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Vom Zeitpfeil zum sich öffnenden „Zeitraum“- Das Zeitempfinden im Wandel

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„Wohin fliegt der Zeitpfeil?“, fragt Nicolas Dierks in seinem Blog und beleuchtet die gewohnten Zeitvorstellungen in unserer Zeit. In unseren Breiten stellen wir uns üblicherweise vor, dass die Zukunft vor uns liegt und die Vergangenheit hinter uns.

Andere Kulturen denken es sich andersherum: Die Vergangenheit denken sie sich vor uns, die Zukunft hinter uns (weil wir sie nicht sehen können). Aber rückwärts in die Zukunft stolpern, das kann ja heiter werden.

In beiden Vorstellungen wird die Zeit als Strecke gedacht, die sie zurücklegt. Dierks schlägt ein anderes Zeitverständnis vor und veranschaulicht das an der häufig verwendeten Zeitachse.

Wir meinen: Wenn dann die Zeit vergeht, bewegen wir uns auf dem Zeitpfeil von t0 nach t1 usw. Aber ist es nicht gerade umgekehrt? Auch die Sonne kreist ja nicht um die Erde, „obwohl es so aussieht“ (der Witz ist ja gerade, dass es umgekehrt genauso aussieht!). Und genauso unterliegen wir einer Täuschung, wenn wir meinen, wir würden uns auf dem Zeitpfeil bewegen. Vielmehr sind wir immer bei t0 – immer „jetzt“. 

Dierks sieht uns nicht mehr als Zeitreisende. Mensch und Zeit sind immer in der Gegenwart miteinander verbunden. Die Zeit ist gewissermaßen selbst die Reisende. Der Zeitpfeil bewegt sich durch uns hindurch.

Auch Hans Jürgen Bulkowski erkundet in seinem SWR2 Essay „Zukunft oder Worauf wir zugehen“ die Vorstellung von der Zeit als Linie. Er wagt einen spannenden Versuch, den tiefgreifenden Wandel der Zeitauffassung vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung mit den Begriffen von Zeit und Raum zu beschreiben.

Eingesponnen in feinmaschige Netzbezüge stellt sich uns nunmehr die Frage, wie wir uns sowohl die Bewegungsabläufe als auch die Bewegungsrichtung von Geschehensvorgängen bewusst machen können. Also die Frage nach unserem Verhältnis zur Zeit. Das Netzmodell beeinträchtigt ja nicht nur die Zukunftsvorstellungen, es verändert auch unser Verständnis von zeitlichen Vorgängen überhaupt. Offenbar genügt es nicht, dass wir uns weiterhin die Zeit als eine Linie vorstellen, als einen Pfeil in zweidimensionaler Richtung von hinten nach vorn, von einem Früher in ein Künftiges. Charakteristisch für den vorausschießenden Pfeil der Zeit war ja die Ära der Geschwindigkeitsrekorde im 20. Jahrhundert.

Bulkowski sieht uns, was Veränderungen begrifft, ungeachtet aller Turbomobilität und Hyperaktivität von einer Lähmung befallen.

An die Stelle von zukunftsweisenden Veränderungen ist inzwischen – ob persönlich oder gesellschaftlich – das Entfachen und Bewältigen von Krisen getreten, ein reaktives Verfahren, das höchstens auf den gegenwärtigen Zustand zielt, ihn damit aber nur renoviert, nicht weiterbringt.

[…]

Dennoch empfinden derzeit nicht Wenige […] so etwas wie Ungeduld und Unruhe. Wir spüren, dass „die Zeit drängt“, wenn auch kaum noch vorwärts.

[…]

Im Gegensatz zu früheren Zukünften ist in der heute prophezeiten Zukunft Gelingen und Fehlschlag stets schon enthalten. Kein Wunder, dass Zukunft an Anziehungskraft verliert. […] Zumal immer deutlicher wird, dass wir schon heute die Zukunft nicht nur mit Industrie- und Konsumabfällen und territorialen Schäden belasten, sondern auch mit aufgestauten Krediten, die nicht, ja niemals mehr getilgt werden können.

[…]

Jeder Einzelne spürt in sich nicht nur persönliche Veränderungen, sondern auch die in seiner Umgebung. Veränderungen, die er abwehrt oder aufnimmt und umzusetzen versucht. Wie kann es gelingen, neue Perspektiven, neue Bezüge, neue Gemeinsamkeiten zu entwickeln, die über die bloße Reaktion auf alarmierende Klimamessungen und Rohstoffverknappungen hinausführen?

Anders als in früheren Zeiten sieht Bulkowski – wohlgemerkt aus europäischer Sicht – heute keine schlagartigen revolutionären Umbrüche mehr anstehen.

