Östermanns Blog

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Algorithmen gefährden die gemeinsame Agenda der Gesellschaft – Interview mit Christoph Neuberger

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In einem Interview der 3sat-Sendung Kulturzeit wies der Medienwissenschaftler Christoph Neuberger kürzlich auf die Gefahren hin, die durch die personalisierte Vorauswahl der Informationen auf Facebook und anderen Social Media entstehen.

Für den Journalismus bedeutet dies, dass er

eine ganz breite Palette an Informationen bereitstellen muss, damit wirklich zielgenau und passgenau Informationen zusammengestellt werden können.

Redaktionen, die selbständig eine Auswahl nach Nachrichtenwert treffen, seien deshalb unverzichtbar. Eine Auswahl, die uns

auf eine gemeinsame Agenda hin orientiert. Das ist eine ganz wichtige Aufgabe, damit die Gesellschaft nicht zerfällt, wir nicht viele Informationsblasen haben, sich kleine Zirkel absondern, isolieren. Das ist eine Sorge, die schon länger diskutiert wird, dass es gar nicht zum politischen Streit kommt, weil sich alle Meinungslager abschotten, weil man sich natürlich lieber bestätigen lässt von anderen, als sich mit anderen auseinander zu setzen. Da hat der Journalismus nach wir vor eine ganz wichtige Aufgabe für die Integration der Gesellschaft. Man hat früher vom Lagerfeuer gesprochen, das das Fernsehen dargestellt hat. Als sich die Nation vor dem Fernseher versammelt hat. Da hat man nicht nur politische Informationen bekommen, sondern gemeinsamen Gesprächsstoff gehabt, hat eine gemeinsame Wissensgrundlage gehabt. Und das sollte auch in der digitalen Welt nicht verloren gehen.

Anlass für das Interview am 22. September 2015 war das neue  Nachrichtenportal Upday von Axel Springer und Samsung, das als wegweisend eingeschätzt wird. Upday kombiniert redaktionell aufbereitete und personalisiert gefilterte Inhalte.

Zum Thema Filterblase siehe auch Internet: Personalisierung – die neuen Gate-Keeper erzeugen gefährliche #Filter-Blasen

 

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Written by Östermann

5. Dezember 2015 at 14:21

Das Unbehagen an der digitalen Welt (1): Bahnfahren und digitale Dialektik

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In der SWR2 Aula hat Raimund Allebrand sein Unbehagen am Bahnfahren in Zeiten des Smartphones offengelegt:

… es gibt mich gleichsam gar nicht auf dieser Strecke zwischen Köln und Bonn. Und das ist ziemlich das Gegenteil eines angenehmen Gefühls. An meiner grenzenlosen Unwichtigkeit während dieser Bahnfahrten besteht kein Zweifel. Auf einen Blickkontakt zu hoffen geschweige denn einen Wortwechsel mit anderen Reisenden, wäre wohl Übermut.

Diesen Befund hat er zum Anlass genommen, sein Verhältnis zur digitalen Medienwelt, zu ihren Botschaften und ihren damit verbundenen Emotionen zu beleuchten. 

Es besteht die technologische Option der Gleichzeitigkeit, also muss sie genutzt werden. Inhalte sind hier nebensächlich, entscheidend ist meine Teilnahme am simultanen und digitalen Datenverkehr.

Er beklagt, dass das Medium längst selbst zur Botschaft geworden sei.

Lange Zeit war das Modell von Sender und Empfänger ein fester Bestandteil nahezu jeder Medientheorie, bis es im Internet-Zeitalter obsolet wurde. Theoretisch soll zwischen dem Urheber einer Nachricht und ihrem Adressaten eine Botschaft auf den Weg kommen, die sich eines mehr oder minder schnellen Mediums bedient. Die entsprechende Auswahl wäre demnach abhängig von der Relevanz des Inhalts.

Sicherlich deutet Allebrand wichtige Probleme an, die mit der Digitalisierung verbunden sind. Wenig  hilfreich erscheint mir jedoch, den Menschen einfach zu unterstellen, dass sie fast nur Bedeutungsloses und Unnötiges austauschen.

