Östermanns Blog

Medienwandel, Strategie, Unternehmensführung im Wandel, Komplexität, nächste Gesellschaft

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Manifeste (7): Das terrestrische Manifest von Bruno Latour

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In der Reihe der Manifeste, die ich hier bisher vorgestellt habe, bildet dieses Beispiel eine Ausnahme. Es befasst sich nur am Rande mit der Digitalisierung und verzichtet auf zusammenfassende Thesen. Vielmehr spannt es den großen Bogen. Es versucht nicht weniger, als die Strömungen und Verwerfungen des historisch beispiellosen gesellschaftlichen Umbruchs zu erklären. Ein wichtiges Buch!

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I

In einem Interview mit der FAS erläutert der französische Vordenker Bruno Latour seine Sicht auf das Scheitern der Moderne, auf den gegenwärtigen Epochenwandel und auf die Aussichten auf ein neues Paradigma. Er lüftet den Schleier um die viel diskutierte Orientierungslosigkeit, die die Menschen erfasst hat.

Die Alternativen, die die konservativen Bewegungen heute anbieten, wenn sie von Identität oder von Mauern sprechen, sind ein Mythos. Aber kein größerer Mythos als die Ideologie der Globalisierung, die Vorstellung, dass wir alle Unterschiede auslöschen können und am Ende alle eine große Masse werden. Wenn sich Menschen nach solchen Mythen sehnen, dann liegt das daran, dass es kein anderes Angebot gibt. Die Alternativen sind nicht die Abstraktion des Globalen, die der Neoliberalismus anbietet, einerseits, und ein lokales Leben, wie es sich die AfD vorstellt. Der Trick ist zu sagen: Lasst uns ein Wort wie „Heimat“ wieder verwenden. Europa als Heimat. „Heimat“ muss gerettet werden. Ja, das sind Konzepte der Reaktionären. Aber warum lassen wir zu, dass sie reaktionär sind? Vor allem dürfen wir uns nicht einreden lassen, dass die Begriffe, die von der Neuen Rechten wiederbelebt werden, konkret sind. Nichts ist weniger konkret als „Make America great again“. Das ist der Grund, warum die Menschen die Orientierung verloren haben: Sie leben zwischen zwei kompletten Abstraktionen.

II

Aber wie sich orientieren? In seinem Buch „Das terrestrische Manifest“ macht Latour den Versuch, die widerstreitenden Strömungen historisch einzuordnen und den Epochenwandel zu erklären. Er geht von der Annahme aus, dass alle grundlegenden Probleme unserer Zeit wesentlich mit der Klimafrage verbunden sind.

Ohne den Gedanken, dass wir in ein Neues Klimaregime eingetreten sind, kann man weder die Explosion der Ungleichheiten, das Ausmaß der Deregulierungen, die Kritik an der Globalisierung noch, vor allem, das panische Verlangen nach einer Rückkehr zu den früheren Schutzmaßnahmen des Nationalstaats – was, sehr zu Unrecht, als „Aufstieg des Populismus“ bezeichnet wird – verstehen. (S. 10)

Er versucht mit diesem Essay, skizzenhaft eine „Karte der Positionen zu entwerfen, die uns durch diese neue Landschaft aufgezwungen werden“. Der Brexit, der Wahlsieg Trumps und die Ausweitungen der Migrationen sind für ihn drei historische Ereignisse, die auf ein und dieselbe „Metamorphose“ hindeuten. Eine neue Kartierung ist notwendig, weil, so Latour, der erträumte Boden der Globalisierung beginnt, sich zu entziehen.

Die Angst sitzt deshalb so tief, weil jeder von uns zu spüren beginnt, wie der Boden unter den Füßen wegsackt. (S. 13)

Als das entscheidende historische Ereignis wertet er das Pariser Klimaabkommen vom 12. Dezember 2015. Damit sei allen mit Schaudern klar geworden, dass der Planet nicht mitwächst.

Wenn es also den Planeten, die Erde, den Boden, das Territorium, die den Globus der von allen Ländern angestrebten Globalisierung beheimaten sollten, nicht gibt, dann verfügt niemand mehr über ein sicheres „Zuhause“. (S. 14)

Jeder Einzelne stehe damit vor der Frage: das Problem leugnen oder versuchen, sich zu erden? Die einen versuchen, an der Globalisierung festzuhalten. die anderen wollen zurück zu einem Lokalen, das es nicht mehr gibt.

Beide Seiten wollen so schnell wie möglich fliehen und überbieten sich dabei an Irrationalismus: Sprechblase gegen Sprechblase, Gated Community gegen Gated Community.

Aus dem Spannungsverhältnis ist ein Abgrund geworden. Der gemeinsame Horizont ist verschwunden. Etwas hat die Richtung des Zeitpfeils verändert. (S. 41)

Latour spürt ausführlich dem klassischen Zeitpfeil der Moderne nach, der vom Lokalen zum Globalen verlief. Am Geschichtsverlauf konnte sich jeder klar orientieren, egal ob Befürworter oder Gegner. Die einen waren vorne, die anderen hinten. Auch das klassische Rechts-Links-Schema der Politik war auf diesen Verlauf ausgerichtet. Linke und rechte Gruppierungen waren sich in allem uneins, nur nicht in der Stoßrichtung der historischen Entwicklung.

Diese Klarheit der Entwicklung ist den Menschen verloren gegangen. Latour zeigt mit seinen Überlegungen auf, wie der Kompass neu kalibriert werden kann.

Dass die Situation sich trotz allem aufklärt, liegt daran, dass wir nicht zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Verweigerung und Hinnahme der Modernisierung schweben, sondern, um 90 Grad gedreht, zwischen dem alten und einem neuen Vektor, vorwärts getrieben von zwei Zeitpfeilen, die nicht mehr in dieselbe Richtung verlaufen. (S. 50)

Latour nennt diesen neuen Pol, diesen dritten Attraktor, der jenseits des alten Zeitpfeils  verläuft, das TERRESTRISCHE. Er wählt diesen Begriff, weil mit den gewohnten Begriffen, wie „Erde“, „Natur“, „Boden“ oder „Welt“, sofort Assoziationen mit dem von außen betrachteten „blauen Planeten“ geweckt werden. Im Anschluss an Lovelock von „Gaia“ zu sprechen, so Latour, würde zwar passen, erforderte aber eine Unmenge Seiten, um zu beschreiben, wie dieser Name zu verwenden ist.

Das ist die Kernbotschaft dieses aufschlussreichen Essays: Mit dem TERRESTRISCHEN ist ein neuer politischer Akteur auf die Bühne getreten. Heute geht es nicht mehr um kleine klimatische Schwankungen, sondern um eine Erschütterung des gesamten Erdsystems.

Natürlich haben die Menschen schon immer ihre Umwelt verändert, aber dieser Begriff bezeichnete nur ihr Umfeld, das, was sie im präzisen Sinne umgab. Sie selbst bildeten weiterhin die Hauptfiguren, veränderten lediglich am Rande das Dekor ihrer Dramen. … Die Menschen sind nicht mehr die einzigen Akteure, sehen sich zugleich aber mit einer Rolle betraut, die viel zu groß für sie ist. (S. 54f.)

Ausführlich beleuchtet Latour die Auswirkungen dieser „großen Transformation“ auf Politik, Ökologie, Ökonomie und Wissenschaft. Einige Gedankensplitter mögen hier genügen, um die Reichweite seiner Überlegungen anzudeuten.

