Östermanns Blog

Organisation und Unternehmensführung im Wandel, Handeln unter den Bedingungen des Klimawandels, Strategie, Medienwandel, Digitale Transformation, Arbeit der Zukunft, Komplexität, nächste Gesellschaft

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Sensoren (17): Fragen zur Selbstreflexion in der Corona-Krise

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Mit der Corona-Krise und dem weitgehenden Herunterfahren des sozialen und des ökonomischen Lebens ist die Frage verbunden, was diese Krisenerfahrung für die Gestaltung unserer Zukunft bedeutet. Besonders drängend ist die Frage, wie sich Corona-Krise und Klimakrise zueinander verhalten. Werden wir die Chancen nutzen, die sich jetzt bieten? Wird die Menschheit die große Transformation vorantreiben und beherzte Schritte hin zu einem nachhaltigen Leben gehen? Eine bewusste Verknüpfung der aktuellen Erfahrungen mit dem Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft hängt auch davon ab, wie weit jedem einzelnen von uns und uns miteinander ein Umdenken gelingt.

I

In der SWR2-Radiosendung „Eine Gesellschaft verändert sich – Was wir aus der Corona-Pandemie lernen können“ hat der Soziologe Stefan Selke dieser Tage einen Bedarf an Utopien festgestellt.

Es gibt Kritik an den Zuständen, aber keine positiven Wunschformulierungen. Anstatt in utopisches Kapital zu investieren, werden Standardwelten reproduziert. Affirmativ hält man sich an das bereits Bekannte. Doch die Verdopplung des Bestehenden ist keineswegs das Neue. Wer aber wirklich etwas verändern möchte, sollte aus der Zukunft zurückdenken.

Er schreibt Utopien eine Spiegelfunktion zu. Sie lenken den Blick zurück auf das Zeitalter, auf die Kultur und auf die Gesellschaft, in der sie entstanden sind. Es brauche, so Selke, allerdings eine realistische Bestandsaufnahme und die Fähigkeit, die Vielfalt der Optionen zu erkennen. Wir sollten lernen, unsere Ideale genauer zu definieren.

II

Der französische Soziologe Bruno Latour hat einen Fragebogen veröffentlicht, der unsere persönliche Beziehung zur Welt in den Fokus nimmt. Er knüpft damit an den Vorschlag aus seinem „Terrestrischen Manifest“ an. Was kann man in diesen Zeiten der Orientierungslosigkeit tun? Zunächst beschreiben.

Es geht nicht mehr darum, ein Produktionssystem fortzuführen oder umzusteuern, sondern aus der Produktion als einziges Prinzip der Beziehung zur Welt auszusteigen. Es ist keine Frage der Revolution, sondern der Auflösung, Pixel für Pixel.

In der Tradition der Akteur-Netzwerk-Theorie lädt uns Latour ein, die Zeit der Ausgangsbeschränkungen zu nutzen und zunächst für uns selbst, dann als Gruppe zu beschreiben, woran wir gebunden sind, wovon wir bereit sind, uns zu befreien, welche Ketten wir bereit sind, wieder aufzubauen und welche wir mit verändertem Verhalten unterbrechen wollen.

Im ersten Schritt geht es darum, eine Liste der Aktivitäten zu erstellen, die uns durch die aktuelle Krise entzogen werden und deren Verlust uns das Gefühl gibt, dass damit wesentliche Lebensgrundlagen verletzt werden. Diese Liste gilt es im zweiten Schritt anhand der Fragen durchzugehen.

Frage 1: Welche der jetzt ausgesetzten Aktivitäten sollen wieder aufgenommen werden?

Frage 2: Beschreiben Sie, warum diese Aktivität Ihnen schädlich / überflüssig / gefährlich / inkohärent erscheint und wie ihre Abschaffung, Unterbrechung oder Substitutionandere –von Ihnen geschätzte –Aktivitäteneinfacher /kohärenter machen würde. (Schreiben Sie für jede der in Frage 1 genanntenAktivitäten einen eigenen Absatz).

Frage 3: Welche Art von Maßnahmen schlagen Sie vor, um ArbeitnehmerInnnen, Angestellten, VertreterInnen oder AuftragnehmerInnen – die nicht mehr in der Lage sein werden, die von Ihnen abgeschafften Tätigkeiten fortzusetzen – den Übergang zu anderen Aktivitäten zu erleichtern?

Frage 4: Welches sind die derzeit ausgesetzten Aktivitäten, von denen Sie hoffen, dass sie sich entwickeln, dass sie fortgesetzt werden oder sogar von Grund auf neu erfunden werden könnten?

Frage 5: Beschreiben Sie, warum Ihnen diese Aktivität positiv erscheint. Beschreiben Sie wie diese Aktivität die anderen – von Ihnen geschätzten – Aktivitäten erleichtert, harmonischer oder kohärenter macht und wie sie dazu beiträgt, diejenigen Aktivitäten zu bekämpfen, die Sie für ungünstig halten. (Verfassen Sie für jede der in Frage 4 aufgeführten Antworten einen eigenen Absatz).

Frage 6: Welche Art von Maßnahmen empfehlen Sie, um ArbeitnehmerInnen, Angestellten, VertreterInnen oder UnternehmerInnen zu helfen, damit diese die notwendigen Kapazitäten / Mittel / Einkommen / Instrumente zur Verfügung haben, um diese Aktivität fortzusetzen, weiterzuentwickeln oder neu zu erschaffen?

Das Ergebnis dieser Beschreibung kann sodann in einem dritten Schritt mit der Beschreibung anderer abgeglichen werden. Überschneidungen und Gegensätze in den Antworten werden mit der Zeit eine „Landschaft aus Konfliktlinien, Bündnissen, Kontroversen und Gegensätzen“ entstehen lassen.

III

Mit der Theory U hat Otto Scharmer, Senior Lecturer am MIT, ein Modell und einen Werkzeugkasten mit verschiedenen Methoden entwickelt, die in dieser Situation ebenso helfen können, den eigenen Beitrag zum Wandel für sich zu klären und konkrete Schritte anzugehen. Die Theory U ist ein Modell, das eine tiefgreifende Veränderung in sieben Schritten, dem sogenannten U-Prozess, zu bewirken versucht. Mit Methoden der Gesprächsführung und der Gruppenarbeit versuchen die Akteure, den Fokus der Aufmerksamkeit umzulenken. In einem Blogbeitrag hat Scharmer kürzlich die Theory U auf die Corona-Krise angewendet und aufgezeigt, wie der Weg von der Corona-Krise zum Klimaschutz aussehen könnte.

Was wäre, wenn wir diese Unterbrechung als Gelegenheit nutzen würden, alles loszulassen, was in unserem Leben, in unserer Arbeit und in unseren institutionellen Routinen nicht wesentlich ist? Wie könnten wir uns neu ausmalen, wie wir zusammen leben und arbeiten? Wie könnten wir die grundlegenden Strukturen unserer Zivilisation neu überdenken? … Wie könnten wir unsere wirtschaftlichen, demokratischen und lernenden Systeme so umgestalten, dass sie die ökologischen, sozialen und spirituellen Gräben unserer Zeit überbrücken?

https://medium.com/@sascha.g.berger/acht-aktuelle-lektionen-von-otto-scharmer-vom-coronavirus-zur-klimaaktion-6588e131a519

Darüber miteinander ins Gespräch kommen, mit Freunden, in der Familie, mit Organisationen und Gemeinschaften, das ist Scharmers Anliegen in diesen Tagen.

