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„Wenn man keinen Kunden hat, hat man nichts zu tun“ – Dirk Baecker im SWR2-Interview

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Wir werden es mit viel durchmischteren Verhältnissen zu tun bekommen, in denen Bildung und Freizeit und Finanzierung durch den Staat und Hilfe durch die Freunde und Geschäfte machen ein sehr unruhiges, ein stressiges Verhältnis eingehen werden.

Das ist die Situation, auf die es sich einzustellen gilt, meinte Dirk Baecker in einem Interview mit SWR2 im Rahmen der Themenwoche „Zukunft der Arbeit“, mit der die ARD für die Umbrüche in der Arbeitswelt und die gravierenden Folgen in der Gesellschaft zu sensibilisieren versuchte.

Baecker zeichnet ein Bild des vernetzten Wirtschaftens und Arbeitens, das die Wechselbeziehung des Einzelnen mit hochdynamisch agierenden Organisationen grundlegend verändert.

Der Deal lautet in der Zukunft: Wenn du niemanden findest, der Interesse an deiner Arbeit hat, bist du verloren. Das gilt innerhalb von Organisationen und das gilt im Verkehr zwischen Organisationen. Zwischen Organisationen deutet sich etwas an – noch nicht sehr verbreitet, aber es deutet sich an, dass das eine starke Tendenz wird – etwas, was man agiles Management nennt. Das ist eine Form des Managements, die jeden Mitarbeiter dazu einlädt, sich einen Kunden zu suchen. Wenn man keinen Kunden hat, hat man nichts zu tun.

Er nennt als Beispiel Jean-Luc Godard, den französischen Filmemacher, der mal gesagt habe: „Wenn ich keinen Auftrag habe, dann drehe ich keinen Film.“ Das blühe uns allen, meint Baecker. Man müsse ein Angebot machen können. Man müsse eine Adresse sein für die Wünsche und Vorstellungen von anderen, dann werde man kein Verlierer.

Wir brauchen natürlich nach wie vor Führung. Aber Führung wird darin bestehen, die Mitarbeiter dazu aufzufordern, sich an Lieferanten und Kunden, also in der Horizontale zu orientieren. Das ist eine Anforderung, mit der Führung auch Schwierigkeiten hat. Denn bisher war Führung immer auch, zumal in Deutschland ausgezeichnet als der Ort, die Spitze, in der eine strategische Führung im Umgang mit den Umwegen der Organisation verortet ist. Diese strategische Kompetenz wandert jetzt sozusagen in den Bauch der Organisation, in die Mitte der Organisation, nach unten.

Vor einiger Zeit hat Baecker die Hierarchie als Grundmodell der Unternehmensführung als unverzichtbar bezeichnet. Seine Äußerungen klingen nun so, als ob Hierarchie nur noch ein Relikt aus vergangenen Zeiten in den Köpfen sei, das von der Praxis längst widerlegt worden ist.

Vermutlich hat er dabei mehr an den strukturellen Aufbau als an das Verhalten der Führung gedacht. Im SWR2-Interview unterscheidet er zwischen den veralteten Denkmodellen, die die Vertikale betonen, und einer längst sich etablierenden Praxis, die horizontal funktioniert.

Auf der Praxisebene sind wir in der Lage, uns anzupassen, während wir – wenn wir mal nachdenken – immer noch die alten Begriffe von vorgestern und vorvorgestern haben, immer noch in Hierarchien denken, während wir längst in der Horizontale unterwegs sind, immer noch in Arbeitsteilungsmustern denken – der eine kann dies, der andere das – während wir längst unsere Arbeitsfähigkeit miteinander austauschen, und ich vielleicht nur deswegen etwas kann, weil ich es mit jemandem zu tun habe, der etwas kann, was dazu passt. Diese Art der praktischen, der körperlichen, der in den Fingerspitzen verankerten Fähigkeiten, praktisch darauf zu reagieren, was jeweils möglich ist, ist in einer ganz anderen Weise, viel schneller entwickelbar als unser bewusstes Denken.

