Östermanns Blog

Organisation und Unternehmensführung im Wandel, Handeln unter den Bedingungen des Klimawandels, Strategie, Medienwandel, Digitale Transformation, Arbeit der Zukunft, Komplexität, nächste Gesellschaft

Posts Tagged ‘Lebendigkeit

Sensoren (16): Der Klimawandel und die Hoffnung – zum Dritten

with 2 comments

Wer sich mit dem Klimawandel und seinen möglichen oder wahrscheinlichen Folgen näher befasst, verliert leicht die Hoffnung, dass der Wettlauf mit der Zeit noch gewonnen werden könnte. In zwei Blog-Beiträgen habe ich kürzlich einige Stimmen und einen Vortrag von Uwe Schneidewind vorgestellt, die Wege zur Hoffnung in dieser bedrohlichen Situation aufzeigen. Hier nun eine ganz andere Annäherung an die Zukunft und die große Transformation. Ein SWR2-Feature hat sich kürzlich mit der religiösen Metapher der Apokalypse befasst. Wenn wir den Begriff auf die Klimakrise oder umfassender die Krisen der Gegenwart und die damit verbundenen tiefgreifenden Umwälzungen im Sinne einer Zeitenwende aufgreifen, dann können wir uns fragen: Wie halten wir es mit der Apokalypse? Steht sie uns bevor? Liegt sie hinter uns? Stecken wir mittendrin?

Albrecht Dürer: Die vier apokalyptischen Reiter
| Staatliche Kunsthalle Karlsruhe |© Public domain

Ein SWR2-Feature von Barbara Eisenmann hat sich kürzlich mit aktuellen Zukunftsbildern auseinander gesetzt. Sie tut das im Gespräch u.a. mit dem französischen Soziologen Bruno Latour und der spanischen Philosophin Marina Garcés. Vor, während oder nach der Apokalypse? Marina Garcés antwortet auf die Frage mit einem Hinweis auf ein anderes Zeiterleben.

Also wenn ich mich vor oder nach der Apokalypse situieren müsste, dann würde ich mich in einem Danach einsortieren, und zwar nicht in dem Danach, von dem die lineare Erzählung ausgeht, sondern in einem Danach nach der linearen Erzählung der Apokalypse. Denn lineare Erzählungen zwingen uns dazu, dass wir alles, was passiert – die Geschichte, Handlungen, menschliche Erfahrung -, in Begriffen von Anfang und Ende erzählen müssen.

Eine neue Erzählung beginne sich durchzusetzen. Eine neue Zeit löse die Zeit der Geschichte und der Zukunftsversprechen ab. Sie bringe uns dazu, uns als Aussterbende zu denken. Die Geschichte habe sich als eine Erzählung, die in der Zukunft ihren eigentlichen Sinn hat, selbst vernichtet. Garcés unterscheidet zwischen dieser Zerstörung der Welt, der Erde, der Lebensformen, der Kulturen, der Gesundheit, lebbarer Zukünfte auf der einen Seite und der Apokalypse auf der anderen Seite. Diese sei eine narrative Struktur, die als ideologisches Werkzeug der Kontrolle und Unterwerfung eingesetzt werde.

Latour verortet sich und uns hingegen mitten in der Apokalypse.

Die einzige Position in Bezug zur Apokalypse ist, sich gegenüber der Offenbarung – das ist die eigentliche Bedeutung des Wortes „Apokalypse“ – zu öffnen, denn jetzt ist die Gelegenheit zum Handeln. Wenn Sie aber sagen: „Na, wir kommen da schon durch, überdramatisieren Sie mal nicht“, verstehen Sie von der Situation, in der wir uns befinden, nichts. Und das war genau das, was Günther Anders in der berühmten Szene im Zug beschrieb, wo er einen Deutschen traf, der sagte: Wir werden alle sterben, es ist also egal. Anders sagte auch, das ist ein Verbrechen nicht nur gegen die Religion, sondern im Grunde genommen gegen die Existenz selbst.

Das Wort „Apokalypse“ möchte Latour nicht in der Bedeutung als Katastrophe oder Kollaps verstanden wissen, sondern als Begriff für die sich reorganisierende Zeit. Er scheint sich also mit Garcés in dem einen Punkt einig zu sein, dass das lineare Geschichtsverständnis der Moderne zu Ende geht oder schon gegangen ist. Die Beziehung zur Zeit ist im Wandel. Latour greift die Vorstellung eines neuen Zeitpfeils auf, die er in seinem Buch Das terrestrische Manifest ausführlich dargelegt hat. Die lineare Zeitlichkeit mit dem Blick immer nach vorne in die Zukunft gerichtet, bedeute Zerstörung, der sich die Erde, so Latour, mittlerweile widersetze.

