Östermanns Blog

Medienwandel, Unternehmensführung im Wandel, Strategie, Digitale Transformation, Komplexität, nächste Gesellschaft

Archive for the ‘Technologie’ Category

Manifeste (8): Ethische Leitlinien für die Digitalisierung

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An der Hochschule der Medien in Stuttgart haben Studierende 2017 in einem Masterprojekt 10 ethische Leitlinien für die Digitalisierung von Unternehmen erarbeitet. Die Leitlinien appellieren an die soziale und ökologische Verantwortung der Unternehmen und sind als Teil einer nachhaltigen Unternehmenskultur gedacht. Die Leitsätze sind in ihrer Grundhaltung von dem Anspruch getragen, dass technischer Fortschritt stets den Menschen dienen möge.

Die Leitsätze lesen sich im ersten Anschein schlüssig und nachvollziehbar. Beim zweiten Lesen lassen sie jedoch ahnen, wie hoch der Preis für ethisch verantwortbare Unternehmenskultur unter digitalisierten Verhältnissen ist. Bei den Arbeitsbedingungen unter dem Stichwort „Arbeit 4.0“ erscheint die Nähe zur Praxis am größten. Hier gibt es viele Beispiele, wie Unternehmen versuchen, den Wandel der Arbeitswelt aktiv zu gestalten.

Wie es jedoch um die datenökologische Verantwortung steht, erfahren wir häufig selbst im Alltag. Die großen Internetkonzerne führen uns täglich vor Augen, dass eine „Informationssymmetrie zwischen Kunden und Unternehmen“ in aller Regel noch in weiter Ferne ist. Ein Bewusstsein für diesen wichtigen Grundsatz entsteht erst allmählich.

Besonders kritisch wird es nach meinem Eindruck bei der Künstlichen Intelligenz (KI). Die Leitsätze handeln diese ungewissen Herausforderungen in einem einzigen Abschnitt ab: KI soll werteorientiert gestaltet werden, heisst es in Leitsatz 9 ganz lapidar.

Intelligente Systeme sollen so gestaltet werden, dass die Grundrechte der Menschen gewahrt und ihnen ein gutes und gelingendes Leben ermöglicht werden kann. Bei der Entwicklung und dem Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) sind ethische Grundsätze zu berücksichtigen (wertebasiertes Design). Damit nicht durch automatisierte Entscheidungen paternalistische Effekte eintreten, die die Handlungsfreiheit des Menschen einschränken, bedarf es einer ständigen Systemkontrolle und Eingriffsmöglichkeiten ins System.

Damit ist der Anspruch formuliert, stets die Kontrolle über die Entscheidungsgrundlagen künstlicher Intelligenz zu wahren. Das fordert beispielsweise auch der Interessenverband der deutschen Digitalwirtschaft Bitkom in einem Positionspapier zur KI. Das Papier betrachtet es als die größte Herausforderung, dass sich mit Big Data und KI die gesellschaftlichen Entscheidungsprozesse und -routinen neu justieren werden.

So plädiert das Papier für eine Integration von KI und menschlicher Urteilskraft (s. S. 86).

Worum es dabei gehen muss, ist: Die relativen Vorzüge des maschinellen Lernens mit den relativen Vorzügen menschlicher Urteilskraft in einen guten Entscheidungsprozess zu bringen, welcher der jeweiligen Situation angemessen ist. Dabei kann die Last der Qualitätssicherung nicht einseitig den Entwicklern der Modelle angelastet werden. Als Faustregel kann dabei bis auf weiteres gelten: Je komplexer die Modelle und je tiefgreifender die Entscheidungen sind, desto stärker sollten qualitative Evaluationen mit menschlicher Urteilskraft in den Entscheidungsprozess eingebaut werden.

Diese Integration von menschlicher und maschineller Intelligenz im Entscheidungsprozess sucht das Bitkom-Papier vor allem durch fundamentale Änderungen der Organisationsstrukturen und Kompetenzen der Mitarbeitenden zu erreichen (S. 54).

Die mit der Nutzung von Big Data und KI einhergehende digitale Transformation ist auch eine organisationale Veränderung. Der Sinn der Entscheidungsautomation ist nicht darin zu sehen, dass Entscheidungsträger lediglich zu einer Kontrollinstanz mutieren, sondern sich neue Aufgabenfelder und veränderte Strukturen im Sinne einer neuen Arbeitsteilung ergeben. Letztlich handelt es sich um einen rationalen Entscheidungsverzicht der Führungskräfte bei Aufgaben, die auch im rechtlichen Sinne und definierten Aufgabenspektrum automatisierbar sind. Das mag nun aber für den Entscheidungsträger an sich zunächst zu einem empfundenen Kontrollverlust führen. Daher sind einer Automatisierung enge Grenzen zu setzen und den menschlichen Aufgabenträgern neben den kreativen und nicht automatisierbaren Tätigkeiten weitere steuernde Verantwortungen zu geben, die ein nicht völliges Entbinden von der Entscheidungsaufgabe an sich nach sich ziehen.

Auch wenn das Papier um eine ausgewogene Abwägung der Chancen und Risiken bemüht ist, so ist doch zu befürchten, dass der werteorientierte Umgang mit der KI an der herrschenden Logik digitalen Wirtschaftens scheitert. Digitalisierung hatte von Beginn an einen dominierenden Zweck: Effizienz zu steigern. In Zeiten von Big Data und KI eröffnen sich hierfür ganz neue Dimensionen. Das Bitkom-Papier verkennt, dass die Daten der Konsumenten selbst, jedermanns Daten, die Grundlage für die Geschäftsmodelle der im und durch das Netz erfolgreichen Unternehmen sind. Wenn ethische Grundsätze Wirklichkeit werden sollen, ist deshalb nichts weniger als ein Paradigmenwechsel in der Art, wie wir wirtschaften, erforderlich. Der Automatisierung enge Grenzen zu setzen bedeutet nichts weniger als den Verzicht auf Effizienzgewinne und Profit.

Es ist deshalb zu befürchten, dass ethische Leitsätze, wie sie die HdM-Studierenden formuliert haben, in vielen Fällen der betriebswirtschaftlichen Effizienz,  dem hohen Wettbewerbsdruck und der Überzeugung geopfert werden, dass organisationsstrukturelle Maßnahmen schon ausreichen werden, um die Gefahren von Big Data und KI zu beherrschen.

