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Manifeste (7): Das terrestrische Manifest von Bruno Latour

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In der Reihe der Manifeste, die ich hier bisher vorgestellt habe, bildet dieses Beispiel eine Ausnahme. Es befasst sich nur am Rande mit der Digitalisierung und verzichtet auf zusammenfassende Thesen. Vielmehr spannt es den großen Bogen. Es versucht nicht weniger, als die Strömungen und Verwerfungen des historisch beispiellosen gesellschaftlichen Umbruchs zu erklären. Ein wichtiges Buch!

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I

In einem Interview mit der FAS erläutert der französische Vordenker Bruno Latour seine Sicht auf das Scheitern der Moderne, auf den gegenwärtigen Epochenwandel und auf die Aussichten auf ein neues Paradigma. Er lüftet den Schleier um die viel diskutierte Orientierungslosigkeit, die die Menschen erfasst hat.

Die Alternativen, die die konservativen Bewegungen heute anbieten, wenn sie von Identität oder von Mauern sprechen, sind ein Mythos. Aber kein größerer Mythos als die Ideologie der Globalisierung, die Vorstellung, dass wir alle Unterschiede auslöschen können und am Ende alle eine große Masse werden. Wenn sich Menschen nach solchen Mythen sehnen, dann liegt das daran, dass es kein anderes Angebot gibt. Die Alternativen sind nicht die Abstraktion des Globalen, die der Neoliberalismus anbietet, einerseits, und ein lokales Leben, wie es sich die AfD vorstellt. Der Trick ist zu sagen: Lasst uns ein Wort wie „Heimat“ wieder verwenden. Europa als Heimat. „Heimat“ muss gerettet werden. Ja, das sind Konzepte der Reaktionären. Aber warum lassen wir zu, dass sie reaktionär sind? Vor allem dürfen wir uns nicht einreden lassen, dass die Begriffe, die von der Neuen Rechten wiederbelebt werden, konkret sind. Nichts ist weniger konkret als „Make America great again“. Das ist der Grund, warum die Menschen die Orientierung verloren haben: Sie leben zwischen zwei kompletten Abstraktionen.

II

Aber wie sich orientieren? In seinem Buch „Das terrestrische Manifest“ macht Latour den Versuch, die widerstreitenden Strömungen historisch einzuordnen und den Epochenwandel zu erklären. Er geht von der Annahme aus, dass alle grundlegenden Probleme unserer Zeit wesentlich mit der Klimafrage verbunden sind.

Ohne den Gedanken, dass wir in ein Neues Klimaregime eingetreten sind, kann man weder die Explosion der Ungleichheiten, das Ausmaß der Deregulierungen, die Kritik an der Globalisierung noch, vor allem, das panische Verlangen nach einer Rückkehr zu den früheren Schutzmaßnahmen des Nationalstaats – was, sehr zu Unrecht, als „Aufstieg des Populismus“ bezeichnet wird – verstehen. (S. 10)

Er versucht mit diesem Essay, skizzenhaft eine „Karte der Positionen zu entwerfen, die uns durch diese neue Landschaft aufgezwungen werden“. Der Brexit, der Wahlsieg Trumps und die Ausweitungen der Migrationen sind für ihn drei historische Ereignisse, die auf ein und dieselbe „Metamorphose“ hindeuten. Eine neue Kartierung ist notwendig, weil, so Latour, der erträumte Boden der Globalisierung beginnt, sich zu entziehen.

Die Angst sitzt deshalb so tief, weil jeder von uns zu spüren beginnt, wie der Boden unter den Füßen wegsackt. (S. 13)

Als das entscheidende historische Ereignis wertet er das Pariser Klimaabkommen vom 12. Dezember 2015. Damit sei allen mit Schaudern klar geworden, dass der Planet nicht mitwächst.

Wenn es also den Planeten, die Erde, den Boden, das Territorium, die den Globus der von allen Ländern angestrebten Globalisierung beheimaten sollten, nicht gibt, dann verfügt niemand mehr über ein sicheres „Zuhause“. (S. 14)

Jeder Einzelne stehe damit vor der Frage: das Problem leugnen oder versuchen, sich zu erden? Die einen versuchen, an der Globalisierung festzuhalten. die anderen wollen zurück zu einem Lokalen, das es nicht mehr gibt.

Beide Seiten wollen so schnell wie möglich fliehen und überbieten sich dabei an Irrationalismus: Sprechblase gegen Sprechblase, Gated Community gegen Gated Community.

