Östermanns Blog

Organisation und Unternehmensführung im Wandel, Handeln unter den Bedingungen des Klimawandels, Strategie, Medienwandel, Digitale Transformation, Arbeit der Zukunft, Komplexität, nächste Gesellschaft

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Sensoren (17): Fragen zur Selbstreflexion in der Corona-Krise

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Mit der Corona-Krise und dem weitgehenden Herunterfahren des sozialen und des ökonomischen Lebens ist die Frage verbunden, was diese Krisenerfahrung für die Gestaltung unserer Zukunft bedeutet. Besonders drängend ist die Frage, wie sich Corona-Krise und Klimakrise zueinander verhalten. Werden wir die Chancen nutzen, die sich jetzt bieten? Wird die Menschheit die große Transformation vorantreiben und beherzte Schritte hin zu einem nachhaltigen Leben gehen? Eine bewusste Verknüpfung der aktuellen Erfahrungen mit dem Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft hängt auch davon ab, wie weit jedem einzelnen von uns und uns miteinander ein Umdenken gelingt.

I

In der SWR2-Radiosendung „Eine Gesellschaft verändert sich – Was wir aus der Corona-Pandemie lernen können“ hat der Soziologe Stefan Selke dieser Tage einen Bedarf an Utopien festgestellt.

Es gibt Kritik an den Zuständen, aber keine positiven Wunschformulierungen. Anstatt in utopisches Kapital zu investieren, werden Standardwelten reproduziert. Affirmativ hält man sich an das bereits Bekannte. Doch die Verdopplung des Bestehenden ist keineswegs das Neue. Wer aber wirklich etwas verändern möchte, sollte aus der Zukunft zurückdenken.

Er schreibt Utopien eine Spiegelfunktion zu. Sie lenken den Blick zurück auf das Zeitalter, auf die Kultur und auf die Gesellschaft, in der sie entstanden sind. Es brauche, so Selke, allerdings eine realistische Bestandsaufnahme und die Fähigkeit, die Vielfalt der Optionen zu erkennen. Wir sollten lernen, unsere Ideale genauer zu definieren.

II

Der französische Soziologe Bruno Latour hat einen Fragebogen veröffentlicht, der unsere persönliche Beziehung zur Welt in den Fokus nimmt. Er knüpft damit an den Vorschlag aus seinem „Terrestrischen Manifest“ an. Was kann man in diesen Zeiten der Orientierungslosigkeit tun? Zunächst beschreiben.

Es geht nicht mehr darum, ein Produktionssystem fortzuführen oder umzusteuern, sondern aus der Produktion als einziges Prinzip der Beziehung zur Welt auszusteigen. Es ist keine Frage der Revolution, sondern der Auflösung, Pixel für Pixel.

In der Tradition der Akteur-Netzwerk-Theorie lädt uns Latour ein, die Zeit der Ausgangsbeschränkungen zu nutzen und zunächst für uns selbst, dann als Gruppe zu beschreiben, woran wir gebunden sind, wovon wir bereit sind, uns zu befreien, welche Ketten wir bereit sind, wieder aufzubauen und welche wir mit verändertem Verhalten unterbrechen wollen.

Im ersten Schritt geht es darum, eine Liste der Aktivitäten zu erstellen, die uns durch die aktuelle Krise entzogen werden und deren Verlust uns das Gefühl gibt, dass damit wesentliche Lebensgrundlagen verletzt werden. Diese Liste gilt es im zweiten Schritt anhand der Fragen durchzugehen.

Frage 1: Welche der jetzt ausgesetzten Aktivitäten sollen wieder aufgenommen werden?

Frage 2: Beschreiben Sie, warum diese Aktivität Ihnen schädlich / überflüssig / gefährlich / inkohärent erscheint und wie ihre Abschaffung, Unterbrechung oder Substitutionandere –von Ihnen geschätzte –Aktivitäteneinfacher /kohärenter machen würde. (Schreiben Sie für jede der in Frage 1 genanntenAktivitäten einen eigenen Absatz).

Frage 3: Welche Art von Maßnahmen schlagen Sie vor, um ArbeitnehmerInnnen, Angestellten, VertreterInnen oder AuftragnehmerInnen – die nicht mehr in der Lage sein werden, die von Ihnen abgeschafften Tätigkeiten fortzusetzen – den Übergang zu anderen Aktivitäten zu erleichtern?

Frage 4: Welches sind die derzeit ausgesetzten Aktivitäten, von denen Sie hoffen, dass sie sich entwickeln, dass sie fortgesetzt werden oder sogar von Grund auf neu erfunden werden könnten?

Frage 5: Beschreiben Sie, warum Ihnen diese Aktivität positiv erscheint. Beschreiben Sie wie diese Aktivität die anderen – von Ihnen geschätzten – Aktivitäten erleichtert, harmonischer oder kohärenter macht und wie sie dazu beiträgt, diejenigen Aktivitäten zu bekämpfen, die Sie für ungünstig halten. (Verfassen Sie für jede der in Frage 4 aufgeführten Antworten einen eigenen Absatz).