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Mehr dazu s. Manifeste (3): Petersberger Erklärung

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Der Klimawandel und das Internet der Dinge – Dirk Baecker

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Kürzlich habe ich mich hier mit dem wichtigen Buch „Das terrestrische Manifest“ von Bruno Latour beschäftigt. Es lädt ein, weiterzudenken. Dirk Baecker hat dies in einem Blog-Beitrag auf bemerkenswerte Weise getan. Während Latour die digitale Technologie in seinem Buch nur am Rande streift, schließt Baecker mit der Frage an, was der Klimawandel und seine Leugnung mit der digitalen Technologie, genauer mit dem Internet der Dinge und mit Big Data, zu tun hat.

Dank des Internets der Dinge, der unter wissenschaftlicher Anleitung korrekt aufgestellten Sensoren und der politisch unterstützten Aufstellung von Monitoren an allen Ecken und Enden von Stadt und Land können wir uns dabei zuschauen, wie wir unsere Lebensgrundlage zerstören! Was für ein Spektakel! Wir könnten in Zeitlupe und im Zeitraffer Effekte beliebiger Art vergrößern und verkleinern, vorspulen, zurückspulen und im Rücklauf betrachten.

[…] Wenn wir Glück haben und die richtigen Entscheidungen treffen, ermöglicht uns die „digitale Revolution“ Rückkopplungseffekte, die nicht zu Unfällen, sondern zu Einsichten führen. Indem wir lückenlos dokumentieren, wie wir uns das Leben auf dem Globus unmöglich machen, wird auch die Lüge unmöglich. […] Was wir sehen, wird uns nicht gefallen. Aber wir hätten eine Aufgabe, gegen die die Faszination der 1960er Jahre, einen Menschen zum Mond zu bringen, verblasst.

Faszinierende Überlegungen. Das Internet der Dinge und Big Data würden ihre überwältigende Dimension zwar nicht verlieren, aber ihren bedrohlichen Schatten, wenn die Technologie nicht mehr in den Dienst der Klimalüge gestellt werden könnte.

Wir müssen es versuchen.

Siehe dazu auch das Interview mit Dirk Helbing über das Internet der Dinge

 

Written by Östermann

27. Juli 2018 at 18:00

Manifeste (7): Das terrestrische Manifest von Bruno Latour

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In der Reihe der Manifeste, die ich hier bisher vorgestellt habe, bildet dieses Beispiel eine Ausnahme. Es befasst sich nur am Rande mit der Digitalisierung und verzichtet auf zusammenfassende Thesen. Vielmehr spannt es den großen Bogen. Es versucht nicht weniger, als die Strömungen und Verwerfungen des historisch beispiellosen gesellschaftlichen Umbruchs zu erklären. Ein wichtiges Buch!

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I

In einem Interview mit der FAS erläutert der französische Vordenker Bruno Latour seine Sicht auf das Scheitern der Moderne, auf den gegenwärtigen Epochenwandel und auf die Aussichten auf ein neues Paradigma. Er lüftet den Schleier um die viel diskutierte Orientierungslosigkeit, die die Menschen erfasst hat.

Die Alternativen, die die konservativen Bewegungen heute anbieten, wenn sie von Identität oder von Mauern sprechen, sind ein Mythos. Aber kein größerer Mythos als die Ideologie der Globalisierung, die Vorstellung, dass wir alle Unterschiede auslöschen können und am Ende alle eine große Masse werden. Wenn sich Menschen nach solchen Mythen sehnen, dann liegt das daran, dass es kein anderes Angebot gibt. Die Alternativen sind nicht die Abstraktion des Globalen, die der Neoliberalismus anbietet, einerseits, und ein lokales Leben, wie es sich die AfD vorstellt. Der Trick ist zu sagen: Lasst uns ein Wort wie „Heimat“ wieder verwenden. Europa als Heimat. „Heimat“ muss gerettet werden. Ja, das sind Konzepte der Reaktionären. Aber warum lassen wir zu, dass sie reaktionär sind? Vor allem dürfen wir uns nicht einreden lassen, dass die Begriffe, die von der Neuen Rechten wiederbelebt werden, konkret sind. Nichts ist weniger konkret als „Make America great again“. Das ist der Grund, warum die Menschen die Orientierung verloren haben: Sie leben zwischen zwei kompletten Abstraktionen.

II

Aber wie sich orientieren? In seinem Buch „Das terrestrische Manifest“ macht Latour den Versuch, die widerstreitenden Strömungen historisch einzuordnen und den Epochenwandel zu erklären. Er geht von der Annahme aus, dass alle grundlegenden Probleme unserer Zeit wesentlich mit der Klimafrage verbunden sind.

Ohne den Gedanken, dass wir in ein Neues Klimaregime eingetreten sind, kann man weder die Explosion der Ungleichheiten, das Ausmaß der Deregulierungen, die Kritik an der Globalisierung noch, vor allem, das panische Verlangen nach einer Rückkehr zu den früheren Schutzmaßnahmen des Nationalstaats – was, sehr zu Unrecht, als „Aufstieg des Populismus“ bezeichnet wird – verstehen. (S. 10)

Er versucht mit diesem Essay, skizzenhaft eine „Karte der Positionen zu entwerfen, die uns durch diese neue Landschaft aufgezwungen werden“. Der Brexit, der Wahlsieg Trumps und die Ausweitungen der Migrationen sind für ihn drei historische Ereignisse, die auf ein und dieselbe „Metamorphose“ hindeuten. Eine neue Kartierung ist notwendig, weil, so Latour, der erträumte Boden der Globalisierung beginnt, sich zu entziehen.

Die Angst sitzt deshalb so tief, weil jeder von uns zu spüren beginnt, wie der Boden unter den Füßen wegsackt. (S. 13)

Als das entscheidende historische Ereignis wertet er das Pariser Klimaabkommen vom 12. Dezember 2015. Damit sei allen mit Schaudern klar geworden, dass der Planet nicht mitwächst.