Eine Methode aus dem Werkzeugkasten ist der Social Solidarity Circle. Es handelt sich um eine Gruppenübung, die man in diesem Sinne nutzen könnte, um die persönliche Reflexion – z.B. die Antworten auf den Fragebogen von Latour – mit anderen zu vertiefen. Die Übung ist Teil eines Programms, das das Presencing Institut von Scharmer im vergangenen Jahr gestartet hat. Das Programm GAIA – Global Activation of Intention and Action – ist als weltweites Online-Lernangebot angelegt und möchte ein neues Bewusstsein aus der Auseinandersetzung mit den aktuellen Brüchen unserer Zeit anregen. Natürlich kann die Übung auch in anderen Zusammenhängen angewendet werden.

IV

Übrigens hat Carolin Emcke in ihrem Tagebuchprojekt bei der Süddeutschen Zeitung in der Auseinandersetzung mit den Fragen von Bruno Latour eigene Fragen formuliert. Dahinter steht ebenfalls das Anliegen, die Chance zu nutzen und die Verhältnisse neu zu gewichten. Sie sind stärker auf die Bewältigung der aktuellen Krise, können aber ebenfalls zu einem grundlegenden Bewusstseinswandel angesichts der Klimakrise beitragen.

1. Welche der Aktivitäten, die Sie im Augenblick als existentiell erleben, welche der sozialen Praktiken, welche der solidarischen Gesten, welche der kreativen Formate, welche der ökonomischen Hilfsangebote sind unverzichtbar, spenden Trost, mildern die Not, verweisen auf eine Gemeinschaft, die es auch anschließend geben sollte?

2. Welche Berufe, die Sie im Augenblick als besonders notwendig und unverzichtbar erleben, sollten anschließend auch personell ausgebaut und finanziell gewürdigt werden? In welche soziale Infrastruktur, die Ihnen im Augenblick besonderen Schutz oder Fürsorge bietet, sollte anschließend massiv investiert werden? Welche Quellen, Verlage oder journalistische Angebote, die Ihnen im Augenblick besonders zuverlässig Informationen liefern oder Orientierung bieten, sollten besser unterstützt und bezahlt werden?

3. Wie ist es mit all den Tätigkeiten und Aufgaben, die im Augenblick als nicht „notwendig” oder nicht „systemrelevant” deklariert werden, die aussetzen müssen mit etwas, das ihnen wertvoll ist, die nicht als Logopädinnen oder Kellner, die nicht als Anlagenmechaniker oder als Kamerafrau, nicht als Koch oder als Schauspielerin arbeiten können, was ist mit all den Tätigkeiten und Aufgaben, die es doch auch braucht, die ausdifferenziert und arbeitsteilig erst das herstellen, was wir nutzen oder lieben ? Wie signalisieren wir ihnen unsere Wertschätzung, wie ersetzen wir ihre Verluste?

Unternehmensmodelle im Wandel (20): New Work nach Fridtjof Bergmann

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Kürzlich hat Gunnar Sohn in einem Blogbeitrag auf eine Rezension hingewiesen, die er 2005 für den Deutschlandfunk produziert hat. Es ging um ein Buch, das sich mit der Zukunft der Arbeit befasste. Der Autor war Fridtjof Bergmann, Vordenker der New-Work-Bewegung. Das hat mich neugierig gemacht. So bin ich auf ein Interview (veröffentlicht in Der Bund in Teil 1 und Teil 2) gestoßen, das Michael Morgenthaler 2017 mit Bergmann geführt hat.

Bergmann äußert sich kritisch zur Diskussion über Neue Arbeit, wie er sie auf einer Tagung erlebt hat. Es sei sehr viel über Führungstechniken und Organisationsfragen gesprochen worden, über Wege, wie Unternehmen ihre Arbeitskräfte noch besser domestizieren und ausbeuten könnten. Ihm geht es jedoch ganz grundsätzlich um das Verständnis von Arbeit.

Es ist mir ein Rätsel: Die grosse Mehrheit der Menschheit lässt sich verführen, eine Arbeit zu verrichten, die sie müde macht und klein hält, um dann Dinge zu kaufen, die sie nicht braucht. Wir hätten dank des technologischen Fortschritts die Möglichkeit, mit wenig Aufwand die Dinge herzustellen, die wir zum Leben brauchen, und die Armut weltweit abzuschaffen. Stattdessen strampeln wir uns, angetrieben von Konsum- und Wachstumswahn, in sinnentleerten Jobs müde, verbrauchen Ressourcen im Übermass und verschärfen die Kluft zwischen Reich und Arm. 

Diese Kritik trifft einen Nerv, weil ja nicht nur wegen der zunehmenden Automatisierung mit einem sinkenden Bedarf an menschlicher Arbeit zu rechnen ist, sondern weil uns die Klimakrise vor Augen führt, dass viel Arbeit in der Konsum- und Wegwerfgesellschaft nur der kurzfristigen Profitorientierung dient, ohne Rücksicht auf Bedarfe der Menschen heute und der zukünftigen Generationen.

Die Alternative, die Bergmann sieht, ist freilich nicht so einfach zu haben. Denn letztlich ist sie mit einer Abkehr von der bisherigen Logik des Wirtschaftens verbunden.

Die «Neue Arbeit» hat drei Pfeiler: Erstens sollen Menschen herausfinden, was sie «wirklich, wirklich tun wollen» und darin unterstützt werden, mit ihrer Berufung Geld zu verdienen. Das bedingt auch, dass sich unser Schulsystem viel konsequenter auf Potenzialentfaltung konzentriert statt die jungen Menschen fit zu machen für einen Arbeitsmarkt, den es nach deren Schulabschluss so gar nicht mehr geben wird. Zweitens sollen die Dinge des täglichen Gebrauchs in regional organisierten Gemeinschaften hergestellt werden, wie das etwa beim Urban Gardening oder in Reparaturwerkstätten schon passiert. Und drittens sollen genossenschaftlich organisierte Unternehmen aufgebaut werden, in denen die Menschen nicht nur Angestellte, sondern auch Unternehmer sind. 

Praktische Ansätze für seine Vorstellung der Arbeit in der Zukunft sieht er z.B. in der freien Softwareentwicklung, bei Stiftungen, zu meiner Überraschung aber auch bei Google. Die Tatsache, dass die Google-Mitarbeitenden aufgefordert sind, einen Tag pro Woche eigene Projekte zu verfolgen, ist ihm schon genug Indiz für neue Arbeit, auch wenn Google zwei dieser drei Kriterien für neue Arbeit ganz offensichtlich verfehlt. Bergmann optimistisch:

Die Zeit, in der die Wirtschaft diktierte, welche Jobs es gibt und welche Produkte wir kaufen, neigt sich dem Ende zu. Je mehr Arbeit uns von Maschinen abgenommen wird, desto wichtiger werden Fähigkeiten wie Kreativität, Kooperation und Empathie.

Mir scheint gleichwohl, dass damit der Bruch im Dialog um die Arbeit der Zukunft und die Zukunft der Arbeit deutlich angesprochen ist. Vielleicht braucht es neue regionale Formen der Organisation, neue genossenschaftliche Unternehmensverfassungen, in denen sinnvolle Arbeit viel direkter aus dem konkreten Bedarf „vor Ort“ hergeleitet werden kann und die Bedingungen der Arbeit am Schutz von Klima, Umwelt und Artenvielfalt ausgerichtet werden.