Sind die Debatten über den Wandel der Unternehmensmodelle also als Zeichen eines eher zähen Wandels des Denkens zu deuten? Ist vielleicht sogar Vorsicht geboten, weil solche Debatten die Anpassungsfähigkeit der Menschen und die Entwicklung ihrer praktischen Fähigkeiten, sich in Netzwerken zu bewegen, eher hemmt?

Mehr zum Thema Was gute Führung ausmacht (14): Dirk Baecker über Erwartungsmanagement und die neue Selbstermächtigung der Organisation

Written by Östermann

1. April 2017 at 11:22

Vom Zeitpfeil zum sich öffnenden „Zeitraum“- Das Zeitempfinden im Wandel

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„Wohin fliegt der Zeitpfeil?“, fragt Nicolas Dierks in seinem Blog und beleuchtet die gewohnten Zeitvorstellungen in unserer Zeit. In unseren Breiten stellen wir uns üblicherweise vor, dass die Zukunft vor uns liegt und die Vergangenheit hinter uns.

Andere Kulturen denken es sich andersherum: Die Vergangenheit denken sie sich vor uns, die Zukunft hinter uns (weil wir sie nicht sehen können). Aber rückwärts in die Zukunft stolpern, das kann ja heiter werden.

In beiden Vorstellungen wird die Zeit als Strecke gedacht, die sie zurücklegt. Dierks schlägt ein anderes Zeitverständnis vor und veranschaulicht das an der häufig verwendeten Zeitachse.

Wir meinen: Wenn dann die Zeit vergeht, bewegen wir uns auf dem Zeitpfeil von t0 nach t1 usw. Aber ist es nicht gerade umgekehrt? Auch die Sonne kreist ja nicht um die Erde, „obwohl es so aussieht“ (der Witz ist ja gerade, dass es umgekehrt genauso aussieht!). Und genauso unterliegen wir einer Täuschung, wenn wir meinen, wir würden uns auf dem Zeitpfeil bewegen. Vielmehr sind wir immer bei t0 – immer „jetzt“. 

Dierks sieht uns nicht mehr als Zeitreisende. Mensch und Zeit sind immer in der Gegenwart miteinander verbunden. Die Zeit ist gewissermaßen selbst die Reisende. Der Zeitpfeil bewegt sich durch uns hindurch.

Auch Hans Jürgen Bulkowski erkundet in seinem SWR2 Essay „Zukunft oder Worauf wir zugehen“ die Vorstellung von der Zeit als Linie. Er wagt einen spannenden Versuch, den tiefgreifenden Wandel der Zeitauffassung vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung mit den Begriffen von Zeit und Raum zu beschreiben.

Eingesponnen in feinmaschige Netzbezüge stellt sich uns nunmehr die Frage, wie wir uns sowohl die Bewegungsabläufe als auch die Bewegungsrichtung von Geschehensvorgängen bewusst machen können. Also die Frage nach unserem Verhältnis zur Zeit. Das Netzmodell beeinträchtigt ja nicht nur die Zukunftsvorstellungen, es verändert auch unser Verständnis von zeitlichen Vorgängen überhaupt. Offenbar genügt es nicht, dass wir uns weiterhin die Zeit als eine Linie vorstellen, als einen Pfeil in zweidimensionaler Richtung von hinten nach vorn, von einem Früher in ein Künftiges. Charakteristisch für den vorausschießenden Pfeil der Zeit war ja die Ära der Geschwindigkeitsrekorde im 20. Jahrhundert.

Bulkowski sieht uns, was Veränderungen begrifft, ungeachtet aller Turbomobilität und Hyperaktivität von einer Lähmung befallen.

An die Stelle von zukunftsweisenden Veränderungen ist inzwischen – ob persönlich oder gesellschaftlich – das Entfachen und Bewältigen von Krisen getreten, ein reaktives Verfahren, das höchstens auf den gegenwärtigen Zustand zielt, ihn damit aber nur renoviert, nicht weiterbringt.

