Östermanns Blog

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Manifeste (14): Contract for the Web

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Internet-Zugang für alle und ein offenes Netz – das sind zwei von neun Grundsätzen des Contract for the Web. Damit ist ein weiteres Dokument in der Welt, das sich in die lange Liste der „Manifeste“ einreiht, die einen Impuls für die Transformation der Gesellschaft setzen wollen. Der „Contract“ stammt von prominenter Seite. Initiator und Autor ist Tim Berners-Lee, der seit seiner Erfindung des World Wide Web vor 30 Jahren als einer der Urväter des Internets, wie wir es heute kennen und täglich nutzen, gilt. Den 2018 angekündigten Vertrag hat er nach einem Jahr der Aushandlung im November 2019 veröffentlicht.

Berners-Lee hat ganze Arbeit geleistet, so scheint es auf den ersten Blick. Er hat nicht einfach ein Manifest oder eine Charta veröffentlicht, sondern mit Regierungen, Technologiekonzernen und zivilgesellschaftlichen Organisationen einen „Gesellschaftsvertrag“ geschlossen. 160 Organisationen haben daran mitgearbeitet. Alle sollen dazu beitragen, ein freies und offenes Web zu verwirklichen. Auch die Bundesregierung hat sich früh dazu bekannt, den „Vertrag für das Web“ zu unterstützen. Sie hat sich verpflichtet, die Grundsätze einzuhalten.

Der Vertrag versammelt neun Grundsätze, drei für Regierungen, drei für Unternehmen und drei für Bürger und zivilgesellschaftliche Gruppen.

Regierungen haben sich mit ihrer Unterzeichnung verpflichtet,

  • allen einen Zugang zum Internet zu ermöglichen,
  • den Internetzugang jederzeit für alle zu gewährleisten,
  • für einen wirksamen Schutz der Privatsphäre und der persönlichen Daten zu sorgen.

Das erste Prinzip soll eine schnellere und flächendeckende Versorgung mit der technischen Infrastruktur fördern. Die beiden anderen Prinzipien zielen besonders darauf ab, die rechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen und durchzusetzen, zum einen für einen Netzzugang, der die Menschenrechte wahrt und den freien Wettbewerb sichert, zum anderen für eine Beschränkung des Zugriffs auf persönliche Daten nach dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit.

Unternehmen verpflichten sich im wesentlichen den gleichen Regeln. Auch sie sollen ihren Teil aktiv dazu beisteuern, das Internet allen zugänglich zu machen und die Privatsphäre zu respektieren. Sie sollen Technologien entwickeln, die das Netz als öffentliches Gut stärken, das humanen Zwecken dient. Bei Entwicklung und Betrieb sollen sich alle gesellschaftlichen Gruppen einbringen können. Sie sollen sich dem Open Web verpflichten und in digitale Gemeingüter („digital Commons“) investieren, so Prinzip 6.3. Wörtlich heisst es dort:

Upholding and further developing open Web standards.

Promoting interoperability, open-source technologies, open access, open knowledge, and open data practices and values.

Ensuring that the terms of service, interfaces and channels of redress are accessible and available in local languages and properly localized, use formats that allow, encourage, and empower a diverse set of users to actively participate in and contribute to the commons, including open and free culture, science, and knowledge.

Interessant ist, wie der Vertrag bürgerschaftliches Engagement für ein offenes Web mobilisieren will. Wer als Bürger unterzeichnet, verpflichtet sich, für das offene Web zu kämpfen, sich kreativ und aktiv in das Netz einzubringen, so dass es für alle weltweit und auf Dauer eine öffentliche Ressource bleibt. Sie verpflichten sich, für die Nutzung offener Standards einzutreten und Praxiserfahrungen mit anderen zu teilen. Der Vertrag ruft zur aktiven Bürgerschaft im Netz auf.

Die Veröffentlichung soll nur ein erster Schritt sein auf dem Weg zu einer sicheren Online-Welt für alle, die zu gemeinsamem Lernen und zur Zusammenarbeit einlädt. Im nächsten Schritt sollen nun Experten an Lösungen der erkannten Probleme arbeiten.

