Östermanns Blog

Organisation und Unternehmensführung im Wandel, Handeln unter den Bedingungen des Klimawandels, Strategie, Medienwandel, Digitale Transformation, Arbeit der Zukunft, Komplexität, nächste Gesellschaft

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Sensoren (20): Critical Zones

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In seinem „Terrestrischen Manifest“ von 2018 hat sich der französische Soziologe Bruno Latour mit einer völlig neuen Beziehung zum planetaren Lebensraum befasst. Jetzt lassen sich diese wegweisenden Gedanken in einer Ausstellung des ZKM in Karlsruhe vertiefen. Critical Zones – Horizonte einer neuen Erdpolitik, so der Titel des von Latour gemeinsam mit Peter Weibel kuratierten Projekts. Der Begriff ist von Geowissenschaftlern geprägt worden. Er beschreibt die dünne Membran, die unseren Planeten umgibt und den gemeinsamen Raum für alle lebenden Organismen bildet. Alles Leben in dieser dünnen Schicht trägt dazu bei, die Bedingungen in diesem Lebensraum zu formen. Der Mensch tut dies in zerstörerischer Weise.

„Kritisch“ wird diese dünne Schicht, von der wir und alle anderen Lebensformen auf der Erde in höchstem Maße abhängig sind, deshalb genannt, weil sie in einen Zustand der Intensivbehandlung übergegangen ist. Wir müssen alles daransetzen, für ihr Wohlergehen Sorge zu tragen.

https://critical-zones.zkm.de/#!/

Was ist zu tun? Wir müssen ein angemessenes Verhalten in der kritischen Zone erlernen. Zunächst gelte es, so Latour im Manifest, zu beschreiben.

Dafür muss man bereit sein, die Lebensterrains als das zu definieren, wovon ein Erdverbundener für sein Überleben abhängt, und sich dann zu fragen, welche anderen Erdverbundenen von ihm abhängig sind.

Latour: Das Terrestrische Manifest, Berlin 2018, S. 110 (Hervorhebung im Original)

Die Ausstellung zeigt eindrucksvolle Beispiele aus Wissenschaft und Kunst, wie diese wechselseitigen Abhängigkeiten in der Kritischen Zone erkundet werden können. Wegen der Corona-Pandemie hat das ZKM die Ausstellung in einen hybriden Erlebnisraum verlagert, der in der digitalen Sphäre nach und nach mit Inhalten gefüllt wird und durch den realen Erlebnisraum vor Ort in Karlsruhe ergänzt wird.

Critical Zone Observatories

Die Ausstellung stellt Freiluftlabore (Critical Zone Observatories – CZO) vor, die mit Sensoren und Messinstrumenten das Geschehen in den Kritischen Zonen beleuchten. Ein Beispiel: Ein Flusslabor, eine Buchen- und eine Fichtenstation, ein Gravimeter und andere Instrumente zeichnen ein genaues Bild des Zustands am Strengbach in den Vogesen. Das Labor wird in einem umgestülpten Modell der Kritischen Zone abgebildet, in der die Atmosphäre innen und die Gesteinsschichten außen dargestellt sind. Das verstärkt den Eindruck des geschlossenen Systems und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Wechselwirkung zwischen den Schichten innerhalb der Kritischen Zone.

“Das Leben ist kein Ding, es ist ein Prozess.“

Die grundlegende Hypothese stammt von James Lovelock und Lynn Margulis. Danach verändern lebende Organismen ihre Umgebung und passen sich zugleich an sie an. Alle Lebensformen auf der Erde sind das Ergebnis einer Symbiogenese, des Zusammenschlusses unterschiedlicher Organismen, der neues Leben hervorbringt. Alle Organismen sind danach abhängig von anderen Organismen und ihrer erfolgreichen Einbindung in Ökosysteme. Wälder und andere Pflanzen beispielsweise verändern die Luftfeuchtigkeit in ihrer Nähe und schaffen so lebenswerte Bedingungen weit über ihre unmittelbare Umgebung hinaus. Der menschliche Exzeptionalismus hingegen führt in die ökologische Krise.

In der Ausstellung sind einige Videos mit Lynn Margulis versammelt, z.B. eines von 1993 über Cyanobakterien im Ebro-Delta, das „Gewebe Gaias“.

Das Gewebe Gaias lehrt uns, dass wir unsere menschlichen Aktivitäten auf unsere globale Umgebung abstimmen müssen, indem wir unsere eigenen Recyclingzyklen perfektionieren. Denn: „Müll verschwindet nie, er wandert nur im Kreis.“

„Geisterflächen“

Fragt man Menschen, wo sie leben, so wird ihre Antwort sich auf einen Punkt auf der Landkarte beziehen, an dem sich ihr Zuhause befindet. Fragt man sie jedoch nach den Orten, aus denen sie ihren Reichtum schöpfen, so werden sie eine vollkommen andere Karte zeichnen müssen, von allen Gebieten, auf die sie angewiesen sind.

https://critical-zones.zkm.de/ Lokalisierung: Ghost Acreages

Ein Grundgedanke der Ausstellung ist es, beide übereinander zu legen, das Land in dem wir leben und das Land, von dem wir leben. Ein Beispiel ist die Zeitleiste, die Armin Linke mit seinem Team in seinem Werk Blind Sensorium über Jahre zusammengetragen hat. Sie begleiteten und interviewten WissenschaftlerInnen, PolitikerInnen und AktivistInnen und hatten Zugang zu Labors, Datenzentren und politischen Verhandlungsräumen – kritischen Schauplätze für die Ökosysteme der Erde.

