Östermanns Blog

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Archive for the ‘Spiritualität’ Category

Was gute Führung ausmacht (19): Transformationale Führung

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Führung ist Entwicklung einer Lernkultur, in der Veränderung – egal ob persönliches Lernen oder Organisationslernen – stattfinden darf. So könnte man das Führungsverständnis auf den Punkt bringen, das Rolf Arnold, Professor für Systemische Pädagogik in Kaiserslautern, in seinen Schriften und in diesem Video eines Vortrags von 2015 vermittelt. Auch wenn das Thema vordergründig wenig Neuigkeitswert bietet, so ist es immer wieder erfrischend, wie Rolf Arnold die herkömmlichen Auffassungen und Muster des Lernens in Frage stellt.

Der Mensch ist das lernende Tier. Sie erwerben den größten Teil ihrer Bildung außerhalb von Bildungsinstitutionen.

„Ich sehe die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie ich bin.“

So zitiert Arnold aus dem Talmud und beschreibt damit einen Kern der systemischen Haltung, die er Führungskräften ans Herz legt. Unsere Erfahrungen machen uns häufig blind für das, was um uns herum geschieht. Sie schieben sich zwischen uns und unser Gegenüber. Zwei Schritte zurücktreten, wie bei der Echternacher Springprozession, die Perspektive wechseln, in der eigenen Biografie nach prägenden Mustern suchen.

Wir sind alle Beobachter von Beobachtern. Unsere Wahrnehmung können wir auch als „Wahrgebung“ verstehen. Wenn wir sagen: „Ich gebe wahr, dass Du …“ übernehmen wir die Verantwortung für das, was wir als „Wahrheit“ erfahren. Die Kollegen vom MIT, Peter Senge und Otto Scharmer trauen sich, so Arnold, Achtsamkeit in ihre Konzepte einzubauen.

Aus dieser Grundhaltung kann sich Führung von Management By Exception zu einer transformationalen Führung weiterentwickeln. Führen mit Instrumenten und Methoden reiche nicht. Führung heisst, so Arnold, persönliches Wachstum fördern. Nach Erich Fromm ist dazu Voraussetzung, die Menschen zu lieben.

Liebe ist, sich für das Wachstum einer anderen Person zu interessieren und zu engagieren.

Man könne nur Menschen führen, so Arnold, die man in diesem Sinne liebe.

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Written by Östermann

9. September 2019 at 18:00

Manifeste (10): Lebendigkeit sei! oder Die beseelte Natur

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In seinem Terrestrischen Manifest hat Bruno Latour die Orientierungslosigkeit beschrieben, die die Menschen erfasst hat. Er plädiert darin für ein neues Verhältnis der Menschen zu der „dünnen Membran“ auf dem Planeten Erde, die allein den Menschen und allem Lebendigen ein Leben ermöglicht. Der Zeitpfeil der Moderne, der die Erde nur als Ressource sieht, hat sich überlebt. Die unruhig rotierende Kompassnadel fängt an, auf einen neuen Zeitpfeil zu zeigen. 

Ganz ähnlich wie Latour aus soziologischer Sicht, versuchen der Biologe und Philosoph Andreas Weber und die Kulturwissenschaftlerin Hildegard Kurt  in ihrem Manifest „Lebendigkeit sei!“ den fundamentalen Wandel der Beziehung des Menschen zum Leben auf unserem eng begrenzten Planeten zu beschreiben. 

Auch sie gehen von einer Ablösung des Erdzeitalters des Holozän aus. Die menschliche Kultur habe sich zu einer prägenden geologischen Kraft entwickelt. Deshalb sei es begründet, von der Epoche des Anthropozän zu sprechen. Auch sie deuten den Klimawandel als das Ergebnis eines verfehlten Verhältnisses des Menschen zur Natur. Der Dualismus von Mensch als handelndem Wesen und Natur als seelenlose Ressource, der 250 Jahre unser Denken und Handeln geprägt habe, gehöre damit „offiziell“ der Vergangenheit an. 

