Östermanns Blog

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Vom rastlosen Schwirren zum Verweilen, zur vita contemplativa und zur Muße

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Han Duft der Zeit

Die Zeit duftet nicht mehr, meint Byung-Chul Han in seinem Essay „Duft der Zeit“. Er unterscheidet darin die mythische Zeit, die ruhe, wie ein Bild. Die geschichtliche Zeit habe dagegen die Form einer Linie, die auf ein Ziel zuläuft oder zurast.

Entschwindet der Linie die narrative oder teleologische Spannung, so zerfällt sie zu Punkten, die richtungslos schwirren. … Der Mythos wich ehemals der Geschichte. … Geschichte weicht nun Informationen. Diese … stürzen gleichsam auf uns ein. … Die Informationen duften nicht. (S. 23)

Die Zeit beginnt zu duften, wenn sie eine Dauer gewinnt, wenn sie … an Tiefe und Weite, ja an Raum gewinnt.  Die Zeit verliert den Duft, wenn sie jeder Sinn- oder Tiefenstruktur entkleidet wird, … Die Beschleunigung … ist … eine Folge der haltlos gewordenen, atomisierten Zeit … (S. 24)

Der postmoderne Mensch als animal laborans kenne nur die Pause, aber keine kontemplative Ruhe. In einem Interview mit dem Online-Journal IDLE plädiert Byung-Chul Han für eine andere Zeitpraxis, für eine Revitalisierung der vita contemplativa.

In neoliberalen Systemen wird alles gänzlich ökonomisiert – so auch die Zeit. Im Neoliberalismus wird alles ausgebeutet und zu eigen gemacht. Und natürlich gibt es da nur noch ein Pausieren, jedoch kein Verweilen! Um dies zu können, müsste man die Zeit unterbrechen und verlassen, wodurch erkenntlich wird, dass Verweilen eine andere Zeitpraxis erfordert. Beim Verweilen verfliegt die Zeit nicht, sie wird vielmehr zu einer dehnenden Erfahrung der Dauer.

Er bleibt jedoch skeptisch, ob wir das Verweilen wieder erlernen können.

Das erscheint schwierig. Alles was dem perfiden Produktionsimperativ des Neoliberalismus im Wege steht, wird abgeschafft. Auch die Suchprozesse nach Schwachstellen werden eingebunden – es gibt keine Möglichkeit, sich dem System zu entziehen, da alles vereinnahmt wird. Ich würde sogar weiter gehen in meinen Thesen und behaupten, dass wir nicht einmal mehr Pausieren können. Auch die Freizeit wird totalisierend erfasst. Es herrscht ein allumfassendes, perfides Diktat der Leistung.

Joachim Bauer und Stefan Schmidt sind da optimistischer. Braucht es Muße für Entwicklung, für Kreativität, für Lernen? Mit dieser Frage befassen sich die beiden Wissenschaftler an der Universität Freiburg im Sonderforschungsbereich „Muße. Konzepte, Räume, Figuren“. In einem Interview mit SWR2 Aula erzählen sie, wie sie mit Achtsamkeitstrainings eine neue Zeitpraxis an Schulen ausprobieren. Auch sie gehen von einem Leistungsdruck aus, den wir selbst durch unser Verhalten erzeugen und dem wir uns selbst unterwerfen.

Schmidt: Das Problem mit der Funktionalisierung ist, dass sie zunimmt. […] Die vielen elektronischen Medien machen es möglich, klassische Freiräume, zum Beispiel Wartezeiten an der Supermarktkasse oder auf den Bus oder auch das Reisen, Stück für Stück zu funktionalisieren und zu irgendetwas zu benutzen. Als Konsequenz haben wir eine sich ständig verändernde Welt, die uns dazu verleitet, jede freie Minute zu benutzen, etwas zu erledigen. Ich glaube, das ist nicht gut und das merken auch viele Menschen an zu viel Stress, am Burnout. Man hat die Idee, man könnte immer noch mehr erledigen, aber in Wirklichkeit setzt man seinen Geist in eine erhöhte Eile und bleibt letztendlich Opfer dieser Taktung. Da braucht es ein Innehalten und ein Gewöhnen an Ent-Funktionalisierung, langsameres Tun, eventuell Nichtstun.