[…]

Dennoch empfinden derzeit nicht Wenige […] so etwas wie Ungeduld und Unruhe. Wir spüren, dass „die Zeit drängt“, wenn auch kaum noch vorwärts.

[…]

Im Gegensatz zu früheren Zukünften ist in der heute prophezeiten Zukunft Gelingen und Fehlschlag stets schon enthalten. Kein Wunder, dass Zukunft an Anziehungskraft verliert. […] Zumal immer deutlicher wird, dass wir schon heute die Zukunft nicht nur mit Industrie- und Konsumabfällen und territorialen Schäden belasten, sondern auch mit aufgestauten Krediten, die nicht, ja niemals mehr getilgt werden können.

[…]

Jeder Einzelne spürt in sich nicht nur persönliche Veränderungen, sondern auch die in seiner Umgebung. Veränderungen, die er abwehrt oder aufnimmt und umzusetzen versucht. Wie kann es gelingen, neue Perspektiven, neue Bezüge, neue Gemeinsamkeiten zu entwickeln, die über die bloße Reaktion auf alarmierende Klimamessungen und Rohstoffverknappungen hinausführen?

Anders als in früheren Zeiten sieht Bulkowski – wohlgemerkt aus europäischer Sicht – heute keine schlagartigen revolutionären Umbrüche mehr anstehen.

Nicht das Ersetzen, der Austausch einer alten Welt gegen eine neue steht an, vielmehr eine Verschiebung, ein zügiges, an mehreren Orten, von vielen Individuen ausgehendes, dennoch gemeinsames Verlagern der Gewichte.

Was aber geschieht jetzt? Wie können wir uns als Zeit- oder vielmehr Gegenwartsgenossen verstehen, womöglich gar als Zukunftsgenossen? Wie können wir einerseits erfahren, was gegenwärtig geschieht, andererseits aber auch daran teilhaben, und zwar so, dass wir ermutigt werden, handelnd in Geschehensabläufe einzugreifen?

Es reicht also nicht mehr aus, so Bulkowski, dass wir uns als Zeitzeugen verstehen.

Dies nun keineswegs, weil wir nichts mitbekommen, sondern im Gegenteil, weil wir zu viel mitbekommen – Informationen, Anregungen, Motivationen, Beeinflussungen in einer solchen Menge und Vielfalt, dass es für jeden von uns in der Fülle an Möglichkeiten speziell für ihn kaum noch die eine erwünschte Möglichkeit gibt. Ab einem bestimmten Quantum an Möglichkeiten schlagen anfängliche Handlungsimpulse in Nichtstunkönnen um.

[…]

Die von uns empfundene wie ja auch tatsächliche Komplexität der Lebenswelt neutralisiert die Ereignisse, stellt jedem Ansatz zu einem erkennbaren Gesamtgeschehen sofort eine Fülle von anderen, konträren Ereignissen und Ansätzen gegenüber. Inzwischen beschränkt sich ein großer Teil unserer Aktivitäten aufs Vernetzen. Zwar ist unser Leben und Arbeiten seit längerem bereits in Verkehrsnetze, Telefonnetze, Beziehungsnetze, vernetzte Institutionen, Wissenschaften und Staaten eingebunden. Weitergehende Auswirkungen bis in die Verästelungen unseres Alltags ergeben sich aber vor allem aus dem Internet und seinen jeweiligen Updates.

Und jetzt wird es spannend. Denn am Zeitempfinden sind diese Auswirkungen zu beobachten.

Derzeit sind wir Zeuge, wie sich das allgemeine Zeitverständnis allmählich, aber unaufhaltsam in nächste Dimensionen verschiebt – also in die zweite und dritte Dimension: ins Räumlich-Flächige und darüber hinaus ins Raumkörperliche. Wie lässt sich zeitliche Bewegung räumlich vorstellen oder gar darstellen?