Terrestrische Universität

Eine experimentelle Vorlesungsreihe – die „terrestrische Universität“ lädt dazu ein, sich näher mit der Erforschung und dem Verstehen der kritischen Lage der Erde zu beschäftigen.

Dort ist auch dieser aufschlussreiche Vortrag von Julia Pongratz, Professorin für Physische Geografie und Landnutzungssysteme über die Grundlagen des Klimawandels zu sehen.

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Manifeste (7): Das terrestrische Manifest von Bruno Latour

Written by Östermann

16. Juli 2020 at 14:00

Sensoren (17): Hoffnung – unser Sinn für die Möglichkeiten des Guten

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Im ZDF-Kulturmagazin aspekte lief kürzlich ein Beitrag über das neue Buch von Jonathan Franzen und dessen (auch hier schon vorgestellten) Plädoyer, sich angesichts eines aussichtslosen Kampfes gegen den Klimawandel mehr auf die Anpassung an die gravierenden Folgen zu konzentrieren. Diese Haltung wird in dem Beitrag als „resignativ“ kritisiert. Dies, obwohl sich Franzen weit weg davon zeigt, einer Untätigkeit das Wort zu reden. Er schüre Ängste, heisst es. Versucht er, die längst verbreiteten, aber verdrängten Ängste für seine Zwecke auszunutzen? Oder sucht er die Stimme der Vernunft in einer existenziellen Krise? Könnte genau aus dieser Auseinandersetzung über das Mögliche und seine Grenzen eine neue Solidarität erwachsen? Was hat es mit der Angst auf sich?

Ausschnitt aus dem Wandteppich Zyklus der Apokalypse (Schloss Angers)
Photo by Remi Jouan, CC BY-SA 3.0, Wikipedia

Wer sich nicht dem naheliegenden Geschichtspessimismus anschließen will, braucht Hoffnung – nicht Optimismus. Hoffnung zielt darauf, Tatsachen zu ändern, ist unser Sinn für die Möglichkeiten des Guten.

Das schreibt der Philosoph Thomas Gutknecht in einem Beitrag für Agora42. Er befasst sich darin mit den starken Emotionen, mit denen wir es in Zeiten der Verunsicherung und Orientierungslosigkeit zu tun haben: einerseits Zorn, andererseits Angst. In der westlichen Kultur sei der Zorn weitgehend in Verruf geraten und verdrängt worden. Umso mehr habe sich die Angst verbreitet. Zorn sei jedoch der natürlichste Begleiter des Gerechtigkeitssinns. Die Energie des Zorns aus dem Politischen zu verbannen, sei unmöglich. Denn, so Gutknecht, „Politik machen Menschen für Menschen“. Der Zorn liefere die Energie für den produktiven Umgang mit Verletzungen aller Art.

Mit dem Verdrängen dieser Energie sei die Angst zur bestimmenden sozialen Kraft geworden. Mit Argumenten sei ihr deshalb nicht mehr beizukommen. Stimmungen ließen sich nur mit Gegenstimmungen überwinden. Die Angst gehöre zum Leben. Sie werde jedoch häufig für eigene Zwecke instrumentalisiert und missbraucht. Wir müssen wieder lernen, so Gutknecht, der Angst menschlich zu begegnen.

Doch wir sind Analphabeten der Angst geworden. Erst das Verständnis der Angst verhilft dazu, die Grenzen unserer Möglichkeiten wahrzunehmen und sinnvoll mit diesen Grenzen umzugehen. … Doch nur wenn das Lernziel heißt, sich recht ängstigen zu lernen, blüht das Leben auf. Die Angst im Leben ist „gesund“. … Wir brauchen die Angst, allerdings eine Angst, die uns nicht so sehr Kopfzerbrechen, sondern Beine macht.

Zum Umgang mit der Angst gehört zunächst, sie anzuerkennen. Erst dann können wir ihr begegnen, sie durchstehen und überwinden, ohne ins Unmenschliche auszuweichen. Wir brauchen, so Gutknecht, eine „liebende Angst“, die sich um die Welt ängstigt, nicht nur vor dem, was uns in ihr zustoßen könnte. Wir brauchen „eine belebende Angst, die uns statt in die Stubenecken hinein, in die Straße hinaus treiben soll“, zitiert er Günther Anders.

Aus einer in diesem Sinne „gelernten“, gereiften Angst erwachse eine Solidarität, in der sich das dialogische Prinzip verwirkliche. In ihr habe auch die Energie des Zorns ihren Platz, in der Balance mit der Liebe.

Eine Kultur des Mit- und Füreinanders lebt von der wirklichen Kommunikation und wird bedroht vom (rhetorischen) Missbrauch der Sprache. Es bedarf einer Rehabilitierung des Ringens um Wahrheit, der Etablierung wahrheitssuchender Verständigungsprozesse, einer öffentlichen Streitkultur, des liebenden Kampfes.

