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Sensoren (13): Transformationsdynamik und Nachhaltigkeitswende – Reinhard Loske

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I

Der Youtuber Rezo hat vor der Europawahl mit seinem emotionalen Video die etablierten Parteien aufgeschreckt. Diese glauben, der Klimawandel sei eben „gegenwärtig“ das vorherrschende Thema bei den Bürgern. Der Eindruck ist unvermeidlich, dass sie die Zeichen der Zeit entweder bewusst ignorieren, leichtfertig übersehen oder einfach nicht verstehen. Die etablierte Politik ist ebenso wie die Wirtschaft immer noch viel zu sehr einem kurzfristigen Denken verhaftet.

Rezo hat sehr deutlich gemacht, worauf es im Kampf gegen die Klimakrise vor allem ankommt: Aufhören, Kohle, Erdöl und Erdgas aus der Erde zu buddeln und zu verbrennen. Und: Es bleibt nicht mehr viel Zeit, aus der fossilen Energiewirtschaft auszusteigen. Dieser Hinweis ist verdienstvoll, gerade weil die etablierten Politiker mehrheitlich nicht in der Lage sind, diesen Sachverhalt klar zu benennen.

Hier ausführlich das auch von Rezo zitierte Video, in dem Volker Quaschning und Maja Göbel die Dringlichkeit zu einem radikalen Politikwechsel erläutern.

II

Wenn – wie es scheint – gerade ein Bewusstsein für die Dringlichkeit in der breiten Öffentlichkeit entsteht, ist die Frage, wie die „große Transformation“, wie die Nachhaltigkeitswende gelingen kann. Dazu hat Reinhard Loske, bis vor kurzem Professor für Transformationsdynamik an der Universität Witten-Herdecke und jetzt Präsident der Cusanus-Hochschule, schon 2015 ein Buch veröffentlicht, das die vielfältigen Ansätze für den Klimaschutz und die dazu notwendige Nachhaltigkeitswende allgemein verständlich einordnet und erläutert. Besonders das Wechselspiel zwischen ökonomischer, sozialer und ökologischer Perspektive sowie die Handlungsmöglichkeiten einer zukunftsfähigen Politik nimmt er ausführlich in den Blick.

Sozialer Zusammenhalt und Gerechtigkeit sowie ökonomische Vitalität und Robustheit sind für die heute Lebenden und ihre Gesellschaften zwar elementare Bedingungen, dürfen aber nicht auf Kosten der lebensspendenden Natursysteme und -funktionen, der zukünftigen Menschheitsgenerationen und der Menschen in ärmeren Teilen der Welt gehen. All das erfordert langfristiges Denken und das Einbeziehen von Zukunftsbelangen in Gegenwartshandeln. (S. 14)

Daran müssen sich die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft messen lassen.

Loske erläutert den Begriff Nachhaltigkeit, der häufig für irreführende Werbebotschaften missbraucht worden ist, obwohl er – nimmt man die Transformation ernst – wohl unverzichtbar ist. Nachhaltigkeit ist mehr als Umweltschutz.

Bei der Nachhaltigkeit geht es darum, die Bedürfnisse der hier und heute Lebenden so zu befriedigen, dass sie
– zukünftigen Generationen,
– Menschen in anderen Teilen der Welt und
– der nicht-menschlichen Kreatur
nicht die Lebensgrundlagen entziehen, …

Besonders aufschlussreich ist seine ausführliche Betrachtung der politischen Nachhaltigkeitsstrategien, die sich an diesem Grundsatz messen lassen müssen. Loske ordnet die verwirrende Vielfalt an Ideen und Lösungsansätzen, die einen Beitrag zu einer nachhaltigen Gesellschaft leisten wollen. Er unterscheidet fünf grundlegende Strategien, wie ökologische Ziele zu erreichen versucht wird: Effizienz, Substitution, Suffizienz, Subsistenz und Kooperation.

