Östermanns Blog

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Manifeste (13): Das Ecomodernist Manifesto

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Heute – am 29. Juli 2019 – ist Erdüberlastungstag. Wir haben für das laufende Jahr die Ressourcen aufgebraucht, die die Natur in einem Jahr erzeugen kann. Dies möchte ich zum Anlass nehmen, ein Manifest anzuschauen, das den Ressourcen- und Flächenverbrauch besonders in den Mittelpunkt rückt, das Ecomodernist Manifesto.

Das Ecomodernist Manifesto (hier in deutscher Übersetzung) wurde 2015 von einer Gruppe um das Breakthrough-Institut in Kalifornien veröffentlicht. Unter den Unterzeichnern findet sich auch Michael Shellenberger, ein Umweltaktivist und Mitbegründer des Instituts, der sich kürzlich kritisch zur deutschen Energiewende geäußert hat. Er hält die regenerativen Technologien für eine Sackgasse. Zu raum- und zu ressourcenintensiv seien sie.

I

Diese Auffassung liegt auch dem Manifest zugrunde. Es argumentiert stark aus der Perspektive des Flächenverbrauchs. Das Manifest artikuliert die Vision eines „großartigen Anthropozäns“, eines umfassenden Wohlstands für alle bei gleichzeitiger Minimierung der Umweltbelastung. Ziel ist die „Entkopplung“ von Mensch und Natur. Man könnte auch sagen: maximaler Wohlstand für alle bei minimalem Verbrauch von Ressourcen und der Natur vorbehaltener Fläche.

Die Entkopplung wird dabei sowohl relativ als auch absolut betrachtet. Relative Entkopplung bedeutet, dass die menschlichen Umweltauswirkungen langsamer zunehmen als das gesamtwirtschaftliche Wachstum. Folglich entsteht für jede Einheit Wirtschaftsleistung weniger Umweltbelastung (z.B. durch Abholzung, Artensterben, Umweltverschmutzung). Die Auswirkungen nehmen insgesamt immer noch zu, jedoch langsamer als es sonst der Fall wäre. Absolute Entkopplung tritt ein, wenn die Gesamtumweltbelastung — die Belastung in der Summe — einen Höchststand erreicht und anfängt zu sinken, während die Wirtschaft weiterhin wächst.

Ein ökomodernes Manifest, Abschnitt 2

Das Manifest würdigt die langfristigen Erfolge des kapitalistischen und industriellen Wirtschaftens ausführlich. Lebenserwartung, Gesundheit, Wohlstand – alles Verdienste stetiger Produktivitätssteigerung. Besonders dazu beigetragen hat die weit fortgeschrittene Entwicklung in der Landwirtschaft.

Diese Betrachtung der relativen Verbräuche und der relativen Externalitäten prägt die gesamte Argumentationslinie der Ökomodernisten. Der relative Landgebrauch pro Ernährungseinheit ist gesunken. Es würden mittlerweile, so die Autoren, mehr Waldflächen wieder aufgeforstet als abgeholzt. Die Stickstoffbelastung nehme zwar insgesamt noch zu, pro Produktionseinheit habe sie jedoch stark abgenommen. Und so weiter.

Insgesamt bedeuten diese Trends, dass der Einfluss der Menschen auf die Umwelt, einschliesslich Änderungen in der Landnutzung, Raubbau und Verschmutzung, in diesem Jahrhundert den Höchststand erreichen und sinken kann. Wenn die Menschen diese neu auftauchenden Prozesse verstehen und vorantreiben, haben sie die Chance, die Erde wieder stärker der Natur zu überlassen — selbst dann, wenn die Entwicklungsländer moderne Lebensstandards erreichen und die materielle Armut endet.
Im Gegensatz zu der oft geäusserten Befürchtung, dass unbegrenztes Wachstum auf einen begrenzten Planeten trifft, wird die Nachfrage nach vielen materiellen Gütern mit wachsendem Wohlstand gesättigt sein.

dto, Abschnitt 2

Die Autoren können keine Grenzen des Wachstums erkennen.

Trotz den seit den 70er Jahren anhaltenden Warnungen vor den fundamentalen „Grenzen des Wachstums“ gibt es nach wie vor auffällig wenig Hinweise, dass die Möglichkeiten, Nahrung und natürliche Ressourcen zu beschaffen, irgendwann in absehbarer Zukunft an Grenzen stossen werden. […] Solange es genug Energie und Fläche gibt, können sonstige Ressourcen, wenn sie einmal knapp werden, leicht durch andere ersetzt werden.

dto., Abschnitt 1

Gleichwohl sehen sie langfristig ernsthafte Umweltbedrohungen durch den menschengemachten Klimawandel.