Mit der Industrialisierung und der sozialen Frage hat sich eine Grundstruktur der Gesellschaft herausgebildet, die sich bis heute an sozialen Klassen orientiert, die durch ihre Stellung im Produktionsprozess bestimmt sind. Heute nehmen wir, so Latour, wahr, dass dieses System viel zu eng definiert war. Das 21. Jahrhundert sei das Zeitalter der neuen geo-sozialen Frage.

Die territorial definierten Klassen bringen andere Klassifizierungen hervor. Jetzt ist eine Karte der Kämpfe der geo-sozialen Plätze zu entwerfen und so endlich auszumachen, worin ihre wirklichen Interessen bestehen, mit wem sie sich verbünden und gegen wen sie kämpfen werden. (S. 75)

Die Ökonomie begann im 17. Jahrhundert, die Natur in sich zu integrieren und nur noch als Produktionsfaktor darzustellen. Die Praktiken aus den Archiven anderer Völker, denen jede Vorstellung von Ressource und Produktion fremd war, taugten lange nur für ethnographische Museen. Erst jetzt werden alle diese Praktiken zu kostbaren Lernmodellen für das Überleben in der Zukunft, so Latour.

Seit dem 17. Jahrhundert dominiert in der Wissenschaft das mechanistische Weltbild, mit der sie den Blick vom Universum aus auf die Erde richtet. Erkennen heisse seither, so Latour, von außen erkennen.

Der Planet hat sich letztlich von TERRESTRISCHEN entfernt, weil alles so verlief, als ob die vom Universum aus betrachtete Natur begonnen hätte, langsam an die Stelle der von der Erde aus erschauten Natur zu treten, sie zu überlagern und zu vertreiben; also jener Natur, die von innen alle Phänomene der Entstehung erfasst, hätte erfassen können, weiterhin hätte erfassen müssen. … Man begann, nicht mehr viel vom Geschehen auf ERDEN zu sehen. (S. 83)

Erforderlich ist also die Abkehr von einer wissenschaftlichen Grundhaltung, die die  Teilnahmslosigkeit fördert. Die dünne Membran, in der alles Leben auf der Erde sich konzentriert, ist die Kritische Zone. Darauf sollte sich Wissenschaft beziehen. In den Naturwissenschaften sei sorgsam zu unterscheiden zwischen denen, die sich dem Universum widmen, und jenen, die sich der prozesshaften Natur zuwenden. Alle Wissenschaften seien nötig, um die Situation auf Erden wirksam zu beschreiben. Sie müssten jedoch anders positioniert werden. Was not tue, sei, so kaltblütig und nüchtern wie möglich die erhitzte Aktivität einer endlich von Nahem erfassten Erde zu erkennen.

Latour ist bei aller Tiefe seiner Gedanken, daran gelegen, den Bogen hin zu einer anderen Praxis zu spannen, ohne schneller sein zu wollen als die sich vollziehende Geschichte, wie er ausdrücklich klarstellt.

Die Frage ist nicht, wie die Unzulänglichkeiten des Denkens ausgeräumt werden können, sondern wie es möglich wird, vor einer Landschaft, die sich gemeinsam erforschen lässt, ein und dieselbe Kultur miteinander zu teilen und denselben Herausforderungen zu trotzen. Wir stoßen hier auf den gewohnten Fehler der Epistemologie, nämlich, dass etwas intellektuellen Defiziten zugeschrieben wird, was in Wahrheit einem Defizit an gemeinsamer Praxis geschuldet ist. (S. 35)

Latour weiß, dass eine neue Praxis entscheidend davon abhängt, ob es gelingt, den Menschen ein Gefühl des Beschütztseins zu vermitteln, ohne gleich wieder auf Identität und die Verteidigung der Grenzen zu pochen. Im TERRESTRISCHEN ist das möglich durch Verbindung dessen, was sich in der Globalisierung gegenseitig ausschloß:

Sich an einen Boden binden einerseits, welthaft werden andererseits. (S. 107)

Beides hat aber mit den alten Strömungen zum Lokalen oder zum Globalen nichts mehr zu tun.

Es ist sinnlos, die Wesen, welche die im Kampf befindlichen Territorien beleben, aus denen das TERRESTRISCHE besteht, wieder hinter nationale, religiöse, ethnische, identitäre Grenzen drängen zu wollen; genauso sinnlos ist es aber auch, sich aus diesen Territoriumskämpfen, um sich auf das Niveau des Globalen zu erheben und die Erde „als ein Ganzes“ zu erfassen. Denn das TERRESTRISCHE ist gerade durch die Subversion der zeitlichen wie räumlichen Stufen und Grenzen definiert. Diese Macht wirkt überall gleichzeitig, weist allerdings keine Einheit auf. Sie ist politisch, aber nicht staatlich. Sie ist buchstäblich atmosphärisch. (S. 108)

Latour schlägt vor, von einer auf Produktionssysteme zu einer auf Erzeugungssysteme bezogenen Analyse zu wechseln. Das bedeutet, Abschied zu nehmen von der Vorstellung, dass die Freiheit des Menschen präzise Grenzen erkennen ließe, wenn sie sich entfalten könnte. Demgegenüber sei das Erzeugungssystem nicht daran interessiert, für Menschen Güter aus Ressourcen zu produzieren, sondern Erdgeschöpfe zu erzeugen – alle Erdgeschöpfe und nicht nur Menschen. Es geht also darum, Bindungen zu kultivieren.

Was tun? Zunächst beschreiben! Und er warnt zugleich davor, diesen Schritt zu überspringen. Jede Politik sei unehrlich, ja verlogen und schamlos, die nicht den Vorschlag mache, zuerst die unsichtbar gewordenen Lebensterrains wieder zu beschreiben, und stattdessen Programme lanciere.

Wie könnten wir politisch handeln, wenn wir vorher nicht Lebewesen für Lebewesen, Kopf für Kopf, Zentimeter für Zentimeter inventarisiert und vermessen haben, woraus sich das Terrestrische für uns zusammensetzt? … Das gilt für einen Wolf wie für eine Bakterie, für ein Unternehmen wie für einen Wald, für eine Gottheit wir für eine Familie. (S. 109)

Eine solche Liste zu erstellen, ist gleichwohl schwierig. Erst wenn man sich die erforderlichen Fragen stelle, merke man, wie ignorant man sei. Entsprechende Fragen klingen etwa so: Woran hängen Sie am meisten? Mit wem können Sie leben? Wessen Überleben hängt von Ihnen ab? Gegen wen werden Sie kämpfen müssen?

III

Der Essay ist von großer Tragweite. Auch wenn es das Anliegen von Latour verfehlt, so lädt das Modell der Attraktoren dazu ein, Meinungen und Konzepte daran zu messen, wie weit sie sich noch auf dem alten Zeitpfeil der Modernisierung bewegen oder ob sie zum Umschwenken auf den neuen Zeitpfeil beitragen. Weil es eine intensive Auseinandersetzung mit dem neuen Pol braucht, um den neuen Zeitpfeil überhaupt erst einmal zu verstehen, ist es besonders interessant, Äußerungen zu suchen, die in Richtung des neuen Pols weisen könnten. Deshalb hier einige  Beispiele, die ich in diesem Sinne bemerkenswert finde.