Aus dem Spannungsverhältnis ist ein Abgrund geworden. Der gemeinsame Horizont ist verschwunden. Etwas hat die Richtung des Zeitpfeils verändert. (S. 41)

Latour spürt ausführlich dem klassischen Zeitpfeil der Moderne nach, der vom Lokalen zum Globalen verlief. Am Geschichtsverlauf konnte sich jeder klar orientieren, egal ob Befürworter oder Gegner. Die einen waren vorne, die anderen hinten. Auch das klassische Rechts-Links-Schema der Politik war auf diesen Verlauf ausgerichtet. Linke und rechte Gruppierungen waren sich in allem uneins, nur nicht in der Stoßrichtung der historischen Entwicklung.

Diese Klarheit der Entwicklung ist den Menschen verloren gegangen. Latour zeigt mit seinen Überlegungen auf, wie der Kompass neu kalibriert werden kann.

Dass die Situation sich trotz allem aufklärt, liegt daran, dass wir nicht zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Verweigerung und Hinnahme der Modernisierung schweben, sondern, um 90 Grad gedreht, zwischen dem alten und einem neuen Vektor, vorwärts getrieben von zwei Zeitpfeilen, die nicht mehr in dieselbe Richtung verlaufen. (S. 50)

Latour nennt diesen neuen Pol, diesen dritten Attraktor, der jenseits des alten Zeitpfeils  verläuft, das TERRESTRISCHE. Er wählt diesen Begriff, weil mit den gewohnten Begriffen, wie „Erde“, „Natur“, „Boden“ oder „Welt“, sofort Assoziationen mit dem von außen betrachteten „blauen Planeten“ geweckt werden. Im Anschluss an Lovelock von „Gaia“ zu sprechen, so Latour, würde zwar passen, erforderte aber eine Unmenge Seiten, um zu beschreiben, wie dieser Name zu verwenden ist.

Das ist die Kernbotschaft dieses aufschlussreichen Essays: Mit dem TERRESTRISCHEN ist ein neuer politischer Akteur auf die Bühne getreten. Heute geht es nicht mehr um kleine klimatische Schwankungen, sondern um eine Erschütterung des gesamten Erdsystems.

Natürlich haben die Menschen schon immer ihre Umwelt verändert, aber dieser Begriff bezeichnete nur ihr Umfeld, das, was sie im präzisen Sinne umgab. Sie selbst bildeten weiterhin die Hauptfiguren, veränderten lediglich am Rande das Dekor ihrer Dramen. … Die Menschen sind nicht mehr die einzigen Akteure, sehen sich zugleich aber mit einer Rolle betraut, die viel zu groß für sie ist. (S. 54f.)

Ausführlich beleuchtet Latour die Auswirkungen dieser „großen Transformation“ auf Politik, Ökologie, Ökonomie und Wissenschaft. Einige Gedankensplitter mögen hier genügen, um die Reichweite seiner Überlegungen anzudeuten.

Mit der Industrialisierung und der sozialen Frage hat sich eine Grundstruktur der Gesellschaft herausgebildet, die sich bis heute an sozialen Klassen orientiert, die durch ihre Stellung im Produktionsprozess bestimmt sind. Heute nehmen wir, so Latour, wahr, dass dieses System viel zu eng definiert war. Das 21. Jahrhundert sei das Zeitalter der neuen geo-sozialen Frage.

Die territorial definierten Klassen bringen andere Klassifizierungen hervor. Jetzt ist eine Karte der Kämpfe der geo-sozialen Plätze zu entwerfen und so endlich auszumachen, worin ihre wirklichen Interessen bestehen, mit wem sie sich verbünden und gegen wen sie kämpfen werden. (S. 75)

Die Ökonomie begann im 17. Jahrhundert, die Natur in sich zu integrieren und nur noch als Produktionsfaktor darzustellen. Die Praktiken aus den Archiven anderer Völker, denen jede Vorstellung von Ressource und Produktion fremd war, taugten lange nur für ethnographische Museen. Erst jetzt werden alle diese Praktiken zu kostbaren Lernmodellen für das Überleben in der Zukunft, so Latour.

Seit dem 17. Jahrhundert dominiert in der Wissenschaft das mechanistische Weltbild, mit der sie den Blick vom Universum aus auf die Erde richtet. Erkennen heisse seither, so Latour, von außen erkennen.