Wenn es also den Planeten, die Erde, den Boden, das Territorium, die den Globus der von allen Ländern angestrebten Globalisierung beheimaten sollten, nicht gibt, dann verfügt niemand mehr über ein sicheres „Zuhause“. (S. 14)

Jeder Einzelne stehe damit vor der Frage: das Problem leugnen oder versuchen, sich zu erden? Die einen versuchen, an der Globalisierung festzuhalten, die anderen wollen zurück zu einem Lokalen, das es nicht mehr gibt.

Beide Seiten wollen so schnell wie möglich fliehen und überbieten sich dabei an Irrationalismus: Sprechblase gegen Sprechblase, Gated Community gegen Gated Community.

Aus dem Spannungsverhältnis ist ein Abgrund geworden. Der gemeinsame Horizont ist verschwunden. Etwas hat die Richtung des Zeitpfeils verändert. (S. 41)

Latour spürt ausführlich dem klassischen Zeitpfeil der Moderne nach, der vom Lokalen zum Globalen verlief. Am Geschichtsverlauf konnte sich jeder klar orientieren, egal ob Befürworter oder Gegner. Die einen waren vorne, die anderen hinten. Auch das klassische Rechts-Links-Schema der Politik war auf diesen Verlauf ausgerichtet. Linke und rechte Gruppierungen waren sich in allem uneins, nur nicht in der Stoßrichtung der historischen Entwicklung.

Diese Klarheit der Entwicklung ist den Menschen verloren gegangen. Latour zeigt mit seinen Überlegungen auf, wie der Kompass neu kalibriert werden kann.

Dass die Situation sich trotz allem aufklärt, liegt daran, dass wir nicht zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Verweigerung und Hinnahme der Modernisierung schweben, sondern, um 90 Grad gedreht, zwischen dem alten und einem neuen Vektor, vorwärts getrieben von zwei Zeitpfeilen, die nicht mehr in dieselbe Richtung verlaufen. (S. 50)

Latour nennt diesen neuen Pol, diesen dritten Attraktor, der jenseits des alten Zeitpfeils  verläuft, das TERRESTRISCHE. Er wählt diesen Begriff, weil mit den gewohnten Begriffen, wie „Erde“, „Natur“, „Boden“ oder „Welt“, sofort Assoziationen mit dem von außen betrachteten „blauen Planeten“ geweckt werden. Im Anschluss an Lovelock von „Gaia“ zu sprechen, so Latour, würde zwar passen, erforderte aber eine Unmenge Seiten, um zu beschreiben, wie dieser Name zu verwenden ist.

Das ist die Kernbotschaft dieses aufschlussreichen Essays: Mit dem TERRESTRISCHEN ist ein neuer politischer Akteur auf die Bühne getreten. Heute geht es nicht mehr um kleine klimatische Schwankungen, sondern um eine Erschütterung des gesamten Erdsystems.

Natürlich haben die Menschen schon immer ihre Umwelt verändert, aber dieser Begriff bezeichnete nur ihr Umfeld, das, was sie im präzisen Sinne umgab. Sie selbst bildeten weiterhin die Hauptfiguren, veränderten lediglich am Rande das Dekor ihrer Dramen. … Die Menschen sind nicht mehr die einzigen Akteure, sehen sich zugleich aber mit einer Rolle betraut, die viel zu groß für sie ist. (S. 54f.)

Ausführlich beleuchtet Latour die Auswirkungen dieser „großen Transformation“ auf Politik, Ökologie, Ökonomie und Wissenschaft. Einige Gedankensplitter mögen hier genügen, um die Reichweite seiner Überlegungen anzudeuten.

Mit der Industrialisierung und der sozialen Frage hat sich eine Grundstruktur der Gesellschaft herausgebildet, die sich bis heute an sozialen Klassen orientiert, die durch ihre Stellung im Produktionsprozess bestimmt sind. Heute nehmen wir, so Latour, wahr, dass dieses System viel zu eng definiert war. Das 21. Jahrhundert sei das Zeitalter der neuen geo-sozialen Frage.

Die territorial definierten Klassen bringen andere Klassifizierungen hervor. Jetzt ist eine Karte der Kämpfe der geo-sozialen Plätze zu entwerfen und so endlich auszumachen, worin ihre wirklichen Interessen bestehen, mit wem sie sich verbünden und gegen wen sie kämpfen werden. (S. 75)

Die Ökonomie begann im 17. Jahrhundert, die Natur in sich zu integrieren und nur noch als Produktionsfaktor darzustellen. Die Praktiken aus den Archiven anderer Völker, denen jede Vorstellung von Ressource und Produktion fremd war, taugten lange nur für ethnographische Museen. Erst jetzt werden alle diese Praktiken zu kostbaren Lernmodellen für das Überleben in der Zukunft, so Latour.

Seit dem 17. Jahrhundert dominiert in der Wissenschaft das mechanistische Weltbild, mit der sie den Blick vom Universum aus auf die Erde richtet. Erkennen heisse seither, so Latour, von außen erkennen.

Der Planet hat sich letztlich von TERRESTRISCHEN entfernt, weil alles so verlief, als ob die vom Universum aus betrachtete Natur begonnen hätte, langsam an die Stelle der von der Erde aus erschauten Natur zu treten, sie zu überlagern und zu vertreiben; also jener Natur, die von innen alle Phänomene der Entstehung erfasst, hätte erfassen können, weiterhin hätte erfassen müssen. … Man begann, nicht mehr viel vom Geschehen auf ERDEN zu sehen. (S. 83)

Erforderlich ist also die Abkehr von einer wissenschaftlichen Grundhaltung, die die Teilnahmslosigkeit fördert. Die dünne Membran, in der alles Leben auf der Erde sich konzentriert, ist die Kritische Zone. Darauf sollte sich Wissenschaft beziehen. In den Naturwissenschaften sei sorgsam zu unterscheiden zwischen denen, die sich dem Universum widmen, und jenen, die sich der prozesshaften Natur zuwenden. Alle Wissenschaften seien nötig, um die Situation auf Erden wirksam zu beschreiben. Sie müssten jedoch anders positioniert werden. Was not tue sei, so kaltblütig und nüchtern wie möglich die erhitzte Aktivität einer endlich von Nahem erfassten Erde zu erkennen.