Frage 6: Welche Art von Maßnahmen empfehlen Sie, um ArbeitnehmerInnen, Angestellten, VertreterInnen oder UnternehmerInnen zu helfen, damit diese die notwendigen Kapazitäten / Mittel / Einkommen / Instrumente zur Verfügung haben, um diese Aktivität fortzusetzen, weiterzuentwickeln oder neu zu erschaffen?

Das Ergebnis dieser Beschreibung kann sodann in einem dritten Schritt mit der Beschreibung anderer abgeglichen werden. Überschneidungen und Gegensätze in den Antworten werden mit der Zeit eine „Landschaft aus Konfliktlinien, Bündnissen, Kontroversen und Gegensätzen“ entstehen lassen.

III

Mit der Theory U hat Otto Scharmer, Senior Lecturer am MIT, ein Modell und einen Werkzeugkasten mit verschiedenen Methoden entwickelt, die in dieser Situation ebenso helfen können, den eigenen Beitrag zum Wandel für sich zu klären und konkrete Schritte anzugehen. Die Theory U ist ein Modell, das eine tiefgreifende Veränderung in sieben Schritten, dem sogenannten U-Prozess, zu bewirken versucht. Mit Methoden der Gesprächsführung und der Gruppenarbeit versuchen die Akteure, den Fokus der Aufmerksamkeit umzulenken. In einem Blogbeitrag hat Scharmer kürzlich die Theory U auf die Corona-Krise angewendet und aufgezeigt, wie der Weg von der Corona-Krise zum Klimaschutz aussehen könnte.

Was wäre, wenn wir diese Unterbrechung als Gelegenheit nutzen würden, alles loszulassen, was in unserem Leben, in unserer Arbeit und in unseren institutionellen Routinen nicht wesentlich ist? Wie könnten wir uns neu ausmalen, wie wir zusammen leben und arbeiten? Wie könnten wir die grundlegenden Strukturen unserer Zivilisation neu überdenken? … Wie könnten wir unsere wirtschaftlichen, demokratischen und lernenden Systeme so umgestalten, dass sie die ökologischen, sozialen und spirituellen Gräben unserer Zeit überbrücken?

https://medium.com/@sascha.g.berger/acht-aktuelle-lektionen-von-otto-scharmer-vom-coronavirus-zur-klimaaktion-6588e131a519

Darüber miteinander ins Gespräch kommen, mit Freunden, in der Familie, mit Organisationen und Gemeinschaften, das ist Scharmers Anliegen in diesen Tagen.

Eine Methode aus dem Werkzeugkasten ist der Social Solidarity Circle. Es handelt sich um eine Gruppenübung, die man in diesem Sinne nutzen könnte, um die persönliche Reflexion – z.B. die Antworten auf den Fragebogen von Latour – mit anderen zu vertiefen. Die Übung ist Teil eines Programms, das das Presencing Institut von Scharmer im vergangenen Jahr gestartet hat. Das Programm GAIA – Global Activation of Intention and Action – ist als weltweites Online-Lernangebot angelegt und möchte ein neues Bewusstsein aus der Auseinandersetzung mit den aktuellen Brüchen unserer Zeit anregen. Natürlich kann die Übung auch in anderen Zusammenhängen angewendet werden.

IV

Übrigens hat Carolin Emcke in ihrem Tagebuchprojekt bei der Süddeutschen Zeitung in der Auseinandersetzung mit den Fragen von Bruno Latour eigene Fragen formuliert. Dahinter steht ebenfalls das Anliegen, die Chance zu nutzen und die Verhältnisse neu zu gewichten. Sie sind stärker auf die Bewältigung der aktuellen Krise, können aber ebenfalls zu einem grundlegenden Bewusstseinswandel angesichts der Klimakrise beitragen.

1. Welche der Aktivitäten, die Sie im Augenblick als existentiell erleben, welche der sozialen Praktiken, welche der solidarischen Gesten, welche der kreativen Formate, welche der ökonomischen Hilfsangebote sind unverzichtbar, spenden Trost, mildern die Not, verweisen auf eine Gemeinschaft, die es auch anschließend geben sollte?

2. Welche Berufe, die Sie im Augenblick als besonders notwendig und unverzichtbar erleben, sollten anschließend auch personell ausgebaut und finanziell gewürdigt werden? In welche soziale Infrastruktur, die Ihnen im Augenblick besonderen Schutz oder Fürsorge bietet, sollte anschließend massiv investiert werden? Welche Quellen, Verlage oder journalistische Angebote, die Ihnen im Augenblick besonders zuverlässig Informationen liefern oder Orientierung bieten, sollten besser unterstützt und bezahlt werden?