Mit welchen Themen wir es zu tun bekommen, wenn es darum geht, gemeinsame Antworten auf diese grundlegenden Fragen der Menschheit zu finden, zeigt die derzeit breite Diskussion über das Entstehen von Ideologien oder über Meinungsbildung in der Gesellschaft.

Im ZKM in Karlsruhe gab es 2015 zu demselben Thema ein Ausstellungsprojekt, das von Bruno Latour mit anderen kuratiert worden war: Reset Modernity. Diese Ausstellung hatte damals diese radikal andere Denkweise mit Fotokunst, Videos und Installationen veranschaulicht. Wer sich vertiefen möchte, dem sei das Fieldbook zur Ausstellung empfohlen.

Die Stimmen mehren sich, die dazu beitragen, die Schockstarre zu überwinden und sich grundsätzliche mit dem gegenwärtigen Epochenwandel auseinandersetzen. Ein Beispiel hierfür hat dieser Tage Bernd Scherer, der Intendant des Hauses der Kulturen in Berlin, geliefert. Er stellt in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung die Zusammenhänge von Naturausbeutung, Technologie, Kybernetik und Design menschlicher Lebenswelten als  „planetarische Transformation“ des Anthropozän verständlich dar. Er schlägt Kulturprojekte vor, in denen der Mensch seine aktive Rolle zurückgewinnen kann.

Statt einer rein produktorientierten Technologieentwicklung, die selbst menschliches Leben zum Gegenstand von Geschäftsmodellen macht, benötigen wir Probebühnen für die neuen Phänomene, in denen soziale Akteure, Wissenschaftler und Künstler gemeinsam Zukunftsentwürfe erproben. Die Probebühnen sind einerseits Orte der Praxis, in ihnen werden Weltausschnitte hergestellt. Anderseits sind sie im Sinne der künstlerischen Praxis Orte der Imagination. Es geht auf den Probebühnen nicht um das Erzeugen von Fakten und Objekten, sondern den Entwurf von Möglichkeiten, um vor der endgültigen Realisierung in einem gesellschaftlichen Prozess, in dem die Betroffenen der Anthropozänentwicklung selbst auch Akteure werden, Optionen, Denk- und Wahrnehmungsweisen durchspielen zu können.

Einen viel beachteten Beitrag hat Bernd Ulrich unter dem Titel „Wie radikal ist realistisch?“ kürzlich in DIE ZEIT veröffentlicht. Seine Argumentation kommt den Überlegungen von Latour ziemlich nahe. Zum Beispiel üben beide deutliche Kritik an den Medien. Bernd Ulrich beklagt, dass die Medien einem mechanischen Mitte-Reflex folgten, bei Themen wie Ökologie, Ernährung, Natur, Landwirtschaft zu einem „sehenden Verdrängen“ beitrügen, die wesentlichen Fragen nicht stellten und damit geistige Schonräume erzeugten. Selbstkritisch verweist er auf den grundlegenden Lernbedarf der Medien.

Üblicherweise wird der allgegenwärtige politische Gradualismus durch den Journalismus weniger hinterfragt als vielmehr eskortiert. Der Grund dafür liegt darin, dass sich dieses Verfahren jahrzehntelang bewährt hat. Darum kostet es die Medien, auch die ZEIT, auch den Autor dieser Zeilen viel Kraft, sich aus dem Gelernten und Gelungenen zu lösen, selbst dann, wenn es immer öfter misslingt.

Noch deutlicher mit seiner Kritik an den Medien wird Bruno Latour, wenn er beklagt, wie die Medien die mit Milliarden Dollar finanzierte Desinformation über den Klimawandel unterschätzten, weil sie davon ausgingen, dass die Fakten für sich selbst sprächen.

Auch sie sind im Netz der Desinformation gefangen. (S. 35)

Schließlich sei auf eine aktuelle Studie hingewiesen, die der Komplexität des Geschehens gerecht zu werden versucht, indem sie das komplexe Zusammenspiel der widersprüchlichen Ziele berücksichtigt und der Politik so neue Wege aus der Klimakatastrophe aufzuzeigen versucht, wie das 1,5-Grad-Klimaziel des Pariser Abkommens doch noch erreichbar wäre. Das Mercator Research Institute for Global Commons and Climate Change betont, dass sich Lebensstil-Änderungen als besonders effizienter Weg zur Ergänzung der CO2Preisgestaltung erwiesen. Wenn die Menschen etwa Flugreisen und Fleischkonsum reduzieren, könnte dies die höheren kurzfristigen Kosten für frühzeitige Klimaschutzmaßnahmen ausgleichen helfen. Gunnar Luderer, einer der Co-Autoren der Studie, weist auf das Dilemma der Politik hin.

„Während die Möglichkeiten, solche Lebensstiländerungen herbeizuführen, oft sehr umstritten sind und daher nicht im Mittelpunkt der aktuellen politischen Diskussionen stehen, scheinen diese Veränderungen das größte Potenzial zur Reduzierung von Nachhaltigkeitsrisiken und zur Maximierung des Mitnutzens von Minderungsmaßnahmen zu haben“, sagt Luderer. „Gemeinsam können Politik und Menschen mehr erreichen, als sie denken.“

 

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Das Internet der Dinge – Was ist das? – Interview mit Dirk Helbing

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Dirk Helbing, Professor für Computational Social Science in Zürich, habe ich in diesem Blog schon häufiger erwähnt, z.B. hier, hier und hier. Aus meiner Sicht eine wichtige Stimme, weil er im Diskurs über die Digitalisierung und deren Folgen für Orientierung sorgt. In diesem Interview mit Gian Trapp erläutert er die Entwicklung des Internets der Dinge und ordnet es in die humanen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit verständlich ein. 

Das Interview spannt einen Bogen von der Vernetzung von Sensoren als der nächsten Stufe der Entwicklung des Internets, über die DSGVO und die informationelle Selbstbestimmung, über Facebook und die anderen selbsternannten Datensammler, über den chinesischen Weg der Totalüberwachung und die neofeudalen Tendenzen der gegenwärtigen Digitalpolitik, über den Wechsel des Wirtschaftssystems hin zu einer Aufmerksamkeitsökonomie, über Ängste vor all diesen Entwicklungen und die Chancen, mit den unvorstellbar großen Datenmengen eine digitale Demokratie zu verwirklichen.

Anschauen. Eine halbe Stunde, die sich lohnt.

Sensoren (10): Peter Sloterdijk über die Zukunft der Arbeit

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Das Hauptargument ist und bleibt Migration.

Peter Sloterdijk bettet seine Betrachtungen zur Zukunft der Arbeit bei der  Auftaktveranstaltung an der Universität Augsburg des Projekts TEAM 4.0 in die ganz großen Zusammenhänge der Menschheitsgeschichte ein, die wesentlich von Wanderungsbewegungen geprägt sei.

Er verweist besonders auf den kanadischen Journalisten Doug Saunders, der mit seinem viel beachteten Buch „Arrival City“ auf die Wanderungsbewegungen vom Land in die Städte hingewiesen hat. Diese Wanderungsbewegung sei in Europa zwischen 1800 und 1960 abgeschlossen worden. Weltweit wiederhole sich dieser Vorgang nach demselben Muster. Ob aus Suburbia Favelas würden, hänge davon ab, wie die Städte und die Politik die nötigen Vorkehrungen träfen.