Und die Frage hier ist, warum die Modernen eine Beziehung zur Zeit erfunden haben, die uns nur in eine Richtung gehen lässt, noch dazu eine Richtung, die unverhandelbar ist. Teleologie, Zielgerichtetheit ist aber nicht der einzige Weg, die Beziehung zur Zeit zu verstehen. Also diese monolithische, hegemonische Richtung der Moderne in eine Zukunft, die heute ganz und gar vom Kapitalismus und den Schulden kolonisiert ist, ist sicherlich nicht die einzige Art und Weise, in der Zeit zu sein. Und das ist ohnehin vorüber, aus und vorbei.

George Bush sen. hat 1992 vor Beginn der Weltklimakonferenz gesagt: „Unser Lebensstil ist nicht verhandelbar.“ Darin drückt sich die westliche Vorstellung aus, die Apokalypse liege hinter uns. Das Paradies auf Erden sei verwirklicht. Dass die Welt des Wachstums und der Kapitalanhäufung zu Ende gehen könnte, ist für diese Postapokalyptiker nicht vorstellbar.

Die Vorstellung eines guten oder schlechten Endes oder religiös einer Errettung oder Verdammung unterwerfe, so Marina Garcés, jegliche Vielfalt an Lebensformen und Erfahrungen einer einzigen Bewertung: Wird es gut oder schlecht enden?

Die Autorin des Radio-Feature hat noch eine weitere Stimme eingeholt. Evgeny Morozov, der weissrussische Kritiker von Technikutopien, hat den Begriff des „Solutionismus“ für den Glauben an die technische Lösbarkeit aller Probleme geprägt. Mit dem Begriff der Apokalypse kann er zunächst wenig anfangen. Dann fällt ihm doch auf, dass die Technologiegläubigen mit ihrer antipolitischen Haltung sehr wohl apokalyptische Erzählungen für ihre Interessen nutzen. Sie nutzen die Dringlichkeit des Klimawandels, um alles mit ihrem solutionistischen Werkzeugkasten effizienter und schneller zu machen.

Zugrunde liegt dem die Annahme, dass die einzigen Akteure, die die Probleme überhaupt lösen können, Unternehmen seien. Und die wiederum benutzen alle möglichen Diskurse, auch den Apokalypse-Diskurs, als Argumente für ihre eigene Sache. Wir sollen also darauf vertrauen, dass bestimmte Unternehmen ein bestimmtes Problem lösen, weil wir keine Zeit zu verlieren haben, denn die Welt bricht ja zusammen. So gesehen profitieren sie von der Angst und Furcht, die die Gesellschaft heute durchdringen. Sie profitieren politisch, intellektuell und ökonomisch von dieser Angst, die einige von ihnen auch steuern.

Wir haben es heute, so Garcés, mit der Frage zu tun: Wie lange noch? Wie lange werde ich noch eine Arbeit haben? Wie lange werde ich mit meinem Partner noch zusammenleben? Wie lange wird es noch Renten geben? Wie lange Trinkwasser?

Wir seien an Grenzen geraten, an Schwellen, an denen das Lebbare für einen großen Teil der Menschheit und der anderen Lebewesen in Frage stehe. Für einige Wenige gebe es ein Lebensprojekt, das aber den großen Teil der Welt zu etwas Unlebbarem verdamme.

Und wenn wir von der Zukunft als kollektivem Sinnhorizont sprechen, der radikal in Frage steht, dann geht es hier um die Möglichkeit eines lebbaren Lebens auf dem Planeten. Zwar gibt es ein kapitalistisches Projekt, das für alles irgendeine Erneuerung kennt und technologische Utopien, aber hier geht es um die Konstruktion realer Kräfte in der Gegenwart, die sich auf eine Welt beziehen, die nicht mehr die alte ist, die aber auch noch nicht weiß, was für eine Welt sie ist.

Garcés weiter:

Die Frage, Latour spricht auch davon, dass diese Welt nicht mehr unsere Welt ist, die Frage ist also: Wo leben? Und wie leben? Und wie sieht dieses Leben aus, das auch danach gelebt werden will, nach dieser Zukunft oder, anders gesagt, nachdem diese Zukunft radikal in Frage gestellt worden ist. Ich sage ja, es gibt dort ein Leben.

Noch einmal kommt Latour auf das Bild vom Kollaps zu sprechen. Das negative Bild hat eine positive Kehrseite.

Und ich denke, dass es nicht viele Präzedenzfälle dafür in der westlichen Existenz gibt. Das ist auch der Grund, warum wir alle den Boden unter den Füßen verloren haben und warum die Idee eines Crashs, eines Kollapses, so wichtig ist: die Idee nämlich, dass wir landen könnten. Landen ist die positive Variante, aber wir können natürlich auch abstürzen, und das Gefühl eines Kollapses ist überall.

Written by Östermann

28. Dezember 2019 at 14:18

Zukunftsfähigkeit – ein Wort zum Heulen?

leave a comment »

Auf dem Evangelischen Kirchentag und in einem Gastbeitrag der Oldenburger Nordwestzeitung hat Heribert Prantl über den Gebrauch des Wortes „Zukunftsfähigkeit“ gewettert.