Der alte Pfad ist nicht mehr attraktiv, in erreichbarer Nähe sind neue, lustmachende und bessere Wege erkennbar, auf die man gerne und aus freien Stücken wechseln möchte. Vielleicht, weil man mit viel weniger Ressourcenaufwand die gleichen Ziele erreichen kann (Effizienz), weil man statt schmutziger oder gefährlicher Technologie saubere einsetzen kann, um seine Ziele zu erreichen (Substitution). Weil man gar nicht (mehr) so viele Güter braucht, um zufrieden zu sein, also andere Ziele anstrebt als materielle (Suffizienz), weil man Freude daran findet, Dinge selbst zu machen, statt sie zu kaufen, und so eher dem Ziel der Autonomie als der Einkommenserzielung folgt (Subsistenz), weil man Ziele gemeinsam mit anderen verfolgen und Dinge gemeinsam nutzen kann, ohne sie besitzen zu müssen (Sharing). (S. 228)

Keine dieser Strategien ist für sich allein geeignet, die Klimaziele zu erreichen. Entscheidend ist, wie es gelingt, Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialziele mit einem integrierten Maßnahmenbündel gleichermaßen zu erreichen.

Die gerade in der Politik sehr beliebten Effizienzkonzepte leiden an zwei Problemen. Die niedrigen Energie- und Ressourcenpreise schaffen wenig Anreiz zur Effizienzverbesserung. Der Rationalisierungsdruck liege, so Loske, vielmehr auf dem kostenintensiven Faktor Arbeit. Es werden „eher Menschen als Kilowattstunden ‚arbeitslos‘ gemacht“. Das zweite Problem: Wo technische Effizienzpotenziale tatsächlich ausgeschöpft werden, tritt häufig der Rebound-Effekt ein. Die Effizienzgewinne werden durch Wachstumseffekte aufgefressen oder gar überkompensiert.

Die Substitution von fossilen Energieträgern durch erneuerbare Energiequellen ist zwingend, wenn die Klimaschutzziele erreicht werden sollen. Die fossilen Brennstoffe müssen in der Erde bleiben. Eine für die etablierte Ökonomie provozierende Tatsache. Sie muss umdenken. Denn ökonomische Modelle werden sehr wohl gebraucht. Aber andere. So stifte, betont Loske, ein in die Energieeinsparung investierter Euro ungleich mehr für den Klimaschutz als ein Euro, der zur Subventionierung erneuerbarer Energien eingesetzt werde. Die Ökonomie könne helfen, die besten Instrumente und den besten Policy-Mix zu finden, der demokratische Entscheidungen mit ökonomischer Rationalität verbinde. Statt kohlenstoffreie Energieformen wie Windkraft oder Photovoltaik zu subventionieren wäre es sinnvoller, fossile Energieträger durch Privilegienabbau, Steuern und Abgaben zu verteuern.

Damit spricht Loske die CO2-Steuer an, die in der aktuellen Politik sehr kontrovers diskutiert wird und fast schon symbolisch für die Handlungsunfähigkeit der Politik steht. Dabei handelt es sich um ein besonders effektives Instrument. Wie der Staat sein Geld einnimmt und wofür er es ausgibt, ist für die Nachhaltigkeit der Gesellschaft und ihrer Wirtschaft essentiell. Aus dieser Perspektive ist das heutige Gefüge der Steuern und Abgaben schädlich. Notwendig wäre eine andere Gewichtung der Staatseinnahmen.