Der Planet hat sich letztlich von TERRESTRISCHEN entfernt, weil alles so verlief, als ob die vom Universum aus betrachtete Natur begonnen hätte, langsam an die Stelle der von der Erde aus erschauten Natur zu treten, sie zu überlagern und zu vertreiben; also jener Natur, die von innen alle Phänomene der Entstehung erfasst, hätte erfassen können, weiterhin hätte erfassen müssen. … Man begann, nicht mehr viel vom Geschehen auf ERDEN zu sehen. (S. 83)

Erforderlich ist also die Abkehr von einer wissenschaftlichen Grundhaltung, die die  Teilnahmslosigkeit fördert. Die dünne Membran, in der alles Leben auf der Erde sich konzentriert, ist die Kritische Zone. Darauf sollte sich Wissenschaft beziehen. In den Naturwissenschaften sei sorgsam zu unterscheiden zwischen denen, die sich dem Universum widmen, und jenen, die sich der prozesshaften Natur zuwenden. Alle Wissenschaften seien nötig, um die Situation auf Erden wirksam zu beschreiben. Sie müssten jedoch anders positioniert werden. Was not tue, sei, so kaltblütig und nüchtern wie möglich die erhitzte Aktivität einer endlich von Nahem erfassten Erde zu erkennen.

Latour ist bei aller Tiefe seiner Gedanken, daran gelegen, den Bogen hin zu einer anderen Praxis zu spannen, ohne schneller sein zu wollen als die sich vollziehende Geschichte, wie er ausdrücklich klarstellt.

Die Frage ist nicht, wie die Unzulänglichkeiten des Denkens ausgeräumt werden können, sondern wie es möglich wird, vor einer Landschaft, die sich gemeinsam erforschen lässt, ein und dieselbe Kultur miteinander zu teilen und denselben Herausforderungen zu trotzen. Wir stoßen hier auf den gewohnten Fehler der Epistemologie, nämlich, dass etwas intellektuellen Defiziten zugeschrieben wird, was in Wahrheit einem Defizit an gemeinsamer Praxis geschuldet ist. (S. 35)

Latour weiß, dass eine neue Praxis entscheidend davon abhängt, ob es gelingt, den Menschen ein Gefühl des Beschütztseins zu vermitteln, ohne gleich wieder auf Identität und die Verteidigung der Grenzen zu pochen. Im TERRESTRISCHEN ist das möglich durch Verbindung dessen, was sich in der Globalisierung gegenseitig ausschloß:

Sich an einen Boden binden einerseits, welthaft werden andererseits. (S. 107)

Beides hat aber mit den alten Strömungen zum Lokalen oder zum Globalen nichts mehr zu tun.

Es ist sinnlos, die Wesen, welche die im Kampf befindlichen Territorien beleben, aus denen das TERRESTRISCHE besteht, wieder hinter nationale, religiöse, ethnische, identitäre Grenzen drängen zu wollen; genauso sinnlos ist es aber auch, sich aus diesen Territoriumskämpfen, um sich auf das Niveau des Globalen zu erheben und die Erde „als ein Ganzes“ zu erfassen. Denn das TERRESTRISCHE ist gerade durch die Subversion der zeitlichen wie räumlichen Stufen und Grenzen definiert. Diese Macht wirkt überall gleichzeitig, weist allerdings keine Einheit auf. Sie ist politisch, aber nicht staatlich. Sie ist buchstäblich atmosphärisch. (S. 108)

Latour schlägt vor, von einer auf Produktionssysteme zu einer auf Erzeugungssysteme bezogenen Analyse zu wechseln. Das bedeutet, Abschied zu nehmen von der Vorstellung, dass die Freiheit des Menschen präzise Grenzen erkennen ließe, wenn sie sich entfalten könnte. Demgegenüber sei das Erzeugungssystem nicht daran interessiert, für Menschen Güter aus Ressourcen zu produzieren, sondern Erdgeschöpfe zu erzeugen – alle Erdgeschöpfe und nicht nur Menschen. Es geht also darum, Bindungen zu kultivieren.

Was tun? Zunächst beschreiben! Und er warnt zugleich davor, diesen Schritt zu überspringen. Jede Politik sei unehrlich, ja verlogen und schamlos, die nicht den Vorschlag mache, zuerst die unsichtbar gewordenen Lebensterrains wieder zu beschreiben, und stattdessen Programme lanciere.