Dass aus dem herrlichen Wort „Zukunft“ so etwas Abscheuliches wie „Zukunftsfähigkeit“ gemacht worden ist, ist zum Heulen. Das Wort „zukunftsfähig“ ist ein verlogenes Wort, weil es so tut, als gäbe es eine feststehende Zukunft, für die man fit gemacht werden müsse. Es gibt aber keine Zukunft, von der man sagen könnte, dass es sie einfach gibt. Es gibt nur eine Zukunft, die sich jeden Augenblick formt – je nachdem, welchen Weg ein Mensch, welchen Weg eine Gesellschaft wählt. Die Bewegung „Fridays for Future“ versucht, Gesellschaft und Politik auf einen neuen Weg zu führen.

Als Organisationsberater habe ich den Begriff bisher gerne und häufig verwendet. Und zwar, gerade weil die Zukunft unbestimmt ist. Weil jede Organisation lernen muss, mit der hohen Komplexität umzugehen. Es geht um organisatorische Fähigkeiten, die die meisten Unternehmen, Behörden, Museen oder Schulen mühsam lernen müssen. Das Akronym VUCA ist in der Management- und Beraterzunft so populär geworden, weil Organisationen unter Bedingungen handlungsfähig bleiben wollen, die als verwirrende Mischung aus Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität erlebt wird. Beliebt ist auch die Vorstellung, auf VUCA mit VUCA – vision, understanding, clarity, agility – zu antworten.

Wie wollen wir leben?

Diese SWR-Reportage zeigt an verschiedenen Beispielen, wie sich die Arbeitswelt verändert. Weniger Hierarchie oder Abschied von der Hierarchie, kürzere und flexiblere Arbeitszeit, Selbstverantwortung im Team, agile Vorgehensweisen, Job-Sharing – was vor zwei Jahrzehnten noch Zukunftsmusik war, ist heute in vielen Unternehmen gelebte Praxis. Ein Unternehmen entwickelt mit der Kreativität der Mitarbeitenden eine Zukunftsvision, um für die „neue Zeit“ „zukunftsfähig“ zu sein. Aber was zeichnet diese „neue Zeit“ aus? Weshalb ist eine „Transformation“ unumgänglich? Der Film verweist auf anspruchsvollere Produktionsabläufe durch Digitalisierung, Automatisierung und Robotisierung, auf Effizienzgewinne, die dadurch erzielt werden können. Die Gewerkschaftsvertreter zeigen sich hoffnungsvoll, dass kürzere Arbeitszeiten bei vollem Gehalt möglich werden. Den Zuschauenden drängt sich der Eindruck auf, das alles habe mit der Klimakrise nichts zu tun. Blenden Unternehmen einen existenziellen Teil der wahrscheinlichen Zukunft einfach aus?

Für die Zukunftsforschung ist der Klimawandel ein Trend unter vielen

Ähnlich beobachten Zukunftsforscher – wie z.B. die Strategic Intelligence des WEF – technologische und soziale Trends vorrangig mit Blick auf mehr oder weniger wahrscheinliche neue Märkte. Es geht meist darum, den Anschluss an den Fortschritt zu halten, neue Produkte zu entwickeln und rechtzeitig auf neuen Märkten präsent zu sein. Klimawandel, Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und Umweltschutz werden zwar als Trends mit einbezogen, gehen jedoch in der Fülle dutzender anderer Trends unter. Das Terrestrische oder die Biosphäre werden marginalisiert.

Zukunftsfähig ist eine Organisation erst, wenn sie nachhaltig wirtschaftet

An ihrer Zukunftsfähigkeit arbeitet eine Organisation heute erst, wenn sie sich den existenziellen Fragen des Klima-, Umwelt- und Artenschutzes mit Priorität widmet. Organisationen, die die Klimakrise und die Auswirkungen des Wirtschaftens auf die Artenvielfalt ignorieren, sind allein deshalb auf längere Sicht nicht lebensfähig, schlicht und einfach, weil sie dazu beitragen, ihren eigenen und unser aller Lebensraum zu zerstören. Zukunftsfähigkeit heisst unter den Bedingungen der Klimakrise, was und wie produziert wird, trägt direkt oder indirekt, in jedem Fall aber nachvollziehbar, zur Minderung der Klimakrise bei. Gemessen daran sind heute die wenigsten Unternehmen zukunftsfähig.

Unternehmen kommt eine wesentliche Rolle bei jeder Nachhaltigkeitsstrategie zu. Darauf hat Reinhard Loske in seinem Buch „Politik der Zukunftsfähigkeit“ hingewiesen, auf das ich hier kürzlich in einem Beitrag hingewiesen habe. Es sei nicht damit getan, politisch den Ordnungsrahmen für ein nachhaltiges Wirtschaften, z.B. eine CO2-Steuer oder -Bepreisung, festzulegen. Loske schlägt drei grundlegende Fragen vor.

  • Was sind aus Nachhaltigkeitsperspektive adäquate Unternehmensgrößen und Unternehmensverfassungen?
  • Wo liegt die unternehmenseigene Verantwortung für Nachhaltigkeit?
  • Welches Berichtswesen wird dafür gebraucht?