3. Wie ist es mit all den Tätigkeiten und Aufgaben, die im Augenblick als nicht „notwendig” oder nicht „systemrelevant” deklariert werden, die aussetzen müssen mit etwas, das ihnen wertvoll ist, die nicht als Logopädinnen oder Kellner, die nicht als Anlagenmechaniker oder als Kamerafrau, nicht als Koch oder als Schauspielerin arbeiten können, was ist mit all den Tätigkeiten und Aufgaben, die es doch auch braucht, die ausdifferenziert und arbeitsteilig erst das herstellen, was wir nutzen oder lieben ? Wie signalisieren wir ihnen unsere Wertschätzung, wie ersetzen wir ihre Verluste?

„Innen leben“ – ein Kartenset für mehr psychische Widerstandskraft

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Der Psychologe Michael Bohne und die Psychotherapeutin Sabine Ebersberger haben ein Kartenset entwickelt, das vielleicht in diesen belastenden Zeiten tiefer Verunsicherung für ein wenig Entlastung sorgen kann.

Mit INNEN-LEBEN bekommen Sie ein Werkzeug in die Hand, mit dem Sie Ihre ganz eigenen, auf Sie zugeschnittenen, stärkenden Sätze generieren können. Diese Sätze regen einerseits konkret Lösungen für spezifische Anliegen an. Auf der anderen Seite orientieren sie sich an den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen nach Sicherheit, Autonomie, Beziehung und Selbstwertstärkung. INNEN-LEBEN funktioniert somit gleichermaßen als Krisenprävention und Krisenintervention – praktisch, simpel und daheim.

INNEN-LEBEN von Dr. Sabine Ebersberger und Dr. med. Michael Bohne ist lizensiert unter unter einer Creative Commons 4.0 Lizenz: Namensnennung – Nicht- kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen (2020)

Bleiben Sie gesund!

Übrigens: Wenn Sie Michael Bohne zu einem anderen Thema – dem Umgang mit Fehlern und Misserfolgen – hören wollen, werden Sie hier im Radiogespräch bei SWR2 Tandem fündig.

Written by Östermann

29. März 2020 at 13:52

Veröffentlicht in Intuition

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Sensoren (14): Der Klimawandel und die Hoffnung

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Die apokalyptischen Stimmen mehren sich, die die Annahme bezweifeln, es bleibe noch Zeit, um die Erdüberhitzung auf 1,5° oder wenigstens 2° zu begrenzen. In einem Web-Special kommt auch die Süddeutsche Zeitung zu diesem Schluss.

Das Ziel, die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Niveau auf 1,5 Grad zu begrenzen, das Ziel, auf das sich die Weltgemeinschaft dem Pariser Abkommen nach offiziell verpflichtet hat, ist angesichts der seitdem augenscheinlichen politischen Lethargie fast illusorisch.

Was bedeutet diese Untergangsstimmung für die Bemühungen, zu ein klimafreundlichen Verhalten zu kommen? Für einen anderen Lebensstil? Für ein anderes menschliches Bewusstsein? Ist alles zwecklos? Bleibt uns nur noch, uns dem Schicksal zu fügen? Was nährt Hoffnung? Hierzu einige Stimmen, die einen Eindruck von der Bandbreite der Möglichkeiten vermitteln mögen.

Laissez-faire als Entlastung vom Handlungsdruck

Kürzlich hat sich der österreichische Essayist Wolfgang Müller-Funk in einem Kommentar in DER STANDARD mit dem „reaktualisierten apokalyptischen Narrativ“ auseinander gesetzt. Er ordnet die aktuelle Protestbewegung von Fridays for Future als „zweite ökologische Wende“ ein.

Eine Schere zwischen der Dringlichkeit zu handeln und der Zeit, die nötig wäre, unsere Lebens- und Produktionsweise nachhaltig zu verändern, tut sich auf. Schon die erste ökologische Wende operierte mit dem apokalyptischen Narrativ der drohenden Weltkatastrophe. Wenn nicht sofort etwas geschieht, droht das Ende. Damals war es der Wald, für dessen Überleben es fünf vor oder gar fünf nach zwölf war. Bekanntlich ist das Waldsterben nicht in der dramatisch prognostizierten Form eingetreten, dass es sich mit dem KIimawandel ähnlich verhält, muss man hoffen dürfen. Die Erderwärmung ist zweifelsohne von einer falschen Lebens- und Produktionsweise verursacht, aber das Klima hat sich in früheren Jahrhunderten auch ohne menschlichen Einfluss verändert. Heute sprechen zum Beispiel einige Klimaforscher von einer kommenden Eiszeit – das erschwert die Prognostik zusätzlich.

Eine Variante, mit der Dringlichkeit umzugehen: Müller-Funk verwendet Annahmen, die förmlich zur Verantwortungslosigkeit einladen. Der Mensch hat’s verursacht, aber die Erde wird’s schon richten. Da gibt es doch Wissenschaftler, die diese Annahme stützen. Belege? Fehlanzeige! Er schlägt sich auf die Seite der „nötigen Zeit“ und ignoriert jede Dringlichkeit zu handeln. Die „Komplexität der Gesellschaft“ muss dafür herhalten, sich Zeit zu lassen. Einfach abwarten, irgendwie wird sich das Problem schon lösen. Gelassenheit nennt er diese Laissez-Faire- oder Verweigerungshaltung. Man wird ja noch hoffen dürfen.