Damit sind nicht etwa mehr Unterrichtspausen gemeint. Es geht um ein anderes Zeiterleben. Ent-Funktionalisierung, Entschleunigung, Verlangsamung sind, so Schmidt,

Phänomene, die miteinander zu tun haben, ich würde sie aber nicht gleichsetzen. Wir stehen ja in der Schule erst mal vor der Frage: Wie machen wir das, wie können wir Freiräume zurückerobern? Einfach zu sagen, jetzt tun wir mal nichts, geht nicht. Was wir uns gemeinsam überlegt haben, war: Es gibt das Verfahren der Achtsamkeitspraktik, bei dem die Menschen Meditation und Innehalten und auch Dinge bewusst und mit der Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Moment zu tun lernen. Und das erzeugt Momente der Ruhe, der Verlangsamung, der Bezogenheit auf die Gegenwart. Stress wird oft davon ausgelöst, dass ich mit meinen Gedanken immer in der Zukunft bin: Was muss ich noch alles tun, was steht alles vor mir? Das ist das, was mich in Unruhe bringt. Und wenn ich hier einfach sitze und mit meinen Gedanken in der Gegenwart bin, entziehe ich mich der Zeitlichkeit schon ein Stück weit. Diese Haltung kann man sehr schön einüben, am besten zunächst in einem stillen Rückzugsraum, das wäre die Meditation. Aber die Idee ist, diese bezogene ruhige Haltung in den Alltag zu übertragen und sie zum Beispiel auf Gegenstände anzuwenden, wenn ich z. B. einen Stift in die Hand nehme, dass ich das genauso fokussiert und aufmerksam tue. Und das ist etwas, was eine Ent-Funktionalisierung bewirkt.

Erste Erfahrungen scheinen in die gewünschte Richtung zu weisen, lassen aber auch die Missverständnisse ahnen, die zu erwarten sind, wenn eine neue Zeitpraxis auf das Leistungsdenken der Schule trifft.

Schmidt: Wir werten gerade Interviews von Schülerinnen des ersten Kurses aus, den wir an einer Schule durchgeführt haben. Eine Schülerin sagte, nachdem sie die Achtsamkeitsübung gemacht hatte, seien ihr die Hausaufgaben nicht mehr so wichtig erschienen.

Das Manuskript des Interviews steht bei SWR2 direkt zum Download bereit.

Written by Östermann

3. Januar 2015 at 16:40

Veröffentlicht in Bildung, Spiritualität

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Die Praxis der Achtsamkeit kommt heute manchmal modisch daher. Dieser Beitrag hebt sich davon wohltuend ab. Lesen – und hören!

Andreas Tapken | thinking in the borderland

Ich verdanke den Jesuiten viel. Mehr als zehn Jahre habe ich in Rom bei ihnen studiert und mit ihnen gearbeitet.
Eine Szene hat sich mir besonders eingeprägt: Als ich an der Gregoriana, der Jesuitenuniversität in Rom, Psychologie unterrichtete, war ich gelegentlich beim Mittagessen der Jesuiten zu Gast. Da saß ich nun inmitten dieser über hundert Ordensmänner, allesamt Professoren, viele von ihnen international bekannte Fachleute in Theologie, Philosophie oder anderen Disziplinen. Während des Mittagessens herrschte ein lautes Stimmengewirr im Speisesaal, rege Diskussionen, Gelächter… Sobald aber das Essen beendet war, gingen alle diese Männer hinüber in die nahegelegene Kapelle. Und dort: Nichts, nur eine gesammelte Stille – ungefähr fünf Minuten lang. Danach machten sich jeder wieder auf den Weg, zurück an die eigene Arbeit.

Mich hat diese Szene jedesmal neu beeindruckt und ich glaube, dass die Energie, die klare innere Ausrichtung und die Schaffenskraft, die ich bei vielen Jesuiten erlebt habe, auch dort ihre…

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Written by Östermann

20. April 2014 at 17:06

Veröffentlicht in Intuition

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Was gute Führung ausmacht (7): Scharmer und das Zuhören

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Listening is at the root of everything.

Das meint Claus Otto Scharmer in einem Interview, das er am Rande des World Economic Forum 2014 gegeben hat.

Er äußert sich darin kritisch zu der weit verbreiteten Vorstellung, dass gute Führung durch eine überzeugende Vision glänze. Besonders den Menschen an der Unternehmensspitze werde eine visionäre Kraft abverlangt.

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In seinem neuen Buch „Leading from the emerging future“, das er im vergangenen Jahr gemeinsam mit Katrin Käufer veröffentlicht hat, geht er näher auf dieses populäre Zerrbild ein (s. S. 110ff).

Wir haben es, so Scharmer und Käufer sinngemäß, mit globalen Öko-Systemen zu tun, die sich vielschichtig überlappen. Führung klassischer Prägung ist hier an Grenzen gestoßen. Die meisten Leadership-Themen seien auf einen wesentlichen Widerspruch zurückzuführen. Die ökonomische Wirklichkeit arbeite als globales Öko-System, die Führungspersonen in Unternehmen und anderen Organisationen fokussierten jedoch aus einer institutionellen Ego-Haltung heraus. Sie blendeten die Belange Dritter als Externalitäten aus. Das gleiche Problem spiegele sich in den Institutionen nach innen: Die einzelnen Führungspersonen achten auf ihre individuellen Ziele, oft an Boni gekoppelt, und blenden das Wohlergehen des Ganzen aus. Das Ergebnis: Sie tragen dauerhaft zu den drei grundlegenden Spaltungen unserer Zeit bei.