Loske weist darauf hin, dass es im unregulierten kapitalistischen Wettbewerb unweigerlich zur ökonomischen Machtballung, zu ungesunden Unternehmensgrößen und zu Monopolen kommt, die mit der politischen Macht unheilige Allianzen gegen das Gemeinwohl eingehen. Sie neigen dazu, sich an Wachstums-, Gewinn- und Anlegerinteressen auszurichten und ökologische wie soziale Folgeschäden zu externalisieren und auf die Gesellschaft abzuwälzen. Als Beispiele nennt er die deutschen Automobilkonzerne, die deutsche Chemieindustrie und die großen Öl-, Gas- und Kohlekonzerne. Mit enormem Lobbyaufwand hätten sie es immer wieder geschafft, anspruchsvolle Klimaschutzstandards von ihren Produkten fern zu halten und sogar den internationalen Klimaschutzprozess zum Stillstand zu bringen.

Aber die Bekämpfung von Monopolmacht sei möglich, wie das Beispiel der großen deutschen Stromkonzerne zeige. Durch Atomausstieg und EEG sei die dezentrale Eigenerzeugung so stark stimuliert worden, dass sich die Marktstruktur gerade radikal in Richtung dezentraler und verteilter Prosumentennetzwerke transformiere.

Auch seien Unternehmensformen wie Personengesellschaften, Genossenschaften und kommunale Betriebe eher als Kapitalgesellschaften geeignet, soziale und ökologische Ziele zu verfolgen und sich am langfristigen statt am kurzfristigen Erfolg zu orientieren.

Loske betont, was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Jedes Unternehmen hat eine gesellschaftliche Verantwortung und muss über sein Wirken Auskunft geben. Es reicht nicht aus, Güte und Nutzen der Produkte sprechen zu lassen. In einer ökologisch sensiblen Öffentlichkeit bestehe, so Loske, großes Interesse, ehrliche Antworten auf die Fragen zu erhalten: Wie produziert ein Unternehmen? Wie geht es mit seinen Mitarbeitenden um? Woher bezieht es seine Ressourcen? Wie setzt es sie ein? Wie trägt es zum Schutz von Natur und Umwelt bei? Wie behandelt es seine Nachbarn und seine Geschäftspartner?

Was letztlich gebraucht wird, ist eine standardisierte Gemeinwohlbilanz für jedes Unternehmen, welche wahrhaftig Auskunft über seine ökologischen und sozialen Relationen gibt: zu Lieferanten, Geldgebern, Mitarbeitern und gesellschaftlichem Umfeld. Läge neben der traditionellen Unternehmensbilanz und seiner Gewinn- und Verlustrechnung auch eine Gemeinwohlbilanz, ließe sich schnell erkennen, wer nachhaltig wirtschaftet und wer nicht. (S. 184)

Visionen an den konkreten Maßnahmen und deren Wirkung messen

Nils Brunsson, der schwedische Organisationsforscher, hat einmal auf das Problem der Scheinheiligkeit in der Unternehmensführung hingewiesen.

Unternehmen sind vielen verschiedenen und widersprüchlichen Anforderungen ausgesetzt. Scheinheiligkeit ist die zwangsläufige Folge. Unternehmen sollen effizient sein und Gewinne erzielen, aber auch Arbeitsplätze zur Verfügung stellen und das Klima schützen. Unternehmen sollen demokratisch sein und auf Diversität achten, und sie werden für gute Arbeitsbedingungen ihrer Mitarbeiter – und zunehmend auch für die ihrer Vertragspartner und von deren Zulieferern – zur Verantwortung gezogen.

Klima-, Arten- und Umweltschutz vertragen ein So-Tun-Als-Ob nicht. Ein ehrliches Ringen um nachhaltige Produkte und Produktionsweisen ist ebenso unerlässlich wie ein intensiver Dialog in den Netzwerken, in die eine Organisation eingebunden ist, und die wechselseitige Kontrolle, wie die soziale und ökologische Verantwortung angemessen wahrgenommen wird.

Digitale Transformation ist ein sozialer Prozess

Die Digitalisierung gewinnt in einem solchen Szenario einen anderen Sinn. Dirk Baecker hat kürzlich in einen Essay darauf aufmerksam gemacht, dass die digitale Transformation kein technischer, sondern ein sozialer Prozess ist.

Alle wichtigen Akteure der Gesellschaft müssen lernen, verantwortungsvoll mit ihm umzugehen, während niemand weiß, wohin dieser Prozess uns noch führt.

Die Digitalisierung kann erst aus diesem Verständnis heraus ihr Potenzial für die Lösung der existenziellen Probleme entfalten. Baecker weist auf den entscheidenden Unterschied hin.

So kann man das Verhältnis von Unternehmen und Märkten, Parteien und öffentlicher Meinung, Wissenschaft und empirischen Gegenständen, Intimitätswünschen und Partnerschaften, aber auch Kohlendioxidemissionen und Klimawandel, Antibiotikaeinsatz in der Landwirtschaft und resistenten Bakterien sowie Konsumentennachfrage und Drohneneinsatz nicht nur erforschen. Das konnte man früher auch schon. Man kann es vielmehr in Echtzeit auswerten und mit strategischen Maßnahmen unterstützen, fördern oder bekämpfen, je nach Bedarf. 