Wie könnten wir politisch handeln, wenn wir vorher nicht Lebewesen für Lebewesen, Kopf für Kopf, Zentimeter für Zentimeter inventarisiert und vermessen haben, woraus sich das Terrestrische für uns zusammensetzt? … Das gilt für einen Wolf wie für eine Bakterie, für ein Unternehmen wie für einen Wald, für eine Gottheit wir für eine Familie. (S. 109)

Eine solche Liste zu erstellen, ist gleichwohl schwierig. Erst wenn man sich die erforderlichen Fragen stelle, merke man, wie ignorant man sei. Entsprechende Fragen klingen etwa so: Woran hängen Sie am meisten? Mit wem können Sie leben? Wessen Überleben hängt von Ihnen ab? Gegen wen werden Sie kämpfen müssen?

III

Der Essay ist von großer Tragweite. Auch wenn es das Anliegen von Latour verfehlt, so lädt das Modell der Attraktoren dazu ein, Meinungen und Konzepte daran zu messen, wie weit sie sich noch auf dem alten Zeitpfeil der Modernisierung bewegen oder ob sie zum Umschwenken auf den neuen Zeitpfeil beitragen. Weil es eine intensive Auseinandersetzung mit dem neuen Pol braucht, um den neuen Zeitpfeil überhaupt erst einmal zu verstehen, ist es besonders interessant, Äußerungen zu suchen, die in Richtung des neuen Pols weisen könnten. Deshalb hier einige  Beispiele, die ich in diesem Sinne bemerkenswert finde.

Mit welchen Themen wir es zu tun bekommen, wenn es darum geht, gemeinsame Antworten auf diese grundlegenden Fragen der Menschheit zu finden, zeigt die derzeit breite Diskussion über das Entstehen von Ideologien oder über Meinungsbildung in der Gesellschaft.

Im ZKM in Karlsruhe gab es 2015 zu demselben Thema ein Ausstellungsprojekt, das von Bruno Latour mit anderen kuratiert worden war: Reset Modernity. Diese Ausstellung hatte damals diese radikal andere Denkweise mit Fotokunst, Videos und Installationen veranschaulicht. Wer sich vertiefen möchte, dem sei das Fieldbook zur Ausstellung empfohlen.

Die Stimmen mehren sich, die dazu beitragen, die Schockstarre zu überwinden und sich grundsätzliche mit dem gegenwärtigen Epochenwandel auseinandersetzen. Ein Beispiel hierfür hat dieser Tage Bernd Scherer, der Intendant des Hauses der Kulturen in Berlin, geliefert. Er stellt in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung die Zusammenhänge von Naturausbeutung, Technologie, Kybernetik und Design menschlicher Lebenswelten als  „planetarische Transformation“ des Anthropozän verständlich dar. Er schlägt Kulturprojekte vor, in denen der Mensch seine aktive Rolle zurückgewinnen kann.

Statt einer rein produktorientierten Technologieentwicklung, die selbst menschliches Leben zum Gegenstand von Geschäftsmodellen macht, benötigen wir Probebühnen für die neuen Phänomene, in denen soziale Akteure, Wissenschaftler und Künstler gemeinsam Zukunftsentwürfe erproben. Die Probebühnen sind einerseits Orte der Praxis, in ihnen werden Weltausschnitte hergestellt. Anderseits sind sie im Sinne der künstlerischen Praxis Orte der Imagination. Es geht auf den Probebühnen nicht um das Erzeugen von Fakten und Objekten, sondern den Entwurf von Möglichkeiten, um vor der endgültigen Realisierung in einem gesellschaftlichen Prozess, in dem die Betroffenen der Anthropozänentwicklung selbst auch Akteure werden, Optionen, Denk- und Wahrnehmungsweisen durchspielen zu können.

Einen viel beachteten Beitrag hat Bernd Ulrich unter dem Titel „Wie radikal ist realistisch?“ kürzlich in DIE ZEIT veröffentlicht. Seine Argumentation kommt den Überlegungen von Latour ziemlich nahe. Zum Beispiel üben beide deutliche Kritik an den Medien. Bernd Ulrich beklagt, dass die Medien einem mechanischen Mitte-Reflex folgten, bei Themen wie Ökologie, Ernährung, Natur, Landwirtschaft zu einem „sehenden Verdrängen“ beitrügen, die wesentlichen Fragen nicht stellten und damit geistige Schonräume erzeugten. Selbstkritisch verweist er auf den grundlegenden Lernbedarf der Medien.

Üblicherweise wird der allgegenwärtige politische Gradualismus durch den Journalismus weniger hinterfragt als vielmehr eskortiert. Der Grund dafür liegt darin, dass sich dieses Verfahren jahrzehntelang bewährt hat. Darum kostet es die Medien, auch die ZEIT, auch den Autor dieser Zeilen viel Kraft, sich aus dem Gelernten und Gelungenen zu lösen, selbst dann, wenn es immer öfter misslingt.