Höhere Steuern und Abgaben auf Ressourcenverbrauch, Konsum und leistungslose Kapitaleinkünfte und Vermögen (bei angemessenen Freibeträgen, besonders für mittelständische Unternehmen) sowie niedrigere Steuern und Abgaben auf produktive Arbeit und gemeinwohldienliches unternehmerisches Handeln in Genossenschaften, Familien- und Stiftungsunternehmen. (S. 136)

Als weiteres wichtiges ökonomisches Instrument steht der Abbau umweltschädlicher Subventionen zur Verfügung. Obwohl es für Politiker sehr reizvoll ist, „Geschenke“ zu verteilen, stellt Loske einen allmählichen Einstellungswandel gegenüber Subventionen fest. Dieses Umdenken für ökologische Ziele zu nutzen, ist das Gebot der Stunde. Sehr hoch liegen die direkt umweltschädlichen Subventionen für Schwerindustrie, Energiewirtschaft, Automobilindustrie und Autoverkehr, Bauwirtschaft, industrielle Landwirtschaft und Hochseefischerei.

Zurück zu den grundlegenden Strategien für die Nachhaltigkeitswende. Suffizienzstrategien setzen eher bei den Werthaltungen an. Verzicht steht natürlich im Gegensatz zur etablierten Ökonomie. Der homo oeconomicus verzichtet wohl kaum. Trotz eines gewissen Interesses der Mainstream-Ökonomie an neuen Konzepten der Wohlstandsmessung stößt die Erkenntnis, dass ab einem bestimmten Wohlstandsniveau die Lebenszufriedenheit nicht mehr ansteigt, in der dominierenden Ökonomie auf Ablehnung. Loske zeigt sich skeptisch, ob die Modelle der neueren Verhaltensökonomie zu einer Revision des überholten Menschenbildes der klassischen Ökonomie führen werden.

Kürzlich hat Loske in Agora42 (2-2019, S.54) die Bedeutung von Suffizienzstrategien gegenüber den bevorzugten Ansätzen der Ressourcen- und Energieeffizienz oder der Steuerung über Preisanreize betont.

Das sind aber alles keine hinreichenden Bedingungen für einen großen Wandel. Dengegenüber ist die Wohlstandsfrage, also die Frage: „Wieviel ist eigentlich genug?“ absolut zentral.

Die Subsistenz– oder Bedarfswirtschaft wird von der ökonomischen Forschung weitgehend ignoriert, obwohl immer offenkundiger werde, wie wichtig sie für die Armutsbekämpfung, den Schutz vor weltmarktbedingten Turbulenzen und den Erhalt der Naturgüter ist. Zugleich gewännen soziale Aktivitäten, wie Gemeinschaftsgärten, Reparaturcafés, Tauschringe oder Freiwilligendienste an Bedeutung.

Hier haben wir es mit sozialem Lernen und gesellschaftlicher Transformation von unten par excellence zu tun. (S. 111)

Die Frage ist, ob und wie solche sozialen Innovationen mit der Marktwirtschaft friedlich koexistieren können. Ist eine „Mixed Economy“ denkbar? Werden Kulturwandel, digitale Revolution und erhöhte sozial-ökologische Sensibilität eine Ökonomie hervorbringen, die ebenso sehr auf Kooperation wie auf Wettbewerb basiert?

Für Loske steht außer Frage, dass Kooperation und Gemeinwohlwirtschaft einen sehr großen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten können. Die Sharing Economy ist nur ein Beispiel.

Werden Räume, Autos, Geräte, Maschinen, Nahrungsmittel oder Kleidungsstücke gemeinschaftlich genutzt – also geteilt, getauscht, verliehen oder verschenkt -, braucht man in der Regel deutlich weniger Material, Energie und Fläche. (S. 113)

Die Tendenzen, die neue Kultur des Teilens der althergebrachten Vermarktungslogik zu unterwerfen, lassen erkennen, dass es entscheidend auf die Fähigkeit der Politik ankommt, für die Ökonomie des Teilens einen angemessenen Rahmen zu setzen. Gewinnen die kommerziellen Internet-Plattformen die Oberhand, wird es auch hier zu Rebound-Effekten kommen, die die Nachhaltigkeit dieser Modelle gefährden. Ähnliche Gefahren sieht Loske für die anderen Kooperationsformen, wie die Reintegration von Produktion und Konsum im Nahraum (Prosumption), die Wiederbelebung von regionalen Produktionsverflechtungen, die Reparatur von langlebigen Produkten und die Nutzung von Gemeingütern, z. B. durch lokale Nutzergemeinschaften.