Im Gegenzug bieten moderne Technologien, die natürliche Ökosystemkreisläufe und -dienstleistungen effizienter nutzen, eine echte Chance, um die Gesamtheit der menschlichen Auswirkungen auf die Biosphäre zu reduzieren. Wenn wir diese Verfahren nutzen finden wir den Weg zu einem guten Anthropozän.  

dto., Abschnitt 3

Wie elitär der Ansatz ist, zeigen die Autoren, wenn sie die Menschen auf die ungehemmte Nutzung verfügbarer Technologie, auf das Ignorieren des Klimawandels und damit förmlich auf das Motto „Lokal denken, lokal handeln“ einschwören.

Klimawandel und andere ökologische Herausforderungen weltweit sind für die meisten Menschen nicht die wichtigsten Probleme. Und das sollten sie auch nicht sein. Ein Kohlekraftwerk in Bangladesch kann zu Luftverschmutzung und erhöhtem Kohlendioxidausstoss führen, doch es rettet auch Leben. 

dto., Abschnitt 4

Sie sind davon überzeugt, dass Konflikte zwischen dem Klimaschutz und dem „kontinuierlichen Entwicklungsprozess“, durch den Milliarden von Menschen weltweit moderne Lebensstandards erreichen, weiterhin zugunsten des letzteren entschieden werden. Es geht ihnen also um Kontinuität auf dem Pfad des Fortschritts. Diese Kontinuität setzt allein voraus, die schon bestehenden Dekarbonisierungsprozesse beschleunigt voranzutreiben. Aber woher soll diese Beschleunigung kommen? Die Autoren setzen ganz auf Intensivierung des Einsatzes vorhandener Technologien.

Urbanisierung, landwirtschaftliche Intensivierung, Kernenergie, Aquakultur und Meerwasserentsalzung sind alles Prozesse mit einem nachgewiesenen Potenzial, die Beanspruchung der Natur durch den Menschen zu verringern und nichtmenschlichen Spezies mehr Raum zu geben. Zersiedelung, extensive Landwirtschaft und viele Formen der Energieerzeugung durch erneuerbare Energien erfordern dagegen mehr Land und Ressourcen und lassen der Natur weniger Raum.

dto., Abschnitt 3

Sie setzen auf Technologien mit hoher Energiedichte, auf hocheffiziente Solarzellen, Kernspaltung, Kernfusion und auf die Abscheidung von CO2 aus der Atmosphäre.

Die Geschichte früherer Energiewenden zeigt, dass es übereinstimmende Muster im Zusammenhang mit den Wegen gibt, die die Gesellschaften einschlagen, um sich in Richtung umweltfreundlichere Energiequellen zu bewegen. Der Weg ging immer über den Ersatz von minderwertigen, weniger dichten Brennstoffen zu hochwertigen, dichteren. Dieses Prinzip weist auf eine beschleunigte Dekarbonisierung in der Zukunft hin. Der Übergang zu einer Welt, die CO2-frei angetrieben wird, wird Energietechnologien mit hoher Energiedichte erfordern, die zig Terawatt liefern können, um die wachsende Wirtschaft mit Energie zu versorgen.

dto., Abschnitt 4

II

Das Manifest dürfte viele ansprechen, weil es pragmatisch klingt und mit dem Versprechen verbunden ist, den eigenen Lebensstil unverändert lassen zu können. Wenn wir die fünf grundlegenden Strategien für Klima-, Umwelt- und Artenschutz heranziehen, die Reinhard Loske unterscheidet – das sind Effizienz, Substitution, Suffizienz, Subsistenz und Kooperation – dann haben wir es bei diesem Manifest mit einer reinen Technologie- und Wachstumsstrategie zu tun, die einseitig auf Effizienzsteigerung und auf Substitution durch technologischen Fortschritt setzt. Verzicht und Änderungen des Lebensstils sind kein Thema. Auch soziale Innovationen, neue Formen der Zusammenarbeit, Prosumer- oder Sharing-Modelle spielen in dem Manifest überhaupt keine Rolle. Eine Subsistenzwirtschaft lehnen die Autoren ausdrücklich ab.

Städte, wie sie die Menschen heute kennen, könnten nicht ohne radikale Veränderungen in der Landwirtschaft existieren. Im Gegensatz dazu ist Modernisierung in einer Subsistenzwirtschaft nicht möglich.

dto., Abschnitt 2

Auch Suffizienz und Kooperation spielen in dem Manifest keine Rolle. Wozu auf Fleisch verzichten, wenn der technologische Fortschritt und der Einsatz der Kernenergie eine Nahrungsmittelproduktion im bisherigen Stil für alle ermöglicht? In ihrem linearen Denken haben Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft keinen Platz. Kein Wort über Rebound-Effekte, die Umweltentlastungen durch neue Technologien wieder aufzehren. Kein Wort über die Chancen der Digitalisierung, die zirkulären Prozesse der Ökosysteme in der Biosphäre besser zu verstehen.