Hier ist der Contract for the Web im Wortlaut.

II

Bei aller Ambition der Prinzipien bleibt der Vertrag seltsam unverbindlich. Mögliche weitere Schritte werden nur angedeutet. Wie die Prinzipien des Vertrags den weiteren Prozess tragen oder tragen könnten, bleibt unbeantwortet.

Die Begeisterung, die Tim Berners-Lee 2009 in diesem TED-Vortrag noch ausgestrahlt hat, ist heute kaum mehr zu spüren.

Berners-Lee hatte damals eine Vision, die sich aus dem riesigen Potenzial und der Vielfalt der Daten schöpfte.

Es ist absolut wichtig, dass es das Web erlaubt, alle Arten von Daten einzustellen. … Wir könnten über Regierungsdaten sprechen. Unternehmensdaten sind wirklich wichtig. Es gibt wissenschaftliche Daten und persönliche Daten. Es gibt Wetterdaten, Daten über Ereignisse, über Vorträge, über Nachrichten und all diese Dinge. Ich werde nur ein paar davon erwähnen, so dass Sie eine Vorstellung von der Vielfalt und dem vorhandenen Potenzial erhalten.

Die Begeisterung für das Daten-Web und Open Data war nach fünf Jahren verflogen. 2014 setzte sich Tim Berners-Lee in einem weiteren TED-Vortrag nicht mehr mit den Chancen, sondern mit den Bedrohungen auseinander, denen sich das offene Netzes ausgesetzt sieht, mit Social Media als Silos, mit der Überwachung im Netz, mit der Zensur und mit dem Aufspalten des Internet in nationale Intranets auseinander. Damals kündigte er eine Magna Charta für das Web an. Vermutlich ist der Contract nun nach Jahren das Ergebnis.

Der Contract bleibt an der Oberfläche. Er hinterfragt die wirkende Logik des Netzes nicht, sondern begnügt sich mit Korrekturen der ursprünglichen Idee des WWW. Aktuelle Krisenerscheinungen, allen voran die Klimakrise, spielen überhaupt keine Rolle. Die Bedrohung der demokratischen Grundordnung durch Überwachung, unautorisierter Auswertung unserer persönlichen Daten und Manipulation unseres Verhaltens scheint nur indirekt auf. Es dürfte den beteiligten Unternehmen leicht gefallen sein, sich zu den Grundsätzen zu bekennen. Facebook und Co. müssten – wenn sie den „Vertrag“ ernst nähmen – ihr Geschäftsmodell aufgeben. Sie konnten die Aktion als willkommene Image-Förderung mitzunehmen.

Die NZZ fragt sich in einem Kommentar, ob Berners-Lee das Handtuch geworfen hat. Jedenfalls haben seine Prominenz und die Qualität des „Vertrags“ nicht ausgereicht, um ihm eine anhaltende Aufmerksamkeit zu bescheren und nachvollziehbare Aktionen auszulösen. Es ist auffällig ruhig um sein ehrgeiziges Projekt Solid geworden, mit dem er vor Jahren einen Gegenentwurf zu den Datensilos entwickeln wollte.

III

Wie der Verhaltenssteuerung entgegenwirken? Wie das Potenzial eines offenen Netzes entfalten? Technikregulierung? Oder hoffen auf den aufgeklärten Bürger, der auf offene Plattformen setzt, oder, wie Maximilian Becker in einem Blog-Beitrag auf iSights vorschlägt, an Verbraucher appellieren, die technische Herrschaft über das eigene Leben und die Übersetzung analoger Freiheiten in die digitale Welt zu verlangen. Fragt sich, von wem, wenn sowohl die großen Internet-Konzerne und Betreiber von digitalen Plattformen, als auch die Gesetzgeber den Begehrlichkeiten der Verhaltenssteuerung von Nutzern und Bürgern erliegen.