Wer nicht gerade als Notarzt arbeitet, im Minutentakt an der Börse über Millionen entscheidet oder einen dringenden familiären Zwischenfall betreut, tätigt per Handy in der Regel einen Nachrichtenverkehr, der keineswegs notwendig ist, sondern terminlich zumeist aufschiebbar, wenn nicht ohnehin überflüssig.

Wenn wir andere beim Kommunizieren mit digitalen Medien beobachten, ist es wichtig, dass wir die Landkarte nicht mit der Landschaft verwechseln. Warum auch sollten sich die Menschen mit ihrer kommunikativen Praxis an eine Medientheorie halten, die ihre erklärende Kraft eingebüßt hat?

Wer digitale Netzwerke kontrollieren kann, besitzt ein Monopol, das der Kontrolle von Atemluft oder von sauberem Wasser gleichkommt, mit ähnlichen Konsequenzen. Selbst der Protest gegen das digitale Imperium bedient sich der Medien des Imperiums. Digitalisierung ist deshalb totalitär oder, wie man neudeutsch sagt: alternativlos. Letztere Formulierung lässt allerdings aufhorchen, denn als alternativlos galt noch vor kurzem die Rettung maroder Banken, die es verstanden, aller Welt ihre ultimative Systemrelevanz einzureden. Eines ist klar: Solange jeder mitmacht, wird der Event weitergehen.

Mit diesen pauschalen Vorurteilen kommt er nur zu einer Fundamentalkritik der Digitalisierung und der resignierten Erkenntnis, dass an ihr kein Weg vorbei geht. Ertragreicher scheint mir da der Weg über die genaue Beobachtung. Die Digitalisierung mag rein technisch „alternativlos“ daherkommen. Gleichwohl gibt es unzählige Wege, wie wir die digitalen Medien nutzen können. Wir alle haben erst angefangen, diese Wege auszuloten und lernen langsam, passende von unpassender Nutzung zu unterscheiden.

Ein spannendes Beispiel für die Beobachtung neuer Kommunikationsstile in der Netzkultur hat kürzlich Ijoma Mangold in Die Zeit am Beispiel der „Debattendynamik“ in Facebook geliefert. Was beobachtet er, nachdem ein Zeitungsartikel auf Facebook veröffentlicht worden ist:

Für einen Moment sieht es so aus, als bestünde die Welt aus Schwarz und Weiß. Über der Einheitsfront sind schrille Töne von Triumphgeheul zu hören. Das ist regelmäßig der Moment der Schubumkehr. Jemand erinnert daran, dass die gegnerische Seite auch über gute Argumente verfügt. Plötzlich fühlen sich alle dabei erwischt, es sich zu einfach gemacht zu haben. Es kommt die Phase der Nachdenklichkeit und Differenzierung. Abweichende Positionen werden in dieser Phase fair, nicht mehr als Karikaturen beschrieben. Der Autor des Ursprungspostings, dem die geschlossene Zustimmungsfront selber schon unheimlich geworden war, erläutert nun, aus welcher Denkwelt er selbst kommt, und erweist den klügsten Köpfen der Gegenposition Respekt. Er relativiert seine Position, was nichts Schmähliches ist, sondern bedeutet, dass er seine Argumente in Relation setzt zu anderen Denkschulen. Nun wird von allen Seiten eine Fülle neuer Argumente herangebracht. Die Frontverläufe sind längst unübersichtlich.

Er will damit keineswegs die Verrohung von Kommunikationsformen im Netz wegdiskutieren. Netzkommunikation, so Mangold, fördere die Enthemmung der Affekte.

Aber deshalb ist hier auch nicht von den Kommentarsträngen in Onlineforen die Rede, sondern von diesen eigentümlich dynamischen, hochsensiblen, hochevolutiven Teilöffentlichkeiten, die sich auf Facebook ausbilden und die anderen Gesetzen folgen.

Und er fährt fort, solche Teilöffentlichkeiten um eine ganze Reihe „netzbekannter Facebook-Hosts“ zu beschreiben. Sie verstünden es, einen Zungenschlag vorzugeben, der auf die „Threads“ abfärbt. Er sieht eine neue digitale Dialektik im Werden.