Die entscheidende Frage, der sie sich mit ihrem Werk in beeindruckender Weise widmen, lautet: Wie können wir Organisationen und Interessengruppen helfen, sich von einem Ego- zu einem Öko-System-Bewusstsein zu bewegen?

Auf dem Weg zu einem entsprechenden Führungsverständnis seien drei Mythen zu überwinden:
1. Der Leader ist der Mensch an der Spitze. Unternehmen können heute die Herausforderungen oft nur noch bewältigen, wenn sie viele im Unternehmen, manchmal sogar alle, einbeziehen.
2. Leadership dreht sich um Einzelpersonen. In Wirklichkeit ist Leadership eine verteilte oder gemeinschaftliche Fähigkeit in einem System und nicht einfach das, was Individuen tun. Ähnlich wie Bernd Schmid geht er davon aus, dass es um die Fähigkeit des gesamten Systems geht, die aufkeimende Zukunft zu erahnen.
3. Leadership heisst, eine Vision erschaffen und kommunizieren. Das Problem hinter diesem Mythos, es richtet die Aufmerksamkeit einseitig auf das Senden von Botschaften statt auf etwas viel wichtigeres: das Zuhören. Die Welt sei voller Visionen, die blumig kommuniziert wurden, bevor sie zusammenbrachen, etwa Enron, Lehman Brothers, GM, AIG, Goldman Sachs, und die Bush-Cheney-Rumsfeld-Vision, die zum Irak-Krieg führte. Den Ausweg sehen Scharmer und Käufer in einer anderen Art des Zuhörens (s. S. 113):

All great leadership starts with listening. That means listening with a wide-open mind, heart, and will. It means listening to what ist being said as well as to what isn’t being said. It means listening to the latent needs and aspirations of all people.

Ähnlich die Stiftung Zuhören, die eine Studie von Proudfoot von 2004 zitiert. Danach verursachten Managementfehler in Deutschland einen Schaden von 158 Mrd. €.

Die Gründe stehen in direktem Zusammenhang mit mangelhaftem Zuhören: Unrealistische Zielsetzungen am Markt vorbei, das Management hört den Kunden nicht zu, Ignoranz bei auftretenden Problemen – Führungskräfte hören ihren Mitarbeitern nicht zu und Abteilungen, die völlig aneinander vorbei arbeiten – Kollegen hören sich gegenseitig nicht zu.

 

Written by Östermann

11. November 2013 at 18:36

Der Kartentrick

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Nicht mehr ganz frisch – aber einfach frappierend!

Written by Östermann

26. April 2013 at 21:06

Veröffentlicht in Intuition

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Geht Selbstreflexion auf Kosten der Intuition? | oe1.ORF.at Wissen #denkräume

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Welche Kulturtechniken unterstützen uns dabei, uns im Internet zurecht zu finden? Für Dirk Baecker bietet die Intuition eine gute Strategie im Umgang mit den Phänomenen der Unübersichtlichkeit. Und die können wir entwickeln. Im Zustand der schwebenden Aufmerksamkeit, die wir mit Hilfe eines Therapeuten oder Beraters lernen, fällt es leichter, eine Auswahl zu treffen, die mit unseren Erfahrungen und Gefühlen vereinbar ist. Doch für die israelische Soziologin Eva Illouz zeigt sich gerade hier ein Widerspruch, denn die Dynamik der psychologischen Reflexion und der Selbstreflexion bewirkt, dass Menschen gesellschaftliche Regeln immer stärker verinnerlichen. Sie lernen sich immer besser zu kontrollieren. Und das geht auf Kosten der Intuition.

Geht die Selbstreflexion des postmodernen Menschen auf Kosten der Intuition? Das österreichische Radioprogramm Ö1 wirft in einem Beitrag über die Therapiegesellschaft diese Frage auf.

Written by Östermann

27. Dezember 2010 at 09:39

Veröffentlicht in Intuition

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Wie führt man ein Kernkraftwerk? – Achtsam!

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„Gefährlich ist der Versuch, im Detail vorauszusehen, was passieren wird.“ Wer lernen will, wie Unternehmen in unsicheren Zeiten geführt werden können, sollte sich sogenannte hochzuverlässige Organisationen, wie z.B. Kernkraftwerke, Flugzeugträger, Chemieanlagen oder Notfallstationen, näher anschauen. Olaf Hinz hat die Merkmale achtsamer Führung in seinem aktuellen Blog-Post zusammengetragen.

Written by Östermann

6. April 2010 at 07:36

Veröffentlicht in Leadership

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