Östermanns Blog

Medienwandel, Unternehmensführung im Wandel, Strategie, Digitale Transformation, Komplexität, nächste Gesellschaft

Archive for the ‘Nachhaltigkeit’ Category

Manifeste (6): Das Slow-Media-Manifest

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In der Reihe über Manifeste zur Beziehung von Mensch und Technik in der digitalen Welt soll diesmal ein Beispiel aus der Medienwelt im Mittelpunkt stehen.  

Das Slow Media Manifest versucht eine Antwort auf den rasanten Aufstieg des Internet und der Sozialen Netzwerke. Die Autoren sehen nach dem technologischen Medienwandel die Zeit reif, sich die Medienrevolution „politisch, kulturell und gesellschaftlich zu integrieren und konstruktiv zu nutzen“.

Ähnlich, wie Fast Food den Raum für Slow Food erst geöffnet hat, geht es auch bei Slow Media mehr darum, den „Fast Media“ eine Alternative entgegenzusetzen, als sie abzulösen. Das Manifest stellt – insoweit dem Onlife Manifest ähnlich – den respektvollen und schonenden Umgang mit der Ressource Aufmerksamkeit in den Mittelpunkt.

Analog zu Slow Food geht es bei Slow Media nicht um schnelle Konsumierbarkeit, sondern um Aufmerksamkeit bei der Wahl der Zutaten und um Konzentration in der Zubereitung. Slow Media sind auch einladend und gastfreundlich. Sie teilen gerne.

Das Manifest stellt den Nutzer als „Prosument“ in den Mittelpunkt. Anders als das Wort suggeriert, ist jedoch nicht daran gedacht, die Nutzer als Macher zu verstehen, sondern eher als Multiplikatoren. Die Qualität des medialen Produktes ist in dieser Sichtweise  daran zu erkennen, dass es Resonanz erzeugt. Das Manifest setzt auf aktive Rezipienten, die durch Medien zum Handeln angeregt werden.

Slow Media inspirieren, wirken in dem Denken und Handeln der Nutzer nach und sind auch noch Jahre später spürbar.

Nicht nur der Qualitätsanspruch an den Content ist vom Gedanken der Nachhaltigkeit geprägt, sondern auch die mediale Produktion selbst. Ressourcenschonende Prozesse und Arbeitsbedingungen, keine Ausbeutung, kein Niedriglohn, kein bedingungsloses Ausschlachten der Nutzerdaten.

Das Manifest geht noch einen Schritt weiter. Slow Media verstehen sich selbst als Soziale Medien.

Um Slow Media bilden sich lebendige Gemeinschaften oder Stämme, gleich ob es sich um einen lebenden Autor handelt, der mit seinen Lesern in den Austausch tritt, oder einen verstorbenen Musiker, um dessen Musik sich eine aktive Deutungsgemeinschaft bildet. So fördern Slow Media die Vielfalt und respektieren kulturelle und lokale Besonderheiten.

Die Autoren des Manifests haben 2015 bei der Media Convention berichtet, wie sich das Manifest in den fünf Jahren seit der Veröffentlichung entwickelt hat. Sehr zufrieden zeigten sie sich mit der internationalen Resonanz. Das Manifest habe sich überraschend als Selbstläufer im Netz erwiesen. Selbst Wired hatte es damals es aufgegriffen. Ein Beispiel aus Frankreich war bei ARTE zu sehen.

Selbstkritisch hatten sich die Autoren von der Metapher des Essens, des Einverleibens abgesetzt, die sich aus der Analogie zu Slow Food ergibt.

Besonders interessant ist, wie die Autoren versucht haben, von der abstrakten Beschreibung einer Haltung aus der Verlegerperspektive zur konkreten Praxis aus der Nutzerperspektive zu kommen. Was bedeutet das Manifest für den digitalen Arbeitsschutz und für gesunde Arbeitsverhältnisse?

Sie haben in einer Studie die Kriterien des Manifests als Polaritäten bei Nutzern abgefragt und daraus eine Nutzertypologie nach drei Dimensionen unterschieden. Die Studie hat u.a. gezeigt, dass sich die Mediennutzertypen in einem Punkt kaum unterscheiden. Alle wollen sich bei der Mediennutzung auf ein Angebot konzentrieren.

Praktisch relevant wird die Studie auch bei der Frage: Wie können Medien-StartUps „slow“ arbeiten? Typische Einstellungen zur Arbeit in StartUps sind zu hinterfragen. „Slow“ sei z.B. eben nicht „Getting Things Done“, sondern „Doing Things“.