Kürzlich hat Brittany Kaiser, die Whistleblowerin der Manipulationspraktiken von Cambridge Analytica, für die Initiative #OwnYourData geworben. Datenrechte müssten rechtlich durchsetzbar sein, ähnlich wie es für Eigentumsrechte üblich sei. Aber wie kann man die Akteure im Internet zu ethischem Verhalten verpflichten? Sie setzt ihre ganze Hoffnung auf Blockchain-Technologie, um den Bürgern die Hoheit über ihre Daten zurückzugeben. Die Erlaubnis, persönliche Daten zu verwenden, müsse ähnlich funktionieren, wie eine Wohnung über AirBnB zu vermieten. Der Mieter müsse sich ausweisen, sagen, wie lang der die Wohnung mieten wolle und entsprechend dafür bezahlen.

Einen wesentlichen Schritt weiter geht Dirk Helbing mit seinem Projekt FuturICT. Ihm geht es darum, die Demokratie in der digitalisierten Welt grundlegend neu zu denken. Die Vision einer digitalen Demokratie, wie er sie mit anderen vor einigen Jahren im Digitalen Manifest und im Papier Build Digital Democracy beschrieben hat, wird nun konkreter. Seit kurzem liegt das Konzept FuturICT 2.0 vor. Es beschreibt, wie eine nachhaltige digitale Gesellschaft mit einem sozioökologischen Finanzsystem verbunden werden kann. In einem Interview mit Sibylle Berg hat er kürzlich sein Bild eines demokratischen Kapitalismus kürzlich.

Wirkungsvolle Massnahmen gegen das drohende Systemversagen wären: 1. Ein Grundeinkommen zur Existenzsicherung. 2. Crowdfunding für alle, Wettbewerb und Breiteninnovation. 3. Ein multidimensionales Koordinationssystem zur Lösung des Nachhaltigkeitsproblems. 4. Digitale Demokratie zur Förderung kollektiver Intelligenz. 5. Städtewettbewerbe zur Lösung der Weltprobleme.

Auch dieses Konzept setzt auf neue technologische Möglichkeiten, bindet diese aber ein in ein soziales, ökonomisches und politisches Konzept. Es verknüpft Blockchain und Internet der Dinge (IoT) mit Erkenntnissen der Komplexitätsforschung.

Diese beiden Beispiele stehen für eine Bewegung, die Hoffnung gibt, dass es doch noch gelingt, ein offenes Netz zu realisieren, das geeignet ist, die kollektive Intelligenz zur Lösung der Krisen unserer Zeit zu entfalten. Die Bewegung für das offene Netz hat mit vielfältigen Herausforderungen zu kämpfen. Open-Data-Projekte zum Beispiel kommen oft über den Status von Prototypen nicht hinaus, weil die Ressourcen für die Skalierung, Professionalisierung und die Aufrechterhaltung des Dauerbetriebs fehlen. Das Geld ist da, nur woanders, meint Ernesto Ruge von Binary Butterfly.

Dennoch sollte man die Chance auf eine positive Entwicklung nicht unterschätzen. Die aktuelle Corona-Pandemie bietet eine gute Gelegenheit, die sozialen Muster genauer zu beobachten, die unser Zusammenleben prägen. Otto Scharmer meinte kürzlich, Spuren zu erkennen, die auf ein Anwachsen datengetriebener Aufmerksamkeit für das Gemeinwohl hindeuten.

Mehr dazu siehe
Manifeste (1): Das digitale Manifest
Manifeste (2): Die Digitalcharta
Manifeste (3): Petersberger Erklärung
Manifeste (5): The Onlife Manifesto

Einflussreiche Nischen – Felix Stalder über die traditionellen Medien in der Kultur der Digitalität

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Bei einer Tagung des Forums für Universität und Gesellschaft an der Universität Bern hat Felix Stalder, Professor für Digitale Kultur und Netzwerktheorie an der Züricher Hochschule der Künste, im November über die Veränderung der Kultur in der digitalen Welt, über deren Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung und über die gesellschaftlichen Folgewirkungen gesprochen.