Latour ist bei aller Tiefe seiner Gedanken daran gelegen, den Bogen hin zu einer anderen Praxis zu spannen, ohne schneller sein zu wollen, als die sich vollziehende Geschichte, wie er ausdrücklich klarstellt.

Die Frage ist nicht, wie die Unzulänglichkeiten des Denkens ausgeräumt werden können, sondern wie es möglich wird, vor einer Landschaft, die sich gemeinsam erforschen lässt, ein und dieselbe Kultur miteinander zu teilen und denselben Herausforderungen zu trotzen. Wir stoßen hier auf den gewohnten Fehler der Epistemologie, nämlich, dass etwas intellektuellen Defiziten zugeschrieben wird, was in Wahrheit einem Defizit an gemeinsamer Praxis geschuldet ist. (S. 35)

Latour weiß, dass eine neue Praxis entscheidend davon abhängt, ob es gelingt, den Menschen ein Gefühl des Beschütztseins zu vermitteln, ohne gleich wieder auf Identität und die Verteidigung der Grenzen zu pochen. Im TERRESTRISCHEN ist das möglich durch Verbindung dessen, was sich in der Globalisierung gegenseitig ausschloß:

Sich an einen Boden binden einerseits, welthaft werden andererseits. (S. 107)

Beides hat aber mit den alten Strömungen zum Lokalen oder zum Globalen nichts mehr zu tun.

Es ist sinnlos, die Wesen, welche die im Kampf befindlichen Territorien beleben, aus denen das TERRESTRISCHE besteht, wieder hinter nationale, religiöse, ethnische, identitäre Grenzen drängen zu wollen; genauso sinnlos ist es aber auch, sich aus diesen Territoriumskämpfen herauszuhalten, um sich auf das Niveau des Globalen zu erheben und die Erde „als ein Ganzes“ zu erfassen. Denn das TERRESTRISCHE ist gerade durch die Subversion der zeitlichen wie räumlichen Stufen und Grenzen definiert. Diese Macht wirkt überall gleichzeitig, weist allerdings keine Einheit auf. Sie ist politisch, aber nicht staatlich. Sie ist buchstäblich atmosphärisch. (S. 108)

Latour schlägt vor, von einer auf Produktionssysteme zu einer auf Erzeugungssysteme bezogenen Analyse zu wechseln. Das bedeutet, Abschied zu nehmen von der Vorstellung, dass die Freiheit des Menschen präzise Grenzen erkennen ließe, wenn sie sich entfalten könnte. Demgegenüber sei das Erzeugungssystem nicht daran interessiert, für Menschen Güter aus Ressourcen zu produzieren, sondern Erdgeschöpfe zu erzeugen – alle Erdgeschöpfe und nicht nur Menschen. Es geht also darum, Bindungen zu kultivieren.

Was tun? Zunächst beschreiben! Und er warnt zugleich davor, diesen Schritt zu überspringen. Jede Politik sei unehrlich, ja verlogen und schamlos, die nicht den Vorschlag mache, zuerst die unsichtbar gewordenen Lebensterrains wieder zu beschreiben, und stattdessen Programme lanciere.

Wie könnten wir politisch handeln, wenn wir vorher nicht Lebewesen für Lebewesen, Kopf für Kopf, Zentimeter für Zentimeter inventarisiert und vermessen haben, woraus sich das TERRESTRISCHE für uns zusammensetzt? … Das gilt für einen Wolf wie für eine Bakterie, für ein Unternehmen wie für einen Wald, für eine Gottheit wir für eine Familie. (S. 109f.)

Eine solche Liste zu erstellen, ist gleichwohl schwierig. Erst wenn man sich die erforderlichen Fragen stelle, merke man, wie ignorant man sei. Entsprechende Fragen klingen etwa so: Woran hängen Sie am meisten? Mit wem können Sie leben? Wessen Überleben hängt von Ihnen ab? Gegen wen werden Sie kämpfen müssen?

III

Der Essay ist von großer Tragweite. Auch wenn es das Anliegen von Latour verfehlt, so lädt das Modell der Attraktoren dazu ein, Meinungen und Konzepte daran zu messen, wie weit sie sich noch auf dem alten Zeitpfeil der Modernisierung bewegen oder ob sie zum Umschwenken auf den neuen Zeitpfeil beitragen. Weil es eine intensive Auseinandersetzung mit dem neuen Pol braucht, um den neuen Zeitpfeil überhaupt erst einmal zu verstehen, ist es besonders interessant, Äußerungen zu suchen, die in Richtung des neuen Pols weisen könnten. Deshalb hier einige Beispiele, die ich in diesem Sinne bemerkenswert finde.

Mit welchen Themen wir es zu tun bekommen, wenn es darum geht, gemeinsame Antworten auf diese grundlegenden Fragen der Menschheit zu finden, zeigt die derzeit breite Diskussion über das Entstehen von Ideologien oder über Meinungsbildung in der Gesellschaft.

Im ZKM in Karlsruhe gab es 2015 zu demselben Thema ein Ausstellungsprojekt, das von Bruno Latour mit anderen kuratiert worden war: Reset Modernity. Diese Ausstellung hatte damals diese radikal andere Denkweise mit Fotokunst, Videos und Installationen veranschaulicht. Wer sich vertiefen möchte, dem sei das Fieldbook zur Ausstellung empfohlen.

Die Stimmen mehren sich, die dazu beitragen, die Schockstarre zu überwinden und sich grundsätzlicher mit dem gegenwärtigen Epochenwandel auseinandersetzen. Ein Beispiel hierfür hat dieser Tage Bernd Scherer, der Intendant des Hauses der Kulturen in Berlin, geliefert. Er stellt in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung die Zusammenhänge von Naturausbeutung, Technologie, Kybernetik und Design menschlicher Lebenswelten als  „planetarische Transformation“ des Anthropozän verständlich dar. Er schlägt Kulturprojekte vor, in denen der Mensch seine aktive Rolle zurückgewinnen kann.