Es wird immer mehr Meinung produziert. Gegen diese Inflation hilft nur ein immer mitlaufendes Bewusstsein der Relativität. Jede Position ist eine liquide Durchgangsstation eines gemeinsamen, kollektiven Denkens. Ein einzelner Printartikel, schon weil sein Verfasser sich unvermeidlicherweise auf die Fiktion einer einzigen stabilen Meinungsidentität festlegen muss, kann diese Prozesshaftigkeit, mit der wir ein Bild der Welt zu gewinnen versuchen, nur suboptimal abbilden.

Das gilt wohl auch für einen einzelnen Beitrag im Radio.

Written by Östermann

30. Mai 2015 at 13:31

First Look Media und der hierarchiefreie #Newsroom

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First Look Media möchte den Journalismus neu erfinden – durch „Heirat eines Technologie-Unternehmens mit einem neuartigen Newsroom“. Wie das in der Praxis aussieht, kann seit kurzem mit dem neuen Online-Magazin The Intercept besichtigt werden. Glenn Greenwald, der journalistische Vordenker hinter dem ehrgeizigen Vorhaben, stellt sich den neuartigen Newsroom so vor:

We want to avoid this hierarchical, top-down structure where editors are bosses and obstacles to being published. We are trying to make it much more collaborative. Our journalists have a variety of tools to make their writing better and one of them is the editor. We also want journalists to help to hire editors.

Und er denkt natürlich daran, die „Leser“ an diesem „spirit of collaboration“ teilhaben zu lassen.

Journalism becomes ossified and corrupted where it is just a monologue, speaking down to your readers in a passive format. … I see [comments] as a vital form of accountability.

Ein weiteres Beispiel, wie Hierarchie als Innovationsbremse durch mehr Selbstverantwortung im Team und durch Vernetzung überwunden werden kann?

via

Written by Östermann

4. März 2014 at 17:25

Content vs. Channel: Aufhören, vom Kanal her zu denken – Story Circle – #socialmedia

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In der Social-Media-Welt wächst die Einsicht, dass nicht mehr der Kanal Ausgangspunkt einer medialen Inszenierung sein kann. Das passgenaue Zusammenspiel der Elemente einer Botschaft bestimmt letztlich ihre Wirkung. An dessen Anfang steht die Story. Darauf weist der Social-Media-Berater Mirko Lange in einem interessanten Blog-Beitrag hin.

Der Story Circle, den er vorstellt, zeigt anschaulich, aus welcher Vielfalt an Variablen mediale Inszenierungen heute schöpfen können.

Mit diesem Vorgehen können Sie auch die schöne (aber völlig widersinnige) Idee von der “Reduktion der Kanäle” auf den Müll schmeißen. Das höre ich immer wieder. Das ist falsch. Das Gegenteil ist der Fall! Sie müssen nicht über weniger, sie müssen über mehr Kanäle kommunizieren. Zumindest dann, wenn es die Formate hergeben. Das Problem an der Kanaldenke ist, dass man für jeden einzelnen Kanal eigenen Content entwickeln will. Und muss – natürlich, wenn man vom Kanal her denkt. Wenn Sie aber vom Content her denken, dann entwickeln sie zuerst den Content – und wenn sie ihn schon mal haben, was spricht denn dagegen, wenn sie ihn über jeden möglichen Kanal verteilen. Ihnen muss doch geradezu daran gelegen sein.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Oder vielleicht doch, um einem möglichen Missverständnis vorzubeugen. Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass jeder Content 1:1 zu allen Kanälen passt. Die Social-Media-Plattformen bilden ihre eigenen Kulturen heraus. Facebook tickt nunmal anders als Twitter oder Google+. Die Eigenheiten der Kanäle sollte man schon kennen, auch wenn die Story im Mittelpunkt steht.

via wyrschpartner.wordpress.com

Written by Östermann

21. Dezember 2013 at 10:49

Wo Menschen auf Informationen treffen, ist Journalismus – NetzLloyd als Beispiel einer zeitgemäßen Selbstbeschreibung

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Eine junge „Agentur für modernen Journalismus“ mit dem Namen NetzLloyd hat ihr Selbstverständnis in Worte gefasst:

Moderner Journalismus findet immer dort statt, wo Menschen auf Informationen treffen – sowohl in seiner Entstehung als auch in seiner Wahrnehmung.