Woran man verweilen muss, dass es zwischen den großen produzierenden Nationen, die authentische Arbeitskulturen hervorgebracht haben, einen Kampf gibt um die Abwerbung der Talente. Es wird um jene Menschen gehen, die an der Hyperalphabetisierung telgenommen haben. Das sind die, die nicht nur Lesen und  Schreiben, sondern Lesen, Schreiben und Programmieren gelernt haben. Der Wettbewerb um diese hyperalphabetisierte Minorität wird die Geistesgeschichte der nächsten Jahrzehnte mit bestimmen.

Sloterdijk wählt deutliche Worte. Die hochentwickelten Systeme seien nicht in der Lage, ihren eigenen Qualitätsnachwuchs mit Bordmitteln zu erzeugen.

Sie müssen die Bildungswesen anderer konkurrierender Systeme kannibalisieren. Die Amerikaner haben dafür den terminus technicus schon seit Jahrzehnten an der Hand: „brain drain”. Ein reimendes Wort für eine ungereimte Sache wie den neuen Kannibalismus. Das hat Wanderungsimplikationen. Denn es wird Wanderungen zwischen den Kulturen geben müssen.

Wir haben es aber – wenn wir Sloterdijk folgen – mit einer weiteren Migrationsbewegung zu tun.

Weil wir durch unsere anthropische Befangenheit zwischen Mensch und Dingen einen zu tiefen Graben zu ziehen gewohnt sind, haben wir nicht begriffen, dass wir ein Einwanderungsgebiet für Maschinen sind.

Sloterdijk verweist auf die 45 Mio. Fahrzeuge, die es neben den 82 Mio. Einwohnern in Deutschland gibt. Marshall McLuhan habe die Autos als „mechanical bride“ beschrieben.

Jetzt läuft die nächste Einwanderungswelle. Die der Roboter. Er nennt als Beispiel das saudische Megacity-Projekt Neom. Diese Stadt am Roten Meer solle nach den Vorstellungen des jungen saudischen Prinzen 25 Mio. Einwohner haben, davon mehr als die Hälfte Roboter. Der ersten „Roboterin“ ist bei der Ankündigung des Projekts auch gleich die saudische Staatsbürgerschaft verliehen worden.

Tatsache ist, dass an mehreren Fronten der Zeitgeist so weit war, dass er das Implantieren des Denkens in die Maschine in Auftrag gegeben hat. … Nach 70 Jahren sind die kleinen Maschinen unsere alltäglichen Begleiter geworden. Sie sind auch so etwas wie „mechanische Bräute“, nur viel smarter. Sie tragen zu unserem Selbstgespräch bei. Sie tragen dazu bei, dass das gute alte Familienalbum ausstirbt, weil wir eine neue Form der Selbstdokumentation entwickeln mithilfe dieser smarten Geräte.

Einen reizvollen Kontrast bilden die Überlegungen des Philosophen zu den Annahmen, die das White Paper des World Economic Forum für 2030 in acht Szenarios für die Zukunft der Arbeit beschreibt. Die Szenarios gründen auf drei Megatrends, die sich dadurch auszeichnen, dass sie gleichermaßen hoch unsicher und hoch wirksam sind: technologischer Wandel, Wandel des Lernens und die Mobilität der Talente.

Vier der Szenarios nehmen eine hohe Mobilität der Talente an: Mass Movement, Polarised World, Skilled Flows und Agile Adapters. Die Auswirkungen dieser Szenarios reichen von Spannungen zwischen hochgebildeten und geringer gebildeten Arbeitnehmern, ökonomische Enklaven, Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung technisch Besitzloser.

Bei geringer Mobilität ergeben sich, je nach der Ausprägung des technologischen Wandels und der Lernentwicklung, die anderen vier Szenarios: Workforce Autarkies, Robot Replacements, Empowered Entrepreneurs und Productive Locals. Diese Szenarios nehmen vor allem staatliche Gegenmaßnahmen gegen den Brain Drain an. Sie zeigen jedoch, dass dies auch einen hohen Preis fordern würde. Lokale Arbeitsmärkte ohne Ideenaustausch und Wissenstransfer, langfristig Verlust der Wettbewerbsfähigkeit oder Ersatz großer Teilarbeitsmärkte durch Automation und Roboter. Auch ein Szenario, wie die Agile Adapters, das vordergründig dem Zeitgeist zu entsprechen scheint, ist mit gravierenden gesellschaftlichen Auswirkungen verbunden.

Not everyone can keep up and many people feel marginalised and dislocated from society.

Während der Philosoph rät, uns auf etwas gefasst zu machen, raten die Ökonomen zu einem Navigieren zwischen den Szenarios durch entschlossenes Handeln.

If you are an educator, worker, employer, student, elected representative or government official the manner in which the seismic change ahead is navigated will depend very much on decisive action.

Peter Sloterdijk trägt am Ende seines Vortrags einen Wunsch vor, den man den Politikern gerne als Rat zu entschlossenem Handeln mitgeben möchte.

Es könnte eines Tages dahin kommen, dass die robotische Invasion fiskalisch interpretiert werden muss. Das will soviel sagen, wie dies, dass die Roboter als Nettobeitragszahler erschlossen werden. Und dass so ein tüchtiger Roboter kräftig in die Progression kommt, das fände ich geradezu eine herzerwärmende Zukunftsvision.

Written by Östermann

24. Februar 2018 at 13:59

Sensoren (9): Aviv Ovadya warnt vor einer Informationskrise durch künstliche Intelligenz

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Blüht uns in der nahen Zukunft eine durch Big Tech verursachte Informationskrise, in der niemand mehr Fakten von Fake unterscheiden kann?

Aviv Ovadya, Chief Technologist am Center for Social Media Responsibility, warnt, nach einem Beitrag von BuzzFeedNews, vor den Möglichkeiten, mit künstlicher Intelligenz die Aussagen in Videos zu manipulieren. Neueste Algorithmen ermöglichen es, etwa einem Politiker jede beliebige Aussage täuschend echt in den Mund zu legen.

Gefahr droht, so Ovadya, besonders durch das rasante Tempo, mit dem sich künstliche Intelligenz und Maschinenlernen entwickeln. Es übersteigt unsere Fähigkeit, die Risiken dieser Technologien überhaupt zu verstehen.

Technologies that can be used to enhance and distort what is real are evolving faster than our ability to understand and control or mitigate it. The stakes are high and the possible consequences more disastrous than foreign meddling in an election — an undermining or upending of core civilizational institutions, an „infocalypse.”

Ein mögliches Muster in seinem Szenario nennt er „Wirklichkeitsapathie“ (reality apathy). Sie könnte sich schnell einstellen, wenn die Menschen permanent mit gefälschten Informationen überflutet werden. BuzzFeedNews schreibt:

Beset by a torrent of constant misinformation, people simply start to give up. Ovadya is quick to remind us that this is common in areas where information is poor and thus assumed to be incorrect. The big difference, Ovadya notes, is the adoption of apathy to a developed society like ours. The outcome, he fears, is not good. “People stop paying attention to news and that fundamental level of informedness required for functional democracy becomes unstable.”

Der Beitrag nennt eine ganze Reihe von Beispielen, die das Vertrauen in unsere Informationsumgebungen zerstören können, wenn solche Werkzeuge in falsche Hände geraten. VoCo ist eine Anwendung, die Adobe gerade entwickelt. Das „Photoshop für Audios“ ermöglicht die Korrektur von Audios ganz einfach mit der Computertastatur. Google entwickelt ein neuronales Netzwerk, ein „generative adversarial network“ (GAN), das die Glaubwürdigkeit von Fake News eigenständig steigern kann. Gefährliche Entwicklungen, die dazu führen können, dass die Glaubwürdigkeit jeglicher Information ausgehöhlt wird.