Das Manifest strebt eine Entkopplung von der Natur an. Es scheint, das Verhältnis zur Natur dabei aber nicht grundlegend zu hinterfragen. Die Natur wird unverändert als Produktionsfaktor verstanden. Einzig das Ausmaß seiner Nutzung ist letztlich zu reduzieren.

Der CO2-Anteil in der Atmosphäre ist in den letzten 200 Jahren nicht kontinuierlich gestiegen. Er steigt in den letzten Jahrzehnten stark überproportional an. Diese Beschleunigung der Erderwärmung, der Umweltzerstörung, der Zerstörung der Biodiversität und negative Rückkopplungseffekte blendet das Manifest einfach aus. Es schreibt die Strategie der Industrialisierung einfach in die Zukunft fort und setzt auf Marktsättigungen und eine vielleicht ressourcenschonende Dienstleistungswirtschaft, die zu einer Trendumkehr irgendwann in diesem Jahrhundert führen.

Die Autoren scheinen zu übersehen, dass die hochdynamischen Prozesse in der Biosphäre und beim Bevölkerungswachstum auf der einen Seite und die Effizienzsteigerungen einer wachsenden Wirtschaft auf der anderen asynchron verlaufen. Die Rechnung, einzig und allein auf die technologische Entwicklung zu setzen, wird rein zeitlich nicht aufgehen. Es ist unumgänglich, alle denkbaren Strategien zu nutzen, um eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft zu erreichen. Dazu gehört auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem materiellen Lebensstil, der den Menschen von der heute dominierenden Art des Wirtschaftens nahegelegt wird.

III

Die Ökomodernisten machen es sich allzu einfach. Jedenfalls ist der Erdüberlastungstag Jahr für Jahr ein paar Tage früher erreicht. Eine Trendumkehr im Sinne einer absoluten Entkopplung der Wirtschaft von der Natur ist nicht in Sicht.

Written by Östermann

29. Juli 2019 at 19:39

Sensoren (10): Peter Sloterdijk über die Zukunft der Arbeit

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Das Hauptargument ist und bleibt Migration.

Peter Sloterdijk bettet seine Betrachtungen zur Zukunft der Arbeit bei der  Auftaktveranstaltung an der Universität Augsburg des Projekts TEAM 4.0 in die ganz großen Zusammenhänge der Menschheitsgeschichte ein, die wesentlich von Wanderungsbewegungen geprägt sei.

Er verweist besonders auf den kanadischen Journalisten Doug Saunders, der mit seinem viel beachteten Buch „Arrival City“ auf die Wanderungsbewegungen vom Land in die Städte hingewiesen hat. Diese Wanderungsbewegung sei in Europa zwischen 1800 und 1960 abgeschlossen worden. Weltweit wiederhole sich dieser Vorgang nach demselben Muster. Ob aus Suburbia Favelas würden, hänge davon ab, wie die Städte und die Politik die nötigen Vorkehrungen träfen.

Woran man verweilen muss, dass es zwischen den großen produzierenden Nationen, die authentische Arbeitskulturen hervorgebracht haben, einen Kampf gibt um die Abwerbung der Talente. Es wird um jene Menschen gehen, die an der Hyperalphabetisierung telgenommen haben. Das sind die, die nicht nur Lesen und  Schreiben, sondern Lesen, Schreiben und Programmieren gelernt haben. Der Wettbewerb um diese hyperalphabetisierte Minorität wird die Geistesgeschichte der nächsten Jahrzehnte mit bestimmen.

Sloterdijk wählt deutliche Worte. Die hochentwickelten Systeme seien nicht in der Lage, ihren eigenen Qualitätsnachwuchs mit Bordmitteln zu erzeugen.

Sie müssen die Bildungswesen anderer konkurrierender Systeme kannibalisieren. Die Amerikaner haben dafür den terminus technicus schon seit Jahrzehnten an der Hand: „brain drain”. Ein reimendes Wort für eine ungereimte Sache wie den neuen Kannibalismus. Das hat Wanderungsimplikationen. Denn es wird Wanderungen zwischen den Kulturen geben müssen.

Wir haben es aber – wenn wir Sloterdijk folgen – mit einer weiteren Migrationsbewegung zu tun.