Statt einer rein produktorientierten Technologieentwicklung, die selbst menschliches Leben zum Gegenstand von Geschäftsmodellen macht, benötigen wir Probebühnen für die neuen Phänomene, in denen soziale Akteure, Wissenschaftler und Künstler gemeinsam Zukunftsentwürfe erproben. Die Probebühnen sind einerseits Orte der Praxis, in ihnen werden Weltausschnitte hergestellt. Anderseits sind sie im Sinne der künstlerischen Praxis Orte der Imagination. Es geht auf den Probebühnen nicht um das Erzeugen von Fakten und Objekten, sondern den Entwurf von Möglichkeiten, um vor der endgültigen Realisierung in einem gesellschaftlichen Prozess, in dem die Betroffenen der Anthropozänentwicklung selbst auch Akteure werden, Optionen, Denk- und Wahrnehmungsweisen durchspielen zu können.

Einen viel beachteten Beitrag hat Bernd Ulrich unter dem Titel „Wie radikal ist realistisch?“ kürzlich in DIE ZEIT veröffentlicht. Seine Argumentation kommt den Überlegungen von Latour ziemlich nahe. Zum Beispiel üben beide deutliche Kritik an den Medien. Bernd Ulrich beklagt, dass die Medien einem mechanischen Mitte-Reflex folgten, bei Themen wie Ökologie, Ernährung, Natur, Landwirtschaft zu einem „sehenden Verdrängen“ beitrügen, die wesentlichen Fragen nicht stellten und damit geistige Schonräume erzeugten. Selbstkritisch verweist er auf den grundlegenden Lernbedarf der Medien.

Üblicherweise wird der allgegenwärtige politische Gradualismus durch den Journalismus weniger hinterfragt als vielmehr eskortiert. Der Grund dafür liegt darin, dass sich dieses Verfahren jahrzehntelang bewährt hat. Darum kostet es die Medien, auch die ZEIT, auch den Autor dieser Zeilen viel Kraft, sich aus dem Gelernten und Gelungenen zu lösen, selbst dann, wenn es immer öfter misslingt.

Noch deutlicher mit seiner Kritik an den Medien wird Bruno Latour, wenn er beklagt, wie die Medien die mit Milliarden Dollar finanzierte Desinformation über den Klimawandel unterschätzten, weil sie davon ausgingen, dass die Fakten für sich selbst sprächen.

Auch sie sind im Netz der Desinformation gefangen. (S. 35)

Schließlich sei auf eine aktuelle Studie hingewiesen, die der Komplexität des Geschehens gerecht zu werden versucht, indem sie das komplexe Zusammenspiel der widersprüchlichen Ziele berücksichtigt und der Politik so neue Wege aus der Klimakatastrophe aufzuzeigen versucht, wie das 1,5-Grad-Klimaziel des Pariser Abkommens doch noch erreichbar wäre. Das Mercator Research Institute for Global Commons and Climate Change betont, dass sich Lebensstil-Änderungen als besonders effizienter Weg zur Ergänzung der CO2Preisgestaltung erwiesen. Wenn die Menschen etwa Flugreisen und Fleischkonsum reduzieren, könnte dies die höheren kurzfristigen Kosten für frühzeitige Klimaschutzmaßnahmen ausgleichen helfen. Gunnar Luderer, einer der Co-Autoren der Studie, weist auf das Dilemma der Politik hin.

„Während die Möglichkeiten, solche Lebensstiländerungen herbeizuführen, oft sehr umstritten sind und daher nicht im Mittelpunkt der aktuellen politischen Diskussionen stehen, scheinen diese Veränderungen das größte Potenzial zur Reduzierung von Nachhaltigkeitsrisiken und zur Maximierung des Mitnutzens von Minderungsmaßnahmen zu haben“, sagt Luderer. „Gemeinsam können Politik und Menschen mehr erreichen, als sie denken.“

Das Internet der Dinge – Was ist das? – Interview mit Dirk Helbing

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Dirk Helbing, Professor für Computational Social Science in Zürich, habe ich in diesem Blog schon häufiger erwähnt, z.B. hier, hier und hier. Aus meiner Sicht eine wichtige Stimme, weil er im Diskurs über die Digitalisierung und deren Folgen für Orientierung sorgt. In diesem Interview mit Gian Trapp erläutert er die Entwicklung des Internets der Dinge und ordnet es in die humanen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit verständlich ein. 

Das Interview spannt einen Bogen von der Vernetzung von Sensoren als der nächsten Stufe der Entwicklung des Internets, über die DSGVO und die informationelle Selbstbestimmung, über Facebook und die anderen selbsternannten Datensammler, über den chinesischen Weg der Totalüberwachung und die neofeudalen Tendenzen der gegenwärtigen Digitalpolitik, über den Wechsel des Wirtschaftssystems hin zu einer Aufmerksamkeitsökonomie, über Ängste vor all diesen Entwicklungen und die Chancen, mit den unvorstellbar großen Datenmengen eine digitale Demokratie zu verwirklichen.

Anschauen. Eine halbe Stunde, die sich lohnt.

Unternehmensmodelle im Wandel (16): Open Data, Vielfalt und kollektive Intelligenz

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Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung kommt das Wort „Digitalisierung“ über 100 mal vor. Darauf hat der Medienwissenschaftler Wolfgang Hagen hat kürzlich in einem Thesenpapier hingewiesen, um darauf aufmerksam zu machen, wie sehr das Wort zur Parole verkommen ist. Digitalisierung im Wortsinne sei nur ein Teil der Computerisierung, die seit den 1970er Jahren anhalte. Sie sei, so gesehen, als politisches Ziel ungeeignet. Die Politik solle sich aus seiner Sicht beispielsweise um folgende Themen kümmern:

Systeme des ubiquitous computing, der Überallheit von Computersystemen, Big Data und der Aufbau nationaler Datenzentren und Medienportale, die Einschränkung der Wirkung oder gar die Zerschlagung der Datenmonopole der fünf US-amerikanischen Internet-Riesen, Strategien der Programmierung, Systementwicklung und der Entwicklung von Algorithmen, ein Wort, das im Vertrag nur drei mal vorkommt.