“In the next two, three, four years we’re going to have to plan for hobbyist propagandists who can make a fortune by creating highly realistic, photo realistic simulations”

so zitiert der Beitrag von BuzzFeedNews Justin Hendrix vom NYC Media Lab.

“And should those attempts work, and people come to suspect that there’s no underlying reality to media artifacts of any kind, then we’re in a really difficult place. It’ll only take a couple of big hoaxes to really convince the public that nothing’s real.”

Ovadya, der sich der freien und Open-Source-Kultur zugehörig fühlt, betont, dass dies Worst-Case-Szenarien sind. Notwendig ist im nächsten Schritt die Information einer breiten Öffentlichkeit über diese Entwicklungen.

Convince the greater public, as well as lawmakers, university technologists, and tech companies, that a reality-distorting information apocalypse is not only plausible, but close at hand.

Was nährt die Hoffnung, dass sich ein Best-Case-Szenario durchsetzen wird und die Gesellschaft eine gesunde Balance der technologischen Entwicklung und einer wünschenswerten sozialen und gesellschaftlichen Entwicklung findet? Ovadya stellt einerseits eine wachsende Aufmerksamkeit auf digitale Propaganda-Räume und den aus ihnen erwachsenden Gefahren fest. Manche Checks and Balances fingen an zu greifen. Zum anderen setzt er auf die Entwicklung kryptografischer Methoden, mit denen die Echtheit von Videos und Audios nachgewiesen werden kann.

Beruhigend zu wissen, dass jede negative Entwicklung immer auch eine Gegenbewegung hervorruft.

Gefunden bei piqd

Written by Östermann

18. Februar 2018 at 11:00

Einflussreiche Nischen – Felix Stalder über die traditionellen Medien in der Kultur der Digitalität

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Bei einer Tagung des Forums für Universität und Gesellschaft an der Universität Bern hat Felix Stalder, Professor für Digitale Kultur und Netzwerktheorie an der Züricher Hochschule der Künste, im November über die Veränderung der Kultur in der digitalen Welt, über deren Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung und über die gesellschaftlichen Folgewirkungen gesprochen.

Der Vortrag fasst zugleich Kernaussagen seines Buches „Kultur der Digitalität“ zusammen. Seine Betrachtung des Kulturwandels, wie wir ihn gerade erleben und betreiben, möchte ich hier in den wesentlichen Punkten und mit Blick auf die Medien nachzeichnen.

Traditionelle Massenmedien können mit dieser Vielfalt strukturell ganz schlecht umgehen.

Die Gründe leitet Stalder in seinem Vortrag in mehreren Schritten her. Er versteht Kultur als die Prozesse zur Verhandlung von sozialer Bedeutung. Wie wollen wir leben?

Kultur ist … handlungsleitend. Es geht nicht nur darum, den Sinn des Bestehenden zu erfahren, sondern immer auch darum, die Richtung des Zukünftigen zu bestimmen.

Viele Entwicklungen, die wir heute voreilig der Digitalisierung zuschreiben, sind schon lange angelegt. Die Digitalisierung wirkt weniger als Auslöser, sondern vielmehr als Verstärker sozialer Strömungen. Es gelingt den gesellschaftlichen Gruppen immer weniger, Interessen für verbindlich und legitim zu erklären. Der Bezugsrahmen, der zur Konsensfindung  herangezogen werden muss, ist immer komplexer und widersprüchlicher geworden. Weil die Herausforderungen so groß geworden sind, sind einfache Antworten so attraktiv. Die Veränderungen waren lange Zeit quantitativer Natur. Die neuen Handlungsmöglichkeiten und Praktiken, die uns das Netz beschert, haben mittlerweile zu einer qualitativen Veränderung geführt.

Stalder macht dies am Beispiel Design anschaulich. Im 19. Jahrhundert kam mit der Industrialisierung die Trennung von Entwurf und Fertigung. Am Anfang des 20. Jahrhunderts verband sich, etwa mit dem Bauhaus, die industrielle Massenfertigung mit einem gewissen demokratischen Anspruch. Der Kontext oder der Nutzer spielten jedoch noch keine Rolle. Mit der 68er Bewegung verbanden sich Design und Gesellschaftskritik, etwa im radical design. Das war, so Stalder, der erste große Bruch. Die Phase des Übergangs von der Industrie- zur Informationsgesellschaft war eingeläutet. Der Design-Prozess öffnete sich für Laien und für andere Disziplinen. Das Produkt entsteht in der Zusammenarbeit und interdisziplinär. Prozessorientierte Methoden und Feedback, die Abkehr vom Linearen, halten Einzug. In den 70er Jahren kommt das ökologische Design auf. Jede Planung zukünftigen Verhaltens wird als ein Akt des Designs verstanden.

In den 80er Jahren wird der Fokus auf die Lebenswelt eingeschränkt auf den Fokus des  Erlebnisses. In den 90er Jahren rückt die kulturelle Wolke um das Produkt, das Branding, in den Mittelpunkt. Es geht nicht mehr darum, ein praktisches Problem zu lösen, sondern eine neue Identität zu schaffen. Nach der Jahrtausendwende dehnt sich das Design auf Städte und Länder aus. Bilbao etwa verschafft sich mit dem Guggenheim Museum eine neue Stadtidentität. In den letzten Jahren hat sich das Design auf biologische Prozesse auszudehnen begonnen. Man denke etwa an Designer-Babies oder social freezing. Jetzt ergreift das Design die großen geologischen Verhältnisse, wie etwa das Wetter. Es ließe sich ergänzen, dass auch die Bundestagswahl drastisch gezeigt hat, wie sehr  politische Ereignisse, Parteien und ihre Programme mittlerweile vom Design geprägt werden.

Die historische Betrachtung lässt die ständige Ausdehnung von Werteentscheidungen erkennen. Immer mehr Menschen in immer vielfältigeren Kontexten sind daran beteiligt.

Wir müssen handeln, es besteht aber überhaupt kein Konsens dazu.

Die bestehenden Institutionen sind in die Krise geraten, seit mit dem Internet eine Infrastruktur zur Verfügung steht, die geeignet ist, mit großen Informationsmengen umzugehen. Dies lässt sich beispielhaft an den traditionellen Massenmedien aufgezeigen. Sie sind ratlos angesichts der Explosion von Themenfeldern und Standpunkten, wie sie seit der Jahrtausendwende im Netz zu beobachten ist. Es stellen sich nicht nur theoretische, sondern auch ganz alltagspraktische Fragen: Wie soll ich mich ernähren? Soll ich gentechnisch veränderte Lebensmittel essen oder nicht? Wie wir alle, so sind auch die Massenmedien mit der Informationsflut vollkommen überfordert.

Stalder macht drei Muster aus, wie in dieser Informationsflut Orientierung entsteht. Das erste Muster nennt er Referenzialität.

Es ist nicht mehr damit getan, die Informationen in Themenschwerpunkte – Innenpolitik, Außenpolitik, Wirtschaft, Kultur, Sport – zu sortieren. Wir haben eine unglaubliche Unübersichtlichkeit bei gleichzeitig gleichgültigem Durcheinander der Informationen. Die erste und aktive Leistung, die jeder Einzelne erbringen muss, ist, seine Aufmerksamkeit zu bündeln. Was von all diesen Dingen will ich sehen? Was ist mir wichtig? Irgendwie müssen wir auswählen aus diesem Zuviel von allem. Die Infrastrukturen .. mit den sozialen Medien sind im Wesentlichen dafür da.