Relative Coolness, die die Menschen mobilisiert

DIE ZEIT hat kürzlich ein Essay von Johannes Schneider veröffentlicht. Er beklagt, die Menschen erkennten die Lage der Dinge nicht, weil sie zulange und zuviel Fiktion im Kino und im Fernsehen konsumiert hätten. Je dringlicher die Wissenschaft auf points of no return hinweise, je mehr werde sie den apokalyptischen Mythen und Fiktionen zwangsläufig ähnlich. Jede Prognose, die der Apokalypse ähnlich sei, werde genau durch diese Ähnlichkeit für viele unglaubwürdig. In diesem Dilemma erkennt Schneider einen Hoffnungsschimmer.

Jedes Mitglied dieser Gesellschaft kann – zumindest, wenn es den Ausgleich zwischen seinen und anderen Interessen als notwendig akzeptiert – Klimaschützerin zunächst nur für sich selbst sein. Denn Klimaschutz kann nur aus einer grundlegenden Motivation heraus geschehen wie etwa dem Respekt vor der Schöpfung, den eigenen Kindern oder schlicht der Idee, kein gewissenloses Arschloch zu sein. 

Die Hoffnung erwächst nicht aus einer Motivation, die Welt im großen Ganzen zu retten, sondern aus der Urmotivation, nach einer Maxime zu handeln, von der man wollen würde, dass sie im Großen und Ganzen zur Rettung beiträgt.

Vielleicht aber können mit der hier hergeleiteten relativen Coolness Menschen mobilisiert werden, die – auch aus Gründen der Erzählgeschichte – immun sind gegen die appellative Beschwörung von Weltuntergangsbildern. Vielleicht gelingt genau auf diese Weise ein Aufschub für das Wunder, das – auch davon künden die großen Erzählungen – immer noch kommen kann.

Auch in diesem Beispiel ist es eine Form der Gelassenheit, allerdings ohne die Angst zu verdrängen oder zu relativieren. Die Hoffnung erwächst hier aus einer Art von Tiefenwirkung, die die Menschen zu tiefgreifenden Verhaltensänderungen bringen könnte und so das Wunder ermögliche.

„Vernunft der Krise“

Kürzlich hat sich Peter Graf Kielmannsegg in der FAZ über die drohende Apokalypse der Erdüberhitzung aus der Sicht der Politik, der Demokratie und der offenen Gesellschaft Gedanken gemacht. Ihn beschäftigt u.a. die Frage, ob die Demokratie angesichts der überwältigen Dimension der Aufgabe durch eine „Öko-Diktatur“ abgelöst werden sollte.

Wie soll man sich angesichts der unauflöslich dichten Verflechtung aller Politikbereiche miteinander eine auf das ökologische Segment beschränkte Diktatur vorstellen? Und wie soll Machtmissbrauch verhindert werden, wenn die diktatorische Macht nicht sektoral beschränkt wird? Welche Erfahrung spricht eigentlich dafür, dass Diktatoren ihre Handlungsmacht verantwortungsbewusster, zukunftsorientierter nutzen würden als Politiker der Demokratie?

Es bleibe nur die Chance, die die Demokratie uns eröffne. Die zivisatorische Wende könne nur mit der Einsicht vieler gelingen. Nirgends sei die Hoffnung, dass sich die Einsicht rechtzeitig durchsetzt, größer als in offenen Gesellschaften.

Er schließt mit einem Hoffnungsschimmer, der aus einer „Vernunft der Krise“ erwachse. Der Begriff ist von Hubert Markl kurz vor dem Umweltgipfel 1992 geprägt worden.

Die Vernunft der Krise hat nichts Panisches. Sie ist Vernunft, Vernunft, die den Ernst der Stunde begriffen hat und sich, immer lernbereit, der Herausforderung mit äußerster Konzentration und allen ihr eigenen Kräften stellt.

Graf Kielmannsegg sieht diese Vernunft wachsen. Die ersten Schritte eines Lernprozesses seien getan.

Sich aus der Schockstarre befreien

Der Norwegische Psychologe Per Espen Stoknes beschäftigt sich in diesem TED-Video mit der „Apokalypse-Müdigkeit“. Er unterscheidet fünf Reflexe, wie Menschen auf erschreckende oder bedrohliche Nachrichten reagieren, wie sie auf Distanz gehen, sich die Apokalypse förmlich vom Leib halten und jedes Engagement für den Klimaschutz im Keim ersticken: Ohnmachtsgefühle, Vermeidung von Angst auslösenden schicksalhaften Nachrichten, schlechtes Gewissen z.B. beim Autofahren oder Fliegen, das Thema leugnen oder vermeiden, und schließlich persönliche Werte, die Fakten übertrumpfen, wenn die eigene Identität bedroht scheint.