II

Der New-Work-Experte Markus Väth hat sich intensiv mit dem Werk von Bergmann auseinandergesetzt. Er erläutert in diesem Video die Eckpunkte der „Sozialutopie“ von Bergmann:

  • Radikale Kürzung der Lohnarbeit
  • Arbeit, die Du „wirklich, wirklich“ willst
  • Wirtschaft des minimalen Kaufens

Väth schlägt vor, wie diese Utopie mit den Wirtschaftsunternehmen „versöhnt“ werden kann, ohne in die Falle der isolierten Einführung neuer Methoden, wie z.B. Agilität, zu tappen. Er regt an, die Parallelen des philosophischen Urkonzepts mit der heutigen Wirtschaft ausfindig zu machen. Seine Gedankenkette geht von Freiheit (wie sie Bergmann meinte), über Selbstverantwortung, Sinn und Entwicklung zur Sozialverantwortung. Wenn man so tut, als seien dies die Prinzipien für New-Work-Unternehmen, dann entsteht die Vision eines Unternehmens, das nicht länger eine schädliche, sondern eine „heilende Wirkung“ ausstrahlt, so Väth. Entscheidend sei letztlich, ob jeder von uns ganz praktisch anfängt, die Utopie in unserem Unternehmen lebendig werden zu lassen.

Während Bergmann eine Utopie formuliert, die einerseits den Einzelnen als Akteur sieht, der durch Selbstreflexion neue Wege für sich persönlich sucht, andererseits auf eine dezentrale, solidarische Wirtschaftsordnung setzt, haben wir es bei Väth mit einer verkürzten Utopie zu tun, bei der die Prinzipien innerhalb bestehender Organisationsstrukturen und Unternehmensverfassungen gelebt werden sollen.

III

Ein ganz anderes Bild entsteht, wenn man mit dem Berliner Wirtschaftssoziologen Philipp Staab betrachtet, wie sich die Logik der neuen proprietären Märkte, die von den Digitalkonzernen und Plattformbetreibern kontrolliert werden, auf die Arbeitswelt auswirkt. Im Interview legt er seine Beobachtungen dar.

Wechselseitige Bewertung und Tracking sind heute gelernt und eingeübt. Das Prinzip, das die Digitalkonzerne auf ihren Plattformen flächendeckend verbreitet haben, macht sich auch innerhalb von Unternehmen breit. Es ist zum Vorbild für die Restrukturierung von Arbeitszusammenhängen geworden. Das Feedback- und Bewertungssystem Zonar bei Zalando sei nur ein Beispiel von vielen. Ähnlich seien in den Softwareanwendungen häufig auch Tracking-Funktionen eingebaut und würden von den Unternehmen benutzt, ohne schon genau zu wissen, was man mit den Datenmengen anfangen will.

Staab unterscheidet in der digitalen Arbeitswelt der Plattformökonomie zwischen den wenigen Zentren, in denen hochqualifizierte, kreative Arbeit geleistet wird mit vielen Benefits und wenig Kontrolle, und der Peripherie, den Produzenten, die auf diese proprietären Märkte angewiesen sind. Auf ihnen laste ein hoher Druck, immer mehr aus der Arbeit herauszupressen.

Wenn man sich die langfristige Entwicklung anschaue, dann sei ein stetiger Zugewinn an Bürgerrechten zu erkennen, der zuletzt auch die Arbeitswelt, etwa als Mitbestimmungsrechte, erfasst habe. Diese Entwicklung stagniere in den letzten Jahrzehnten oder sei sogar zurückgedreht worden. Nur als Konsumenten und Verbraucher hätten wir in jüngerer Vergangenheit Zugewinne zu verzeichnen. Der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit wüte mittlerweile in uns selbst.

Staab schlägt vor, das Selbstverständnis vom Verbraucher wieder mehr zum Bürger hin zu lenken. Es gelte, das Bewusstsein bei den Bürgern zu schärfen, dass die gegenwärtige Entwicklung mit fundamentalen Verlusten historisch erkämpfter Anrechte verbunden ist. Voraussetzung dafür sei, den Dialog über die Zwecke des Wirtschaftens zu beleben. Die Digitalkonzerne haben uns gezeigt, wie man Märkte gestalten kann. Europa hat die große Chance, diese Gestaltungsfähigkeit aufzugreifen und an anderen, nämlich bürgerschaftlichen und demokratischen Zwecken, auszurichten. Jetzt heisst es, Ernst machen mit den drängenden zivilgesellschaftlichen, demokratischen Zielen, die da heißen: Schutz der Privatsphäre und Klimaschutz.

Vor diesem Hintergrund würde, so meine ich, auch die Debatte um New Work wieder mehr Sinn erhalten.

Sensoren (17): Hoffnung – unser Sinn für die Möglichkeiten des Guten

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Im ZDF-Kulturmagazin aspekte lief kürzlich ein Beitrag über das neue Buch von Jonathan Franzen und dessen (auch hier schon vorgestellten) Plädoyer, sich angesichts eines aussichtslosen Kampfes gegen den Klimawandel mehr auf die Anpassung an die gravierenden Folgen zu konzentrieren. Diese Haltung wird in dem Beitrag als „resignativ“ kritisiert. Dies, obwohl sich Franzen weit weg davon zeigt, einer Untätigkeit das Wort zu reden. Er schüre Ängste, heisst es. Versucht er, die längst verbreiteten, aber verdrängten Ängste für seine Zwecke auszunutzen? Oder sucht er die Stimme der Vernunft in einer existenziellen Krise? Könnte genau aus dieser Auseinandersetzung über das Mögliche und seine Grenzen eine neue Solidarität erwachsen? Was hat es mit der Angst auf sich?

Ausschnitt aus dem Wandteppich Zyklus der Apokalypse (Schloss Angers)
Photo by Remi Jouan, CC BY-SA 3.0, Wikipedia

Wer sich nicht dem naheliegenden Geschichtspessimismus anschließen will, braucht Hoffnung – nicht Optimismus. Hoffnung zielt darauf, Tatsachen zu ändern, ist unser Sinn für die Möglichkeiten des Guten.

Das schreibt der Philosoph Thomas Gutknecht in einem Beitrag für Agora42. Er befasst sich darin mit den starken Emotionen, mit denen wir es in Zeiten der Verunsicherung und Orientierungslosigkeit zu tun haben: einerseits Zorn, andererseits Angst. In der westlichen Kultur sei der Zorn weitgehend in Verruf geraten und verdrängt worden. Umso mehr habe sich die Angst verbreitet. Zorn sei jedoch der natürlichste Begleiter des Gerechtigkeitssinns. Die Energie des Zorns aus dem Politischen zu verbannen, sei unmöglich. Denn, so Gutknecht, „Politik machen Menschen für Menschen“. Der Zorn liefere die Energie für den produktiven Umgang mit Verletzungen aller Art.

Mit dem Verdrängen dieser Energie sei die Angst zur bestimmenden sozialen Kraft geworden. Mit Argumenten sei ihr deshalb nicht mehr beizukommen. Stimmungen ließen sich nur mit Gegenstimmungen überwinden. Die Angst gehöre zum Leben. Sie werde jedoch häufig für eigene Zwecke instrumentalisiert und missbraucht. Wir müssen wieder lernen, so Gutknecht, der Angst menschlich zu begegnen.

Doch wir sind Analphabeten der Angst geworden. Erst das Verständnis der Angst verhilft dazu, die Grenzen unserer Möglichkeiten wahrzunehmen und sinnvoll mit diesen Grenzen umzugehen. … Doch nur wenn das Lernziel heißt, sich recht ängstigen zu lernen, blüht das Leben auf. Die Angst im Leben ist „gesund“. … Wir brauchen die Angst, allerdings eine Angst, die uns nicht so sehr Kopfzerbrechen, sondern Beine macht.

Zum Umgang mit der Angst gehört zunächst, sie anzuerkennen. Erst dann können wir ihr begegnen, sie durchstehen und überwinden, ohne ins Unmenschliche auszuweichen. Wir brauchen, so Gutknecht, eine „liebende Angst“, die sich um die Welt ängstigt, nicht nur vor dem, was uns in ihr zustoßen könnte. Wir brauchen „eine belebende Angst, die uns statt in die Stubenecken hinein, in die Straße hinaus treiben soll“, zitiert er Günther Anders.