Interessant wäre vor diesem Hintergrund, die Beispiele von jungem, unabhängigem Journalismus im Netz, die neuerdings einer #Netzwende zugerechnet werden, auf die Kriterien des Manifests abzuklopfen. Wie wird eine Slow-Haltung in der dritten Säule des Qualitätsjournalismus, den mehr oder weniger unabhängigen Indie-StartUps wie z.B. Correctiv, Krautreporter oder Piqd gelebt?

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Written by Östermann

4. März 2018 at 12:31

Manifeste (5): The Onlife Manifesto

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This Manifesto is only a beginning …

Mit dem Onlife Manifesto haben 15 Wissenschaftlerinnen und Experten unter dem Vorsitz von Luciano Floridi, Professor für Philosophie und Informationsethik in Oxford,  im Auftrag der EU-Kommission von 2012 bis 2014 versucht, die Anforderungen an einen Umgang mit der Technologie (ICT) in Einklang mit dem Menschen auf den Punkt zu bringen.

Sie behalten dabei die hohe Dynamik der technologischen Entwicklung im Blick. Ihnen geht es um gemeinsame Reflexion auf dem Weg in die hypervernetzte Welt. Ähnlich wie andere Manifeste will auch dieses Manifest aufrütteln und einen Auftakt setzen. Das Besondere an diesem Manifest ist jedoch, dass es wissenschaftlich fundiert und strukturiert an die Aufgabe herangeht und damit zu einer schlüssigen Argumentation kommt. Dem Onlife Manifest geht es um die Auseinandersetzung mit den Bezugsrahmen der Gesellschaft, in denen Politik bestimmt wird.

Die Autoren nehmen an, dass ICT nicht mehr nur als Werkzeuge zu sehen sind, sondern als Umweltfaktoren auf unser Selbstbild (who we are), unsere Interaktionen (how we socialise), unsere Wirklichkeitsvorstellung (our metaphysics) und unsere Interaktionen mit der Wirklichkeit (our agency) einwirken.

Der Begriff „Onlife“ soll andeuten, dass es in der Erfahrung der hypervernetzten Welt nicht mehr sinnvoll ist, sich zu fragen, ob man online oder offline ist.

Im Fokus des Manifests steht die Moderne mit ihrer Haltung, die seit langer Zeit und bis heute durch Phantasien der Allmacht und Allwissens geprägt ist. Diese Haltung hat die technischen Errungenschaften ermöglicht, die jetzt einen Stand erreicht haben, in der sich die Verhältnisse in ihr Gegenteil verkehren.

In the onlife-world, artefacts have ceased to be mere machines simply operating according to human instructions. They can change states in autonomous ways and can do so by digging into the exponentially growing wealth of data, made increasingly available, accessible and processable by fast-developing and ever more pervasive ICTs. Data are recorded, stored, computed and fed back in all forms of machines, applications, and devices in novel ways, creating endless opportunities for adaptive and personalised environments. Filters of many kinds continue to erode the illusion of an objective, unbiased perception of reality, while at the same time they open new spaces for human interactions and new knowledge practices.
Die hohe Komplexität dieser Verhältnisse verlangt nach einer Neubewertung der individuellen und gemeinschaftlichen Verantwortung. Die Autoren zeigen das an den Begriffspaaren von Kontrolle und Komplexität sowie von privat und öffentlich.
Wer die sozialen und technischen Verhältnisse gestalten will, muss lernen, zwischen evolutionären und konstruierten Anteilen der Entwicklung – mit Rückgriff auf Hayek zwischen spontaner (Kosmos) und geplanter Ordnung (Taxis) – zu unterscheiden.
Therefore, interventions from different agents in these emerging socio-technical systems require learning to distinguish what is to be considered as kosmos-like, i.e., as a given environment following its evolutional pattern, and what is to be considered as taxis-like, i.e., within reach of a construction responding effectively to human intentions and/or purposes.
Das Internet erweitert den öffentlichen Raum immens, auch da, wo es von privaten Unternehmen betrieben wird. Neue Formen der Gemeinschaft zwischen privatem und öffentlichem Raum bilden sich heraus.
The notions of fragmented publics, of third spaces, and of commons, and the increased focus on use at the expense of ownership all challenge our current understanding of the public-private distinction.
Gleichwohl sei die Unterscheidung von privat und öffentlich wichtiger denn je. Auch wenn dem Öffentlichen gerne Pflicht und Kontrolle, dem Privaten dagegen Freiheit zugeschrieben werde, sei das Private mit Schwächen verbunden, während das Öffentliche wesentlich zu einem guten Leben beitrage.
We believe that everybody needs both shelter from the public gaze and exposure. The public sphere should foster a range of interactions and engagements that incorporate an empowering opacity of the self, the need for self-expression, the performance of identity, the chance to reinvent oneself, as well as the generosity of deliberate forgetfulness.