Diese Spielarten der Distanzierung lassen sich, so seine Botschaft, in Engagement verwandeln. Man kann z.B. dafür sorgen, dass sich Klimaschutz vertraut und persönlich anfühlt. Wenn z.B. Freunde oder Nachbarn Solarpanel auf dem Dach installieren, fällt es leichter, es auch zu tun. Wir können die Vorteile klimafreundlichen Verhaltens in den Vordergrund rücken, z.B. sind Burger ohne Fleisch gesünder. Auch Nudging ist für Stoknes eine Möglichkeit, klimafreundliches Verhalten zu befördern. Die Lebensmittelverschwendung lässt sich z.B. in Kantinen durch kleinere Teller reduzieren. Und schließlich empfiehlt er, Geschichten zu verbreiten, die die Richtung erkennen lassen. So ließe sich etwa konkret über die Atemluft statt abstrakt über das Klima sprechen, über die dünne Membran, die die blauen Ozeane mit dem unendlichen Weltall verbindet. In dieser dünnen Haut sind wir alle eng miteinander verbunden. In ihr wird alles Leben genährt und erhalten. Sie füllt mit den Wolken und dem Regen die Flüsse und gießt die Wälder.

The new Psychology of climate action lies in letting go, not of science, but of the chrutches of abstractions and doomism, and then choosing the new stories.

Die andere Hoffnung

Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen hat kürzlich in einem Beitrag für den NewYorker ebenfalls den Gedanken durchgespielt, die Klimakatastrophe mit ihren schrecklichen Folgen sei unausweichlich.

If you’re younger than sixty, you have a good chance of witnessing the radical destabilization of life on earth—massive crop failures, apocalyptic fires, imploding economies, epic flooding, hundreds of millions of refugees fleeing regions made uninhabitable by extreme heat or permanent drought. If you’re under thirty, you’re all but guaranteed to witness it.

Was tun? Hoffen, dass die Katastrophe noch vermeidbar ist? Oder die Situation akzeptieren? Franzen plädiert klar für die zweite Option. Es ist jedoch keineswegs Resignation, die ihn treibt. Er sieht die Chance, zu einer anderen, einer erneuerten Form der Hoffnung zu kommen.

Franzen bringt das Problem auf den Punkt mit dem Zitat von Franz Kafka: „Es gibt unendlich viel Hoffnung in der Welt – außer für uns.“ Ihm scheint, als treffe die Umkehrung dieses Zitats gleichermaßen zu: „Es gibt keine Hoffnung in der Welt – außer für uns.“ Wer sich um das Leben auf der Erde sorge, habe nur zwei Möglichkeiten. Die Hoffnung unerschütterlich aufrecht erhalten, die Katastrophe sei noch abzuwenden – und immer mehr Frust über die Untätigkeit der Welt anzusammeln. Oder das kommende Unglück akzeptieren und neu zu denken, was Hoffnung bedeuten könnte.

Das Leugnen der unglücklichen Zukunftsaussicht sei, so Franzen, psychologisch nachvollziehbar.

Given a choice between an alarming abstraction (death) and the reassuring evidence of my senses (breakfast!), my mind prefers to focus on the latter. … Climate apocalypse … is messy. It will take the form of increasingly severe crises compounding chaotically until civilization begins to fray. Things will get very bad, but maybe not too soon, and maybe not for everyone. Maybe not for me.

Mit Blick auf die Politik, die riesige Mengen Geld, z.B. für Biogasanlagen, verschwende und damit die Abholzung der Regenwälder in Indonesien finanziere, mit Blick auf die Energiewirtschaft, z.B. die vielen geplanten und im Bau befindlichen Kohlekraftwerke, auf die vielen Menschen, die z.B. Nachrichten als fake news leugneten und Klimaschutzmaßnahmen bekämpften – sei es für ihn unmöglich, auch nur ein Szenario zu erkennen, wie das Zwei-Grad-Ziel erreicht werden könnte. Umfragen zeigten, dass er mit dieser Schlussfolgerung nicht alleine sei. Nur die Medien zögerten, sie zu veröffentlichen.

Was könnte passieren, wenn wir uns wechselseitig die Wahrheit sagten? Er teilt die Auffassung mancher Aktivisten nicht, dass dies Menschen entmutigen könnte, überhaupt etwas zu unternehmen. Allein wenn menschliches Handeln das Tempo des Klimawandels auch nur ein wenig reduziere, lohne es sich. Sogar wenn keine Wirkung zu erwarten wäre, lohnten sich Klimaschutzmaßnahmen.

To fail to conserve a finite resource when conservation measures are available, to needlessly add carbon to the atmosphere when we know very well what carbon is doing to it, is simply wrong. Although the actions of one individual have zero effect on the climate, this doesn’t mean that they’re meaningless. Each of us has an ethical choice to make. … I can respect the planet, and care about the people with whom I share it, without believing that it will save me.