Der Vortrag fasst zugleich Kernaussagen seines Buches „Kultur der Digitalität“ zusammen. Seine Betrachtung des Kulturwandels, wie wir ihn gerade erleben und betreiben, möchte ich hier in den wesentlichen Punkten und mit Blick auf die Medien nachzeichnen.

Traditionelle Massenmedien können mit dieser Vielfalt strukturell ganz schlecht umgehen.

Die Gründe leitet Stalder in seinem Vortrag in mehreren Schritten her. Er versteht Kultur als die Prozesse zur Verhandlung von sozialer Bedeutung. Wie wollen wir leben?

Kultur ist … handlungsleitend. Es geht nicht nur darum, den Sinn des Bestehenden zu erfahren, sondern immer auch darum, die Richtung des Zukünftigen zu bestimmen.

Viele Entwicklungen, die wir heute voreilig der Digitalisierung zuschreiben, sind schon lange angelegt. Die Digitalisierung wirkt weniger als Auslöser, sondern vielmehr als Verstärker sozialer Strömungen. Es gelingt den gesellschaftlichen Gruppen immer weniger, Interessen für verbindlich und legitim zu erklären. Der Bezugsrahmen, der zur Konsensfindung  herangezogen werden muss, ist immer komplexer und widersprüchlicher geworden. Weil die Herausforderungen so groß geworden sind, sind einfache Antworten so attraktiv. Die Veränderungen waren lange Zeit quantitativer Natur. Die neuen Handlungsmöglichkeiten und Praktiken, die uns das Netz beschert, haben mittlerweile zu einer qualitativen Veränderung geführt.

Stalder macht dies am Beispiel Design anschaulich. Im 19. Jahrhundert kam mit der Industrialisierung die Trennung von Entwurf und Fertigung. Am Anfang des 20. Jahrhunderts verband sich, etwa mit dem Bauhaus, die industrielle Massenfertigung mit einem gewissen demokratischen Anspruch. Der Kontext oder der Nutzer spielten jedoch noch keine Rolle. Mit der 68er Bewegung verbanden sich Design und Gesellschaftskritik, etwa im radical design. Das war, so Stalder, der erste große Bruch. Die Phase des Übergangs von der Industrie- zur Informationsgesellschaft war eingeläutet. Der Design-Prozess öffnete sich für Laien und für andere Disziplinen. Das Produkt entsteht in der Zusammenarbeit und interdisziplinär. Prozessorientierte Methoden und Feedback, die Abkehr vom Linearen, halten Einzug. In den 70er Jahren kommt das ökologische Design auf. Jede Planung zukünftigen Verhaltens wird als ein Akt des Designs verstanden.

In den 80er Jahren wird der Fokus auf die Lebenswelt eingeschränkt auf den Fokus des  Erlebnisses. In den 90er Jahren rückt die kulturelle Wolke um das Produkt, das Branding, in den Mittelpunkt. Es geht nicht mehr darum, ein praktisches Problem zu lösen, sondern eine neue Identität zu schaffen. Nach der Jahrtausendwende dehnt sich das Design auf Städte und Länder aus. Bilbao etwa verschafft sich mit dem Guggenheim Museum eine neue Stadtidentität. In den letzten Jahren hat sich das Design auf biologische Prozesse auszudehnen begonnen. Man denke etwa an Designer-Babies oder social freezing. Jetzt ergreift das Design die großen geologischen Verhältnisse, wie etwa das Wetter. Es ließe sich ergänzen, dass auch die Bundestagswahl drastisch gezeigt hat, wie sehr  politische Ereignisse, Parteien und ihre Programme mittlerweile vom Design geprägt werden.

Die historische Betrachtung lässt die ständige Ausdehnung von Werteentscheidungen erkennen. Immer mehr Menschen in immer vielfältigeren Kontexten sind daran beteiligt.

Wir müssen handeln, es besteht aber überhaupt kein Konsens dazu.