Aus einer in diesem Sinne „gelernten“, gereiften Angst erwachse eine Solidarität, in der sich das dialogische Prinzip verwirkliche. In ihr habe auch die Energie des Zorns ihren Platz, in der Balance mit der Liebe.

Eine Kultur des Mit- und Füreinanders lebt von der wirklichen Kommunikation und wird bedroht vom (rhetorischen) Missbrauch der Sprache. Es bedarf einer Rehabilitierung des Ringens um Wahrheit, der Etablierung wahrheitssuchender Verständigungsprozesse, einer öffentlichen Streitkultur, des liebenden Kampfes.

Werte, betont Gutknecht, sind mehr als Güter, sie verweisen auf das Gute. Sie werden leibhaftig erfahrbar in praktizierten Tugenden, in gemeinsamen positiven Erlebnissen. Am Ende seines Textes listet Gutknecht einige dieser Tugenden auf, die zu praktizieren wir eingeladen sind.

Mehr dazu s.
Sensoren (14): Der Klimawandel und die Hoffnung
Sensoren (15): Nochmal – der Klimawandel und die Hoffnung
Sensoren (16): Der Klimawandel und die Hoffnung – zum Dritten

Written by Östermann

30. Januar 2020 at 16:10

Sensoren (16): Der Klimawandel und die Hoffnung – zum Dritten

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Wer sich mit dem Klimawandel und seinen möglichen oder wahrscheinlichen Folgen näher befasst, verliert leicht die Hoffnung, dass der Wettlauf mit der Zeit noch gewonnen werden könnte. In zwei Blog-Beiträgen habe ich kürzlich einige Stimmen und einen Vortrag von Uwe Schneidewind vorgestellt, die Wege zur Hoffnung in dieser bedrohlichen Situation aufzeigen. Hier nun eine ganz andere Annäherung an die Zukunft und die große Transformation. Ein SWR2-Feature hat sich kürzlich mit der religiösen Metapher der Apokalypse befasst. Wenn wir den Begriff auf die Klimakrise oder umfassender die Krisen der Gegenwart und die damit verbundenen tiefgreifenden Umwälzungen im Sinne einer Zeitenwende aufgreifen, dann können wir uns fragen: Wie halten wir es mit der Apokalypse? Steht sie uns bevor? Liegt sie hinter uns? Stecken wir mittendrin?

Albrecht Dürer: Die vier apokalyptischen Reiter
| Staatliche Kunsthalle Karlsruhe |© Public domain

Ein SWR2-Feature von Barbara Eisenmann hat sich kürzlich mit aktuellen Zukunftsbildern auseinander gesetzt. Sie tut das im Gespräch u.a. mit dem französischen Soziologen Bruno Latour und der spanischen Philosophin Marina Garcés. Vor, während oder nach der Apokalypse? Marina Garcés antwortet auf die Frage mit einem Hinweis auf ein anderes Zeiterleben.

Also wenn ich mich vor oder nach der Apokalypse situieren müsste, dann würde ich mich in einem Danach einsortieren, und zwar nicht in dem Danach, von dem die lineare Erzählung ausgeht, sondern in einem Danach nach der linearen Erzählung der Apokalypse. Denn lineare Erzählungen zwingen uns dazu, dass wir alles, was passiert – die Geschichte, Handlungen, menschliche Erfahrung -, in Begriffen von Anfang und Ende erzählen müssen.

Eine neue Erzählung beginne sich durchzusetzen. Eine neue Zeit löse die Zeit der Geschichte und der Zukunftsversprechen ab. Sie bringe uns dazu, uns als Aussterbende zu denken. Die Geschichte habe sich als eine Erzählung, die in der Zukunft ihren eigentlichen Sinn hat, selbst vernichtet. Garcés unterscheidet zwischen dieser Zerstörung der Welt, der Erde, der Lebensformen, der Kulturen, der Gesundheit, lebbarer Zukünfte auf der einen Seite und der Apokalypse auf der anderen Seite. Diese sei eine narrative Struktur, die als ideologisches Werkzeug der Kontrolle und Unterwerfung eingesetzt werde.

Latour verortet sich und uns hingegen mitten in der Apokalypse.

Die einzige Position in Bezug zur Apokalypse ist, sich gegenüber der Offenbarung – das ist die eigentliche Bedeutung des Wortes „Apokalypse“ – zu öffnen, denn jetzt ist die Gelegenheit zum Handeln. Wenn Sie aber sagen: „Na, wir kommen da schon durch, überdramatisieren Sie mal nicht“, verstehen Sie von der Situation, in der wir uns befinden, nichts. Und das war genau das, was Günther Anders in der berühmten Szene im Zug beschrieb, wo er einen Deutschen traf, der sagte: Wir werden alle sterben, es ist also egal. Anders sagte auch, das ist ein Verbrechen nicht nur gegen die Religion, sondern im Grunde genommen gegen die Existenz selbst.

Das Wort „Apokalypse“ möchte Latour nicht in der Bedeutung als Katastrophe oder Kollaps verstanden wissen, sondern als Begriff für die sich reorganisierende Zeit. Er scheint sich also mit Garcés in dem einen Punkt einig zu sein, dass das lineare Geschichtsverständnis der Moderne zu Ende geht oder schon gegangen ist. Die Beziehung zur Zeit ist im Wandel. Latour greift die Vorstellung eines neuen Zeitpfeils auf, die er in seinem Buch Das terrestrische Manifest ausführlich dargelegt hat. Die lineare Zeitlichkeit mit dem Blick immer nach vorne in die Zukunft gerichtet, bedeute Zerstörung, der sich die Erde, so Latour, mittlerweile widersetze.

Und die Frage hier ist, warum die Modernen eine Beziehung zur Zeit erfunden haben, die uns nur in eine Richtung gehen lässt, noch dazu eine Richtung, die unverhandelbar ist. Teleologie, Zielgerichtetheit ist aber nicht der einzige Weg, die Beziehung zur Zeit zu verstehen. Also diese monolithische, hegemonische Richtung der Moderne in eine Zukunft, die heute ganz und gar vom Kapitalismus und den Schulden kolonisiert ist, ist sicherlich nicht die einzige Art und Weise, in der Zeit zu sein. Und das ist ohnehin vorüber, aus und vorbei.

George Bush sen. hat 1992 vor Beginn der Weltklimakonferenz gesagt: „Unser Lebensstil ist nicht verhandelbar.“ Darin drückt sich die westliche Vorstellung aus, die Apokalypse liege hinter uns. Das Paradies auf Erden sei verwirklicht. Dass die Welt des Wachstums und der Kapitalanhäufung zu Ende gehen könnte, ist für diese Postapokalyptiker nicht vorstellbar.

Die Vorstellung eines guten oder schlechten Endes oder religiös einer Errettung oder Verdammung unterwerfe, so Marina Garcés, jegliche Vielfalt an Lebensformen und Erfahrungen einer einzigen Bewertung: Wird es gut oder schlecht enden?

Die Autorin des Radio-Feature hat noch eine weitere Stimme eingeholt. Evgeny Morozov, der weissrussische Kritiker von Technikutopien, hat den Begriff des „Solutionismus“ für den Glauben an die technische Lösbarkeit aller Probleme geprägt. Mit dem Begriff der Apokalypse kann er zunächst wenig anfangen. Dann fällt ihm doch auf, dass die Technologiegläubigen mit ihrer antipolitischen Haltung sehr wohl apokalyptische Erzählungen für ihre Interessen nutzen. Sie nutzen die Dringlichkeit des Klimawandels, um alles mit ihrem solutionistischen Werkzeugkasten effizienter und schneller zu machen.