Wenn wir glauben, dass das Zwei-Grad-Ziel noch erreichbar ist, bestehe die Gefahr, dass wir uns selbstgenügsam damit zufrieden geben, grüne Kandidaten zu wählen, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren und auf Flüge zu verzichten. Erst wenn wir die Wahrheit akzeptieren, so Franzen, erkennen wir, dass weit mehr zu tun ist. Ganz andere Maßnahmen gewinnen an Bedeutung.

In times of increasing chaos, people seek protection in tribalism and armed force, rather than in the rule of law, and our best defense against this kind of dystopia is to maintain functioning democracies, functioning legal systems, functioning communities. In this respect, any movement toward a more just and civil society can now be considered a meaningful climate action. Securing fair elections is a climate action. Combatting extreme wealth inequality is a climate action. Shutting down the hate machines on social media is a climate action. Instituting humane immigration policy, advocating for racial and gender equality, promoting respect for laws and their enforcement, supporting a free and independent press, ridding the country of assault weapons—these are all meaningful climate actions. To survive rising temperatures, every system, whether of the natural world or of the human world, will need to be as strong and healthy as we can make it.

Franzen plädiert für ein ausgewogenes Spektrum von Hoffnungen. Mehr im Lokalen handeln. Erhalten, was uns wichtig ist, eine Gemeinschaft, eine Institution, ein Stück Natur, eine bedrohte Tier- oder Pflanzenart. Wichtig sind solche Handlungen nicht, um sich vor einer heissen Zukunft schützen, sondern weil sie heute gut sind.

As long as you have something to love, you have something to hope for.

Written by Östermann

17. September 2019 at 21:52

Die Welt ändert sich! Und der Mensch?

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Die technologische und demografische Entwicklung ist seit geraumer Zeit von ständiger Beschleunigung geprägt. Wir spüren dies im Alltag an der hohen Ereignisdichte, die in Hektik, Überforderung und häufig auch in „Burn-out“ mündet. In der Folge beschleunigen sich auch unsere Lebensverhältnisse. Wir versuchen, unseren Welthorizont ständig zu erweitern und uns die Welt anzueignen. Darauf hat der Soziologe Hartmut Rosa kürzlich in einem Interview in der SWR2 Aula hingewiesen.

Seit dem 18. Jahrhundert können moderne Gesellschaften, besonders in ihrer ökonomischen Verfassung, ihre institutionelle Grundstrukur, ihren Status quo nur durch Steigerung erhalten. Eine moderne kapitalistische Wirtschaft muss wachsen, und sie wächst durch Beschleunigung und permanente Innovation, um so zu bleiben, wie sie ist. Ohne andauernde Steigerung, z. B. auch der Produktivität, und ohne ständige Neuerung können sich z.B. Firmen und Arbeitsplätze, überhaupt die ökonomische Aktivität als solche, nicht erhalten. Das heißt, Steigerung entstand in erster Linie nicht durch unsere Gier, unsere Unersättlichkeit, durch den Zug nach vorne, sondern eher dadurch, dass wir sie brauchen, um den Status quo zu erhalten. Das ist der Modus dynamischer Stabilisierung: Erhaltung durch Steigerung, und das macht sich in all unseren Lebensbereichen durch einen Zwang zu Optimierung und Effizienzsteigerung bemerkbar.

Wie diese Entwicklung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten aussehen wird, zeigt  dieses Video* sehr anschaulich. Wir haben es mit exponentiellen Entwicklungen zu tun und sind kaum in der Lage, zu ermessen, was das bedeutet.

 

Wie ist es dazu gekommen? Hartmut Rosa sieht die Grundidee des kapitalistischen Wirtschaftens aus dem Ruder laufen.

Die Idee war, wir schaffen ein System, wir schaffen Reichtum, der es uns ermöglicht,
wegzukommen von der Fixierung aller Energien auf den ökonomischen Konkurrenz- und Existenzkampf. Heute haben wir diese Hoffnung verloren, heute sagt jeder, der
Wettbewerb wird noch viel härter werden. Asien holt uns bald ein, wir werden ein
globales gnadenloses Wettbewerbssystem haben. Das meinen fast alle Ökonomen. Die Hoffnung, Knappheit, Armut, die Fixierung auf den Existenzkampf durch wirtschaftliche Effizienz zu überwinden, ist erloschen. Und in der Wissenschaft ist es erstaunlicherweise genauso. […] Es werden permanent neue Studien veröffentlicht und neue Kenntnisse generiert.

Wie kommen wir heraus aus dieser paradoxen Situation? Rosa versucht, einen Zugang zur Lösung auf der persönlichen Ebene zu beschreiben. Er erwartet einen Wandel unserer Beziehung zur Welt. Er glaubt, dass wir von der Aneignung der Welt, die uns in eine  ständige Steigerung des materiellen Konsums treibt, lösen werden und zu einer Anverwandlung der Welt kommen. Was meint er mit „Anverwandlung“?