Gefordert sei eine plurale Nachhaltigkeitsökonomik, die angesichts der Dimension der ökologischen Herausforderungen nur möglich sei, wenn sich die Akteure der verschiedenen Schulen nachhaltigen Wirtschaftens eine gesunde Portion Ambiguitätstoleranz zulegten.

III

Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleibt im Dunkeln unerfahren, mag von Tag zu Tage leben.

So schreibt Goethe im West-östlichen Divan. Loske zitiert ihn (S. 18) als einen aus einer langen Ahnengalerie von Denkern, die alle wichtige Beiträge zum Nachdenken über Grenzen menschlichen Wirtschaftens, zum Erforschen der ökologischen Krise oder zur Nachhaltigkeitsdebatte geliefert haben. Die lange Liste reicht von Jared Diamond, Günter Anders, Ivan Illich oder Elinor Ostrom über George Orwell und Ernst Callenbach als Vertreter  negativer oder positiver Visionen bis zu James Lovelock, der mit seiner Gaia-Hypothese dazu einlädt, die Erde und ihre Biosphäre wie ein sich selbst regulierendes Lebewesen zu betrachten.

Loske sind diese Vordenker wichtig. Er hält die Methode, zuvor Gedachtes in die eigenen Reflexionen einzubeziehen und auf aktuelle Fragen anzuwenden, für essentiell. Das Buch wirkt vermutlich gerade deshalb so ausgewogen und fundiert, weil Loske mit seinen Überlegungen auf der breiten Palette von Arbeiten dieser Vordenker und Pioniere aufbaut.

IV

In dem bereits erwähnten Agora42-Interview (S. 52) umreißt Loske die Herausforderung des Klimawandels und der biologischen Vielfalt mit einer einprägsamen Zahl.

Wenn die Böden, Pflanzen und die ozeanische Deckschicht jedes Jahr 16 Milliarden Tonnen CO2 absorbieren können, wir als Menschheit aber 40 Milliarden Tonnen ausstoßen, dann ist das eben um den Faktor 2.5 zu viel.

Eine Transformation ist also unumgänglich. Loske ist mit seinem Ansatz daran gelegen, die Kreativität und die Lust der Menschen zu wecken, die beispiellose Herausforderung anzunehmen und anzugehen. Er plädiert für Teilhabe. Eine funktionierende Demokratie kann die notwendige Dynamik und Integrationskraft am besten entfalten, sofern es gelingt, die Vision einer nachhaltigen, freien und gerechten Gesellschaft zu zeichnen.

Politische Systeme, die kein idealistisches Leitmotiv (mehr) haben und keine visionäre Kraft, die nur noch kalte Ideale wie Wettbewerbsfähigkeit, Wirtschaftswachstum oder Informationsgesellschaft propagieren, sind letzten Endes schwach und anfällig für Irrationalismus und totalitäre Ideen, … (S. 219)

Eine kraftvolle Vision rückt indes in weite Ferne, solange ökologische und soziale Ziele immer wieder gegeneinander ausgespielt werden.

Bei allen politischen Vorschlägen zur Förderung der Nachhaltigkeit sollten die distributiven Effekte deshalb stets mitgedacht werden, ob bei Ökosteuern oder der Umlegung von Investitionskosten für Maßnahmen der energetischen Gebäudemodernisierung auf die Mieterinnen und Mieter, bei Fahrpreisgestaltungen im öffentlichen Transportsystem oder der Förderung regionaler Wirtschaftsaktivitäten, bei der Besteuerung nicht-kommerzieller Sharing-Projekte oder der Verlängerung von Garantiezeiten für Gebrauchsgegenstände, in der Entwicklungszusammenarbeit oder der Gestaltung von Handelsabkommen – überall hat der Staat die Möglichkeit, die Interessen der „kleinen Leute“ in besonderer Weise zu berücksichtigen. (S. 223)

Wäre das nicht eine gute Idee für die schwächelnden Volksparteien, die anstehende Selbsterneuerung in diesem Sinne anzugehen?