Der Mensch ist unentrinnbar mit der Erde verflochten. (S. 8)

Das von Menschenhand Geschaffene stellt für viele Menschen die einzige Wirklichkeit dar. Weber und Kurt üben scharfe Kritik an der Art und Weise, wie Wirtschaft und Politik das neue Zeitalter nach der alten Logik deuten. Technik und Wissenschaft hätten nur scheinbar zu der erhofften Versöhnung zwischen Mensch und Natur geführt. Vielmehr hätten wir es mit einem double bind zu tun. 

Was in den Erdwissenschaften, in Philosophie und Kulturwissenschaft als Ende des Dualismus gefeiert und von Politikern und Ökonomen als neuer Status quo übernommen wird, ist in Wahrheit eine neue Selbsterhöhung des Menschen, die die gesamte belebte, aus sich heraus und ohne Zutun des Menschen entstandene Wirklichkeit in dessen Kultur- und Kontrollprojekt zu verwandeln droht. (S. 9)

Verbundenheit, so die beiden Autoren, werde weiter als Trennung gedacht: als totale Dominanz des Menschen über die sich selbst organisierende, bedeutungsvolle Lebendigkeit. Im Horizont des Anthropozäns halte man am Menschenbild des Homo faber fest.

Die Idee vom „Menschenzeitalter“ gebe in der globalisierten Welt 

den Industrieländern freie Hand, die Versöhnung von Natur und Technik für eine profitorientierte Bioökonomie, das Erschließen weltweiter Märkte und die Zementierung wirtschaftlicher Übermacht zu missbrauchen – ähnlich wie „Nachhaltigkeit“ von einem ökosozialen Konzept zu einer Marketingphrase wurde. (S. 10)

Das Manifest übt heftige Kritik an der in allen gesellschaftlichen Teilsystemen dominierenden Praxis.

Wir betrachten die Welt als etwas Totes. Der Mainstream in Wissenschaft, Ökonomie, Politik und Bildung folgt der Auffassung, die Welt sei ein kybernetischer Zusammenhang unbelebter Bausteine; unbegrenzt verbesserbar, indem wir diesen Zusammenhang analysieren, auf seine Elemente reduzieren und technische, ökonomische und ökologische Maßnahmen ergreifen. (S. 11)

In der gegenwärtigen Revolution des biologischen Denkens setze sich eine neue Auffassung durch.

Mensch und Natur sind eins, weil schöpferische Imagination und fühlender Ausdruck Naturkräfte sind. (S. 11) 

Das Schöpferische werde nicht länger allein der kulturellen Sphäre zugeschrieben. 

Die Welt ist kein Mechanismus, der auf Effizienz beruht, sondern ein Prozess schöpferischer Beziehungen und Durchdringungen auf dem Weg zu Erfahrung und Ausdruck. (S. 11)

Die wissenschaftliche Revolution in der Biologie sei vergleichbar mit den in der Physik durch Relativitätstheorie und Quantenmechanik ausgelösten Revolutionen. In einer „Zweiten Aufklärung“ gehe es um einen Ethos der „Verlebendigung“. Das Ziel dieser Fortführung der Aufklärung sei die Freiheit des in die Welt eingebetteten Körpers von seiner Kolonialisierung durch die Fiktion effizienter Rationalität. 

Das Wahre an lebendiger Natur ist nicht das romantisch Heilsame, sondern dass nichts in ihr der Kontrolle eines Zwecke setzenden Subjekts unterliegt, vielmehr alles schöpferischer Prozess ist, der einzig dem Drang folgt, dass Leben sei. (S. 12)

Die wichtigste Aufgabe im Anthropozän sei es deshalb, Lebendigkeit neu zu denken und neu zu erzeugen. 