Ich habe mir eine Sache erst anverwandelt, wenn ich sie für mich zum Sprechen gebracht habe, wenn ich eine Beziehung zu dieser Sache einnehme, die mich dabei berührt, wirklich bewegt und verändert. Ich nenne solche Beziehungen Resonanzbeziehungen.
Wie solche Resonanzbeziehungen in der Praxis aussehen, schildert er am Beispiel der Lektüre eines Buches.
Ich kann es im Power- oder Fast-Reading so schnell lesen, dass ich alle relevanten Informationen scanne und mir aneigne. Aber es ist etwas ganz anderes, ein Buch so zu lesen, dass es etwas mit mir macht oder dass ich etwas mit ihm mache. Das nenne ich Anverwandlungsprozesse, die zur Resonanzbeziehung führen. Diese Resonanzbeziehungen werden, glaube ich, erschwert in einem Klima der Konkurrenz, der Optimierung und der Beschleunigung.
Womit wir einstweilen wieder beim Dilemma angekommen wären. Vielleicht können wir den ersten Schritt tun, wenn wir anfangen, auf unsere eigenen Resonanzbeziehungen zu achten.
Hartmut Rosa veröffentlicht seine Gedanken im März 2016 in seinem neuen Buch „Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung“.

*Das Video habe ich gefunden bei Team Holger Six

Written by Östermann

30. Januar 2016 at 14:16

Glück und Weisheit – Rudolf Steiner

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Die Zeit „zwischen den Jahren“ wird bekanntlich gerne dazu verwendet, andere mit klugen Zitaten zu beglücken. Hier ist eines von Rudolf Steiner. Beim Stöbern im Internet-Antiquariat habe ich es gefunden. Dort war ein Gästebuch zum Kauf angeboten, das diese handschriftliche Widmung von Rudolf Steiner von 1906 aufwies:

Die Freuden erkennen wir als Gnadesgaben in der Gegenwart
Die Leiden enthüllen aber ihren Wert erst, wenn sie vergangen
Die ersten bringen das Glück
Die zweiten erzeugen die Weisheit

Gefunden bei zvab.com

Written by Östermann

26. Dezember 2015 at 14:55

Veröffentlicht in Intuition

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Der Igel und der Fuchs – und was Markenführung davon lernen kann

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»Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß ein großes Ding.«

Dieses Fragment des Archilochos hat Isaiah Berlin in seinem Essay „Der Igel und der Fuchs“ verwendet, um die gegensätzlichen Denkstile am Beispiel von Tolstois Geschichtsverständnis zu unterscheiden. Berlin versucht nachzuweisen, dass Tolstoi seiner Natur nach ein Fuchs war, selbst aber glaubte, ein Igel zu sein. In einer Rezension für DIE ZEIT hat Herfried Münkler diese Unterscheidung einmal so beschrieben:

Für Isaiah Berlin versinnbildlicht das Fragment des Archilochos die vielleicht wichtigste Demarkationslinie des Geistes, welche die großen europäischen Denker und Schriftsteller in zwei Lager trennt: in Monisten (Igel) und Pluralisten (Füchse) – in die, für die es ein universales Prinzip der Welt gibt, durch dessen Erkenntnis sich die bunte Vielfalt des Lebens als gegliedertes System und sinnvolles Ganzes zu erkennen gibt, und in jene, denen nicht nur die Erkenntnis dieses Prinzips fehlt, sondern die auch seine Existenz bestreiten und die Fülle möglicher Wahrheiten ohne moralische oder ästhetische Vereinheitlichung bestehen lassen.

Die kanadische Online-Marketing-Expertin Tara Hunt wendet das Bild vom Igel und vom Fuchs in einem Blog-Beitrag auf die Welt der Sozialen Medien an. Oft suchen Menschen nach der Formel oder nach Best Practices für den Weg zum besten Ergebnis. Sie verschlingen wahllos Bücher, Posts, Artikel, Infografiken auf der Suche nach der hochwirksamen Content-Strategie. Sie sieht darin das typische Verhalten von „Igeln“. „Füchse“ gehen ganz anders mit dem Content um. Sie verwenden mehr Zeit dafür, herauszufinden, was ihren Kunden wirklich wichtig ist und arbeiten daran, ihnen genau das zu bieten.

They can’t “plan” a calendar months in advance. That would be ludicrous and a waste of time. Their content morphs and bends with too many variables, the biggest of which is the needs of the audience itself.

Auch wenn es keine Formel gibt, wie man mehr zum „Fuchs“ wird, gibt Tara Hunt Hinweise für den Weg zum „Fuchs“-Denken. Füchse hören ihren Kunden und denen der Wettbewerber zu. Sie verlassen die vertraute Komfortzone ihrer Branche. Sie lernen Vielfalt und verschiedene Sichtweisen zu schätzen. Sie lernen ihre eigene Leidenschaft und Begeisterung kennen. Wenn was weniger gut klappt, lernen sie aus ihren Fehlern. Und – vielleicht am wichtigsten -: Sie hören auf, das Publikum als Content-Konsumenten zu betrachten.