Mit den Likes, Empfehlungen und Kommentaren wählen wir aus, was uns wichtig ist, und erzeugen damit gleichzeitig einen Bedeutungshorizont, einen persönlichen Weg durch die Unübersichtlichkeit.

Aus diesem Auswahlprozess entsteht das zweite Muster, die Gemeinschaftlichkeit. Ich erzeuge nicht nur meine Welt, die Welt, wie ich sie wahrnehme. Mit der Auswahl erzeuge ich umgekehrt auch mich in der Welt. Ich werde zu der Person, die diese Dinge interessant findet. Das ist die Einladung für die Unternehmen, die Daten sammeln, aber auch für das soziale Gegenüber. Die eigentliche Einheit, die den Bedeutungshorizont stabilisiert, ist die Gemeinschaft, in der die Bedeutung, die jeder Einzelne produziert, bewertet wird. Das Ergebnis ist ein, so Stalder, geteilter kultureller Horizont, in dem jeder verbunden mit anderen in der Welt steht. Diese Kultur sagt mir nicht nur, was ich machen soll, sondern zeigt mir auch Ressourcen, Wege und Handlungsanleitungen auf, wie ich mich in der Welt, die ich mit anderen erschaffe, verhalten soll.

Aber auch in diesen Gemeinschaften ist die Informationsflut nicht zu bewältigen. Wir brauchen Maschinen, die uns die Welt auf ein menschliches Maß vorsortieren. Stalder nennt dieses Grundmuster Algorithmizität.

Ohne Google wäre das WWW unbenutzbar. Von 10 Milliarden Websites gibt es uns 10. Erst dann können wir sagen, Nummer drei ist besser als Nummer vier.

Erst diese Selektion verschafft uns die Möglichkeit, als Individuen selbst ein Verhältnis zur Welt aufzubauen.

Maschinen generieren die Welt, bevor wir sie wahrnehmen. Im Unterschied zu den klassischen Massenmedien, die nach ihrem Selbstverständnis die Welt darstellen, wie sie ist, generieren die maschinellen Prozesse eine Welt, die ohne diese Prozesse so nicht existieren würde. In dieser generierten Welt bewegen wir uns zu unserer individuellen und gemeinschaftlichen Auswahl und Sinngenerierung.

Daraus entstehen neue Formen der Macht. Stalder betont, dass die Algorithmen, die Modelle und die Kategorien hinter diesem selbst erzeugten Bedeutungshorizont  Setzungen sind.

Sie haben Agenden und verfolgen Ideen, wollen Dinge ermöglichen und andere verhindern. Nichts davon ist … neutral, nichts davon einfach gegeben.

Die Konsequenzen, die mit dieser Entwicklung einher gehen, sind drastisch.

Wir haben eine Krise der Repräsentation, der Institutionen, die die Welt repräsentieren, die Welt ordnen. … Diese Institutionen verschwinden nicht einfach über Nacht. Aber es heisst, dass sie die Referenzrahmen, die Vorstellung, wie die Welt ist, was die Welt ausmacht, nicht mehr für alle verbindlich machen können. Sie werden eine Nische unter vielen anderen Nischen.

Es entstehen neue Institutionen, die diese Muster in institutionelle Realitäten  verwandeln. Es schälen sich dabei viele Varianten heraus. Stalder ordnet diese neuen Organisationsmodelle zwei grundlegenden Richtungen zu. Für die eine Richtung steht das Modell nach dem Beispiel Facebook. Es verkörpert und verstärkt die Tendenzen in Richtung einer Postdemokratie.

Wir haben eine Ausweitung von Beteiligungsmöglichkeiten. Alles ist partizipativ. Jeder kann mitreden. Gleichzeitig haben wir eine enorme Zentralisierung und Entkoppelung von Macht und Entscheidungsfähigkeit. Keinem User von Facebook würde es in den Sinn kommen, sich gewerkschaftlich zu organisieren, une eine andere Form der Nutzung privater Daten zu verlangen.

Für die andere Richtung, für Tendenzen in Richtung Commons, steht beispielhaft Wikipedia. Es steht, so Stalder,

für die Neuerfindung der demokratischen Mechanismen unter den Bedingungen der Digitalität, neue Mechanismen der Diskussion und der daran direkt angekoppelten Entscheidungen.

Das Modell der klassischen Medien ist in diesem Wettstreit um die Organisationsmodelle  der digitalen Gesellschaft außen vor.

Das Modell NZZ ist bereits heute eine Nische, wenn auch eine einflussreiche.

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In seinem Buch „Kultur der Digitalität“ (S. 17) charakterisiert Stalder Medien als Technologien der Relationalität, die es erleichtern, bestimmte Arten von Verbindungen zwischen Menschen und zu Objekten zu schaffen. Und in einer Fußnote zu dieser Feststellung schreibt Stalder weiter:

Entsprechend sind die neuen sozialen Medien auch Massenmedien, und zwar in dem Sinn, dass sie massenhaft verbreitete Muster sozialer Relationen prägen, die ähnlich gesellschaftsformend wirken, wie es die traditionellen Massenmedien vor ihnen getan haben.

Vor diesem Hintergrund wirkt der Streit zwischen den klassischen Medien, wie er derzeit in Deutschland und in der Schweiz heftig entbrannt ist, wie ein Anachronismus. Denn es geht vielmehr darum, welches der beiden Organisationsmodelle – Postdemokratie oder Commons – wir alle durch unser tägliches Handeln fördern.

Wer den Weg in Richtung einer Erneuerung der demokratischen Strukturen unter diesen Bedingungen einschlagen will, kann sich an der Schlussfolgerung orientieren, die Stalder in seinem Buch (S. 273f) zieht. Die neuen Commons bauen nicht nur eigene Strukturen parallel zu traditionellen Institutionen auf. Sie richten auch neue Forderungen an etablierte Institutionen.

Diese sollen ihre internen Abläufe und die Interaktion mit den Bürgern verändern, und zwar so, dass sie die Entstehung und das Wachstum von Commons unterstützen.

Mehr dazu:

Sensoren (8): Machtverschiebung und Regierung als Netzwerk

Sensoren (2): Frisst künstliche Intelligenz die Demokratie?

Sensoren (4): Geert Lovink über Social-Media-Wut, Technik-Reue und das Versagen der Medien

Written by Östermann

4. Februar 2018 at 11:00

Manifeste (5): The Onlife Manifesto

with one comment

This Manifesto is only a beginning …

Mit dem Onlife Manifesto haben 15 Wissenschaftlerinnen und Experten unter dem Vorsitz von Luciano Floridi, Professor für Philosophie und Informationsethik in Oxford,  im Auftrag der EU-Kommission von 2012 bis 2014 versucht, die Anforderungen an einen Umgang mit der Technologie (ICT) in Einklang mit dem Menschen auf den Punkt zu bringen.