Zugrunde liegt dem die Annahme, dass die einzigen Akteure, die die Probleme überhaupt lösen können, Unternehmen seien. Und die wiederum benutzen alle möglichen Diskurse, auch den Apokalypse-Diskurs, als Argumente für ihre eigene Sache. Wir sollen also darauf vertrauen, dass bestimmte Unternehmen ein bestimmtes Problem lösen, weil wir keine Zeit zu verlieren haben, denn die Welt bricht ja zusammen. So gesehen profitieren sie von der Angst und Furcht, die die Gesellschaft heute durchdringen. Sie profitieren politisch, intellektuell und ökonomisch von dieser Angst, die einige von ihnen auch steuern.

Wir haben es heute, so Garcés, mit der Frage zu tun: Wie lange noch? Wie lange werde ich noch eine Arbeit haben? Wie lange werde ich mit meinem Partner noch zusammenleben? Wie lange wird es noch Renten geben? Wie lange Trinkwasser?

Wir seien an Grenzen geraten, an Schwellen, an denen das Lebbare für einen großen Teil der Menschheit und der anderen Lebewesen in Frage stehe. Für einige Wenige gebe es ein Lebensprojekt, das aber den großen Teil der Welt zu etwas Unlebbarem verdamme.

Und wenn wir von der Zukunft als kollektivem Sinnhorizont sprechen, der radikal in Frage steht, dann geht es hier um die Möglichkeit eines lebbaren Lebens auf dem Planeten. Zwar gibt es ein kapitalistisches Projekt, das für alles irgendeine Erneuerung kennt und technologische Utopien, aber hier geht es um die Konstruktion realer Kräfte in der Gegenwart, die sich auf eine Welt beziehen, die nicht mehr die alte ist, die aber auch noch nicht weiß, was für eine Welt sie ist.

Garcés weiter:

Die Frage, Latour spricht auch davon, dass diese Welt nicht mehr unsere Welt ist, die Frage ist also: Wo leben? Und wie leben? Und wie sieht dieses Leben aus, das auch danach gelebt werden will, nach dieser Zukunft oder, anders gesagt, nachdem diese Zukunft radikal in Frage gestellt worden ist. Ich sage ja, es gibt dort ein Leben.

Noch einmal kommt Latour auf das Bild vom Kollaps zu sprechen. Das negative Bild hat eine positive Kehrseite.

Und ich denke, dass es nicht viele Präzedenzfälle dafür in der westlichen Existenz gibt. Das ist auch der Grund, warum wir alle den Boden unter den Füßen verloren haben und warum die Idee eines Crashs, eines Kollapses, so wichtig ist: die Idee nämlich, dass wir landen könnten. Landen ist die positive Variante, aber wir können natürlich auch abstürzen, und das Gefühl eines Kollapses ist überall.

Written by Östermann

28. Dezember 2019 at 14:18

Sensoren (15): Nochmal – der Klimawandel und die Hoffnung

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Wer sich mit dem Klimawandel und seinen möglichen oder wahrscheinlichen Folgen näher befasst, verliert leicht die Hoffnung, dass der Wettlauf mit der Zeit noch gewonnen werden könnte. In einem Blog-Beitrag habe ich kürzlich einige Stimmen vorgestellt, die Wege zur Hoffnung in dieser bedrohlichen Situation aufzeigen. Hier nun ergänzend eine weitere, wie ich meine, wichtige Stimme.

In der Teleakademie hat kürzlich Uwe Schneidewind, Wuppertal Institut, über Nachhaltigkeit gesprochen. In berührender Emotionalität hat er auf einen wichtigen Aspekt aufmerksam gemacht, der in den Debatten über den Weg in die Zukunft meist zu kurz kommt. Es ist ein Privileg, in einer Zeit zu leben, in der es erstmals in der Menschheitsgeschichte möglich geworden ist, allen Menschen – den heute und den zukünftig lebenden – ein gutes Leben zu ermöglichen. Und es ist ein Privileg, tagtäglich an der Verwirklichung dieser großen kulturellen Herausforderung mitarbeiten zu dürfen. Die Vision einer nachhaltigen Welt hilft, so Schneidewind, die Blickverengung auf die großen Probleme und auf einseitig technologische Lösungsansätze zu überwinden.

Der Hoffungsbegriff werde häufig, so Schneidewind, reduziert auf das Prognostizieren äußerer Erfolge, etwa der Einhaltung des 1,5°-Ziels oder dem Bewältigen der Energiewende. Wenn man sich jedoch epochale gesellschaftliche Veränderungsprozesse genauer anschaue, stelle man fest, dass diese immer getragen worden seien von den positiven Energien, die mit diesen Ideen verbunden gewesen seien. Die Energie sei nie gegen etwas gerichtet gewesen. Vielmehr habe sie immer die Vision getragen.

Wenn diese Energie verloren geht, wird sich Veränderung auf keinen Fall einstellen.

Der Diskurs über die Nachhaltigkeit sei wesentlich inspiriert von Historikern, die in ganz anderen Zeitmaßstäben auf Veränderung schauten. Solche Prozesse vollzögen sich immer in Jahrzehnten oder noch längeren Zeiträumen. Wenn man 2015 nehme als das Jahr des Pariser Klimaabkommens und der UN-Nachhaltigkeitsziele, dann seien es gerade mal 70 Jahre, bis sage und schreibe 190 Staaten die Orientierung an einem menschenwürdigen Leben und das Auskommen mit den begrenzten Ressourcen zu ihrem gemeinsamen politischen Kompass erklärt hätten. Eine kulturelle Revolution.

Schneidewind unterscheidet im übrigen mit Bezug auf den Historiker und Philosophen Kwame Antony Appiah drei Phasen, in denen sich solche großen moralischen Umbrüche, z.B. die Abschaffung der Sklaverei oder die Einführung des Frauenwahlrechts, vollziehen. In der ersten Phase wird das Problem gar nicht gesehen. Wenn das Problem irgendwann gesehen wird, rücken die vielen Gründe ins Blickfeld, weshalb es nicht gelöst werden kann. In der Klimadebatte befinden wir uns in dieser zweiten Phase. In der dritten Phase kommt es zu einem Moment, in dem es zu einer „Frage der Ehre“ wird, das Problem anzugehen und zu lösen. Als Beispiel nennt Schneidewind den Atomausstieg nach Fukushima. Im Rückblick frage man sich bei solchen Transformationsprozessen, warum das eigentlich so lange gedauert hat. So ähnlich werde es uns beim Klimaschutz auch mit unseren Enkeln gehen. Wenn sie uns fragen, werden wir selbst nicht mehr verstehen, weshalb wir uns so verhalten haben, wie wir es in der Gegenwart tun.

Deshalb sei das Hoffnungsmomentum so wichtig. Die gesellschaftliche Veränderung entstehe aus vielen einzelnen Momenten, deren Häufigkeit sich immer mehr verdichte. Für das Umschlagen reiche dann oft ein kleiner Funke.

Die Veränderung geschieht nur, wenn es ausreichend Menschen gibt, die von dieser kraftgebenden Hoffnungsenergie getragen sind, wenn es genügend Zukunftskünstlerinnen und -künstler gibt, die die Herausforderung erkennen, aber mit dieser positiven Energie immer wieder nach geeigneten Lösungen suchen.

Written by Östermann

14. November 2019 at 13:35

Zukunftsfähigkeit – ein Wort zum Heulen?

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Auf dem Evangelischen Kirchentag und in einem Gastbeitrag der Oldenburger Nordwestzeitung hat Heribert Prantl über den Gebrauch des Wortes „Zukunftsfähigkeit“ gewettert.