Nicht das Ersetzen, der Austausch einer alten Welt gegen eine neue steht an, vielmehr eine Verschiebung, ein zügiges, an mehreren Orten, von vielen Individuen ausgehendes, dennoch gemeinsames Verlagern der Gewichte.

Was aber geschieht jetzt? Wie können wir uns als Zeit- oder vielmehr Gegenwartsgenossen verstehen, womöglich gar als Zukunftsgenossen? Wie können wir einerseits erfahren, was gegenwärtig geschieht, andererseits aber auch daran teilhaben, und zwar so, dass wir ermutigt werden, handelnd in Geschehensabläufe einzugreifen?

Es reicht also nicht mehr aus, so Bulkowski, dass wir uns als Zeitzeugen verstehen.

Dies nun keineswegs, weil wir nichts mitbekommen, sondern im Gegenteil, weil wir zu viel mitbekommen – Informationen, Anregungen, Motivationen, Beeinflussungen in einer solchen Menge und Vielfalt, dass es für jeden von uns in der Fülle an Möglichkeiten speziell für ihn kaum noch die eine erwünschte Möglichkeit gibt. Ab einem bestimmten Quantum an Möglichkeiten schlagen anfängliche Handlungsimpulse in Nichtstunkönnen um.

[…]

Die von uns empfundene wie ja auch tatsächliche Komplexität der Lebenswelt neutralisiert die Ereignisse, stellt jedem Ansatz zu einem erkennbaren Gesamtgeschehen sofort eine Fülle von anderen, konträren Ereignissen und Ansätzen gegenüber. Inzwischen beschränkt sich ein großer Teil unserer Aktivitäten aufs Vernetzen. Zwar ist unser Leben und Arbeiten seit längerem bereits in Verkehrsnetze, Telefonnetze, Beziehungsnetze, vernetzte Institutionen, Wissenschaften und Staaten eingebunden. Weitergehende Auswirkungen bis in die Verästelungen unseres Alltags ergeben sich aber vor allem aus dem Internet und seinen jeweiligen Updates.

Und jetzt wird es spannend. Denn am Zeitempfinden sind diese Auswirkungen zu beobachten.

Derzeit sind wir Zeuge, wie sich das allgemeine Zeitverständnis allmählich, aber unaufhaltsam in nächste Dimensionen verschiebt – also in die zweite und dritte Dimension: ins Räumlich-Flächige und darüber hinaus ins Raumkörperliche. Wie lässt sich zeitliche Bewegung räumlich vorstellen oder gar darstellen?

Die Bewegungen beschleunigen sich im Innern dieser raumzeitlichen Gesamtheit nicht mehr in eine Richtung. Sie streben in ganz verschiedene Richtungen. Sie

verschränken sich, verflechten sich, richten sich auswärts nach allen Seiten hin, schlagen Querrichtungen ein, kommen einwärts von allen Seiten her. Zeitliche Bewegung folgt damit dem Modell von Anhäufung und Abtragung […].

Was die Verräumlichung der Zeitvorstellungen betrifft, haben wir inzwischen eine Gegenwart erreicht, die wir keineswegs als Verengung, Einengung erfahren, sondern als eine Erweiterung, wenn auch nicht mehr als Erweiterung nach außen, sondern in Richtung Inneres, als Öffnung des Innenraums. Damit verändert sich auch die Sicht, die Einsicht darauf, wie es künftig weitergeht.

Die sich andeutende Erweiterung stellt er sich vor

als ein Auflockern und Freilegen, eben Erweitern innergesellschaftlicher Spiel- und Aktionsräume. So ist auch Künftiges, also das, worauf sich unser Handeln bezieht, nicht in einer fern vorausliegenden Zukunft zu suchen, vielmehr in dem, was in der Gegenwart schon enthalten ist. Dieser Zukunftsgehalt besteht keineswegs aus purer Phantastik oder aus Vermutungen. Er ist bereits Teil unserer Lebenswirklichkeit, und zwar in Gestalt von Einfällen, Vorschlägen, Entwürfen, neuen Herstellungsverfahren, geplanten und bereits begonnenen Projekten.

Bulkowski lädt uns ein, Zeit nunmehr als das zu verstehen,

was uns zusammenführt, was alle unsere Bewegungen und Aktionen einbezieht und in sich aufnimmt. Zeit läuft nicht neben uns her. Sie bildet den Raum, in dem wir uns bewegen. Dieser Raum ist kein leerer Kubus, der ebenso gut auch ohne Menschen und Dinge derselbe Raum bliebe. Es ist im wahren Sinn des Wortes ein Zeitraum.

Siehe auch Der Augenblick und der Zeitstrahl und #Freiheit, Haltung und die Vielzahl der Möglichkeiten

 

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Written by Östermann

22. Februar 2015 um 18:12

Veröffentlicht in Gesellschaft, Zukunft

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