Die bestehenden Institutionen sind in die Krise geraten, seit mit dem Internet eine Infrastruktur zur Verfügung steht, die geeignet ist, mit großen Informationsmengen umzugehen. Dies lässt sich beispielhaft an den traditionellen Massenmedien aufgezeigen. Sie sind ratlos angesichts der Explosion von Themenfeldern und Standpunkten, wie sie seit der Jahrtausendwende im Netz zu beobachten ist. Es stellen sich nicht nur theoretische, sondern auch ganz alltagspraktische Fragen: Wie soll ich mich ernähren? Soll ich gentechnisch veränderte Lebensmittel essen oder nicht? Wie wir alle, so sind auch die Massenmedien mit der Informationsflut vollkommen überfordert.

Stalder macht drei Muster aus, wie in dieser Informationsflut Orientierung entsteht. Das erste Muster nennt er Referenzialität.

Es ist nicht mehr damit getan, die Informationen in Themenschwerpunkte – Innenpolitik, Außenpolitik, Wirtschaft, Kultur, Sport – zu sortieren. Wir haben eine unglaubliche Unübersichtlichkeit bei gleichzeitig gleichgültigem Durcheinander der Informationen. Die erste und aktive Leistung, die jeder Einzelne erbringen muss, ist, seine Aufmerksamkeit zu bündeln. Was von all diesen Dingen will ich sehen? Was ist mir wichtig? Irgendwie müssen wir auswählen aus diesem Zuviel von allem. Die Infrastrukturen .. mit den sozialen Medien sind im Wesentlichen dafür da.

Mit den Likes, Empfehlungen und Kommentaren wählen wir aus, was uns wichtig ist, und erzeugen damit gleichzeitig einen Bedeutungshorizont, einen persönlichen Weg durch die Unübersichtlichkeit.

Aus diesem Auswahlprozess entsteht das zweite Muster, die Gemeinschaftlichkeit. Ich erzeuge nicht nur meine Welt, die Welt, wie ich sie wahrnehme. Mit der Auswahl erzeuge ich umgekehrt auch mich in der Welt. Ich werde zu der Person, die diese Dinge interessant findet. Das ist die Einladung für die Unternehmen, die Daten sammeln, aber auch für das soziale Gegenüber. Die eigentliche Einheit, die den Bedeutungshorizont stabilisiert, ist die Gemeinschaft, in der die Bedeutung, die jeder Einzelne produziert, bewertet wird. Das Ergebnis ist ein, so Stalder, geteilter kultureller Horizont, in dem jeder verbunden mit anderen in der Welt steht. Diese Kultur sagt mir nicht nur, was ich machen soll, sondern zeigt mir auch Ressourcen, Wege und Handlungsanleitungen auf, wie ich mich in der Welt, die ich mit anderen erschaffe, verhalten soll.

Aber auch in diesen Gemeinschaften ist die Informationsflut nicht zu bewältigen. Wir brauchen Maschinen, die uns die Welt auf ein menschliches Maß vorsortieren. Stalder nennt dieses Grundmuster Algorithmizität.

Ohne Google wäre das WWW unbenutzbar. Von 10 Milliarden Websites gibt es uns 10. Erst dann können wir sagen, Nummer drei ist besser als Nummer vier.

Erst diese Selektion verschafft uns die Möglichkeit, als Individuen selbst ein Verhältnis zur Welt aufzubauen.

Maschinen generieren die Welt, bevor wir sie wahrnehmen. Im Unterschied zu den klassischen Massenmedien, die nach ihrem Selbstverständnis die Welt darstellen, wie sie ist, generieren die maschinellen Prozesse eine Welt, die ohne diese Prozesse so nicht existieren würde. In dieser generierten Welt bewegen wir uns zu unserer individuellen und gemeinschaftlichen Auswahl und Sinngenerierung.

Daraus entstehen neue Formen der Macht. Stalder betont, dass die Algorithmen, die Modelle und die Kategorien hinter diesem selbst erzeugten Bedeutungshorizont  Setzungen sind.