Weil wir durch unsere anthropische Befangenheit zwischen Mensch und Dingen einen zu tiefen Graben zu ziehen gewohnt sind, haben wir nicht begriffen, dass wir ein Einwanderungsgebiet für Maschinen sind.

Sloterdijk verweist auf die 45 Mio. Fahrzeuge, die es neben den 82 Mio. Einwohnern in Deutschland gibt. Marshall McLuhan habe die Autos als „mechanical bride“ beschrieben.

Jetzt läuft die nächste Einwanderungswelle. Die der Roboter. Er nennt als Beispiel das saudische Megacity-Projekt Neom. Diese Stadt am Roten Meer solle nach den Vorstellungen des jungen saudischen Prinzen 25 Mio. Einwohner haben, davon mehr als die Hälfte Roboter. Der ersten „Roboterin“ ist bei der Ankündigung des Projekts auch gleich die saudische Staatsbürgerschaft verliehen worden.

Tatsache ist, dass an mehreren Fronten der Zeitgeist so weit war, dass er das Implantieren des Denkens in die Maschine in Auftrag gegeben hat. … Nach 70 Jahren sind die kleinen Maschinen unsere alltäglichen Begleiter geworden. Sie sind auch so etwas wie „mechanische Bräute“, nur viel smarter. Sie tragen zu unserem Selbstgespräch bei. Sie tragen dazu bei, dass das gute alte Familienalbum ausstirbt, weil wir eine neue Form der Selbstdokumentation entwickeln mithilfe dieser smarten Geräte.

Einen reizvollen Kontrast bilden die Überlegungen des Philosophen zu den Annahmen, die das White Paper des World Economic Forum für 2030 in acht Szenarios für die Zukunft der Arbeit beschreibt. Die Szenarios gründen auf drei Megatrends, die sich dadurch auszeichnen, dass sie gleichermaßen hoch unsicher und hoch wirksam sind: technologischer Wandel, Wandel des Lernens und die Mobilität der Talente.

Vier der Szenarios nehmen eine hohe Mobilität der Talente an: Mass Movement, Polarised World, Skilled Flows und Agile Adapters. Die Auswirkungen dieser Szenarios reichen von Spannungen zwischen hochgebildeten und geringer gebildeten Arbeitnehmern, ökonomische Enklaven, Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung technisch Besitzloser.

Bei geringer Mobilität ergeben sich, je nach der Ausprägung des technologischen Wandels und der Lernentwicklung, die anderen vier Szenarios: Workforce Autarkies, Robot Replacements, Empowered Entrepreneurs und Productive Locals. Diese Szenarios nehmen vor allem staatliche Gegenmaßnahmen gegen den Brain Drain an. Sie zeigen jedoch, dass dies auch einen hohen Preis fordern würde. Lokale Arbeitsmärkte ohne Ideenaustausch und Wissenstransfer, langfristig Verlust der Wettbewerbsfähigkeit oder Ersatz großer Teilarbeitsmärkte durch Automation und Roboter. Auch ein Szenario, wie die Agile Adapters, das vordergründig dem Zeitgeist zu entsprechen scheint, ist mit gravierenden gesellschaftlichen Auswirkungen verbunden.

Not everyone can keep up and many people feel marginalised and dislocated from society.

Während der Philosoph rät, uns auf etwas gefasst zu machen, raten die Ökonomen zu einem Navigieren zwischen den Szenarios durch entschlossenes Handeln.

If you are an educator, worker, employer, student, elected representative or government official the manner in which the seismic change ahead is navigated will depend very much on decisive action.

Peter Sloterdijk trägt am Ende seines Vortrags einen Wunsch vor, den man den Politikern gerne als Rat zu entschlossenem Handeln mitgeben möchte.

Es könnte eines Tages dahin kommen, dass die robotische Invasion fiskalisch interpretiert werden muss. Das will soviel sagen, wie dies, dass die Roboter als Nettobeitragszahler erschlossen werden. Und dass so ein tüchtiger Roboter kräftig in die Progression kommt, das fände ich geradezu eine herzerwärmende Zukunftsvision.

Written by Östermann

24. Februar 2018 at 13:59

Die Welt ändert sich! Und der Mensch?

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Die technologische und demografische Entwicklung ist seit geraumer Zeit von ständiger Beschleunigung geprägt. Wir spüren dies im Alltag an der hohen Ereignisdichte, die in Hektik, Überforderung und häufig auch in „Burn-out“ mündet. In der Folge beschleunigen sich auch unsere Lebensverhältnisse. Wir versuchen, unseren Welthorizont ständig zu erweitern und uns die Welt anzueignen. Darauf hat der Soziologe Hartmut Rosa kürzlich in einem Interview in der SWR2 Aula hingewiesen.