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Mehr dazu s. auch
Sensoren (5): The Automation of Society is next – Dirk Helbing
Manifeste (7): Das terrestrische Manifest von Bruno Latour

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Manifeste (10): Lebendigkeit sei! oder Die beseelte Natur

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In seinem Terrestrischen Manifest hat Bruno Latour die Orientierungslosigkeit beschrieben, die die Menschen erfasst hat. Er plädiert darin für ein neues Verhältnis der Menschen zu der „dünnen Membran“ auf dem Planeten Erde, die allein den Menschen und allem Lebendigen ein Leben ermöglicht. Der Zeitpfeil der Moderne, der die Erde nur als Ressource sieht, hat sich überlebt. Die unruhig rotierende Kompassnadel fängt an, auf einen neuen Zeitpfeil zu zeigen. 

Ganz ähnlich wie Latour aus soziologischer Sicht, versuchen der Biologe und Philosoph Andreas Weber und die Kulturwissenschaftlerin Hildegard Kurt  in ihrem Manifest „Lebendigkeit sei!“ den fundamentalen Wandel der Beziehung des Menschen zum Leben auf unserem eng begrenzten Planeten zu beschreiben. 

Auch sie gehen von einer Ablösung des Erdzeitalters des Holozän aus. Die menschliche Kultur habe sich zu einer prägenden geologischen Kraft entwickelt. Deshalb sei es begründet, von der Epoche des Anthropozän zu sprechen. Auch sie deuten den Klimawandel als das Ergebnis eines verfehlten Verhältnisses des Menschen zur Natur. Der Dualismus von Mensch als handelndem Wesen und Natur als seelenlose Ressource, der 250 Jahre unser Denken und Handeln geprägt habe, gehöre damit „offiziell“ der Vergangenheit an. 

Der Mensch ist unentrinnbar mit der Erde verflochten. (S. 8)

Das von Menschenhand Geschaffene stellt für viele Menschen die einzige Wirklichkeit dar. Weber und Kurt üben scharfe Kritik an der Art und Weise, wie Wirtschaft und Politik das neue Zeitalter nach der alten Logik deuten. Technik und Wissenschaft hätten nur scheinbar zu der erhofften Versöhnung zwischen Mensch und Natur geführt. Vielmehr hätten wir es mit einem double bind zu tun. 

Was in den Erdwissenschaften, in Philosophie und Kulturwissenschaft als Ende des Dualismus gefeiert und von Politikern und Ökonomen als neuer Status quo übernommen wird, ist in Wahrheit eine neue Selbsterhöhung des Menschen, die die gesamte belebte, aus sich heraus und ohne Zutun des Menschen entstandene Wirklichkeit in dessen Kultur- und Kontrollprojekt zu verwandeln droht. (S. 9)

Verbundenheit, so die beiden Autoren, werde weiter als Trennung gedacht: als totale Dominanz des Menschen über die sich selbst organisierende, bedeutungsvolle Lebendigkeit. Im Horizont des Anthropozäns halte man am Menschenbild des Homo faber fest.

Die Idee vom „Menschenzeitalter“ gebe in der globalisierten Welt 

den Industrieländern freie Hand, die Versöhnung von Natur und Technik für eine profitorientierte Bioökonomie, das Erschließen weltweiter Märkte und die Zementierung wirtschaftlicher Übermacht zu missbrauchen – ähnlich wie „Nachhaltigkeit“ von einem ökosozialen Konzept zu einer Marketingphrase wurde. (S. 10)

Das Manifest übt heftige Kritik an der in allen gesellschaftlichen Teilsystemen dominierenden Praxis.