Aus diesen Unterscheidungen leiten die Autoren des Manifests drei Anforderungen an die politische Gestaltung der digital vernetzten Welt ab.

Der Schutz des verbundenen, freien Selbst

Vor dem Hintergrund der entfesselten technologischen Entwicklung und ihrer gesellschaftlichen Auswirkungen fällt den öffentlichen Dienstleistungen eine neue Aufgabe zu: der Schutz des relationalen Selbst in seiner Interaktion mit anderen, mit technologischen Gegenständen und der Natur. Dieses Manifest geht damit – so mein Eindruck – über das informationelle Selbstbestimmungsrecht deutlich hinaus. Hier scheint eine neuartige Infrastrukturleistung der öffentlichen Hand auf.
We believe that it is time to affirm, in political terms, that our selves are both free and social, i.e., that freedom does not occur in a vacuum, but in a space of affordances and constraints: together with freedom, our selves derive from and aspire to relationships and interactions with other selves, technological artefacts, and the rest of nature.
Die Interaktion zwischen freien Individuen ist nach diesem Verständnis grundlegend für ein gutes „Onlife“. Öffentliche Dienstleistungen dienen dazu, die Relationalität und die Interaktion mit anderen zu ermöglichen und aufrecht zu erhalten. Die Offenheit und Unvorhersagbarkeit menschlichen Verhaltens sind in ihrem Kern zu bewahren. Notwendig ist dazu ein politisches Konzept, wie das von Natur aus verbundene, freie Selbst zu schützen und zu fördern ist.

Die digital gebildete Gesellschaft

Das Manifest sucht Wege, wie öffentliche Räume plural gestaltet werden können,
where others cannot be reduced to instruments, and where self-restraint and respect are required.
Andauernde Verantwortung setzt voraus zu erkennen, wie unsere Handlungen, unsere Wahrnehmung, unsere Absichten, unsere Moral und unsere körperliche Beschaffenheit mit der Technik verwoben sind.
The development of a critical relation to technologies should not aim at finding a transcendental place outside these mediations, but rather at an immanent understanding of how technologies shape us as humans, while we humans critically shape technologies.
Für die Herausforderung des reflektierten Handelns im Geiste einer solchen kritischen Betrachtung des Verhältnisses von Technologie und Menschlichkeit hält das Manifest eine Metapher bereit:
Building the raft while swimming.

Der Schutz der knappen Ressource Aufmerksamkeit

Es herrscht immer noch ein enzyklopädischer Bildungsbegriff vor, auch wenn seine Grenzen täglich zu spüren sind. Menschen versuchen, durch erhöhte Anstrengungen weiterhin über die Ansammlung von Wissen auf Vorrat die Kontrolle zu behalten. Die Anstrengungen erweisen sich im Alltag zunehmend als vergeblich. Das manifest setzt deshalb beim Haushalten der individuellen und gemeinschaftlichen Aufmerksamkeit an.
We believe that societies must protect, cherish and nurture humans’ attentional capabilities.
Denn die Aufmerksamkeit ist knapp und kostbar. Die digitale Wirtschaft, so beklagt das Manifest, versucht, Aufmerksamkeit zur Ware, die auf Marktplätzen gehandelt wird, zu machen oder in Arbeitsabläufen zu kanalisieren.
But this instrumental approach to attention neglects the social and political dimensions of it, i.e., the fact that the ability and the right to focus our own attention is a critical and necessary condition for autonomy, responsibility, reflexivity, plurality, engaged presence, and a sense of meaning. Respect for attention should be linked to fundamental rights such as privacy and bodily integrity, as attentional capability is an inherent element of the relational self for the role it plays in the development of language, empathy, and collaboration. We believe that, in addition to offering informed choices, the default settings and other designed aspects of our technologies should respect and protect attentional capabilities.
Mit diesem Recht, über die eigene Aufmerksamkeit jederzeit unabhängig und eigenverantwortlich zu entscheiden, beschreibt das Manifest in gewissem Sinne ein neues Grundrecht für die digitale Welt.
Übrigens war kürzlich in DIE ZEIT ein Beitrag zu lesen über die Utopie einer Gesellschaft, die die Spaltung überwindet. Die Idee: Eine Karte, die die freie Benutzung von Zügen, Bussen und Straßenbahnen, Schulen und Universitäten, Bibliotheken und Theatern erlaubt. Dieses Beispiel zeigt, was gemeint mit öffentlichen Dienstleistungen gemeint sein könnte, die die Interaktion und Relationalität zwischen freien Mitmenschen fördern. Die freie Nutzung öffentlicher Güter könnte – so die These des Autors Mark Schieritz – dazu beitragen, den gesellschaftlichen Dialog und die Kreativität wiederzubeleben.
Die Möglichkeit zur kostenfreien Nutzung der Infrastruktur würde die Republik verändern. Die Deutschen würden experimentierfreudiger, neugieriger – in jeglicher Hinsicht mobiler. Sie würden ihr Land erkunden, Freunde und Verwandte besuchen. Es entstünden Orte, an denen Menschen unterschiedlichster Schichten sich treffen würden: in der Bahn, im Schwimmbad, in den Universitäten. Die Gesellschaft käme wieder mit sich ins Gespräch.