Ähnlich unbekümmert wie die Bundesregierung mit dem Schlagwort verfährt, scheinen  auch viele Unternehmen die Digitalisierung vordergründig ganz oben auf die Agenda zu setzen. Wer jedoch näher hinschaut, kann feststellen, dass die digitale Transformation in ihrer Dimension häufig noch gar nicht erkannt ist. Das zeigt eine GfK-Studie, über die der Unternehmensberater Wilms Buhse in einem Blogbeitrag berichtet. Nur 28% der befragten Unternehmen verstehen darunter einen grundlegenden Wandel des Geschäftsmodells oder von Werten. Für die meisten ist Digitalisierung immer noch eine IT-Angelegenheit. Buhse sieht die Defizite in der mangelnden Vernetzung.

Während das Management über eine gute Vernetzung zu den einzelnen Bereichen verfügt, bleibt die Querschnittsvernetzung der Fachabteilungen untereinander mangelhaft. Die Selbst- und Fremdwahrnehmung des Managements unterscheiden sich gravierend und die Ergebnisse zeigten schon damals erschreckend deutlich, wie weit deutsche Unternehmen von einer vernetzten, offenen, partizipativen und agilen Unternehmenskultur entfernt sind.

Das Phänomen hinter der verkannten Tragweite will ich hier anhand der Überlegungen des Züricher Komplexitätsforschers Dirk Helbing betrachten. Er führt in seinem Buch The Automation of Society is next, auf das ich hier schon hingewiesen habe, näher aus, welche Chancen die horizontale Vernetzung von Organisationen von der operativen Basis einer Organisation aus eröffnet.

Was das Netzwerkdenken betreffe, könne man vom Silicon Valley lernen. Denn es bilde riesiges Informations-, Innovations- und Produktionsökosystem, fast eine Art „Superunternehmen“. Wenn ein Unternehmen insolvent sei, fänden die Mitarbeitenden schnell einen neuen Job.

In a sense, it is not unreasonable to think of people as being employed on a long-term basis in Silicon Valley rather than being employed on a short-term basis by its companies. […] The companies themselves are the niches, in which experimentation can take place and among which a lot of diversity can exist. (S. 191)

Aber: Die praktisch unbegrenzten Mengen an venture capital verleiten viele Investoren und Innovatoren dazu, nach globalen Monopolen zu streben. Es entstehen „wallet gardens“, zwischen denen kaum ein Austausch stattfindet. Die meisten Smartphone-Apps beispielsweise seien „walled gardens“, die kein Zusammenwirken mit anderen Apps zuließen. Komplexe Produkte würden durch Zukauf anderer Unternehmen ermöglicht. Dies mindere jedoch deren Nutzen für Dritte.

Europa könnte einen anderen Weg einschlagen. Letztlich solle das Wirtschaftssystem der Gesellschaft bestmöglich dienen. Wenn man bedenke, so Helbing, dass Daten massenhaft anfallen und immer billiger werden, wäre es sinnvoll, auf einen Open-Data-Ansatz und auf Open Innovation zu setzen. Dadurch würden „wallet gardens“ vermieden. Stattdessen würde der Informationsaustausch auf leistungsbezogenen Prinzipien beruhen. Geld würde durch das Herausfiltern von nützlichen Informationen aus Daten und von anwendbarem Wissen aus Informationen geschöpft. Im Gegensatz zum Silicon Valley könnten komplexe Produkte modular durch Projektnetzwerke geschaffen werden.

For such „super-projects“ to grow in a self-organized way, the interaction must be mutually beneficial and will often involve a mulitdimensional value exchange. (S. 192)

Helbing geht davon aus, dass sich früher oder später ein Paradigmenwechsel weg von auf sich selbst bezogenen Organisationsformen zu mehr nach außen bezogenen Organisationsformen durchsetzen wird, weil diese bessere Ergebnisse liefern. Er begründet diesen Paradigmenwechsel mit Erkenntnissen der Sozialpsychologie. Der homo socialis – der Mensch, der sich in andere versetzen kann – trifft Entscheidungen anders als der homo oeconomicus. Helbing spricht in diesem Zusammenhang auch von networked minds.

By taking the perspective, interests and success of others into account, „networked minds“ consider the externalities of their decisions. […] Thus, he/she tends to cooperate if just enough neighbors do so as well. […] homo socialis is able to harmonize competitive individual interests to make them more compatible with the efficiency of the overall system. […] in social dilemma situations or when creating common goods, everyone can get more, namely if everyone is other-regarding and cooperative. (S. 159)

Helbing zeigt sich tief überzeugt, dass wir auf eine neue Entwicklungsstufe der Wirtschaft zusteuern, nicht nur, weil die gegenwärtige Wirtschaft in vielen Teilen der Welt nicht mehr genügend Arbeitsplätze schafft, sondern weil die Informationssysteme und Sozialen Medien unsere Interaktionen verändert und völlig neue Möglichkeiten eröffnet. Dazu, so Helbing, ist es notwendig, die kollektive Intelligenz anzuregen. Denn das Prinzip der „networked minds“ ermöglicht, die besten Ideen und Fähigkeiten zusammen zu bringen.

Als Beispiel für kollektive Intelligenz führt Helbing die Netflix challenge an. Damals hat sich gezeigt, dass das Ergebnis des Gewinnerteams übertroffen wurde, wenn man den Durchschnitt aus dessen Ergebnis und den Ergebnissen schlechterer Teams gebildet hat. Wenn komplexe Probleme gelöst werden müssen, gewinnt Vielfalt, nicht der Beste, so die Quintessenz.

Kollektive Intelligenz ist angesichts der Herausforderungen der globalisierten Welt unerlässlich. Sie kann nur gedeihen, wo eine vertrauenswürdige und unverzerrte Wissensbasis vorhanden ist. Notwendig hierfür sind ein Mindestmaß an Transparenz,   Maßnahmen zur Sicherung der Informationsqualität und ein partizipatorischer Ansatz, wie er beispielsweise von Wikipedia oder GitHub bekannt ist.

Wenn man diesen Gedanken folgt, hat das einschneidende Konsequenzen für die Struktur von Organisationen. Auch wenn die Hierarchie einer Top-Down-Struktur klare  Verantwortung begünstigt, schnelle Entscheidungen ermöglicht und zeitliche Koordination von Ressourcen über große Entfernungen erleichtert, so dauert das Sammeln und Auswerten von Informationen zu lange, weil die Information zu langsam entlang der Kommandowege nach oben fließt.