Sie behalten dabei die hohe Dynamik der technologischen Entwicklung im Blick. Ihnen geht es um gemeinsame Reflexion auf dem Weg in die hypervernetzte Welt. Ähnlich wie andere Manifeste will auch dieses Manifest aufrütteln und einen Auftakt setzen. Das Besondere an diesem Manifest ist jedoch, dass es wissenschaftlich fundiert und strukturiert an die Aufgabe herangeht und damit zu einer schlüssigen Argumentation kommt. Dem Onlife Manifest geht es um die Auseinandersetzung mit den Bezugsrahmen der Gesellschaft, in denen Politik bestimmt wird.

Die Autoren nehmen an, dass ICT nicht mehr nur als Werkzeuge zu sehen sind, sondern als Umweltfaktoren auf unser Selbstbild (who we are), unsere Interaktionen (how we socialise), unsere Wirklichkeitsvorstellung (our metaphysics) und unsere Interaktionen mit der Wirklichkeit (our agency) einwirken.

Der Begriff „Onlife“ soll andeuten, dass es in der Erfahrung der hypervernetzten Welt nicht mehr sinnvoll ist, sich zu fragen, ob man online oder offline ist.

Im Fokus des Manifests steht die Moderne mit ihrer Haltung, die seit langer Zeit und bis heute durch Phantasien der Allmacht und Allwissens geprägt ist. Diese Haltung hat die technischen Errungenschaften ermöglicht, die jetzt einen Stand erreicht haben, in der sich die Verhältnisse in ihr Gegenteil verkehren.

In the onlife-world, artefacts have ceased to be mere machines simply operating according to human instructions. They can change states in autonomous ways and can do so by digging into the exponentially growing wealth of data, made increasingly available, accessible and processable by fast-developing and ever more pervasive ICTs. Data are recorded, stored, computed and fed back in all forms of machines, applications, and devices in novel ways, creating endless opportunities for adaptive and personalised environments. Filters of many kinds continue to erode the illusion of an objective, unbiased perception of reality, while at the same time they open new spaces for human interactions and new knowledge practices.
Die hohe Komplexität dieser Verhältnisse verlangt nach einer Neubewertung der individuellen und gemeinschaftlichen Verantwortung. Die Autoren zeigen das an den Begriffspaaren von Kontrolle und Komplexität sowie von privat und öffentlich.
Wer die sozialen und technischen Verhältnisse gestalten will, muss lernen, zwischen evolutionären und konstruierten Anteilen der Entwicklung – mit Rückgriff auf Hayek zwischen spontaner (Kosmos) und geplanter Ordnung (Taxis) – zu unterscheiden.
Therefore, interventions from different agents in these emerging socio-technical systems require learning to distinguish what is to be considered as kosmos-like, i.e., as a given environment following its evolutional pattern, and what is to be considered as taxis-like, i.e., within reach of a construction responding effectively to human intentions and/or purposes.
Das Internet erweitert den öffentlichen Raum immens, auch da, wo es von privaten Unternehmen betrieben wird. Neue Formen der Gemeinschaft zwischen privatem und öffentlichem Raum bilden sich heraus.
The notions of fragmented publics, of third spaces, and of commons, and the increased focus on use at the expense of ownership all challenge our current understanding of the public-private distinction.
Gleichwohl sei die Unterscheidung von privat und öffentlich wichtiger denn je. Auch wenn dem Öffentlichen gerne Pflicht und Kontrolle, dem Privaten dagegen Freiheit zugeschrieben werde, sei das Private mit Schwächen verbunden, während das Öffentliche wesentlich zu einem guten Leben beitrage.
We believe that everybody needs both shelter from the public gaze and exposure. The public sphere should foster a range of interactions and engagements that incorporate an empowering opacity of the self, the need for self-expression, the performance of identity, the chance to reinvent oneself, as well as the generosity of deliberate forgetfulness.

Aus diesen Unterscheidungen leiten die Autoren des Manifests drei Anforderungen an die politische Gestaltung der digital vernetzten Welt ab.

Der Schutz des verbundenen, freien Selbst

Vor dem Hintergrund der entfesselten technologischen Entwicklung und ihrer gesellschaftlichen Auswirkungen fällt den öffentlichen Dienstleistungen eine neue Aufgabe zu: der Schutz des relationalen Selbst in seiner Interaktion mit anderen, mit technologischen Gegenständen und der Natur. Dieses Manifest geht damit – so mein Eindruck – über das informationelle Selbstbestimmungsrecht deutlich hinaus. Hier scheint eine neuartige Infrastrukturleistung der öffentlichen Hand auf.
We believe that it is time to affirm, in political terms, that our selves are both free and social, i.e., that freedom does not occur in a vacuum, but in a space of affordances and constraints: together with freedom, our selves derive from and aspire to relationships and interactions with other selves, technological artefacts, and the rest of nature.
Die Interaktion zwischen freien Individuen ist nach diesem Verständnis grundlegend für ein gutes „Onlife“. Öffentliche Dienstleistungen dienen dazu, die Relationalität und die Interaktion mit anderen zu ermöglichen und aufrecht zu erhalten. Die Offenheit und Unvorhersagbarkeit menschlichen Verhaltens sind in ihrem Kern zu bewahren. Notwendig ist dazu ein politisches Konzept, wie das von Natur aus verbundene, freie Selbst zu schützen und zu fördern ist.

Die digital gebildete Gesellschaft

Das Manifest sucht Wege, wie öffentliche Räume plural gestaltet werden können,
where others cannot be reduced to instruments, and where self-restraint and respect are required.
Andauernde Verantwortung setzt voraus zu erkennen, wie unsere Handlungen, unsere Wahrnehmung, unsere Absichten, unsere Moral und unsere körperliche Beschaffenheit mit der Technik verwoben sind.
The development of a critical relation to technologies should not aim at finding a transcendental place outside these mediations, but rather at an immanent understanding of how technologies shape us as humans, while we humans critically shape technologies.
Für die Herausforderung des reflektierten Handelns im Geiste einer solchen kritischen Betrachtung des Verhältnisses von Technologie und Menschlichkeit hält das Manifest eine Metapher bereit:
Building the raft while swimming.

Der Schutz der knappen Ressource Aufmerksamkeit

Es herrscht immer noch ein enzyklopädischer Bildungsbegriff vor, auch wenn seine Grenzen täglich zu spüren sind. Menschen versuchen, durch erhöhte Anstrengungen weiterhin über die Ansammlung von Wissen auf Vorrat die Kontrolle zu behalten. Die Anstrengungen erweisen sich im Alltag zunehmend als vergeblich. Das manifest setzt deshalb beim Haushalten der individuellen und gemeinschaftlichen Aufmerksamkeit an.
We believe that societies must protect, cherish and nurture humans’ attentional capabilities.
Denn die Aufmerksamkeit ist knapp und kostbar. Die digitale Wirtschaft, so beklagt das Manifest, versucht, Aufmerksamkeit zur Ware, die auf Marktplätzen gehandelt wird, zu machen oder in Arbeitsabläufen zu kanalisieren.
But this instrumental approach to attention neglects the social and political dimensions of it, i.e., the fact that the ability and the right to focus our own attention is a critical and necessary condition for autonomy, responsibility, reflexivity, plurality, engaged presence, and a sense of meaning. Respect for attention should be linked to fundamental rights such as privacy and bodily integrity, as attentional capability is an inherent element of the relational self for the role it plays in the development of language, empathy, and collaboration. We believe that, in addition to offering informed choices, the default settings and other designed aspects of our technologies should respect and protect attentional capabilities.
Mit diesem Recht, über die eigene Aufmerksamkeit jederzeit unabhängig und eigenverantwortlich zu entscheiden, beschreibt das Manifest in gewissem Sinne ein neues Grundrecht für die digitale Welt.
Übrigens war kürzlich in DIE ZEIT ein Beitrag zu lesen über die Utopie einer Gesellschaft, die die Spaltung überwindet. Die Idee: Eine Karte, die die freie Benutzung von Zügen, Bussen und Straßenbahnen, Schulen und Universitäten, Bibliotheken und Theatern erlaubt. Dieses Beispiel zeigt, was gemeint mit öffentlichen Dienstleistungen gemeint sein könnte, die die Interaktion und Relationalität zwischen freien Mitmenschen fördern. Die freie Nutzung öffentlicher Güter könnte – so die These des Autors Mark Schieritz – dazu beitragen, den gesellschaftlichen Dialog und die Kreativität wiederzubeleben.
Die Möglichkeit zur kostenfreien Nutzung der Infrastruktur würde die Republik verändern. Die Deutschen würden experimentierfreudiger, neugieriger – in jeglicher Hinsicht mobiler. Sie würden ihr Land erkunden, Freunde und Verwandte besuchen. Es entstünden Orte, an denen Menschen unterschiedlichster Schichten sich treffen würden: in der Bahn, im Schwimmbad, in den Universitäten. Die Gesellschaft käme wieder mit sich ins Gespräch.