Werte, betont Gutknecht, sind mehr als Güter, sie verweisen auf das Gute. Sie werden leibhaftig erfahrbar in praktizierten Tugenden, in gemeinsamen positiven Erlebnissen. Am Ende seines Textes listet Gutknecht einige dieser Tugenden auf, die zu praktizieren wir eingeladen sind.

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Sensoren (14): Der Klimawandel und die Hoffnung
Sensoren (15): Nochmal – der Klimawandel und die Hoffnung
Sensoren (16): Der Klimawandel und die Hoffnung – zum Dritten

Written by Östermann

30. Januar 2020 at 16:10

Sensoren (16): Der Klimawandel und die Hoffnung – zum Dritten

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Wer sich mit dem Klimawandel und seinen möglichen oder wahrscheinlichen Folgen näher befasst, verliert leicht die Hoffnung, dass der Wettlauf mit der Zeit noch gewonnen werden könnte. In zwei Blog-Beiträgen habe ich kürzlich einige Stimmen und einen Vortrag von Uwe Schneidewind vorgestellt, die Wege zur Hoffnung in dieser bedrohlichen Situation aufzeigen. Hier nun eine ganz andere Annäherung an die Zukunft und die große Transformation. Ein SWR2-Feature hat sich kürzlich mit der religiösen Metapher der Apokalypse befasst. Wenn wir den Begriff auf die Klimakrise oder umfassender die Krisen der Gegenwart und die damit verbundenen tiefgreifenden Umwälzungen im Sinne einer Zeitenwende aufgreifen, dann können wir uns fragen: Wie halten wir es mit der Apokalypse? Steht sie uns bevor? Liegt sie hinter uns? Stecken wir mittendrin?

Albrecht Dürer: Die vier apokalyptischen Reiter
| Staatliche Kunsthalle Karlsruhe |© Public domain

Ein SWR2-Feature von Barbara Eisenmann hat sich kürzlich mit aktuellen Zukunftsbildern auseinander gesetzt. Sie tut das im Gespräch u.a. mit dem französischen Soziologen Bruno Latour und der spanischen Philosophin Marina Garcés. Vor, während oder nach der Apokalypse? Marina Garcés antwortet auf die Frage mit einem Hinweis auf ein anderes Zeiterleben.

Also wenn ich mich vor oder nach der Apokalypse situieren müsste, dann würde ich mich in einem Danach einsortieren, und zwar nicht in dem Danach, von dem die lineare Erzählung ausgeht, sondern in einem Danach nach der linearen Erzählung der Apokalypse. Denn lineare Erzählungen zwingen uns dazu, dass wir alles, was passiert – die Geschichte, Handlungen, menschliche Erfahrung -, in Begriffen von Anfang und Ende erzählen müssen.

Eine neue Erzählung beginne sich durchzusetzen. Eine neue Zeit löse die Zeit der Geschichte und der Zukunftsversprechen ab. Sie bringe uns dazu, uns als Aussterbende zu denken. Die Geschichte habe sich als eine Erzählung, die in der Zukunft ihren eigentlichen Sinn hat, selbst vernichtet. Garcés unterscheidet zwischen dieser Zerstörung der Welt, der Erde, der Lebensformen, der Kulturen, der Gesundheit, lebbarer Zukünfte auf der einen Seite und der Apokalypse auf der anderen Seite. Diese sei eine narrative Struktur, die als ideologisches Werkzeug der Kontrolle und Unterwerfung eingesetzt werde.

Latour verortet sich und uns hingegen mitten in der Apokalypse.

Die einzige Position in Bezug zur Apokalypse ist, sich gegenüber der Offenbarung – das ist die eigentliche Bedeutung des Wortes „Apokalypse“ – zu öffnen, denn jetzt ist die Gelegenheit zum Handeln. Wenn Sie aber sagen: „Na, wir kommen da schon durch, überdramatisieren Sie mal nicht“, verstehen Sie von der Situation, in der wir uns befinden, nichts. Und das war genau das, was Günther Anders in der berühmten Szene im Zug beschrieb, wo er einen Deutschen traf, der sagte: Wir werden alle sterben, es ist also egal. Anders sagte auch, das ist ein Verbrechen nicht nur gegen die Religion, sondern im Grunde genommen gegen die Existenz selbst.

Das Wort „Apokalypse“ möchte Latour nicht in der Bedeutung als Katastrophe oder Kollaps verstanden wissen, sondern als Begriff für die sich reorganisierende Zeit. Er scheint sich also mit Garcés in dem einen Punkt einig zu sein, dass das lineare Geschichtsverständnis der Moderne zu Ende geht oder schon gegangen ist. Die Beziehung zur Zeit ist im Wandel. Latour greift die Vorstellung eines neuen Zeitpfeils auf, die er in seinem Buch Das terrestrische Manifest ausführlich dargelegt hat. Die lineare Zeitlichkeit mit dem Blick immer nach vorne in die Zukunft gerichtet, bedeute Zerstörung, der sich die Erde, so Latour, mittlerweile widersetze.

