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Was gute Führung ausmacht (6): Führungskraft als Vorbild

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Kürzlich hat sich Johannes Thönnessen in seinem Blog mit einem Beitrag der ManagerSeminare über Werte befasst. Danach seien bei werteorientierter Führung Vorgesetzte als Vorbilder nicht mehr nötig.

Das klingt nach wohltuender Entlastung von einem Anspruch, der viele Führungsverantwortliche drückt. Ein Werterahmen könnte die Führung also von einem belastenden Anspruch befreien.Es gibt Leitbilder in vielen angesehenen Unternehmen, die ihre Führungspersonen als Vorbilder sehen. Bei Stihl etwa heißt es im Leitbild

Führungskräfte sind Vorbilder. … Die Mitarbeiter orientieren sich an den Führungskräften. Übereinstimmung von Reden und Handeln ist Ausdruck ihrer Glaubwürdigkeit.

Man kann dieses Beispiel doppelt lesen, einerseits als Anspruch des Unternehmens an ihr Führungspersonal, andererseits als Feststellung einer unvermeidlichen Praxis. An wem sonst sollten sich Mitarbeitende orientieren, wenn nicht an ihren Vorgesetzten?

In seinem Buch „Incognito. Führung von unten betrachtet“ (Hamburg 2006, S. 57) sinniert Klaus Doppler, Unternehmensberater und Verhaltenstrainer, über diese Frage aus der Perspektive des Mitarbeitenden.

Würde ich jemand als Vorbild anerkennen, könnte ich selbst nur ein Nach-, Abbild oder Abziehbild sein. Das genügt mir natürlich nicht. Ich hege zwar keinen Anspruch, für andere ein Vorbild abzugeben. Aber ich möchte zumindest originär sei. Ist deshalb das ganze hehre Gerede über die Vorbildfunktion des Vorgesetzten ein einziger Schwachsinn? Wie lösen wir dann das Problem der Glaubwürdigkeit dessen, der Ansprüche und Anforderungen an andere stellt, wenn wir von ihm nicht verlangen dürfen, dass er diese zunächst selbst einlösen muss. Ein erfolgreicher Trainer muss ja auch nicht die Leistungen seiner Schützlinge erbringen, nicht einmal selbst eine sportliche Lebensführung vorweisen können. Es gibt genügend Beispiele dafür. Oder ist der Verzicht auf den Anspruch, Vorbild sein zu müssen, nur eine Anerkennung der tatsächlichen Praxis?

Wolfgang Looss, erfahrener Coach und Organisationsberater, sieht in einem Aufsatz über das Modewort „Leadership“ Führungskräfte einschränkend als Rollenvorbilder:

Prominenz macht sichtbar. Führungsperson berücksichtigen in ihrem Alltagsverhalten den Fakt, dass sie von ihrer Umgebung jederzeit daran gemessen werden, ob sie – selbst in ihren unbedeutenden Äußerungen – leben, was sie sagen („walk your talk“). Dies gilt insbesondere für das eigene Verhalten unter Stress, für das Lernverhalten und bei der Bewältigung von Veränderungssituationen. Im Kern werden kulturelle Orientierungen des Unternehmens nicht durch geschriebene Leitbilder, sondern durch das beobachtete Führungsverhalten vermittelt. „Leadership“ heißt in diesem Zusammenhang für eine obere Führungskraft, die eigenen Werte geklärt zu haben, damit solches „kongruente Verhalten“ auch möglich wird. 

Ein Werterahmen wird eine Führungsperson also nicht von ihrem Rollenvorbild befreien. Man kann es drehen oder wenden, wie man will. Menschen mit Führungsverantwortung leben Verhaltensmuster vor. Wenn wir zudem davon ausgehen, dass wir es heute überwiegend mit Wissensarbeitern – wie sie Peter Drucker schon früh beschrieben hat – zu tun haben, dann liegt auf der Hand, dass Führung nicht mehr Vorbild für die Aufgabe sein kann, sondern Vorbild im Sinne der Kultur ist. Niemand würde von einem Dirigenten erwarten, dass er alle Instrumente des Orchesters spielen kann. Noch nicht mal auf einem einzigen Instrument muss er der Beste sein.

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Written by Östermann

2. Februar 2014 um 17:45

Veröffentlicht in Arbeitswelt, Leadership

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2 Antworten

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  1. Danke für die Überlegungen zu dieser wichtigen Frage. Es gibt ja im Diskurs über das Thema Führung und Werte manchmal eine Ethisierung von Führungshandeln, die in der Tat übertrieben und unangebracht ist. Zugleich gilt die simple Kommunikationsregel: Man kann nicht nicht kommunizieren. Alles Tun, Nicht-Tun, Sprechen, Schweigen, usw. einer Führungsperson prägt – immer! Ob sie das will oder nicht. Sie ist also Vorbild (ob gut oder schlecht), weil Menschen sich einfach gegenseitig beeinflussen. Genauso ist auch der Mitarbeiter Vorbild für die Führungskraft.
    Vielleicht müsste man einmal darüber nachdenken, um welche Art von Wirksamkeit es beim Vorbild-Thema eigentlich geht.

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    Andreas Tapken

    2. Februar 2014 at 18:30

  2. Sehr interessant, Ihre Frage nach der Wirksamkeit. Ich erlebe in meinem Umfeld eine anhaltende Aufmerksamkeit auf die Vorbild-Rolle von Führungspersonen. Ihr Hinweis gefällt mir gut. Wir sind aber alle Vorbild, weil wir alle Beobachter sind, die Beobachter beobachten. Ich habe den Eindruck, dass die Vorbild-Brille hilft, ein vermeintliches Führungsdefizit zu erklären und zu verallgemeinern, nach dem Motto: Wenn die Führung vorbildlich handelte, wäre die Welt in Ordnung.

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    Östermann

    2. Februar 2014 at 22:28


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