Sie haben Agenden und verfolgen Ideen, wollen Dinge ermöglichen und andere verhindern. Nichts davon ist … neutral, nichts davon einfach gegeben.

Die Konsequenzen, die mit dieser Entwicklung einher gehen, sind drastisch.

Wir haben eine Krise der Repräsentation, der Institutionen, die die Welt repräsentieren, die Welt ordnen. … Diese Institutionen verschwinden nicht einfach über Nacht. Aber es heisst, dass sie die Referenzrahmen, die Vorstellung, wie die Welt ist, was die Welt ausmacht, nicht mehr für alle verbindlich machen können. Sie werden eine Nische unter vielen anderen Nischen.

Es entstehen neue Institutionen, die diese Muster in institutionelle Realitäten  verwandeln. Es schälen sich dabei viele Varianten heraus. Stalder ordnet diese neuen Organisationsmodelle zwei grundlegenden Richtungen zu. Für die eine Richtung steht das Modell nach dem Beispiel Facebook. Es verkörpert und verstärkt die Tendenzen in Richtung einer Postdemokratie.

Wir haben eine Ausweitung von Beteiligungsmöglichkeiten. Alles ist partizipativ. Jeder kann mitreden. Gleichzeitig haben wir eine enorme Zentralisierung und Entkoppelung von Macht und Entscheidungsfähigkeit. Keinem User von Facebook würde es in den Sinn kommen, sich gewerkschaftlich zu organisieren, une eine andere Form der Nutzung privater Daten zu verlangen.

Für die andere Richtung, für Tendenzen in Richtung Commons, steht beispielhaft Wikipedia. Es steht, so Stalder,

für die Neuerfindung der demokratischen Mechanismen unter den Bedingungen der Digitalität, neue Mechanismen der Diskussion und der daran direkt angekoppelten Entscheidungen.

Das Modell der klassischen Medien ist in diesem Wettstreit um die Organisationsmodelle  der digitalen Gesellschaft außen vor.

Das Modell NZZ ist bereits heute eine Nische, wenn auch eine einflussreiche.

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In seinem Buch „Kultur der Digitalität“ (S. 17) charakterisiert Stalder Medien als Technologien der Relationalität, die es erleichtern, bestimmte Arten von Verbindungen zwischen Menschen und zu Objekten zu schaffen. Und in einer Fußnote zu dieser Feststellung schreibt Stalder weiter:

Entsprechend sind die neuen sozialen Medien auch Massenmedien, und zwar in dem Sinn, dass sie massenhaft verbreitete Muster sozialer Relationen prägen, die ähnlich gesellschaftsformend wirken, wie es die traditionellen Massenmedien vor ihnen getan haben.

Vor diesem Hintergrund wirkt der Streit zwischen den klassischen Medien, wie er derzeit in Deutschland und in der Schweiz heftig entbrannt ist, wie ein Anachronismus. Denn es geht vielmehr darum, welches der beiden Organisationsmodelle – Postdemokratie oder Commons – wir alle durch unser tägliches Handeln fördern.

Wer den Weg in Richtung einer Erneuerung der demokratischen Strukturen unter diesen Bedingungen einschlagen will, kann sich an der Schlussfolgerung orientieren, die Stalder in seinem Buch (S. 273f) zieht. Die neuen Commons bauen nicht nur eigene Strukturen parallel zu traditionellen Institutionen auf. Sie richten auch neue Forderungen an etablierte Institutionen.

Diese sollen ihre internen Abläufe und die Interaktion mit den Bürgern verändern, und zwar so, dass sie die Entstehung und das Wachstum von Commons unterstützen.

Mehr dazu:

Sensoren (8): Machtverschiebung und Regierung als Netzwerk

Sensoren (2): Frisst künstliche Intelligenz die Demokratie?

Sensoren (4): Geert Lovink über Social-Media-Wut, Technik-Reue und das Versagen der Medien

Written by Östermann

4. Februar 2018 at 11:00

Vorbild BBC – the Virtual Revolution

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Written by Östermann

27. Juni 2010 at 12:40

Veröffentlicht in Medien

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