Östermanns Blog

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Sensoren (15): Nochmal – der Klimawandel und die Hoffnung

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Wer sich mit dem Klimawandel und seinen möglichen oder wahrscheinlichen Folgen näher befasst, verliert leicht die Hoffnung, dass der Wettlauf mit der Zeit noch gewonnen werden könnte. In einem Blog-Beitrag habe ich kürzlich einige Stimmen vorgestellt, die Wege zur Hoffnung in dieser bedrohlichen Situation aufzeigen. Hier nun ergänzend eine weitere, wie ich meine, wichtige Stimme.

In der Teleakademie hat kürzlich Uwe Schneidewind, Wuppertal Institut, über Nachhaltigkeit gesprochen. In berührender Emotionalität hat er auf einen wichtigen Aspekt aufmerksam gemacht, der in den Debatten über den Weg in die Zukunft meist zu kurz kommt. Es ist ein Privileg, in einer Zeit zu leben, in der es erstmals in der Menschheitsgeschichte möglich geworden ist, allen Menschen – den heute und den zukünftig lebenden – ein gutes Leben zu ermöglichen. Und es ist ein Privileg, tagtäglich an der Verwirklichung dieser großen kulturellen Herausforderung mitarbeiten zu dürfen. Die Vision einer nachhaltigen Welt hilft, so Schneidewind, die Blickverengung auf die großen Probleme und auf einseitig technologische Lösungsansätze zu überwinden.

Der Hoffungsbegriff werde häufig, so Schneidewind, reduziert auf das Prognostizieren äußerer Erfolge, etwa der Einhaltung des 1,5°-Ziels oder dem Bewältigen der Energiewende. Wenn man sich jedoch epochale gesellschaftliche Veränderungsprozesse genauer anschaue, stelle man fest, dass diese immer getragen worden seien von den positiven Energien, die mit diesen Ideen verbunden gewesen seien. Die Energie sei nie gegen etwas gerichtet gewesen. Vielmehr habe sie immer die Vision getragen.

Wenn diese Energie verloren geht, wird sich Veränderung auf keinen Fall einstellen.

Der Diskurs über die Nachhaltigkeit sei wesentlich inspiriert von Historikern, die in ganz anderen Zeitmaßstäben auf Veränderung schauten. Solche Prozesse vollzögen sich immer in Jahrzehnten oder noch längeren Zeiträumen. Wenn man 2015 nehme als das Jahr des Pariser Klimaabkommens und der UN-Nachhaltigkeitsziele, dann seien es gerade mal 70 Jahre, bis sage und schreibe 190 Staaten die Orientierung an einem menschenwürdigen Leben und das Auskommen mit den begrenzten Ressourcen zu ihrem gemeinsamen politischen Kompass erklärt hätten. Eine kulturelle Revolution.

Schneidewind unterscheidet im übrigen mit Bezug auf den Historiker und Philosophen Kwame Antony Appiah drei Phasen, in denen sich solche großen moralischen Umbrüche, z.B. die Abschaffung der Sklaverei oder die Einführung des Frauenwahlrechts, vollziehen. In der ersten Phase wird das Problem gar nicht gesehen. Wenn das Problem irgendwann gesehen wird, rücken die vielen Gründe ins Blickfeld, weshalb es nicht gelöst werden kann. In der Klimadebatte befinden wir uns in dieser zweiten Phase. In der dritten Phase kommt es zu einem Moment, in dem es zu einer „Frage der Ehre“ wird, das Problem anzugehen und zu lösen. Als Beispiel nennt Schneidewind den Atomausstieg nach Fukushima. Im Rückblick frage man sich bei solchen Transformationsprozessen, warum das eigentlich so lange gedauert hat. So ähnlich werde es uns beim Klimaschutz auch mit unseren Enkeln gehen. Wenn sie uns fragen, werden wir selbst nicht mehr verstehen, weshalb wir uns so verhalten haben, wie wir es in der Gegenwart tun.

Deshalb sei das Hoffnungsmomentum so wichtig. Die gesellschaftliche Veränderung entstehe aus vielen einzelnen Momenten, deren Häufigkeit sich immer mehr verdichte. Für das Umschlagen reiche dann oft ein kleiner Funke.

Die Veränderung geschieht nur, wenn es ausreichend Menschen gibt, die von dieser kraftgebenden Hoffnungsenergie getragen sind, wenn es genügend Zukunftskünstlerinnen und -künstler gibt, die die Herausforderung erkennen, aber mit dieser positiven Energie immer wieder nach geeigneten Lösungen suchen.

Written by Östermann

14. November 2019 um 13:35

Eine Antwort

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