Seit dem 18. Jahrhundert können moderne Gesellschaften, besonders in ihrer ökonomischen Verfassung, ihre institutionelle Grundstrukur, ihren Status quo nur durch Steigerung erhalten. Eine moderne kapitalistische Wirtschaft muss wachsen, und sie wächst durch Beschleunigung und permanente Innovation, um so zu bleiben, wie sie ist. Ohne andauernde Steigerung, z. B. auch der Produktivität, und ohne ständige Neuerung können sich z.B. Firmen und Arbeitsplätze, überhaupt die ökonomische Aktivität als solche, nicht erhalten. Das heißt, Steigerung entstand in erster Linie nicht durch unsere Gier, unsere Unersättlichkeit, durch den Zug nach vorne, sondern eher dadurch, dass wir sie brauchen, um den Status quo zu erhalten. Das ist der Modus dynamischer Stabilisierung: Erhaltung durch Steigerung, und das macht sich in all unseren Lebensbereichen durch einen Zwang zu Optimierung und Effizienzsteigerung bemerkbar.

Wie diese Entwicklung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten aussehen wird, zeigt  dieses Video* sehr anschaulich. Wir haben es mit exponentiellen Entwicklungen zu tun und sind kaum in der Lage, zu ermessen, was das bedeutet.

 

Wie ist es dazu gekommen? Hartmut Rosa sieht die Grundidee des kapitalistischen Wirtschaftens aus dem Ruder laufen.

Die Idee war, wir schaffen ein System, wir schaffen Reichtum, der es uns ermöglicht,
wegzukommen von der Fixierung aller Energien auf den ökonomischen Konkurrenz- und Existenzkampf. Heute haben wir diese Hoffnung verloren, heute sagt jeder, der
Wettbewerb wird noch viel härter werden. Asien holt uns bald ein, wir werden ein
globales gnadenloses Wettbewerbssystem haben. Das meinen fast alle Ökonomen. Die Hoffnung, Knappheit, Armut, die Fixierung auf den Existenzkampf durch wirtschaftliche Effizienz zu überwinden, ist erloschen. Und in der Wissenschaft ist es erstaunlicherweise genauso. […] Es werden permanent neue Studien veröffentlicht und neue Kenntnisse generiert.

Wie kommen wir heraus aus dieser paradoxen Situation? Rosa versucht, einen Zugang zur Lösung auf der persönlichen Ebene zu beschreiben. Er erwartet einen Wandel unserer Beziehung zur Welt. Er glaubt, dass wir von der Aneignung der Welt, die uns in eine  ständige Steigerung des materiellen Konsums treibt, lösen werden und zu einer Anverwandlung der Welt kommen. Was meint er mit „Anverwandlung“?

Ich habe mir eine Sache erst anverwandelt, wenn ich sie für mich zum Sprechen gebracht habe, wenn ich eine Beziehung zu dieser Sache einnehme, die mich dabei berührt, wirklich bewegt und verändert. Ich nenne solche Beziehungen Resonanzbeziehungen.
Wie solche Resonanzbeziehungen in der Praxis aussehen, schildert er am Beispiel der Lektüre eines Buches.
Ich kann es im Power- oder Fast-Reading so schnell lesen, dass ich alle relevanten Informationen scanne und mir aneigne. Aber es ist etwas ganz anderes, ein Buch so zu lesen, dass es etwas mit mir macht oder dass ich etwas mit ihm mache. Das nenne ich Anverwandlungsprozesse, die zur Resonanzbeziehung führen. Diese Resonanzbeziehungen werden, glaube ich, erschwert in einem Klima der Konkurrenz, der Optimierung und der Beschleunigung.
Womit wir einstweilen wieder beim Dilemma angekommen wären. Vielleicht können wir den ersten Schritt tun, wenn wir anfangen, auf unsere eigenen Resonanzbeziehungen zu achten.
Hartmut Rosa veröffentlicht seine Gedanken im März 2016 in seinem neuen Buch „Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung“.

*Das Video habe ich gefunden bei Team Holger Six

Written by Östermann

30. Januar 2016 at 14:16

Postwachstumsökonomie: Robert F. Kennedy und seine frühe Kritik am GDP

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Robert Kennedy mahnte schon vor fast einem halben Jahrhundert:

„GDP measures everything, in short, except that which makes life worthwhile“

Wie sich die Suche nach Wohlstandsindikatoren entwickelt hat und was ansteht, zeigt diese kurze Animation.

via Futureof.biz

Written by Östermann

15. Februar 2014 at 18:05

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