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Manifeste (4): Digitaler Humanismus – ein Ausstellungsmanifest

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Als fast schon „anarchisches“ Gegenstück zur Petersberger Erklärung liest sich das Ausstellungsmanifest, das auf der Vienna Biennale 2017 für Kunst, Design und Architektur unter dem Titel Roboter, Arbeit, Unsere Zukunft entstanden ist. Die Ausstellung wollte

mit spekulativen und utopischen (oder dystopischen), aber auch vielversprechenden praktischen Szenarien ein komplexes Bild unserer zukünftigen digitalen Welt zeichnen.

Und weiter heisst es zum Ausstellungskonzept:

Im Mittelpunkt steht dabei der Mensch, der in einer Zeit radikalen Umbruchs vor allem eines braucht: Orientierung!

Ein komplexes Bild zu zeichnen und damit Orientierung zu stiften, kommt schon einer   waghalsigen Gratwanderung gleich. Doch wer sich darauf einlässt, kann sich sicher sein, dass er sich mit Irritationen versorgt, die das persönliche Bild der gegenwärtigen Zukunft nachhaltig erschüttern. Am besten funktioniert das über die App.

Die App ist so programmiert, dass Sie Ihr eigenes digitales Manifest kreieren, indem Sie die Antworten, die Sie nicht mögen, weglassen und diejenigen behalten, denen Sie zustimmen.

Die Entscheidung über jeden einzelnen Satz nach dem Ja-Nein-Schema lässt den App-Nutzer spüren, wie vielfältig die Themen und wie ausgeprägt die kulturelle Dimension der Digitalisierung sind. Betroffenheit statt Orientierung. Andererseits bringt die Sprache mit dem gebetsmühlenhaften „Wir wollen …“ einen fast schon trotzigen Beiklang in das Manifest. Ganz unbekümmert reiht es Wünsche und Forderungen aneinander. Auch die Adressaten sind dabei ganz breit gestreut. Verantwortliche in Politik, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft dürfen sich angesprochen fühlen, wie natürlich auch die Lesenden selbst. Die Aussagen sind von einem großen sozialen und ökologischen Verantwortungsgefühl getragen.

In 119 Sätzen, Forderungen, Grundsätzen beschreiben die 20 Autorinnen und Autoren in einer bunten Vielfalt ihre Vorstellungen einer digitalen Welt in ihrer ganzen Widerspüchlichkeit. Zu den Persönlichkeiten hinter dem Manifest zählt z.B. Robert Trappl, Wiener Forscher über Künstliche Intelligenz, über den DIE ZEIT kürzlich schrieb, er sei „die Mensch gewordene Gegenthese zu den apokalyptischen Szenarien“. In dem Beitrag ist zu lesen:

Es kostet die Maschinen ein Vielfaches an Energie, die Leistung des Gehirns zu simulieren.“ Auch deswegen fürchtet Trappl die Roboterapokalypse nicht: Sollten die Maschinen irgendwann zu intelligent werden, kann man einfach den Stecker ziehen.

Diese Unbekümmertheit durchzieht auch das Manifest. Während aus der Petersberger Erklärung der hektische Geist des Maschinenzeitalters herüberweht und aus dem Digitalen Manifest der nüchterne Geist wissenschaftlicher Analyse spricht, ist es hier der kreative Geist der Künstler. In einer gewissen Weise fast schon trotzig oder verspielt wirken die Sätze. Dieser Ton spricht den Einzelnen emotional stark an, zeigt aber auch eine große Hilflosigkeit angesichts der alles durchdringenden Umwälzungen.

Das Manifest will von der Technik Menschlichkeit erzwingen, indem sie technische Geräte versucht zu vermenschlichen. Ein Abschnitt beschäftigt sich mit der Frage: Welche Rechte sollten Roboter und Künstliche Intelligenz haben?

Dieselben Rechte, die jede fühlende Spezies haben sollte. Sobald wir eine echte allgemeine KI haben, werden wir eine Debatte darüber wollen, ob und wie weit diese als Person einzustufen ist. Vielleicht wollen wir ihr dann auch Rechte gewähren.

Derzeit wollen wir nicht, dass Maschinen ähnliche Rechte wie Menschen haben.

Da geht in der Vielfalt des Wollens der entscheidende Wille unter. Besonders deutlich wird dies im Abschnitt über „Superintelligenz“.

Wir wollen wissen, wer eine Superintelligenz besitzt und wie Entscheidungen bezüglich ihrer Entwicklung und Prioritäten getroffen werden.

Offenbar gehen die Autoren ganz selbstverständlich davon aus, dass sich eine Superintelligenz herausbilden werde. Die kollektive Intelligenz als grundlegende Alternative scheint ihnen überhaupt nicht in den Blick zu kommen. Das Manifest scheint sich mit der Hoffnung zu begnügen, dass die „Superintelligenz“ – das klingt wie „Big Brother“ – gnädig sein möge.

Vielleicht steckt hinter diesem Widerspruch nur eine Begriffsverwirrung. Vielleicht meinen die Autoren ja mit der „Superinteligenz“ genau so etwas wie eine sich selbst organisierende Gesellschaft, wie sie Mark Ballandies kürzlich bei diesem TEDex-Auftritt beschrieben hat.

 

Kein Staat kann die stetig wachsende Komplexität überblicken und steuern. Wir haben jedoch gerade mit den neuen Möglichkeiten der Digitalisierung die Chance zu lernen, auf die Weisheit der Vielen zurückzugreifen, um gute Lösungen zu finden.

Anschlüsse an diese Sichtweise auf die Gesellschaft finden sich mehrfach im Ausstellungsmanifest. Im Abschnitt „Was wollen wir lernen?“ stehen z.B. folgende Sätze:

Was es heißt, im digitalen Zeitalter Mensch zu bleiben, und wie wir das nicht verlernen.

Auf andere Weise zu leben und zusammenzuleben.

Wie wir unser Wissen teilen.

Das Ausstellungsmanifest – ein kollektives Kunstwerk.

Written by Östermann

17. Dezember 2017 at 11:00

#Freiheit verborgen – Bea Stachs Remix von Urteilen des Bundesverfassungsgerichts

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Der Bauzaun am Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ist seit einiger Zeit Ausstellungsort für Werke, die sich mit dem höchsten deutschen Gericht befassen. Bea Stach hat sechs Urteile aus sechs Jahrzehnten dekonstruiert. Sie hat alle Wörter und Satzzeichen dieser Urteile alphabetisch sortiert. Der Zufall wollte es, dass die „Freiheit“ unter einem Baum ganz an den unteren Rand des Bauzauns gerutscht ist. Regen und Spritzwasser haben sie mit der Zeit bis zur Unkenntlichkeit verdeckt. Ein Passant ist auf Spurensuche gegangen.

Written by Östermann

28. Februar 2014 at 18:55

Veröffentlicht in Gesellschaft

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