Und die Frage hier ist, warum die Modernen eine Beziehung zur Zeit erfunden haben, die uns nur in eine Richtung gehen lässt, noch dazu eine Richtung, die unverhandelbar ist. Teleologie, Zielgerichtetheit ist aber nicht der einzige Weg, die Beziehung zur Zeit zu verstehen. Also diese monolithische, hegemonische Richtung der Moderne in eine Zukunft, die heute ganz und gar vom Kapitalismus und den Schulden kolonisiert ist, ist sicherlich nicht die einzige Art und Weise, in der Zeit zu sein. Und das ist ohnehin vorüber, aus und vorbei.

George Bush sen. hat 1992 vor Beginn der Weltklimakonferenz gesagt: „Unser Lebensstil ist nicht verhandelbar.“ Darin drückt sich die westliche Vorstellung aus, die Apokalypse liege hinter uns. Das Paradies auf Erden sei verwirklicht. Dass die Welt des Wachstums und der Kapitalanhäufung zu Ende gehen könnte, ist für diese Postapokalyptiker nicht vorstellbar.

Die Vorstellung eines guten oder schlechten Endes oder religiös einer Errettung oder Verdammung unterwerfe, so Marina Garcés, jegliche Vielfalt an Lebensformen und Erfahrungen einer einzigen Bewertung: Wird es gut oder schlecht enden?

Die Autorin des Radio-Feature hat noch eine weitere Stimme eingeholt. Evgeny Morozov, der weissrussische Kritiker von Technikutopien, hat den Begriff des „Solutionismus“ für den Glauben an die technische Lösbarkeit aller Probleme geprägt. Mit dem Begriff der Apokalypse kann er zunächst wenig anfangen. Dann fällt ihm doch auf, dass die Technologiegläubigen mit ihrer antipolitischen Haltung sehr wohl apokalyptische Erzählungen für ihre Interessen nutzen. Sie nutzen die Dringlichkeit des Klimawandels, um alles mit ihrem solutionistischen Werkzeugkasten effizienter und schneller zu machen.

Zugrunde liegt dem die Annahme, dass die einzigen Akteure, die die Probleme überhaupt lösen können, Unternehmen seien. Und die wiederum benutzen alle möglichen Diskurse, auch den Apokalypse-Diskurs, als Argumente für ihre eigene Sache. Wir sollen also darauf vertrauen, dass bestimmte Unternehmen ein bestimmtes Problem lösen, weil wir keine Zeit zu verlieren haben, denn die Welt bricht ja zusammen. So gesehen profitieren sie von der Angst und Furcht, die die Gesellschaft heute durchdringen. Sie profitieren politisch, intellektuell und ökonomisch von dieser Angst, die einige von ihnen auch steuern.

Wir haben es heute, so Garcés, mit der Frage zu tun: Wie lange noch? Wie lange werde ich noch eine Arbeit haben? Wie lange werde ich mit meinem Partner noch zusammenleben? Wie lange wird es noch Renten geben? Wie lange Trinkwasser?

Wir seien an Grenzen geraten, an Schwellen, an denen das Lebbare für einen großen Teil der Menschheit und der anderen Lebewesen in Frage stehe. Für einige Wenige gebe es ein Lebensprojekt, das aber den großen Teil der Welt zu etwas Unlebbarem verdamme.

Und wenn wir von der Zukunft als kollektivem Sinnhorizont sprechen, der radikal in Frage steht, dann geht es hier um die Möglichkeit eines lebbaren Lebens auf dem Planeten. Zwar gibt es ein kapitalistisches Projekt, das für alles irgendeine Erneuerung kennt und technologische Utopien, aber hier geht es um die Konstruktion realer Kräfte in der Gegenwart, die sich auf eine Welt beziehen, die nicht mehr die alte ist, die aber auch noch nicht weiß, was für eine Welt sie ist.

Garcés weiter:

Die Frage, Latour spricht auch davon, dass diese Welt nicht mehr unsere Welt ist, die Frage ist also: Wo leben? Und wie leben? Und wie sieht dieses Leben aus, das auch danach gelebt werden will, nach dieser Zukunft oder, anders gesagt, nachdem diese Zukunft radikal in Frage gestellt worden ist. Ich sage ja, es gibt dort ein Leben.

Noch einmal kommt Latour auf das Bild vom Kollaps zu sprechen. Das negative Bild hat eine positive Kehrseite.

Und ich denke, dass es nicht viele Präzedenzfälle dafür in der westlichen Existenz gibt. Das ist auch der Grund, warum wir alle den Boden unter den Füßen verloren haben und warum die Idee eines Crashs, eines Kollapses, so wichtig ist: die Idee nämlich, dass wir landen könnten. Landen ist die positive Variante, aber wir können natürlich auch abstürzen, und das Gefühl eines Kollapses ist überall.

Written by Östermann

28. Dezember 2019 at 14:18

Sensoren (14): Der Klimawandel und die Hoffnung

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Die apokalyptischen Stimmen mehren sich, die die Annahme bezweifeln, es bleibe noch Zeit, um die Erdüberhitzung auf 1,5° oder wenigstens 2° zu begrenzen. In einem Web-Special kommt auch die Süddeutsche Zeitung zu diesem Schluss.

Das Ziel, die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Niveau auf 1,5 Grad zu begrenzen, das Ziel, auf das sich die Weltgemeinschaft dem Pariser Abkommen nach offiziell verpflichtet hat, ist angesichts der seitdem augenscheinlichen politischen Lethargie fast illusorisch.