They do not live for your ‘sharables’. They aren’t sitting with index fingers hovering over the like button, eagerly awaiting your next witty post. They have lives and you are a small, teensy part of their daily thoughts. If they don’t think of anything else other than you, you have a bigger problem on your hands.

Tara Hunt verrät uns ihr „Geheimnis“, wie guter „social content“ aus dieser Haltung heraus entstehen kann.

One that is service-oriented and empathetic. A question I always pose to people I work with on content is, “Is this going to make people feel better? Smarter? More in control of their lives? Help them look good to their friends? Help them make more friends? Give them tools to grow? Save them a headache? Time?” If the answer is no, you are really just adding noise. If a tv, paper or magazine constantly put out content that did nothing but serve their own interests, they wouldn’t last long. Every brand has to think like a newsroom now (while every newsroom has to think like a brand, really).

Written by Östermann

26. April 2015 at 14:12

Was gute Führung ausmacht (9): Sinn stiften oder Die Frage nach dem Warum

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Führungskräfte sollen heute Sinn stiften können. Spätestens seit Karl Weick gilt das Sense-Making weithin als Kern des Organisieren. Kaum ein Beobachter, der sich mit Unternehmensführung beschäftigt, kommt ohne Hinweis auf diese Fähigkeit aus. Peter Kruse z.B. weist auf eine Fähigkeit hin, die Führungskräfte in Zeiten der Veränderung zusätzlich brauchen. Sie müssen die Frage nach dem Warum beantworten, wenn sie die Intelligenz der Menschen in der Organisation nutzen wollen.

Einen wichtigen Aspekt der Sinnstiftung, die Sprache, hat Simon Sinek vor einigen Jahren bei einem TED-Auftritt näher beleuchtet.

Die Werte sind entscheidend, wenn Menschen einem Produkt folgen. Simon Sinek stellt dies mit einem „goldenen Kreis“ dar. Marketing funktioniert bei den meisten von außen nach innen: what, how, why. Alle wissen, was jemand macht. Manche wissen auch, wie sie es machen. Aber nur wenige wissen, warum sie es tun. Apple, die Gebrüder Wright und Martin Luther King waren so erfolgreich, weil sie andere inspirieren konnten. Sinek hat festgestellt, dass sie genau umgekehrt kommunizierten.Von innen nach außen: why, how, what. Sie waren in der Lage, das „Warum“ zu vermitteln, die unscharfen Werte. Die Leute kauften nicht für Apple, sondern für sich selbst. Die Gebrüder Wright schafften es trotz geringer Mittel und widriger Umstände, zu fliegen, weil sie von ihrer Idee überzeugt waren und dafür begeistern konnten. Die Leute fuhren nicht für Martin Luther King acht Stunden im Bus nach Washington D.C., sondern für sich selbst. Das „I believe …“ des Martin Luther King war das „I believe“ der 200.000 hoffnungsvollen Zuhörer. Dazu Sinek: 

By the way, he gave the „I-have-a-dream“-speech, not the „I-have-a-plan“-speech.

Die Leute kaufen nicht, was wir tun, sondern warum wir es tun. Der Glaube an bestimmte Werte ist entscheidend. Sinek nennt es „purpose, cause, believe“, den Existenzgrund einer Organisation. Sinek unterscheidet folgerichtig „leaders and those who lead”.

Leaders hold a position of power or authority. Those who lead inspire us.

Das knüpft an Frederic Laloux an, der Organisationen betrachtet hat, die sich selbst gewissermaßen neu erfunden haben. Diese Organisationen leben einen Sinn, einen schöpferischen Impuls, einen „purpose“ der ihnen inhärent ist. Eine Organisation, stellt Laloux fest, habe selbst einen Sinn für die Richtung, einen schöpferischen Impuls, etwas das sie manifestiert sehen möchte. Gemeinsam ist diesen Organisationen, dass sie eine Antwort auf drohenden Sinnverlust gefunden haben. Sie alle wissen, was der gemeinsame Sinn ist. Sie haben Worte für das Warum, das Wie und das Was!

Aus der Perspektive der digitalen Transformation betrachtet Gerd Leonhard den Mangel an Sinnstiftung. Er sieht die Welt auf dem Weg zum Überfluss. Musik, Videos, Bücher, Wissen – vieles, was früher knapp war und auch heute oft noch knapp ist, wird in der digitalen Zukunft im Überfluss verfügbar sein. Aber wer soll das alles nutzen?

Der Überfluss ist sichtbar, sozusagen „außen“. Die neue Knappheit verbirgt sich „innen“.

We have abundant options. What will really be scarce, is trust, experience and purpose.

 

 

 

Written by Östermann

17. Januar 2015 at 15:52

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