Was für viele idealistisch oder utopisch klingen mag, ist für die beiden Autoren sehr wohl möglich. Grundlagen für das neue Selbstverständnis finden sie z.B. bei Amartya Sen und Martha Nussbaum, bei Manfred Max-Neef, bei Albert Camus, in der Commons-Ökonomie nach Elinor Ostrom, bei Edgar Morin, bei Lewis Hyde, bei Michel Serres und bei Joseph Beuys mit seinem erweiterten Kunstbegriff. 

Ähnlich wie Latour sehen sie einen Schlüssel in einem grundlegenden Wandel der Wissenschaft. 

Der Klimawandel zeigt, wie unverzichtbar wissenschaftliche Verfahrensweisen und Erkenntnisse sind, um ökologische Ziele und Standards zu suchen. (S. 16) 

Ein neues Selbstverständnis der Wissenschaft ruht dabei auf der Erkenntnis, dass der Forscher mit seinem Forschungsgegenstand verschränkt ist. Beide sind lebendig. Beide stehen emotional miteinander in einer Beziehung. 

Wissenschaften müssen, anstatt Verfügungswissen zu produzieren, Orientierungswissen erarbeiten und zu einer forschenden Praxis der Lebendigkeit werden. 

Auf dieser Basis könne Nachhaltigkeit neu gedacht werden als ein Ringen um eine Verbindung von Freiheit und Verantwortung, das nicht nicht nur ein technokratisches Problem darstelle, sondern sich als Ethos einer existenziellen Haltung ergebe. 

Ein starkes Manifest, das sich traut, den notwendigen tiefgreifenden Wandel zu beschreiben, obwohl er sich kaum in Worte fassen lässt. 

Kürzlich hat sich Andreas Weber in einem Radiobeitrag für die Aula von SWR2 Wissen zum gleichen Thema geäußert. Dazu ist auch ein Manuskript verfügbar. 

Mehr dazu

Dirk Baecker über den Klimawandel und das Internet der Dinge

Felix Stalder über die Kultur der Digitalität, Commons und Postdemokratie

Zeitlosigkeit

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Zu Ostern ein paar Gedanken von Willigis Jäger.

Das Jenseits ist nichts, was irgend­wann im Laufe der Zeit einmal kommen wird, sondern es ist das Jenseits der Zeit: die Zeitlosigkeit. Hat man sich das einmal klar gemacht, wird man nicht um­hin können, seine Vorstellung von Auferstehung und einem Leben nach dem Tod zu ändern. Denn nun zeigt sich, dass Auferstehung sich nicht zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort vollzieht, sondern hier und jetzt. Gott voll­zieht sich als Hier und Jetzt. Und Religion ist nicht der auf künftige Belohnung schielende Dienst an einem jenseitigen Gott, sondern der Vollzug des Hier und Jetzt – der Vollzug Gottes in unserem konkreten, täglichen Leben.*

*Willigis Jäger: Die Welle ist das Meer. Freiburg 2007, S. 93.

Gefunden bei Tabvla Rasa

Written by Östermann

1. April 2018 at 11:12

Veröffentlicht in Spiritualität

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Was lässt mich hoffen? – Herbert Pietschmann

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Trotz des schlechten Tons – drei Minuten, die sich lohnen.

 

Pietschmann schließt mit Sokrates: „Also bin ich um jenes Wenige weiser, als all die anderen, als ich das, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen meine.“

Written by Östermann

24. Dezember 2017 at 12:00

What is going to happen in the future? – Krishnamurti

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… man cannot live on technology alone, and its products. One has to go into something that is immeasurable.

Jiddu Krishnamurti hat auf die einseitige Fixierung des menschlichen Geistes auf die Entwicklung der Technologie und die Herstellung von Produkten eindrucksvoll aufmerksam gemacht.

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Gefunden bei The Immeasurable

Written by Östermann

11. August 2017 at 16:07

Why the only future worth building includes everyone – TED Talk mit Papst Franziskus

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Das Betrachten der Zukunft lädt zum Dialog ein.