Was lässt mich hoffen? – Herbert Pietschmann

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Trotz des schlechten Tons – drei Minuten, die sich lohnen.

 

Pietschmann schließt mit Sokrates: „Also bin ich um jenes Wenige weiser, als all die anderen, als ich das, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen meine.“

Written by Östermann

24. Dezember 2017 at 12:00

Manifeste (4): Digitaler Humanismus – ein Ausstellungsmanifest

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Als fast schon „anarchisches“ Gegenstück zur Petersberger Erklärung liest sich das Ausstellungsmanifest, das auf der Vienna Biennale 2017 für Kunst, Design und Architektur unter dem Titel Roboter, Arbeit, Unsere Zukunft entstanden ist. Die Ausstellung wollte

mit spekulativen und utopischen (oder dystopischen), aber auch vielversprechenden praktischen Szenarien ein komplexes Bild unserer zukünftigen digitalen Welt zeichnen.

Und weiter heisst es zum Ausstellungskonzept:

Im Mittelpunkt steht dabei der Mensch, der in einer Zeit radikalen Umbruchs vor allem eines braucht: Orientierung!

Ein komplexes Bild zu zeichnen und damit Orientierung zu stiften, kommt schon einer   waghalsigen Gratwanderung gleich. Doch wer sich darauf einlässt, kann sich sicher sein, dass er sich mit Irritationen versorgt, die das persönliche Bild der gegenwärtigen Zukunft nachhaltig erschüttern. Am besten funktioniert das über die App.

Die App ist so programmiert, dass Sie Ihr eigenes digitales Manifest kreieren, indem Sie die Antworten, die Sie nicht mögen, weglassen und diejenigen behalten, denen Sie zustimmen.

Die Entscheidung über jeden einzelnen Satz nach dem Ja-Nein-Schema lässt den App-Nutzer spüren, wie vielfältig die Themen und wie ausgeprägt die kulturelle Dimension der Digitalisierung sind. Betroffenheit statt Orientierung. Andererseits bringt die Sprache mit dem gebetsmühlenhaften „Wir wollen …“ einen fast schon trotzigen Beiklang in das Manifest. Ganz unbekümmert reiht es Wünsche und Forderungen aneinander. Auch die Adressaten sind dabei ganz breit gestreut. Verantwortliche in Politik, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft dürfen sich angesprochen fühlen, wie natürlich auch die Lesenden selbst. Die Aussagen sind von einem großen sozialen und ökologischen Verantwortungsgefühl getragen.

In 119 Sätzen, Forderungen, Grundsätzen beschreiben die 20 Autorinnen und Autoren in einer bunten Vielfalt ihre Vorstellungen einer digitalen Welt in ihrer ganzen Widerspüchlichkeit. Zu den Persönlichkeiten hinter dem Manifest zählt z.B. Robert Trappl, Wiener Forscher über Künstliche Intelligenz, über den DIE ZEIT kürzlich schrieb, er sei „die Mensch gewordene Gegenthese zu den apokalyptischen Szenarien“. In dem Beitrag ist zu lesen:

Es kostet die Maschinen ein Vielfaches an Energie, die Leistung des Gehirns zu simulieren.“ Auch deswegen fürchtet Trappl die Roboterapokalypse nicht: Sollten die Maschinen irgendwann zu intelligent werden, kann man einfach den Stecker ziehen.

Diese Unbekümmertheit durchzieht auch das Manifest. Während aus der Petersberger Erklärung der hektische Geist des Maschinenzeitalters herüberweht und aus dem Digitalen Manifest der nüchterne Geist wissenschaftlicher Analyse spricht, ist es hier der kreative Geist der Künstler. In einer gewissen Weise fast schon trotzig oder verspielt wirken die Sätze. Dieser Ton spricht den Einzelnen emotional stark an, zeigt aber auch eine große Hilflosigkeit angesichts der alles durchdringenden Umwälzungen.

Das Manifest will von der Technik Menschlichkeit erzwingen, indem sie technische Geräte versucht zu vermenschlichen. Ein Abschnitt beschäftigt sich mit der Frage: Welche Rechte sollten Roboter und Künstliche Intelligenz haben?

Dieselben Rechte, die jede fühlende Spezies haben sollte. Sobald wir eine echte allgemeine KI haben, werden wir eine Debatte darüber wollen, ob und wie weit diese als Person einzustufen ist. Vielleicht wollen wir ihr dann auch Rechte gewähren.

Derzeit wollen wir nicht, dass Maschinen ähnliche Rechte wie Menschen haben.

Da geht in der Vielfalt des Wollens der entscheidende Wille unter. Besonders deutlich wird dies im Abschnitt über „Superintelligenz“.

Wir wollen wissen, wer eine Superintelligenz besitzt und wie Entscheidungen bezüglich ihrer Entwicklung und Prioritäten getroffen werden.

Offenbar gehen die Autoren ganz selbstverständlich davon aus, dass sich eine Superintelligenz herausbilden werde. Die kollektive Intelligenz als grundlegende Alternative scheint ihnen überhaupt nicht in den Blick zu kommen. Das Manifest scheint sich mit der Hoffnung zu begnügen, dass die „Superintelligenz“ – das klingt wie „Big Brother“ – gnädig sein möge.

Vielleicht steckt hinter diesem Widerspruch nur eine Begriffsverwirrung. Vielleicht meinen die Autoren ja mit der „Superinteligenz“ genau so etwas wie eine sich selbst organisierende Gesellschaft, wie sie Mark Ballandies kürzlich bei diesem TEDex-Auftritt beschrieben hat.

 

Kein Staat kann die stetig wachsende Komplexität überblicken und steuern. Wir haben jedoch gerade mit den neuen Möglichkeiten der Digitalisierung die Chance zu lernen, auf die Weisheit der Vielen zurückzugreifen, um gute Lösungen zu finden.

Anschlüsse an diese Sichtweise auf die Gesellschaft finden sich mehrfach im Ausstellungsmanifest. Im Abschnitt „Was wollen wir lernen?“ stehen z.B. folgende Sätze:

Was es heißt, im digitalen Zeitalter Mensch zu bleiben, und wie wir das nicht verlernen.

Auf andere Weise zu leben und zusammenzuleben.

Wie wir unser Wissen teilen.

Das Ausstellungsmanifest – ein kollektives Kunstwerk.

Written by Östermann

17. Dezember 2017 at 11:00

Manifeste (1): Das digitale Manifest

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Der Wahlkampf für die Bundestagswahl 2017 hat die klaffende Lücke deutlich gezeigt, die sich zwischen dem gelebten und dem notwendigen gesellschaftlichen Diskurs über die Folgen der Digitalisierung auftut. Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Initiativen, die versuchen, eine breite Debatte über die Beziehung von Mensch und Technik und über Spielräume zur Gestaltung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen anzustoßen. Eine Form, den grundlegenden Diskurs zu führen, sind Manifeste und Thesen. Ein Beispiel hat vor einigen Jahren etwa  Dirk Baecker mit seinen 22 Thesen zur nächsten Gesellschaft beigesteuert. In diesem Blog werde ich in nächster Zeit immer wieder auf grundlegende Äußerungen der Zivilgesellschaft hinweisen.

Einen gemeinsamen Appell zur Sicherung der Freiheit und Demokratie haben neun Wissenschaftler und Experten 2015 vorgelegt. Sie sehen die Gesellschaft am Scheideweg. Auch zwei Jahre nach Veröffentlichung scheint es so, als ob die Diagnose unverändert zutrifft:  Es entwickelt sich alles in Richtung eines Feudalismus 2.0. Für eine Kurskorrektur in Richtung Demokratie 2.0 fordern die Autoren des Manifests die Einhaltung folgender Grundprinzipien:

  1. die Funktion von Informationssystemen stärker zu dezentralisieren;
  2. informationelle Selbstbestimmung und Partizipation zu unterstützen;
  3. Transparenz für eine erhöhte Vertrauenswürdigkeit zu verbessern;
  4. Informationsverzerrungen und -verschmutzung zu reduzieren;
  5. von den Nutzern gesteuerte Informationsfilter zu ermöglichen;
  6. gesellschaftliche und ökonomische Vielfalt zu fördern;
  7. die Fähigkeit technischer Systeme zur Zusammenarbeit zu verbessern;
  8. digitale Assistenten und Koordinationswerkzeuge zu erstellen;
  9. kollektive Intelligenz zu unterstützen; und
  10. die Mündigkeit der Bürger in der digitalen Welt zu fördern – eine „digitale Aufklärung“.

Die Prinzipien sind ganz darauf ausgerichtet, die Menschenrechte in einer digitalisierten Welt zu sichern. Im Mittelpunkt steht das informationelle Selbstbestimmungsrecht, das jedem zusteht, heute jedoch massiv bedroht ist. Die Prinzipien sind realisierbar, setzen aber politische und rechtliche Rahmenbedingungen voraus. Sie lassen sich als Abwehr gegen die massive Verschiebung der Machtverhältnisse auf die wenigen, die die Algorithmen kontrollieren, lesen. Sie lassen sich aber auch – und das scheint mir wesentlich – als Hinweis lesen, welche Anknüpfungspunkte es gibt, gemeinsam eine digitale Zivilgesellschaft zu formen, die auf verteilte Macht nach demokratischen Prinzipien setzt.

Im Kern geht es um eine Alternative zur Verhaltenssteuerung durch Algorithmen und künstliche Intelligenz. Dirk Helbing – einer der Autoren des Manifests – hat hierzu ausführlich dargelegt, weshalb dieses „Big Nudging“ – das auf ein veraltetes wissenschaftliches Konzept, den Behaviorismus, setzt – zum Scheitern verurteilt ist.

Obwohl bereits 90 Länder Nudging verwenden, haben die gesellschaftlichen Probleme nicht abgenommen. Im Gegenteil. Die Klimaerwärmung schreitet ungebremst voran. Der Weltfrieden ist brüchig geworden und die Sorge vor Terrorismus allgegenwärtig. Cyberkriminalität explodiert, und auch die Wirtschafts- und Schuldenkrise ist vielerorts immer noch ungelöst.

Den Vertretern einer solchen Verhaltenssteuerung fehlt das Verständnis für komplexitätsbedingte Probleme. Es ist weder klar, was gut oder schlecht für die Gesellschaft ist, noch gibt es keine Maßnahme, die für alle Menschen gut wäre.

Die heute angewandten Big-Data-basierten Personalisierungsverfahren schaffen vielmehr das Problem zunehmender Diskriminierung.

In einem komplexen System wie der Gesellschaft führt die Verbesserung in einem Bereich fast zwangsläufig zu einer Verschlechterung in einem anderen. So können sich großflächige Eingriffe leicht als schwerwiegende Fehler erweisen.

Die Autoren deuten eine Fülle an Lösungsansätzen an, die geeignet erscheinen, die Errungenschaften der Demokratie, allen voran Pluralismus und Vielfalt, auch in der digitalen Welt zu erhalten.

Die Lösung der Zukunft lautet kollektive Intelligenz: Citizen Science, Crowd Sourcing und Online-Diskussionsplattformen sind […] eminent wichtige neue Ansätze, um mehr Wissen, Ideen und Ressourcen nutzbar zu machen.

 

Written by Östermann

5. November 2017 at 11:00

Liquid modernity oder die Beständigkeit des Wandels – Zygmunt Bauman

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Solid modernity wants to fix and control the future. Liquid modernity is after avoiding mortgaging the future. This means, leaving all possible options open. Not to fix anything forever.

So deutete der erst kürzlich verstorbene polnische Soziologe Zygmunt Bauman in diesem sehens- und hörenswerten Vortrag am Zentrum für angewandte Kulturwissenschaft des KIT in Karlsruhe unsere gegenwärtige Haltung gegenüber der Zukunft. Diese Haltung durchdringe alle Bereiche des Lebens, von der Politik bis in unseren Alltag.

In den letzten Jahren ist es Mode geworden, die Unwägbarkeiten unserer Zeit mit dem Akronym VUKA (oder engl. VUCA) zu bezeichnen. Oft bleibt die Bedeutung dabei vage und unbestimmt. Dieser Vortrag von Bauman aus dem Jahre 2012 im Rahmen der 16. Karlsruher Gespräche bringt mehr Licht ins Dunkel der Flüchtigkeit, Ungewissheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit der aktuellen Verhältnisse. Vor allem wird deutlich, wie unausweichlich es geworden ist, sich mit den Unannehmlichkeiten des Lebens in der Ungewissheit anzufreunden.

Bauman vergleicht unsere Zeit des Übergangs mit einem Interregnum. Es sei dadurch gekennzeichnet, dass die alten Verfahren, die Dinge zu regeln, nicht mehr funktionieren, während jedoch die neuen Verfahren noch nicht entwickelt seien.

Früher lautete die Kernfrage: Was ist zu tun, um eine gute, sich selbst ausbalancierende Gesellschaft zu schaffen? Die Frage, wer dies umsetzen sollte, stellte sich gar nicht. Es war klar, dass dies der Staat sein würde. Er hatte alle Mittel dazu in der Hand. Heute hat sich die Gewichte genau umgekehrt. Die schwierige Frage, so Bauman, lautet nun: Wer ist in der Lage, das Modell einer guten Gesellschaft umzusetzen?

Wir erleben heute eine tiefe Spaltung zwischen Macht und Herrschaft. Macht (power) heisst nicht zwangsläufig Herrschaft (politics). Macht ist zu verstehen als die Fähigkeit, zu bewirken, dass Dinge getan werden. Herrschaft ist die Fähigkeit, zu entscheiden, welche Dinge getan werden sollen. Macht reicht über die lokale Reichweite der Herrschaft hinaus. Das sei der Kern der Problemanhäufung, die wir Globalisierung nennen. In beiden Sphären finden andauernd Aktivitäten statt, die jedoch in keiner Weise koordiniert sind oder miteinander kommunizieren. In der hochgradig vernetzten Welt sind wir zerrissen zwischen dem „space of flows“ und dem „space of places“, so Bauman im Rückgriff auf Manuel Castells und dessen Netzwerktheorie.

What we have today is a situation, in which the only permanence is change. … And the only certainty is uncertainty.

Über alle Ideologien hinweg – egal ob rechts oder links – galt lang Zeit die Vorstellung:

We did the change in order to finish the change. … Now, flexibility is the slogan of the day. It replaced solidity.

Das Prinzip unseres heutigen Lebens lautet:

The movement is all, the goal is nothing.

Unternehmen und Organisationen improvisieren, schließen die Lücken, bewältigen Krisen – ohne zu wissen, wohin der Weg führen soll.

Damit scheint zugleich das Ende aller Modernitäten besiegelt. Max Weber hat Modernität als instrumentellen Rationalismus beschrieben. Danach bestehe die Rationalität darin, die geeigneten Mittel auszuwählen, um ein gegebenes Ziel zu verwirklichen. Heute gehe es bei allen Spielarten der Modernität um die Rationalität der Möglichkeiten. Ausgangspunkt ist nicht mehr ein bestimmtes Ziel, sondern die Bandbreite an Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. Welche Ressourcen haben wir? Was kann man damit machen? Wir tun, was wir mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln tun können. Weil alle handelnden Menschen und Organisationen sich so verhalten, entsteht die Ungewissheit immer wieder neu.

Das Schlagwort von Wandel als dem einzig Beständigen ist besonders im Kreis der Change-Berater sehr beliebt. Oft hinterlässt der Satz jedoch einen schalen Beigeschmack, weil er so wirkt, als ob der Wandel zum Selbstzweck erhoben werden soll oder als wollten Berater Nachfrage nach ihren Dienstleistungen wecken. Ganz anders bei Bauman. Die historische Einordnung in die Entwicklung der Gesellschaft und die Strömungen, die im Verlauf der Technisierung, Globalisierung und Digitalisierung   entstanden sind, gibt diesem Satz eine epochale Schlüssigkeit und bedrückende Dringlichkeit.

Written by Östermann

1. September 2017 at 17:32

Sensoren (7): Diktatur 2.0 – Wege aus der Überwachungsgesellschaft

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Der Pluralismus

sorgt für Diversität, Diversität sorgt für Innovation und kollektive Intelligenz und eine Fähigkeit der Gesellschaft, sich an alle möglichen Sachlagen anzupassen, also auf unerwartete Ereignisse zu reagieren, wie sie mit der digitalen Transformation und auch mit den Nachhaltigkeitsproblemen dieser Welt sicherlich entstehen werden.

Diese Errungenschaft aus einer jahrhundertelangen Entwicklung gilt es zu bewahren. Sie ist bedroht durch die Pläne der großen Tec- und Internet-Konzerne Facebook, Google, IBM und andere, der Gesellschaft ein Betriebssystem zu verpassen, in dem der einzelne mithilfe von Algorithmen unmerklich in eine bestimmte Richtung gelenkt wird.

Die Radiosendung SWR2 Forum vom 27. Juni 2017 versammelt die besorgten Stimmen von drei aufmerksamen Beobachtern der Gesellschaft in der digitalen Transformation  um das Mikrofon: Dirk Helbing, Computer- und Sozialwissenschaftler von der ETH Zürich, den Wissenschaftsjournalisten Adrian Lobe und Peter Schaar von der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz in Berlin.

Die drei sind sich in der Einschätzung der bedrohlichen Lage weitgehend einig. Helbing findet deutliche Worte für die Bedrohung durch Computerwissenschaftler und Ingenieure, die ein Betriebssystem für die Gesellschaft aufbauten, die aber die Bedeutung von Geschichte, von Kultur, von Ethik und Moral nicht verstünden.

Nun hat man die Vorstellung, dass es irgendwann superintelligente Systeme gibt, die besser als wir verstehen können, was die Probleme sind und wie man sie lösen kann. Und wenn wir nur diese Systeme hätten, dann wären alle Menschheitsprobleme bald gelöst. … Irgendwann werden sie in allen Disziplinen besser sein. Irgendwann werden sie alle Weltprobleme lösen können. Ich halte das für eine gefährliche Utopie, weil die vernetzte Welt viel komplexer ist. Die Rechenleistung hält nicht Schritt mit der Datenmenge, die Datenmenge hält nicht Schritt mit der vernetzungsbedingten Komplexität. Deswegen können KI-System diese Welt niemals optimal regieren. Das geht schlicht und einfach nicht. Aber hier wird eine Utopie zur Ideologie und die Ideologie wird zur neuen Religion gemacht. Ich glaube schon, dass das hochgefährlich ist, weil es zu wenige Menschen gibt, die tatsächlich diese Annahmen hinter diesen Utopien hinterfragt haben. De facto hat das Silicon Valley eigentlich kein Weltproblem gelöst.

Noch lässt sich beobachten, wie eine solche neofeudalistische Technokratie entsteht, z.B. in China.

Der chinesische Citizen-Score treibt es auf die Spitze. Da werden alle Daten, die gesammelt werden, auf einen einzigen Wert heruntergekocht. Der beschreibt den Wert eines Menschen aus der Sicht der Regierenden.

Ein anderes Beispiel, an dem bedenkliche Entwicklungen wahrnehmbar sind, ist die Veränderung der Sprache. Lobe weist auf die Emojis hin. Jährlich würden 6 Milliarden Emojis verschickt. Das Unicode-Konsortium, an dem alle großen Tec-Konzerne beteiligt sind, schaffe mit der Regulierung dieser Emojis neue sprachliche Verhältnisse. Denn diese Symbole drückten Emotion eindeutig aus. Sie ließen keine Ambivalenzen in der emotionalen Bewertung mehr zu. Die Dialektik der Sprache, so Lobe, geht verloren.

Im Dialog der drei Experten werden zwei Ebenen deutlich, auf denen Handlungen möglich sind: die persönliche Ebene und die politische Ebene. Helbing verweist auf die noch vorhandenen Möglichkeiten für jeden Einzelnen, aus der Konsumhaltung herauszutreten und zu Mitgestaltern der digitalen Zukunft zu werden.

Wir können digitale offene Öko-Systeme bauen, wir können Open Data, Open Innovation auf den Weg bringen. Es bilden sich ja diese Fab Labs, diese Maker Spaces, wo man lernt, dass man plötzlich mit einem 3D-Drucker Dinge produzieren kann, wo man früher Fabriken gebraucht hat, in die man Millionen investieren musste.

Schaaf sieht erste hoffnungsvolle Ansätze für eine Repolitisierung, besonders bei jungen Menschen, wie es sich in Großbritannien nach der Brexit-Entscheidung und in den USA nach der Trump-Wahl gezeigt habe.

Wir müssen viel stärker dieses politische Element auch in Deutschland wieder entdecken. … Sonst entscheiden andere, Tec-Konzerne oder – möglicherweise sogar im Verbund – bestimmte politische Entscheidungsträger, die ganz anderen Interessen folgen. Ich finde das ganz wichtig, dass da was passiert. Dass da was geht, hat ja zumindest Pulse of Europe mal dargestellt. Ich kann mir durchaus Aktionsformen vorstellen, in denen man sich stärker politisch wieder einbringt und zwar teilweise auch unter Nutzung der technischen Möglichkeiten, die heute sehr viel größer sind, als in der Vergangenheit.

 

Written by Östermann

30. Juli 2017 at 10:00

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