Dass aus dem herrlichen Wort „Zukunft“ so etwas Abscheuliches wie „Zukunftsfähigkeit“ gemacht worden ist, ist zum Heulen. Das Wort „zukunftsfähig“ ist ein verlogenes Wort, weil es so tut, als gäbe es eine feststehende Zukunft, für die man fit gemacht werden müsse. Es gibt aber keine Zukunft, von der man sagen könnte, dass es sie einfach gibt. Es gibt nur eine Zukunft, die sich jeden Augenblick formt – je nachdem, welchen Weg ein Mensch, welchen Weg eine Gesellschaft wählt. Die Bewegung „Fridays for Future“ versucht, Gesellschaft und Politik auf einen neuen Weg zu führen.

Als Organisationsberater habe ich den Begriff bisher gerne und häufig verwendet. Und zwar, gerade weil die Zukunft unbestimmt ist. Weil jede Organisation lernen muss, mit der hohen Komplexität umzugehen. Es geht um organisatorische Fähigkeiten, die die meisten Unternehmen, Behörden, Museen oder Schulen mühsam lernen müssen. Das Akronym VUCA ist in der Management- und Beraterzunft so populär geworden, weil Organisationen unter Bedingungen handlungsfähig bleiben wollen, die als verwirrende Mischung aus Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität erlebt wird. Beliebt ist auch die Vorstellung, auf VUCA mit VUCA – vision, understanding, clarity, agility – zu antworten.

Wie wollen wir leben?

Diese SWR-Reportage zeigt an verschiedenen Beispielen, wie sich die Arbeitswelt verändert. Weniger Hierarchie oder Abschied von der Hierarchie, kürzere und flexiblere Arbeitszeit, Selbstverantwortung im Team, agile Vorgehensweisen, Job-Sharing – was vor zwei Jahrzehnten noch Zukunftsmusik war, ist heute in vielen Unternehmen gelebte Praxis. Ein Unternehmen entwickelt mit der Kreativität der Mitarbeitenden eine Zukunftsvision, um für die „neue Zeit“ „zukunftsfähig“ zu sein. Aber was zeichnet diese „neue Zeit“ aus? Weshalb ist eine „Transformation“ unumgänglich? Der Film verweist auf anspruchsvollere Produktionsabläufe durch Digitalisierung, Automatisierung und Robotisierung, auf Effizienzgewinne, die dadurch erzielt werden können. Die Gewerkschaftsvertreter zeigen sich hoffnungsvoll, dass kürzere Arbeitszeiten bei vollem Gehalt möglich werden. Den Zuschauenden drängt sich der Eindruck auf, das alles habe mit der Klimakrise nichts zu tun. Blenden Unternehmen einen existenziellen Teil der wahrscheinlichen Zukunft einfach aus?

Für die Zukunftsforschung ist der Klimawandel ein Trend unter vielen

Ähnlich beobachten Zukunftsforscher – wie z.B. die Strategic Intelligence des WEF – technologische und soziale Trends vorrangig mit Blick auf mehr oder weniger wahrscheinliche neue Märkte. Es geht meist darum, den Anschluss an den Fortschritt zu halten, neue Produkte zu entwickeln und rechtzeitig auf neuen Märkten präsent zu sein. Klimawandel, Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und Umweltschutz werden zwar als Trends mit einbezogen, gehen jedoch in der Fülle dutzender anderer Trends unter. Das Terrestrische oder die Biosphäre werden marginalisiert.

Zukunftsfähig ist eine Organisation erst, wenn sie nachhaltig wirtschaftet

An ihrer Zukunftsfähigkeit arbeitet eine Organisation heute erst, wenn sie sich den existenziellen Fragen des Klima-, Umwelt- und Artenschutzes mit Priorität widmet. Organisationen, die die Klimakrise und die Auswirkungen des Wirtschaftens auf die Artenvielfalt ignorieren, sind allein deshalb auf längere Sicht nicht lebensfähig, schlicht und einfach, weil sie dazu beitragen, ihren eigenen und unser aller Lebensraum zu zerstören. Zukunftsfähigkeit heisst unter den Bedingungen der Klimakrise, was und wie produziert wird, trägt direkt oder indirekt, in jedem Fall aber nachvollziehbar, zur Minderung der Klimakrise bei. Gemessen daran sind heute die wenigsten Unternehmen zukunftsfähig.

Unternehmen kommt eine wesentliche Rolle bei jeder Nachhaltigkeitsstrategie zu. Darauf hat Reinhard Loske in seinem Buch „Politik der Zukunftsfähigkeit“ hingewiesen, auf das ich hier kürzlich in einem Beitrag hingewiesen habe. Es sei nicht damit getan, politisch den Ordnungsrahmen für ein nachhaltiges Wirtschaften, z.B. eine CO2-Steuer oder -Bepreisung, festzulegen. Loske schlägt drei grundlegende Fragen vor.

  • Was sind aus Nachhaltigkeitsperspektive adäquate Unternehmensgrößen und Unternehmensverfassungen?
  • Wo liegt die unternehmenseigene Verantwortung für Nachhaltigkeit?
  • Welches Berichtswesen wird dafür gebraucht?

Loske weist darauf hin, dass es im unregulierten kapitalistischen Wettbewerb unweigerlich zur ökonomischen Machtballung, zu ungesunden Unternehmensgrößen und zu Monopolen kommt, die mit der politischen Macht unheilige Allianzen gegen das Gemeinwohl eingehen. Sie neigen dazu, sich an Wachstums-, Gewinn- und Anlegerinteressen auszurichten und ökologische wie soziale Folgeschäden zu externalisieren und auf die Gesellschaft abzuwälzen. Als Beispiele nennt er die deutschen Automobilkonzerne, die deutsche Chemieindustrie und die großen Öl-, Gas- und Kohlekonzerne. Mit enormem Lobbyaufwand hätten sie es immer wieder geschafft, anspruchsvolle Klimaschutzstandards von ihren Produkten fern zu halten und sogar den internationalen Klimaschutzprozess zum Stillstand zu bringen.

Aber die Bekämpfung von Monopolmacht sei möglich, wie das Beispiel der großen deutschen Stromkonzerne zeige. Durch Atomausstieg und EEG sei die dezentrale Eigenerzeugung so stark stimuliert worden, dass sich die Marktstruktur gerade radikal in Richtung dezentraler und verteilter Prosumentennetzwerke transformiere.

Auch seien Unternehmensformen wie Personengesellschaften, Genossenschaften und kommunale Betriebe eher als Kapitalgesellschaften geeignet, soziale und ökologische Ziele zu verfolgen und sich am langfristigen statt am kurzfristigen Erfolg zu orientieren.

Loske betont, was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Jedes Unternehmen hat eine gesellschaftliche Verantwortung und muss über sein Wirken Auskunft geben. Es reicht nicht aus, Güte und Nutzen der Produkte sprechen zu lassen. In einer ökologisch sensiblen Öffentlichkeit bestehe, so Loske, großes Interesse, ehrliche Antworten auf die Fragen zu erhalten: Wie produziert ein Unternehmen? Wie geht es mit seinen Mitarbeitenden um? Woher bezieht es seine Ressourcen? Wie setzt es sie ein? Wie trägt es zum Schutz von Natur und Umwelt bei? Wie behandelt es seine Nachbarn und seine Geschäftspartner?

Was letztlich gebraucht wird, ist eine standardisierte Gemeinwohlbilanz für jedes Unternehmen, welche wahrhaftig Auskunft über seine ökologischen und sozialen Relationen gibt: zu Lieferanten, Geldgebern, Mitarbeitern und gesellschaftlichem Umfeld. Läge neben der traditionellen Unternehmensbilanz und seiner Gewinn- und Verlustrechnung auch eine Gemeinwohlbilanz, ließe sich schnell erkennen, wer nachhaltig wirtschaftet und wer nicht. (S. 184)

Visionen an den konkreten Maßnahmen und deren Wirkung messen

Nils Brunsson, der schwedische Organisationsforscher, hat einmal auf das Problem der Scheinheiligkeit in der Unternehmensführung hingewiesen.

