralisierern herzustellen. Ist es die digitale Technologie, Big Data, die Algorithmen, die aus der Masse verwertbare Grundstoffe erzeugen? Oder sind es die humanen und ethischen Grundwerte, die solche Öko-Systeme für den Menschen nachhaltig wertvoll machen?

Was kann der Einzelne tun, um zu einem funktionierenden Öko-System beizutragen? Bernd Schmid erinnert in einem Blog-Beitrag über die „Bodenpflege“ daran, dass jeder in seinem Lebensraum und seiner Lebensgemeinschaft gefragt ist.

Können wir uns also zurücklehnen und sehen, wie es in diesen großen Dimensionen ausgeht? Kaum. Denn wenige Talentierte und Berufene allein mit noch soviel Macht und Geld können Menschheitskultur nicht ins Positive wenden. Die Politiker allein werden es auch nicht richten. Und die Märkte ohne ethische Rahmensetzung auch nicht. Jeder ist gefragt. Mir geht es um Einstellungen unseren eigenen unmittelbaren Umwelten gegenüber. Um Beachtenswertes, und Machbares, um die Banalität des Guten. Es geht um die Milieus, die wir pflegen könnten. Um tägliche Fragen: Schone und pflege ich genügend die Ressourcen, von denen ich und andere leben? Pflege ich z.B. den Mitarbeiter, dessen Leistung ich in Anspruch nehme? Stimmt Geben und Nehmen, wenn ich wirklich alles hineinrechne? Wer zahlt für einen Vorteil, den ich mir verschaffe? Wie schaffe ich Ausgleich, wenn ich von Ausbeutung profitiere? Trage ich aktiv zu einer Kultur der Chancen- und Verteilungsgerechtigkeit bei? Pflege ich ein Arbeitsklima, in dem gute Leistung wächst und in dem sich leben lässt? Pflege ich die Datenbank, den Methodenpool, das Netzwerk, die Beziehungen, die ich nutzen möchte? Findet ehrlicher Austausch statt oder haben wir uns mit einer Kultur wechselseitiger Ausbeutung arrangiert? Wie steht es um die Selbstachtung der Beteiligten? Warte ich, wofür man mich zur Rechenschaft zieht? Oder sehe ich Klärungen als Holschuld?

Übrigens: „Öko-Systeme“ unterscheiden sich von Systemen, wie sie die Systemtheorie beschreibt. Darauf macht Dirk Baecker aufmerksam, wenn er darauf hinweist, so hat ihn die FAZ vor Jahren schon zitiert, dass es kein Öko-System oder Super-System gebe. „Es gibt nur Nachbarschaft.“

 

 

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Written by Östermann

30. Mai 2014 at 18:40

Was macht uns wollen? Matthias Eckoldt über die Unfreiheit als Bedingung der Freiheit

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Menschliche Freiheit gründet immer auf Unfreiheit. Freiheit verstehen wir gerne als die Möglichkeit, tun und lassen zu können, was wir wollen. Aber was können wir wollen? Wo sind unserem Willen Grenzen gesetzt? Damit beschäftigt sich Matthias Eckoldt in einem interessanten und hörenswerten Beitrag zur SWR2 Aula:

„Wenn ich will, kann ich mein Geld den Armen geben“, sagte der philosophische Experte des Willens, Arthur Schopenhauer. Natürlich kann man so etwas tun, wenn man es will, aber eben nur, wenn man es will. Schopenhauer weiter: „Aber ich vermag nicht es zu wollen. Hingegen wenn ich einen anderen Charakter hätte, dann würde ich es wollen können: Dann würde ich auch nicht umhin können, es zu wollen, würde es also tun müssen.“ Wenn man einen anderen Charakter hätte, wäre man jedoch ein anderer Mensch. Wer wüsste das besser als Schopenhauer, der zeitlebens mit seiner Apanage hart kalkulieren musste. In seinem Gedankenexperiment sieht man schön die zwei Dimensionen des Problem der Freiheit. Einerseits gibt es da die Handlungsfreiheit – man könnte machen, was man will – und andererseits die Willensfreiheit – man kann nur machen, was man will. So ist uns Menschen zwar eine äußere Freiheit als Möglichkeitsraum von Handlungen gegeben, wir verfügen aber nicht über die innere Freiheit, unseren Willen nach Gutdünken zu beherrschen.

Weshalb der  Wille  gar nicht frei sein, sondern  abhängig von Bedingungen ist, die außerhalb seiner liegen, zeigt Eckoldt an einer Vielzahl von Quellen, dem Libet-Experiment der Hirnforschung, den Gedanken der strukturellen Kopplung sozialer Systeme bei Luhmann, dem Konstruktivismus bei Heinz von Foerster, den Grenzen der Wahrnehmung bei Kant, der „Anpassung“ in der Evolutionstheorie von Darwin oder dem Entstehen der bürgerlichen Gesellschaft bei Foucault.

Die lebenspraktische Konsequenz dieser Gedanken findet er bei Epiktet, der empfiehlt, unser Sinnen und Handeln auf das zu richten, was in unserer Gewalt steht.

In der Verwechslung veränderbarer und unabänderlicher Dinge und Sachverhalte liegt für die Stoa denn auch die Ursache allen menschlichen Leids. Um ein Beispiel zu bringen: Nicht veränderbar sind der missgünstige Kollege, der ungerechte Chef, der schon wieder gestiegene Benzinpreis, das Herannahen der dunklen Jahreszeit. Diese Liste nicht veränderbarer Dinge – die Liste der uns umgebenden Unfreiheit also – wäre beliebig fortzusetzen. Was aber ist dann überhaupt veränderbar? Veränderbar ist das Eigentliche, das uns dabei hilft, unsere Freiheit im Meer der Unfreiheit zu behaupten: Nicht die Dinge selbst sind zu verändern, sondern unsere Einstellung zu den Dingen.

Es ist wichtig, so scheint mir, an diese Grenzen des Willens zu erinnern. Vielleicht ist es diese andere Einstellung zu den Dingen, die unserer Willensbildung dient und unser „Willensvermögen“ mehrt. Denn wie sagt Joseph Kessels so treffend: „You can’t be smart against your will.“

Written by Östermann

6. Oktober 2013 at 15:25

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Unübersichtlich und unvorhersehbar – Marco Wehr über Komplexität, stoische Ruhe und Nicht-Wissen | SWR2 Aula

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Das Ungestaltbare gestalten zu wollen, ist ein Zeichen mangelnder Lebenskunst, so zitiert der Physiker und Philosoph Marco Wehr die Auffassung der Stoiker in einem Beitrag der SWR2 Aula vom 7. April 2013.  Er beschreibt das „akademische Glasperlenspiel“ der Wissenschaft, das uns direkt in die Komplexitätsfalle lockt. Was zur Wahrheit führen soll, führt zur Konfusion. Und er beschreibt, wie die Komplexitätsgewinner der Finanzwirtschaft die „Muppets“ schröpfen.

Die Wissenslandkarte, die das Planbare vom Unplanbaren unterscheidet, kann kein Einzelner mehr erstellen. Es ist eine gemeinschaftliche Aufgabe. Sie zu leisten, bedeutet, Einfachheit und Klarheit anzustreben.

Written by Östermann

19. April 2013 at 20:00

Dirk Baecker: Der blinde Fleck ist eine notwendige Voraussetzung des Sehens

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Written by Östermann

31. März 2011 at 20:01

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