Er ist frei in seiner Form und in seinen Darstellungsmitteln.
Er trägt der Tatsache Rechnung, dass sich Menschen über Themen (spontan) vernetzten.
Er initiiert und unterstützt diese sich immer neue bildenden Netzwerke durch das Hervorbringen neuer Informationen, durch Darstellen und Kuratieren von Daten und Wissen und durch Interaktion.
Moderner Journalismus nutzt alle vorhandenen technischen Möglichkeiten, alle Mittel zur Automatisierung und Datenverarbeitung und ist zugleich den traditionellen Regeln des Journalismus verpflichtet.
Aufgrund seiner Vielfältigkeit kann moderner Journalismus nur in Netzwerk basierten Organisationen entstehen.

Anspruchsvoll und zukunftsweisend. Spannend!

Written by Östermann

2. Februar 2013 at 12:17

Veröffentlicht in Innovation, Medien, Web 2.0

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„Original Reporting“ – traditioneller Journalismus stolpert auf dem Weg in die digitale Zukunft. Eine Studie über Philadelphia

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Einer der größten Stolpersteine auf dem Weg in die digitale Zukunft ist die traditionelle journalistische Kultur. Das stellt der amerikanische Journalistik-Professor C.W. Anderson in einer Studie über die Entwicklung des Lokaljournalismus in Philadelphia in den Jahren vor und nach der Jahrtausendwende fest.

„Traditional media failed to see the potential for collaboration with new digitally-focused entrants, and maintained that they were the only ones who could reliably fulfil the goal of informing the public about the news.”

„In particular, local journalism’s occupational self-image, its vision of itself as an autonomous workforce conducting original reporting on behalf of a unitary public, blocked the kind of cross-institutional collaboration that might have helped journalism thrive in an era of fractured communication.”

Die etablierten Medien beharrten auf ihrem klassischen Grundverständnis, dass

„traditional journalism had to consist only of reporting original news.“

“My research demonstrated that the practice of original reporting was far from being either pure or unproblematic. The kind of work that constituted “original reporting” seemed increasingly difficult for journalists to define.“

Die traditionellen Medien hatten es versäumt, ein News-Netzwerk aufzubauen:

„Developments in the local Philadelphia news ecosystem seemed to be creating a situation in which it made rational sense to ‘network the news’ through institutional collaboration, hypertext linking, and formal and informal partnerships [but] such collaboration and innovation not only did not occur; it seemed to be purposefully thwarted.”

via
http://paidcontent.org/

C.W. Anderson selbst ausführlicher über seine Studie bei http://www.niemanlab.org/

Written by Östermann

27. Januar 2013 at 14:06

Redaktion und Technik in einem Team – Der neue Newsroom von ZEIT Online

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Unser bisheriger Newsroom in Berlin ist zu klein geworden. Der Umzug in den neuen, sehr viel größeren Newsroom erlaubt uns jetzt, weitere Kollegen von Hamburg nach Berlin zu holen, die Social-Media-Redakteurin und den Community-Redakteur am Newsdesk zu platzieren und die räumliche Trennung von Technik und Redaktion aufzulösen. Viele unserer erfolgreichsten Projekte entstehen ja nicht in Innovations-Jours-Fixes, sondern aus informellen Gesprächen im Newsroom, der Kantine, bei Zigarrettenpausen oder über einer Tasse Kaffee. Im neuen Newsroom werden einige Programmierer deshalb in unmittelbarer Nähe von Entwicklungsredaktion, Grafik, Politik-Ressort und Newsdesk sitzen. Damit ermöglichen wir viel mehr informellen Austausch. Um die unangenehmen Nebeneffekte eines Großraumbüros zu mildern, haben wir im neuen Newsroom auch mehr Ruhezellen, in die man sich bei Bedarf zurückziehen kann.

Wolfgang Blau in einem Interview mit Medium Online über die Integration von Technikern in den neuen Newsroom von ZEIT Online.

Written by Östermann

6. Dezember 2012 at 22:17

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