Noch deutlicher mit seiner Kritik an den Medien wird Bruno Latour, wenn er beklagt, wie die Medien die mit Milliarden Dollar finanzierte Desinformation über den Klimawandel unterschätzten, weil sie davon ausgingen, dass die Fakten für sich selbst sprächen.

Auch sie sind im Netz der Desinformation gefangen. (S. 35)

Schließlich sei auf eine aktuelle Studie hingewiesen, die der Komplexität des Geschehens gerecht zu werden versucht, indem sie das komplexe Zusammenspiel der widersprüchlichen Ziele berücksichtigt und der Politik so neue Wege aus der Klimakatastrophe aufzuzeigen versucht, wie das 1,5-Grad-Klimaziel des Pariser Abkommens doch noch erreichbar wäre. Das Mercator Research Institute for Global Commons and Climate Change betont, dass sich Lebensstil-Änderungen als besonders effizienter Weg zur Ergänzung der CO2Preisgestaltung erwiesen. Wenn die Menschen etwa Flugreisen und Fleischkonsum reduzieren, könnte dies die höheren kurzfristigen Kosten für frühzeitige Klimaschutzmaßnahmen ausgleichen helfen. Gunnar Luderer, einer der Co-Autoren der Studie, weist auf das Dilemma der Politik hin.

„Während die Möglichkeiten, solche Lebensstiländerungen herbeizuführen, oft sehr umstritten sind und daher nicht im Mittelpunkt der aktuellen politischen Diskussionen stehen, scheinen diese Veränderungen das größte Potenzial zur Reduzierung von Nachhaltigkeitsrisiken und zur Maximierung des Mitnutzens von Minderungsmaßnahmen zu haben“, sagt Luderer. „Gemeinsam können Politik und Menschen mehr erreichen, als sie denken.“

 

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„Wenn man keinen Kunden hat, hat man nichts zu tun“ – Dirk Baecker im SWR2-Interview

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Wir werden es mit viel durchmischteren Verhältnissen zu tun bekommen, in denen Bildung und Freizeit und Finanzierung durch den Staat und Hilfe durch die Freunde und Geschäfte machen ein sehr unruhiges, ein stressiges Verhältnis eingehen werden.

Das ist die Situation, auf die es sich einzustellen gilt, meinte Dirk Baecker in einem Interview mit SWR2 im Rahmen der Themenwoche „Zukunft der Arbeit“, mit der die ARD für die Umbrüche in der Arbeitswelt und die gravierenden Folgen in der Gesellschaft zu sensibilisieren versuchte.

Baecker zeichnet ein Bild des vernetzten Wirtschaftens und Arbeitens, das die Wechselbeziehung des Einzelnen mit hochdynamisch agierenden Organisationen grundlegend verändert.

Der Deal lautet in der Zukunft: Wenn du niemanden findest, der Interesse an deiner Arbeit hat, bist du verloren. Das gilt innerhalb von Organisationen und das gilt im Verkehr zwischen Organisationen. Zwischen Organisationen deutet sich etwas an – noch nicht sehr verbreitet, aber es deutet sich an, dass das eine starke Tendenz wird – etwas, was man agiles Management nennt. Das ist eine Form des Managements, die jeden Mitarbeiter dazu einlädt, sich einen Kunden zu suchen. Wenn man keinen Kunden hat, hat man nichts zu tun.

Er nennt als Beispiel Jean-Luc Godard, den französischen Filmemacher, der mal gesagt habe: „Wenn ich keinen Auftrag habe, dann drehe ich keinen Film.“ Das blühe uns allen, meint Baecker. Man müsse ein Angebot machen können. Man müsse eine Adresse sein für die Wünsche und Vorstellungen von anderen, dann werde man kein Verlierer.

Wir brauchen natürlich nach wie vor Führung. Aber Führung wird darin bestehen, die Mitarbeiter dazu aufzufordern, sich an Lieferanten und Kunden, also in der Horizontale zu orientieren. Das ist eine Anforderung, mit der Führung auch Schwierigkeiten hat. Denn bisher war Führung immer auch, zumal in Deutschland ausgezeichnet als der Ort, die Spitze, in der eine strategische Führung im Umgang mit den Umwegen der Organisation verortet ist. Diese strategische Kompetenz wandert jetzt sozusagen in den Bauch der Organisation, in die Mitte der Organisation, nach unten.