Was bedeutet diese Untergangsstimmung für die Bemühungen, zu ein klimafreundlichen Verhalten zu kommen? Für einen anderen Lebensstil? Für ein anderes menschliches Bewusstsein? Ist alles zwecklos? Bleibt uns nur noch, uns dem Schicksal zu fügen? Was nährt Hoffnung? Hierzu einige Stimmen, die einen Eindruck von der Bandbreite der Möglichkeiten vermitteln mögen.

Laissez-faire als Entlastung vom Handlungsdruck

Kürzlich hat sich der österreichische Essayist Wolfgang Müller-Funk in einem Kommentar in DER STANDARD mit dem „reaktualisierten apokalyptischen Narrativ“ auseinander gesetzt. Er ordnet die aktuelle Protestbewegung von Fridays for Future als „zweite ökologische Wende“ ein.

Eine Schere zwischen der Dringlichkeit zu handeln und der Zeit, die nötig wäre, unsere Lebens- und Produktionsweise nachhaltig zu verändern, tut sich auf. Schon die erste ökologische Wende operierte mit dem apokalyptischen Narrativ der drohenden Weltkatastrophe. Wenn nicht sofort etwas geschieht, droht das Ende. Damals war es der Wald, für dessen Überleben es fünf vor oder gar fünf nach zwölf war. Bekanntlich ist das Waldsterben nicht in der dramatisch prognostizierten Form eingetreten, dass es sich mit dem KIimawandel ähnlich verhält, muss man hoffen dürfen. Die Erderwärmung ist zweifelsohne von einer falschen Lebens- und Produktionsweise verursacht, aber das Klima hat sich in früheren Jahrhunderten auch ohne menschlichen Einfluss verändert. Heute sprechen zum Beispiel einige Klimaforscher von einer kommenden Eiszeit – das erschwert die Prognostik zusätzlich.

Eine Variante, mit der Dringlichkeit umzugehen: Müller-Funk verwendet Annahmen, die förmlich zur Verantwortungslosigkeit einladen. Der Mensch hat’s verursacht, aber die Erde wird’s schon richten. Da gibt es doch Wissenschaftler, die diese Annahme stützen. Belege? Fehlanzeige! Er schlägt sich auf die Seite der „nötigen Zeit“ und ignoriert jede Dringlichkeit zu handeln. Die „Komplexität der Gesellschaft“ muss dafür herhalten, sich Zeit zu lassen. Einfach abwarten, irgendwie wird sich das Problem schon lösen. Gelassenheit nennt er diese Laissez-Faire- oder Verweigerungshaltung. Man wird ja noch hoffen dürfen.

Relative Coolness, die die Menschen mobilisiert

DIE ZEIT hat kürzlich ein Essay von Johannes Schneider veröffentlicht. Er beklagt, die Menschen erkennten die Lage der Dinge nicht, weil sie zulange und zuviel Fiktion im Kino und im Fernsehen konsumiert hätten. Je dringlicher die Wissenschaft auf points of no return hinweise, je mehr werde sie den apokalyptischen Mythen und Fiktionen zwangsläufig ähnlich. Jede Prognose, die der Apokalypse ähnlich sei, werde genau durch diese Ähnlichkeit für viele unglaubwürdig. In diesem Dilemma erkennt Schneider einen Hoffnungsschimmer.

Jedes Mitglied dieser Gesellschaft kann – zumindest, wenn es den Ausgleich zwischen seinen und anderen Interessen als notwendig akzeptiert – Klimaschützerin zunächst nur für sich selbst sein. Denn Klimaschutz kann nur aus einer grundlegenden Motivation heraus geschehen wie etwa dem Respekt vor der Schöpfung, den eigenen Kindern oder schlicht der Idee, kein gewissenloses Arschloch zu sein. 

Die Hoffnung erwächst nicht aus einer Motivation, die Welt im großen Ganzen zu retten, sondern aus der Urmotivation, nach einer Maxime zu handeln, von der man wollen würde, dass sie im Großen und Ganzen zur Rettung beiträgt.

Vielleicht aber können mit der hier hergeleiteten relativen Coolness Menschen mobilisiert werden, die – auch aus Gründen der Erzählgeschichte – immun sind gegen die appellative Beschwörung von Weltuntergangsbildern. Vielleicht gelingt genau auf diese Weise ein Aufschub für das Wunder, das – auch davon künden die großen Erzählungen – immer noch kommen kann.

Auch in diesem Beispiel ist es eine Form der Gelassenheit, allerdings ohne die Angst zu verdrängen oder zu relativieren. Die Hoffnung erwächst hier aus einer Art von Tiefenwirkung, die die Menschen zu tiefgreifenden Verhaltensänderungen bringen könnte und so das Wunder ermögliche.

„Vernunft der Krise“

Kürzlich hat sich Peter Graf Kielmannsegg in der FAZ über die drohende Apokalypse der Erdüberhitzung aus der Sicht der Politik, der Demokratie und der offenen Gesellschaft Gedanken gemacht. Ihn beschäftigt u.a. die Frage, ob die Demokratie angesichts der überwältigen Dimension der Aufgabe durch eine „Öko-Diktatur“ abgelöst werden sollte.

Wie soll man sich angesichts der unauflöslich dichten Verflechtung aller Politikbereiche miteinander eine auf das ökologische Segment beschränkte Diktatur vorstellen? Und wie soll Machtmissbrauch verhindert werden, wenn die diktatorische Macht nicht sektoral beschränkt wird? Welche Erfahrung spricht eigentlich dafür, dass Diktatoren ihre Handlungsmacht verantwortungsbewusster, zukunftsorientierter nutzen würden als Politiker der Demokratie?

Es bleibe nur die Chance, die die Demokratie uns eröffne. Die zivisatorische Wende könne nur mit der Einsicht vieler gelingen. Nirgends sei die Hoffnung, dass sich die Einsicht rechtzeitig durchsetzt, größer als in offenen Gesellschaften.

Er schließt mit einem Hoffnungsschimmer, der aus einer „Vernunft der Krise“ erwachse. Der Begriff ist von Hubert Markl kurz vor dem Umweltgipfel 1992 geprägt worden.

Die Vernunft der Krise hat nichts Panisches. Sie ist Vernunft, Vernunft, die den Ernst der Stunde begriffen hat und sich, immer lernbereit, der Herausforderung mit äußerster Konzentration und allen ihr eigenen Kräften stellt.

Graf Kielmannsegg sieht diese Vernunft wachsen. Die ersten Schritte eines Lernprozesses seien getan.

Sich aus der Schockstarre befreien

Der Norwegische Psychologe Per Espen Stoknes beschäftigt sich in diesem TED-Video mit der „Apokalypse-Müdigkeit“. Er unterscheidet fünf Reflexe, wie Menschen auf erschreckende oder bedrohliche Nachrichten reagieren, wie sie auf Distanz gehen, sich die Apokalypse förmlich vom Leib halten und jedes Engagement für den Klimaschutz im Keim ersticken: Ohnmachtsgefühle, Vermeidung von Angst auslösenden schicksalhaften Nachrichten, schlechtes Gewissen z.B. beim Autofahren oder Fliegen, das Thema leugnen oder vermeiden, und schließlich persönliche Werte, die Fakten übertrumpfen, wenn die eigene Identität bedroht scheint.

Diese Spielarten der Distanzierung lassen sich, so seine Botschaft, in Engagement verwandeln. Man kann z.B. dafür sorgen, dass sich Klimaschutz vertraut und persönlich anfühlt. Wenn z.B. Freunde oder Nachbarn Solarpanel auf dem Dach installieren, fällt es leichter, es auch zu tun. Wir können die Vorteile klimafreundlichen Verhaltens in den Vordergrund rücken, z.B. sind Burger ohne Fleisch gesünder. Auch Nudging ist für Stoknes eine Möglichkeit, klimafreundliches Verhalten zu befördern. Die Lebensmittelverschwendung lässt sich z.B. in Kantinen durch kleinere Teller reduzieren. Und schließlich empfiehlt er, Geschichten zu verbreiten, die die Richtung erkennen lassen. So ließe sich etwa konkret über die Atemluft statt abstrakt über das Klima sprechen, über die dünne Membran, die die blauen Ozeane mit dem unendlichen Weltall verbindet. In dieser dünnen Haut sind wir alle eng miteinander verbunden. In ihr wird alles Leben genährt und erhalten. Sie füllt mit den Wolken und dem Regen die Flüsse und gießt die Wälder.

The new Psychology of climate action lies in letting go, not of science, but of the chrutches of abstractions and doomism, and then choosing the new stories.

Die andere Hoffnung

Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen hat kürzlich in einem Beitrag für den NewYorker ebenfalls den Gedanken durchgespielt, die Klimakatastrophe mit ihren schrecklichen Folgen sei unausweichlich.

If you’re younger than sixty, you have a good chance of witnessing the radical destabilization of life on earth—massive crop failures, apocalyptic fires, imploding economies, epic flooding, hundreds of millions of refugees fleeing regions made uninhabitable by extreme heat or permanent drought. If you’re under thirty, you’re all but guaranteed to witness it.

Was tun? Hoffen, dass die Katastrophe noch vermeidbar ist? Oder die Situation akzeptieren? Franzen plädiert klar für die zweite Option. Es ist jedoch keineswegs Resignation, die ihn treibt. Er sieht die Chance, zu einer anderen, einer erneuerten Form der Hoffnung zu kommen.

Franzen bringt das Problem auf den Punkt mit dem Zitat von Franz Kafka: „Es gibt unendlich viel Hoffnung in der Welt – außer für uns.“ Ihm scheint, als treffe die Umkehrung dieses Zitats gleichermaßen zu: „Es gibt keine Hoffnung in der Welt – außer für uns.“ Wer sich um das Leben auf der Erde sorge, habe nur zwei Möglichkeiten. Die Hoffnung unerschütterlich aufrecht erhalten, die Katastrophe sei noch abzuwenden – und immer mehr Frust über die Untätigkeit der Welt anzusammeln. Oder das kommende Unglück akzeptieren und neu zu denken, was Hoffnung bedeuten könnte.

Das Leugnen der unglücklichen Zukunftsaussicht sei, so Franzen, psychologisch nachvollziehbar.

Given a choice between an alarming abstraction (death) and the reassuring evidence of my senses (breakfast!), my mind prefers to focus on the latter. … Climate apocalypse … is messy. It will take the form of increasingly severe crises compounding chaotically until civilization begins to fray. Things will get very bad, but maybe not too soon, and maybe not for everyone. Maybe not for me.

Mit Blick auf die Politik, die riesige Mengen Geld, z.B. für Biogasanlagen, verschwende und damit die Abholzung der Regenwälder in Indonesien finanziere, mit Blick auf die Energiewirtschaft, z.B. die vielen geplanten und im Bau befindlichen Kohlekraftwerke, auf die vielen Menschen, die z.B. Nachrichten als fake news leugneten und Klimaschutzmaßnahmen bekämpften – sei es für ihn unmöglich, auch nur ein Szenario zu erkennen, wie das Zwei-Grad-Ziel erreicht werden könnte. Umfragen zeigten, dass er mit dieser Schlussfolgerung nicht alleine sei. Nur die Medien zögerten, sie zu veröffentlichen.

Was könnte passieren, wenn wir uns wechselseitig die Wahrheit sagten? Er teilt die Auffassung mancher Aktivisten nicht, dass dies Menschen entmutigen könnte, überhaupt etwas zu unternehmen. Allein wenn menschliches Handeln das Tempo des Klimawandels auch nur ein wenig reduziere, lohne es sich. Sogar wenn keine Wirkung zu erwarten wäre, lohnten sich Klimaschutzmaßnahmen.

To fail to conserve a finite resource when conservation measures are available, to needlessly add carbon to the atmosphere when we know very well what carbon is doing to it, is simply wrong. Although the actions of one individual have zero effect on the climate, this doesn’t mean that they’re meaningless. Each of us has an ethical choice to make. … I can respect the planet, and care about the people with whom I share it, without believing that it will save me.

Wenn wir glauben, dass das Zwei-Grad-Ziel noch erreichbar ist, bestehe die Gefahr, dass wir uns selbstgenügsam damit zufrieden geben, grüne Kandidaten zu wählen, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren und auf Flüge zu verzichten. Erst wenn wir die Wahrheit akzeptieren, so Franzen, erkennen wir, dass weit mehr zu tun ist. Ganz andere Maßnahmen gewinnen an Bedeutung.

In times of increasing chaos, people seek protection in tribalism and armed force, rather than in the rule of law, and our best defense against this kind of dystopia is to maintain functioning democracies, functioning legal systems, functioning communities. In this respect, any movement toward a more just and civil society can now be considered a meaningful climate action. Securing fair elections is a climate action. Combatting extreme wealth inequality is a climate action. Shutting down the hate machines on social media is a climate action. Instituting humane immigration policy, advocating for racial and gender equality, promoting respect for laws and their enforcement, supporting a free and independent press, ridding the country of assault weapons—these are all meaningful climate actions. To survive rising temperatures, every system, whether of the natural world or of the human world, will need to be as strong and healthy as we can make it.

Franzen plädiert für ein ausgewogenes Spektrum von Hoffnungen. Mehr im Lokalen handeln. Erhalten, was uns wichtig ist, eine Gemeinschaft, eine Institution, ein Stück Natur, eine bedrohte Tier- oder Pflanzenart. Wichtig sind solche Handlungen nicht, um sich vor einer heissen Zukunft schützen, sondern weil sie heute gut sind.

As long as you have something to love, you have something to hope for.

Written by Östermann

17. September 2019 at 21:52

Manifeste (10): Lebendigkeit sei! oder Die beseelte Natur

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In seinem Terrestrischen Manifest hat Bruno Latour die Orientierungslosigkeit beschrieben, die die Menschen erfasst hat. Er plädiert darin für ein neues Verhältnis der Menschen zu der „dünnen Membran“ auf dem Planeten Erde, die allein den Menschen und allem Lebendigen ein Leben ermöglicht. Der Zeitpfeil der Moderne, der die Erde nur als Ressource sieht, hat sich überlebt. Die unruhig rotierende Kompassnadel fängt an, auf einen neuen Zeitpfeil zu zeigen. 

Ganz ähnlich wie Latour aus soziologischer Sicht, versuchen der Biologe und Philosoph Andreas Weber und die Kulturwissenschaftlerin Hildegard Kurt  in ihrem Manifest „Lebendigkeit sei!“ den fundamentalen Wandel der Beziehung des Menschen zum Leben auf unserem eng begrenzten Planeten zu beschreiben. 

Auch sie gehen von einer Ablösung des Erdzeitalters des Holozän aus. Die menschliche Kultur habe sich zu einer prägenden geologischen Kraft entwickelt. Deshalb sei es begründet, von der Epoche des Anthropozän zu sprechen. Auch sie deuten den Klimawandel als das Ergebnis eines verfehlten Verhältnisses des Menschen zur Natur. Der Dualismus von Mensch als handelndem Wesen und Natur als seelenlose Ressource, der 250 Jahre unser Denken und Handeln geprägt habe, gehöre damit „offiziell“ der Vergangenheit an. 

Der Mensch ist unentrinnbar mit der Erde verflochten. (S. 8)

Das von Menschenhand Geschaffene stellt für viele Menschen die einzige Wirklichkeit dar. Weber und Kurt üben scharfe Kritik an der Art und Weise, wie Wirtschaft und Politik das neue Zeitalter nach der alten Logik deuten. Technik und Wissenschaft hätten nur scheinbar zu der erhofften Versöhnung zwischen Mensch und Natur geführt. Vielmehr hätten wir es mit einem double bind zu tun. 

Was in den Erdwissenschaften, in Philosophie und Kulturwissenschaft als Ende des Dualismus gefeiert und von Politikern und Ökonomen als neuer Status quo übernommen wird, ist in Wahrheit eine neue Selbsterhöhung des Menschen, die die gesamte belebte, aus sich heraus und ohne Zutun des Menschen entstandene Wirklichkeit in dessen Kultur- und Kontrollprojekt zu verwandeln droht. (S. 9)

Verbundenheit, so die beiden Autoren, werde weiter als Trennung gedacht: als totale Dominanz des Menschen über die sich selbst organisierende, bedeutungsvolle Lebendigkeit. Im Horizont des Anthropozäns halte man am Menschenbild des Homo faber fest.

Die Idee vom „Menschenzeitalter“ gebe in der globalisierten Welt 

den Industrieländern freie Hand, die Versöhnung von Natur und Technik für eine profitorientierte Bioökonomie, das Erschließen weltweiter Märkte und die Zementierung wirtschaftlicher Übermacht zu missbrauchen – ähnlich wie „Nachhaltigkeit“ von einem ökosozialen Konzept zu einer Marketingphrase wurde. (S. 10)

Das Manifest übt heftige Kritik an der in allen gesellschaftlichen Teilsystemen dominierenden Praxis.

Wir betrachten die Welt als etwas Totes. Der Mainstream in Wissenschaft, Ökonomie, Politik und Bildung folgt der Auffassung, die Welt sei ein kybernetischer Zusammenhang unbelebter Bausteine; unbegrenzt verbesserbar, indem wir diesen Zusammenhang analysieren, auf seine Elemente reduzieren und technische, ökonomische und ökologische Maßnahmen ergreifen. (S. 11)

In der gegenwärtigen Revolution des biologischen Denkens setze sich eine neue Auffassung durch.

Mensch und Natur sind eins, weil schöpferische Imagination und fühlender Ausdruck Naturkräfte sind. (S. 11) 

Das Schöpferische werde nicht länger allein der kulturellen Sphäre zugeschrieben. 

Die Welt ist kein Mechanismus, der auf Effizienz beruht, sondern ein Prozess schöpferischer Beziehungen und Durchdringungen auf dem Weg zu Erfahrung und Ausdruck. (S. 11)

Die wissenschaftliche Revolution in der Biologie sei vergleichbar mit den in der Physik durch Relativitätstheorie und Quantenmechanik ausgelösten Revolutionen. In einer „Zweiten Aufklärung“ gehe es um einen Ethos der „Verlebendigung“. Das Ziel dieser Fortführung der Aufklärung sei die Freiheit des in die Welt eingebetteten Körpers von seiner Kolonialisierung durch die Fiktion effizienter Rationalität. 

Das Wahre an lebendiger Natur ist nicht das romantisch Heilsame, sondern dass nichts in ihr der Kontrolle eines Zwecke setzenden Subjekts unterliegt, vielmehr alles schöpferischer Prozess ist, der einzig dem Drang folgt, dass Leben sei. (S. 12)

Die wichtigste Aufgabe im Anthropozän sei es deshalb, Lebendigkeit neu zu denken und neu zu erzeugen. 

Was für viele idealistisch oder utopisch klingen mag, ist für die beiden Autoren sehr wohl möglich. Grundlagen für das neue Selbstverständnis finden sie z.B. bei Amartya Sen und Martha Nussbaum, bei Manfred Max-Neef, bei Albert Camus, in der Commons-Ökonomie nach Elinor Ostrom, bei Edgar Morin, bei Lewis Hyde, bei Michel Serres und bei Joseph Beuys mit seinem erweiterten Kunstbegriff. 

Ähnlich wie Latour sehen sie einen Schlüssel in einem grundlegenden Wandel der Wissenschaft. 

Der Klimawandel zeigt, wie unverzichtbar wissenschaftliche Verfahrensweisen und Erkenntnisse sind, um ökologische Ziele und Standards zu suchen. (S. 16) 

Ein neues Selbstverständnis der Wissenschaft ruht dabei auf der Erkenntnis, dass der Forscher mit seinem Forschungsgegenstand verschränkt ist. Beide sind lebendig. Beide stehen emotional miteinander in einer Beziehung. 

Wissenschaften müssen, anstatt Verfügungswissen zu produzieren, Orientierungswissen erarbeiten und zu einer forschenden Praxis der Lebendigkeit werden. 

Auf dieser Basis könne Nachhaltigkeit neu gedacht werden als ein Ringen um eine Verbindung von Freiheit und Verantwortung, das nicht nicht nur ein technokratisches Problem darstelle, sondern sich als Ethos einer existenziellen Haltung ergebe. 

Ein starkes Manifest, das sich traut, den notwendigen tiefgreifenden Wandel zu beschreiben, obwohl er sich kaum in Worte fassen lässt. 

Kürzlich hat sich Andreas Weber in einem Radiobeitrag für die Aula von SWR2 Wissen zum gleichen Thema geäußert. Dazu ist auch ein Manuskript verfügbar. 

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