Die Bewegungen beschleunigen sich im Innern dieser raumzeitlichen Gesamtheit nicht mehr in eine Richtung. Sie streben in ganz verschiedene Richtungen. Sie

verschränken sich, verflechten sich, richten sich auswärts nach allen Seiten hin, schlagen Querrichtungen ein, kommen einwärts von allen Seiten her. Zeitliche Bewegung folgt damit dem Modell von Anhäufung und Abtragung […].

Was die Verräumlichung der Zeitvorstellungen betrifft, haben wir inzwischen eine Gegenwart erreicht, die wir keineswegs als Verengung, Einengung erfahren, sondern als eine Erweiterung, wenn auch nicht mehr als Erweiterung nach außen, sondern in Richtung Inneres, als Öffnung des Innenraums. Damit verändert sich auch die Sicht, die Einsicht darauf, wie es künftig weitergeht.

Die sich andeutende Erweiterung stellt er sich vor

als ein Auflockern und Freilegen, eben Erweitern innergesellschaftlicher Spiel- und Aktionsräume. So ist auch Künftiges, also das, worauf sich unser Handeln bezieht, nicht in einer fern vorausliegenden Zukunft zu suchen, vielmehr in dem, was in der Gegenwart schon enthalten ist. Dieser Zukunftsgehalt besteht keineswegs aus purer Phantastik oder aus Vermutungen. Er ist bereits Teil unserer Lebenswirklichkeit, und zwar in Gestalt von Einfällen, Vorschlägen, Entwürfen, neuen Herstellungsverfahren, geplanten und bereits begonnenen Projekten.

Bulkowski lädt uns ein, Zeit nunmehr als das zu verstehen,

was uns zusammenführt, was alle unsere Bewegungen und Aktionen einbezieht und in sich aufnimmt. Zeit läuft nicht neben uns her. Sie bildet den Raum, in dem wir uns bewegen. Dieser Raum ist kein leerer Kubus, der ebenso gut auch ohne Menschen und Dinge derselbe Raum bliebe. Es ist im wahren Sinn des Wortes ein Zeitraum.

Siehe auch Der Augenblick und der Zeitstrahl und #Freiheit, Haltung und die Vielzahl der Möglichkeiten

 

Written by Östermann

22. Februar 2015 at 18:12

Veröffentlicht in Gesellschaft, Zukunft

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Das ganze Leben online – Sven Gábor Jánzsky bei der SWR2 Aula

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Der Fernsehmonitor wird in der Tapete integriert sein. Der Couchtisch ist mit einer iPad-ähnlichen Tischplatte ausgestattet. Was macht der Tisch, wenn ich einen Joghurt-Becher mit Erdbeer-Geschmack draufstelle? Er registriert das und merkt sich, was mir besonders gut schmeckt. Die Zeitung der Zukunft ist aus verschiedenen Zeitungen zusammengestellt, nach meinen persönlichen Schlagworten, ganz persönlich morgens im Briefkasten. Wir zappen nicht mehr. Denn TV-Programme sind keine 24-Stunden-Programme mehr. In der Fernbedienung ist eine Software drin, die mir mein ganz persönliches Programm nach meinen Vorlieben zusammenstellt. Das Internet hat nichts mehr mit dem Computer zu tun. Es ist in jedem Gerät, weil Chips überall eingebaut werden können.

So beschreibt der Trendforscher Sven Gábor Jánszky das Wohnzimmer 2020 in einem Beitrag zur SWR2 Aula, in dem er uns die Lebenswelt 2020 vorstellt, wie sie aussehen kann – vorausgesetzt, wir wollen das so. Er findet gute Gründe, weshalb wir uns darauf einstellen sollten. Denn es hat ein Umdenken eingesetzt, z.B. beim Datenschutz. Der Datenschutz der Zukunft wird die persönlichen Daten nicht mehr in erster Linie vor dem Staat schützen. Er wird dazu beitragen, dass die Menschen ihre Daten veröffentlichen können, ohne ihre eigene Souveränität zu verlieren.

Written by Östermann

1. November 2010 at 17:47

Veröffentlicht in Web 2.0

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