Vor einiger Zeit hat Baecker die Hierarchie als Grundmodell der Unternehmensführung als unverzichtbar bezeichnet. Seine Äußerungen klingen nun so, als ob Hierarchie nur noch ein Relikt aus vergangenen Zeiten in den Köpfen sei, das von der Praxis längst widerlegt worden ist.

Vermutlich hat er dabei mehr an den strukturellen Aufbau als an das Verhalten der Führung gedacht. Im SWR2-Interview unterscheidet er zwischen den veralteten Denkmodellen, die die Vertikale betonen, und einer längst sich etablierenden Praxis, die horizontal funktioniert.

Auf der Praxisebene sind wir in der Lage, uns anzupassen, während wir – wenn wir mal nachdenken – immer noch die alten Begriffe von vorgestern und vorvorgestern haben, immer noch in Hierarchien denken, während wir längst in der Horizontale unterwegs sind, immer noch in Arbeitsteilungsmustern denken – der eine kann dies, der andere das – während wir längst unsere Arbeitsfähigkeit miteinander austauschen, und ich vielleicht nur deswegen etwas kann, weil ich es mit jemandem zu tun habe, der etwas kann, was dazu passt. Diese Art der praktischen, der körperlichen, der in den Fingerspitzen verankerten Fähigkeiten, praktisch darauf zu reagieren, was jeweils möglich ist, ist in einer ganz anderen Weise, viel schneller entwickelbar als unser bewusstes Denken.

Sind die Debatten über den Wandel der Unternehmensmodelle also als Zeichen eines eher zähen Wandels des Denkens zu deuten? Ist vielleicht sogar Vorsicht geboten, weil solche Debatten die Anpassungsfähigkeit der Menschen und die Entwicklung ihrer praktischen Fähigkeiten, sich in Netzwerken zu bewegen, eher hemmt?

Mehr zum Thema Was gute Führung ausmacht (14): Dirk Baecker über Erwartungsmanagement und die neue Selbstermächtigung der Organisation

Written by Östermann

1. April 2017 at 11:22

Vom Zeitpfeil zum sich öffnenden „Zeitraum“- Das Zeitempfinden im Wandel

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„Wohin fliegt der Zeitpfeil?“, fragt Nicolas Dierks in seinem Blog und beleuchtet die gewohnten Zeitvorstellungen in unserer Zeit. In unseren Breiten stellen wir uns üblicherweise vor, dass die Zukunft vor uns liegt und die Vergangenheit hinter uns.

Andere Kulturen denken es sich andersherum: Die Vergangenheit denken sie sich vor uns, die Zukunft hinter uns (weil wir sie nicht sehen können). Aber rückwärts in die Zukunft stolpern, das kann ja heiter werden.

In beiden Vorstellungen wird die Zeit als Strecke gedacht, die sie zurücklegt. Dierks schlägt ein anderes Zeitverständnis vor und veranschaulicht das an der häufig verwendeten Zeitachse.

Wir meinen: Wenn dann die Zeit vergeht, bewegen wir uns auf dem Zeitpfeil von t0 nach t1 usw. Aber ist es nicht gerade umgekehrt? Auch die Sonne kreist ja nicht um die Erde, „obwohl es so aussieht“ (der Witz ist ja gerade, dass es umgekehrt genauso aussieht!). Und genauso unterliegen wir einer Täuschung, wenn wir meinen, wir würden uns auf dem Zeitpfeil bewegen. Vielmehr sind wir immer bei t0 – immer „jetzt“. 

Dierks sieht uns nicht mehr als Zeitreisende. Mensch und Zeit sind immer in der Gegenwart miteinander verbunden. Die Zeit ist gewissermaßen selbst die Reisende. Der Zeitpfeil bewegt sich durch uns hindurch.

Auch Hans Jürgen Bulkowski erkundet in seinem SWR2 Essay „Zukunft oder Worauf wir zugehen“ die Vorstellung von der Zeit als Linie. Er wagt einen spannenden Versuch, den tiefgreifenden Wandel der Zeitauffassung vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung mit den Begriffen von Zeit und Raum zu beschreiben.

Eingesponnen in feinmaschige Netzbezüge stellt sich uns nunmehr die Frage, wie wir uns sowohl die Bewegungsabläufe als auch die Bewegungsrichtung von Geschehensvorgängen bewusst machen können. Also die Frage nach unserem Verhältnis zur Zeit. Das Netzmodell beeinträchtigt ja nicht nur die Zukunftsvorstellungen, es verändert auch unser Verständnis von zeitlichen Vorgängen überhaupt. Offenbar genügt es nicht, dass wir uns weiterhin die Zeit als eine Linie vorstellen, als einen Pfeil in zweidimensionaler Richtung von hinten nach vorn, von einem Früher in ein Künftiges. Charakteristisch für den vorausschießenden Pfeil der Zeit war ja die Ära der Geschwindigkeitsrekorde im 20. Jahrhundert.

Bulkowski sieht uns, was Veränderungen begrifft, ungeachtet aller Turbomobilität und Hyperaktivität von einer Lähmung befallen.

An die Stelle von zukunftsweisenden Veränderungen ist inzwischen – ob persönlich oder gesellschaftlich – das Entfachen und Bewältigen von Krisen getreten, ein reaktives Verfahren, das höchstens auf den gegenwärtigen Zustand zielt, ihn damit aber nur renoviert, nicht weiterbringt.

[…]

Dennoch empfinden derzeit nicht Wenige […] so etwas wie Ungeduld und Unruhe. Wir spüren, dass „die Zeit drängt“, wenn auch kaum noch vorwärts.

[…]

Im Gegensatz zu früheren Zukünften ist in der heute prophezeiten Zukunft Gelingen und Fehlschlag stets schon enthalten. Kein Wunder, dass Zukunft an Anziehungskraft verliert. […] Zumal immer deutlicher wird, dass wir schon heute die Zukunft nicht nur mit Industrie- und Konsumabfällen und territorialen Schäden belasten, sondern auch mit aufgestauten Krediten, die nicht, ja niemals mehr getilgt werden können.

[…]

Jeder Einzelne spürt in sich nicht nur persönliche Veränderungen, sondern auch die in seiner Umgebung. Veränderungen, die er abwehrt oder aufnimmt und umzusetzen versucht. Wie kann es gelingen, neue Perspektiven, neue Bezüge, neue Gemeinsamkeiten zu entwickeln, die über die bloße Reaktion auf alarmierende Klimamessungen und Rohstoffverknappungen hinausführen?

Anders als in früheren Zeiten sieht Bulkowski – wohlgemerkt aus europäischer Sicht – heute keine schlagartigen revolutionären Umbrüche mehr anstehen.

Nicht das Ersetzen, der Austausch einer alten Welt gegen eine neue steht an, vielmehr eine Verschiebung, ein zügiges, an mehreren Orten, von vielen Individuen ausgehendes, dennoch gemeinsames Verlagern der Gewichte.

Was aber geschieht jetzt? Wie können wir uns als Zeit- oder vielmehr Gegenwartsgenossen verstehen, womöglich gar als Zukunftsgenossen? Wie können wir einerseits erfahren, was gegenwärtig geschieht, andererseits aber auch daran teilhaben, und zwar so, dass wir ermutigt werden, handelnd in Geschehensabläufe einzugreifen?

Es reicht also nicht mehr aus, so Bulkowski, dass wir uns als Zeitzeugen verstehen.

Dies nun keineswegs, weil wir nichts mitbekommen, sondern im Gegenteil, weil wir zu viel mitbekommen – Informationen, Anregungen, Motivationen, Beeinflussungen in einer solchen Menge und Vielfalt, dass es für jeden von uns in der Fülle an Möglichkeiten speziell für ihn kaum noch die eine erwünschte Möglichkeit gibt. Ab einem bestimmten Quantum an Möglichkeiten schlagen anfängliche Handlungsimpulse in Nichtstunkönnen um.

[…]

Die von uns empfundene wie ja auch tatsächliche Komplexität der Lebenswelt neutralisiert die Ereignisse, stellt jedem Ansatz zu einem erkennbaren Gesamtgeschehen sofort eine Fülle von anderen, konträren Ereignissen und Ansätzen gegenüber. Inzwischen beschränkt sich ein großer Teil unserer Aktivitäten aufs Vernetzen. Zwar ist unser Leben und Arbeiten seit längerem bereits in Verkehrsnetze, Telefonnetze, Beziehungsnetze, vernetzte Institutionen, Wissenschaften und Staaten eingebunden. Weitergehende Auswirkungen bis in die Verästelungen unseres Alltags ergeben sich aber vor allem aus dem Internet und seinen jeweiligen Updates.

Und jetzt wird es spannend. Denn am Zeitempfinden sind diese Auswirkungen zu beobachten.