Manifeste (4): Digitaler Humanismus – ein Ausstellungsmanifest

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Als fast schon „anarchisches“ Gegenstück zur Petersberger Erklärung liest sich das Ausstellungsmanifest, das auf der Vienna Biennale 2017 für Kunst, Design und Architektur unter dem Titel Roboter, Arbeit, Unsere Zukunft entstanden ist. Die Ausstellung wollte

mit spekulativen und utopischen (oder dystopischen), aber auch vielversprechenden praktischen Szenarien ein komplexes Bild unserer zukünftigen digitalen Welt zeichnen.

Und weiter heisst es zum Ausstellungskonzept:

Im Mittelpunkt steht dabei der Mensch, der in einer Zeit radikalen Umbruchs vor allem eines braucht: Orientierung!

Ein komplexes Bild zu zeichnen und damit Orientierung zu stiften, kommt schon einer   waghalsigen Gratwanderung gleich. Doch wer sich darauf einlässt, kann sich sicher sein, dass er sich mit Irritationen versorgt, die das persönliche Bild der gegenwärtigen Zukunft nachhaltig erschüttern. Am besten funktioniert das über die App.

Die App ist so programmiert, dass Sie Ihr eigenes digitales Manifest kreieren, indem Sie die Antworten, die Sie nicht mögen, weglassen und diejenigen behalten, denen Sie zustimmen.

Die Entscheidung über jeden einzelnen Satz nach dem Ja-Nein-Schema lässt den App-Nutzer spüren, wie vielfältig die Themen und wie ausgeprägt die kulturelle Dimension der Digitalisierung sind. Betroffenheit statt Orientierung. Andererseits bringt die Sprache mit dem gebetsmühlenhaften „Wir wollen …“ einen fast schon trotzigen Beiklang in das Manifest. Ganz unbekümmert reiht es Wünsche und Forderungen aneinander. Auch die Adressaten sind dabei ganz breit gestreut. Verantwortliche in Politik, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft dürfen sich angesprochen fühlen, wie natürlich auch die Lesenden selbst. Die Aussagen sind von einem großen sozialen und ökologischen Verantwortungsgefühl getragen.

In 119 Sätzen, Forderungen, Grundsätzen beschreiben die 20 Autorinnen und Autoren in einer bunten Vielfalt ihre Vorstellungen einer digitalen Welt in ihrer ganzen Widerspüchlichkeit. Zu den Persönlichkeiten hinter dem Manifest zählt z.B. Robert Trappl, Wiener Forscher über Künstliche Intelligenz, über den DIE ZEIT kürzlich schrieb, er sei „die Mensch gewordene Gegenthese zu den apokalyptischen Szenarien“. In dem Beitrag ist zu lesen:

Es kostet die Maschinen ein Vielfaches an Energie, die Leistung des Gehirns zu simulieren.“ Auch deswegen fürchtet Trappl die Roboterapokalypse nicht: Sollten die Maschinen irgendwann zu intelligent werden, kann man einfach den Stecker ziehen.

Diese Unbekümmertheit durchzieht auch das Manifest. Während aus der Petersberger Erklärung der hektische Geist des Maschinenzeitalters herüberweht und aus dem Digitalen Manifest der nüchterne Geist wissenschaftlicher Analyse spricht, ist es hier der kreative Geist der Künstler. In einer gewissen Weise fast schon trotzig oder verspielt wirken die Sätze. Dieser Ton spricht den Einzelnen emotional stark an, zeigt aber auch eine große Hilflosigkeit angesichts der alles durchdringenden Umwälzungen.

Das Manifest will von der Technik Menschlichkeit erzwingen, indem sie technische Geräte versucht zu vermenschlichen. Ein Abschnitt beschäftigt sich mit der Frage: Welche Rechte sollten Roboter und Künstliche Intelligenz haben?

Dieselben Rechte, die jede fühlende Spezies haben sollte. Sobald wir eine echte allgemeine KI haben, werden wir eine Debatte darüber wollen, ob und wie weit diese als Person einzustufen ist. Vielleicht wollen wir ihr dann auch Rechte gewähren.

Derzeit wollen wir nicht, dass Maschinen ähnliche Rechte wie Menschen haben.

Da geht in der Vielfalt des Wollens der entscheidende Wille unter. Besonders deutlich wird dies im Abschnitt über „Superintelligenz“.

Wir wollen wissen, wer eine Superintelligenz besitzt und wie Entscheidungen bezüglich ihrer Entwicklung und Prioritäten getroffen werden.

Offenbar gehen die Autoren ganz selbstverständlich davon aus, dass sich eine Superintelligenz herausbilden werde. Die kollektive Intelligenz als grundlegende Alternative scheint ihnen überhaupt nicht in den Blick zu kommen. Das Manifest scheint sich mit der Hoffnung zu begnügen, dass die „Superintelligenz“ – das klingt wie „Big Brother“ – gnädig sein möge.

Vielleicht steckt hinter diesem Widerspruch nur eine Begriffsverwirrung. Vielleicht meinen die Autoren ja mit der „Superinteligenz“ genau so etwas wie eine sich selbst organisierende Gesellschaft, wie sie Mark Ballandies kürzlich bei diesem TEDex-Auftritt beschrieben hat.

 

Kein Staat kann die stetig wachsende Komplexität überblicken und steuern. Wir haben jedoch gerade mit den neuen Möglichkeiten der Digitalisierung die Chance zu lernen, auf die Weisheit der Vielen zurückzugreifen, um gute Lösungen zu finden.

Anschlüsse an diese Sichtweise auf die Gesellschaft finden sich mehrfach im Ausstellungsmanifest. Im Abschnitt „Was wollen wir lernen?“ stehen z.B. folgende Sätze:

Was es heißt, im digitalen Zeitalter Mensch zu bleiben, und wie wir das nicht verlernen.

Auf andere Weise zu leben und zusammenzuleben.

Wie wir unser Wissen teilen.

Das Ausstellungsmanifest – ein kollektives Kunstwerk.

Written by Östermann

17. Dezember 2017 at 11:00

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