Hinzu kommt der Einsatz künstlicher Intelligenz, die man auch braucht, weil man in dem Heuhaufen der im Internet der Dinge massenhaft produzierten Daten die Nadel nicht mehr findet, die den Unterschied macht. Datenproduktion und Datenauswertung ist das Gesetz der digitalen Transformation. Das gilt für Unternehmensführung und Kriegsführung, für politische Kampagnen und Werbekampagnen, für Kunst und Unterhaltung, Bildung und Terrorismusbekämpfung, Finanzmärkte und Logistikketten, Agrarwirtschaft und Gesundheit.

Zukunftsfähigkeit neu definieren

Prantl geht es im übrigen bei seiner Klage über den mangelnden Willen, die Zukunft aktiv zu gestalten, nicht darum, den Begriff „Zukunftsfähigkeit“ zu löschen. Er möchte ihn neu definieren.

Die Frage ist nämlich nicht, welche Zukunft man hat oder erleidet, die Frage ist, welche Zukunft man haben will, und wie man darauf hinlebt und darauf hinarbeitet. Die Frage ist nicht, was auf die Gesellschaft zukommt, sondern wohin sie gehen will. Zukunftsfähigkeit muss daher neu definiert werden, nämlich so: Wie wird die Zukunft fähig für die Gesellschaft? Wie wird sie fähig für ein Leben, das mehr ist als ein Überleben? Diesen Versuch unternimmt „Fridays for Future“. Es ist eine pfingstliche Bewegung.

Unternehmensmodelle im Wandel (19): Agil ist nicht AGIL

with 3 comments

Die beispiellose Karriere des Begriffs „Agilität“ in Management- und Beraterkreisen befördert seit einiger Zeit die Suche nach den historischen Wurzeln dieses Konzepts. Dabei fällt auf, dass sich manche Beobachter auf Talcott Parsons und sein AGIL-Schema aus den 1950er Jahren berufen. Der Soziologe Stefan Kühl hat sich in einer Glosse mit diesem Missverständnis auseinander gesetzt. Dies wiederum hat den Kulturwissenschaftler Dirk Baecker auf den Plan gerufen, der erklärt, weshalb es sich hier um ein durchaus produktives Missverständnis handelt.

Das AGIL-Schema sei viel zu schematisch, meint Kühl. Deshalb wende es kaum ein Soziologe heutzutage noch an. Umso erstaunlicher sei, dass das Schema plötzlich außerhalb der soziologischen Zunft von deutschen Wirtschaftsmedien als Vorreiter des agilen Managements gefeiert werde.

Dirk Baecker, Kulturwissenschaftler in Witten-Herdecke, hat auf die Glosse von Kühl in einer Replik „Wie agil ist das AGIL-Schema?“ geantwortet. Er ist sich mit Kühl einig, dass es sich hier um ein Missverständnis handelt. Er schätzt den Wert dieser Theorie allerdings ganz anders ein. Er hält sie keineswegs für „verstaubt“. Ihr Wert bestehe

in der erstmaligen Kombination von physikalischen und biologischen mit psychologischen, soziologischen und philosophisch-theologischen Beschreibungen von Handlungen. Zum ersten Mal werden die Aspekte nicht einfach nebeneinander gesetzt, so dass die angesprochenen Disziplinen jeweils isoliert vor sich hinforschen können. Vielmehr wird jeder Aspekt in Abhängigkeit und Unabhängigkeit von jedem anderen formuliert.

Parsons‘ AGIL-Schema […] wäre, so Baecker weiter, in höchstem Maße geeignet,

die Ansprüche zu untersuchen, unter denen körperlich, geistig und sozial integrierte Handlungen im agilen Management zustande kommen. Aber dasselbe gilt auch für die klassische Hierarchie, die Matrix-Organisation oder das Qualitätsmanagement. Sie alle lassen sich mit dem AGIL-Schema untersuchen.

In seinem Aufsatz „Agilität, Hierarchie und Management“ macht Baecker den Versuch, das Modell des „Agilitätsalgorithmus“ mit dem AGIL-Schema einem Stresstest zu unterziehen. Das Schema besteht aus den vier Funktionen adaptation, goal-attainment, integration und latent-pattern maintenance and conflict regulation, A, G, I und L, das selbstähnlich skalierbar auf alle Subsysteme angewandt werden kann.

Auf der Ebene der allgemeinen human condition finden sich neben der Natur (A) der menschliche Organismus (G), das allgemeine Handlungssystem (I) und das telische System höchsten Sinns (L).

Baecker, Dirk: Agilität, Hierarchie und Management. Eine Verallgemeinerung. 2017. S. 14f.

Auf den einzelnen Ebenen darunter, z.B. der des Handlungssystems, lässt sich das Schema ebenso anwenden.