Wir betrachten die Welt als etwas Totes. Der Mainstream in Wissenschaft, Ökonomie, Politik und Bildung folgt der Auffassung, die Welt sei ein kybernetischer Zusammenhang unbelebter Bausteine; unbegrenzt verbesserbar, indem wir diesen Zusammenhang analysieren, auf seine Elemente reduzieren und technische, ökonomische und ökologische Maßnahmen ergreifen. (S. 11)

In der gegenwärtigen Revolution des biologischen Denkens setze sich eine neue Auffassung durch.

Mensch und Natur sind eins, weil schöpferische Imagination und fühlender Ausdruck Naturkräfte sind. (S. 11) 

Das Schöpferische werde nicht länger allein der kulturellen Sphäre zugeschrieben. 

Die Welt ist kein Mechanismus, der auf Effizienz beruht, sondern ein Prozess schöpferischer Beziehungen und Durchdringungen auf dem Weg zu Erfahrung und Ausdruck. (S. 11)

Die wissenschaftliche Revolution in der Biologie sei vergleichbar mit den in der Physik durch Relativitätstheorie und Quantenmechanik ausgelösten Revolutionen. In einer „Zweiten Aufklärung“ gehe es um einen Ethos der „Verlebendigung“. Das Ziel dieser Fortführung der Aufklärung sei die Freiheit des in die Welt eingebetteten Körpers von seiner Kolonialisierung durch die Fiktion effizienter Rationalität. 

Das Wahre an lebendiger Natur ist nicht das romantisch Heilsame, sondern dass nichts in ihr der Kontrolle eines Zwecke setzenden Subjekts unterliegt, vielmehr alles schöpferischer Prozess ist, der einzig dem Drang folgt, dass Leben sei. (S. 12)

Die wichtigste Aufgabe im Anthropozän sei es deshalb, Lebendigkeit neu zu denken und neu zu erzeugen. 

Was für viele idealistisch oder utopisch klingen mag, ist für die beiden Autoren sehr wohl möglich. Grundlagen für das neue Selbstverständnis finden sie z.B. bei Amartya Sen und Martha Nussbaum, bei Manfred Max-Neef, bei Albert Camus, in der Commons-Ökonomie nach Elinor Ostrom, bei Edgar Morin, bei Lewis Hyde, bei Michel Serres und bei Joseph Beuys mit seinem erweiterten Kunstbegriff. 

Ähnlich wie Latour sehen sie einen Schlüssel in einem grundlegenden Wandel der Wissenschaft. 

Der Klimawandel zeigt, wie unverzichtbar wissenschaftliche Verfahrensweisen und Erkenntnisse sind, um ökologische Ziele und Standards zu suchen. (S. 16) 

Ein neues Selbstverständnis der Wissenschaft ruht dabei auf der Erkenntnis, dass der Forscher mit seinem Forschungsgegenstand verschränkt ist. Beide sind lebendig. Beide stehen emotional miteinander in einer Beziehung. 

Wissenschaften müssen, anstatt Verfügungswissen zu produzieren, Orientierungswissen erarbeiten und zu einer forschenden Praxis der Lebendigkeit werden. 

Auf dieser Basis könne Nachhaltigkeit neu gedacht werden als ein Ringen um eine Verbindung von Freiheit und Verantwortung, das nicht nicht nur ein technokratisches Problem darstelle, sondern sich als Ethos einer existenziellen Haltung ergebe. 

Ein starkes Manifest, das sich traut, den notwendigen tiefgreifenden Wandel zu beschreiben, obwohl er sich kaum in Worte fassen lässt. 

Kürzlich hat sich Andreas Weber in einem Radiobeitrag für die Aula von SWR2 Wissen zum gleichen Thema geäußert. Dazu ist auch ein Manuskript verfügbar. 

Mehr dazu

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