Derzeit sind wir Zeuge, wie sich das allgemeine Zeitverständnis allmählich, aber unaufhaltsam in nächste Dimensionen verschiebt – also in die zweite und dritte Dimension: ins Räumlich-Flächige und darüber hinaus ins Raumkörperliche. Wie lässt sich zeitliche Bewegung räumlich vorstellen oder gar darstellen?

Die Bewegungen beschleunigen sich im Innern dieser raumzeitlichen Gesamtheit nicht mehr in eine Richtung. Sie streben in ganz verschiedene Richtungen. Sie

verschränken sich, verflechten sich, richten sich auswärts nach allen Seiten hin, schlagen Querrichtungen ein, kommen einwärts von allen Seiten her. Zeitliche Bewegung folgt damit dem Modell von Anhäufung und Abtragung […].

Was die Verräumlichung der Zeitvorstellungen betrifft, haben wir inzwischen eine Gegenwart erreicht, die wir keineswegs als Verengung, Einengung erfahren, sondern als eine Erweiterung, wenn auch nicht mehr als Erweiterung nach außen, sondern in Richtung Inneres, als Öffnung des Innenraums. Damit verändert sich auch die Sicht, die Einsicht darauf, wie es künftig weitergeht.

Die sich andeutende Erweiterung stellt er sich vor

als ein Auflockern und Freilegen, eben Erweitern innergesellschaftlicher Spiel- und Aktionsräume. So ist auch Künftiges, also das, worauf sich unser Handeln bezieht, nicht in einer fern vorausliegenden Zukunft zu suchen, vielmehr in dem, was in der Gegenwart schon enthalten ist. Dieser Zukunftsgehalt besteht keineswegs aus purer Phantastik oder aus Vermutungen. Er ist bereits Teil unserer Lebenswirklichkeit, und zwar in Gestalt von Einfällen, Vorschlägen, Entwürfen, neuen Herstellungsverfahren, geplanten und bereits begonnenen Projekten.

Bulkowski lädt uns ein, Zeit nunmehr als das zu verstehen,

was uns zusammenführt, was alle unsere Bewegungen und Aktionen einbezieht und in sich aufnimmt. Zeit läuft nicht neben uns her. Sie bildet den Raum, in dem wir uns bewegen. Dieser Raum ist kein leerer Kubus, der ebenso gut auch ohne Menschen und Dinge derselbe Raum bliebe. Es ist im wahren Sinn des Wortes ein Zeitraum.

Siehe auch Der Augenblick und der Zeitstrahl und #Freiheit, Haltung und die Vielzahl der Möglichkeiten

 

Written by Östermann

22. Februar 2015 at 18:12

Veröffentlicht in Gesellschaft, Zukunft

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Das ganze Leben online – Sven Gábor Jánzsky bei der SWR2 Aula

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Der Fernsehmonitor wird in der Tapete integriert sein. Der Couchtisch ist mit einer iPad-ähnlichen Tischplatte ausgestattet. Was macht der Tisch, wenn ich einen Joghurt-Becher mit Erdbeer-Geschmack draufstelle? Er registriert das und merkt sich, was mir besonders gut schmeckt. Die Zeitung der Zukunft ist aus verschiedenen Zeitungen zusammengestellt, nach meinen persönlichen Schlagworten, ganz persönlich morgens im Briefkasten. Wir zappen nicht mehr. Denn TV-Programme sind keine 24-Stunden-Programme mehr. In der Fernbedienung ist eine Software drin, die mir mein ganz persönliches Programm nach meinen Vorlieben zusammenstellt. Das Internet hat nichts mehr mit dem Computer zu tun. Es ist in jedem Gerät, weil Chips überall eingebaut werden können.

So beschreibt der Trendforscher Sven Gábor Jánszky das Wohnzimmer 2020 in einem Beitrag zur SWR2 Aula, in dem er uns die Lebenswelt 2020 vorstellt, wie sie aussehen kann – vorausgesetzt, wir wollen das so. Er findet gute Gründe, weshalb wir uns darauf einstellen sollten. Denn es hat ein Umdenken eingesetzt, z.B. beim Datenschutz. Der Datenschutz der Zukunft wird die persönlichen Daten nicht mehr in erster Linie vor dem Staat schützen. Er wird dazu beitragen, dass die Menschen ihre Daten veröffentlichen können, ohne ihre eigene Souveränität zu verlieren.

Written by Östermann

1. November 2010 at 17:47

Veröffentlicht in Web 2.0

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