Wie also leisten die drei Werte der Leere, des Auftrags und der Umwelt im Agilitätsalgorithmus eine Erfüllung der vier von Parsons postulierten Systemfunktionen? Es ist, wenn auch mit unterschiedlichen Akzentuierungen, ihr Zusammenspiel, dass die funktionalen Anforderungen erfüllt, nicht etwa eine Aufteilung der Werte auf die jeweiligen Funktionen. Mit dem Zusammenspiel von Leere, Auftrag und Umwelt werden Anpassungsleistungen erbracht; mit der Orientierung am Auftrag, abgesichert in der Leere der Vorbereitung auf diesen Auftrag, setzt sich eine Zielorientierung durch; die Bearbeitung des Auftrags durch die Systemelemente, die man dazu benötigt, und mit den Ressourcen, die zur Verfügung stehen, erfüllt die Integrationsfunktion; und immer dann, wenn Konflikte drohen, werden die beiden Werte der Leere und der Umwelt aufgerufen, um Abstand vom Auftrag, aber auch Motivation zum Auftrag zu gewinnen.

Man sieht, es fehlt der Form der Agilität an nichts, wenn man Parsons‘ Analysekriterien zugrunde legt. Man sieht allerdings auch, dass die Integrationsfunktion in gewisser Weise die Führung beanspruchen kann […].

ebd., S. 16

Dazu muss man wissen, dass Baecker in seinem Aufsatz den „Algorithmus“ eines agilen Systems als das Zusammenspiel von Leere, Auftrag und Umwelt herleitet. Mit „Umwelt“ ist dabei gemeint, dass wir es an der Grenze von System und Umwelt nicht mehr mit einer zweiwertigen, sondern mit einer mindestens dreiwertigen Relation zu tun haben. Dies hat eine Heterarchie zur Konsequenz als ein „ökologisch zu denkendes Nachbarschaftsverhältnis zwischen Stellen, Systemen oder Teilsystemen, die ihren Bezug aufeinander nach wie vor als Differenz zueinander zu ordnen haben“. Mit „Leere“ ist die Einfachheit gemeint, die im agilen Manifest mit dem Satz propagiert wird: „Simplicity – the art of maximizing the work not done – is essential.“ Oder: „Es gibt nichts zu tun, weil es so viel zu tun gibt.“ Für Baecker steckt in dieser Erkenntnis der entscheidende Entwicklungsschritt vom Management zur Agilität. Es ist eine „Leere“ zu schaffen, die Bereitschaft zur Bearbeitung des Auftrags. Das Konzept der Agilität wird gerne mit einer radikalen Kundenorientierung verbunden. Diese entpuppt sich jedoch, so Baecker, bei genauerer Betrachtung als radikale Auftragsorientierung. Sonst würde sich ein System den Launen und Wünschen, Kosten- und Gewinnerwartungen der Umwelt aussetzen. Das würde es nicht überleben.

Diese Entwicklung zur Agilität hat unter den Bedingungen der digitalen Technik erhebliche Auswirkungen auf das Management. Baecker vermutet, dass die

weitgehende Umstellung der Organisationslandschaft in Unternehmen und Behörden, Universitäten und Krankenhäusern, Kirchen und Armeen, Schulen und Theatern von Techniken der schriftlichen Aktenführung und maschinellen Produktionsplanung auf Technologien der elektronischen Vernetzung und digitalen Steuerung dazu führen, dass der Bedarf an Koordination und Integration, der bislang vom Management bedient wurde, an künstlich-intelligente Maschinen ausgelagert werden kann.

ebd., S. 13

Der Bedarf an Formen der agilen Produktentwicklung werde dadurch eher steigen, ebenso der Bedarf an einer strategischen Führung, die die notwendigen Kapital- und Personalressourcen für die Projektfindung vorhält. Möglicherweise jedoch, so Baecker, finde sich unter den Beteiligten bald kaum noch jemand, der oder die sich „Manager“ nennen lässt.

Baecker unterzieht das Konzept der Agilität noch einem zweiten Stresstest. Diesmal mit Luhmanns Theorie sozialer Systeme. Luhmanns Soziale Systeme, so Baecker,

gewinnen sich in der Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt aus dem eigenen Umgang mit einer selbstgeschaffenen Zeit: „Wir haben es mit einem Zusammenhang mehrerer Variablen zu tun, die sich, oberflächlich gesehen, widersprechen, nämlich als Einheit von (1) selektiver Verknüpfung der Elemente, (2) Bindung freier Energien aus anderen Realitätsschichten durch Interpenetration, (3) ständige sofortige Wiederauflösung der Verknüpfung und der Bindung, (4) Reproduktion der Elemente auf Grund der Selektivität aller verknüpfenden und bindenden Relationen, und (5) Fähigkeit zur Evolution im Sinne einer abweichenden Reproduktion, die Möglichkeiten der Neuselektion eröffnet. Ein solches System hat kein zeitfestes Wesen. Es ist auch nicht nur in dem Sinne der Zeit ausgesetzt, dass es sich anpassen und gegebenenfalls Strukturen ändern muss. Nicht einmal die Austauschbarkeit der Elemente […] erfasst den Zeitbezug radikal genug. Handlungssysteme benutzen die Zeit, um ihre kontinuierliche Selbstauflösung zu erzwingen; sie erzwingen ihre kontinuierliche Selbstauflösung, um die Selektivität aller Selbsterneuerung sicherzustellen; und sie benutzen diese Selektivität, um die Selbsterneuerung selbst zu ermöglichen in einer Umwelt, die kontinuierlich schwankende Anforderungen stellt” (Luhmann: Soziale Systeme. Frankfurt 1984: 394)