Eine dezentrale Bottom-Up-Struktur ist unter komplexen Bedingungen überlegen, weil sie mehr Informationen verarbeiten kann und die notwendige kollektive Intelligenz ermöglicht. Deshalb verbreitet sich dezentrale Bottom-Up-Organisation zusehends.

Während in der Vergangenheit die meisten von uns nicht an der Entwicklung der menschlichen Systeme teilhaben konnten, weil die Werkzeuge für die Koordination des Wissens und der Fähigkeiten von vielen Menschen fehlten, verändert sich das nun. Neue Informationssysteme und Organisationsprinzipien erlauben Individuen, sich aktiv als Bürger in die öffentliche Arena, als Mitarbeitende in Firmen, als Konsumenten und Nutzer in den Produktionsprozess einzubringen. Wenn die Teilhabe gut aufgesetzt wird, führt sie zu besserem Service, besseren Produkten, besserem Geschäft, besserer Nachbarschaft, klügeren Städten und klügeren Gesellschaften, so ist Helbing überzeugt. Passende Plattformen zur Koordination von Information und Handeln bewirken bessere Entscheidungen.

Unter dem inhaltsleeren Schlagwort der Digitalisierung lassen sich diese Prinzipien wohl kaum verwirklichen. Denn es geht keineswegs um die Einführung von Technologie nach altem Muster, wie sie jahrzehntelang praktiziert worden ist. Wir haben es mit einem tiefgreifenden Wandel der Unternehmensführung zu tun. Nochmal Helbing (S. 190):

For companies, this means that they need to communicate and cooperate more with their customers and suppliers. Next generation social media will provide suitable tools for this. Companies that manage to offer individually tailored, customized products and services will have a competitive advantage. Obviously, this requires more information to be shared, and in order for this to be viable in the long term, a trustworthy and fair system of bidirectional communication and collaboration is crucial. As a consequence, the business leaders of tomorrow will have to be well acquainted with „systems thinking“, an approach which integrates and balances different interests and perspectives. (S. 193)

 

 

 

Sensoren (10): Peter Sloterdijk über die Zukunft der Arbeit

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Das Hauptargument ist und bleibt Migration.

Peter Sloterdijk bettet seine Betrachtungen zur Zukunft der Arbeit bei der  Auftaktveranstaltung an der Universität Augsburg des Projekts TEAM 4.0 in die ganz großen Zusammenhänge der Menschheitsgeschichte ein, die wesentlich von Wanderungsbewegungen geprägt sei.

Er verweist besonders auf den kanadischen Journalisten Doug Saunders, der mit seinem viel beachteten Buch „Arrival City“ auf die Wanderungsbewegungen vom Land in die Städte hingewiesen hat. Diese Wanderungsbewegung sei in Europa zwischen 1800 und 1960 abgeschlossen worden. Weltweit wiederhole sich dieser Vorgang nach demselben Muster. Ob aus Suburbia Favelas würden, hänge davon ab, wie die Städte und die Politik die nötigen Vorkehrungen träfen.

Woran man verweilen muss, dass es zwischen den großen produzierenden Nationen, die authentische Arbeitskulturen hervorgebracht haben, einen Kampf gibt um die Abwerbung der Talente. Es wird um jene Menschen gehen, die an der Hyperalphabetisierung telgenommen haben. Das sind die, die nicht nur Lesen und  Schreiben, sondern Lesen, Schreiben und Programmieren gelernt haben. Der Wettbewerb um diese hyperalphabetisierte Minorität wird die Geistesgeschichte der nächsten Jahrzehnte mit bestimmen.

Sloterdijk wählt deutliche Worte. Die hochentwickelten Systeme seien nicht in der Lage, ihren eigenen Qualitätsnachwuchs mit Bordmitteln zu erzeugen.

Sie müssen die Bildungswesen anderer konkurrierender Systeme kannibalisieren. Die Amerikaner haben dafür den terminus technicus schon seit Jahrzehnten an der Hand: „brain drain”. Ein reimendes Wort für eine ungereimte Sache wie den neuen Kannibalismus. Das hat Wanderungsimplikationen. Denn es wird Wanderungen zwischen den Kulturen geben müssen.

Wir haben es aber – wenn wir Sloterdijk folgen – mit einer weiteren Migrationsbewegung zu tun.

Weil wir durch unsere anthropische Befangenheit zwischen Mensch und Dingen einen zu tiefen Graben zu ziehen gewohnt sind, haben wir nicht begriffen, dass wir ein Einwanderungsgebiet für Maschinen sind.

Sloterdijk verweist auf die 45 Mio. Fahrzeuge, die es neben den 82 Mio. Einwohnern in Deutschland gibt. Marshall McLuhan habe die Autos als „mechanical bride“ beschrieben.

Jetzt läuft die nächste Einwanderungswelle. Die der Roboter. Er nennt als Beispiel das saudische Megacity-Projekt Neom. Diese Stadt am Roten Meer solle nach den Vorstellungen des jungen saudischen Prinzen 25 Mio. Einwohner haben, davon mehr als die Hälfte Roboter. Der ersten „Roboterin“ ist bei der Ankündigung des Projekts auch gleich die saudische Staatsbürgerschaft verliehen worden.

Tatsache ist, dass an mehreren Fronten der Zeitgeist so weit war, dass er das Implantieren des Denkens in die Maschine in Auftrag gegeben hat. … Nach 70 Jahren sind die kleinen Maschinen unsere alltäglichen Begleiter geworden. Sie sind auch so etwas wie „mechanische Bräute“, nur viel smarter. Sie tragen zu unserem Selbstgespräch bei. Sie tragen dazu bei, dass das gute alte Familienalbum ausstirbt, weil wir eine neue Form der Selbstdokumentation entwickeln mithilfe dieser smarten Geräte.

Einen reizvollen Kontrast bilden die Überlegungen des Philosophen zu den Annahmen, die das White Paper des World Economic Forum für 2030 in acht Szenarios für die Zukunft der Arbeit beschreibt. Die Szenarios gründen auf drei Megatrends, die sich dadurch auszeichnen, dass sie gleichermaßen hoch unsicher und hoch wirksam sind: technologischer Wandel, Wandel des Lernens und die Mobilität der Talente.