 

Hoffnung ist die Tür, die sich zur Zukunft hin öffnet.

Inspirierender TED-Talk von Papst Franziskus. Er plädiert für Brüderlichkeit und Solidarität als Grundhaltung nicht nur im Sozialen, sondern auch in Politik und Wirtschaft. Und er plädiert dafür, Macht mit Zärtlichkeit und Demut zu verbinden.

Gefunden bei Karma Konsum

Written by Östermann

3. Juni 2017 at 18:09

Klimawandel und Green Economy haben LOHAS zum Megatrend gemacht

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Karmakonsum Trendmap 2000

Der gesunde und nachhaltige Lebensstil ist keineswegs ein kurzfristiger Konsumtrend, sondern ein langfristiger, gesellschaftlich wirksamer Megatrend.  Darauf weist Karmakonsum in einem Blog-Beitrag zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von LOHAS hin. Die Einschätzung stammt von Eike Wenzel, Institut für Trend- und Zukunftsforschung. Er zeigt am Beispiel des Lifestyle of Health and Sustainabiliy (LOHAS) auf, wie die „Leichtmatrosen der Trendforschung“ tiefgreifende Megatrends als kurzfristige Modetrends missdeuten. Wenzel stellt klar:

Der LOHAS-Trend ist als relativ begrenzter Konsumtrend gestartet und hat sich, bedingt durch Klima-wandel und Green Economy, zu einem der wichtigsten Veränderungsbewegungen in Wirtschaft und Gesellschaft der kommenden Jahre (2030+) ausgeformt. Ob wir ihn jetzt Nachhaltigkeit, Green Economy oder wie auch immer nennen – neben der Globalisierung und der Digitalisierung wird er der einfluss-reichste Megatrend und die größte Zukunftsherausforderung der kommenden Jahre sein.

Auf dem Weg zu dieser Feststellung steuert er  einige gute Hinweise für CEOs bei, die sich von den „Leichtmatrosen“ bei ihrer Arbeit mit Trends allzu schnell täuschen lassen.

Grundsätzlich sollte sich jeder bewusst machen, der sich entschließt, zur besseren Zukunftsaufstellung seines Unternehmens mit Trends zu arbeiten, dass Trends zunächst „nur“ gesellschaftliche Veränderungs-prozesse sind. Sie zeigen an, wenn sie gut erklärt und beobachtet sind, wo in Ökonomie und Gesellschaft Widerstände und Ungereimtheiten aufgetreten sind, wo es sozusagen Lebensknappheiten gibt, auf die bislang noch keine Lösungen gefunden worden sind. Einige dieser Trends lassen sich daraufhin zu Innovationen ausarbeiten oder begründen sogar einen neuen Markt, ändern unsere Konsumgepflogen-heiten etc.

Und noch ein – wie mir scheint – wichtiger Hinweis auf die Bedeutung von Sozialinnovationen:

Innovationen werden zu sehr mit technologischen Entwicklungssprüngen verknüpft. Noch nie war unsere Ökonomie so abhängig von Produktivitätssprüngen wie seit knapp 20 Jahren von denen in der Internet- und Computertechnologie. Es tritt dann die Spezialistenstarre, das verhängnisvolle Scheuklappendenken, mit einem Wort: die Stunde des Tunnelblicks des Ingenieurs ein. Begründung: Technologien lassen sich – auf den ersten – Blick leichter einschätzen als Bedürfnisse und Lebensstilveränderungen. Es erblühen jedoch keine Wachstumsmärkte – das ist jetzt ganz wichtig – ohne ein klares Verständnis von den Bedürfniskonstellationen der Menschen.

Übrigens, die oben abgebildete Trendmap gibt es bei Karmakonsum auch in einer druckfähigen Version.

Written by Östermann

10. Januar 2015 at 14:18

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