ebd., S. 17

Baecker lässt offen, ob die beiden Theorien die Konzepte der Agilität oder umgekehrt die Agilitätsphilosophie die Theorien bestätigen. Wichtiger scheint ihm, festzustellen, dass es sich lohnt, über Alternativen zur Hierarchie und Management nachzudenken, jedoch nicht als Negation, sondern als Flexibilisierung der Ordnungsrelationen.

Mit den teams und circles, roles und links, sprints und meetings, slacks und constraints der Agilitätsphilosophie hat das auf den ersten Blick nichts zu tun. Auf den zweiten Blick jedoch sieht man, dass jeder dieser Termini die Bedingungen des widersprüchlichen Zusammenhangs der 5 Variablen erfüllt. Agile Produktentwicklung ist eine Form der Reproduktion im Medium ihres Zerfalls, der Auftragserfüllung im Medium einer laufend wiederzugewinnenden Leere. In den circles werden die teams neu bestimmt, in den links die roles bestätigt und verändert, in den meetings die sprints als zureichend oder unzureichend beschrieben; und die constraints stehen den slacks nicht entgegen, sondern fordern sie, und sei es in der Form des scrum master, der für einmal nichts zu tun hat und nach Engpässen sucht, die aufzulösen sind.

ebd., S. 19

Das AGIL-Schema könnte also gerade im Zusammenhang mit der Agilitätsphilosophie durchaus gute Dienste leisten. Möglicherweise fehlt, so vermutet Baecker, nur eine mehrdimensionale topologische Darstellung im digitalen Netz, um es intuitiv zugänglich zu machen.

Wer sich mit der Frage, ob und wie das Konzept der Agilität mehr als eine vorübergehende Mode ist, vertieft beschäftigen will, der oder dem sei wärmstens empfohlen, sich der Lektüre dieses Aufsatzes von Dirk Baecker zu widmen, auch wenn es einige Mühe kostet.

Written by Östermann

9. März 2019 at 17:58

Manifeste (10): Lebendigkeit sei! oder Die beseelte Natur

leave a comment »

In seinem Terrestrischen Manifest hat Bruno Latour die Orientierungslosigkeit beschrieben, die die Menschen erfasst hat. Er plädiert darin für ein neues Verhältnis der Menschen zu der „dünnen Membran“ auf dem Planeten Erde, die allein den Menschen und allem Lebendigen ein Leben ermöglicht. Der Zeitpfeil der Moderne, der die Erde nur als Ressource sieht, hat sich überlebt. Die unruhig rotierende Kompassnadel fängt an, auf einen neuen Zeitpfeil zu zeigen. 

Ganz ähnlich wie Latour aus soziologischer Sicht, versuchen der Biologe und Philosoph Andreas Weber und die Kulturwissenschaftlerin Hildegard Kurt  in ihrem Manifest „Lebendigkeit sei!“ den fundamentalen Wandel der Beziehung des Menschen zum Leben auf unserem eng begrenzten Planeten zu beschreiben. 

Auch sie gehen von einer Ablösung des Erdzeitalters des Holozän aus. Die menschliche Kultur habe sich zu einer prägenden geologischen Kraft entwickelt. Deshalb sei es begründet, von der Epoche des Anthropozän zu sprechen. Auch sie deuten den Klimawandel als das Ergebnis eines verfehlten Verhältnisses des Menschen zur Natur. Der Dualismus von Mensch als handelndem Wesen und Natur als seelenlose Ressource, der 250 Jahre unser Denken und Handeln geprägt habe, gehöre damit „offiziell“ der Vergangenheit an. 

Der Mensch ist unentrinnbar mit der Erde verflochten. (S. 8)

Das von Menschenhand Geschaffene stellt für viele Menschen die einzige Wirklichkeit dar. Weber und Kurt üben scharfe Kritik an der Art und Weise, wie Wirtschaft und Politik das neue Zeitalter nach der alten Logik deuten. Technik und Wissenschaft hätten nur scheinbar zu der erhofften Versöhnung zwischen Mensch und Natur geführt. Vielmehr hätten wir es mit einem double bind zu tun. 