Unternehmen sind vielen verschiedenen und widersprüchlichen Anforderungen ausgesetzt. Scheinheiligkeit ist die zwangsläufige Folge. Unternehmen sollen effizient sein und Gewinne erzielen, aber auch Arbeitsplätze zur Verfügung stellen und das Klima schützen. Unternehmen sollen demokratisch sein und auf Diversität achten, und sie werden für gute Arbeitsbedingungen ihrer Mitarbeiter – und zunehmend auch für die ihrer Vertragspartner und von deren Zulieferern – zur Verantwortung gezogen.

Klima-, Arten- und Umweltschutz vertragen ein So-Tun-Als-Ob nicht. Ein ehrliches Ringen um nachhaltige Produkte und Produktionsweisen ist ebenso unerlässlich wie ein intensiver Dialog in den Netzwerken, in die eine Organisation eingebunden ist, und die wechselseitige Kontrolle, wie die soziale und ökologische Verantwortung angemessen wahrgenommen wird.

Digitale Transformation ist ein sozialer Prozess

Die Digitalisierung gewinnt in einem solchen Szenario einen anderen Sinn. Dirk Baecker hat kürzlich in einen Essay darauf aufmerksam gemacht, dass die digitale Transformation kein technischer, sondern ein sozialer Prozess ist.

Alle wichtigen Akteure der Gesellschaft müssen lernen, verantwortungsvoll mit ihm umzugehen, während niemand weiß, wohin dieser Prozess uns noch führt.

Die Digitalisierung kann erst aus diesem Verständnis heraus ihr Potenzial für die Lösung der existenziellen Probleme entfalten. Baecker weist auf den entscheidenden Unterschied hin.

So kann man das Verhältnis von Unternehmen und Märkten, Parteien und öffentlicher Meinung, Wissenschaft und empirischen Gegenständen, Intimitätswünschen und Partnerschaften, aber auch Kohlendioxidemissionen und Klimawandel, Antibiotikaeinsatz in der Landwirtschaft und resistenten Bakterien sowie Konsumentennachfrage und Drohneneinsatz nicht nur erforschen. Das konnte man früher auch schon. Man kann es vielmehr in Echtzeit auswerten und mit strategischen Maßnahmen unterstützen, fördern oder bekämpfen, je nach Bedarf. 

Hinzu kommt der Einsatz künstlicher Intelligenz, die man auch braucht, weil man in dem Heuhaufen der im Internet der Dinge massenhaft produzierten Daten die Nadel nicht mehr findet, die den Unterschied macht. Datenproduktion und Datenauswertung ist das Gesetz der digitalen Transformation. Das gilt für Unternehmensführung und Kriegsführung, für politische Kampagnen und Werbekampagnen, für Kunst und Unterhaltung, Bildung und Terrorismusbekämpfung, Finanzmärkte und Logistikketten, Agrarwirtschaft und Gesundheit.

Zukunftsfähigkeit neu definieren

Prantl geht es im übrigen bei seiner Klage über den mangelnden Willen, die Zukunft aktiv zu gestalten, nicht darum, den Begriff „Zukunftsfähigkeit“ zu löschen. Er möchte ihn neu definieren.

Die Frage ist nämlich nicht, welche Zukunft man hat oder erleidet, die Frage ist, welche Zukunft man haben will, und wie man darauf hinlebt und darauf hinarbeitet. Die Frage ist nicht, was auf die Gesellschaft zukommt, sondern wohin sie gehen will. Zukunftsfähigkeit muss daher neu definiert werden, nämlich so: Wie wird die Zukunft fähig für die Gesellschaft? Wie wird sie fähig für ein Leben, das mehr ist als ein Überleben? Diesen Versuch unternimmt „Fridays for Future“. Es ist eine pfingstliche Bewegung.

Manifeste (13): Das Ecomodernist Manifesto

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Heute – am 29. Juli 2019 – ist Erdüberlastungstag. Wir haben für das laufende Jahr die Ressourcen aufgebraucht, die die Natur in einem Jahr erzeugen kann. Dies möchte ich zum Anlass nehmen, ein Manifest anzuschauen, das den Ressourcen- und Flächenverbrauch besonders in den Mittelpunkt rückt, das Ecomodernist Manifesto.

Das Ecomodernist Manifesto (hier in deutscher Übersetzung) wurde 2015 von einer Gruppe um das Breakthrough-Institut in Kalifornien veröffentlicht. Unter den Unterzeichnern findet sich auch Michael Shellenberger, ein Umweltaktivist und Mitbegründer des Instituts, der sich kürzlich kritisch zur deutschen Energiewende geäußert hat. Er hält die regenerativen Technologien für eine Sackgasse. Zu raum- und zu ressourcenintensiv seien sie.

I

Diese Auffassung liegt auch dem Manifest zugrunde. Es argumentiert stark aus der Perspektive des Flächenverbrauchs. Das Manifest artikuliert die Vision eines „großartigen Anthropozäns“, eines umfassenden Wohlstands für alle bei gleichzeitiger Minimierung der Umweltbelastung. Ziel ist die „Entkopplung“ von Mensch und Natur. Man könnte auch sagen: maximaler Wohlstand für alle bei minimalem Verbrauch von Ressourcen und der Natur vorbehaltener Fläche.

Die Entkopplung wird dabei sowohl relativ als auch absolut betrachtet. Relative Entkopplung bedeutet, dass die menschlichen Umweltauswirkungen langsamer zunehmen als das gesamtwirtschaftliche Wachstum. Folglich entsteht für jede Einheit Wirtschaftsleistung weniger Umweltbelastung (z.B. durch Abholzung, Artensterben, Umweltverschmutzung). Die Auswirkungen nehmen insgesamt immer noch zu, jedoch langsamer als es sonst der Fall wäre. Absolute Entkopplung tritt ein, wenn die Gesamtumweltbelastung — die Belastung in der Summe — einen Höchststand erreicht und anfängt zu sinken, während die Wirtschaft weiterhin wächst.

Ein ökomodernes Manifest, Abschnitt 2

Das Manifest würdigt die langfristigen Erfolge des kapitalistischen und industriellen Wirtschaftens ausführlich. Lebenserwartung, Gesundheit, Wohlstand – alles Verdienste stetiger Produktivitätssteigerung. Besonders dazu beigetragen hat die weit fortgeschrittene Entwicklung in der Landwirtschaft.

Diese Betrachtung der relativen Verbräuche und der relativen Externalitäten prägt die gesamte Argumentationslinie der Ökomodernisten. Der relative Landgebrauch pro Ernährungseinheit ist gesunken. Es würden mittlerweile, so die Autoren, mehr Waldflächen wieder aufgeforstet als abgeholzt. Die Stickstoffbelastung nehme zwar insgesamt noch zu, pro Produktionseinheit habe sie jedoch stark abgenommen. Und so weiter.

Insgesamt bedeuten diese Trends, dass der Einfluss der Menschen auf die Umwelt, einschliesslich Änderungen in der Landnutzung, Raubbau und Verschmutzung, in diesem Jahrhundert den Höchststand erreichen und sinken kann. Wenn die Menschen diese neu auftauchenden Prozesse verstehen und vorantreiben, haben sie die Chance, die Erde wieder stärker der Natur zu überlassen — selbst dann, wenn die Entwicklungsländer moderne Lebensstandards erreichen und die materielle Armut endet.
Im Gegensatz zu der oft geäusserten Befürchtung, dass unbegrenztes Wachstum auf einen begrenzten Planeten trifft, wird die Nachfrage nach vielen materiellen Gütern mit wachsendem Wohlstand gesättigt sein.

dto, Abschnitt 2

Die Autoren können keine Grenzen des Wachstums erkennen.