Vier der Szenarios nehmen eine hohe Mobilität der Talente an: Mass Movement, Polarised World, Skilled Flows und Agile Adapters. Die Auswirkungen dieser Szenarios reichen von Spannungen zwischen hochgebildeten und geringer gebildeten Arbeitnehmern, ökonomische Enklaven, Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung technisch Besitzloser.

Bei geringer Mobilität ergeben sich, je nach der Ausprägung des technologischen Wandels und der Lernentwicklung, die anderen vier Szenarios: Workforce Autarkies, Robot Replacements, Empowered Entrepreneurs und Productive Locals. Diese Szenarios nehmen vor allem staatliche Gegenmaßnahmen gegen den Brain Drain an. Sie zeigen jedoch, dass dies auch einen hohen Preis fordern würde. Lokale Arbeitsmärkte ohne Ideenaustausch und Wissenstransfer, langfristig Verlust der Wettbewerbsfähigkeit oder Ersatz großer Teilarbeitsmärkte durch Automation und Roboter. Auch ein Szenario, wie die Agile Adapters, das vordergründig dem Zeitgeist zu entsprechen scheint, ist mit gravierenden gesellschaftlichen Auswirkungen verbunden.

Not everyone can keep up and many people feel marginalised and dislocated from society.

Während der Philosoph rät, uns auf etwas gefasst zu machen, raten die Ökonomen zu einem Navigieren zwischen den Szenarios durch entschlossenes Handeln.

If you are an educator, worker, employer, student, elected representative or government official the manner in which the seismic change ahead is navigated will depend very much on decisive action.

Peter Sloterdijk trägt am Ende seines Vortrags einen Wunsch vor, den man den Politikern gerne als Rat zu entschlossenem Handeln mitgeben möchte.

Es könnte eines Tages dahin kommen, dass die robotische Invasion fiskalisch interpretiert werden muss. Das will soviel sagen, wie dies, dass die Roboter als Nettobeitragszahler erschlossen werden. Und dass so ein tüchtiger Roboter kräftig in die Progression kommt, das fände ich geradezu eine herzerwärmende Zukunftsvision.

Written by Östermann

24. Februar 2018 at 13:59

Sensoren (9): Aviv Ovadya warnt vor einer Informationskrise durch künstliche Intelligenz

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Blüht uns in der nahen Zukunft eine durch Big Tech verursachte Informationskrise, in der niemand mehr Fakten von Fake unterscheiden kann?

Aviv Ovadya, Chief Technologist am Center for Social Media Responsibility, warnt, nach einem Beitrag von BuzzFeedNews, vor den Möglichkeiten, mit künstlicher Intelligenz die Aussagen in Videos zu manipulieren. Neueste Algorithmen ermöglichen es, etwa einem Politiker jede beliebige Aussage täuschend echt in den Mund zu legen.

Gefahr droht, so Ovadya, besonders durch das rasante Tempo, mit dem sich künstliche Intelligenz und Maschinenlernen entwickeln. Es übersteigt unsere Fähigkeit, die Risiken dieser Technologien überhaupt zu verstehen.

Technologies that can be used to enhance and distort what is real are evolving faster than our ability to understand and control or mitigate it. The stakes are high and the possible consequences more disastrous than foreign meddling in an election — an undermining or upending of core civilizational institutions, an „infocalypse.”

Ein mögliches Muster in seinem Szenario nennt er „Wirklichkeitsapathie“ (reality apathy). Sie könnte sich schnell einstellen, wenn die Menschen permanent mit gefälschten Informationen überflutet werden. BuzzFeedNews schreibt:

Beset by a torrent of constant misinformation, people simply start to give up. Ovadya is quick to remind us that this is common in areas where information is poor and thus assumed to be incorrect. The big difference, Ovadya notes, is the adoption of apathy to a developed society like ours. The outcome, he fears, is not good. “People stop paying attention to news and that fundamental level of informedness required for functional democracy becomes unstable.”

Der Beitrag nennt eine ganze Reihe von Beispielen, die das Vertrauen in unsere Informationsumgebungen zerstören können, wenn solche Werkzeuge in falsche Hände geraten. VoCo ist eine Anwendung, die Adobe gerade entwickelt. Das „Photoshop für Audios“ ermöglicht die Korrektur von Audios ganz einfach mit der Computertastatur. Google entwickelt ein neuronales Netzwerk, ein „generative adversarial network“ (GAN), das die Glaubwürdigkeit von Fake News eigenständig steigern kann. Gefährliche Entwicklungen, die dazu führen können, dass die Glaubwürdigkeit jeglicher Information ausgehöhlt wird.

“In the next two, three, four years we’re going to have to plan for hobbyist propagandists who can make a fortune by creating highly realistic, photo realistic simulations”

so zitiert der Beitrag von BuzzFeedNews Justin Hendrix vom NYC Media Lab.

“And should those attempts work, and people come to suspect that there’s no underlying reality to media artifacts of any kind, then we’re in a really difficult place. It’ll only take a couple of big hoaxes to really convince the public that nothing’s real.”

Ovadya, der sich der freien und Open-Source-Kultur zugehörig fühlt, betont, dass dies Worst-Case-Szenarien sind. Notwendig ist im nächsten Schritt die Information einer breiten Öffentlichkeit über diese Entwicklungen.

Convince the greater public, as well as lawmakers, university technologists, and tech companies, that a reality-distorting information apocalypse is not only plausible, but close at hand.

Was nährt die Hoffnung, dass sich ein Best-Case-Szenario durchsetzen wird und die Gesellschaft eine gesunde Balance der technologischen Entwicklung und einer wünschenswerten sozialen und gesellschaftlichen Entwicklung findet? Ovadya stellt einerseits eine wachsende Aufmerksamkeit auf digitale Propaganda-Räume und den aus ihnen erwachsenden Gefahren fest. Manche Checks and Balances fingen an zu greifen. Zum anderen setzt er auf die Entwicklung kryptografischer Methoden, mit denen die Echtheit von Videos und Audios nachgewiesen werden kann.

Beruhigend zu wissen, dass jede negative Entwicklung immer auch eine Gegenbewegung hervorruft.

Gefunden bei piqd

Written by Östermann

18. Februar 2018 at 11:00

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