Was in den Erdwissenschaften, in Philosophie und Kulturwissenschaft als Ende des Dualismus gefeiert und von Politikern und Ökonomen als neuer Status quo übernommen wird, ist in Wahrheit eine neue Selbsterhöhung des Menschen, die die gesamte belebte, aus sich heraus und ohne Zutun des Menschen entstandene Wirklichkeit in dessen Kultur- und Kontrollprojekt zu verwandeln droht. (S. 9)

Verbundenheit, so die beiden Autoren, werde weiter als Trennung gedacht: als totale Dominanz des Menschen über die sich selbst organisierende, bedeutungsvolle Lebendigkeit. Im Horizont des Anthropozäns halte man am Menschenbild des Homo faber fest.

Die Idee vom „Menschenzeitalter“ gebe in der globalisierten Welt 

den Industrieländern freie Hand, die Versöhnung von Natur und Technik für eine profitorientierte Bioökonomie, das Erschließen weltweiter Märkte und die Zementierung wirtschaftlicher Übermacht zu missbrauchen – ähnlich wie „Nachhaltigkeit“ von einem ökosozialen Konzept zu einer Marketingphrase wurde. (S. 10)

Das Manifest übt heftige Kritik an der in allen gesellschaftlichen Teilsystemen dominierenden Praxis.

Wir betrachten die Welt als etwas Totes. Der Mainstream in Wissenschaft, Ökonomie, Politik und Bildung folgt der Auffassung, die Welt sei ein kybernetischer Zusammenhang unbelebter Bausteine; unbegrenzt verbesserbar, indem wir diesen Zusammenhang analysieren, auf seine Elemente reduzieren und technische, ökonomische und ökologische Maßnahmen ergreifen. (S. 11)

In der gegenwärtigen Revolution des biologischen Denkens setze sich eine neue Auffassung durch.

Mensch und Natur sind eins, weil schöpferische Imagination und fühlender Ausdruck Naturkräfte sind. (S. 11) 

Das Schöpferische werde nicht länger allein der kulturellen Sphäre zugeschrieben. 

Die Welt ist kein Mechanismus, der auf Effizienz beruht, sondern ein Prozess schöpferischer Beziehungen und Durchdringungen auf dem Weg zu Erfahrung und Ausdruck. (S. 11)

Die wissenschaftliche Revolution in der Biologie sei vergleichbar mit den in der Physik durch Relativitätstheorie und Quantenmechanik ausgelösten Revolutionen. In einer „Zweiten Aufklärung“ gehe es um einen Ethos der „Verlebendigung“. Das Ziel dieser Fortführung der Aufklärung sei die Freiheit des in die Welt eingebetteten Körpers von seiner Kolonialisierung durch die Fiktion effizienter Rationalität. 

Das Wahre an lebendiger Natur ist nicht das romantisch Heilsame, sondern dass nichts in ihr der Kontrolle eines Zwecke setzenden Subjekts unterliegt, vielmehr alles schöpferischer Prozess ist, der einzig dem Drang folgt, dass Leben sei. (S. 12)

Die wichtigste Aufgabe im Anthropozän sei es deshalb, Lebendigkeit neu zu denken und neu zu erzeugen. 

Was für viele idealistisch oder utopisch klingen mag, ist für die beiden Autoren sehr wohl möglich. Grundlagen für das neue Selbstverständnis finden sie z.B. bei Amartya Sen und Martha Nussbaum, bei Manfred Max-Neef, bei Albert Camus, in der Commons-Ökonomie nach Elinor Ostrom, bei Edgar Morin, bei Lewis Hyde, bei Michel Serres und bei Joseph Beuys mit seinem erweiterten Kunstbegriff. 

Ähnlich wie Latour sehen sie einen Schlüssel in einem grundlegenden Wandel der Wissenschaft. 

Der Klimawandel zeigt, wie unverzichtbar wissenschaftliche Verfahrensweisen und Erkenntnisse sind, um ökologische Ziele und Standards zu suchen. (S. 16) 

Ein neues Selbstverständnis der Wissenschaft ruht dabei auf der Erkenntnis, dass der Forscher mit seinem Forschungsgegenstand verschränkt ist. Beide sind lebendig. Beide stehen emotional miteinander in einer Beziehung. 

Wissenschaften müssen, anstatt Verfügungswissen zu produzieren, Orientierungswissen erarbeiten und zu einer forschenden Praxis der Lebendigkeit werden. 

Auf dieser Basis könne Nachhaltigkeit neu gedacht werden als ein Ringen um eine Verbindung von Freiheit und Verantwortung, das nicht nicht nur ein technokratisches Problem darstelle, sondern sich als Ethos einer existenziellen Haltung ergebe. 

Ein starkes Manifest, das sich traut, den notwendigen tiefgreifenden Wandel zu beschreiben, obwohl er sich kaum in Worte fassen lässt. 

Kürzlich hat sich Andreas Weber in einem Radiobeitrag für die Aula von SWR2 Wissen zum gleichen Thema geäußert. Dazu ist auch ein Manuskript verfügbar. 

Mehr dazu

Dirk Baecker über den Klimawandel und das Internet der Dinge

Felix Stalder über die Kultur der Digitalität, Commons und Postdemokratie

%d Bloggern gefällt das: