Östermanns Blog

Organisation und Unternehmensführung im Wandel, Handeln unter den Bedingungen des Klimawandels, Strategie, Medienwandel, Digitale Transformation, Arbeit der Zukunft, Komplexität, nächste Gesellschaft

Archive for the ‘Medien’ Category

Sensoren (9): Aviv Ovadya warnt vor einer Informationskrise durch künstliche Intelligenz

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Blüht uns in der nahen Zukunft eine durch Big Tech verursachte Informationskrise, in der niemand mehr Fakten von Fake unterscheiden kann?

Aviv Ovadya, Chief Technologist am Center for Social Media Responsibility, warnt, nach einem Beitrag von BuzzFeedNews, vor den Möglichkeiten, mit künstlicher Intelligenz die Aussagen in Videos zu manipulieren. Neueste Algorithmen ermöglichen es, etwa einem Politiker jede beliebige Aussage täuschend echt in den Mund zu legen.

Gefahr droht, so Ovadya, besonders durch das rasante Tempo, mit dem sich künstliche Intelligenz und Maschinenlernen entwickeln. Es übersteigt unsere Fähigkeit, die Risiken dieser Technologien überhaupt zu verstehen.

Technologies that can be used to enhance and distort what is real are evolving faster than our ability to understand and control or mitigate it. The stakes are high and the possible consequences more disastrous than foreign meddling in an election — an undermining or upending of core civilizational institutions, an „infocalypse.”

Ein mögliches Muster in seinem Szenario nennt er „Wirklichkeitsapathie“ (reality apathy). Sie könnte sich schnell einstellen, wenn die Menschen permanent mit gefälschten Informationen überflutet werden. BuzzFeedNews schreibt:

Beset by a torrent of constant misinformation, people simply start to give up. Ovadya is quick to remind us that this is common in areas where information is poor and thus assumed to be incorrect. The big difference, Ovadya notes, is the adoption of apathy to a developed society like ours. The outcome, he fears, is not good. “People stop paying attention to news and that fundamental level of informedness required for functional democracy becomes unstable.”

Der Beitrag nennt eine ganze Reihe von Beispielen, die das Vertrauen in unsere Informationsumgebungen zerstören können, wenn solche Werkzeuge in falsche Hände geraten. VoCo ist eine Anwendung, die Adobe gerade entwickelt. Das „Photoshop für Audios“ ermöglicht die Korrektur von Audios ganz einfach mit der Computertastatur. Google entwickelt ein neuronales Netzwerk, ein „generative adversarial network“ (GAN), das die Glaubwürdigkeit von Fake News eigenständig steigern kann. Gefährliche Entwicklungen, die dazu führen können, dass die Glaubwürdigkeit jeglicher Information ausgehöhlt wird.

“In the next two, three, four years we’re going to have to plan for hobbyist propagandists who can make a fortune by creating highly realistic, photo realistic simulations”

so zitiert der Beitrag von BuzzFeedNews Justin Hendrix vom NYC Media Lab.

“And should those attempts work, and people come to suspect that there’s no underlying reality to media artifacts of any kind, then we’re in a really difficult place. It’ll only take a couple of big hoaxes to really convince the public that nothing’s real.”

Ovadya, der sich der freien und Open-Source-Kultur zugehörig fühlt, betont, dass dies Worst-Case-Szenarien sind. Notwendig ist im nächsten Schritt die Information einer breiten Öffentlichkeit über diese Entwicklungen.

Convince the greater public, as well as lawmakers, university technologists, and tech companies, that a reality-distorting information apocalypse is not only plausible, but close at hand.

Was nährt die Hoffnung, dass sich ein Best-Case-Szenario durchsetzen wird und die Gesellschaft eine gesunde Balance der technologischen Entwicklung und einer wünschenswerten sozialen und gesellschaftlichen Entwicklung findet? Ovadya stellt einerseits eine wachsende Aufmerksamkeit auf digitale Propaganda-Räume und den aus ihnen erwachsenden Gefahren fest. Manche Checks and Balances fingen an zu greifen. Zum anderen setzt er auf die Entwicklung kryptografischer Methoden, mit denen die Echtheit von Videos und Audios nachgewiesen werden kann.

Beruhigend zu wissen, dass jede negative Entwicklung immer auch eine Gegenbewegung hervorruft.

Gefunden bei piqd

Written by Östermann

18. Februar 2018 at 11:00

Einflussreiche Nischen – Felix Stalder über die traditionellen Medien in der Kultur der Digitalität

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Bei einer Tagung des Forums für Universität und Gesellschaft an der Universität Bern hat Felix Stalder, Professor für Digitale Kultur und Netzwerktheorie an der Züricher Hochschule der Künste, im November über die Veränderung der Kultur in der digitalen Welt, über deren Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung und über die gesellschaftlichen Folgewirkungen gesprochen.

Der Vortrag fasst zugleich Kernaussagen seines Buches „Kultur der Digitalität“ zusammen. Seine Betrachtung des Kulturwandels, wie wir ihn gerade erleben und betreiben, möchte ich hier in den wesentlichen Punkten und mit Blick auf die Medien nachzeichnen.

Traditionelle Massenmedien können mit dieser Vielfalt strukturell ganz schlecht umgehen.

Die Gründe leitet Stalder in seinem Vortrag in mehreren Schritten her. Er versteht Kultur als die Prozesse zur Verhandlung von sozialer Bedeutung. Wie wollen wir leben?

Kultur ist … handlungsleitend. Es geht nicht nur darum, den Sinn des Bestehenden zu erfahren, sondern immer auch darum, die Richtung des Zukünftigen zu bestimmen.

Viele Entwicklungen, die wir heute voreilig der Digitalisierung zuschreiben, sind schon lange angelegt. Die Digitalisierung wirkt weniger als Auslöser, sondern vielmehr als Verstärker sozialer Strömungen. Es gelingt den gesellschaftlichen Gruppen immer weniger, Interessen für verbindlich und legitim zu erklären. Der Bezugsrahmen, der zur Konsensfindung  herangezogen werden muss, ist immer komplexer und widersprüchlicher geworden. Weil die Herausforderungen so groß geworden sind, sind einfache Antworten so attraktiv. Die Veränderungen waren lange Zeit quantitativer Natur. Die neuen Handlungsmöglichkeiten und Praktiken, die uns das Netz beschert, haben mittlerweile zu einer qualitativen Veränderung geführt.

Stalder macht dies am Beispiel Design anschaulich. Im 19. Jahrhundert kam mit der Industrialisierung die Trennung von Entwurf und Fertigung. Am Anfang des 20. Jahrhunderts verband sich, etwa mit dem Bauhaus, die industrielle Massenfertigung mit einem gewissen demokratischen Anspruch. Der Kontext oder der Nutzer spielten jedoch noch keine Rolle. Mit der 68er Bewegung verbanden sich Design und Gesellschaftskritik, etwa im radical design. Das war, so Stalder, der erste große Bruch. Die Phase des Übergangs von der Industrie- zur Informationsgesellschaft war eingeläutet. Der Design-Prozess öffnete sich für Laien und für andere Disziplinen. Das Produkt entsteht in der Zusammenarbeit und interdisziplinär. Prozessorientierte Methoden und Feedback, die Abkehr vom Linearen, halten Einzug. In den 70er Jahren kommt das ökologische Design auf. Jede Planung zukünftigen Verhaltens wird als ein Akt des Designs verstanden.

In den 80er Jahren wird der Fokus auf die Lebenswelt eingeschränkt auf den Fokus des  Erlebnisses. In den 90er Jahren rückt die kulturelle Wolke um das Produkt, das Branding, in den Mittelpunkt. Es geht nicht mehr darum, ein praktisches Problem zu lösen, sondern eine neue Identität zu schaffen. Nach der Jahrtausendwende dehnt sich das Design auf Städte und Länder aus. Bilbao etwa verschafft sich mit dem Guggenheim Museum eine neue Stadtidentität. In den letzten Jahren hat sich das Design auf biologische Prozesse auszudehnen begonnen. Man denke etwa an Designer-Babies oder social freezing. Jetzt ergreift das Design die großen geologischen Verhältnisse, wie etwa das Wetter. Es ließe sich ergänzen, dass auch die Bundestagswahl drastisch gezeigt hat, wie sehr  politische Ereignisse, Parteien und ihre Programme mittlerweile vom Design geprägt werden.

Die historische Betrachtung lässt die ständige Ausdehnung von Werteentscheidungen erkennen. Immer mehr Menschen in immer vielfältigeren Kontexten sind daran beteiligt.

Wir müssen handeln, es besteht aber überhaupt kein Konsens dazu.

Die bestehenden Institutionen sind in die Krise geraten, seit mit dem Internet eine Infrastruktur zur Verfügung steht, die geeignet ist, mit großen Informationsmengen umzugehen. Dies lässt sich beispielhaft an den traditionellen Massenmedien aufgezeigen. Sie sind ratlos angesichts der Explosion von Themenfeldern und Standpunkten, wie sie seit der Jahrtausendwende im Netz zu beobachten ist. Es stellen sich nicht nur theoretische, sondern auch ganz alltagspraktische Fragen: Wie soll ich mich ernähren? Soll ich gentechnisch veränderte Lebensmittel essen oder nicht? Wie wir alle, so sind auch die Massenmedien mit der Informationsflut vollkommen überfordert.

Stalder macht drei Muster aus, wie in dieser Informationsflut Orientierung entsteht. Das erste Muster nennt er Referenzialität.

Es ist nicht mehr damit getan, die Informationen in Themenschwerpunkte – Innenpolitik, Außenpolitik, Wirtschaft, Kultur, Sport – zu sortieren. Wir haben eine unglaubliche Unübersichtlichkeit bei gleichzeitig gleichgültigem Durcheinander der Informationen. Die erste und aktive Leistung, die jeder Einzelne erbringen muss, ist, seine Aufmerksamkeit zu bündeln. Was von all diesen Dingen will ich sehen? Was ist mir wichtig? Irgendwie müssen wir auswählen aus diesem Zuviel von allem. Die Infrastrukturen .. mit den sozialen Medien sind im Wesentlichen dafür da.

Mit den Likes, Empfehlungen und Kommentaren wählen wir aus, was uns wichtig ist, und erzeugen damit gleichzeitig einen Bedeutungshorizont, einen persönlichen Weg durch die Unübersichtlichkeit.

Aus diesem Auswahlprozess entsteht das zweite Muster, die Gemeinschaftlichkeit. Ich erzeuge nicht nur meine Welt, die Welt, wie ich sie wahrnehme. Mit der Auswahl erzeuge ich umgekehrt auch mich in der Welt. Ich werde zu der Person, die diese Dinge interessant findet. Das ist die Einladung für die Unternehmen, die Daten sammeln, aber auch für das soziale Gegenüber. Die eigentliche Einheit, die den Bedeutungshorizont stabilisiert, ist die Gemeinschaft, in der die Bedeutung, die jeder Einzelne produziert, bewertet wird. Das Ergebnis ist ein, so Stalder, geteilter kultureller Horizont, in dem jeder verbunden mit anderen in der Welt steht. Diese Kultur sagt mir nicht nur, was ich machen soll, sondern zeigt mir auch Ressourcen, Wege und Handlungsanleitungen auf, wie ich mich in der Welt, die ich mit anderen erschaffe, verhalten soll.

Aber auch in diesen Gemeinschaften ist die Informationsflut nicht zu bewältigen. Wir brauchen Maschinen, die uns die Welt auf ein menschliches Maß vorsortieren. Stalder nennt dieses Grundmuster Algorithmizität.

Ohne Google wäre das WWW unbenutzbar. Von 10 Milliarden Websites gibt es uns 10. Erst dann können wir sagen, Nummer drei ist besser als Nummer vier.

Erst diese Selektion verschafft uns die Möglichkeit, als Individuen selbst ein Verhältnis zur Welt aufzubauen.

Maschinen generieren die Welt, bevor wir sie wahrnehmen. Im Unterschied zu den klassischen Massenmedien, die nach ihrem Selbstverständnis die Welt darstellen, wie sie ist, generieren die maschinellen Prozesse eine Welt, die ohne diese Prozesse so nicht existieren würde. In dieser generierten Welt bewegen wir uns zu unserer individuellen und gemeinschaftlichen Auswahl und Sinngenerierung.

Daraus entstehen neue Formen der Macht. Stalder betont, dass die Algorithmen, die Modelle und die Kategorien hinter diesem selbst erzeugten Bedeutungshorizont  Setzungen sind.

Sie haben Agenden und verfolgen Ideen, wollen Dinge ermöglichen und andere verhindern. Nichts davon ist … neutral, nichts davon einfach gegeben.

Die Konsequenzen, die mit dieser Entwicklung einher gehen, sind drastisch.

Wir haben eine Krise der Repräsentation, der Institutionen, die die Welt repräsentieren, die Welt ordnen. … Diese Institutionen verschwinden nicht einfach über Nacht. Aber es heisst, dass sie die Referenzrahmen, die Vorstellung, wie die Welt ist, was die Welt ausmacht, nicht mehr für alle verbindlich machen können. Sie werden eine Nische unter vielen anderen Nischen.

Es entstehen neue Institutionen, die diese Muster in institutionelle Realitäten  verwandeln. Es schälen sich dabei viele Varianten heraus. Stalder ordnet diese neuen Organisationsmodelle zwei grundlegenden Richtungen zu. Für die eine Richtung steht das Modell nach dem Beispiel Facebook. Es verkörpert und verstärkt die Tendenzen in Richtung einer Postdemokratie.

Wir haben eine Ausweitung von Beteiligungsmöglichkeiten. Alles ist partizipativ. Jeder kann mitreden. Gleichzeitig haben wir eine enorme Zentralisierung und Entkoppelung von Macht und Entscheidungsfähigkeit. Keinem User von Facebook würde es in den Sinn kommen, sich gewerkschaftlich zu organisieren, une eine andere Form der Nutzung privater Daten zu verlangen.

Für die andere Richtung, für Tendenzen in Richtung Commons, steht beispielhaft Wikipedia. Es steht, so Stalder,

für die Neuerfindung der demokratischen Mechanismen unter den Bedingungen der Digitalität, neue Mechanismen der Diskussion und der daran direkt angekoppelten Entscheidungen.

Das Modell der klassischen Medien ist in diesem Wettstreit um die Organisationsmodelle  der digitalen Gesellschaft außen vor.

Das Modell NZZ ist bereits heute eine Nische, wenn auch eine einflussreiche.

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In seinem Buch „Kultur der Digitalität“ (S. 17) charakterisiert Stalder Medien als Technologien der Relationalität, die es erleichtern, bestimmte Arten von Verbindungen zwischen Menschen und zu Objekten zu schaffen. Und in einer Fußnote zu dieser Feststellung schreibt Stalder weiter:

Entsprechend sind die neuen sozialen Medien auch Massenmedien, und zwar in dem Sinn, dass sie massenhaft verbreitete Muster sozialer Relationen prägen, die ähnlich gesellschaftsformend wirken, wie es die traditionellen Massenmedien vor ihnen getan haben.

Vor diesem Hintergrund wirkt der Streit zwischen den klassischen Medien, wie er derzeit in Deutschland und in der Schweiz heftig entbrannt ist, wie ein Anachronismus. Denn es geht vielmehr darum, welches der beiden Organisationsmodelle – Postdemokratie oder Commons – wir alle durch unser tägliches Handeln fördern.

Wer den Weg in Richtung einer Erneuerung der demokratischen Strukturen unter diesen Bedingungen einschlagen will, kann sich an der Schlussfolgerung orientieren, die Stalder in seinem Buch (S. 273f) zieht. Die neuen Commons bauen nicht nur eigene Strukturen parallel zu traditionellen Institutionen auf. Sie richten auch neue Forderungen an etablierte Institutionen.

Diese sollen ihre internen Abläufe und die Interaktion mit den Bürgern verändern, und zwar so, dass sie die Entstehung und das Wachstum von Commons unterstützen.

Mehr dazu:

Sensoren (8): Machtverschiebung und Regierung als Netzwerk

Sensoren (2): Frisst künstliche Intelligenz die Demokratie?

Sensoren (4): Geert Lovink über Social-Media-Wut, Technik-Reue und das Versagen der Medien

Written by Östermann

4. Februar 2018 at 11:00

Manifeste (5): The Onlife Manifesto

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This Manifesto is only a beginning …

Mit dem Onlife Manifesto haben 15 Wissenschaftlerinnen und Experten unter dem Vorsitz von Luciano Floridi, Professor für Philosophie und Informationsethik in Oxford,  im Auftrag der EU-Kommission von 2012 bis 2014 versucht, die Anforderungen an einen Umgang mit der Technologie (ICT) in Einklang mit dem Menschen auf den Punkt zu bringen.

Sie behalten dabei die hohe Dynamik der technologischen Entwicklung im Blick. Ihnen geht es um gemeinsame Reflexion auf dem Weg in die hypervernetzte Welt. Ähnlich wie andere Manifeste will auch dieses Manifest aufrütteln und einen Auftakt setzen. Das Besondere an diesem Manifest ist jedoch, dass es wissenschaftlich fundiert und strukturiert an die Aufgabe herangeht und damit zu einer schlüssigen Argumentation kommt. Dem Onlife Manifest geht es um die Auseinandersetzung mit den Bezugsrahmen der Gesellschaft, in denen Politik bestimmt wird.

Die Autoren nehmen an, dass ICT nicht mehr nur als Werkzeuge zu sehen sind, sondern als Umweltfaktoren auf unser Selbstbild (who we are), unsere Interaktionen (how we socialise), unsere Wirklichkeitsvorstellung (our metaphysics) und unsere Interaktionen mit der Wirklichkeit (our agency) einwirken.

Der Begriff „Onlife“ soll andeuten, dass es in der Erfahrung der hypervernetzten Welt nicht mehr sinnvoll ist, sich zu fragen, ob man online oder offline ist.

Im Fokus des Manifests steht die Moderne mit ihrer Haltung, die seit langer Zeit und bis heute durch Phantasien der Allmacht und Allwissens geprägt ist. Diese Haltung hat die technischen Errungenschaften ermöglicht, die jetzt einen Stand erreicht haben, in der sich die Verhältnisse in ihr Gegenteil verkehren.

In the onlife-world, artefacts have ceased to be mere machines simply operating according to human instructions. They can change states in autonomous ways and can do so by digging into the exponentially growing wealth of data, made increasingly available, accessible and processable by fast-developing and ever more pervasive ICTs. Data are recorded, stored, computed and fed back in all forms of machines, applications, and devices in novel ways, creating endless opportunities for adaptive and personalised environments. Filters of many kinds continue to erode the illusion of an objective, unbiased perception of reality, while at the same time they open new spaces for human interactions and new knowledge practices.
Die hohe Komplexität dieser Verhältnisse verlangt nach einer Neubewertung der individuellen und gemeinschaftlichen Verantwortung. Die Autoren zeigen das an den Begriffspaaren von Kontrolle und Komplexität sowie von privat und öffentlich.
Wer die sozialen und technischen Verhältnisse gestalten will, muss lernen, zwischen evolutionären und konstruierten Anteilen der Entwicklung – mit Rückgriff auf Hayek zwischen spontaner (Kosmos) und geplanter Ordnung (Taxis) – zu unterscheiden.
Therefore, interventions from different agents in these emerging socio-technical systems require learning to distinguish what is to be considered as kosmos-like, i.e., as a given environment following its evolutional pattern, and what is to be considered as taxis-like, i.e., within reach of a construction responding effectively to human intentions and/or purposes.
Das Internet erweitert den öffentlichen Raum immens, auch da, wo es von privaten Unternehmen betrieben wird. Neue Formen der Gemeinschaft zwischen privatem und öffentlichem Raum bilden sich heraus.
The notions of fragmented publics, of third spaces, and of commons, and the increased focus on use at the expense of ownership all challenge our current understanding of the public-private distinction.
Gleichwohl sei die Unterscheidung von privat und öffentlich wichtiger denn je. Auch wenn dem Öffentlichen gerne Pflicht und Kontrolle, dem Privaten dagegen Freiheit zugeschrieben werde, sei das Private mit Schwächen verbunden, während das Öffentliche wesentlich zu einem guten Leben beitrage.
We believe that everybody needs both shelter from the public gaze and exposure. The public sphere should foster a range of interactions and engagements that incorporate an empowering opacity of the self, the need for self-expression, the performance of identity, the chance to reinvent oneself, as well as the generosity of deliberate forgetfulness.

Aus diesen Unterscheidungen leiten die Autoren des Manifests drei Anforderungen an die politische Gestaltung der digital vernetzten Welt ab.

Der Schutz des verbundenen, freien Selbst

Vor dem Hintergrund der entfesselten technologischen Entwicklung und ihrer gesellschaftlichen Auswirkungen fällt den öffentlichen Dienstleistungen eine neue Aufgabe zu: der Schutz des relationalen Selbst in seiner Interaktion mit anderen, mit technologischen Gegenständen und der Natur. Dieses Manifest geht damit – so mein Eindruck – über das informationelle Selbstbestimmungsrecht deutlich hinaus. Hier scheint eine neuartige Infrastrukturleistung der öffentlichen Hand auf.
We believe that it is time to affirm, in political terms, that our selves are both free and social, i.e., that freedom does not occur in a vacuum, but in a space of affordances and constraints: together with freedom, our selves derive from and aspire to relationships and interactions with other selves, technological artefacts, and the rest of nature.
Die Interaktion zwischen freien Individuen ist nach diesem Verständnis grundlegend für ein gutes „Onlife“. Öffentliche Dienstleistungen dienen dazu, die Relationalität und die Interaktion mit anderen zu ermöglichen und aufrecht zu erhalten. Die Offenheit und Unvorhersagbarkeit menschlichen Verhaltens sind in ihrem Kern zu bewahren. Notwendig ist dazu ein politisches Konzept, wie das von Natur aus verbundene, freie Selbst zu schützen und zu fördern ist.

Die digital gebildete Gesellschaft

Das Manifest sucht Wege, wie öffentliche Räume plural gestaltet werden können,
where others cannot be reduced to instruments, and where self-restraint and respect are required.
Andauernde Verantwortung setzt voraus zu erkennen, wie unsere Handlungen, unsere Wahrnehmung, unsere Absichten, unsere Moral und unsere körperliche Beschaffenheit mit der Technik verwoben sind.
The development of a critical relation to technologies should not aim at finding a transcendental place outside these mediations, but rather at an immanent understanding of how technologies shape us as humans, while we humans critically shape technologies.
Für die Herausforderung des reflektierten Handelns im Geiste einer solchen kritischen Betrachtung des Verhältnisses von Technologie und Menschlichkeit hält das Manifest eine Metapher bereit:
Building the raft while swimming.

Der Schutz der knappen Ressource Aufmerksamkeit

Es herrscht immer noch ein enzyklopädischer Bildungsbegriff vor, auch wenn seine Grenzen täglich zu spüren sind. Menschen versuchen, durch erhöhte Anstrengungen weiterhin über die Ansammlung von Wissen auf Vorrat die Kontrolle zu behalten. Die Anstrengungen erweisen sich im Alltag zunehmend als vergeblich. Das manifest setzt deshalb beim Haushalten der individuellen und gemeinschaftlichen Aufmerksamkeit an.
We believe that societies must protect, cherish and nurture humans’ attentional capabilities.
Denn die Aufmerksamkeit ist knapp und kostbar. Die digitale Wirtschaft, so beklagt das Manifest, versucht, Aufmerksamkeit zur Ware, die auf Marktplätzen gehandelt wird, zu machen oder in Arbeitsabläufen zu kanalisieren.
But this instrumental approach to attention neglects the social and political dimensions of it, i.e., the fact that the ability and the right to focus our own attention is a critical and necessary condition for autonomy, responsibility, reflexivity, plurality, engaged presence, and a sense of meaning. Respect for attention should be linked to fundamental rights such as privacy and bodily integrity, as attentional capability is an inherent element of the relational self for the role it plays in the development of language, empathy, and collaboration. We believe that, in addition to offering informed choices, the default settings and other designed aspects of our technologies should respect and protect attentional capabilities.
Mit diesem Recht, über die eigene Aufmerksamkeit jederzeit unabhängig und eigenverantwortlich zu entscheiden, beschreibt das Manifest in gewissem Sinne ein neues Grundrecht für die digitale Welt.
Übrigens war kürzlich in DIE ZEIT ein Beitrag zu lesen über die Utopie einer Gesellschaft, die die Spaltung überwindet. Die Idee: Eine Karte, die die freie Benutzung von Zügen, Bussen und Straßenbahnen, Schulen und Universitäten, Bibliotheken und Theatern erlaubt. Dieses Beispiel zeigt, was gemeint mit öffentlichen Dienstleistungen gemeint sein könnte, die die Interaktion und Relationalität zwischen freien Mitmenschen fördern. Die freie Nutzung öffentlicher Güter könnte – so die These des Autors Mark Schieritz – dazu beitragen, den gesellschaftlichen Dialog und die Kreativität wiederzubeleben.
Die Möglichkeit zur kostenfreien Nutzung der Infrastruktur würde die Republik verändern. Die Deutschen würden experimentierfreudiger, neugieriger – in jeglicher Hinsicht mobiler. Sie würden ihr Land erkunden, Freunde und Verwandte besuchen. Es entstünden Orte, an denen Menschen unterschiedlichster Schichten sich treffen würden: in der Bahn, im Schwimmbad, in den Universitäten. Die Gesellschaft käme wieder mit sich ins Gespräch.

Ambient News – die NOZ und das IoT

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Die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) will expandieren – nicht nur, was die Reichweite an Lesern betrifft. Sie greift weit aus in die nahe Zukunft. Darüber hat kürzlich Meedia berichtet.

Jetzt soll die Expansion durch neue digitale Produkte und Anwendungen fortgeschrieben werden. F&E-Chef Dreykluft will hierzu die tradierten Pfade im Digitaljournalismus verlassen. Ein erstes Zukunftsprojekt hat er bereits Anfang Oktober angeschoben. Der Name: Ambient News. Die Idee hinter dem Vorhaben ist einfach: „Wir wollen mit Ambient News Menschen helfen, ihren Einstieg in den Tag besser zu organisieren“, betont Dreykluft. Dabei will der NOZ-Manager neue technische Oberflächen nutzen und in das „Internet der Dinge“ vorstoßen. Bislang erreichen den Menschen digitale journalistische Inhalte klassisch über Computer, Smartphones oder Tablets. Neue Anwendungen aus den Laboren der Tech-Giganten Amazon und Google bieten jedoch neue Abspielflächen für digitale journalistische Inhalte. Dazu zählen LED-Glühbirnen, Lautsprecher wie Alexa, Google Home oder Magische Spiegel, die eine Art Bildschirm sind, der beispielsweise im Badezimmer eingebaut werden könnte.

Dieses Projekt traut sich, Journalismus mit dem Internet of Things (IoT) – früher hieß das Web 3.0 – zu verknüpfen. Bisher ist das ja noch eine Leerstelle in der Diskussion über den Journalismus in der digitalen Welt.

Die NOZ kooperiert dazu mit Google. Das zeigt, dass ein gravierendes Grundproblem bleibt. Den Zugang zum Nutzer, Rezipienten oder Kunden, die „letzte Meile“, kontrollieren die großen Internet-Konzerne. Die Abhängigkeit von fremden Algorithmen und Infrastrukturen bleibt, egal über welche „Devices“ die News bei den Nutzern landen.

Written by Östermann

11. November 2017 at 15:42

Sensoren (6): Update – Cachelin über einen neuen Gesellschaftsvertrag 

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Die Maschinen sind die neuen Starken.

Zugegeben, dieses Zitat an den Anfang zu stellen, wird dem Buch von Joel Luc Cachelin, Geschäftsführer des Think Tanks Wissensfabrik kaum gerecht. Denn der Autor spricht in erster Linie über die Gesellschaft im Zeitalter der Digitalisierung und nur am Rande über künstliche Intelligenz. Das Zitat markiert jedoch wie unter dem Brennglas den sozialen und gesellschaftlichen Handlungsbedarf, der sich mit der technologischen Entwicklung ergibt. 

Cachelin legt mit diesem kleinen Büchlein eine eindrucksvolle Übersicht über die Herausforderungen für unser Gemeinwesen vor, die mit der digitalen Transformation – „der Metaerzählung unserer Zeit“ – verbunden sind. Er bleibt dabei keineswegs bei einer Problemanalyse stehen, sondern geht einen großen Schritt weiter. Er skizziert mögliche Wege, die gesellschaftlichen Teilsysteme so zu verändern, dass die Gesellschaft ihre Fähigkeit zurückgewinnt, die großen Probleme unserer Zeit zu lösen. An der Digitalisierung geht dabei kein Weg vorbei. Gerade in der Technologie stecken die Chancen, das Betriebssystem der Gesellschaft einem „Update“ zu unterziehen oder es sogar – wie der Untertitel des Buches andeutet – komplett auszutauschen. 

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Vom Cloud-Prinzip zur Crowd-Power

Im Kern seiner Diagnose steht das Cloud-Prinzip. Es wird etwas zentral zur Verfügung gestellt, um damit dezentrales Handeln zu ermöglichen. Ähnlich wie Dirk Helbing beklagt er die gravierenden Auswirkungen dieses Prinzips, die globalen Monopole und den „Digital Divide“. Die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern, aber auch zwischen Befürwortern und Gegnern der digitalen Gesellschaft werde immer größer. Der Datenhunger der Digitalisierungstreiber zwinge die Menschen, ihre Lebenssituationen preiszugeben. Dafür versprächen sie uns ein einfaches und überschaubares Leben.

„Unsere Bedürfnisse werden präzise befriedigt, gleichzeitig bestimmen die Digitalisierungstreiber aber auch, wie sich unser Weltbild konstruiert, welche Informationen zu uns vordringen und in welchen sozialen Kreisen wir verkehren. … Die goldenen Käfige sind gefährlich, weil wir das Gespür für die Aussenwelt, das Mitgefühl und das Interesse für die Meinungen der anderen verlieren. “ (S. 17)

Der massive Zugriff auf unsere Daten, die Bildung von gewaltigen Machtzentren, der digitale Divide, das Gefangensein in einem goldenen Käfig, die Privatisierung der öffentlichen Infrastruktur – angesichts dieses Befunds überrascht der Autor mit der Bemerkung, es sei „Mode, über das Versagen des Internets und dessen totalitäre Züge zu klagen.“ Vermutlich geht es ihm darum, die Aufmerksamkeit von einer Ablehnung hin zu einer aktiven Gestaltung des digitalen Gemeinwesens zu lenken. Er sieht die große Gefahr. Doch schließlich geht es um den „Umzug der Menschheit in den digitalen Raum.“

Cachelin hält eine einfache Definition des digitalen Raums bereit. 

Betreten wir immer dann, wenn wir uns vor einen Bildschirm begeben, der mit dem Internet verbunden ist (S. 12).

Es sind in der Zukunft aber nicht mehr nur Bildschirme, die mit dem Internet verbunden werden.

Der Mensch wird zum Cyborg, der sein Habitat in den digitalen Raum erweitert. Vernetzte Geräte, intelligente Kontaktlinsen, digitale Gehirne, Biochips unter der Haut, Nanoroboter in den Blutbahnen sowie konzentrations- und kreativitätsfördernde Psychopharmaka erneuern das menschliche Wesen. … Diese Vernetzung vereint alle Bewohner des Planeten in derselben Gesellschaft. Gemeinsam bringen wir neue Lebensformen hervor. Es gibt kein Sie und Wir mehr. Wir sind alle wir.

Die Verwerfungen der Digitalisierung sind nur ein Grund, dem „Betriebssystem“ der Gesellschaft einen Wechsel zu verordnen.

„Wir drohen, am Klimawandel, an der Überfischung der Meere, den Konflikten im Nahen Osten, dem grassierenden Terror beziehungsweise modernen Religionskriegen, der Armut in Afrika oder eben den Folgen der Digitalisierung zu scheitern.“

Die Gesellschaft sei mit ihrem heutigen Betriebssystem unfähig, die Potenziale der Gemeinschaft zur Lösung dieser Probleme freizusetzen. Von einem Update bleibt deshalb kein Teilsystem der Gesellschaft unberührt. Von der Digitalisierung der Verwaltung, dem Umbau der Schulen zu Co-Learning-Umgebungen, dem bedingungslosen Grundeinkommen, im Gegenzug der Übernahme von Gemeinschaftsdiensten, dem Schließen von Stoffkreisläufen mithilfe von Big Data und Internet, der Besteuerung von Energie, Kapital und Finanztransaktionen bis zu einer „suprareligiösen Reformation“ und einer religiösen Aufklärung reicht das Spektrum an Lösungsansätzen. 

Obwohl er von einer Weltgesellschaft ausgeht, sind seine Lösungen – wohl dem Prinzip „Thin global, act local“ folgend – an vielen Stellen auf die Schweiz zugeschnitten. Er schlägt etwa den Ausbau der politischen Entscheidungsstrukturen von einem 2- zu einem 3-Kammer-System vor. Die dritte Kammer soll die demokratische Legitimation der digitalen Transformation sichern.

Entscheidend für die Entfaltung der gemeinschaftlichen Potenziale ist ein Wechsel grundlegender Prinzipien. Das wird an vielen Stellen des Buches deutlich. So könnte z.B. das Open-Data-Prinzip die Bürger verstärkt zur Innovation des gemeinschaftlichen Betriebssystems anregen. Bildungseinrichtungen werden nur dann zu Inkubatoren für die nächste Gesellschaft, wenn sie sich von der frontalen Vermittlung von Fachwissen verabschieden und – ähnlich den Co-Working-Spaces – zu Räumen werden, in denen die Lernenden gemeinsam Neues erkunden und kreieren können. In der Wirtschaft plädiert Cachelin für mehr Markt, aber in einer neuen Logik, einer Open-Source-Wirtschaft, die auf Patentschutz verzichtet und Algorithmen entzaubert.

Analoge und digitale Infrastruktur verschmelzen

Das Internet ist die Lebensader der digitalen Gesellschaft. (S. 23)

Deshalb ist ein Ausbau der digitalen Infrastruktur essentiell. Dabei setzt Cachelin wieder mehr auf eine öffentliche Infrastruktur. Deshalb verbindet er die Investitionen in digitale Netze mit der Redefinition der öffentlichen Dienstleistungen oder des Service Public, wie die Schweizer sagen. Mit öffentlichen Fonds oder einer Digitalsteuer könnte der Ausbau öffentlicher digitaler Dienstleistungen, wie unabhängige Medien, Bibliotheken und der Zugang zu Datensätzen, finanziert werden.

Aktivierung der Bürger als Prinzip

Viele der aufgezeigten Möglichkeiten setzen ganz auf die Teilhabe des einzelnen Bürgers.

Soziale Medien sind Bühnen, die uns allen zur Verfügung stehen. (S. 60f)

Angesichts der vielen Herausforderungen strahlt aus dem Buch eine Zuversicht, dass das große Werk eines neuen Gesellschaftsvertrags gelingen könnte. Der erste Schritt ist Aufklärung und Überzeugungsarbeit. Dafür liefert dieses Buch ein leuchtendes Beispiel.

 

Written by Östermann

15. Juli 2017 at 14:16

Sensoren (5): The Automation of Society is next – Dirk Helbing

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In unserer Gesellschaft ist in den letzten Jahrzehnten angeblich vieles schlechter geworden. Zugenommen hat aber im Grunde nur die Orientierungslosigkeit, mit all ihren unangenehmen und wahrlich kritischen Folgen. Besser wird das nur, wenn der naive und auch sorglose Umgang mit Information und Wissen abgebaut wird.

Was Maria Pruckner in einem Beitrag zu ihrer Kolumne in Die Presse auf den Punkt bringt, könnte als Ausgangspunkt eines Buches verstanden werden, das sich sehr grundlegend und umfassend mit der Frage nach einem intelligenten Umgang mit Informationen und Wissen widmet und gleichzeitig ein enormes Wissen über das Funktionieren der Gesellschaft in der digitalen Welt vor den Augen des Lesers ausbreitet.

Im vergangenen Jahr bin ich auf den Züricher Soziophysiker Dirk Helbing aufmerksam geworden. Sein Blick auf die Digitalisierung und die Auswirkungen auf die Gesellschaft hatte für mich eine ganz neue Qualität, die mir bis dahin verborgen geblieben war.  Meine Neugier war geweckt. Deshalb habe ich kürzlich dieses Buch gelesen.

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Erstmals halte ich ein Buch in der Hand, das die wachsende Komplexität und die systemischen Risiken in einem globalen Zusammenhang darstellt, das den großen Bogen spannt von den Auswirkungen der Digitalisierung auf den Einzelnen, auf Communities, auf Unternehmen und auf die Gesellschaft. Das Buch schöpft aus einem enormen Reichtum an wissenschaftlichen Erkenntnissen. Dirk Helbing hat seine Vorstellungen von einer Gesellschaft, die die Chancen der Digitalisierung nutzt, in diesem Buch zusammengetragen.

Er verwendet eine Fülle anschaulicher und faszinierender Beispiele, um die funktionalen Prinzipien dieser neuen Welt zu erläutern und zu erkunden, wie wir sie zu unserem Vorteil nutzen können. Das Buch zeigt Wege auf, wie die nachteiligen Entwicklungstrends der vernetzen Gesellschaft korrigiert werden können. Sein Thema ist der Umgang mit der Unberechenbarkeit komplexer Systeme und den daraus erwachsenden globalen Risiken.

Helbing beschreibt zwei mögliche Entwicklungspfade für die „automatisierte Gesellschaft”. Der eine Pfad höhlt individuelle Freiheit, Demokratie und Arbeit aus. Der zweite Pfad führt zu einer Gesellschaft, die auf Selbststeuerung und Teilhabe an Informationssystemen beruht und die kreative und innovative Handlungen für jedermann unterstützt. Wir haben die Wahl! Jetzt!

Helbing nähert sich der Komplexität des Themas über verschiedene Perspektiven. Drei seien hier beispielhaft erwähnt.

Selbstorganisation führt immer wieder zu unerwünschten Zuständen

Verkehrsstaus und Massenpaniken sind Beispiele für unerwünschte Systemzustände. Ähnlich verhält es sich auf der globalen Ebene: Umweltkrisen und Klimawandel führen uns die „Tragedy of the Commons“ täglich vor Augen. Unser wirtschaftliches Handeln erzeugt unerwünschte Neben- und Fernwirkungen, die sich langfristig in ein katastrophales Ausmaß steigern. Doch gerade die digitale Technologie beschert uns Möglichkeiten, diese Prozesse der Selbstorganisation positiv zu beeinflussen.

In fact, the aim of assisted self-organization is to intervene locally, as little as possible, and gently, in order to use the system’s capacity for self-organization to efficiently reach the desired state. This connects assisted self-organization with the approach of distributed control, which is quite different from the nudging approach discussed before. Distributed control is a way in which one can achieve a certain desirable mode of behavior by temporarily influencing interactions of specific system components locally, rather than trying to impose a certain global behavior on all components at once. … In order for this adaptation to be successful, the feedback mechanism must be carefully chosen. Then, a favorable kind of self-organization can be reached in the system. (S. 105f.)

Weder zentrale, noch dezentrale Steuerung sind also gefragt, sondern verteilte Steuerung. Dezentrale Steuerung würde bedeuten, ganz auf steuernde Eingriffe zu verzichten und der „unsichtbaren Hand“ voll zu vertrauen. Der Versuch, zentral – wie ein „weiser König“ – zu steuern, führt unweigerlich in einen digitalen Totalitarismus. „Google als Gott“ und neoliberale Marktideologien sind gleichermaßen gefährliche Lösungsversuche.

Helbing zeigt anhand seiner Forschungen zum Verkehrsfluss und zum Materialfluss in der Fertigung, dass Selbstorganisation sehr gut funktionieren kann, wenn bestimmte Bedingungen, wie z.B. Fairness, erfüllt sind.

But these are technological systems. Could we also build tools to assist social systems? Yes, we can! Sometimes, the design of social mechanisms is challenging, but sometimes it is easy. Imagine trying to share a cake fairly. If social norms allow the person who cuts the cake to take the first piece, this will often be bigger than the others. If he or she should take the last piece, however, the cake will probably be distributed in a much fairer way. Therefore, alternative sets of rules that are intended to serve the same goal (such as cutting a cake) may result in completely different outcomes. (S. 122)

Wenn es gelingt, die Rahmenbedingungen für soziale Interaktion so zu stricken, dass  Fairness gefördert wird, kann soziale Kooperation und soziale Ordnung auch in Situationen entstehen, die sonst eher ungünstige soziale Wirkungen erzeugen.

Digitale Assistenzsysteme für soziale Kooperation

Die jetzt entstehenden sozialen Technologien können in diesem Sinne verantwortungsvolleres Verhalten bewirken und nachhaltige Systeme erschaffen. Helbing sieht eine Lösung in Empfehlungssystemen, die aber nur unter bestimmten Voraussetzungen funktionieren. Sie sind heute noch nicht gut genug.

Helbing betrachtet dazu die vier Möglichkeiten, die in der Interaktion zwischen zwei Menschen oder zwei Organisationen denkbar sind. Das ist die lose-lose-, die ungünstige win-lose-, die günstige win-lose- und die win-win-Situation. Er sieht Möglichkeiten, wie uns soziale Technologien helfen können, negative Interaktionen zu vermeiden oder in nützliche Kooperation zu verwandeln.

For reputation systems to work well, there are a number of things to consider: (1) the reputation system must be resistant to manipulation; (2) people shouldn’t be subject to intimidation or unsubstantiated allegations; (3) to enable individuality, innovation and exploration, the global village shouldn’t be organized like a rural village in which everyone knows everyone else and nobody wishes to stand out. We will need a good balance between accountability and anonymity, which ensures the stability of the social system. (S. 144)

Kollektive Intelligenz übertrifft Superintelligenz

Helbings Buch lässt sich als ein Plädoyer für die Nutzung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse zur Gestaltung der gesellschaftlichen Zukunft lesen. Die Frage, die sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht, lautet: Wie können wir kollektive Intelligenz erzeugen?

Es ist keineswegs so, dass wir die Wirklichkeit mit einem Modell beschreiben könnten, Alle Versuche von Google und anderen, eine Superintelligenz aufzubauen, die die gesamte Gesellschaft zum Wohle aller steuert, werden früher oder später scheitern, meint Helbing. Von dieser Vorstellung gelte es, sich zu verabschieden. Vielmehr plädiert er für einen pluralistischen Ansatz der Modellierung.

In fact, when the path of a hurricane is predicted or the impact of a car accident is simulated on a computer, it turns out that an average of several competing models often provides the best prediction.

In other words, the complexity of today’s world cannot be grasped by a single model, mind, computer, or cluster of computers. Therefore, it’s good if several groups try to find the best possible solution independently of each other. Although all these models will give an over-simplified picture of our complex world, if we combine these different perspectives, we can often get a reasonably good approximation of the full picture. This might be compared to visiting an ornate cathedral in which every photograph only reflects some aspects of its complexity and beauty. One photographer alone, no matter how talented or how well equipped, cannot capture the full structure of the cathedral with a single photograph. A full 3D picture of the cathedral can only be gained by combining plenty of photographs representing different perspectives. (S. 162)

Mit der Metapher vom Fotografen in einer Kathedrale veranschaulicht Helbing, wie unumgänglich es ist, einzelne Bilder zu verbinden. Selbst dem besten Fotografen bleibt es verwehrt, die gesamte Struktur der Kathedrale mit einem einzigen Foto zu erfassen. Aus diesem pluralistischen Ansatz lassen sich Hinweise für die Gestaltung kreativer Prozesse gewinnen.

First, a number of teams needs to tackle a problem independently using diverse methodologies. Subsequently, these independent streams of knowledge need to be combined. If there is too much communication at the beginning of this process, each team may be tempted to copy promising approaches of others, which would reduce the diversity of ideas. However, if there is too little communication at the end of the process, the knowledge created by all these different approaches won’t be fully used. (S. 163)

Diese verkürzten Ausschnitte aus dem Buch können die Bandbreite der Betrachtung nur andeuten und im besten Fall neugierig machen. Es bleibt zu hoffen, dass sich viele, die an der digitalen Transformation direkt oder indirekt teilhaben, von Gedanken dieses Buches anregen lassen.

Das Buch sei allen empfohlen, die eine schlüssige Skizze suchen, wie eine digitalisierte oder „automatisierte“ Gesellschaft aussehen könnte, die dem Wohle der Menschen und nicht einseitig dem Interesse weniger großer Konzerne oder autoritärer Politiker. Empfehlenswert ist die Lektüre übrigens auch für Leute, die sich mit Fragen der Kooperation und sozialer Innovation beschäftigen und sich ein Bild vom aktuellen Forschungsstand machen wollen.

Ich werde in diesem Blog weitere Gedanken aus dem Buch in loser Folge aufgreifen.

 

 

Written by Östermann

19. April 2017 at 22:31

Der Junge aus Myanmar – Storytelling im Journalismus

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Wen die Kontextvergessenheit im Journalismus beschäftigt, möge dieses Video anschauen. Natalia Antelava erzählt von ihrer Begegnung mit Zio Zu, einem Jungen aus Myanmar, und was sie daraus für den Journalismus gelernt hat.

 

The thing is, give it a few years and there won’t be any distinction between digital journalism an non-digital journalism. There will be just journalism. And I’m convinced it will be better than anything that we had before. Already, the new measure of success for websites is not the number of clicks that you get on them, but the amount of time people stay on them. We want our audiences to be engaged. … We need to engage with stories that we cover better. We need to stay on stories.*

*Zitat im Video ab 14’40“.

Written by Östermann

2. April 2017 at 15:25

Veröffentlicht in Medien

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