Trotz den seit den 70er Jahren anhaltenden Warnungen vor den fundamentalen „Grenzen des Wachstums“ gibt es nach wie vor auffällig wenig Hinweise, dass die Möglichkeiten, Nahrung und natürliche Ressourcen zu beschaffen, irgendwann in absehbarer Zukunft an Grenzen stossen werden. […] Solange es genug Energie und Fläche gibt, können sonstige Ressourcen, wenn sie einmal knapp werden, leicht durch andere ersetzt werden.

dto., Abschnitt 1

Gleichwohl sehen sie langfristig ernsthafte Umweltbedrohungen durch den menschengemachten Klimawandel.

Im Gegenzug bieten moderne Technologien, die natürliche Ökosystemkreisläufe und -dienstleistungen effizienter nutzen, eine echte Chance, um die Gesamtheit der menschlichen Auswirkungen auf die Biosphäre zu reduzieren. Wenn wir diese Verfahren nutzen finden wir den Weg zu einem guten Anthropozän.  

dto., Abschnitt 3

Wie elitär der Ansatz ist, zeigen die Autoren, wenn sie die Menschen auf die ungehemmte Nutzung verfügbarer Technologie, auf das Ignorieren des Klimawandels und damit förmlich auf das Motto „Lokal denken, lokal handeln“ einschwören.

Klimawandel und andere ökologische Herausforderungen weltweit sind für die meisten Menschen nicht die wichtigsten Probleme. Und das sollten sie auch nicht sein. Ein Kohlekraftwerk in Bangladesch kann zu Luftverschmutzung und erhöhtem Kohlendioxidausstoss führen, doch es rettet auch Leben. 

dto., Abschnitt 4

Sie sind davon überzeugt, dass Konflikte zwischen dem Klimaschutz und dem „kontinuierlichen Entwicklungsprozess“, durch den Milliarden von Menschen weltweit moderne Lebensstandards erreichen, weiterhin zugunsten des letzteren entschieden werden. Es geht ihnen also um Kontinuität auf dem Pfad des Fortschritts. Diese Kontinuität setzt allein voraus, die schon bestehenden Dekarbonisierungsprozesse beschleunigt voranzutreiben. Aber woher soll diese Beschleunigung kommen? Die Autoren setzen ganz auf Intensivierung des Einsatzes vorhandener Technologien.

Urbanisierung, landwirtschaftliche Intensivierung, Kernenergie, Aquakultur und Meerwasserentsalzung sind alles Prozesse mit einem nachgewiesenen Potenzial, die Beanspruchung der Natur durch den Menschen zu verringern und nichtmenschlichen Spezies mehr Raum zu geben. Zersiedelung, extensive Landwirtschaft und viele Formen der Energieerzeugung durch erneuerbare Energien erfordern dagegen mehr Land und Ressourcen und lassen der Natur weniger Raum.

dto., Abschnitt 3

Sie setzen auf Technologien mit hoher Energiedichte, auf hocheffiziente Solarzellen, Kernspaltung, Kernfusion und auf die Abscheidung von CO2 aus der Atmosphäre.

Die Geschichte früherer Energiewenden zeigt, dass es übereinstimmende Muster im Zusammenhang mit den Wegen gibt, die die Gesellschaften einschlagen, um sich in Richtung umweltfreundlichere Energiequellen zu bewegen. Der Weg ging immer über den Ersatz von minderwertigen, weniger dichten Brennstoffen zu hochwertigen, dichteren. Dieses Prinzip weist auf eine beschleunigte Dekarbonisierung in der Zukunft hin. Der Übergang zu einer Welt, die CO2-frei angetrieben wird, wird Energietechnologien mit hoher Energiedichte erfordern, die zig Terawatt liefern können, um die wachsende Wirtschaft mit Energie zu versorgen.

dto., Abschnitt 4

II

Das Manifest dürfte viele ansprechen, weil es pragmatisch klingt und mit dem Versprechen verbunden ist, den eigenen Lebensstil unverändert lassen zu können. Wenn wir die fünf grundlegenden Strategien für Klima-, Umwelt- und Artenschutz heranziehen, die Reinhard Loske unterscheidet – das sind Effizienz, Substitution, Suffizienz, Subsistenz und Kooperation – dann haben wir es bei diesem Manifest mit einer reinen Technologie- und Wachstumsstrategie zu tun, die einseitig auf Effizienzsteigerung und auf Substitution durch technologischen Fortschritt setzt. Verzicht und Änderungen des Lebensstils sind kein Thema. Auch soziale Innovationen, neue Formen der Zusammenarbeit, Prosumer- oder Sharing-Modelle spielen in dem Manifest überhaupt keine Rolle. Eine Subsistenzwirtschaft lehnen die Autoren ausdrücklich ab.

Städte, wie sie die Menschen heute kennen, könnten nicht ohne radikale Veränderungen in der Landwirtschaft existieren. Im Gegensatz dazu ist Modernisierung in einer Subsistenzwirtschaft nicht möglich.

dto., Abschnitt 2

Auch Suffizienz und Kooperation spielen in dem Manifest keine Rolle. Wozu auf Fleisch verzichten, wenn der technologische Fortschritt und der Einsatz der Kernenergie eine Nahrungsmittelproduktion im bisherigen Stil für alle ermöglicht? In ihrem linearen Denken haben Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft keinen Platz. Kein Wort über Rebound-Effekte, die Umweltentlastungen durch neue Technologien wieder aufzehren. Kein Wort über die Chancen der Digitalisierung, die zirkulären Prozesse der Ökosysteme in der Biosphäre besser zu verstehen.

Das Manifest strebt eine Entkopplung von der Natur an. Es scheint, das Verhältnis zur Natur dabei aber nicht grundlegend zu hinterfragen. Die Natur wird unverändert als Produktionsfaktor verstanden. Einzig das Ausmaß seiner Nutzung ist letztlich zu reduzieren.

Der CO2-Anteil in der Atmosphäre ist in den letzten 200 Jahren nicht kontinuierlich gestiegen. Er steigt in den letzten Jahrzehnten stark überproportional an. Diese Beschleunigung der Erderwärmung, der Umweltzerstörung, der Zerstörung der Biodiversität und negative Rückkopplungseffekte blendet das Manifest einfach aus. Es schreibt die Strategie der Industrialisierung einfach in die Zukunft fort und setzt auf Marktsättigungen und eine vielleicht ressourcenschonende Dienstleistungswirtschaft, die zu einer Trendumkehr irgendwann in diesem Jahrhundert führen.

Die Autoren scheinen zu übersehen, dass die hochdynamischen Prozesse in der Biosphäre und beim Bevölkerungswachstum auf der einen Seite und die Effizienzsteigerungen einer wachsenden Wirtschaft auf der anderen asynchron verlaufen. Die Rechnung, einzig und allein auf die technologische Entwicklung zu setzen, wird rein zeitlich nicht aufgehen. Es ist unumgänglich, alle denkbaren Strategien zu nutzen, um eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft zu erreichen. Dazu gehört auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem materiellen Lebensstil, der den Menschen von der heute dominierenden Art des Wirtschaftens nahegelegt wird.

III

Die Ökomodernisten machen es sich allzu einfach. Jedenfalls ist der Erdüberlastungstag Jahr für Jahr ein paar Tage früher erreicht. Eine Trendumkehr im Sinne einer absoluten Entkopplung der Wirtschaft von der Natur ist nicht in Sicht.

Written by Östermann

29. Juli 2019 at 19:39

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